08.10.2015 »

Diesen Beitrag als PDF-Datei herunterladen.

Nun hat Rußlands Präsident Putin ‚den Westen‘ in der Zwickmühle: Was immer dieser auch tut, wie und wohin er sich bewegt, Obama wird auch den nächsten Stein im Kampf um die Vorherrschaft im Nahen Osten und Europa verlieren – und Putin ist wieder am Zug…

Dieses Dilemma besteht spätestens seit dem Herbst 2013, [1] als die ‚westliche‘ Hegemonialmacht hatte einräumen müssen, daß die in Obamas Kairoer Rede den arabischen Völkern eröffneten demokratischen Perspektiven für den Nahen Osten leere Worthülsen geblieben sind. [2] Denn in jenen Septembertagen vor 2 Jahren mußte sich Obama entscheiden, ob der Einsatz von Massenvernichtungswaffen, schon deren vermutetes pures Vorhandensein von seinem Vorgänger als Vorwand für den Einmarsch in den Irak gereicht hatte (vermutlich befanden sie sich längst wieder in Rußland!), nun, da solche Waffen von Bashar al Assad (angeblich waren es Terroristen) gegen die syrische Zivilbevölkerung in einem Vorort von Damaskus eingesetzt worden waren, die USA unter Berufung auf Kapitel VII der UN-Charta zu einem Gegenangriff hätten veranlassen müssen. [3] Stattdessen wurde die von Obama zuvor großspurig gezogene ‚red line‘ (bis hierhin und nicht weiter!) wieder weggewischt und die Position des demokratischen Weltschiedsrichters kleinlaut geräumt. Assad, der Völkermörder von Ghouta, einem Vorort von Damaskus als Ort des Verbrechens, mußte in den nun folgenden Genfer ‚Friedensverhandlungen‘ (‚Frieden‘ mit einem Kriegsverbrecher, der wie Milosevic auf die Anklagebank des Internationalen Strafgerichtshofs gehört hätte!) nur ‚standhaft‘ bleiben, dann würden der Iran und Rußland und im Hintergrund China ihn schon gemeinsam (politisch und diplomatisch) raushauen.


Aber die friedlich erscheinende Szenerie eines eingefrorenen Konflikts zwischen den Weltmächten mit seinen routinemäßigen Wasserstandsmeldungen über neue ‚Opfer‘ im sog. ‚syrischen Bürgerkrieg‘, an deren reales Vorhandensein zu glauben sich die Weltöffentlichkeit (zumindest die ‚westliche‘) seitdem gewöhnt hatte (alles wird gut!), hat sich mit dem direkten
Einsatz russischer Streitkräfte in Syrien auf einmal schlagartig verändert und den Krieg Assads gegen die Bevölkerung in Syrien in einen Krieg Rußlands und seiner Verbündeten (Iran und China) gegen den ‚Westen‘ um Syrien , verwandelt. Rußlands Behauptung, seine jetzigen Angriffe seien hauptsächlich gegen den ‚Islamischen Staat in Syrien und dem Irak‘ (Daesh) gerichtet, erweist sich vom ersten Tag an als Propagandalüge. In Wahrheit haben die russischen Kampfjets die über das Land verstreuten Widerstandsgruppen gegen das Assad-Regime im Visier. [4] Der Chef der Syrischen Nationalen Koalition (SNC), Khoja, schreibt in einem Offenen Brief an die Arabische Liga, Rußland wolle ausgehend von seinen Militärbasen in Latakia, Hama und Tartus einen Bevölkerungsaustausch und letztlich die Zerstückelung des Landes vornehmen. Das Assad-Regime habe jegliche Legitimation verloren und werde auch durch die Hilfe eines fremden Aggressors nicht vor seinem Sturz durch das syrische Volk gerettet werden können. [5]


Die amerikanische Bourgeoisie beruft sich bekanntlich auf das bürgerliche Recht und die amerikanische Verfassung so auch deshalb, um die Zirkulationsbedingungen für das (amerikanische) Kapital auf dem Weltmarkt zu verbessern und dessen Zirkulationsgeschwindigkeit zu erhöhen. Dabei beschwört sie den demokratischen Internationalismus zwischen den demokratischen Staaten, dessen Wirksamkeit allerdings begrenzt ist, da sie nicht bereit ist, diesen auch in ihrem unmittelbaren Einflußbereich (Stichwort: Monroe-Doktrin) zu akzeptieren, wodurch man sich nur zusätzliche Konkurrenten auf dem Weltmarkt heranzüchtet. Hier liegt bürgerliche Moral im ständigen
Clinch mit der bürgerlichen Konkurrenz.


Außerdem unterstützt die amerikanische Bourgeoisie gemeinsam mit ihren europäischen Klassenbrüdern demokratische Revolutionen im Einflußbereich der dem ‚Westen‘ feindlich gesonnenen oligarchischen Bourgeoisien Rußlands und Chinas, die (so wie früher ‚die Deutschen‘, später ‚die Kommunisten‘), begleitet von anti-amerikanischer und anti-‘westlicher‘ Propaganda, heute ebenfalls Anspruch auf das Weltmarktmonopol erheben. Der ‚östliche‘ Anti-Kapitalismus und ‚Anti-Imperialismus‘, auf den die ‚westliche‘ Linke allzu gerne hereinfällt, steht im krassen Widerspruch zu dem von den ‚östlichen‘ Bourgeoisien gepflegten staatsterroristischen Regierungsstil, dessen Ablösung von den darunter leidenden Völkern gefordert wird. Daher sind allen oligarchischen Regimes, so auch demjenigen Putins und Assads, die ‚bunten‘ (demokratischen) Revolutionen in ihren Ländern ein Graus, die doch nur darauf hinauslaufen, für den ‚Westen‘ verbesserte Investitionsbedingungen in einem ihnen feindlichen Einflußbereich zu schaffen. Was in der Sache nicht ganz falsch ist, wobei sich aber die Frage stellt, ob denn der demokratisch verfaßte ‚westliche‘ Kapitalismus für die Masse der unmittelbaren Produzenten nicht schon unerträglich genug ist.


Die ‚bunten‘ Revolutionen gehen auf die demokratischen Revolutionen im sog. Hinterhof der ehemaligen Sowjetunion (einschließlich der DDR) in den 90er Jahren zurück. [6] Als deren demokratisch gewählte bürgerliche Regierungen noch damit beschäftigt waren, den Scherbenhaufen zusammenzukehren, den der Reale Sozialismus nach dem sog. ‚Zivilisationsbruch‘ (wohl eher einem Zivilisationszusammenbruch) dort hinterlassen hatte, waren in Rußland die Silowiki (d.h. die ‚der Zukunft zugewandten‘ Seilschaften aus Armee, Geheimdiensten und Partei) bereits längst wieder politisch am Drücker, um (durch manipulierte Wahlen) die Macht im Staat und das Kommando über die zusammengebrochene Sowjet-Wirtschaft zurückzuerobern. Das Putin-Regime will, wie die ‚Rückkehr‘ der von Armee und Geheimdiensten gesponserten Gangsterbanden auf die Krim und in den Donbass zeigt, damit der ‚westlichen‘ Welt signalisieren, daß Rußland auf dem Weg ist, seine altgewohnte welthegemoniale Stellung wieder einzunehmen.


Die im Frühling 2011 in den nordafrikanischen Staaten und dem Nahen Osten ausgebrochene
Arabische Revolution, [7] die im Widerstand gegen das Assad-Regime ihren Kulminationspunkt erreichte, war beides: bunt und antiwestlich, demokratisch und antiimperialistisch. Es war ihr aber, wie sich in Ägypten gezeigt hat, verwehrt, die nach dem Sturz ihres orientalischen Despoten begonnene demokratische Revolution durch eine soziale Revolution auf der Grundlage einer proletarischen Kulturrevolution fortzusetzen, woran vor allem die an ihr beteiligte anti-oligarchische Bourgeoisie von sich aus kein Interesse hatte. Zumal die industriellen Proletarier, soweit es sie überhaupt gibt, in diesen Ländern überwiegend Frauen sind. Wie notwendig daher eine proletarische Kulturrevolution ist, zeigten die Gruppenvergewaltigungen von Frauen, die es gewagt hatten, ohne Schleier und Kopftuch an den Anti-Mursi-Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz teilzunehmen, verübt von Typen aus dem Lumpenproletariat, die auch die Masse der Pro-Mursi-Demonstranten gestellt haben. Hier prallten islamistische und proletarische Kulturrevolution unvermittelt aufeinander, dessen fernes Echo noch bis in die deutschen Flüchtlingsunterkünfte zu vernehmen ist.


Das Zurückweichen vor der Revolution in Permanenz hatten sich die Islamisten in Ägypten, Tunesien und schließlich auch in Syrien (mit Unterstützung der Golfstaaten, Saudi-Arabiens und der Türkei) zunutze gemacht und versucht, die Arabische Revolution durch eine vom Lumpenproletariat getragene ‚soziale‘ Konterrevolution zu kapern und schließlich zu kippen. (Nur in Tunesien gelang es, die Islamisten einfach abzuwählen, während ihre Regierung in Ägypten von der politisch verjüngten Militärkaste, als ‚Hüterin‘ über die ägyptischen Staatsunternehmen, gestürzt wurden.) Den medienwirksamsten Hype der islamistischen Konterrevolution bildet das Wirken von Daesh mit seinen für face book produzierten für perverse Voyeure im Netz höchst unterhaltsamen Halsabscheiderspektakeln. Die unmittelbaren Vorläufer dieser unter dem Kommando ehemaliger Geheimdienstler Saddam Husseins operierenden religiös verkleideten politischen Gangster waren übrigens die ‚Geister‘ des Damaszener Lumpenproletariats (
shabbiha), die zu Beginn der Syrischen Revolution von Assads Geheimdiensten gezielt gegen Demonstrationen eingesetzt wurden, bevor seine Scharfschützen die Bewegung auf den Straßen ‚gefährdeter‘ Stadtteile beherrschten. [8]


In Syrien hatte seit Ende der 90er Jahre in der Hoffnung auf eine Demokratisierung des Landes durch den Sohn des im Juni 2000 gestorbenen Diktators Hafez al Assad ‚der Westen‘ versucht, das von einer großen
Dürre heimgesuchte Land unter Bashar al Assad schrittweise der EU anzunähern und seinem russischen Paten zu entfremden. Aber Syrien exportierte außer der Außenpolitik, das »beste Produkt, das Syrien exportiert hat«, [9] (und den ‚Standhaftigkeit‘spredigten an die ‚arabischen Brüder‘ dem zionistischen Projekt Israel gegenüber), sowie syrischen ‚Gastarbeitern‘ nach Ägypten und in die Golfstaaten, nur Produkte, von denen die EU wegen des bereits vorhandenen großen Angebots aus den anderen Mittelmeeranrainern bereits überquoll, [10] während das wenige Erdöl im Lande selbst verbraucht wurde (bzw. heute von Daesh über die Türkei wohin auch immer exportiert wird). Die große Hoffnung von Teilen der Intelligenzija und der akademischen Jugend, der in England ausgebildete Sohn des syrischen Diktators werde das Land schrittweise modernisieren und demokratisieren (eine vergebliche Hoffnung, von der mancher syrische (linke) Intellektuelle inzwischen geheilt wurde, andere Linke Hofnarren jedoch nicht), zerschlug sich spätestens mit dem Ausbruch der Arabischen Revolution im Frühjahr 2011, die, so Assad in Interviews mit westlichen Medien, in Syrien keinen Nährboden finden werde. Denn politische Reformen seien zwar wichtig, aber nicht so wichtig, als daß die Leute diesen nicht die Segnungen des Sozialstaats vorzögen. »That is what they want. I want to feel safe in my country. That is my goal.« [11] Daher könne er sich nicht vorstellen, warum jemand, um seine politische Meinung kundzutun, auf die Straße gehe. Dazu habe man doch ein Parlament. Und daher ist Assad der festen Meinung, was ihm nicht Wenige in seiner europäischen Linken Fangemeinde abzunehmen scheinen, daß jeder, der gegen das Regime demonstriert, nur ein ‚Terrorist‘ sein könne. [12] Diesen tollen Rollentausch hat nun auch Putin übernommen, um die Angriffe russischer Flugzeuge auf Positionen von Gruppen der Syrischen Revolution als Angriffe gegen Daesh darzustellen.


Und ist das angesichts der taktischen Erfolge der Halsabschneidertruppe von Daesh denn allzu falsch? Nach der Putinschen Logik und der darin verstrickten westlichen Linken jedenfalls nicht! Nach dem
Sturz der irakischen Bruder-Partei durch die USA im Juni 2003 war das syrische Baath-Regime zum letzten Leuchtturm des (Arabischen Sozialismus und des) einst mächtigen großrussischen Sozialimperialismus im Nahen Osten geworden. Wenn man Putins Spruch vom Zerfall des Stalinschen Imperiums als größter Tragödie des 20. Jahrhunderts [13] nach der Rückkehr von Teilen Georgiens und der Ukraine ins Großrussische Reich nun endgültig auch auf das Verhältnis des Putin-Regimes zum Nahen Osten übertragen kann (was wegen des russischen Marinestützpunkts an der syrischen Mittelmeerküste in Tartus inzwischen mehr als naheliegt), dann mußte Putin auch hier irgendwann einen Punkt setzen, um zu verhindern, daß weitere ‚bunte‘ Revolutionen, durch welche die einstige sozialistische Weltmacht auf die Größe des Zarenreiches in der Zeit Katharinas II. im 18. Jahrhundert geschrumpft worden war, nicht auch noch in Syrien zum Zuge kämen, selbst wenn Assad dabei über Leichen geht (inzwischen über 250.000) und mehrere Millionen innersyrischer und arabischer Binnenflüchtlinge produziert hat.


Da trifft es sich gut, wenn Putin voller innerer Anteilnahme beobachten darf, daß nicht wenige von ihnen mit tätiger Nachhilfe der türkischen Behörden und nachdem seit dem Kuhhandel des ‚Westens‘ und Rußlands mit der (künftigen) Atommacht Iran jede Hoffnung auf den Sturz Assads in weite Ferne gerückt zu sein scheint, seit dem Spätsommer 2015 plötzlich wie die Lemminge nach Mitteleuropa strömen, um in dessen reichsten Ländern Schutz zu suchen und diese in ein großes Flüchtlingslager zu verwandeln. Wie eigentlich jedem klardenkenden Europäer, der vor lauter
Refugees Welcome Gejauchze noch nicht den Verstand verloren hat, klar sein muß, sind mit der Aufhebung der Souveränität dieser Bananenrepublik Deutschland Konflikte vorprogrammiert, die diese Gesellschaft auf eine Weise tangieren werden, wovon ein professioneller KGB-Mann vom Schlage Putins bisher nicht einmal in seinen kühnsten Träumen hat ausgehen können. [14] Auch diese innerdeutsche Zwickmühle, in der sich in der ‚Flüchtlingskrise‘ Rassisten und Antirassisten, Faschisten und Antifaschisten austoben dürfen, die aber beide einander gesucht und gefunden haben, weil sie jeweils Hilfe suchend nach Moskau starren, läßt sich diese je nach Belieben auf- und zu ziehen – und bei jedem Zug wird es Merkels Deutschland-Politik ein kleines Stück weiter in Richtung Abgrund „geschafft“ haben.


In seinem Buch über die Ursachen des Absturzes der polnischen Militärmaschine mit der Führungselite Polens an Bord, die in Katyn gemeinsam mit Putin der Ermordung tausender polnischer Offiziere durch die Stalinsche GPU gedenken wollte, kommt der Autor nach umfangreichen Recherchen und bohrenden Selbstzweifeln, ob er hier nicht vielleicht einer Verschwörungstheorie aufsitzen werde, (worin er vom deutschen Geheimdienst freundlichst unterstützt wurde), zu keinem endgültigen Schluß. Am interessanten ist aber die vom Autor bei seiner Recherche gemachte Erfahrung, daß die polnische Regierung alles vermieden hat, was der Beweisführung dienlich gewesen wäre, daß es sich hier um ein Attentat gehandelt habe. Warum? Ganz einfach: Rußland ist eine Atommacht und eine Nicht-Atommacht kann dieser auch bei der erdrückendsten Beweislage für einen staatlich verübten verbrecherischen Anschlag auf polnische Staatsbürger nun einmal nicht den Krieg erklären. [15] Ähnlich wird man sich das Schweigen der niederländischen Regierung nach dem Abschuß der MH17 über der Ostukraine erklären müssen, deren Fluggäste mehrheitlich holländischer Nationalität waren. Auch hier scheinen erdrückende Beweise vorzuliegen, daß es sich um einen Abschuß durch russische Lenkraketen, bedient von russischen Militärs, gehandelt haben wird. Was wäre daraus zu schließen? Europa steht, wie am syrischen Beispiel hinreichend klar wird, Politikern einer immer entschlossener agierenden aggressiven Möchtegern-Hegemonialmacht gegenüber, die sich wegen ihrer zunehmenden Unberechenbarkeit sogar von denjenigen der Sowjetunion aus der Zeit des Kalten Kriegs unterscheidet. Dieser gewesene KGB-Offizier entlarvt sich immer mehr als politischer Abenteurer so wie Hitler einer war. Putin minus Stalin gleich Hitler?


Es war immer schon, nicht zuletzt aus geographischen Gründen eine starke Übertreibung, wenn Deutschland am Hindukusch verteidigt werden sollte und wohl eher ein auf eine bestimmte Symbolwirkung berechnetes Ablenkungsmanöver gewesen. Wer aber eines endgültigen Beweises bedurfte, wie eng Putins Krieg in der Ukraine und mit dem in Syrien zusammenhängt, den wird die Zeitungsmeldung nicht mehr überrascht haben, daß, wie ein ein Militärberater Präsident Putins jetzt verlauten ließ,
»Russen mit Kampferfahrung aus der Ostukraine für das syrische Regime kämpfen könnten«. [16] Heute melden FAZ und WELT, daß Ziele in Syrien nun auch von Kriegsschiffen im Kaspischen Meer aus angegriffen werden. Was die Verteidigung Syriens gegen den von Assad und Daesh einvernehmlich mit verteilten Rollen betriebenen Völkermord betrifft, ist es also inzwischen keine Übertreibung mehr zu behaupten, daß in Syrien (in doppelter Bedeutung) die zukünftige politische Existenz Deutschlands auf dem Spiel steht.


Die Frage, ob für den Ernstfall auf den die Bahamas noch ein Plätzchen für über 80 Millionen Deutsche plus 1 Million syrischer Flüchtlinge frei wäre, läßt sich aber bereits jetzt eindeutig beantworten.


-euk

[1] BLogbuch 1 2014.
[2] Obama am 03.06.2009 in der Al Azhar Universität in Kairo. http://www.wz-newsline.de/home/politik/barack-obamas-kairo-rede-in-deutscher-ueberrsetzung-1.128921
[3] BLogbuch 1 2014.
[4] FAZ 01.10.:
Rußland fliegt Angriffe in Syrien.
[5]
Syrian Coalition‘s daily news vom 03.10.
[6] BLogbuch 1 2013.
[7] Siehe BLogbuch 1 2011 und 1 2012 zu Entstehung und Verlauf und dem Verhältnis der Linken zur arabischen Revolution.
[8] Zu der Rolle ehemaligen Geheimdienstoffiziere Saddam Husseins beim Aufbau von Daesh vgl. Christoph Reuter: Die Schwarze Macht. Der „Islamische Staat“ und die Strategen des Terrors, München 2015. In diesem höchst informativen auf eigener Anschauung basierenden Buch bringt d.A. es allerdings fertig, Rußlands Einflußnahme auf die syrischen Verhältnisse mit keinem Wort zu erwähnen, was mehr als erstaunlich ist. Zu den shabbiha als mafiose Einsatzgruppe für den Assad-Clan siehe
Carsten Wieland: Syria A Decade of Lost Chances. Repression and Revolution from Damascus Spring to Arab Spring, Seattle 2012, 35ff.
[9]
Carsten Wieland: Syrien nach dem Irakkrieg. Bastion gegen die Islamisten oder Staat vor dem Kollaps? Berlin 2004, 78.
[10]
Anja Zorob: Syrien im Spannungsfeld zwischen der Euro-Mediterranen Partnerschaft und der Großen Arabischen Freihandelszone, Göttingen 2005.
[11] Wallstreet Journal 31.01.2012
Interview With Syrian President Bashar al-Assad.
[12] FAZ 17.06.2013 In diesem Interview bezeichnet Assad die Jagd auf Terroristen als seine Hauptaufgabe. Diese hätten sich sogar unter die Demonstranten gemischt, um auf Polizisten zu schießen:
»Manchmal waren sie auf Plätzen unweit der Demonstration, und von dort schossen sie auf Demonstranten [!] und Polizisten, damit man annimmt, die eine Seite habe auf die andere das Feuer eröffnet.« Eine überaus interessante Konstellation, auf die für gewöhnlich nur gut ausgebildete Profis kommen. Wessen Profis, ist dann eigentlich gleichgültig.
[13] Vgl. zuletzt das Interview in CBS News vom 27.09. mit Putin: »I indeed said that I believe that the collapse of the USSR was a huge tragedy of the 20
th century.«
[14] Auf die Frage des Interviewers, ob auf Putin immer noch das Sprichwort zutreffe,
»Once a KGB man, always a KGB man«, antwortet dieser: Wenn mit der Frage gemeint sein sollte, daß alles »that we do, all this knowledge we acquire, all the experience we‘ll have for ever and we‘ll keep that«, und er diese irgendwann einsetzen werden, dann sei das zutreffend.
[15]
Jürgen Roth: Verschlußakte S… Smolensk, MH 17 und Putins Krieg in der Ukraine, Berlin 2015.
[16] SZ 07.10.

Veröffentlicht in EINspruch | Kommentieren

Einige Überlegungen zur gemeinsamen Arbeit am Klassenkampf und seinem Begriff (Entwurf) »

Diesen Beitrag als PDF-Datei laden.

Anfang Juli 2015 trafen sich mehrere mit der parteiMarx korrespondierende Blogger in Weimar, um Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit zu erkunden. Als Diskussionsgrundlage war das unten wiedergegebene Papier eingereicht worden, das im Ergebnis der Debatte nun auf den Web Sites der Diskussionsteilnehmer gepostet worden ist.


Die gemeinsame Veröffentlichung dieses Papiers ist der erste Schritt zur weiteren konkreten Zusammenarbeit. Es wird auch überlegt, eine Mailing Liste einzurichten, über die Papers und Infos herumgeschickt werden können. Ein solches elektronisches Hilfsmittel macht allerdings nur dann Sinn, wenn der angestrebte Austausch auf ein konkretes Ziel hin erfolgen soll. Als Zielbestimmung wird, in Anlehnung an das 1846 von Marx, Engels u.a. in Brüssel gegründete Kommunistische Korrespondenz Komitee, die Einrichtung eines Kommunistischen Korrespondenz Blogs vorgeschlagen.


Der Kommunistische Korrespondenz Blog wendet sich an die unmittelbaren Produzenten des Weltproletariats, die in Deutschland zwar keine revolutionäre Klasse mehr bilden, die aber in näherer Zukunft vielleicht eine wichtige Rolle innerhalb des internationalen Proletariats spielen werden. Eine Avantgarde, wie im 19. Jahrhundert die französische und deutsche und im 20. Jahrhundert die russische Arbeiterklasse, ist jedoch auch außerhalb Deutschlands nirgendwo zu erblicken. Die nach dem ‚Zivilisationsbruch‘ Ende der 80er Jahre (d.h. dem Bruch der Völker Osteuropas mit dem großrussischen Sozialimperialismus) heute noch aktiven Reste ‚traditionalistischer‘ KPs sind schlichtweg zu Organen russisch-chinesischer anti-westlicher Außenpolitik degeneriert, mit denen die ‚eurokommunistische‘ Linke (Syriza, Podemos, Corbyn‘s Old Labour und die sozialdemokratische Fraktion Der Linken) zwar kollaborieren, aber nicht in jedem Fall (siehe Abspaltung der Drachme-Fraktion von Syriza) auch kooperieren wird.


Angesichts der seit 2007 herrschenden Weltwirtschaftskrise befindet sich die Weltbourgeoisie auf der Suche nach einem (nationalen oder realen) »Bourgeoissozialismus« (siehe Manifest der Kommunistischen Partei), der den Wunsch eines Teils der Bourgeoisie verkörpert, »den sozialen Mißständen abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern«. Dazu gehören, vor 160 Jahren nicht weniger als heute, »Ökonomisten, Philanthropen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeitsorganisierer, Abschaffer der Tierquälerei, Mäßigkeitsvereinsstifter, Winkelreformer der buntscheckigsten Art«; hinzugekommen sind nun auch die Marxisten, die die bürgerliche Gesellschaft vor dem Mahlstrom dieser Krise retten wollen. (In der marxistischen Zeitschrift PROKLA (175,176) besetzt man reumütig wieder Begriffe wie Proletariat oder Klassenkampf mit einer positiven Konnotation).


Da das Projekt eines Kommunistischen Korrespondenz Blogs heute unmittelbar mit dem Marxismus konfrontiert ist, besteht seine Hauptaufgabe darin, den Klassenkampf des 21. Jahrhunderts gegen den Marxismus als dem modernsten Ausdruck des Bourgeoissozialismus auf seinen Begriff zu bringen, den politischen Begriff der Marxschen Partei.

1
Unsere künftige gemeinsame Arbeit sollte in Stil und Umfang der Kooperation der verblichenen Marx-Gesellschaft ähneln, sich von dieser aber grundsätzlich darin unterscheiden, daß sie den dort üblich gewesenen allseits gehüteten akademischen Konsens politisch durchbricht.

2
Sie sollte theoretischer Natur sein, ohne akademisch zu werden. Theoretisch in einem von vornherein politisch sich einmischenden Sinn, also in etwa das beinhalten, was der Marx-Gesellschaft grundsätzlich abging (abgehen mußte?).

3
Sie sollte dem Klassenkampf ein theoretisches Forum verschaffen, ohne in die Stereotypen der Pseudo-Klassenkämpfer zu verfallen und es ermöglichen, daß alle Beteiligten daraus ihre eigenen wenn möglich gemeinsamen politischen Schlußfolgerungen ziehen können, ohne dabei die üblichen und altbekannten Kampagnen-Mechanismen zu übernehmen oder diese sich aufdrängen zu lassen.

4
Ein theoretisches Forum des Klassenkampfes ist im Gegensatz zu akademischen Foren ein von vornherein politisches Forum, dessen politische essentials sich im Zuge der gemeinsamen Praxis und der weiteren Arbeit am Begriff des Klassenkampfes herauskristallisieren werden. Dieses Forum sollte an der Herausarbeitung seines Begriffs orientiert sein. und nicht an der wissenschaftlichen Profilierung von Personen. Und zwar auf Grundlage der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie, der Analyse der Klassenkämpfe ihrer Zeit durch die Marxsche Partei und der Übereinstimmung bzw. Nichtübereinstimmung der Untersuchung der seitdem stattgefundenen Klassenkämpfe mit diesen Analysen.

5
Der akademische oder akademisch gewordene Marxismus hat sich bestenfalls als kaum mehr denn als Korrektiv zu den im Realen Sozialismus angeblich nicht richtig aufgefaßten und korrekt angewendeten Theorien des Marxismus (-Leninismus) verstanden. Sein Hauptfehler bestand darin, sich nicht selbst als den eigentlichen Fehler zu begreifen. Der heutige Marxismus ist eine Herrschaftswissenschaft, die sich nicht von anderen Herrschaftswissenschaften, seien es Philosophien, Religionen und Weltanschauungen, unterscheidet, die geschaffen wurden, um im Vorfeld der Klassenkämpfe Bourgeoisie und Proletariat politisch zu versöhnen und dieses in Sicherheit zu wiegen, solange wie jene nicht gezwungen ist, ihre eigne Sicherheit verteidigen und gewaltsam (wieder)herstellen zu müssen. Der Bruch mit dem Humanismus und der Aufklärung, die als Formen der Klassen-Philanthropie den Übergang zum Marxismus als neuer Herrschaftswissenschaft markieren, ist eine weitere Voraussetzung für die Arbeit am Begriff des Klassenkampfes, um diese Arbeit nicht selbst zur Hilfsarbeit für die neue Herrschaftswissenschaft degenerieren zu lassen.

6
Der heutige Marxismus ist bestrebt, die Klassenkämpfe der Vergangenheit im Lichte der von der marxistischen Herrschaftswissenschaft erleuchteten Interpretation dieser Ereignisse darzustellen und sie dadurch ihres revolutionären Inhalts zu berauben bzw. ihren konterrevolutionären Charakter zu verschleiern. Die Rekonstruktion der seit der Zeit von Marx und Engels stattgefundenen Klassenkämpfe erweist sich in Deutschland aber schon deshalb als besonders schwierig, weil hier für mehrere Jahrzehnte ein marxistischer und ein kapitalistischer Staat friedlich nebeneinander koexistiert haben und jede revolutionäre Bewegung von vornherein von bestimmten Formen und Denkweisen des Marxismus und den Auswirkungen seiner realsozialistischen Staats- und Gesellschaftsdoktrin auf den westlichen Marxismus durchtränkt war. So wurde, um nur ein Beispiel zu nennen, der 2. Juni 1967 einerseits Ausgangspunkt einer neuen revolutionären Bewegung in Europa, er war aber von seiten der Stasi als Provokation zwecks Destabilisierung der ‚Frontstadt‘ West-Berlin zugleich mit dem Aufbau einer ‚revolutionär‘ getarnten ‚Untergrundbewegung‘ aus Kadern der SED verknüpft gewesen. Beide Momente in ihrer Wechselwirkung aufeinander und in ihrem historischen Kontext zu analysieren, wäre für einen heutigen Marxisten mit Sicherheit zu viel verlangt, weil dadurch der Charakter des Marxismus als moderner Herrschaftswissenschaft gesprengt werden müßte. Die Analyse des politischen Charakters der ‚Studentenbewegung‘ als revolutionäre Bewegung mit dem Ziel der Vollendung der niedergeschlagenen Revolution von 1848 und des Kampfes gegen den deutschen Faschismus als Testamentsvollstrecker und Vollender der Konterrevolution der preußischen Reaktion, ist im Sinne der von Marx und Engels analysierten Klassenkämpfe und nur dann möglich, wenn sie zugleich gegen den Marxismus als neuer Herrschaftswissenschaft und seine Interpretation dieser Ereignisse gerichtet ist.

7
Der heutige Marxismus leugnet die Eigenarten und Besonderheiten der revolutionären Bewegungen auf der Welt, mit denen er sich nur soweit solidarisch erklärt, wie diese den Weltherrschaftsbestrebungen des Neuen Zarentums und der anti-kapitalistischen Weltmächte nicht im Wege stehen. Ihre ‚Revolutionen‘ sollen den Neuen Bourgeoisien der Dritten Welt den Weg ebnen, um ihre eigenen Völker unterdrücken und sich der anti-kapitalistischen Front gegen ‚den Westen‘ anschließen zu können.

8
Die gegenwärtig stattfindende Weltwirtschaftskrise hat all diese Widersprüche und Konstellationen mächtig durcheinandergewirbelt. Die Arbeit am Klassenkampf und seinem Begriff ähnelt daher eher der Operation am offenen Herzen als einer Vorlesung über die Anatomie früherer Klassenkämpfe.

Veröffentlicht in Kommunismus | Kommentieren

01.07.2015 »

Diesen Beitrag als PDF-Datei herunterladen.

Für den 19. Juni melden die Nachrichtenagenturen, daß der griechische Ministerpräsident Alexander Tsipras anläßlich seines Besuchs des Wirtschaftsforums in St. Petersburg [1] am Denkmal von Ioannis Kapodistrias einen Blumenstrauß niedergelegt und sich dabei mit in Rußland lebenden Griechen hat ablichten lassen. [2]

Wer war dieser Kapodistrias? Und welche Verdienste haben ihm die Ehre verschafft, in St. Petersburg ein Denkmal errichtet zu bekommen?

Ionnis Kapodistrias war während der Regierungszeit Alexander I. politischer Berater und zeitweise Außenminister des russischen Zaren. Er hatte, wie Friedrich Engels 1890 schrieb, [3] jenem »Jesuitenorden« der russischen Diplomatie angehört, der »ursprünglich und vorzugsweise aus Fremden, Korsen wie Pozzo di Borgo, Deutschen wie Nesselrode, Ostseedeutschen wie Lieven« rekrutiert wurde, die wie die Stifterin dieses Ordens, Katharina II, in Rußland auch Fremde waren. [4]

Was aber veranlaßt einen erklärtermaßen linken griechischen Politiker heute dazu, dieses griechischen Diplomaten in russischen Diensten öffentlichkeitswirksam zu gedenken? Wie wir die Regierung Tsipras inzwischen kennengelernt haben, vermutlich dies, daß diese politischen Berater des Zaren die ihnen verliehene Machtstellung und ihren Einfluß, wie Engels schreibt, auch dazu verwendet haben, sich an den Befreiungskämpfen gegen die fremden Unterdrücker ihrer Heimatländer zu beteiligen oder gar wie Kapodistrias sich an deren Spitze zu stellen. Diese Unterdrücker waren in Griechenland wie auch auf der übrigen Balkanhalbinsel die Osmanen, die gleichzeitig den Weltherrschaftsambitionen Alexanders I. im Wege standen. Denn wer den Bosporus beherrschte, kontrollierte auch den Weg des russischen Getreides nach Westeuropa und die Durchfahrt russischer Kriegsschiffe ins östliche Mittelmeer. Das war damals nicht anders als es dies heute immer noch ist.

Nach dem Ausbruch des Griechischen Aufstands (1822-1832) quittierte Kapodistrias seinen Dienst, um den Aufstand zu unterstützen und sich schließlich an dessen Spitze zu stellen, worüber Alexander I. nicht besonders traurig gewesen sein wird. 1827 wurde Kapodistrias Präsident in der auf dem Peloponnes gebildeten provisorischen Regierung und noch vor der Niederschlagung des Aufstandes durch die Osmanen von dem Anführer eines rivalisierenden griechischen Clans 1831 ermordet.

In Friedrich Engels‘ Aufsatz finden wir, nachdem die heutige russische Außenpolitik für jeden erkennbar in die alten Geleise einer Hegemonialmacht des frühen 19. Jahrhunderts zurückgekehrt ist, d.h. seit der Annexion der Krim 2014, viele Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten mit heutigen politischen Verhältnissen. So brauchte Rußland gegenüber den Balkanvölkern, die mit den Russen religions- oder stammesverwandt sind, damals nur »seinen Beruf zum Schutz der unterdrückten Kirche und des gefesselten Slawentums zu proklamieren«, und schon war »das Terrain für die Eroberung – unter dem Deckmantel der Befreiung – … hier vorbereitet.« [5] So ist auch der Rassenkrieg, der in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts von panslawistischen Serben im auseinanderbrechenden Jugoslawien mit russischer Unterstützung unter ähnlichen Auspizien losgetreten wurde, den meisten Europäern gleichfalls in schlechter Erinnerung geblieben.

Und daher paßt sehr vieles, was man über die auswärtige Politik des russischen Zarentums bei Engels nachlesen kann, bis aufs i-Tüpfelchen auf die heutige russische Geheimdiplomatie, deren Kontinuität, kurzzeitig unterbrochen durch die Oktoberrevolution, spätestens mit dem 18. Brumaire des Joseph Stalin im Jahre 1932, wiederhergestellt wurde. Nicht umsonst wird der im Krieg der Völker der Sowjetunion gegen den deutschen Faschismus errungenen und 1990 verlustig gegangenen hegemonialen Weltmachtstellung Rußlands von Putin so laut und vernehmlich als der größten »geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts« hinterhergeweint.

Für die russische Geheimdiplomatie bildet die europäische Bourgeoisie, vorneweg die deutsche, auch heute das geeignete Objekt ihrer Korruptions- und Manipulationsversuche, mit dem Ziel, die öffentliche Meinung in Europa für russophile Vernünfteleien empfänglicher zu machen. Dazu gehören auch Putins Versuche, sowohl linke wie rechte politische Parteien und Bewegungen gegen ihre Regierungen zu mobilisieren und gleichzeitig diese Regierungen zu ermuntern, im eigenen Hause Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Auch dieses Manipulationsmuster wird bereits von Engels beschrieben: »Die russische Diplomatie hat es fertiggebracht, beide große bürgerlichen Parteien Europas einzuseifen. Ihr und nur ihr erlaubt man, legitimistisch und revolutionär, konservativ und liberal, orthodox und aufgeklärt in einem Atemzug zu sein.« [6] Die Reihe der hier aufgezählten Gemeinsamkeiten zwischen der russischen Außenpolitik im frühen neunzehnten und einundzwanzigsten Jahrhundert ließe sich beliebig fortsetzen.

Vor diesem Hintergrund steht Tsipras‘ symbolträchtige Erinnerung an einen großen Griechen in den Diensten Moskaus durchaus nicht im Widerspruch zu der erklärt linken anti-kapitalistischen und anti-westlichen Politik der von Syriza und ihrem national-chauvinistischem Koalitionspartner Anel gebildeten griechischen Regierung. Schon bereitet sich deren spanischer Ableger Podemos auf den auch von der deutschen Linken mit heißem Herzen herbeigewünschten nächsten großen Wahlsieg vor, durch den ein weitere Dominostein des sog. ‚Neoliberalismus‘ in Europa zum Kippen gebracht werden würde. Durch das Doppelspiel des Putinschen neuen Zarentums soll die unter ihren inneren Widersprüchen ächzende EU langfristig von dem Großraum des stetig wachsenden eurasischen Imperiums angezogen werden, was den Wünschen der deutschen Bourgeoisie und ihrer Kanzlerin durchaus entgegenkommt. Dazu benötigt Putin, wie schon Alexander I., rechte und linke, rebellische und gewiefte Politiker und Manager der politischen Desinformation an seiner Seite, treue Diener seines neuen Zarentums, genau solche, wie bereits Kapodistrias einer war.

Daß sie dieser Rolle und ihren Anforderungen durchaus in der Lage ist gerecht zu werden, hat die griechische Regierung bei der Uraufführung ihres Narrenspiels vor den Gläubigern des bankrotten griechischen Staates bereits in Brüssel hinreichend bewiesen. Ob es ihr dabei aber auch weiterhin gelingen wird, die europäische Öffentlichkeit und die Masse der lohnabhängigen europäischen Steuerzahler zum Narren zu halten und Europa im Interesse russischer und griechischer Oligarchen und der Wallstreet auseinanderzudividieren, um die Europäer nach der Devise ‚beggar thy neighbor‘ um weitere Milliarden zu erleichtern, sodaß die ‚neoliberale‘ EU schließlich an die Wand fährt, das wird letztlich das griechische Volk als die Hauptleidtragenden der linken Possenreißereien seiner Regierung selbst zu entscheiden haben.

-euk

[1] FAZ 19.06.
[2] Foto WIKIPEDIA s.v. Kapodistrias.
[3] Friedrich Engels: Die auswärtige Politik des russischen Zarentums, MEW 22 (13-48), 14.
[4] Diese illustre Reihe wäre noch durch den ‚großen Reformer‘ Freiherr vom Stein zu ergänzen.
[5] Friedrich Engels, a.a.O., 17.
[6] Friedrich Engels, a.a.O., 23.

Veröffentlicht in EINspruch | Kommentieren

BLogbuch 1 2015: »Charlie«, der Salafismus und wir Deutschen »

Den vollständige Beitrag als PDF laden

Inhalt


I

Montägliche Nachtgedanken über die hinlänglich bekannte deutsche Eigenart, arglos gegen unsere Feinde und zutiefst mißtrauisch gegenüber unseren Verbündeten zu sein, auf die Kleinen zu treten und vor den Großen zu kuschen, usw. Dagegen hilft keine Bergpredigt, sondern eher der Aufruf zur Gründung einer deutschen Bergpartei. Die wäre allerdings sogar verglichen mit der partei Marx ein ziemlicher Anachronismus.

Aber wir Deutschen bringen es noch nicht mal zu ordentlichen Blasphemikern. Die Karikaturen unserer Gotteslästerer gleichen kritischen Sonntagspredigten. Unsere Revolten gegen die Religion sind Revolten gegen die anderen Religionen, deren Anhänger wir vor soviel christlicher Nächstenliebe am liebsten umbrächten; darin gleichen wir ein wenig den Salafisten, die auch nichts anderes tun – nur mit der uns (heute zum Glück) fehlenden letzten Konsequenz. Wenn der Salafismus irgendwo in Europa Staatsreligion werden wollte, hätte er dazu in Deutschland die größten Chancen, weil auch hier Religion ausschließlich als Staatsreligion erlaubt ist. Der Staat ist es, der Glaubensfreiheit gewährt. Für die Salafisten wäre das zwar der falsche Staat – aber ein paar Selbstmordattentate würden bestimmt Wunder wirken.

Und warum demonstriert eigentlich die (militante) Linke gegen die Montagsdemonstranten und nicht gemeinsam mit ihnen für Putins künftiges Weltreich? Haben sie in Putin nicht einen gemeinsamen Paten? Oder vielleicht gerade deshalb? Zwar ist für einen gestandenen radikalen Linken dieses schlichte ‚Putin-hilf‘-Gerufe der Gipfel an Naivität, aber nur, weil darin ein zutiefst einseitiger Begriff von deutsch-russischer Freundschaft steckt. Wahre Solidarität sollte immer den umgekehrten Weg gehen: mit dem Mutterland des ‚Antifaschismus‘ durch Dick und Dünn, egal wie weit und wohin. Aber nicht einfach nur ‚Putin hilf‘ rufen!

Die Hitler unserer Zeit das sind und bleiben immerdar die Deutschen. Dagegen kann Putin machen, was er will: den Völkermord in Syrien unterstützen, Nachbarländer überfallen oder zumindest erst mal bedrohen. Alles kein Problem. Unser Problem ist doch vielmehr, daß uns jedes Einfühlungsvermögen in die russische Befindlichkeit oder Seele fehlt. Eine Ausnahme sind jene Deutschen, die es im Import-Exportgeschäft ‚mit den Russen‘ zu etwas gebracht haben nach dem im Wodka ersäuften Motto: Was sind wir doch für tolle Schlitzohren, weil wir alle anderen besch… haben, aber nicht weitersagen!

Schließlich war es die Sowjetunion und niemand anderes, die uns die Absolution für Hitlers und unsere Verbrechen erteilt hat und nicht die Juden, auch nicht die Amis. Die mögen uns beide nicht, wir mögen sie… na ja. Nur der Snowden, das ist ein wirklich guter Ami, der hat es denen mal gezeigt, daß wir uns nicht alles von ihnen gefallen lassen müssen. Das Handy der Kanzlerin, so was gehört sich einfach nicht!

Also spräche überhaupt nichts dagegen, wenn die Montagsdemonstranten und die Linke eine gemeinsame Soli-Demo für Putin veranstalteten mit der Forderung, daß die von der NATO insgeheim aufgerüsteten ukrainischen Terroristen (auch passive Waffen sind Waffen!) ihre Angriffe an der russisch-ukrainischen Grenze (solange es die noch gibt!) gegen Rußland unverzüglich einstellen müssen. Putin liebt sie (wie schon Erich Mielke in der Volkskammer) doch beide: die Rechten genauso wie die linken Putinisten! Wieso sollten sie diese Liebe dann nicht auch gemeinsam und solidarisch zurückgeben?

Einen gibt es schon, der dazu bereit ist: Bodo Ramelow, der rosa-rot-grün gestrickte Ministerpräsident von Thüringen. Ein lebendes Symbol deutsch-russischer Freundschaft! (Von dieser war in seinen bisherigen Statements zwar nicht die Rede, sondern nur vom – irgendwie vom Himmel gefallenen – Unrechtsstaat DDR.) Aber, was er auch sagen wird und vielleicht besser nicht sagt, mit Ramelow hat Putin schon mal den Fuß in der Tür zur Rückeroberung der Herzen aller Deutschen, der ‚Putin-Hilf‘-Rufer, der Linken und all der andern Putin-Freunde! Die kleinen grünen Männchen von der Krim und aus der ‚Ost-Ukraine‘ werden rechtzeitig per Express nachgeschickt.

Übrigens, wenn man die Landesbezeichnung für das Wort Ukraine vom Russischen ins Deutsche übersetzen wollte, dann bedeutet u-kraina: das, das am Rand (kraj) Liegende. Die Vorsilbe u– wird auch als besitzanzeigendes Fürwort verwendet; u menja heißt z.B., daß etwas bei mir ist, also mir gehört. Dazu paßt das russische Sprichwort: moja chata s kraju, ja ne ničevo ne snaju. Wörtlich: Meine Hütte ist irgendwo am Rande der Welt (s kraju), ich weiß nichts (oder: Mein Name ist Hase…usw.). Ein deutliches Zeichen, wie eng die in ihrer Hintergründigkeit hier kaum wahrgenommene Putinsche Propaganda sich mental an den alltäglichen Sprachgebrauch anzupassen versteht. Wenn sich meine Hütte im Land Nirgendwo (s kraju) befindet, dann kann ich mich, wenn es einen dort hin verschlägt, nur noch auf die Unsrigen (naši) verlassen. In diesem Sinne sind Staatsgrenzen Schall und Rauch. Wenn nach der Putinschen Analyse die Staatlichkeit der Ukraine in einem politischen Nirwana anzusiedeln sein soll, so hat die auf dem Majdan in Kiew stattgefundene politische Revolution dieser Denkweise eine eindeutige politische Grenze und gleichzeitig ein Ende gesetzt. In dieser Grenzsetzung durch eine politische Revolution, deren wichtigste politische Zielsetzung in der Definition der bestehenden Grenzen der ukrainischen Nation besteht, ist gleichzeitig das Ende der Herrschaft Putins, seines Kriegs gegen die Wahrheit und die bestehenden Grenzen in Europa vorgezeichnet. Die Verteidiger Putins berufen sich auf die große deutsche Revolutionärin Rosa Luxemburg, die der Ansicht war, daß die Ukraine schon immer eine Fiktion gewesen sei (und wohl nicht zufällig heißt der Think Tank der Partei Die Linke Rosa-Luxemburg-Stiftung). In der Logik der Putinschen Propaganda folgt daraus, daß alles, was in den nach Westen sich ausdehnenden grenzenlosen Randgebieten politisch gegen die Interessen Rußlands gerichtet ist, a. faschistisch sein und b. so bekämpft werden muß, als befände sich dieser Feind in Rußland selbst. So hielten es schon die alten Zaren im 18. und 19. Jahrhundert z.B. mit Polen und Finnland, die von Alexander I. eingemeindet wurden, sodaß zu Lebzeiten von Marx und Engels Rußland an Preußen und Sachsen grenzte. Der Hilferuf der Dresdner Montagsdemonstranten wäre damals auf der andern Seite der Grenze gewiß auf offene Ohren gestoßen.


II

Der Staatsvertrag, den die Republik Österreich vor kurzem mit dem türkischen Staat geschlossen hat und der die österreichischen Moslems in der Ausübung ihres Glaubens unter staatliche Aufsicht stellt, wird in der größeren deutschen Brudernation von vielen Kommentatoren als obrigkeitsstaatlich und quasi dem System Metternich verpflichtet kritisiert. Nur zeigt das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts, wonach das Tragen einer religiösen Bedeckung (= das Kopftuch) durch islamische Lehrerinnen nur noch unter bestimmten Voraussetzungen „zur Wahrung des Schulfriedens“ untersagt werden darf, daß, wer im Glashaus sitzt, nicht mit Steinen auf unsere österreichische Brudernation werfen sollte. Deutsche wie Österreicher sind bei der Behandlung dieser diffizilen Problematik leider nicht über die Schullektüre der Lessingschen Ringparabel hinausgekommen, worin bekanntlich die Vertreter der Drei Buchreligionen, da sie vom gleichen monotheistischen Vater abstammen, auch gemeinsam einen bevorzugten Platz gegenüber den restlichen religiösen Sekten für sich beanspruchen. Dabei gibt es weder den Islam noch das Christentum, sondern jede Menge islamische und christliche Sekten; auch hat sich das Judentum schon immer durch eine lebhafte interne Sektenbildung ausgezeichnet. Dieser Mythos entstand im Schatten des nach dem 30-jährigen Krieg in den katholischen (habsburgischen) Süden und den protestantischen (preußischen) Norden gespaltenen Altdeutschen Reiches, dessen Erbe im Norden die BRD + DDR (= Rheinbund + Preußen) und im Süden das auf seine habsburgischen Stammlande geschrumpfte Österreich angetreten haben. Preußen wäre als Staat schon beinahe 1807 und ist 1945 endgültig untergegangen und durch die DDR ersetzt worden. Napoleons Rheinbund würde heute bis zur deutsch-polnischen Grenze reichen und hätte, was Zar, Metternich und Sir Castlereagh trotz divergierender Interessen gemeinsam zu verhindern wußten, ein dauerhaftes Bündnis von Rheinbund-Deutschland und Polens gegen Rußland ermöglicht. Dafür fehlten Napoleon einerseits die Zeit (deshalb die überhastete Kampagne gegen Rußland), aber auf die Dauer auch die notwendigen Ressourcen, die Metternich sich weitaus besser einzuteilen wußte. (Metternich war klar, daß man nach den gewaltigen Schlachten zwischen den europäischen Großmächten den österreichischen Bauernsöhnen die nötige Zeit geben mußte, um wieder nachzuwachsen.) Napoleon war als Begründer einer neuen Dynastie gezwungen, die Herrschaft seiner weit verzweigten Verwandtschaft noch zu seinen Lebzeiten Europa überzustülpen. (Er war sogar mit einer Habsburgerin verheiratet.) Er mußte gegen seine Hauptrivalen England und Rußland die Kriege führen, die das glückliche Österreich sich durch taktische Verheiratungen für gewöhnlich erspart hatte und die Napoleons Projekt der Errichtung eines französischen Weltmarktes mit allen Mitteln (und Metternichs heimlicher Unterstützung) zu torpedieren wußten.

Das 1815 in 28 Klein- und Mittelstaaten und zwei Großmächte zersplitterte Deutschland ist 1848, anders von Marx und Engels erhofft und erwartet, nicht vom Krähen des gallischen Hahns geweckt worden, sondern dem monotonen Gleichklang seiner Kirchenglocken erlegen und wird eines Tages, wenn es so weiter träumt, von dem Ruf des Muezzins aus dem Schlaf gerissen werden. Aber anstelle von „Wir sind Charlie“ erschallt aus dem sächsischen Mittelstaat, der auf dem Wiener Kongreß 1815 von den Großmächten zu einem Drittel an Preußen verfüttert wurde: „Wir sind das Volk“. Offenbar immer noch dasselbe „Volk“, das der in preußischen und russischen Diensten stehende Kleinadlige Freiherr vom Stein gegen Napoleon mobilisieren wollte, um die Einheit des monströsen Altdeutschen Reiches wiederherzustellen, dessen Kaiserkrone Habsburg zu schwer war und an dem sich alle europäischen Mittel- und Großmächte über Generationen zuvor die Füße abgetreten hatten? So gesehen ist das Hingezogensein der Dresdner Restpreußen zu Putin nicht wirklich verwunderlich.


III

Wenn der Plan des Bush-Sohnes verwirklicht worden wäre, in Polen anti-ballistische Raketen zu stationieren, von denen nicht nur iranische, sondern auch russische strategische Raketen hätten abgefangen werden können und Rußland als potentieller Welthegemonialmacht die Flügel beschnitten worden wären, hätte das der Ukraine die Annexion der Krim und alles weitere erspart, während sich Rußland mit der Rolle einer atomaren Mittelmacht, wie sie heute etwa Frankreich und England innehaben, hätte abfinden müssen. Dagegen erlaubte es die von der Partei Die Linke bis hinein in die Schrödersche Sozialdemokratie gerührte Anti-Bush-Trommel Putin, im Gegenzug zu dem Aufstand der ukrainischen Bevölkerung auf dem Majdan gegen Putins Statthalter in Kiew nach demselben Schema, nach dem Assad die Arabische Revolution in Syrien abgewürgt hatte, die Krim zu annektieren, seine tschetschenischen Shabbiha in den Donbass zu schicken und weitere Teile der Ukraine Stück für Stück vom Mutterland loszureißen.

Wer nun geglaubt hatte, daß die Europäer ihre Lektion aus ihrem passiven Verhalten gegenüber den eindeutigen Verbrechen gegen die Menschheit des Assad-Regimes gelernt hatten, täuschte sich auch hier gründlich. War es ihnen denn nicht schon einmal gelungen, das Sozialistische Lager mit ökonomischen Mitteln zur Kapitulation zu zwingen? Warum sollte das im Fall der Ukraine gegen Putins Rußland nicht ein zweites Mal funktionieren? Aber da das Sozialistische Lager inzwischen zum hybriden anti-‘westlichen‘ Lager bestehend aus China, Rußland und einigen Staaten der ‚Dritten Welt‘ mutiert ist und sich in seiner Zusammensetzung ständig ändert, ist es als Feind des ‚Westens‘ schwer greifbar. Das griechische Pendant zur deutschen Partei Die Linke, Syriza, läßt sich geschickt vom ‚Westen‘ aushalten, betreibt aber gleichzeitig eine Politik der Spaltung Europas, die hervorragend in Putins Konzept einer aggressiven Vorwärts-Strategie paßt.

Hinzukommt, daß heute, wie vor 80 Jahren, jeder Kapitalist und jeder Staat in der Weltwirtschaftskrise sich selbst der Nächste ist und gleichzeitig die aktuellen und potentiellen Welthegemonialmächte diese Krise nutzen, um ihre Weltmarkt- und Weltmachtposition als zukünftige Number One zu festigen oder wie im Falle Chinas überhaupt erst zu begründen. Aus chinesischer Perspektive befindet sich Rußland – für die Europäer mag der entgegengesetzte Eindruck entstanden sein – in der Rolle des Juniorpartners Chinas. Schon im Krieg der westlichen Allianz gegen die afghanischen Taliban konnte China in seinem südasiatischen Hinterhof punkten, obwohl es in seinen Westprovinzen ebenfalls mit (uigurischen) Islamisten konfrontiert ist, gegen die mit brutaler Entschlossenheit ein ‚Volkskrieg‘ geführt wird. Aus dem selben Grund wird das Assad-Regime mit politischen, diplomatischen, militärischen Mitteln von China, Rußland und nun auch den USA künstlich am Leben erhalten und vor der Arabischen Revolution geschützt. Die USA müssen in Zukunft einen Zweifrontenkrieg gleichzeitig im Atlantik und im Pazifik, im Nahen wie im Fernen Osten vermeiden. Von der Seite, der es gelingt, die andere einzukreisen, kann diese leichter vernichtet werden. In dieser Konstellation scheint sich Europa in der Mausefalle zu befinden; es kann nur darauf setzen, daß Rußland und China wegen Europa in Streit geraten, der sino-sowjetische Konflikt zu neuem Leben erwacht und China eine russische Hegemonie über die eurasische Landmasse vom Atlantik zum Pazifik auf die Dauer nicht dulden wird.

Rußland ist zunehmend, wie bereits von Lenin befürchtet, von einer europäischen zu einer (halb-)asiatischen Weltmacht und das übrige Europa zu einem Anhängsel der USA und Chinas geworden. Hitler meinte den Krieg gegen seine Erzfeinde, die USA und das jüdische Kapital, nur gewinnen zu können, wenn er die Weiten der Ukraine und Belorußlands nach der Versklavung, Vertreibung und Vernichtung der dort lebenden Bevölkerung mit den überzähligen deutschen Bauernsöhnen hätte besiedeln und zur Kornkammer Europas machen können. Putin benötigt das industrielle know-how Europas, um den Rhein zur deutschen Wolga zu machen, so wie Hitler die Wolga zum Mississippi Eurasiens machen wollte.

Was auch immer geschehen wird, eines ist sicher: Europa wird (schon zum wievielten Mal?) nicht mehr das sein, was es bisher war.

Veröffentlicht in BLogbuch | Kommentieren

Reaktionen (2014) »

[gepostet und mit Fußnoten versehen 02 2015]

Die REAKTIONEN auf die Texte der partei Marx haben erfreulicherweise zugenommen, was ich als ein positives Zeichen werte, daß die Diskussion nicht völlig eingeschlafen ist. Einzelne Begriffe wurden mit zusätzlichen Erläuterungen versehen.
Ulrich Knaudt

 

Ulrich Knaudt an H.B. (16.01.2014)

Betreff: NF II

Lieber H., ich vermute, Du meintest unter dem Link ‚Lectures‘ den Vortrag von Christof Lieber: ‚Das Eigentum in der Theorie und Politik der Linken‘, im November in der Hellen Panke. [1] Allerdings fand ich darin keinen Bezug zur N[ationalen]F[rage]; dafür einige interessante Bemerkungen zur Bauernfrage. Obwohl er darüber nur kursorische Ausführungen macht, scheint er nicht mehr seine frühere Position zur 2. Revolution Stalins im Sinne Stalins zu vertreten, sondern er spricht nun eher vage von den Schwächen der Bolschewiki, den es nicht gelungen sei, die Eigentumsverhältnisse so aufzulösen, daß dabei ein einziges großes Eigentumsverhältnis übrig bleibt. Worin aber bestünde dieses: im Kommunismus der commune rurale oder der Lohnsklaverei oder beidem? Und welches wäre dann das größere von beiden?

Jedenfalls bis bald und viele Grüße

Ulrich

[1] Pankower Vorträge 187 Die Eigentumsfrage heute Christoph Lieber: Das Eigentum in Theorie und Politik der Linken. Hinweise und Anregungen aus der Marx‘schen ‚Kritik der politischen Ökonomie‘.

____________________________________________________________________________________

Franz Witsch an Ulrich Knaudt e.a. (27.01.2014)


Liebe FreundeInnen des politischen Engagements, es gab in den letzten Tagen ein Vielzahl von Reaktionen auf die „Petition gegen Markus Lanz“, die mittlerweile über 200.000 Unterschriften zusammen bekommen hat. Ich möchte dem internen Blindverteiler (500 Unterschriften) drei Reaktionen zur Kenntnis geben. [Es folgen drei Links:]

(1) Georg Diez, Umstrittenes Lanz-Interview: Der Pesthauch des Konformismus, Spiegel Online vom

24.01.2014.

Link: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/das-undemokratische-zdf-markuslanz-und-sahra-

wagenknecht-a-945361.html

(2) Markus Ehrenberg, Matthias Meisner, Online-Petitionen um Markus Lanz: Alles nur Show, Tagesspiegel

vom 27.01.2014.

Link: http://www.tagesspiegel.de/medien/online-petitionen-um-markuslanz-alles-nur-show/

9390110.html
(3) Uwe Ebbinghaus, Aufruhr gegen Markus Lanz: Die neue Quotenkeule, Faz.net vom 24.01.2014.

Link: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/aufruhr-gegen-markus-lanz-dieneue-quotenkeule-

12768066.html

Die meisten Kommentare zur Petition weisen auch nicht mehr Niveau auf als die LANZ-Sendung. Mit dem Kommentar von Georg Diez, siehe Link (1), kann ich mich allerdings anfreunden.

Es ist sehr wichtig, dass Bürger sich endlich mal zu sozial-politischen Themen äußern, ihren Ärger nicht nur herunterschlucken. Damit haben einige Meinungsmacher ganz offensichtlich so ihre Probleme, Leute als da sind: Markus Ehrenberg, Matthias Meisner, Dieter Nur, siehe Link (2), oder Uwe Ebbinghaus von der FAZ, siehe Link (3).

Es gehört es sich ganz offensichtlich nicht, wenn Bürger sich öffentlich äußern, noch dazu kritisch gegen gut bezahlte Meinungsmacher, obwohl jene Bürger dafür noch nicht einmal bezahlt werden.

Herzliche Grüße

Franz Witsch

___________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an Franz Witsch (28.01.2014)


Lieber Franz Witsch, vielen Dank, für Deine Bemühungen, die Du Dir in dieser Angelegenheit machst. Was ich nicht verstehe, ist warum der Gebührenzahlerin aus Leipzig gerade diese Sendung aufgestoßen ist. Könnte es nicht sein, daß darin ausgerechnet eine Ikone (vermutlich) ihrer Partei (auf eine zweifellos sehr oberschülerhafte Tour und daher vergeblich) abgewatscht werden sollte? [1] Wären, einen Schritt weiter gedacht, dann solche Sendungen wegen ihres darin zutage tretenden ‚Antikommunismus‘ zu verbieten? Dieser Talkmaster war einfach unfähig, einer Politikerin dieses Schlages Paroli zu bieten, während die Gegenseite ([die] Jörges oder so ähnlich hieß) auch nur moralisch argumentierte. Talksendungen sind eigentlich für mich Zeitverschwendung. Ich habe auch hier nur ein Drittel geschafft.

Ein Freund des politischen Engagements


[1] Gemeint ist Sahra Wagenknecht.

____________________________________________________________________________________

Franz Witsch an Ulrich Knaudt (29.01.2014)


Danke für Ihre Stellungnahme.

Die Talksendungen, nicht nur LANZ, sind in der Tat eine Zumutung.

Herzlichst

Franz Witsch


____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an Franz Witsch (30.01.2014)

Betreff: Re: Reaktionen auf die Petition gegen Markus Lanz: meist niveaulos.


Sehr geehrter Herr Witsch, Sie sind leider auf den politischen Kern meiner Stellungnahme nicht eingegangen, der in einem Satz lautete: ob neben den bereits bestehenden eine weitere Tabuzone in der Bundesrepublik einrichtet werden soll, in der die Kritiker von linken Berufspolitikern öffentlich gemobbt werden und deren (zweifellos unprofessionelle) Kritik an einem einzelnen Exemplar dieser Berufsgruppe als gefühlte Majestätsbeleidigung an den Internet-Pranger gestellt und dem Populismus (welcher Couleur auch immer) zum Fraß überlassen wird?

Mit freundlichen Grüßen

Ernst-Ulrich Knaudt

___________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (08.02.2014)

Betreff: Bauern III


Lieber H., zu der Bauernproblematik habe ich beim Durchstöbern meines Archivs außer dem gesuchten noch weitere Artikel zu dem Thema gefunden, die ich Dir in zwei Tranchen schicken werde. BAUERN III enthält als Anhang ein Exzerpt aus Harbach zum Gothaer Programm. Ich habe es ein wenig lesbarer gemacht, aber darüber hinausgehend nicht überarbeitet. [1]

Der Titel zu dem Buch, das ich Dir genannt habe: David R. MONTGOMERY: Dreck. Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert, München 2010. Zu den Masch-Vorträgen bin ich noch nicht gekommen, da ich selbst an etwas Längerem sitze. …

Herzliche Grüße

Ulrich


[1] parteimarx.org REAKTIONEN 2014 ANHANG 1.


____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (02.04.2014)

Betreff: Fwd: Dokument.pdf


Lieber H.,

[…]

Es ist schon seltsam, daß ich auf den politischen Text (Busch) [1] bisher wenig Lust hatte, dafür das marxologische Zeug (Sgro) sehr interessant fand. [2]

Wahrscheinlich habe ich zuviel ND gelesen in der letzten Zeit, sodaß mich diese Schreibe ziemlich anödet. Aber ich werde ihn lesen. Sgros Fehler ist i.w., daß er sich mit den G[und]R[issen] zur Kritik der politischen Ökonomie] nicht explizit beschäftigt. Ich kann das im Augenblick auch nicht.

Aber mir ist zumindest an seinem Papier klar geworden, daß der Unterschied zwischen der Marxschen Herangehensweise (Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten) und der bürgerlichen der ist, daß darin ein Abstieg vom Abstrakten zum Konkreten stattfindet: Wir gehen aus von einem Land, seinen Bewohnern, ihrer Geographie, Ökonomie usw., wie es in den GR[undrissen zur Kritik der politischen Ökonomie] über die herkömmliche Herangehensweise (in etwa) heißt. Darauf geht Sgro aber nicht im einzelnen bezogen auf den Text ein und daher kann er den Unterschied auch nicht beim Schopfe packen. (Vielleicht will er das auch gar nicht!) Obwohl er richtig herausarbeitet, daß es diese Theorie-Anwendung[s]-Dialektik in diesem schematischen Sinn bei Marx nicht gibt, sondern dessen Kritik der ökonomischen Theorien nicht unmittelbar auf eine solche hinausläuft (die einzige ‚Anwendung‘ wäre seit Lohnarbeit und Kapital die Politik der Marxschen Partei in den Klassenkämpfen und deren Analysen usw., aber das würde ich eher als Orientierung bezeichnen), zitiert d.A. unkritisch Wygodski (Fn. 27) [3], für den sich aus der Marxschen Theorie »die Notwendigkeit zur Ausarbeitung einiger vermittelnder Kettenglieder« ergeben habe, »die es ermöglichen, die abstrakte Theorie auf die konkrete Wirklichkeit anzuwenden«. Daraus habe Fineschi seine ‚Kugellager-Theorie‘ abgeleitet. Die kenne ich zwar nicht (wohl aber Fineschi) [4], aber wie man das Ding auch dreht und wendet, heraus kommt genau die Herangehensweise, die K.[arl]M.[arx] in den GR als die übliche bürgerliche Methode seiner eigenen Herangehensweise gegenüberstellt, nur jetzt mit dem Marxismus als dem Abstrakten, von dem ausgehend der Marxist zum Konkreten absteigt. Also entweder Aufstieg (Marx) oder Abstieg vom Abstrakten zum Konkreten (Marxisten)!

Ich habe in den letzten Monaten einen Haufen Material zu Syrien, Rußland, China gesammelt, stelle aber fest, daß ich das im Grunde alles vergessen kann, wenn ich nicht vom Abstrakten ausgehe, von dem aufsteigend, ich zum Konkreten, daß dieses Abstraktum jeweils konkret ausdrückt, gelange. Also weiter im Text.

[…]

Herzliche Grüße Ulrich

[1] Ulrich Busch: Die ökonomische Theorie von Marx und die Irrtümer der DDR, in: Ökonomie und Gesellschaft Jahrbuch 24, Marburg 2012 (183-205).
[2] Giovanni Sgro: Vom Abstrakten zum konkreten historischen Milieu. Die An- und Verwendbarkeit der Marxschen Analyse der kapitalistischen Produktionsweise; in: Ökonomie und Gesellschaft Jahrbuch 24, Marburg 2012 (167-182).
[3] W. Wygodski: Die dialektische Einheit von Forschungs- und Darstellungsmethode im politikökonomischen Schaffen von Karl Marx und ihre schöpferische Anwendung durch W.I. Lenin, in: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung 1978 (57-72).
[4] parteimarx.org DEBATTE 3 ANHANG 3 Ulrich Knaudt: Offener Brief an Roberto Fineschi.

____________________________________________________________________________________
Ulrich Knaudt an GdS (25.05.2014)


Hallo (ehemaliges) Buchladen-Kollektiv,

vielen Dank für GdS 11-12/2013 [I] 1-2/2014 [II], deren Zusendung ich als ein Anzeichen dessen interpretiere, daß Ihr die in meinem Brief vom 23.09. vorigen Jahres geäußerte geharnischte Kritik an ‚Eurer‘ Asylpolitik nicht ‚persönlich‘ nehmt. Die darin zum Thema Syrien geäußerte vernichtende Kritik an der ‚gesamtdeutschen Linken‘ findet Ihr jetzt auch auf meiner Web Site im BLogbuch 1 2014, womit Eure Frage: »Warum entwickeln sich Klassenkämpfe in einem Land wie Deutschland so schwer?« auch teilweise beantwortet wird. Es kommt halt immer drauf an, was man unter Klassenkampf in der konkreten Situation versteht.

Dazu hatte ich in BLogbuch 1 2013 das Verhältnis soziale politische Revolution bei Marx und Engels ausgehend von dem Satz im K[ommunistischen]M[anifest]: ‚Die Arbeiter haben kein Vaterland‘ einer vom Linken Mainstream abweichenden Interpretation unterzogen. Der Kern meiner Überlegungen ist, daß bei Marx zwischen den Klassenkämpfen in Frankreich und England, dem damaligen Beherrscher des Weltkapitalismus, und der Revolution gegen das Ancien Regime in den übrigen europäischen Nationen, in denen sich die kapitalistische Produktionsweise nur marginal (kaum industrielles, vorherrschend zinstragendes Kapital) durchsetzen konnte, ein prinzipieller Unterschied, aber auch eine Gemeinsamkeit besteht, die Marx und Engels seitdem nie aus den Augen verloren haben: »Die Entwicklung des industriellen Proletariats ist überhaupt bedingt durch die Entwicklung der industriellen Bourgeoisie. Unter ihrer Herrschaft gewinnt es erst die ausgedehnte nationale Existenz, die seine Revolution zu einer nationalen erheben kann, schafft es selbst erst die modernen Produktionsmittel, welche ebenso viele Mittel seiner Befreiung werden. Ihre Herrschaft reißt erst die materiellen Wurzeln der feudalen Gesellschaft aus und ebnet das Terrain, worauf allein eine proletarische Revolution möglich ist.« (MEW 7,18) [1]

Abgesehen davon, daß es die industrielle Bourgeoisie ist, unter deren Herrschaft das »industrielle Proletariat« erst seine nationale Existenz gewinnt (davor hat es entweder überhaupt nicht existent oder nur in einem lokal beschränkten Sinn), ist der Halbsatz: »schafft es selbst erst die modernen Produktionsmittel…« meiner Ansicht nach von ganz entscheidender Bedeutung. Denn darin ist jene in der ML-Bewegung (Die Linke konzentriert sich eher auf die Unterwanderung und Übernahme des bürgerlichen Gewerkschaftsapparats) gängige Dichotomie von ‚Draußen‘-‘Drinnen‘, wir hier draußen blicken nach dort drinnen, in die Betriebe, mit der sehnsüchtigen Erwartung, daß das da drinnen ein von Streik zu Streik immer revolutionärer voranschreitende Proletariat schließlich in einem Generalstreik die Bourgeoisie stürzt, aufgehoben, weil das »industrielle Proletariat«, welches das Kapital produziert, zugleich mit der Schaffung der »modernen Produktionsmittel« die »Mittel seiner Befreiung« erzeugt; es schafft eigenhändig und in persona die Voraussetzungen für die eigene Existenz als revolutionäre Klasse (an sich) in einer Art work in progress, worin es zugleich die Bedingungen dafür erzeugt, die kapitalistische Produktionsweise aufzuheben.

Wie aber paßt das mit dem folgenden Satz zusammen, in dem die Herrschaft der industriellen Bourgeoisie als Wegbereiter der proletarischen Revolution gekennzeichnet wird, d.h. daß »erst« durch das Herausreißen der »materiellen Wurzeln der feudalen Gesellschaft … das Terrain, worauf allein [!] eine proletarische Revolution möglich ist«, dieser der Weg von der industriellen Bourgeoisie geebnet wird? Zwischen dem Ancien Régime, der Herrschaft der industriellen Bourgeoisie und der proletarische Revolution bestehen bei Marx keine mechanistisch getrennten Stadien (erst muß das eine Stadium sich erfüllen, bevor das andere Stadium eintreten kann = Histomat), sondern diese Voraussetzung bereitet sich unter der Bedingung des ständigen Zersetzungsprozesses der Feudalgesellschaft vor. Die Warenbeziehungen untergraben Tag für Tag die ständische Idylle des fleißigen Handwerkers in seinem Familienbetrieb (die in ihrer modernen Form des ‚Existenzgründers‘ usw. fortexistiert), bis der Punkt erreicht ist, da die industrielle Bourgeoisie bei den schlesischen Webern an die Tür klopft, um sie vor selbige zu setzen und sie in Proletarier zu verwandeln, in denen wiederum die Feudalklasse die individuell werkelnden Handwerksfamilien plötzlich als Leidensgenossen entdeckt, obwohl sie zuvor deren Weg an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds gebahnt und sie auf die ‚andere‘, die himmlische ‚Welt, die möglich ist‘, vertröstet hat. Dieser Kampf zwischen industrieller Bourgeoisie und Feudalklasse, in dem sich diese mit dem Handwerksstand gegen die industrielle Bourgeoisie verbrüdert (siehe auch Lassalles Kooperativen mit Staatskredit), ist auch Klassenkampf. Allerdings führt er im besten Fall über eine politische Revolution zur Ersetzung der einen Klassenherrschaft durch die andere, während der Klassenkampf des Proletariats über die Klassenherrschaft des Proletariats zum Kommunismus führt. Die Februarrevolution [in Paris] 1848 ließ in Marxens Resümee schließlich »die Bourgeoisherrschaft rein hervortreten, indem sie die Krone abschlug, hinter der sich das Kapital versteckt hielt.« Nicht mehr und nicht weniger.

Aber mit diesem Resultat begnügt sich Marx nicht, sondern er untersucht den Entwicklungsprozeß, der auf seiten des Proletariats zu diesem Ergebnis geführt hat:

1. Die Bourgeoisie erlaubt dem Proletariat nur eine einzige Usurpation: den Kampf (vgl. den Maidan in Kiew).

2. Das Proletariat erkämpft darin das Terrain, auf dem seine revolutionäre Emanzipation stattfinde.

3. Auf diesem Terrain tritt die Bourgeoisherrschaft, die bisher von irgendwelchen feudalen Institutionen kaschiert wurde, rein hervor. (Dies ist exakt die Bestimmung des Proletariats in der Arabischen Revolution und auf dem Kiewer Maidan.)

4. Die Lohnarbeit ist die in der bürgerlichen Gesellschaft einzig vorhandene Organisation der Arbeit und die Forderung der Arbeiterführer nach einer ‚anderen‘ (ein Lieblingswort Der Linken) Organisation der Arbeit innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft eine nebelhafte Vorstellung von einem sozialistischen Paradies.
5. Die Pariser Arbeiter glauben, sich
neben der Bourgeoisie und neben den übrigen Bourgeoisnationen, die zusammen den Weltmarkt bilden, emanzipieren zu können. (‚Eine andere Welt ist möglich‘.)

Diese Vorstellung von einer sich »neben der Bourgeoisie« emanzipierenden oppositionellen Bewegung dominiert heute die gesamte Linke (von der Arbeiterklasse ist nur noch in den seltensten Fällen die Rede). »Wie die Arbeiter glaubten, neben der Bourgeoisie sich emanzipieren, so meinten sie, neben den übrigen Bourgeoisnationen innerhalb der nationalen Wände Frankreichs eine proletarische Revolution vollziehen zu können. Aber die französischen Produktionsverhältnisse sind bedingt durch den auswärtigen Handel Frankreichs, durch seine Stellung auf dem Weltmarkt und die Gesetze desselben; wie sollte Frankreich sie brechen ohne einen europäischen Revolutionskrieg, der auf den Despoten des Weltmarkts, England, zurückschlüge? Eine Klasse, worin sich die revolutionären Interessen der Gesellschaft konzentrieren, sobald sie sich erhoben hat, findet unmittelbar in ihrer eigenen Lage den Inhalt und das Material ihrer revolutionären Tätigkeit: Feinde niederzuschlagen, durch das Bedürfnis des Kampfes gegebene Maßregeln zu ergreifen; die Konsequenzen ihrer Taten treiben sie weiter. Sie stellt keine theoretischen Untersuchungen über ihre eigenen Aufgaben an. Die französische Arbeiterklasse befand sich nicht auf diesem Standpunkte, sie war noch unfähig, ihre eigene Revolution durchzuführen.« (MEW 7,19) M.a.W. ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Bewegung (Lenin), keine »eigene Revolution« der Arbeiter.

Wenn Ihr also die Frage stellt, warum »sich Klassenkämpfe in einem Land wie Deutschland so schwer (entwickeln)?«, was eine berechtigte Frage ist, zumal darin eine Reflexionshaltung eingenommen wird, mit der von Euch die Bewegung, die darauf verzichtet, und auf die Ihr Euch bezieht, in Frage gestellt wird (wofür sich bei Euch einige zarte Ansätze finden lassen), dann wäre dazu die Beziehung zwischen der »Entwicklung des industriellen Proletariats« und dem Herausreißen der »materiellen Wurzeln der feudalen Gesellschaft« zur Schaffung des Terrains, »worauf allein [!] eine proletarische Revolution möglich ist« in Anlehnung an die Vorgehensweise der von Marx analysierten Klassen- und Produktionsverhältnisse als Voraussetzung und Bedingung der heutigen Klassenkämpfe konkret zu untersuchen. Siehe dazu mein neuestes BLogbuch, das ich nicht weiter kommentieren will. [2] Unter dem Strich ist dabei herausgekommen, daß die Klassenverhältnisse auf der Welt (was, wenn auch isoliert und ohne Zusammenhang mit dem, was sonst auf der Welt passiert, in dem Bericht über Streiks in Kampuchea zum Ausdruck kommt) dominiert werden von der Großen Wirtschaftskrise, einer Jahrhundertkrise, in der die kapitalistische Produktionsweise kräftig durchgerüttelt wird und bürgerliche Ideologen sich selbst fragen, wie die bürgerliche Gesellschaft diese Krise eigentlich noch aushalten und überstehen soll. Hier kommen dann die modernen Vertreter der oben genannten »feudalen Gesellschaft« ins Spiel, die den Kapitalismus auf vorkapitalistische Verhältnisse zurückdrehen wollen. Der große Trick besteht u.a. darin, daß sie das mit ‚antikapitalistischen‘ Parolen tun, die bei den Wähler- und Volksmassen in dieser verfahrenen Situation verfangen, weil sie darin einen Ausweg zu finden hoffen.

Der junge Arzt aus Kreta (FAZ vom 24.05.) steht vor der Wahl, Deutsch zu lernen, damit er in Deutschland einen Job findet oder sich Syriza oder der Morgenröte anzuschließen, um diese bürgerliche Gesellschaft abzuschaffen und durch einen linken oder rechten Faschismus auszutauschen, von dem er von der Not getrieben annimmt, daß dieser ihm sein persönliches Fortkommen sichert. Die politischen Folgen solcher Gedankenspiele sind bekannt. Dabei steht außer Frage, daß die erste Alternative, also Deutsch lernen, auf den Boden der Realität der kapitalistischen Produktionsweise zurückverweist, die zweite an dieser Realität verzweifeln läßt und auf eine rückwärtsgewandte Utopie hinausläuft, worunter ich letzten Endes auch den N[ational]S[ozialismus] einordnen würde. Davon lese ich bei Euch kein Sterbenswörtchen, d h. ausgehend vom Marxschen ‚Kapital‘ und der Politik der ‚Marxschen Partei‘ diese Verhältnisse politisch zu analysieren. Dieses Manko würde ich an folgendem konkret festmachen:

1. Steht Ihr so hoch erhoben und erhaben über dem politischen Alltagsgeschehen, daß Ihr es nicht nötig habt, Eure Kritik an der konkreten Widerlegung konkreter Ansichten exemplarisch zu demonstrieren und zu beweisen. Ihr zitiert Was tun?, [3] dann schaut Euch an, wie Lenin dort detailliert und konkret und immer wieder auf die Argumente jedes einzelnen seiner Gegner eingeht. In allen seinen Artikeln und Aufsätzen ist seine Kritik immer an einen konkreten Adressaten gerichtet. Solche kann ich bei Euch nur sporadisch finden. Die Kritik an Der Linken (I,3 Kasten) [4], die ich grundsätzlich unterschreibe (dort werden zumindest Gysi und Wagenknecht konkret genannt verbunden mit einem Zitat) ist eine rühmliche Ausnahme. Der Haupttext wimmelt aber eher von Gemeinplätzen, Befindlichkeitserklärungen, leeren Parolen.
2. Zur Frage, warum sich in D[eutschland] die Klassenkämpfe so schwer entwickeln, stellt sich die Gegenfrage, von welchem Begriff des Klassenkampfes Ihr überhaupt ausgeht. Auch da wäre wiederum an Lenin und
Was tun? zu erinnern, der gerade in diesem Text unter Klassenkampf nicht nur ein Teewasser-Problem versteht, sondern damit unbedingt die politischen Verhältnisse im zaristischen Rußland in Verbindung bringt. Wie sähe das heute in D[eutschland] und Europa aus? Nach meiner These gehört zum entscheidenden Inventar bürgerlicher Ideologie in der momentanen Weltwirtschaftskrise der Versuch des Zurückdrehens der kapitalistischen Verhältnisse auf vorkapitalistische. Oder weshalb kann die CDU in Hessen so prima mit den Grünen koalieren? Wahrscheinlich weil dort ähnlich wie bei Rotgrün in den 80er Jahren, an einer schwarz-grünen Koalition für 2017 herumexperimentiert wird. Die Bourgeoisie findet immer einen Dreh, um den Konsequenzen, die sich, wie jeder glaubt, aus dem Bankrott des Kapitalismus ergeben müßten, wie ein angeschlagener Boxer nach rückwärts auszuweichen und dann auf den faschistischen Vorwärtsgang umzuschalten. So würde ich auch den N[ational]S[ozialismus] historisch interpretieren. Aber das ist eine andere Diskussion. Lenin ist dem Marxschen Klassenkampf-Konzept gefolgt, während das Stalinsche dieses verengt und in die Integration der Arbeiterklasse in ein umfassendes Knastsystem und ein System freiwilliger Zwangsarbeit mündet. Das Marxsche geht von der revolutionären Selbstbestimmung der Klasse bei der Organisierung der Diktatur des Proletariats aus. Das Stalinsche stülpt der Klasse unterstützt von ihrer Arbeiterelite (Stachanow als Pendant zur heutigen westlichen Arbeiteraristokratie) die Diktatur des Proletariats über und organisiert den Schutz der Errungenschaften seiner neuen Bourgeoisie durch Parteibürokratie und Geheimpolizei.

3. Die optisch hervortretende Plazierung des Berichts über ökonomischen Klassenkämpfe in Kampuchea ist zu begrüßen (II,1 Kasten) [5]. Wenn ihr diesen Bericht auch [noch] rein optisch unter die Fragestellung der Klassenkämpfe in Deutschland gestellt hättet, dann hätte man zumindest andeuten können, wie Ihr das Verhältnis zwischen der deutschen und der kambodschanischen Arbeiterklasse interpretiert? So steht der Hauptartikel und der Kasten ohne innere Beziehung einfach nebeneinander. Da würde ein Blick auf das Marxsche Kapital weiterhelfen, wenn man versucht, die Frage zu beantworten, warum a. die Arbeiterinnen in Kampuchea trotz der Hungerlöhne verglichen mit den mageren Erträgen der Landwirtschaft in der Lage sind, ihre Familie vor dem Verhungern zu bewahren und b. warum sich die Spitzengruppen der deutschen Arbeiterfamilien ein Eigenheim, einen Zweitwagen und mehrere Urlaube im Süden leisten können? Sind die deutschen Kapitalisten so spendabel, daß sie auf ihre Profite verzichten oder ist die Produktivkraft der Arbeit so enorm, daß damit verglichen die Arbeitslöhne auch hier Peanuts bleiben!? Und wie hängt beides zusammen, wenn in beiden Fällen doch wohl Mehrwert produziert wird? Oder nicht? Ohne einen solchen Vergleich verfällt Eure Kritik an den kampucheanischen Verhältnissen in eben jene Tränendrüsen-Agitprop der Linken, mit deren Unterstützung das deutsche Kapital in Kampuchea von den Zuständen in den dortigen Sweatshops prima ablenken kann. (Ich behaupte nicht pauschal, daß Ihr auch so argumentiert, sehe aber auch nicht , wie Ihr diese Tendenz vermeiden wollt.)

4. Ihr erklärt die Arbeiteraristokratie zu einer Schicht innerhalb der Arbeiterklasse, die »sich höchstwahrscheinlich nahezu vollständig auf die Seite der Konterrevolution stellen wird.« (II.4c) [6] Ob dies der Fall sein wird, hängt im Grunde davon ab, wie die zu erwartende revolutionäre Situation bestimmt wird. Auf jeden Fall ist festzuhalten, daß die Arbeiter sich nicht nur deshalb zurückhalten, weil sie einfach manipuliert sind. Auf der einen Seite zieht es das Kapital bei Massenproduktion in die Länder, in denen der niedrigste Lebensstandard herrscht, in denen aber die Gesellschaft noch einigermaßen konsistent ist (Landwirtschaft), während es in den ‚Metropolen‘ eher eine ‚werthaltige‘ Produktion betreibt, d.h. wo die gesamte Mehrwertmasse in wenigen Einzelprodukten (Flugzeug, Werkzeugmaschine, Rakete, Panzer) steckt.

Ich habe in dem neuesten BLogbuch dazu einige Überlegungen angestellt, die darauf hinauslaufen, daß die revolutionäre Situation in Europa in Zukunft durch die neue imperialistische Außenpolitik Rußlands dominiert werden wird und der von Marx und Engels analysierten Lage in Europa seit 1848 (siehe Krim-Krieg 1854) ziemlich ähnlich sieht. Wenn Europa von einer imperialistischen Invasion mit Rückendeckung Chinas bedroht wird, dann entspricht das etwa der Konstellation, die Friedrich Engels in Die auswärtige Politik des russischen Zarentums analysiert hat, worin er im übrigen völlig mit der Marxschen Analyse übereinstimmt. [7] Verkürzt formuliert: sollten etwa Rußland und China einen faschistischen Krieg gegen Europa führen, dann stellt sich der Klassenkampf und die Bestimmung des Hauptfeindes und seiner Verbündeten anders dar als bisher. Dann muß auch die Rolle der Arbeiteraristokratie neu bestimmt werden, wie übrigens auch [die] der Linken, die darin vorhersehbar als Quislings-Partei auftreten bzw. sich daran spalten wird. Ich will damit nur sagen, es gibt keine ewig richtige Bestimmung der Rolle der Arbeiteraristokratie. Diese hängt heute von der in Europa neu entstandenen Situation seit der Annexion der Krim und davon ab, ob sie sich mit dem größten Teil der Linken auf die Seite des neuen Faschismus schlägt oder sich gegen diesen positioniert. Die deutsche Arbeiterklasse wählt bürgerlich, das steht fest. Le Pen hat ihre Hochburg in den Industrierevieren im Norden, die früher komplett von der KPF dominiert wurden. Eine kommunistische Organisation, die zu diesen alles Bisherige umstürzenden Wendungen der Geschichte nichts zu sagen weiß, sollte sich besser in die Sozialdemokratie oder Die Linke auflösen oder es ganz sein lassen. Der Kasten auf Seite 1 (I.1) [8] über die Ukraine ist gemessen daran ein ziemlich unartikuliertes politisches Gestotter. Ja, gut, »…die Wahrheit ist hier sehr, sehr konkret«, dann macht Euch schnellstens an die Arbeit, sie zu analysieren!

Das heißt nicht, sonst würden wir nicht mehr miteinander reden, daß wir in bestimmten Positionen nicht punktuell übereinstimmen, wozu Eure Kritik am Antiamerikanismus des ‚imperialistischen Kleinbürgertums‘, der ob von rechts oder links kommend mit dem Antiamerikanismus der Nazis übereinstimmt, gehört. (Übrigens las ich in einer Rezension zu einem Buch über den jungen Hitler aus seiner Zeit unmittelbar nach 1918, daß dieser zunächst gar nicht primär Antisemit, sondern Antikapitalist war und in erster Linie die USA haßte. [9) In sofern stimme ich mit Eurer Kritik am Antiamerikanismus, ob von links oder rechts kommend, und Eurer Erwägung, daß die USA im Zweiten W[elt]K[rieg] als Alliierte gemeinsam mit der Sowjetunion gegen Hitler gekämpft haben (aus welchen Motiven auch immer), überein. Allerdings bleibt auch festzuhalten, daß sich darin unsere Ansichten ausgehend von den zwei extremen Gegenpositionen bei der Einschätzung der Entwicklung der SU von der Revolution zur Konterrevolution sozusagen in der Mitte treffen. Aber auch das könnte sich in bestimmten veränderten Situationen als zweitrangig erweisen.

[1] Karl Marx: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850 MEW 7 (11-107).
[2] parteimarx.org
BLogbuch 1 2014: Revolution und Konterrevolution in Europa.
[3] GdS 1-2/2014, 5.
[4] GdS 11-12/2013, 3:
Die Partei ‚Die Linke‘ nationalistische Vorreiter für die ‚Souveränität‘ des deutschen Imperialismus.
[5] GdS 1-2/2014, 1:
Mehrere Hunderttausend Textilarbeiter Innen in Kampuchea kämpfen militant für höhere Löhne.
[6] GdS 1-2/2014, 4:
Fakten zu den unterschiedlichen Schichten der Arbeiterklasse und der anderen arbeitenden Menschen.
[7]
Friedrich Engels: Die auswärtige Politik des russischen Zarentums MEW 22 (13-48).
[8] GdS 11-12/2013, 1:
Ukraine und der deutsche Imperialismus.
[9] FAZ 14.03.2014
Die Quellen seines Hasses. Bahnbrechende Erkenntnisse: Vorbeben einer neuen Hitler-Biographie. Rezension eines Beitrags des Historikers Brendan Simms: Against a ‚World of Enemies: The Impact of the First World War on the Development of Hitler‘s Ideology, in: International Affairs. Der Rezensent: »Der künftige Diktator vertrat zwar seit dem Sommer 1919 einen Antisemitismus, der in seiner Heftigkeit und in seiner rassistischen Radikalität seinem Judenhass der frühen vierziger Jahre in nichts nachstand. Hitlers Begründung für seinen Antisemitismus war aber zu dem Zeitpunkt, an dem er zum radikalen Antisemiten mutierte, beinahe ausschließlich antikapitalistisch motiviert. Simms’ Grundthese erscheint auf den ersten Blick provokativ: Zunächst habe sich Hitler zu einem Feind der angloamerikanischen Welt entwickelt, den er bald mit einem ausgeprägten Hass auf einen internationalen Kapitalismus verbunden habe. Erst dadurch sei im nächsten Schritt Hitlers antikapitalistischer Antisemitismus durchgebrochen. Hitlers späterer antisemitischer und antislawischer Antibolschewismus war nach Simms hingegen Mittel zum Zweck, um auf die angloamerikanische Herausforderung erfolgreich reagieren zu können. Es galt, ein deutsches Großreich entstehen zu lassen und so eine globale Parität zwischen der angloamerikanischen und der germanischen Welt herzustellen. Mit anderen Worten: Hitler sah die angelsächsische Welt als Feind, bevor er Juden als Feinde entdeckte, und er sah Juden als Feinde an, bevor er Slawen

und Bolschewisten als Feinde identifizierte.«


____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (26.05.2014)

Betreff: AW BL114


Lieber H., im Anhang der Grund, warum Du lang nichts mehr von mir gehört hast. [1] Ich hätte nicht gedacht, daß mich die Beschäftigung mit diesem Ding so lange in Atem halten wird.

Viel Spaß bei der Lektüre. Die F[uß]N[oten] 23-26 lege ich Dir besonders ans Herz. Ich denke, ich bin da im KAP[ITAL] auf etwas gestoßen, was uns in absehbarer Zeit weiter beschäftigen sollte.

Viele Grüße erst mal.

Ulrich

[1] parteimarx.org BLogbuch 1 2014: Revolution und Konterrevolution in Europa.

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (02.06.2014)

Betreff: AW: BL2014


Danke,

lieber Ulrich

für Deine Mitteilung, für die übersandte Arbeit.

[…]

Werde den Text dann durcharbeiten.

Bin schon neugierig darauf,

sicherlich mit dem Brennpunkt Ukraine.

Mir fällt dazu einiges Wesentliches auf,

u.a. auf phänomenologischer Ebene der gegenseitige Ausschluss von Prinzipien, auf die man sich beruft als Vorwand, zwecks Umhangs eines demokratische Mäntelchens:

territoriale Integrität von Staaten (Völkerrecht, der Westen)

versus Selbstbestimmungsrecht (Rußland)

in Verbindung mit der

Frage nach der Etappe von Revolution bzw. Transformation

demokratische Revolution à la Ägypten etc.

Die Falle: den Westen gegen den Osten, den Osten gegen den Westen

rechtfertigen, verteidigen;

insofern veränderte, neue nationale, internationale Bündnis-Koalitionen […]

[…]

Bis dann,

herzlichen Gruß

H.
____________________________________________________________________________________


H.B. an Ulrich Knaudt (14.06.2014)

Betreff: WG: EU-Politiker haben die Hosen (noch) gestrichen voll


Eine ‚ l i n k e ‘ Empfehlung zur „Neuorientierung“ / „-Justierung“ der europäischen

Politik…

Bin Deinen Blog noch nicht durch.

Bis bald,

H.

Anhang:
Von:Franz Witsch (13.06.2014)

Betreff: EU-Politiker haben die Hosen (noch) gestrichen voll


Liebe FreundeInnen des politischen Engagements,

es ist schon ein Kreuz: die Politiker der EU, allen voran Merkel und Steinmeier, haben die Hosen den USA gegenüber gestrichen voll. Sie wagen es kaum, eigene, vor allem wirtschaftliche Interessen der EU, ins spiel zu bringen, solche, die in Sicherheits- und Wirtschaftsfragen auf eine noch engere politische Kooperation mit Russland setzen.

Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass im Hinblick auf den Ukraine-Konflikt die meisten Leser-Briefe den Texten der Online-Leitmedien zum Teil massiv widersprechen.

Nunmehr könnte sich eine Entspannung zwischen Leitmedien und ihren Lesern anbahnen, tut sich zumindest in den Online-Leitmedien doch etwas, das außenpolitisch in eine etwas andere Richtung zeigt. Dazu möchte ich den interessierten LeserInnen zwei Texte zur Kenntnis geben. Titel und Links lauten wie folgt:

(1) Eine neue Grand Strategy, german-foreign-policy vom 13.06.2014

Link: http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58889

(2) Außenpolitik: Europa muss seine Beziehungen zu den USA neu justieren, Zeit Online vom 06.05.2014

Link: http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-06/europaeische-interessenpolitik

Die Texte sprechen für sich selbst. Ein Absatz aus Text (1) sei an dieser Stelle wiedergegeben. Unter der Überschrift „Die alte Schaukel“ heißt es:

Die Strategie, in einer Art Schaukelpolitik zwischen Ost und West die eigene Position beständig aufzuwerten, reicht in der deutschen Geschichte ebenso weit zurück wie die von Luenen zitierten

Befürchtungen angloamerikanischer Strategen, Einfluss auf dem europäischen Kontinent zu verlieren

(german-foreign-policy.com berichtete [3]). Sie ist darauf angewiesen, zu beiden jeweiligen

Machtzentren Washington und Moskau tragfähige Beziehungen zu unterhalten. Teile des deutschen

Außenpolitik-Establishments, darunter Personen aus dem politischen Umfeld der „Zeit“, haben immer

wieder gegen die aktuelle Ukraine-Politik der Berliner Regierung protestiert und eine Wahrung der

deutschen Sonderbeziehungen zu Moskau verlangt. So hat Theo Sommer, einstiger Planungschef im

Bundesverteidigungsministerium und heute „Editor at Large“ der „Zeit“, schon zu Beginn der Ukraine-Krise schwere Vorwürfe gegen die westliche Politik erhoben [4]; auch die Ex-Kanzler Helmut Schmidt und Gerhard Schröder oder zum Beispiel der CDU-Außenpolitiker Philipp Mißfelder haben sich für die Beibehaltung der Zusammenarbeit mit Moskau stark gemacht. In der aktuell aufgeheizten Stimmung, in der die eindeutig transatlantisch orientierten Kräfte der Berliner Außenpolitik den Ton angeben, wagt sich nun „Zeit Online“ mit einem Beitrag hervor, der den zur traditionellen „Schaukelpolitik“ neigenden Spektren des Establishments eine Stimme verleiht. Der Artikel ist freilich – wohl auch eine Vorsichtsmaßnahme ausdrücklich als „Gastbeitrag“ markiert und von einem Mitarbeiter nicht eines deutschen, sondern eines britischen Think-Tanks verfasst worden, der in größerer Distanz zu den innerdeutschen Kämpfen steht.“

Herzliche Grüße

Franz Witsch

www.film-und-politik.de


________________________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (15.06.2014)

Betreff: REAKTIONEN


Lieber H., wenn Du BL[ogbuch]114 gelesen hast, [1] wirst Du finden, daß es mit dem sich Umhängen »eines demokratischen Mäntelchens« als »Vorwand« (wofür?) nicht ganz so einfach beschaffen ist. Niemand hätte vor 1939 das Selbstbestimmungsrecht Nazi-Deutschlands in Frage gestellt, bis dieses von ihm selbst (Polen) in Frage gestellt wurde. Ich war auch lange der Ansicht, daß man den ‚Westen‘ nicht gegen dessen Feinde im ‚Osten‘ (zwischen denen es, wie der Irak jetzt zeigt, eklatante Widersprüche gibt) ausspielen sollte. Inzwischen sind die Ereignisse über derartige Reserven hinweggerollt. Marx macht in den Klassenkämpfen in Frankreich die proletarische Revolution von dem Vorhandensein einer industriellen Bourgeoisie abhängig. [2] Das ist auch weiterhin der Maßstab für die Einschätzung der Entwicklung eines Landes. In Osteuropa soll diese Entwicklung auf ein Gleis Richtung 19. Jahrhundert geschoben werden usw.

Ich freue mich auf eine spannende Diskussion.

Viele Grüße

Ulrich

P.S. Durch ein technisches Versehen, sind mir meine sämtlichen E-Mails aus 2013 abhanden gekommen. Falls Du noch im Besitz meiner (und Deiner) E-Mails … aus dieser Zeit bist, würde ich Dich bitten, diese mir demnächst mal zurückzuschicken. […]

[1] parteimarx.org BLogbuch 1 2014 Revolution und Konterrevolution in Europa.
[2]
Karl Marx: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850 MEW 7 (11-107); siehe oben: Ulrich Knaudt an GdS (25.05.2014).

___________________________________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (15.06.2014)

Betreff: REAKTIONEN


Lieber H., ich habe erst jetzt Deine Mail und den Link (Witsch) gefunden. [1] Schon die Annexion von Teilen Georgiens und nun die der Krim stellt einen eindeutigen Völkerrechtsbruch dar, dessen faschistische Qualität erst recht mit dem zunehmenden Abstand zu diesen Ereignissen eher zu- als abnimmt. Witsch und Konsorten (ich empfehle als konkretes Beispiel Scharf Links.de unter die Lupe zu nehmen) stellen für mich die Vertreter jener Kräfte dar, die ich als linke Quislinge bezeichnet habe. Es gibt keine Neutralität gegenüber Putin und Assad, genauso wenig wie es sie gegenüber Hitler und Mussolini hätte geben dürfen. Wer für eine solche Politik zum gegenwärtigen Zeitpunkt eintritt, steht für mich nicht mehr auf der Seite der Feinde des Faschismus alter und neuer Provenienz. Ich bin auch gegen Schaukelpolitik, aber mit der genau zu der von Witsch entgegengesetzten Tendenz.

Gruß Ulrich

[1] H.B. an Ulrich Knaudt (14.06.2014).

___________________________________________________________________________________________________________

H.B. an Ulrich Knaudt (23.06.2014)

Betreff: WG: Mein Artikel


Lieber Ulrich,

[…]

Bin Deine Texte einmal durch ‒.

muss noch ein zweites Mal durch, da, wie Du selbst sagst, einiger Diskussionsstoff drin ist.

S. u.:

Hat mit dem Thema zu tun.

Schau rein in den Artikel von Stefan B. ‒ ‚mein‘ 16-jähriger Bekannter!

Bis bald,

H.

Anhang:
An: H. B. (17.06.2014)

[…]

Was steckt hinter den Montagsdemonstrationen? Von Stefan B.

Der eigentliche Begriff der „Montagsdemonstration“ entstammt den Protesten der Bürger der DDR im Herbst 1989 als Bestandteil der friedlichen Revolution. Doch seit jüngsten Vorkommnissen wird jener Begriff als Euphemismus für den Brennpunkt bürgerlicher Verschwörungstheorie und apodiktischem Antiamerikanismus verwendet.

Bereits seit Anfang April 2014 tummeln sich bürgerlich naive „Friedensaktivisten“, Esoteriker , Putinanhänger, Chemtrailidioten und weitere skurrile Gestalten auf den Straßen Deutschlands und demonstrieren vermeintlich unter der Kappe des Friedens explizit gegen EU, Nato und das vorgebliche „amerikanische Finanzkapital“. Aber auch eine große Anzahl von pseudokommunistischen Antiimperialisten nutzt diesen Menschenauflauf um ihren heißgeliebten Wladimir Wladimirowitsch Putin als großen „Antifaschisten“ zu inszenieren. Als ob das nicht ohne hin schon genug Grund zum Kotzen wäre, wird das gegenwärtige Faktum noch von bürgerlichem Antiamerikanismus und dem allseits bekannten Feindbild Israel gesteigert.

Die Mobilisierung erfolgt größtenteils durch mehr oder weniger Prominente dieser Bewegung. Ein nennenswertes Gesicht ist der Journalist, Demonstrationsmoderator und leidenschaftlich antisemitische Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen, der durch seine ehemalige Radiosendung „KenFM“ beim RBB und der damit verbundenen Internetpräsenz große Bekanntheit erlangte. Jebsen wurde jedoch 2011 vom RBB entlassen nachdem eine Textnachricht von ihm, in der er den Holocaust indirekt leugnete , durch Henryk M. Broder veröffentlicht wurde. Doch bereits seit geraumer Zeit führt er einen YouTube-Channel mit dem selben Namen und bereitet seiner menschenfeindlichen Propaganda Gehör. Er publiziert auf jenem

Kanal ebenso Interviews mit bekannten Persönlichkeiten wie etwa dem Kabarettisten Serdar Somuncu und versucht hierbei stets die Aufmerksamkeit durch gezielte Fragen auf den vermeintlichen „Genozid in Gaza“ zu lenken um bekannte Vertreter seiner Interessen zu offenbaren. (Im hierbei genannten Beispiel wurde Jebsens Antizionismus jedoch durch Somuncu ordentlich Paroli geboten)

Bekannte Kampfbegriffe Jebsens sind: „Klimalüge“, „Diebe aus Jerusalem“, „Die NATO-Marionetten Deutschland GmbH“; „Deutscher Frühling“ oder etwa „Aufhebung des Besatzungsstatus“ Ein weiterer namhafter Initiator ist Jürgen Elsässer, der momentan als Chefredakteur des rechtspopulistischen

Monatsmagazins Compact tätig ist.

Elsässer wandte sich jenem Gedankengut jedoch erst gegen 2005 zu. Zuvor war er wie etwa Justus Wertmüller oder Jürgen Reents Mitglied des Kommunistischen Bundes in den 80ern und 90ern. Er gilt als einer der maßgeblich ursprünglichen Protagonisten der „antideutschen“ Bewegung in den 90ern und verfasste eine große Anzahl von Artikeln für die Zeitschrift „konkret“ bis er 2002 vom Herausgeber Hermann L. Gremliza aufgrund eines Zerwürfnisses über den nahenden Irakkrieg entlassen wurde. Im weiteren Werdegang wandte Elsässer sich dem Antiamerikanismus, brauner Esoterik, Homophobie und Verschwörungstheorien zu und gründete die „Volksinitiative gegen das Finanzkapital“ , die durch ihre Nähe zu Holger Apfel bzw. zur NPD bereits einige Schlagzeilen bewirkte. Zudem vertritt Elsässer ethnopluralistische Positionen wie eine Schädlichkeit des „Vermischen[s]“ von Völkern. Im Sarrazin-Skandal stellte er sich auf die Seite des sogenannten „Sarrazin-Blocks“ und vertrat zweifellos antisemitische Positionen. „Den Multikulti-Strategen um Wulff sei gesagt: Die Identität Deutschlands wurzelt in der ‚deutschen Leitkultur‘. Diese wird geprägt durch die großen Strömungen des Christentums im Land. […] Jüdische und islamische Einflüsse gab und gibt es zwar. Sie als gleichberechtigt daneben stellen zu wollen, ist aber in der Sache unsinnig und in der Intention zerstörerisch für die deutsche Nationalkultur.“

Im Bereich der Montagsdemonstrationen handelt es sich um eine Vielzahl eher bürgerlich geprägten Menschen (mit einigen Ausnahmen), die die verschiedensten politischen Ideologien haben. Sie haben jedoch eines gemeinsam: Sie sind alle Anhänger bestimmter weniger aber für sie umso bedeutenderer Interessen und bestimmter Verschwörungstheorien.

Die Sozialwissenschaftlerin Jutta Ditfurth spricht deshalb von einer sogenannten „Minimalplattform“. Der größte Teil der Verschwörungstheorien handelt vom „Ukraine-Konflikt“. Nach dem Verständnis der Demonstrationsteilnehmer ist Putin nämlich nicht als Kriegstreiber, der mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit um sich wirft zu verstehen, sondern die Vorwürfe gegenüber ihm seien nur „antirussische Propaganda“ der USA und den Banken. Der Zusammenhang lässt sich jedoch nur schwer oder überhaupt nicht erfassen. Fakt ist: Russland greift zu militärischen Mitteln um in die Ukraine einzumarschieren. Die Demonstranten hingegen sehen das nicht als Konflikt zwischen der Ukraine und Russland sondern als Krieg der USA, der NATO und der Federal Reserve Bank gegen die Weltbevölkerung. Jutta Ditfurth erkannte hierbei, dass die ideologischen Übereinstimmungen sich hierbei genau in der Feindschaft zur Federal Reserve Bank zeigen und die breite Masse einen. Die Rede ist von der „Jüdischen Weltverschwörung“. Dieser Typus von Antisemit äußert seinen Antisemitismus nicht mehr durch die Leugnung der Shoa und der gleichen, sondern sie sagen „FED ist schuld“. Auf den entsprechenden Internetpräsenzen lassen sich darauf auch noch weitere antisemitische Merkmale erkennen. Die Rede ist

von antisemitischen Karikaturen oder auch Texten in denen beispielsweise eine offene Feindschaft gegenüber den Rothschilds propagiert wird.

Der Kontext ist sehr schnell entschlüsselbar, man muss jedoch die entsprechenden Worte kennen“ Jutta Ditfurth

Nun stellt sich die Frage wie Mensch überhaupt erst dazu kommt, Theorien, die faktisch nur als kompletter Irrsinn aufzufassen sind und von wohl mehr als fragwürdigen Personen kommen, zu glauben und sich ein explizites Feindbild zu schaffen. Jede Verschwörungstheorie basiert auf dem gleichen Prinzip: Der Initiator wählt ein gesellschaftliches Ereignis, dass die gesellschaftliche Stellung der breiten Masse zu bedrohen scheint und stellt die Frage „Cui bono?“ zu deutsch „Wem zum Vorteil?“ In den meisten Fällen, wie auch in der aktuellen Thematik, sind die Ursachen allen Übels Amerika und die Zionisten. Diese Wahl der vorgeblichen Täter entspringt nicht kompletter Willkür, da diese beiden Gruppen zumeist den „Tauschwert“ gegenüber dem eher bürgerlich belegten „Gebrauchswert“ personalisieren. Im weiteren Verlauf einer Verschwörungstheorie wird seitens der Initiatoren und Anhängern eine symbolische „Rechtfertigung“ der vermeintlichen Täter gefordert. Doch wie beweist man, etwas nicht getan zu haben in Themenkomplexen, in denen man gar nicht involviert war? Egal wie man in solch einem Szenario agiert – man kann die Vorwürfe in den Augen der Anhänger jener Theorien nur bekräftigen.

Durch diese Mechanik gelingt es die offensichtlichsten Irrationalitäten und konfusesten Behauptungen als glaubwürdig darzustellen. Folglich ist hiermit eine große Gefahr für die Allgemeinheit zu erkennen. Viele gesellschaftliche Ereignisse in der Geschichte, wie etwa der Antisemitismus nach dem ersten Weltkrieg sind auf derartige Theorien zurückzuführen.

Im hier genannten Beispiel ist die Rede von der sogenannten „Dolchstoßlegende“, die die Sozialdemokraten und Juden für die Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg verantwortlich machen sollte. Auch der weitere Antisemitismus in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstammt zum Teil dem antisemitischen Pamphlet „Die Protokolle der Weisen von Zion“, indem durch gefälschte Dokumente das Treffen jüdischer Weltverschwörer zu belegen versucht wird.

In der Thematik des Nahostkonflikts stößt man selbst heute noch auf jenes Pamphlet. Außerdem leugnen viele derer, die sich mit Hamas und Hisbollah solidarisieren, den Holocaust mittels der bereits genannten Frage „Cui bono?“.

Hiermit wird versucht die Shoa als Inszenierung der Zionisten darzustellen damit diese überhaupt erst den Staat Israel gründen konnten.

Hierbei wird klar um welche Elendsgestalten es sich bei den Wortführern dieser Bewegung handelt und welch große Gefahren mit Verschwörungstheorien verbunden sind. Es stellt sich nun die Frage was die Initiatoren im weiteren Verlauf mit ihrer Fähigkeit die bürgerlichen Massen zu mobilisieren bewirken können und vor allem wie man sich ihnen, ihren Verschwörungstheorien und Verschwörungstheorien im Allgemeinen in den Weg stellen kann.
____________________________________________________________________________________


Ulrich Knaudt an H.B. (24.06.2014)

Betreff: Re: WG: Mein Artikel


Lieber H.,
gefällt mir gut, der Text. Es gibt ein Foto in der j[ungen]W[elt] aus den 90er Jahren, auf dem Elsässer und der kürzlich verstorbene Redakteur [der Rubrik] des ‚Schwarzen Kanals‘ (Werner Pirker) einträchtig lächelnd nebeneinander sitzen. [1] Also existiert da seit eh und je eine Arbeitsteilung zwischen den linken und rechten Quislingen. Putin möchte die Nato, die EU zerschlagen und diese von den Vereinigten Staaten trennen und gleichzeitig seinen Einfluß auf Deutschland verstärken, bis daraus wieder so was wie die DDR wird. Denn nur dann hat Rußland eine Chance, wieder Welthegemonialmacht zu werden. Im Dezember 1941 endete Hitlers russischer Blitzkrieg vor Moskau (welch ein Wahnsinn und welche Selbstüberschätzung!) und der Plan, den USA einen autarken eurasischen Kontinent entgegenzusetzen und in der Ukraine nach der Vernichtung der Juden durch eine zweite Ostkolonisation deutsche Bauern anzusiedeln. Die Wolga als deutscher Mississippi. Putin hat den gleichen Plan, nur diesmal in entgegengesetzter Richtung. Sein eurasisches Projekt ist kein Phantasiegebilde, sondern ist mit der Annexion der Krim höchst real geworden. Schön, daß Dein junger Autor seine eigenen grauen Zellen benutzt. Ich dachte schon, die ganze Welt wär‘ verblödet und dem Leningrader Hütchenspieler auf den Leim gegangen. …

Viele Grüße

Ulrich

[1] junge Welt 25.-26.01.2014 National? Antinational? International! Werner Pirker blieb bis zum Tode konsequenter Kommunist. (Bildunterschrift: Damals noch gemeinsam bei Marx: Werner Pirker und Jürgen Elsässer (rechts) auf dem ersten jW-Mitarbeitenden-Wochenende in Marxhagen.)


___________________________________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B.
(10.07.2014)

Betreff: WIEDER AN BORD


Lieber H., […]

Ich habe lange an dem diesjährigen BLogbuch gearbeitet und so einiges aus den Augen verloren. Was unvermeidlich ist. Ich würde zu gerne was über den Begriff des Monopols bei Marx machen. Unterscheidet sich gravierend von dem Leninschen. Aber gleichzeitig finde ich es sinnvoll, die Marxschen Frankreich-Texte noch einmal durchzuarbeiten. Was Marx unter Klassenkampf versteht, unterscheidet sich ziemlich stark von seinen späteren Schülern in Rußland. Vor allem, was die Autonomie und Selbstbestimmung des Proletariats als Klasse gegenüber den anderen Klassen betrifft. Zu den Bauern hat er eine realistische Einschätzung (abhängige Kleinproduzenten), die darauf hinausläuft, daß diese unter bestimmten Voraussetzungen zu einem revolutionären Faktor werden können, es aber nicht wurden, weil sie Louis-Bonaparte hinterherhechelten. Ähnlich auch das Kleinbürgertum. Marx geht nie von der Illusion aus, dies[es] werde sich problemlos in eine Einheitsfront mit dem Proletariat begeben. Je stärker jenes auf seine Selbständigkeit pocht, desto geringer sind die Chancen, daß es sich mit dem Proletariat in einer revolutionären Situation gegen die Bourgeoisie zusammenschließt. Für die republikanischen Parteien (Bourgeoisrepublikaner) hat Marx nur Verachtung übrig, da sie sich der Ordnungspartei angeschlossen haben und von ihrer Revolution nur mehr lauter konstitutionelle Phrasen übrig geblieben sind…

All diese Volks- und Einheitsfront-Überlegungen, die heute so grassieren, sind ohne einen eindeutigen Bezug auf das Marxsche Proletariat blutleer und inhaltsleer. Nur, worin besteht dieses? Und wodurch ist es sich als Klasse verloren gegangen, bzw. hat es sich als Klasse verloren (gegeben)? Um das (vor allem im Zusammenhang mit den beiden Konterrevolutionen der 30er Jahre) zu klären, ist das Studium dieser Texte notwendige Voraussetzung. Und in diesem Zusammenhang ist der Begriff des Monopols bedeutsam. Vergessen wir nicht die ‚anti-monopolistische Demokratie‘, (die von Anfang an zum theoretischen Grundbestand der DKP gehört hat) deren Programmatik heute von der deutschen Bourgeoisie Punkt für Punkt abgearbeitet wird, um Stalins ’sozialistische Warenproduktion‘ doch noch Wirklichkeit werden zu lassen. Ob unter einer rosa-schwarzen oder einer rosa-rot-grünen Koalition, ist eigentlich egal…

Ich freue mich auf eine deftige Diskussion.

[…]

Viele Grüße

Ulrich

________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an P.T. (21.07.2014)

Betreff: Re: BL114 DIE ZWEITE


[…] Übrigens, daß die Zahl der BLogbücher von Jahr zu Jahr immer weniger wird, hängt erstens damit zusammen, daß die Sachverhalte immer komplexer wurden und zweitens damit, daß sich der BLog-Charakter hin zu einem längeren Politaufsatz verschoben hat. Insgesamt vor allem aber damit, daß ich mich fast ganz allein auf weiter Flur wiederfinde und drei mal messen muß, bevor ich einmal abschneide, d.h. eine Entwicklung [, die] von der (als ’solidarisch‘ geforderten) Kritik zur ungeschützten offenen Konfrontation stattgefunden hat.

Viele Grüße …

Ulrich

___________________________________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (07.08.2014)

Betreff: DEJA VU


Lieber H., schön, daß Du Dich gemeldet hast bei all dem Stress. Ich hatte ja ursprünglich überlegt, daß wir uns anläßlich von D.[ieter]W.[olf]s Vortrag in Berlin hätten treffen können. […] [1] Hast Du was über den Vortrag gehört oder ihn gar gelesen? Das Thema ist bekannt, vermutlich noch mehr Richtung linker Habermas. Ich hab jedenfalls das Papier nicht lesen können. Ich arbeite wieder an KAP III und über das Monopol. Kompliziert wird es bei der Grundrente.

Herzliche Grüße

Ulrich

[1] Dieter Wolf: Zur Architektonik der drei Bände des ‚Kapitals‘. Veranstaltung in der ‚Hellen Panke‘ am 29.08.2014; siehe auch: dieterwolf.net
____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an P.T. (27.08.2014)

Betreff: MUGABE


Ich schicke Dir zwei FAZ-Artikel, die ich zumindest für nachdenkenswert erachte, obwohl sie für Dich wahrscheinlich nix Neues darstellen.

1. Dem Autor über die Bedeutung der Regionen stimme ich zu, wenn auch nicht seinen Patent-Rezepten, nämlich darin, daß dieser Konflikt ziemlich zukunftsträchtig ist. [1]

2. Das Buch der beiden Spanier [2] enthält einige Stereotypen, weist aber laut Rezension auf entscheidende Probleme hin. Letzte Woche besuchte Mugabe China und wurde dort als ‚alter Freund‘ willkommen geheißen. China setzt die alte Dritte-Welt-Politik der SU, nur sehr viel ‚realistischer‘, fort. Dafür brauchen sie keine Revolutionen in der Dritten Welt und keine Befreiungsbewegungen. Im Gegenteil: In Syrien sind sie Teil der von Assad und dem Islamismus betriebenen Konterrevolution. Aber gerade deshalb so ‚erfolgreich‘.

[…] Ich studiere erneut KAP III. Dort finden sich auch interessante Rückblicke auf KAP II. …

Ulrich


[1] FAZ 15.08.2014 Chengang Yu: Chinas Planwirtschaft stößt an ihre Grenzen – Chinas Regionen liefern sich einen erbitterten Wettbewerb um das Wachstum. Denn nur an die Wirtschaftsleistung werden die von der Zentralregierung kontrollierten Kader gemessen. Die Erfolge sind mit schweren Nebenwirkungen erkauft: starke Exportabhängigkeit, Ungleichheit, Korruption, Umweltverschmutzung. Mit dem autoritären System sind diese Probleme nicht zu lösen.
[2] FAZ 18.08.2014 Der Panda ist hungrig – Zwei Spanier übertreiben Chinas „Beutezug“
____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (27.08.2014)

Betreff: HELLE PANKE


Lieber H., ich habe mich gefreut, wieder von Dir zu hören. Vielen Dank für den in der Tat sehr interessanten Text. [1] Wie soll ich ihn verstehen? Als ein Beispiel, wie man sich nicht mit dem „Schicksalsjahr 1939“ auseinandersetzen sollte, oder als eine Kritik an BLogbuch 1 2014? Oder beides? Dann wäre ich auf Deine Kritik gespannt!

Viele Grüße

Ulrich

[1] Karl-Heinz Gräfe: So werden Kriege gemacht. Schicksalsjahr 1939: Weg in den Zweiten Weltkrieg, Berlin 2014.

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (01.09.2014)

Betreff: LOUIS BONAPARTE


Lieber H., ich schicke Dir Auszüge aus meinen Exzerpten zu K.[arl]M.[arx]:
Herr Vogt, aus denen deutlich wird, daß sich die Marxsche Position zu Rußland nicht wesentlich von der F.[riedrich]E.[ngels‘] unterschied. Sie sind von verschiedenen Seite an diese heran gegangen und haben sich auf ihrem gemeinsamen Standpunkt getroffen. [1]

Meine Exzerpte verschicke ich sonst eigentlich nicht. Aber Herr Vogt ist so überladen von zeitgenössischen Polemiken, historischen Rückgriffen und Satiren, daß die Wenigsten die Zeit haben, sich mit diesem Text ausführlich zu beschäftigen. (Abgesehen natürlich davon, daß der Inhalt den wenigsten Marxisten schmeckt). Mir kommt es hier ’nur‘ auf bestimmte Statements an, in denen K.M.s Haltung zu Rußland (und zu Deutschland als Nation) überaus klar wird.

Putin bewegt sich heute haargenau in der Tradition der Auswärtigen Politik des russischen Zarentums, was von den Kritikern seines Expansionismus in den meisten Fällen übersehen wird. Und damit gelten all die Aussagen von M.u.E. zu Rußland unmittelbar und konkret für die heutigen Verhältnisse (wobei die Marxisten dabei äußerst schlecht ausschauen).

Putins Politik ist aber schon deshalb nicht mit derjenigen der S[owjet]U[nion] zu vergleichen, weil J.[osef]S.[talin] die SU (auf welchem konterrevolutionären Weg auch immer) zur Welthegemonialmacht aufgebaut hat, was man von Putins Rußland heute nicht sagen kann. Ob die damalige Weltmacht revolutionär oder konterrevolutionär war, interessierte die internationale Bourgeoisie erst in zweiter Linie, Hauptsache, sie bekämpfte Hitler, anstatt sich mit ihm [Hitler] gegen ‚den Westen‘ zu verbünden (was ja zwischen 1939 bis 1941 durchaus der Fall war.) Putin kann heute nur deshalb wie eine Weltmacht gegen den ‚Westen‘ auftreten, weil er China in seinem Rücken weiß, was in Syrien hinreichend klar geworden ist. Diese Versicherung besteht aber nur solange, wie die Widersprüche beider in Asien nicht offen zutage treten. Daher muß sich Putin mit seiner zaristischen Expansionspolitik beeilen, wenn er Europa von Südosten (Syrien) her und aus dem Osten (Ukraine) in die Zange nehmen und dabei seine Geländegewinne vergrößern will… (Zumal die Regierungszeit Obamas sehr bald endet.)

Noch etwas zu diesem Punkt: Recht auf bzw. Freiheit zur Lostrennung. Dir … wird der Unterschied zwischen einem Recht, das jemand besitzt, wahrnimmt, oder nicht hat und der Freiheit, die ihm von jemand anderem gewährt oder verweigert wird, klar sein. Das eine ist ein bürgerlicher, das andere ein feudaler Topos. Der Grundherr, Souverän etc. gewährt Freiheiten, Recht dagegen hat man oder man hat es nicht. Um dieses gibt es (rein theoretisch) Streit ‚auf Augenhöhe‘.

Wie sein Text zur N[ationalen]F[rage] zeigt, schwankt auch J.S. an diesem Punkt. (DEBATTE 1)[2] Das Recht auf Lostrennung wird, [nicht] wie Stalin meint, … verliehen, sondern die Völkerrechtssubjekte haben es, haben es nicht, nehmen es wahr oder es wird ihnen verweigert. Dann erkämpfen sie es politisch, gewaltsam oder friedlich usw.

Das Recht auf Lostrennung können nur bereits (potentiell) vorhandene Nationen für sich reklamieren; es wird aber auch von einzelnen Nationalitäten gefordert, die es laut F.[riedrich]E.[ngels] aber in ihrer tausendjährigen Geschichte bisher nicht geschafft haben, sich als Nation zu konstituieren und zu etablieren. Die Krim ist nie eine Nation gewesen. Ohne russische Besetzung hätte sie vielleicht im 18. Jahrhundert eine werden können. Aber dazu hätten sich die Tataren in der Neuzeit aus ihrem Status als Satrapen der Türkei befreien müssen. Das geschah nicht. Die Krim wurde stattdessen von Katharina II. erobert, nach Rußland eingemeindet und damit ein russisches Gouvernement.

Außerdem haben in diesem Jahr nicht die Tataren, sondern die Russen auf der Krim sich mit Putins Hilfe von der Ukraine ‚losgetrennt‘, wozu sie völkerrechtlich nicht berechtigt waren, da sie [auf der Krim] keine Nation sind. Daß sie Russen sind die andern Völker der Krim haben ohnehin nicht für die Eingemeindung gestimmt gibt ihnen noch lange nicht das Recht, sich von der Ukraine loszutrennen. Oder die Grenzen der Nachkriegszeit müssen, wie unter Hitler in den 30er Jahren, neu gezogen werden. Siehe im letzten BLogbuch die Unterscheidung zwischen Recht auf Lostrennung und ‚Recht auf Separation‘. [3] Letzteres Recht ist eine Putinsche Fiktion und die seiner linken und rechten Freunde…

Soweit erst mal.

Unsere Diskussion hat mir große Freude gemacht. Vielleicht ergibt sich doch noch mal die Gelegenheit, dies ausführlicher und nicht nur mit dem Telefonhörer in der Hand zu tun.

Alles Gute und viele Grüße

Ulrich

[1] parteimarx.org REAKTIONEN 2014 ANHANG 2.
[2] parteimarx.org DEBATTE 1 Die unscharfe Relation Marx/‘Marxismus‘ – Reflexionen über Revolution und Konterrevolution in Deutschland.
[3] parteimarx.org BLogbuch 1 2014 Revolution und Konterrevolution in Europa.

____________________________________________________________________________________

P.T. an Ulrich Knaudt (02.09.2014)


[…] Über die Afrikapolitik Chinas wird in den entsprechenden akademischen Kreisen viel diskutiert. Die alten Symbole der Solidarität zwischen Drittweltländern, die unter Mao bedient wurden, werden da jetzt wieder aufgewärmt. Mit den realen Verhältnissen hat das aber nicht mehr viel zu tun trotzdem ist es etwas, mit dem sich gerade Sinologen gerne beschäftigen, weil Sie in der Analyse von Propagandatexten mit ihren Sprachkenntnissen brillieren können. Was Chinas Rolle im Nahen Osten angeht, so denke ich nach wie vor, dass es dort direkt so gut wie gar nicht involviert ist. Sicherlich hat man in Zhongnanhai Assad die Daumen gedrückt und auf ein Scheitern des Volksaufstandes gehofft. Jetzt sieht sich aber China, wie alle anderen auch, mit dem IS konfrontiert, der die nicht unerheblichen chinesischen Investitionen im Irak bedroht. Vielleicht wird dies auf Dauer eine aktivere Nahostpolitik Chinas motivieren.

___________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an GdS (22.09.2014)


Hallo (ehemaliges) Buchladen-Kollektiv,

im letzten Absatz des Artikels Sieben Millionen… in GdS 3-5/2014 [1] heißt es [abschließend], daß als Vorbereitung zu der darin vorgenommenen Stellungnahme zur »aktuellen Krise [?] in der Ukraine« zunächst das »Hauptgewicht auf die Verbrechen des deutschen Imperialismus in der Ukraine insbesondere in der Zeit des Zweiten Weltkriegs« zu legen war und daß darin »die unverzichtbare Voraussetzung für das Verständnis der Entwicklung der letzten 25 Jahre und der hochaktuellen angespannten [?] Lage in der Ukraine« bestehen soll. Dem stimme ich, was die Methodik betrifft, grundsätzlich zu, wenngleich ich die konkrete Analyse in diesem Artikel für die Zeit des Zweiten Weltkriegs in der Ukraine für äußerst einseitig halte. Dazu wollte ich mich aber erst äußern, wenn, wie angekündigt, der zweite Teil in der nächsten Ausgabe von GdS hätte erscheinen sollen. Dies ist, wie aus GdS 6-7/2014 hervorgeht, erst mal nicht der Fall gewesen. Daher nur wenige Bemerkungen zu GdS 3-5/14:

Die Analyse der Vorgeschichte der gegenwärtigen Lage in der Ukraine in GdS 3-5/2014 kommt mir so vor, als wäre GdS Teil der Propagandaabteilung der nicht mehr existierenden KPdSU(B), denn
1. läßt sich die Vorgeschichte der heutigen Ukraine nach dem heutigen Erkenntnisstand nicht darstellen ohne Einbeziehung dessen, was die Historiker seit Öffnung der Archive in der ehemaligen S[owjet]U[nioin] seit Anfang der 90er Jahre an historischen Tatsachen zutage gefördert haben und was nach heutiger Erkenntnis die Entscheidung von Teilen der Bevölkerung, Kollaborateure der Nazis zu werden, zumindest verständlicher, wenn auch nicht verzeihlich machen würde. Wir Kommunisten sind nicht das Weltgericht, sondern bekanntlich machen die Menschen (also auch wir) ihre eigene Geschichte, wenn auch nicht aus freien Stücken…

2. sollte unsere ‚Erzählung‘ über den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine über diejenige der heutigen Historiker darin hinausgehen, daß sie sich von der Vorgehensweise der Marxschen Analyse der Klassenkämpfe leiten läßt. Dazu gehört bei der Untersuchung der Vorgeschichte des Einmarsches der Nazis in die ‚bloodlands‘ [2], auch Stalins Krieg gegen die unterdrückten Nationen der S[owjet]U[nion] im allgemeinen und gegen ‚die Bauern‘, hier der Ukraine, ‚als Klasse‘ im besonderen. Ich hoffe, daß in der nächsten Stellungnahme von GdS zur Analyse der Lage in der Ukraine nicht, wie von Frank Brendle in jW vom 06./07.09., der Anfang der 30er Jahre dort stattgefundene Holodomor zu einem »Mythos« erklärt wird. [3] In dem von Stalin und seinem ZK gewaltsam provozierten Hungertod von Hunderttausenden ukrainischer Bauern verschränken sich in nie gewesener Weise die ‚Nationale Frage‘ mit der ‚Bauernfrage‘, durch deren ‚Lösung‘ das Ende des Sozialismus früher oder später zwangsläufig hat eintreten müssen. (Gegen uns Kommunisten ist die Geschichte unerbittlich und gerecht darin, uns auch den geringsten Fehler nicht zu verzeihen.)

Der russische Ökonom und Trotzki-Anhänger Preobraženskij (siehe: DEBATTE 3 [Vortrag], 8f.) [4] war sich mit Stalin in der pauschalen Charakterisierung des kollektiven reaktionären Charakters der Bauern der SU einig und so auch darin, diese für die ursprüngliche Akkumulation im Sozialismus zum Aufbau der Schwerindustrie heranzuziehen und sie generell dafür zahlen zu lassen. Nicht nur wie üblich in bar oder in Naturalien (Getreideernte), sondern kollektiv mit ihrem Leben, seitdem den ukrainischen Bauern Ende der 20er Jahre durch das Aufspüren auch der allerletzten Getreidereserven von der Sowjetmacht die Existenzgrundlage systematisch entzogen worden war. Stalins Krieg gegen die ukrainischen ‚Bauern als Klasse‘ findet in Hitlers Krieg gegen ‚den slawischen Bauern als Rasse‘ seine spiegelbildliche Entsprechung; letzterer geht allerdings mit der Massenvernichtung der osteuropäischen jüdischen Bevölkerung, dem Kommissarbefehl u.a.m. noch um einiges darüber hinaus. Das aber macht Stalins Krieg gegen die Bauern und nationalen Minderheiten um keinen Deut besser. Wenn ein nicht geringer Teil der ukrainischen Bevölkerung sich daher seit Anfang der 30er Jahre (spätestens aber seit dem Hitler-Stalin-Pakt 1939) endgültig von zwei Seiten in die Zange genommen sah, war es häufig allein dem Zufall überlassen, für welche Seite sie sich entschied oder zu wessen Gunsten sie die Seiten wechselte. Daher halte ich die pauschale Verurteilung der Ukrainer, die sich zwischen Hitlers Rassenkrieg und Stalins Holodomor nicht für Stalin entscheiden konnten und wollten, für selbstgerecht, unhistorisch und Wasser auf die Mühlen der Propaganda Putins und der Putinschen Linken. Selbst die Nazis konnten sich ihrer ukrainischen Kollaborateure nicht sicher sein und ließen z.B. Bandera in Sachsenhausen eine Art KZ-Ehren-Haft angedeihen. (Diese ganze Verquickung von Hitlers Rassenkrieg und Stalins ‚Klassenkrieg‘ sehr gut zusammengefaßt in: Timothy Snyder, Bloodlands.).

3. Damit sind wir an dem entscheidenden Punkt der Vorgeschichte des Rassen- und des ‚Klassenkriegs‘ gegen die ukrainischen Bauern angelangt: der Verschränkung zweier Konterrevolutionen, d.h. der institutionellen Konterrevolution Stalins und der präventiven Konterrevolution Hitlers, die sich beide in den ‚bloodlands‘ miteinander im Clinch liegend dort gegen die ukrainische Bevölkerung ausgetobt haben. Nur vor diesem klassenanalytischen Hintergrund ist die Propaganda für die neo-zaristische Politik Putins (in den von der Regierung beherrschten russischen Medien) gegen die Ukraine zu verstehen, wovon ein Widerschein auf die politischen Verhältnisse und die Öffentliche Meinung in Deutschland fällt. Weil die neu-deutsche (sollte man besser sagen: post-68er?) Bourgeoisie unter allen Umständen vermeiden möchte, immer noch mit dem Hitlerschen Rassenkrieg in Verbindung gebracht zu werden, macht sie der Putinschen Aggression gegen die Ukraine ein Zugeständnis nach dem nächsten, nicht zuletzt weil in Rußland viel deutsches Kapital steckt, das nicht von heut‘ auf morgen abgezogen werden soll und kann: Metro, Tönnies (= Schalke = Gazprom), BASF (= Wintershall) und wie sie alle heißen. Merkel ist es mit Hilfe ihrer Bismarckschen Gleichgewichtspolitik gelungen, diese divergierenden Tendenzen bisher unter einen Hut zu bringen; sie wird sich aber mit der zu erwartenden zunehmenden Aggressivität des stark angeschlagenen Putin-Regimes schließlich für eine Seite stärker ins Zeug legen müssen, was zwangsläufig eine Spaltung der Bourgeoisie hervorrufen würde, wofür die Vertreter der Appeasementpolitik: Cordes (= Ostausschuß der Deutschen Wirtschaft = Metro), linke SPD, linke CDU (Willy Wimmer in: jW vom 13./14.09.) [5], AfD, Die Linke u.v.a.m. bereits politisch die Trommel rühren. Damit entstünde aus Putin-Linker und Teilen der AfD (siehe die Linken Wechselwähler in Brandenburg) eine Bürgerkriegspartei mit der Perspektive, den bürgerlichen Staat zu übernehmen und hier eine Art Putinschen Bonapartismus zu installieren. (Dessen Vorboten wurden in BLogbuch 1 2014 anhand einiger Symptome analysiert). [6] Dieser Bonapartismus steht und fällt aber mit Rußlands Ausdehnung nach Westeuropa, die nicht ohne die Rückendeckung Chinas auskommen wird, was sich an beider gemeinsamen Syrien-Politik in der UNO gezeigt hat. Das nachzuvollziehen, erforderte eine eigene Untersuchung. (Dazu vielleicht mehr im nächsten BLogbuch) Soviel zur Ukraine einst und jetzt.

Sehr gut fand ich den Hinweis auf die engen Beziehungen des Putinismus zu den russischen Neonazis. [7] Wenn das der deutschen Linken zur Neubestimmung ihres Verhältnisses zu Putin immer noch nicht reicht, dann besagt das einiges über ihre Qualität als potentieller Bürgerkriegspartei. Leider steht dieser Hinweis auf die russischen Nazis in GdS ziemlich für sich alleine da, obwohl der großrussische Chauvinismus solcher Leute wie Schirinowski oder der russischen KP (Sjuganow) dem offenen Rassismus dieser Gruppen in nichts nachsteht und diesem politisch den Boden bereitet hat. Für alles zusammen bildet das eurasische Projekt des Putin-Beraters Dugin die völkische Basis, das sich ja keineswegs nur auf eine eurasische Wirtschaftsgemeinschaft beschränkt, sondern tief im politisch weißen Großrussentum verankert ist.

Ich bin daher gespannt auf den Teil 2 der Stellungnahme von GdS zur Analyse der Lage in der Ukraine.

Mit solidarischen Grüßen

Ulrich Knaudt

[1] Gegen die Strömung 3-5/2014 Teil I der Stellungnahme zur Analyse der Lage in der Ukraine. Deutscher Imperialismus, Hände weg von der Ukraine! Sieben Millionen von den Nazis ermordeten Frauen, Männer und Kinder aus der Ukraine klagen noch heute an.

[2] Siehe den gleichlautenden Titel des Buches von Timothy Snyder: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin, London 2010.

[3] junge Welt 06.09.2014 [Beilage] Frank Brendle: Krieg der Erinnerung Nationalistische Geschichtsdeutungen in der Ukraine spalten das Land. »Ukrainische Nationalisten – weit über die rechtsextreme „Swoboda“-Partei hinaus – haben zwei große geschichtspolitische Themen: Die Rehabilitierung der „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN) und und ihres Anführers Stepan Bandera und die Deutung des sogenannten Holodomor, der großen Hungersnot von 1932/33, als sowjetischen Genozid am ukrainischen Volk. [Überschrift: Mythos Holodomor] Seriöse Historiker gehen davon aus, daß die sowjetische Führung die Naturkatastrophe durch überhöhte Getreideabgaben und Abriegelung der Hungergebiete künstlich verschärft hat. Die Geschichtswissenschaftler schätzen die Opferzahlen auf drei bis vier Millionen Menschen. Obwohl der Hunger auch in anderen Teilen der Sowjetunion grassierte, legte das Parlament in Kiew 2006 gesetzlich fest, der Hunger sei ein absichtsvoller Völkermord an den Ukrainern gewesen.«
[4] parteimarx.org Das Wertgesetz und der Sozialismus im 20. Jahrhundert – Seine Auswirkungen auf die gesellschaftliche Praxis in der frühen UdSSR und deren Rückwirkung auf die heutigen Debatten.
[5] junge Welt 13.09.2014 [Beilage] Gespräch mit Willy Wimmer: „Es gibt ein Nato-Netzwerk in den deutschen Medien“ Über die geopolitischen Interessen der USA in Europa, über Helmut Kohl und den Angriff auf die parlamentarische Demokratie.
[6] parteimarx.org BLogbuch 1 2014: Revolution und Konterrevolution in Europa.
[7] Gegen die Strömung 3-5/2014 Putins Heuchelei entlarven – Ein Prüfstein.

____________________________________________________________________________________

F.W. an mail@parteimarx.org (14.10.2014)

Betreff: the working class has its own foreign policy


hallo genosse,

ich bin vor kurzem auf deine website aufmerksam geworden und habe einige deiner beiträge mit großem

interesse gelesen.

vielleicht wird dich dieser text hier interessieren, der zumindest versucht, „den zusammenhang von

klassenkampf und internationaler politik“, von dem du in deinem text „kein schritt vorwärts ohne zwei

schritte zurück“ geschrieben hast, anzugehen:

http://weltcoup.wordpress.com/2014/10/11/anleitung-zum-kampf/

mit kommunistischen grüßen,

f.
____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an F.W. (21.10.2014)


Lieber F. W.,

über Deine Zuschrift und Dein anhängendes Paper [1] habe ich mich sehr gefreut: erstens, weil solche Zuschriften selten vorkommen, zweitens aber, weil wir, wie aus Seite 6 Deines Textes ersichtlich, offenbar die gleichen Vorlieben für dieselben Marxschen Textstellen haben. Das betrifft neben den Schlußsätzen aus der Inauguraladresse [2] und Marxens Formulierung, daß »die working class its own foreign policy« [3] habe, die ‚Partei Marx‘, zu der es von Marx kaum explizite Aussagen gibt, da es ihm darauf ankam, die ‚Partei Marx‘ praktisch wahr werden zu lassen und er wenig Lust verspürte, wie ihm u.a. die preußische Geheimpolizei im Kölner Kommunistenprozeß unterstellte, weder von ihr noch von der internationalen Arbeiterklasse zum ‚Arbeiterdiktator‘ gekürt zu werden. [4] Heute käme es aber darauf an, unsere Parteinahme für den Kommunismus des Manifests [der kommunistischen Partei] aus der Sackgasse, in die er von den Nachfolgern Lenins gefahren wurde, herauszuholen und den engen Parteibegriff der Bolschewiki zu überwinden, ohne jedoch den revolutionären Charakter ihres ursprünglichen Versuchs, den Marxschen Kommunismus zu verwirklichen, preiszugeben. Dazu wurde das Projekt partei Marx gestartet. [5]

Auch ergeben sich viele Gemeinsamkeiten zu der politischen Tendenz Deines Papiers, so z.B., wenn Du auf Seite 5 resümierst: »Der Kommunismus ist modernistisch oder er ist nicht. Der politische Hauptfeind ist und bleibt deshalb der regressive Antikapitalismus, der sich als Nachhutkämpfer der vorbürgerlichen Klassengesellschaft geriert und eine Rückkehr zu gemeinschaftlichen Formen auf völkischer und religiöser Grundlage propagiert, was auf den selbstmörderischen Versuch hinausläuft, das Rad der Geschichte zurückzudrehen.« Das ist eine klassenanalytische Definition des Faschismus, wie sie bei den heutigen Antifaschisten nicht vorzufinden ist, deren Anti-Faschismus lediglich auf Demokratieverlust hinausläuft. Die Frage aber, ob der Kapitalismus überhaupt einen Normalzustand kennt bzw. erreichen kann, läuft darauf hinaus, der Verrücktheit der ökonomischen Formen, die Marx in der Wertformanalyse und den Kapiteln über das zinstragende Kapital entlarvt, zum Normalzustand zu erklären und den Patienten als geheilt zu entlassen. Sind der Faschismus und der Ausnahmezustand nicht viel eher Ausdruck dieser verrückten Normalität, die letztlich nur im Klassenkampf überwunden werden kann? [6] Dazu wären die »own foreign policy« der »working class« und, nicht zu vergessen, deren politische Ökonomie, erforderlich. Sonst bleibt das Proletariat des Manifests ein höchst sinnloses Abstraktum.

Aus der Datierung der ins Archiv von anleitung-zum-kampf einzustellenden Texte schließe ich, daß es sich um ein noch junges ‚Unternehmen‘ handelt, das, so ist zu hoffen, erfolgreich fortgesetzt werden wird.

In der Oktoberrevolution (OR) ist zutage getreten, daß das internationale Proletariat bisher vor allem mit drei Hinterlassenschaften des Ancien Régime der Feudalgesellschaft zu tun hatte, von deren Beseitigung der Fortgang der OR abhing: der Nationalen Frage (NF), der Bauernfrage (BF) und der Judenfrage (JF). Hitler war es angesichts der Weltwirtschaftskrise vor 80 Jahren und in der vorrevolutionären Situation der 20er Jahre gelungen, aus diesen drei, in der Programmatik und Politik der KP so gut wie nicht vorkommenden, ungelösten Fragen eine demagogische Synthese zurecht zu zimmern, mit deren gewaltsamer Lösung das deutsche Volk aus dem Albtraum von Versailles zu seiner nationalen Zukunft erweckt werden sollte. Dem hatten die Kommunisten außer der sie selbst isolierenden Gegengewalt politisch nicht viel entgegenzusetzen.

Die Bolschewiki haben, was die BF betrifft, den Fehler gemacht, Marxens Position zu den französischen Bauern bruchlos auf Rußland zu übertragen. Dabei stammt diese Überlegung nicht einmal von Marx selbst, wie aus den von Dir zitierten Briefentwürfen an Vera Sassulitsch hervorgeht, sondern er betrachtete die russische Dorfgemeinde als Keimform des Kommunismus in Rußland, allerdings nur für den Fall, daß dort überhaupt eine Revolution stattfand. (Siehe dazu DEBATTE 4 und 5) Als dieser Fall dann auch eintrat, stützten sich die Bolschewiki fatalerweise auf die Marxschen Aussagen zu den französischen (die er in Der Bürgerkrieg in Frankreich selbst wiederum differenziert hat) und nicht zu den russischen Bauern. Die Folgen dieses Mißverständnisses waren katastrophal. [7]

Was die NF betrifft, so hat Lenin gegen Luxemburg und später gegen Stalin das ‚Recht auf Lostrennung‘ der unterdrückten Nationen des Russischen Imperiums mit aller Kraft verteidigt, mußte sich aber zum Schluß dem linken Sozialimperialismus Stalins und seiner Fraktion in der KPdSU geschlagen geben. Abgesehen davon war in den Endlosdebatten der Bolschewiki niemals der Gedanke aufgekommen, daß und wie die BF mit der NF zusammenhing, was z.B. im Krieg gegen die nationalistische ukrainische Rada deutlich wurde, in dem die Bolschewiki gezwungen waren, das Land der russischen Großgrundbesitzer gegen die ukrainischen reaktionären Kleinbürger der Kiewer Regierung zu verteidigen, anstatt gemeinsam mit der Dorfgemeinde und den Arbeitern gegen die von den Deutschen gekaufte ukrainische (Klein-)Bourgeoisie den Klassenkrieg zu führen. Dementsprechend verlief dann auch der Bürgerkrieg in der Ukraine mit den bis zum heutigen Tag zu verspürenden Nachwirkungen.

Auch was die JF betrifft, halte ich mich an Marx, der am Schluß von Zur Judenfrage schreibt: daß die Entfaltung von religiösen Gemeinschaften und Sekten in den hoch entwickelten kapitalistischen Ländern, wie den USA, letzten Endes nur dadurch überflüssig gemacht werden kann, daß die gesellschaftlichen Voraussetzungen, unter denen das religiöse Sektierertum entsteht, aufgehoben werden und nicht, wie Bruno Bauer meinte, die Juden erst ihrem Judentum abschwören und Demokraten werden müssen, bevor sie in die bürgerliche Gesellschaft eintreten dürfen. [8] Das hielt Marx für eine reaktionäre Scheinlösung, was ihm bis heute viele Feinde unter Philo- wie Anti-Semiten geschaffen hat, denen das Verdikt vom jüdischen Selbsthaß leicht über die Lippen geht.

Was aber auch nicht sehr verwunderlich ist, denn die Pointe in der von Marx vorgeschlagene Aufhebung des religiösen (und ethnischen) Sektierertums betrifft heute auch den Staat Israel, wo die kapitalistische Produktionsweise tagtäglich dafür die Voraussetzungen schafft. Aber da es sich gleichzeitig um einen als koloniales Projekt gegründeten und per Selbstdefinition (eine Konstitution hat dieser genauso wenig wie Deutschland, sondern nur ein Grundgesetz) jüdischen Staat handelt, würde die Abschaffung des jüdischen Sektierertums durch die Aufhebung seiner kapitalistischen Voraussetzungen zugleich die Abschaffung dieses Staates bedeuten. Daraus ergibt sich das fatale Fehlurteil, siehe zuletzt die Buchvorstellung des neuen Buches von Stephan Grigat, [9] daß die Forderung nach einer internationalen Verurteilung der völkerrechtswidrigen Politik des Staates Israels mit Antisemitismus gleichgesetzt wird. Diesem Verdikt können die westlichen Kritiker am Vorgehen der israelischen Regierung, so Grigat, nur entgehen, wenn sie deren Handlungsweise in toto gutheißen. Den diesem Fehlschluß zugrunde liegenden Widerspruch benutzen wiederum die Islamisten und die antiamerikanische Linke dazu, um die Existenz des Staates Israel, bereits vor der Aufhebung der gesellschaftlichen Voraussetzungen seines Sektierertums zu liquidieren. Aber gerade weil die Islamisten dasselbe mit allen anderen religiösen und ethnischen Minderheiten im Nahen Osten vorhaben oder bereits betreiben, ist dieser Staat Israel heute notwendig, um den Islamismus zu beseitigen und nicht etwa (wie die internationale Linke meint), aufzuheben.

Die Liquidierung des Staates Israel zu verhindern, obwohl es sich um ein koloniales Projekt handelt und die Aufhebung seines nationalen und religiösen Sektierertums voranzutreiben, sind zwei Paar Schuhe. Aus der von Dir zitierten Britischen Herrschaft in Indien wird abgesehen von dem berühmten Nektar-Zitat deutlich, [10] daß Marx im Gegensatz zu seinen heutigen linken Gegnern die Zweischneidigkeit der westlichen Kolonialherrschaft betont, von der bis zu einem gewissen Grad der ganze urwüchsige Atavismus der indischen Gesellschaft verschwinden wird und von der ausgehend die revolutionären Klassen das reaktionäre Gebäude schließlich zum Einsturz bringen werden (die dünne bürgerliche Oberschicht hat es bis heute geschafft, diesen Zeitpunkt auf den St. Nimmerleinstag hinauszuzögern).

Ähnlich sind auch die sog. Farbigen Revolutionen in den arabischen Ländern und in den Staaten des ehemaligen ‚Sozialistischen Lagers‘ außerhalb der EU (und nun auch in Hongkong) eine Reaktion der kleinbürgerlichen Massen (die trotz ihrer westlichen Ausbildung keine Chance haben, einen Job zu bekommen – denn dazu müßte der Kapitalismus in diesen Ländern ein ‚Wachstumsmodell‘ für den Weltmarkt haben) auf den Rückzug der einstigen Weltmacht Sowjetunion aus der sog. Dritten Welt, wozu die wichtigsten Arabischen Länder gehörten. Denken wir nur daran, daß Ägypten und Syrien in den 60er Jahren eine arabisch-sozialistische Konföderation bilden wollten, daß die Baath-Partei (Sozialistische Partei der arabischen Erweckung) in Syrien und dem Irak gleichzeitig und zeitweise gemeinsam an der Regierung waren. Dies alles ist spätestens mit dem, was die Linke als ‚Epochenbruch‘ bezeichnet, d.h. mit dem Zusammenbruch der SU, den Bach runter gegangen… Und eben die Folgen dieses ‚Epochenbruchs‘ sind heute Inhalt des linken Revisionismus (nicht mehr als Revision der Marxistischen Theorie usw., sondern als Politik der Rückgängigmachung dieses unvermeidlichen und heilsamen ‚Epochenbruchs‘!)

Die Linke erweist sich damit als nicht weniger revisionistisch wie die Islamisten! Beide wollen „das Rad der Geschichte zurückdrehen“. Die einen bis ins 7. Jahrhundert, die andern in die Zeit der 60er, 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, da die SU als Zweiter Sieger über den Hitler-Faschismus Weltmacht Nummer Zwei geworden war. Daher sehen sie heute großzügig über die Menschheitsverbrechen des Assad-Regimes hinweg (BLogbuch 1-2014) [11] und daher sind sie wie schon Rosa Luxemburg der Ansicht, daß die Ukraine als Staat noch nie existiert hat. [12] Womit sie wortwörtlich Putins panslawistische Propaganda nachkäuen, worin er sich das Recht rausnimmt, was er von den alten Zaren gelernt hat, sich von der Ukraine ein Stück nach dem anderen abzubrechen, um sie am Ende ganz zu verspeisen… Ich lasse es einmal dabei bewenden, weil ich vielleicht auch dem nächsten BLogbuch vorgreife.

Ich denke, das Wichtigste wurde gesagt und hoffe auf eine weiterhin fruchtbare Diskussion, in der sich, was hier nur angerissen wurde, die obigen drei Fragen noch ausführlicher erläutern lassen.

Mit solidarischen Grüßen

Ulrich Knaudt

[1] http://weltcoup.wordpress.com/2014/10/11/anleitung-zum-kampf/ Anleitung zum Kampf – the working class has its own policy.
[2]
Karl Marx: Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation MEW 16 (5-13),13: »Der schamlose Beifall, die Scheinsympathie oder idiotische Gleichgültigkeit, womit die höheren Klassen Europas dem Meuchelmord des heroischen Polen und der Erbeutung der Bergveste des Kaukasus durch Rußland zusahen; die ungeheueren und ohne Widerstand erlaubten Übergriffe dieser barbarischen Macht, deren Kopf zu St. Petersburg und deren Hand in jedem Kabinett von Europa, haben den Arbeiterklassen die Pflicht gelehrt, in die Geheimnisse der internationalen Politik einzudringen, die diplomatischen Akte ihrer respektiven Regierungen zu überwachen, ihnen wenn nötig entgegenzuwirken; wenn unfähig zuvorzukommen, sich zu vereinen in gleichzeitigen Denunziationen und die einfachen Gesetze der Moral und des Rechts, welche die Beziehungen von Privatpersonen regeln sollten, als die obersten Gesetze des Verkehrs von Nationen geltend zu machen. Der Kampf für solch eine auswärtige Politik ist eingeschlossen im allgemeinen Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!«
[3] Siehe
Karl Marx an Friedrich Engels am 25.02.1865 MEW 31 (83-86), 86; bzw. parteimarx.org STREITPUNKT DEBATTE 1 Die unscharfe Relation Marx/’Marxismus’, Fn. 7.
[4] Siehe parteimarx.org
KRITIK 1 ANHANG 3.
[5] Siehe parteimarx.org
KRITIK 1 ANHANG 2.
[6] Siehe parteimarx.org
DAS KAPITAL DEBATTE 1.
[7]
Karl Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich. Adresse des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation 3Berlin 1891, MEW 17 (319-362). Wer sich die Mühe macht, seine MARX-DvD unter dem Stichwort Bauern zu starten, wird erstaunliche Entdeckungen machen, u.a. die, daß es Louis Bonaparte zwar mit den simpelsten Tricks gelungen war, 1848 die Masse der Bauern als Wähler zu gewinnen, daß es ihm aber je länger er an der Macht bleib, um so weniger gelang, sie bei der Stange zu halten. Hier eines von vielen Beispielen auf S. 344,345 heißt es: »Die Kommune hatte vollständig recht, als sie den Bauern zurief: „Unser Sieg ist eure Hoffnung!“ Von allen Lügen, die in Versailles ausgeheckt und von den ruhmvollen europäischen Preßzuaven weiterposaunt wurden, war eine der ungeheuerlichsten die, daß die Krautjunker der Nationalversammlung die Vertreter der französischen Bauern seien.« Die Commune hätte dem Bauern die Blutsteuer abgenommen, eine wohlfeile Regierung geschaffen und seine Blutsauger (Notar, Anwalt, Gerichtsvollzieher u.a.) in von ihm gewählte und besoldete, ihm verantwortliche Beamte verwandelt, sie hätte ihn von den Flurschützen, Gendarmen, Präfekten befreit und die auf Verdummung aus seienden Pfaffen durch der Aufklärung verpflichtete Lehrer ersetzt. Da der Bauer jemand ist, der rechnet, hätte er es akzeptiert, wenn die Pfaffen, statt von den Steuereinnehmern vom Frömmigkeitsbetrieb der Gemeinden abhängig gewesen wären. »Dies waren die großen unmittelbaren Wohltaten, die die Herrschaft der Kommune und sie nur den französischen Bauern in Aussicht stellte. Es ist daher ganz überflüssig, hier näher einzugehn auf die verwickelteren wirklichen Lebensfragen, die die Kommune allein fähig und gleichzeitig gezwungen war, zugunsten des Bauern zu lösen die Hypothekenschuld, die wie ein Alp auf seiner Parzelle lastete, das ländliche Proletariat, das täglich auf ihr heranwuchs, und seine eigne Enteignung von dieser Parzelle, die mit stets wachsender Geschwindigkeit durch die Entwicklung der modernen Ackerbauwirtschaft und die Konkurrenz des kapitalistischen Bodenbaus sich durchsetzte.«
[8]
Karl Marx: Zur Judenfrage MEW 1 (347-377), 354: »Der [Wahl-]Zensus ist die letzte politische Form, das Privateigentum anzuerkennen. Dennoch ist mit der politischen Annulation des Privateigentums das Privateigentum nicht nur nicht aufgehoben, sondern sogar vorausgesetzt.« usw.
[9] cafe.critique@gms.de 17.09.2014
Stephan Grigat: Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke & die iranische Bedrohung, Hamburg 2014: Konkret Texte, Band 64, 184 Seiten, 19,- Euro.

[10] Siehe [1] und Karl Marx: Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien MEW 9 (220-226), 226: »Britische Industrie und bürgerlicher Handel schaffen diese materiellen Bedingungen einer neuen Welt in der gleichen Weise, wie geologische Revolutionen die Oberfläche der Erde geschaffen haben. Erst wenn eine große soziale Revolution die Ergebnisse der bürgerlichen Epoche, den Weltmarkt und die modernen Produktivkräfte gemeistert und sie der gemeinsamen Kontrolle der am weitesten fortgeschrittenen Völker unterworfen hat, erst dann wird der menschliche Fortschritt nicht mehr jenem heidnischen Götzen gleichen, der den Nektar aus den Schädeln Erschlagener trinken wollte.«
[11] parteimarx.org
BLogbuch 1 2014: Revolution und Konterrevolution in Europa.
[12] Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution GW 4 (332-365), 351: »Die realen Klassengegensätze und die militärischen Machtverhältnisse haben die Intervention Deutschlands herbeigefürht. Aber die Bolschewiki haben die Ideologie geliefert, die diesen Feldzug der Konterrevolution maskiert hat, die haben die Position der Bourgeoisie gestärkt und die der Proletarier geschwächt. Der beste Beweis ist die Ukraine, die eine fatale Rolle in den Geschicken der russischen Revolution spielen sollte. Der ukrainische Nationalismus war in Rußland ganz anders als etwa der tschechische, polnische oder finnische, nichts als eine einfache Schrulle, eine Fatzkerei von eine paar Dutzend kleinbürgerlichen Intelligenzlern, ohne die geringsten Wurzeln in den wirtschaftlichen, politischen oder geistigen Verhältnissen des Landes, ohne jegliche historische Tradition, da die Ukraine niemals eine Nation oder einen Staat gebildet hatte, ohne irgendeine nationale Kultur, außer den reaktionär-romantischen Gedichten Schewtschenkos….« usw.
___________________________________________________________________________________

F.W. an mail@parteimarx.org (24.10.2014)

Betreff: Aw: Fwd: Re: the working class has its own foreign policy


hallo ulrich knaudt,

nochmal vielen dank für deinen text! Angesichts … ist mein zeitfont gerade

sehr begrenzt. ich bitte deshalb wegen meiner antwort um ein bisschen geduld. bis nächste woche will ich

aber etwas schreiben.

beste grüße,

f.w.
____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an F.W. (24.10.2014)

Betreff: Re: Fwd: Re: the working class has its own foreign policy.


Hallo F. W., die Revolutionen sind die Lokomotiven des Weltgeschichte, aber sie fahren ja nicht ständig unter Volldampf. Manchmal streiken sogar die Lokführer. Kein Stress!

Viele Grüße

Ulrich Knaudt

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (31.10.2014)


Lieber H., Ende August bekam [ich] von Dir die Empfehlung zur Lektüre von „So werden Kriege gemacht“. [1] Ich hatte von demselben Autor zum selben Thema etwas im ND gelesen und habe mir, obwohl ich seine Ausführungen als äußerst unbefriedigend empfand, die gleichlautende

Broschüre besorgt.

Ich hoffe, es sind keine ernstzunehmende Hindernisse, die für die relativ lange Unterbrechung unserer Diskussion verantwortlich sind. Ich würde mich freuen, mal wieder von Dir zu hören. …

Viele Grüße

Ulrich

[1] Siehe Ulrich Knaudt an H.B. (27.08.2014) [1].


____________________________________________________________________________________

F.W. an mail@parteimarx.org (02.11.2014)

Betreff: Aw: Fwd: Re: the working class has its own foreign policy


Hallo Ulrich Knaudt,

vielen Dank nochmal für deine Replik auf meinen Text! Ich habe jetzt endlich Zeit gefunden, eine kurze Antwort zu schreiben. Mit den meisten deiner Punkte bin ich einverstanden. Auch die Einschätzung, dass der Faschismus Ausdruck der „verrückten Normalität“ der ökonomischen Formen der kapitalistischen Produktionsweise ist, die nur durch den Klassenkampf aufgehoben werden können, teile ich. Auf Grundlage dieser allgemeinen Bestimmung, die Faschismus und bürgerliche Demokratie als Basis gemeinsam haben, wollte ich in dem Text aber auch die Besonderheit des Faschismus gegen seine ökonomistische abstrakte Gleichsetzung mit den Verhältnissen der bürgerlichen Demokratie betonen oder eher antippen, ohne sie zugegebenermaßen ausgeführt zu haben. Diese Besonderheit besteht meines Erachtens darin, dass der Faschismus Sohn-Rethels Darstellung in „Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus“ zufolge – nach der Zertrümmerung der Klassenkampforgane des Proletariats mit terroristischen Herrschaftsmitteln wieder voll die absolute Mehrwertproduktion in Gang setzt. Das ist etwas missverständlich ausgedrückt, denn nach Marx löst die relative Produktion des Mehrwerts nicht die absolute ab (als wären das zwei voneinander getrennte historische Stadien), sondern die reale Mehrwertproduktion wird mit der reellen Subsumtion der Arbeit unters Kapital dominant über die absolute, was für Marx ein erheblicher Vergesellschaftungsfortschritt ist. Dieses Verhältnis wird unter der faschistischen Herrschaft wieder umgekehrt, was für den Klassenkampf hinsichtlich seiner ökonomischen und politischen Bedingungen schwer ins Gewicht fällt. Die ihrer Koalitionen entledigte, sozusagen nackt und zersplittert dastehende Arbeiterklasse konnte dann mithilfe des demagogischen antisemitischen Antikapitalismus weitgehend ins Korsett der Volksgemeinschaft eingeschnürt werden.

Auch mit deiner Erklärung der Notwendigkeit Israels bin ich einverstanden. Zweifel habe ich aber daran, dass Israel ein koloniales Projekt sein soll. Die zionistischen Siedler waren größtenteils selbst verarmte Proletarisierte aus Europa, die es meines Wissens nach niemals angestrebt haben, als Kompradorenbourgeosie über der arbeitenden arabischen Bevölkerung zu thronen. Das Ziel des Zionismus ist bekanntlich, eine eigenständige nationale jüdische Gesellschaft zu errichten, die selbst von Klassengegensätzen zerrissen sein muss, wie es ja heute in Israel auch der Fall ist. Außerdem gab es bis zum Krieg von 1948 keine illegalen Landokkupationen, sondern nur Landkäufe, und die jüdischen Händler und Unternehmer mussten mit den arabischen unter gleichen Marktbedingungen konkurrieren. Für mich sieht das nicht nach einem kolonialen Verhältnis zwischen einem „Bourgeoisievolk“ und einem „Bauernvolk“ aus, aber ich lasse mich da auch gerne eines Besseren belehren. Jedenfalls wird das alles nichts daran ändern, dass Israel im Nahen Osten als einzige wirklich moderne bürgerliche Gesellschaft und Träger der zivilisatorischen Mission des Kapitals eine objektiv progressive Rolle spielt.

Deine Kritik an Grigats „bedingungsloser Solidarität“ mit Israel (Kants a priori geltender kategorischerImperativ lässt grüßen!) kann ich auch nachvollziehen. Allerdings haben wir genauso wenig Grund, uns der „internationalen Verurteilung der völkerrechtswidrigen Politik des Staates Israels“ anzuschließen, denn diese zielt letzten Endes fast immer auf die Entwaffnung und Auslieferung Israels an seine Feinde. Damit wird Israel das ius ad bellum abgesprochen, was aber nach Marx gerade den Kern des Völkerrechts ausmacht: „Die Grundlage alles Völkerrechts aber ist überhaupt, daß jedes Mitglied der kriegführenden Partei von der Gegenpartei als ‚kriegführend‘ betrachtet und behandelt werden darf.“ (MEW 15, S. 412) [1] Diese Bestimmung widerspricht im Wesentlichen der heutigen linken Vorstellung vom Völkerrecht als internationalem Äquivalent zu den Rechtsverhältnissen in einem Nationalstaat. Hinter dem Recht in einem Staat steht immer ein staatlicher Souverän, der ihre allgemeine Durchsetzung kraft seines Gewaltmonopols garantiert und bei gewaltsamen Übergriffen zwischen den Privatpersonen befriedend einschreitet. Auf internationaler Stufe, auf der Ebene des Weltmarkts ist das aber nicht der Fall, da die Repulsion der miteinander konkurrierenden nationalen Gesamtkapitale die Herstellung eines „Weltsouveräns“ als fiktivem Garanten des Völkerrechts verhindert. Das Völkerrecht ist deshalb de facto immer nur das, was die bürgerlichen Staaten zulassen, und nicht, wie die linke „Rechtsillusion“ glaubt, ein ewig und universal geltendes (Natur-)Recht, das für die Staaten in der Art und Weise wie für Individuen gelten müsse. Das Ende vom Lied ist dann, dass gegen Israels „übergriffige“ Verteidigungskriege im Namen eines pazifistisch gemodelten Völkerrechts seine Entwaffnung gefordert wird, was in letzter Konsequenz auf seine Preisgabe zur Zerschlagung durch die Islamisten hinausläuft. Da ansonsten kein anderer Staat, sei er auch noch so menschenfeindlich und barbarisch, mit solchen Zumutungen traktiert wird, ist Israel wahrlich der Jude unter den Staaten und das Bündnis der Linken mit den Islamisten (sowie den Nazis) die Heilige Allianz unserer Zeit. Das ändert aber nichts daran, dass wir die Durchsetzung und Einhaltung des Völkerrechts einfordern müssen, ohne aber die bürgerliche Rechtsillusion zu bedienen, damit sich das Weltproletariat nicht in seine nationalen Abteilungen durch die nationalen Egoismen der Bourgeoisie spalten und gegeneinander ausspielen lässt. Das heißt natürlich auch, das ius in bello von Israel einzufordern und seine Nichteinhaltung zu kritisieren – aber nicht, wie die linken Antizionisten, auf Kosten von Israels Recht auf Selbstverteidigung und seiner Existenz.

Mit besten Grüßen aus Leipzig,

F.W.
[1] Karl Marx: Streit um die Affäre „Trent“ MEW 15 (409-413).

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (03.11.2014)

Betreff: DER ROTE OKTOBER


Lieber H., ich schicke Dir einen Aufsatz aus dem ND zur O[KTOBER]R[EVOLUTION], der Dir wahrscheinlich in vielem bekannt vorkommen wird. [1] Mich jedenfalls erinnerte einiges [darin] an die pM (Ich kann mich ja täuschen). Die DEBATTEN in der Marx-Gesellschaft durch eine Milchglasscheibe betrachtet? Bin gespannt, ob Du einen ähnlichen Eindruck haben wirst.

Als Illustration meiner These von der Konvergenz des linken und rechten Putinismus in Deutschland empfehle ich die November-Nr. von COMPACT Magazin für Souveränität. Der Untertitel sagt alles. Die Verteidigung der (nationalen, staatlichen?) Souveränität richtet sich ausschließlich gegen die USA […] Ich habe bisher auch nur das Editorial von Elsässer gelesen. Ein interessanter Autor: einst bei konkret einer der schärfsten Anti-Deutschen, wurde aus dem Saulus ein Paulus. (Oder auch nicht?) In einem redaktionellen Nachruf auf den im Frühjahr verstorbenen Verfasser der allwöchentlichen Glosse in der jW Der Schwarze Kanal, Werner Pirker, findet sich ein Foto aus den 90er Jahren, wo sie friedlich vereint beieinander sitzen. [2] Ihre Gemeinsamkeit bestand wohl schon damals in dem, was bei Elsässer heute seine Existenz als Quisling Moskaus ausmacht.

Viele Grüße

Ulrich


[1] Neues Deutschland 01.11.2014 Der rote Oktober – Bei den Ausgebeuteten, Entrechteten und Gedemütigten löst die Idee des Sozialismus alles Mögliche aus, nur das nicht mehr – Hoffnung und Sehnsucht (Jörn Schütrumpf).
[2]
Ulrich Knaudt an H.B. (24.06.2014) [1].

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an F.W. (10.11.2014)

Betreff: DETROIT


Lieber F.W.,

vielen Dank auf Deine ausführliche Antwort auf meine Replik. Ich werde versuchen, auf [die] meiner Ansicht nach darin enthaltenen wichtigsten Punkte der Reihe nach einzugehen und am Schluß ein Resümee ziehen:

1. »…die Besonderheit des Faschismus«: Der Faschismus hat eine ökonomische und eine politische Seite. Die industrielle Bourgeoisie, die ihn gleichzeitig gefördert und das Opfer gebracht hat, sich für die Unterdrückung der proletarischen Revolution von ihm auch eine wenig unterdrücken zu lassen, hat unter dem staatsmonopolistischen Kapitalismus der Nazis hervorragend verdient und gleichzeitig darüber gejammert, selbst auch vom NS unterdrückt worden zu sein. Ihre Versuche, dieses Regime zum Teufel zu jagen, waren von A bis Z ebenso halbherzig, wie das mit ihrer freiwilligen Selbstunterdrückung verknüpfte Kalkül, das sie mit einem Auge immer auf die enormen Extraprofite, die in der Rüstungsindustrie zu machen waren, schielen ließ, zweigleisig war. Die Geschichte dieser Bourgeoisie ist die Geschichte ihrer nach1848 gemeinsam mit Bismarck entwickelten Vorliebe für den Bonapartismus, der sie später in Hitler den geeigneten Repräsentanten finden ließ, der das Werk der präventiven Konterrevolution gegen die drohende proletarische Revolution vollendet und dem ganzen dadurch einen revolutionären Kick gegeben hat, daß er die sich in der Weltwirtschaftskrise an Verrücktheit überschlagenden verrückten Formen des Wertgesetzes und des zinstragenden Kapitals der Alltagsphilosophie des durch Versailles enteigneten Durchschnittsspießers der Mittelklasse plausibel machen und gleichzeitig den in den proletarischen Massen grassierende Klassen- in den Rassenhaß umpolen konnte. Nicht weniger halbherzig kommen die Faschismus-Analysen der deutschen Linken einher, die um die Marxsche Analyse des Bonapartismus einen großen Bogen machend letzten Endes nur noch die demokratischen Bauchschmerzen der deutschen Bourgeoisie, soweit diese zu guter Letzt ein wenig dissident wurde, geteilt hat. Theoretisch geht diese Faschismusanalyse über Lenins Lob der Organisation der deutschen Briefzustellung als positives Beispiel für die hochgradige Vergesellschaftung des Kapitals durch den Staat nicht hinaus. Und da sie die vielen Gemeinsamkeiten zwischen dem kaiserlichen und dem NS-Stamokap nicht wegerklären kann, bleibt ihr nur übrig, die demokratischen Bauchschmerzen der Bourgeoisie in endlosen „Kannegießereien“ (eine wunderschöne Charakterisierung des deutschen Spießers durch K.[arl]M.[arx]!) einfühlsam nachzuvollziehen.

2. »…denn nach Marx löst…«: Ich weiß nicht, ob »die relative Produktion des Mehrwerts« und die Produktion des relativen Mehrwerts dasselbe bezeichnen sollen? Wobei ich mir unter Deiner Formulierung recht wenig vorstellen kann, ebensowenig unter der von Dir so bezeichneten »reale(n) Mehrwertproduktion«. Ich habe gerade begonnen, mich erneut durch KAP[ITAL] III durchzukämpfen und muß feststellen, daß ich den Band nur sehr oberflächlich gelesen und auch so verstanden habe. Besonders wichtig erscheinen mir die klassenanalytischen Nebenbemerkungen, die für mich die entscheidenden Bezugspunkte für das Verständnis der wissenschaftlichen Beweisführung enthalten, über die ein bürgerlicher Ökonom wahrscheinlich hinweglesen wird. Bei der Produktion des absoluten und relativen Mehrwerts sind diese Bezugspunkte offensichtlich, sie finden sich aber auch in den anderen Kapiteln des KAP[ITAL]s.

3. »Zweifel habe ich, aber daran, daß Israel ein koloniales Projekt sein soll«. Wenn Du die näheren Umständen des Zustandekommens der Balfour-Erklärung in Betracht ziehst, ist daran eigentlich kein Zweifel möglich. Nach der Aufteilung des Osmanischen Reiches unter den Ententemächten fiel das Territorium von Palästina an die britische Mandatsmacht, die ihren Auftrag der Verwaltung dieses Mandats dahingehend interpretierte, den Vertretern der europäischen Juden Palästina als „Heimstatt“ zur Verfügung stellen zu dürfen. Sie durften sich zwar dort ansiedeln, aber anders als die irakischen, jordanischen usw. Araber keinen Staat gründen, weil die britische Regierung für ihre Unterstützung im Krieg gegen die Mittelmächte diesen die Gründung eines arabischen Staates versprochen hatte. Das änderte sich erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als auf die palästinensischen Araber wegen ihrer Unterstützung Hitlers keine Rücksicht mehr genommen werden mußte, usw. Hat aber dieser Staat damit aufgehört, ein koloniales Projekt im Herzen der bis zum heutigen Tag eine Fiktion gebliebenen arabischen Nation zu sein? Was sich lediglich geändert hatte, war, daß die Besiedler dieses Stückchens Land zwischen Syrien, Jordanien und Ägypten nicht mehr dieselben waren, die nach 1917 mit sozialistischen Idealen im Hinterkopf ihre Existenz als Ghettobewohner durch ihre Entwicklung zu praktischen Menschen hinter sich lassen wollten, sondern daß es sich um die Überlebenden der Pogrome der Nazis handelte, denen sie sich nur durch ihre Flucht entziehen konnten und die daher mit dem Aufbau einer bürgerlichen Existenz im einem bürgerlichen Siedlerstaat und der Verteidigung dieses Staates gegen ihre arabischen Nachbarn vollauf beschäftigt waren und es bis heute sind. Dadurch läßt sich zwar feststellen, daß sich vielleicht die Bestimmung dieses Staates, nicht aber seine raison d‘être geändert hat. Außerdem waren seine Hauptunterstützer nun nicht mehr die Kolonialmächten des Jahres 1917, sondern die zu Hegemonialmächten aufgestiegenen Hauptsieger des Zweiten Weltkriegs. Die ersten Gratulanten zur Staatsgründung Israels waren die Sowjetunion und die USA.

4. »…für mich sieht das nicht nach einem kolonialen Verhältnis zwischen einem „Bourgeoisievolk“ und einem „Bauernvolk“ aus.« …obgleich es letzten Endes dieser Widerspruch sein wird, dem sich auch dieser Staat nicht wird entziehen können, was die Massendemonstrationen vom letzten Frühjahr (oder dem Herbst davor?) beweisen, deren rein ökonomische Forderungen gegen den Staatsbankrott, vor dem sich die herrschende Klasse und deren Wirtschaft auch in Israel befindet, zwangsläufig einen neuen Konflikt zwischen Staat und Gesellschaft heraufbeschworen haben. [1] Es waren wahrscheinlich die Mittelklassen (das wäre näher zu untersuchen), die gegen den Regierungsstachel gelöckt haben, was die Bedeutung dieses Widerspruchs zusätzlich unterstreicht. (Siehe K.M.: Die Klassenkämpfe in Frankreich und seine Analysen des Kleinbürgertums.) [2] Allein schon aus diesem Grund kann ein heutiger Parteigänger der Marxschen Partei kein Interesse daran haben, daß dieses koloniale Projekt, auf dessen Basis der Staat Israel errichtet wurde, von der Arabischen Konterrevolution liquidiert wird und den schwankenden Interessen der USA und der EU ausgeliefert bleibt.

5. »daß Israel im Nahen Osten … eine progressiver Rolle spielt.« Darin sind wir einer Meinung. Allerdings wird sich an der Beherrschung der damit verbundenen Dialektik zeigen, ob die Parteigänger der s.o. die objektive Bedeutung dieser Rolle von der von diesem Staat konkret verfolgten Politik immer korrekt zu trennen in der Lage sein werden, da dieser Politik immer noch ein kolonialer (Golan, Westbanks), und perspektivisch ein sozialer Widerspruch (s.o.) [2] zugrunde liegt. Alle politischen Revolutionen im Nahen Osten, die nicht auf die Entstehung einer industriellen Bourgeoisie und eines dabei entstehenden Proletariats hinauslaufen, sind reaktionär und dienen der Konterrevolution, wie sich am Beispiel der Arabischen Revolution gezeigt hat, deren Spitze durch die Instrumentalisierung des Islamismus für das Überleben des Assadregimes gebrochen wurde. Die israelische Regierung hat vom Berg aus dem Kampf der Tiger im Tal zugeschaut. Dies kann nicht die Position der Parteigänger der Marxschen Partei sein. Über Deine Kritik an Grigats kategorischem Imperativ mußte ich im Stillen lächeln…

6. Deiner Kritik an den Vorstellungen der Linken über das Völkerrecht stimme ich voll zu, vor allem, was ihre Interpretation des ius ad bellum betrifft. (Dieses Recht hatte nur die Sowjetunion und hat heute das Putinregime. Alle anderen Völker und Nationen mögen ihre Waffen bei der Friedensbewegung abgeben, damit sie von ihr zu Pflugscharen geschmiedet werden…) Beim Nachschlagen der von Dir angegebenen MEW-Passage fiel mir auf, daß dort der reaktionäre Urquhart dem linksliberalen Cobden gegenübergestellt wird, den M.[arx]u.E.[ngels] ganz und gar nicht mögen, woraus klar wird, daß damals die Probleme, die sie mit ihren Linksliberalen hatten, immer schon tiefer gegangen sind als mit einem Rechten wie Urquhart. [3] Deshalb traue ich den Aussagen eines Sarrazin, trotz oder gerade wegen ihres klar sich abzeichnenden reaktionären Charakters eher über den Weg als dem linken Geschwafel von bspw. SPIEGEL oder STERN. Wenn Palmerston die Navigationsakte, wie vor kurzem noch Westerwelle die NATO, für überflüssig erklärt, dann hat das damals die Unterwerfung Europas unter die russische Hegemonie bedeutet, ähnlich wie sie heute von Rußland und China gegenüber dem Westen angedroht wird. Ein Anreiz, sich die Palmerston-Artikel genauer anzusehen.

7. At last but not least, stellt sich die Frage, wie wir mit der erstaunlichen Übereinstimmung, mit der wir quer zu allem stehen, was als Marxismus heute auf dem Markt ist, weiterhin verfahren sollen? […]

Dem will ich aber nicht vorgreifen, und verbleibe mit vielen Grüßen aus dem nordrhein-westfälischen Detroit an das revolutionäre Leipzig!

Ulrich Knaudt

[1] FAZ 08.08.2011 Netanjahu reagiert auf Proteste – 250.000 Demonstranten in Tel Aviv / Ruf nach Sozialreform. FAZ 15.08.2011 Sozialproteste in ganz Israel – Weniger Demonstranten in mehr Städten / Araber beteiligt .
Ein Jahr danach fanden erneut soziale Proteste in Israel statt, erreichten aber nicht mehr den vorherigen Umfang.
[2] Siehe Ulrich Knaudt an GdS (25.05.2014) Fn. [1].
[3] Karl Marx: Streit um die Affäre „Trent“ MEW 15 (409-413), 412,413: »Unterdes haben sich gewichtige Stimmen in diesem Sinn von zwei diametral entgegengesetzten Seiten ausgesprochen, auf der einen Seite die Herren Bright und Cobden, auf der anderen David Urquhart. Es sind dies prinzipielle und persönliche Feinde, die einen friedfertige Kosmopoliten, der andere der „letzte Engländer“; die einen stets bereit, alles internationale Recht dem internationalen Handel zu opfern, der andere keinen Augenblick schwankend: „fiat justitia, pereat mundus“ [es soll Gerechtigkeit geschehen, selbst wenn die Welt dabei untergeht], und unter „Justiz“ versteht er „englische“ Justiz. Die Stimmen von Bright und Cobden | sind wichtig, weil sie eine mächtige Fraktion der Mittelklassen-Interessen vertreten und im Ministerium durch Gladstone, Milner Gibson, mehr oder weniger auch durch Sir Cornewall Lewis, vertreten sind. Die Stimme Urquharts ist wichtig, weil internationales Recht sein Lebensstudium und jeder ihn als unbestechbaren Dolmetsch dieses internationalen Rechts anerkennt.«

____________________________________________________________________________________

F.W. an mail@parteimarx.org (16. 11. 2014)

Betreff:Aw: DETROIT


Hallo Ulrich Knaudt,

vielen Dank für deine Antwort. Da ich im Moment und auch demnächst leider zu wenig Zeit haben werde, um mich ausführlicher und genauer mit den in unserer Korrespondenz aufgeworfenen Problemen zu beschäftigen, sind meine Antworten etwas grobschlächtig und kurz ausgefallen. Jetzt zu den Punkten:

ad 1: Zustimmung. Zu deiner Charakterisierung des NS-Faschismus als „staatsmonopolistischen Kapitalismus“ habe ich noch eine Nachfrage. Die STAMOKAP-Ideologie des ML, die meines Erachtens im Grunde auf Hilferdings Theorie des „Finanzkapitals“ basiert, halte ich für falsch. Guenther Sandleben hat in seinem Buch „Nationalökonomie und Staat“ Hilferdings Auffassung von der „Verschmelzung“ des Bankkapitals mit dem industriellen Kapital (wobei das erste über das zweite übergreife), woraus dann das „Finanzkapital“ hervorgehe, kritisiert und gezeigt, wie diese Vorstellung bis in die Antiglobalisierungsbewegung hinein weiter spukt. Ihr zufolge übe das Bankkapital durch den Kredit Macht über das industrielle Kapital aus, da Geld gleich Macht sei, so der fetischistische Schluss. Dass diese Macht des Kredits aber nur eine „passive“ ist, da auf die Nachfrage nach Kredit angewiesen, zeigt z.B. schon die Tatsache, dass viele große Unternehmen zurzeit Geld horten, um nicht auf das der Banken angewiesen zu sein, womit deren angebliche Macht null und nichtig wird. Selbst wenn das industrielle Kapital auf Kredit angewiesen ist, bleibt die „aktive“ Macht über die Kapitalproduktion weiterhin seine Domäne. Die Vorstellung von der „Macht der Banken“ hat seine klassenmäßige Basis wahrscheinlich vor allem im kreditbedürftigen Kleinbürgertum, aus dem auch die antisemitische Vorstellung vom „Geldjudentum“ herauswächst.

Viel plausibler als diese STAMOKAP-Vorstellung, nach der das „Finanzkapital“ mithilfe seiner „Geldmacht“ über den Staat übergreife, sozusagen als „feindliche Übernahme“ (die dann im Bündnis mit dem Kleinbürgertum und im Namen der Demokratie regressiv zurückgeschlagen werden soll), finde ich das, was Heinz Langerhans unter staatsmonopolistischem Kapitalismus versteht, nämlich die vom Entwicklungsgrad der Produktivkräfte aufgenötigte Kontrolle derselben auf nationaler und nicht mehr privater Stufenleiter.

Hier ein Auszug aus seinem Text „Die nächste Weltkrise, der Zweite Weltkrieg und die Weltrevolution“ von 1934:

Die Weltkrisen haben Kapital und Staat, jene beiden Seiten des gesellschaftlichen Grundverhältnisses Lohnarbeiter-Kapitalisten zu einem einzigen Schutzpanzer eingeschmolzen, um deren Fortbestand zu sichern. Aus dem automatischen Subjekt Kapital mit dem Garanten Staat als besonderem Organ ist das einheitliche Staatssubjekt Kapital geworden. Der Staat ist heute mehr als der bloß »ideelle« Gesamtkapitalist, was in seinen vermehrten Funktionen zum Ausdruck kommt. […] Es gibt heute eine ganze Skala von Graden der Verschmelzung von Staat und Kapital. Die Unterschiede sind in Unterschieden der nationalen Geschichte begründet, nicht prinzipieller Natur. (1. Identität von Staat und Kapital, zentrale Planwirtschaft bei individueller Verantwortlichkeit des einzelnen Betriebsführers: Bolschewistischer Staatskapitalismus. 2. Schaffung besonderer autoritärer Organe der politischen Ökonomie, denen der einzelne selbständige Unternehmer eingeordnet wird: nationalsozialistische »Wirtschaftssteuerung«. 3. Korporative Autodisziplin der Kapitalisten unter Staatskontrolle: faschistische »Systematische Intervention«. 4. Auch die im ganzen andersartige amerikanische NRA weist verwandte Züge auf. – etc. etc.) An die Stelle privatwirtschaftlicher Rentabilität tritt nationalwirtschaftliche Rentabilität. Das Staatssubjekt Kapital organisiert den inneren Markt, reguliert – ein nationales »Generalkartell« – die Preise und verschärft damit zugleich die internationale Konkurrenz. Die internationale Handelspolitik ist die Lebensfrage der Staaten geworden (»Autarkie-Dämmerung«). Die neuen monopolistischen Formen haben also den zyklischen Lauf der Weltwirtschaft nicht nur nicht aufgehalten, sie entziehen auch den eigenen Wirkungsbereich nicht dem kapitalistischen »Naturgesetz«.“ Der Text ist hier zugänglich: http://theoriepraxislokal.org/imp/pdf/Langerhans.pdf

War aber der Faschismus staatsmonopolistisch in dem Sinne, dass der Staat als alleiniger Eigentümer der Produktionsmittel auftrat (wie in der Sowjetunion), oder war der Staat nicht eher autoritärer Regulator einer immer noch auf dem privaten Klasseneigentum einer monopolistischen Bourgeoisie fußenden Kapitalproduktion?

Und was hältst du von Thalheimers und Trotzkis Faschismusanalysen, die ja dem Anspruch nach in ihren Arbeiten von der Bonapartismuskritik von Marx her ansetzen? (Ich kenne beide bisher nur aus zweiter Hand.)

ad 2: Völlige Zustimmung. Dass ich „reale Mehrwertproduktion“ statt „relative Mehrwertproduktion“ schrieb, war ein Flüchtigkeitsfehler. Der Ausdruck „relative Produktion des Mehrwerts“ ist aber in der Tat ein sachlicher Fehler und Unsinn, denn nicht die Produktion, sondern der produzierte Mehrwert unter den Bedingungen der reellen Subsumtion der Arbeit unters Kapital wird von Marx als relativer gekennzeichnet.

Da merke ich mal wieder, dass ich im Kapital nicht wirklich zuhause bin. Bisher bin ich mit der Lektüre typischerweise nicht über die ersten drei Kapitel hinausgekommen, den Rest kenne ich nur in Auszügen.

ad 3: Über die Balfour-Deklaration konnte ich mich nicht wirklich weiter einlesen. Walter Hollstein schreibt in „Kein Frieden um Israel“, dass Großbritannien als kolonialistische Macht den Zionismus nach dem Ersten Weltkrieg benutzt hat, um ihn gegen den arabischen Nationalismus in Stellung zu bringen. Letztendlich wurden beide hingehalten, und die Zionisten haben es sich gefallen lassen, weil sich ihre Aussichten auf eine Staatsgründung mit der Balfour-Deklaration verbessert hatten. Wie Hollstein den Kolonialismus Israels (ökonomisch und politisch) charakterisiert, konnte ich noch nicht weiter nachlesen. Die Kritik der linken Israelhasser in dieser Hinsicht beschränkt sich ja meistens darauf, Israel in kulturkonservativer Manier vorzuwerfen, es sei zu westlich-abendländisch geprägt und respektiere nicht die autochthonen Traditionen der arabischen Bevölkerung.

ad 4, 5 und 6: Zustimmung.

Ad 7: […] Was ich bisher weniges von der Marx-Gesellschaft gehört habe, klang ziemlich schlecht (ist fast ausschließlich von Akademikern geprägt, dementsprechend akademische Verballhornung der Kritik der politischen Ökonomie und als nichtakademischer Außenseiter wird man scheiße behandelt). Der in dem kurzen programmatischen Text auf der Website der Marx-Gesellschaft genannte „Arbeitsschwerpunkt“ einer „kritischen Rekonstruktion der Marxschen Theorie“ mag so abstrakt gefasst richtig sein, auch wenn dadurch ansonsten noch alles offen gelassen wird. Die „Stellung und Bedeutung des Marxschen Theorieansatzes in der gegenwärtigen sozial- und geisteswissenschaftlichen Diskussion“ untersuchen zu wollen, legt schon den Verdacht nahe, dass das eine akademische Angelegenheit werden soll. Denn wenn uns eine „Stellung und Bedeutung“ der Theorie von Marx interessieren sollte, dann ist es vor allem die zu den (vergangenen und anstehenden) Klassenkämpfen. Wenn dieser „Arbeitsschwerpunkt“ ausgespart wird, kommt aber eine „unpolitische“ Marx-Lektüre raus. Den Schwerpunkt auf die Marxsche Partei und ihre Politik heute zu setzen, finde ich deshalb richtig. […]

____________________________________________________________________________________

F.W. an mail@parteimarx.org (18. 11. 2014)

Betreff: russische anarchisten gegen die linkspartei


zur kenntnisnahme: hier ein flugblatt von russischen anarchisten gegen ANDREJ HUNKO, einem
parlamentsabgeordneten der linkspartei und unterstützer von BOROT’BA. es scheint so, dass heute die erben bakunins, jedenfalls in russland und der ukraine, politisch der partei marx näher stehen als alle marxisten dieser welt.

link und text:

http://nihilist.li/2014/11/17/andrej-gun-ko-posobnik-imperialisticheskoj-politiki-kremlya-i-vrag-rabochegodvizheniya/#deutsch
____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an F.W. (23.11.2014)

Betreff: STAMOKAP + NS


Lieber F. W.,

ich würde sagen, nachdem wir die hauptsächlichen Differenzen thematisch abgeglichen haben, müssen wir nicht ständig Grundsatzerklärungen austauschen; zumal ich aus meiner eigenen Erfahrung volles Verständnis für die von Dir angedeutete Situation habe, die solche zeitraubenden Diskussionen nicht zuläßt.
Zweifellos stehen die russischen Erben Bakunins politisch der
partei Marx näher als alle Marxisten dieser Welt! Wenn dieses schöne Bonmot ironisch gemeint sein soll (was ich aber nicht annehme, sondern eher selbstironisch?), sei auf Engels verwiesen, der meinte, es gebe zwischen ihm und Marx einerseits und den Anarchisten andererseits durchaus eine Gemeinsamkeit, nämlich die: daß der Staat (in letzter Instanz) abzuschaffen sei. Da es sich bei den Verfassern der Flugblatts außerdem um russische Anarchisten handelt, sei auf die über Kropotkin und Bakunin weiter zurückreichende Traditionslinie erinnert, die bis zu der engen Beziehung von Marx zu Černyševskij, dem spiritus rector der russischen Populisten und den späteren Narodniki reicht. Die Autoren des Flugblatts haben aber auch deshalb meinen Respekt, weil heute in Rußland Anarchist zu sein wahrscheinlich politisch nicht ganz ungefährlich für Leib und Leben ist. Ich hoffe, daß das Flugblatt eine weite Verbreitung finden wird. Etwas ausführlicher hätte ich mir darin die Sache mit dem Gewerkschaftshaus in Odessa gewünscht, da dieser angebliche Unfall/faschistische Massenmord in der jungen Welt ständig als Beweis dafür herangezogen wird, daß in der Ukraine angeblich ein Kampf zwischen (russischer) Vaterlandsverteidigung und westlichem Faschismus stattfindet. Deine Idee, mir dieses Flugblatt zu schicken, fand ich gut und ich würde mich freuen, wenn diese eine Fortsetzung findet.

Zu Deiner Frage nach der Marx-Gesellschaft. Grundsätzlich teile ich Deine kritische Einschätzung, daß es sich dabei um eine rein akademische Angelegenheit gehandelt hat, bei der sich Nicht-Vollakademiker faktisch ausgeschlossen fühlen mußten. Als ich auf diesen Verein (er war ja nun mal einer) stieß, war ich gerade damit beschäftigt, mein damals 25 Jahre zuvor abgebrochenes Studium zu Ende zu führen und nach dem Magister vielleicht noch zu promovieren. Schon deshalb waren meine Berührungsängste zu einem Akademikerverein wie diesem wahrscheinlich nicht ganz so groß. Was mir mißfiel, war, daß in den Kolloquien grundsätzlich Konsens herrschte, daß Politisches abends in der Kneipe debattiert werden sollte. Das ließ sich aber auf die Dauer nicht durchhalten, was ein Grund dafür war, daß sich der Verein in die alljährlich veranstaltete Herbstschule aufgelöst hat, wo den (in der Mehrzahl graubärtigen) Linken Parteigängern ein wenig Marx-Plus verklickert wird. [1] Thema in diesem Jahr war: Klassenkampf. Na ja…

Ich würde heute sagen, daß die Fortsetzung der in der Marx-Gesellschaft abgebrochenen Debatte letztlich (und deshalb wurde sie auch abgebrochen) auf die Frage hätte hinausgelaufen müssen, ob das Marxsche KAP[ITAL] nur auf den ‚westlichen‘ oder nicht auch auf den real-sozialistischen Kapitalismus (wie er heute noch in China herrscht) konkret ‚anzuwenden‘ war. (Stalin in den 50er Jahren: Wir brauchen die Werttheorie von Marx und Engels bei uns nicht mehr, weil hier bereits eine sozialistische Warenproduktion existiert. Operation geglückt – Patient tot!) In der o.g. Debatte wäre also die Frage zu stellen gewesen, (die die russischen Marxisten des 19. Jahrhunderts bezogen auf das zu 90% bäuerliche Rußland fälschlicher- (und vergeblicher)weise an Marx gestellt hatten und wovon dieser, siehe Zasulič-Briefe, abgeraten hatte), ob KAP I im Gegensatz zum 19. Jahrhundert auch auf das sozialistische Rußland ‚anwendbar‘ war. [2] In der in den 00er Jahren aufgetauchten Neuen Marx-Lektüre wurde der Reale Sozialismus aber nicht unter das ‚Kapital im allgemeinen‘ subsumiert, sondern dieser wurde dem ‚westlichen‘ Kapital als ‚nicht-kapitalistischer‘, ‚nicht-imperialistischer‘, nicht-‘westlicher‘ Entwicklungsweg kontradiktorisch gegenübergestellt. Eine politische Marx-Lektüre müßte aber nicht nur, worin ich Dir zustimme, auf die vergangenen und anstehenden Klassenkämpfe ausgerichtet sein, sondern darin müßten alle Formen des Kapitalismus unter ‚das Kapital im allgemeinen‘ subsumiert werden, wodurch wir unsere Scheu vor dem vermeintlichen ‚Verrat am Sozialismus‘ oder der ‚konterrevolutionären Gleichsetzung‘ von Faschismus und Sozialismus auf den Müllhaufen der Geschichte befördern könnten.

Dazu gehört auch die Untersuchung der Frage nach dem Stamokap in KAP I-III, worauf ich an dieser Stelle allein historisch eingehen will. Der faschistische Stamokap war ein Mischsystem; d.h. das Kapital hatte sich zwecks Erzielung von Maximal- und Extraprofiten dem faschistischen Staat untergeordnet. Aber im Zweifelsfall entschied der Staat (die NS-Partei) über das Wohl und Wehe des einzelnen Kapitalisten, des einzelnen Monopols, falls diese auf Grund von Konflikten zwischen Kapital und Staat meinten eine andere Position als das NS-Regime vertreten zu müssen. Der Staat war zwar nicht vollständiger Eigentümer aller Produktionsmittel wie der Sowjetstaat (der Hitler durchaus auch als Drohmittel gegen widerstrebende Kapitalgruppen dienen konnte), aber über einzelnen Kapitalisten schwebte, wenn diese nicht spurten, immer das Damoklesschwert der Enteignung, um die Rüstungsindustrie auf maximalen Ausstoß zu trimmen, wenn z.B. die Rohstoffzufuhr nicht gewährleistet war. (Siehe A. Tooze: Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im NS.)

Bei Trotzkis Vergleich Hitlers mit Napoleon vermute ich, daß er den großen mit dem ‚kleinen‘ Napoleon verwechselt, während Marxens Charakterisierung der Herrschaft Bismarcks als bonapartistisch sich auf den ‚kleinen‘ Napoleon bezieht. Diese fand in Hitlers Bonapartismus ihre logische Fortsetzung und hatte zum Ziel, die in der WWKrise vor dem Abgrund stehenden deutschen Arbeiter und Bauern, für seine deutsche Revolution zu gewinnen und die erwartete soziale Revolution durch eine präventive Konterrevolution auszubremsen. Dies, wie bekannt, auf der Grundlage des Hitlerschen Rassismus und der radikalen Erweiterung und Zuspitzung der preußischen ‚Ostkolonisation‘. Daß sich die Sowjetunion zur selben Zeit ihrerseits auf dem Weg zu einer (institutionellen) Konterrevolution befand, spielt hier zunächst noch keine Rolle und ergibt noch nicht die Gleichung ‚Rot = Braun‘. (Diese wurde erst mit dem Hitler-Stalin-Pakt erfüllt!)

Die linken Kommunisten wie Thalheimer und der von Dir genannte Langerhans hatten jedoch der Stalinschen (institutionellen) KR politisch kaum etwas entgegenzusetzen. Schon allein aus dem Grund, weil sie den Scheinwiderspruch zwischen den ‚Rechten‘ (Bucharin) und den ‚Linken‘ (Preobraženskij) nicht als einen solchen wahrgenommen, sondern die strategischen Fehler der Bolschewiki in der Bauernfrage und speziell Stalins in der Nationalen Frage bestenfalls nach ‚links‘ verstärken wollten, und dadurch Stalins ‚Zweiter Revolution‘ (1928 ff.) die Gefolgschaft zu versagen meinten, usw. usf.
[…]

Solidarische Grüße

Ulrich Knaudt

[1] Zu meinen persönlichen Eindrücken siehe: parteimarx.org REAKTIONEN 2010 Ulrich Knaudt an H.B. (29.10-31.10.2010) Bemerkungen zur Marx-Herbstschule in Berlin zum III. Band des „Kapital“.
[2] parteimarx.org Marx und Černyševskij – die revolutionäre Bewegung in Rußland und die commune rurale, 2 ff.


__________________________________________

Veröffentlicht in Reaktionen | Kommentieren

Reaktionen (2013) »

Reaktionen 2013 [PDF]

Anhang: Dialektik. Einwände gegen Colletti und Stalin [PDF]


[gepostet und mit Fußnoten versehen 02 2015]

Durch ein technisches Versehen sind leider alle E Mails an mich für das Jahr 2013 im Orkus der Telekom verschwunden. Durch die freundliche Mithilfe eines Briefpartners konnte zumindest ein Teil der E Mails für die REAKTIONEN 2013 gerettet werden. Der Verlust hält sich in Grenzen, da die Reaktionen in diesem Jahr auch nicht wesentlich darüber hinausgegangen sind.
Ulrich Knaudt

_________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (11.01.2013)

Betreff: EUROPA


Lieber H., es ist furchtbar nett, daß Du bei diesem Thema an mich gedacht hast, zumal ich mich gerade mit R. Rosdolskys übler Engels-Schelte in seinem Buch Zur nationalen Frage herumplage, [1] der mit weitaus größerer Intelligenz und besseren Argumenten als Herr Menasse darin die Marxsche Partei und alles, was Deutsch ist, im Namen des Panslawismus pauschal zur Minna macht.[2]

Das Thema ist brandaktuell, und daher muß es erneut und von Grund auf (wie ein juristisches Verfahren nach einem Fehlurteil) noch einmal aufgerollt werden.

Aber ich frage Dich ernsthaft, was Du an diesem wald-und-wiesen linksliberalen Paneuropäer so faszinierend findest, der meint, die Nationen werden schon dann verschwunden sein, wenn man nominell ihre Souveränität beseitigt. Der Europäische Rat, der an der Spitze seiner schwarzen Liste steht, kann nur einstimmige Beschlüsse fassen. Warum?

Das wird Dir als Jurist klar sein: weil er eine Ansammlung oder Versammlung von Chefs souveräner Staaten ist, die vereinbart haben, auf bestimmte nationale Vorrechte aus sie alle betreffenden (welt) politischen (also in letzter Instanz ökonomischen) Gründen zu verzichten und diese zu vergemeinschaften. Allein den Europäischen Rat abzuschaffen, das wäre so als würde vorgeschlagen, um den Kapitalismus zu beseitigen, nur das Geld abzuschaffen. Entschuldige, daß ich über soviel politische Naivität nur staunen kann oder laut lachen muß.

Aber die Sache hat auch eine ernstzunehmende Seite: wenn dieser antideutsche paneuropäische Trend an Boden gewänne, wäre das ein gefundenes Fressen für alle Nationalsozialisten Europas, nicht zuletzt in Deutschland, Stärke zu demonstrieren. Die liberale Linke (vertreten u.a. durch DIE ZEIT) liefert mit ihrer anti-deutschen Argumentationsmasche (wenn irgend ein Sch… in Europa passiert, waren es immer als erstes die Deutschen …) wie im Biedermann und die Brandstifter frei Haus an die Rechten schon mal die billigsten anti-deutschen Stichworte, sozusagen die Benzinkanister, mit denen die Rechten dann liebend gern in ihrem ‚deutschen Vaterland‘ den Brand löschen werden.

Mir sind in puncto Griechenland nur zwei Deutsche namens Otto bekannt: Otto von Bayern, der nach dem griechischen Aufstand 1830 dort von den europäischen Großmächten zum König ernannt wurde und Otto Rehhagel, der mit der griechischen Nationalmannschaft die Europameisterschaft gewann. Was sollen diese billigen Otto-Stereotypen? Als ob das was über die Deutschen sagt!

Die FAZ druckt jede Woche mindestens eine schlaue Expertise über die europäische Krise. Aber ich habe noch keine gefunden, die mir nur ansatzweise eingeleuchtet hätte. Die meisten drücken sich bereits um die Frage herum: warum es die EU (EWG) überhaupt hat geben müssen? War es Hitler, war es der Kalte Krieg, war es die europäische Einbindung Deutschlands, das sonst viel zu groß und viel zu mächtig für den Rest Europas hätte werden können, wenn die Alliierten nach 1945 einen Friedensvertrag (mit wem in Deutschland?) abgeschlossen hätten und Deutschland zu einem normalen bürgerlichen souveränen Staat geworden wäre? Wahrscheinlich liegt schon hier der Hund begraben, mal abgesehen von der Entwicklung von 1848 über 1871, 1914 und 1933 bis 1945. Bis auf wenige Lichtblicke eine einzige Geschichte der Konterrevolution! Das Deutschland, das Marx und Engels 1848 in der europäischen Revolution vor Augen hatten, war durch die Konterrevolution (Bourgeoisie + Absolutismus) in eine Nation verwandelt worden, die vorhersehbar in einen neuen Dreißigjährigen Krieg taumeln würde, den ihm Marx 1871 vorhergesagt hat, und der dann 1914-1945 stattgefunden hat…

Wenn wir über Deutschland reden wollen, dann nur so. Alles andere ist linksliberales pseudolinkes anti-deutsches Geschwätz aus einem paneuropäischen Wolkenkuckucksheim.

Ich verstehe ganz gut, daß Dir der übliche links-keynesianische Ökonomismus über die Weltwirtschaftskrise zum Hals heraushängt, und es Dich danach drängt, die politische Seite dieser Krise in Betracht zu ziehen. Aber das, was Herr Menasse von sich gibt, ist es nun wirklich nicht, was uns in dieser Situation weiterbringt.

Gruß Ulrich

P.S. Ich sitze immer noch an Colletti und Marx/Hegel. [3] Es wird noch etwas dauern. Übrigens: die griechischen Faschisten können mit 20% Wählerstimmen rechnen.

Wo sitzt denn nun der Feind? Nur in Deutschland?

Ein Gutes hat die EU: die alte Masche, wie sie früher die Völker aufeinander gehetzt haben, wird so wie bisher nicht mehr laufen. Da müßten sich die europäische Bourgeoisien schon etwas Schlaueres einfallen lassen. Vielleicht gehört das Geschreibsel von Herrn Menasse genau dazu…

Viele Grüße Ulrich

[1] Roman Rosdolsky: Zur nationalen Frage. Friedrich Engels und das Problem der geschichtslosen Völker, Berlin 1979.
[2] ZEIT ONLINE 29.09.2011
Robert Menasse: Zukunft der EU. Zwischenüberschriften: „Über die Feigheit der europäischen Politiker“, „Was sind eigentlich ‚nationale Interessen‘“, „Das Europäische Parlament – eine Sondermülldeponie“, „Der Europäische Rat gehört abgeschafft“. [abgerufen am 04.01.2013]
[3]
Lucio Colletti: Marxismus und Dialektik, Frankfurt M. Berlin. Wien 1977. Ders.: Hegel und der Marxismus, Frankfurt 1976.

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (16.01.2013)

Betreff: DEUTSCHLAND UND EUROPA


Lieber H., es mag ja sein, daß dieser Menasse für Dich einen guten Anknüpfungspunkt darstellt, um mit ‚weniger aktiven‘ Menschen ins Gespräch zu kommen; das sollte doch bitte mich nicht daran hindern dürfen, diesen Herrn und sein Pan-Europa-Gesäusel mal etwas gegen den Strich zu brüsten, unabhängig davon, ob es sich dabei für Dich um ein „gutes Beispiel für eine Politik abgespalten von der Ökonomie“ handelt.

Die Diskussion darüber, was für Dich noch einen solchen Anknüpfungspunkt darstellt und für mich nicht mehr, haben wir ausführlich bestritten und zu einem unversöhnlichen Abschluß gebracht. Was uns nicht daran hindern darf, weiter zusammenzuarbeiten und für gewöhnlich lebhaft zu debattieren.

Dein Eindruck, ich wollte Dich mit diesem Geschwätz des Herrn Menasse über einen Kamm scheren, ist unzutreffend. Vielleicht können wir uns wenigstens darauf einigen.

Als Kontrastprogramm zu Menasses Ausführungen schicke ich Dir einen der vielen Aufsätze, die es zu diesem Thema in der FAZ der letzten Zeit gab, um im Zusammenhang damit lediglich folgendes festzustellen:

Der Artikel „Dilemma und Strategie“ [1] enthält zumindest einige historische Tatsachen, die bei Menasse überhaupt nicht vorkommen und die meine Frage in meiner Mail vom 11.01., „warum es die EU (EWG) überhaupt hat geben müssen?“, wenn auch nur sehr sporadisch, aber zumindest an relevanten historischen Tatsachen orientiert, zu beantworten scheint. Daraus entnehme ich (uns zur Erinnerung) den Hinweis auf den engen Zusammenhang von ‚Wiedervereinigung‘, Maastricht und Euro. Mehr auch nicht. Hier hätte die Diskussion zu beginnen, warum wir Deutschen uns im Gegensatz zu jeder anderen europäischen Nation diesen Luxus einer deutschen Nation nicht (mehr?) leisten bzw. niemals wieder leisten werden können? Vielleicht auch deshalb, weil wir Deutschen, wie es den Anschein hat, immer von der Skylla des Nationalsozialismus in die Charybdis des Sozialnationalismus fallen müssen? Der schlaue Odysseus ließ sich die Ohren mit Wachs verstopfen. So schlau ist inzwischen auch unsere Bourgeoisie. Damit ist aber das Problem, das wir mit ihr und der sog. Nationalen Frage haben, nicht verschwunden.

Der Artikel über das Wasser [2] enthält einige Gesichtspunkte, die zeigen, daß es völlig egal ist, wer damit sein Geld verdient, der Staat oder eine Privatfirma. Entscheidend ist, daß die Ware Arbeitskraft an jedem Arbeitstag frisch geduscht und gekämmt an ihrem Arbeitsplatz erscheint und daß (außerdem) [3] für das Kapital durch den Preis für die Bereitstellung dieser Ressource ihr Preis und damit der Wert der Arbeitskraft nicht ins Unbezahlbare steigt. Über die politischen Motive der Wasser-Mensch[en]rechtler schweige ich mich aus, weil Du meine Argumente kennst und ich mich nur wiederholen würde.

Der Artikel über Fracking [4] zeigt, daß die Schädigung des Menschen und der Natur als Ausbeutungsobjekte des internationalen Kapitals irgendwann den qualitativen Punkt überschreitet, an dem Kapital nicht mehr weiterhin tun und lassen kann, was es will. Das Dumme ist, daß die Gasgewinnung auf Privatgrundstücken vorgenommen wird (jeder Farmer hat seine Gasquelle unter seinem Fußoden), deren Verbot in letzter Konsequenz die Enteignung der Privateigentümer bedeuten würde. Hier stößt das Kapital an seine ’natürlichen‘ Grenzen.

Insgesamt finde ich in Deinem Brief einen gewissen schrillen gegen die p[artei]M[arx] gerichteten Tonfall, der meinen angeblichen politischen Anmaßungen gegenüber auch schon von anderer Seite Anwendung fand. Wenn es schrill wird, mache ich es wie Odysseus… Es wäre aber höchst bedauerlich, wenn dieser Ton zum Dauerton werden würde.

Wenn wir wieder zu einem normale Tonfall zurückgekehrt sind, sollten wir uns über die Zukunft der Marx-Gesellschaft unterhalten.

Gruß Ulrich

[1] FAZ 14.01.2013 Dilemma und Strategie. Die Erfahrung aus den zwei Weltkriegen lautet, daß gerade der Mangel an internationaler Integration zu Deutschlands Isolation führte. Daher wollen die meisten Deutschen, daß ihr Land in Europa aufgeht. Die Berliner Politik muß nun aber nationale Interessen und internationale Integration sowie Solidarität und Solidität wirklich austarieren.
[2] FAZ 15.01.2013
Unser Wasser. Das Verhältnis der Deutschen zum Wasser ist von vielen Irrationalitäten geprägt.
[3] In Klammern die sinngemäße Bedeutung dieser Textstelle, die nicht dekodiert werden konnte.
[4] FAZ 15.01.2013
Amerikas fatale Rettung. Die Vereinigten Staaten erleben einen neuen Goldrausch: Fracking lautet das Zauberwort, ein revolutionäres Verfahren der Energiegewinnung, bei der Erdöl und Erdgas aus untersten Gesteinsschichten herausgepreßt werden. Doch diese Technik birgt auch gewaltige Risiken. Deswegen formiert sich der Protest – über einen ungleichen Kampf zwischen Konzernen und Menschen.


____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (30.01.2013)

Betreff: KÜNDIGUNG


Lieber H., …
Die Herrschaften Akademiker verabschieden sich der Reihe nach und Herr B. stellt auf einmal fest, daß die M[arx]-G[esellschaft] in die Jahre gekommen sei.

Ein billiger Vorwand, um in der Herbstschule den Nachwuchs (meist schon ziemlich ergraut) der PDS zu schulen und die M-G zu liquidieren. [1]

Wie aus meinem Disput mit N. hervorgeht, war sie nicht für eine offene Auseinandersetzung über D[ieter].W[olf].s Revisionismus zu gewinnen gewesen. Das hält sie für ‚Gockelei‘, von der die Herren akademische Marxisten sich nur abgestoßen fühlen…

Viele Grüße

Ulrich

[1] Siehe marx-gesellschaft.de. Die Idee zur Marx-Herbstschule, marxherbstschule.net, die alljährlich in den Räumen der Rosa-Luxemburg-Gesellschaft stattfindet, wurde von Initiatoren in der Marx-Gesellschaft entwickelt, um, wie es hieß, neben den Kolloquien den marxistischen Nachwuchs an Marx-Texte heranzuführen. Ursprünglich sollte das Kolloquium der Marx-Gesellschaft und die Marx-Herbstschule mit je einer Tagung pro Jahr parallel stattfinden. Auf dem Höhepunkt der Debatten in der Marx-Gesellschaft, die ihren Initiatoren zunehmend auf den Geist gingen, erklärte der Kreis um die Vereinsgründer, daß man in allernächster Zeit den Verein liquidieren und sich ausschließlich auf die Herbstschule konzentrieren werde. Damit war die bis dahin stattgefundene offene Debatte kassiert und dem Linken Zeitgeist Tribut gezollt.
____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (03.02.2013)

Betreff: EINWÄNDE


Lieber H:, wie versprochen hier meine Skizze zu Colletti, Stalin und Marx. [1]

Die Punkte 2 und 3 in K.[arl]M.[arx]s Zusammenfassung am Schluß beziehen sich eher auf die Politik als auf die Dialektik, deren Kritik insgesamt nur den Charakter eines Exkurses hat. Die Politik habe ich hier nicht berücksichtigt, ebensowenig Collettis Einlassungen zu Plato etc. Das ganze nur ein Ausschnitt aus meinen unfertigen Überlegungen zu diesem Thema. Auf jeden Fall wird der Kontrast deutlich. …

Viele Grüße Ulrich


[1]
parteimarx.org REAKTIONEN 2013 ANHANG


____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (08.03.2013)

Betreff: REAKTIONEN 2012


Lieber H., […]

In der FAZ war ein interessanter Artikel über die Hintergründe der Trinkwasserbewegung.

Als Du mir anrietest, bei denen zu unterschreiben, schwante mir schon so etwas in der StamoKap-Richtung. Hier geht es um den kleinen Gemeinde-StamoKap, von dem ich nicht behaupten würde, daß es sich von dem großen groß unterscheidet. [1] Oder ist „small = beautiful„?

Die ganze StamoKap-Geschichte (Lenin: die preußische Post als erster Schritt in den Sozialismus) müßte ganz von vorne aufgerollt werden…

Aber das für später.

Viele Grüße

Ulrich

[1] FAZ 28.02.2013 Lärmschutz wird für BER zur nächsten Baustelle. – Lärmschutz für mehr Nachtruhe / Suche nach neuem Flughafenchef bisher ergebnislos.


____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (11.03.2013)

Betreff: DIALEKTIK


Lieber H., […]
Du sagtest am Telefon, bis auf den Schluß sei nichts dabei, was sich über mein Papier [1] zu diskutieren lohnt. (Hab ich jedenfalls so verstanden) Die Stalin-Proudhon-Marx-Zitate habe ich auf Deinen speziellen Wunsch, zumindest, was das Verhältnis Proudhon-Marx-Dialektik betrifft, aufgenommen. Über meine Kritik an Collettis Konstrukt der zwei Arten von Widersprüchen hast Du auch nichts gesagt. […]

Obwohl das Kolloquium [2] eigentlich ein fake ist, weil es, wie es scheint, hauptsächlich dazu dient, den Verein ‚abzuwickeln‘ und mit unserer Teilnahme die Regreßkosten durch die Absage der Bestellung des Tagungslokals zu vermeiden und sich dann nach Berlin aufzumachen, sollten wir die Gelegenheit nutzen (alles andere wäre ohnehin sinnlos), um uns jenseits von RLS, Helle Panke etc. zu vernetzen.

Mein Respekt für soviel Zielstrebigkeit und organisatorischer Phantasie!

Können uns ‘ne Scheibe davon abschneiden!

[…] und bis bald zur letzten Tagung der Marx-Gesellschaft.

Gruß Ulrich

[1] parteimarx.org REAKTIONEN 2013 ANHANG

[2] Frühjahrs-Kolloqium der Marx-Gesellschaft in Oer-Erkenschwick (22.03.-24.03.2013)


____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B.(29.03.2013)

Betreff: EINHEIZFRONT


Lieber H., Anfang der Woche rief mich (über-über-überraschenderweise) unser gemeinsamer Freund D[ieter]. W[olf]. an. Er wiederholte das, was wir bereits bei unserer Unterhaltung am Ende der Tagung gemeinsam festgestellt haben: daß der Tagungsleiter uns alle über den Tisch gezogen hat, indem er auf jeden Fall vermeiden wollte, daß bei der Diskussion über das Erste Kapitel [in KAPITAL I] U.[lrich]
K.[naudt] und D.[ieter]W.[olf] unvermeidlich aneinander gerauscht wären. Daß wir so blöd waren, das nicht vorherzusehen und uns dadurch um eine spannende Diskussion gebracht haben, ärgerte D.W. auch noch einen Tag danach. Und deshalb rief er mich an, um mir das mitzuteilen. Der Höhepunkt der Unterhaltung bestand zweifellos in D.W.s Erklärung, daß Marx mit den „Metaphern“ im Ersten Kapital [in KAPITAL I] zeitweise die Pferde durchgegangen seien. Er [Marx] habe ja mal in seiner Jugend als Poet angefangen. (Nur, wer hat das nicht?) Es ist D.W. schlichtweg nicht beizubringen, daß die Antinomien, Paradoxien, Absurditäten dort eine systematische Bedeutung und Funktion für das gesamte KAP haben. Was ist z.B. der Tendenzielle Fall der Profitrate anderes als eine Paradoxie: die Erweiterung des fixen Kapitals führt zum Fall der Profitrate (in der Tendenz) und nicht wie erwartet zur Erhöhung des Profits. Man kann alle 3 Bände durchgehen und wird wahrscheinlich bei jedem Gesetz, das Marx über die Verwertung des Werts durch das Kapital aufgestellt hat, Ähnliches finden. Man kann das KAP I-III aber durchaus auch, ohne diese verrückten Formen zur berücksichtigen, lesen. Dann wird es schlicht zur einer linken Vulgärökonomie, wie der linke Keynesianismus eine ist. Kurzum, Marx sind mit der Einführung dieser verrückten Wertformen keinesweg[s] die Pferde durchgegangen, wie D.W. mir nahelegen wollte. […] Du tätest mir einen großen Gefallen, wenn Du bei einem Deiner nächsten Gespräche mit ihm sanft darauf hinweisen könntest, daß wir zwar nun durch die Schofeligkeit der M[arx]-G[esellschaft] einen gemeinsamen Gegner erhalten haben, was aber nicht bedeutet, daß die Widersprüche zwischen unseren verschiedenen Ansichten zum Marxschen KAP verschwunden sind. Ich hoffe, Du betrachtest das nicht als Zumutung. Bei passender Gelegenheit werde ich ihm das auch selber sagen. Heute würde ich ihn nur vor den Kopf stoßen, was ich vermeiden will. Außerdem hat sich niemand so intensiv und ständig mit seinen Theorien auseinandergesetzt wie wir beide.

[…]

Ich wünsche Dir geruhsame Feiertage und verbleibe in alter Verbundenheit

Ulrich

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (04.04.2013)

Betreff: RESURRECTION


Lieber H.,

Die Auferstehung der commune rurale haben ‚wir‘ historisch verpaßt. [1] Die von K.M. beschriebene Einmaligkeit dieser Möglichkeit ist unwiederbringlich verloren. Ihre Potenzen werden aber Teil jeder (negativen) Blaupause bleiben, als welche das KAP[ITAL] für die weiteren sozialistischen Wiederholungsversuche benötigt wird. Die commune rurale ist, was sie nicht hätte werden müssen, zur negativen Blaupause für den gescheiterten Kommunismusversuch der S[owjet]U[nion] geworden. Darin besteht ihre aktuelle Verwendungsmöglichkeit! Von China gar nicht zu reden…

Ich habe Dich in Deiner Mail zum ersten Mal richtig wütend ‚erlebt‘, und das deute ich als ein positives Zeichen. […] Was uns beide, trotz politischer Unterschiede, von seinen [= D.[ieter]W.[olf]s] Auffassungen trennt, ist ‚die Ware als Subjekt‘. Weil er die Ware anders versteht, landet er für die Ersten Drei Kapitel [des KAPITAL] bei einer Bewußtseins-, Erkenntnis- oder was auch immer Theorie und befindet sich damit in enger Nachbarschaft zu C[hristoph]. L[ieber]. [2] Zuvor noch eine Verständnisfrage: wer sind die von Dir benannten „Klassenkampflogiker“?

Zu meinen Exzerpten zu C.L.s Bewußtseinstheorie: Beim Überlesen ist mir aufgefallen, daß wir auch diesem Autor gegenüber wegen seiner ungeheuren Belesenheit in pcto Marx nicht das Wasser reichen können.

Daher habe ich bei meiner Vorbereitung (offenbar gehörte ich, wie Du zutreffend festgestellt hast, zu den Wenigen, die sich vorbereitet hatten) das Umfeld seiner Zitate abgegrast und dort häufig die Dementis der Thesen gefunden, die er mit den von ihm gebrachten Zitaten beweisen will. (Hat aber nicht immer geklappt. […]).

Du erinnerst Dich an die Debatte über das fetischistische Bewußtsein des/der einzelnen Lohnarbeiter/s und den sich ihm gegenüber als tote Arbeit aufgehäuften Produktionsmitteln, die er als Produktionsmittel des Kapitals mißdeutet und damit seinem angeblichen Fetischismus erliegt. Diese These hatte ich in der Diskussion bestritten.

Hier wäre, um das zu vertiefen, zu unterscheiden zwischen dem Schein und dem Fetisch.

Der Fetisch ist etwas in den Gegenstand Hineinprojiziertes, als ob er den Gegenständen selbst anhaften würde, was diejenigen, die ihnen diesen Fetisch anheften, nicht nur ernsthaft annehmen, sondern auch praktisch mit diesem ihr Unwesen treiben. Eine gesellschaftlich wirksame (bewußte) Verkennung der Tatsachen, die gesellschaftlich praktische Verwendung findet.

Der Schein drängt sich dagegen demjenigen auf, der den Sachverhalt, der sich ihm darbietet, nicht anders denn einseitig und daher falsch zu deuten weiß, weil er subjektiv in seiner Situation als Einzelner nicht in der Lage ist, hinter die Dinge zu schauen. Er wird von dem sich ihm darbietenden Schein überwältigt.

Die Fähigkeit, hinter die Dinge zu schauen, erwirbt der einzelne Arbeiter im Klassenkampf, der ihn mit zunehmender Erfahrung zu einer ‚realistischeren‘ Sichtweise befähigt. Das ist noch kein Klassenbewußtsein, aber der mögliche Ausgangspunkt desselben. Dem Klassenbewußtsein würde die Einsicht in den elementaren Unterschied zugrunde liegen (Zitat S.15), daß der Kapitalist als privater Besitzer der Produktionsmittel nur sich selbst repräsentiert, während der Arbeiter als Privatmensch nichts ist und nur in den Besitz der Produktionsmittel gelangen kann, wenn er diese sich gesellschaftlich aneignet und anwendet. [3]

C.L.s Behandlung dieses Widerspruchs erliegt zwei Verwechslungen, wodurch dieser Schein bestätigt wird (übrigens halte ich die von D.W. aufgelisteten verschiedenen Fetischismusarten, zu denen er auch den Lohnarbeits-Fetischismus zählt, für vollkommen schematisch und daher vulgärökonomisch):

er [C.L.] setzt das Bewußtsein der Vulgärökonomen und der Praktiker des Kapitals generell mit dem Bewußtsein der Bürger gleich. Marx dagegen bleibt hier sehr konkret, beschränkt sich auf die Vulgärökonomie und die Praktiker des Kapitals und vermeidet derartige Ausflüge in die Bewußtseins-Soziologie.

er ignoriert den Unterschied, den Marx macht zwischen dem/den einzelnen Arbeiter/n, die als Einzelne nicht in der Lage sind, die Produktionsmittel zu vergesellschaften und der Klasse, die sich die Produktionsmittel ausschließlich gesellschaftlich aneignen wird.

er macht ohne Berücksichtigung dieses Widerspruchs das moderne Bewußtsein des modernen Individuums, das sich dieses auf der Grundlage der modernen Produktionsweisen des Kapitals angeeignet hat, zum Ausgangspunkt der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, aber unter den Voraussetzungen der kapitalistischen P[roduktions]W[eise].

daraus leitet er seine Kritik an der Frankfurter Schule als Sozialromantiker ab, obwohl diese immerhin, indem sie bei ihrer KAP-Lektüre den Fetischcharakter der Ware stark machte, gegen den Fetischismus der realsozialistischen Vergesellschaftung in Opposition ging und (gestützt auf die [Marxschen] Frühschriften) eine Verunsicherung ausgelöst hat, die letzten Endes die nicht vorhandenen sozialistischen Grundlagen dieser Vergesellschaftung (der Begriff der „Gesellschaft“ in der DDR-Literatur z.B. als Fetisch), theoretisch in Frage gestellt und dadurch die gesellschaftlichen Erschütterungen, von denen der Realsozialismus heimgesucht wurde, als unvermeidliche bestätigt hat. (Davon zehren die MEGA-Leute bis zum heutigen Tag!) [4]

Fazit: C.L. stellt der modernen kapitalistischen Vergesellschaftung, der sich das Kapital nicht entziehen kann, polemisch den Romantizismus der Frankfurter Schule gegenüber und suggeriert seinen Lesern, daß es nur eines anderen Bewußtseins bedürfe, um den Hebel von einer kapitalistischen zu einer sozialistischen Vergesellschaftung umzulegen.

Dieser Bewußtseinswandel soll politisch herbeigeführt werden. Die realen Lohnarbeiter werden ihm und Der Linken was husten!

Übrigens sind meine Exzerpte aus dem Kapitel zum Handelskapital interessant für die Debatte über ‚die Ware als Subjekt‘, weil die häufige Verselbständigung dieser Debatte dadurch ein wenig historisch relativiert und der scholastische Charakter derselben abgebaut wird. Erst wenn das industrielle Kapital ‚zu sich selbst gefunden‘ hat, verschwindet das Handelskapital in seiner bisherigen Bedeutung für die Herausbildung desselben […]

So viel zu den Exzerpten zu C.L.

[…]

Viele Grüße

Ulrich

[1] D.h. die in den Marxschen Briefentwürfen an Vera Zasulič vertretene These, daß die russische Dorfgemeinde zur gesellschaftlichen Basis des Kommunismus in Rußland fähig und in der Lage sei. Siehe dazu. parteimarx.org DEBATTE 3 und DEBATTE 4.
[2] Bezieht sich auf das von
Christoph Lieber für das Frühjahrs-Kolloquium der Marx-Gesellschaft eingereichte Diskussions-Papier: Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie – (noch) Schlüssel für die Ideologie- und Bewußtseinstheorie der Linken heute?

[3] Siehe u.a. in der von Christoph Lieber zitierten Marx-Engels-Gesamtausgabe [MEGA] II/3.6, 2144: »In der grossen Agricultur, wie in der grossen Industrie, sind diese Arbeit und | das Eigenthum an den Productionsbedingungen nicht erst zu trennen, sie sind faktisch getrennt, diese Trennung von Eigentum und Arbeit, die Sismondi beweint, nothwendiger Durchgang zur Verwandlung des Eigenthums an den Productionsbedingungen in gesellschaftliches Eigenthum. Als Einzelner konnte der einzelne Arbeiter nur wieder hergestellt werden in dem Eigenthum an den Productionsbedingungen durch Zertrennung der Productivkraft und der Entwicklung der Arbeit auf grosser Stufenleite. Das fremde Eigenthum des Capitalisten an dieser Arbeit nur aufzuheben, indem sich sein Eigenthum als das des Nicht-Einzelnen in seiner selbständigen Einzelheit, also des associierten, gesellschaftlichen Individuums umgestaltet.«
[4] Anspielung auf Herausgeber der Marx-Engels-Gesamtausgabe [MEGA].

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (10.06.2013)

Betreff: WARENFETISCH


Lieber H., ich habe gerade, wie wir einmal besprochen haben, meine Kritik an D[].W[Wolf].s Fetischcharakter-Papier (37 Seiten) über die Mailing Liste verschickt. [1] Wir haben lange nichts mehr voneinander gehört, und ich hoffe, Du bist nicht in der Flutkatastrophe ‚untergegangen‘. Zu dem Geburtstags-Kolloquium in Berlin werde ich nicht fahren. [2] So viel geballter akademischer Marxismus ist für mich momentan nicht zu ertragen. In der kurzen Einleitung zu meinem Papier ist dazu alles Nötige gesagt. [3] Wie soll es weitergehen. Von meiner Seite stellen sich die Dinge so dar, daß sich nicht nur der akademische Marxismus von seinen Moserern und Meckerern getrennt hat, sondern auch ‚die partei Marx‘ vom akademischen Marxismus. […]

Viele Grüße und alles Gute

Ulrich

[1] parteimarx.org DAS KAPITAL Nachtrag zu einer nicht mehr stattgefundenen Diskussion über Dieter Wolfs Papier „Wie der Waren-, Geld- und Kapitalfetisch den Zusammenhang von gesellschaftlichem Sein und Bewußtsein bestimmt“.

[2] 14.06-15.06. Ein Blick in die Werkstatt von Karl Marx. Wissenschaftliches Kolloquium zum 60. Geburtstag von Prof. Rolf Hecker.

[3] parteimarx.org DAS KAPITAL Nachtrag zu einer nicht mehr stattgefundenen Diskussion über Dieter Wolfs Papier: Wie der Waren-, Geld und Kapitalfetisch den Zusammenhang von gesellschaftlichem Sein und Bewußtsein bestimmt.


____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an MARX-FREUNDE (10.06.2013)

Betreff: DER FETISCHCHARAKTER DER WARE


Liebe Marx-Freunde, auf dem Abschiedskolloquium der Marx-Gesellschaft in diesem Frühjahr wurde verabredet, daß die an der Diskussion Beteiligten über die Mailing-Liste der Eingeladenen weiter in Kontakt bleiben werden. Das soll nun von meiner Seite durch das Versenden meiner Kritik an Dieter Wolfs Papier über den den Fetischcharakter der Ware geschehen.

Herzliche Grüße

Ulrich Knaudt

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (12.06.2013)

Betreff: FETISCHCHARAKTER


Lieber H., ein für mich sehr wichtiges Gespräch, das wir da gestern geführt haben! Dadurch ist mir endgültig klargeworden, wo unsere Differenzen liegen. Ich hoffe, ich kann das deutlich machen. Wir lesen die Ersten Drei Kapitel [von KAPITAL I] mit unterschiedlicher Perspektive: Du liest sie paradigmatisch in Hinblick auf alle möglichen Diskurse, die da so im Raum stehen, soziologischer, philosophischer, psychologischer, etc. Art. Mir sind diese Diskurse relativ Schnurz. Mir reicht es, unterrichtet zu sein, daß es sie gibt und was in den Debatten darüber so abläuft. Ich lese die Drei Kapitel, wenn Du so willst, ‚hermeneutisch‘. Ich will eigentlich nur wissen, was drin steht und was bestimmte Zusammenhänge, Begriffe, Kategorien bedeuten könnten. Natürlich ist das keine rein hermeneutische Lesart, denn ich bin kein Theologe oder Philosoph und das KAP ist nicht die Bibel und keine Politeia. Mein Interesse ist eng verbunden mit der Politik der p[artei]M[arx]. Nun kannst Du zu Recht dem entgegensetzen, daß die pM gar keine Politik macht. Richtig. Aber das ist nicht allein meine Schuld, daß bis heute keine Politik in diesem Sinn gemacht wurde. Was ich an Politik, die gemacht wurde, über die Jahre kennengelernt habe, war in dieser Hinsicht im höchsten Grade kontraproduktiv. Also bleibt für mich nur dieses ‚Als ob‘ als Orientierungspunkt übrig, wofür ich mich bemühe, eine theoretische Basis zu erarbeiten. Und die finde ich u.a. (nicht nur dort, wie Du weißt) in den Ersten Drei Kapiteln [des KAP I]. D.[ieter]W.[olf]s Motive, die ihn dazu gebracht haben, sich nicht nur mit Hegel, sondern auch mit dem KAP zu beschäftigen, sind letztlich akademischer Natur. Allein schon deshalb herrscht zwischen uns die absolute Verständnislosigkeit, vor allem über sein Vorgehen, aus dem KAP ein ‚System zu bereiten‘. Mit oder gegen Luhmann, Habermas und wie sie alle heißen. Wäre er ein reiner Hegelianer, würde ich ihn schon deshalb nicht lesen, weil sein Stil fürchterlich ist. (Ein Grund für meine übertriebene Polemik: es ist allein schon der Frust über diesen Stil.) Aber er befaßt sich nun mal auch mit Marx, und zwar auf eine Weise, durch die ich mich provoziert fühle. Die andere Seite ist, und darin gebe ich Dir recht, daß er [D.W.] seine Kritiker zwingt, seine logischen Macken, Tautologien und Banalitäten von Grund auf zu kritisieren, die alle Bestandteil seines Systems sind, dem man erst mal auf den Grund gehen muß, um diese zu entlarven. Und viele dieser Macken teilt er mit dem akademischen Marxismus. Das wäre seine konstruktive Rolle im Negativen. Und die weiß ich durchaus zu würdigen. Allerdings nur in gewissen Grenzen, die durch Heinrich Harbachs Sozialismusverständnis gesetzt werden, das eng mit D.W.s Revisionismus in puncto KAP zusammenhängt. [1] Ich glaube, darüber haben wir noch gar nicht gesprochen. Das ist aber der entscheidende Punkt, der nachzuweisen ist und für eine Denkweise steht, die mit der destruktiven Seite der Parteigeschichte der letzten Jahrzehnte (s.o.) eng zusammenhängt. Auch deshalb ist der rigide punktgenaue Nachvollzug des Inhalts der Ersten Drei Kapitel für mich und wie ich denke auch politisch im Sinne der Politik der pM von besonderer Bedeutung. Das ist für mich die Hauptsache, alles andere, weil akademisch oder parteipolitisch im bürgerlichen Sinn, ziemlich nebensächlich.

Soweit erst mal.

Mit den besten Wünschen […]

und herzlichen Grüßen

Ulrich

[1]
Heinrich Harbach: Wirtschaft ohne Markt. Transformationsbedingungen für ein neues System der gesellschaftlichen Arbeit, Berlin 2011. Siehe auch: REAKTIONEN 08.02.2012.


____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (19.06.2013)

Betreff:DIE DREI KAPITEL


Lieber H., mir hat es nicht die Sprache verschlagen, sondern ich mußte mir das alles noch einmal mit zeitlichem Abstand zu Gemüte führen. Auf die Differenzen zwischen uns gehe ich nicht en détail ein, weil sie uns ohnehin weiter begleiten werden. Ich möchte nur nach der Charakterisierung unserer Differenzen was zu unseren politischen Gemeinsamkeiten sagen: eine, vielleicht die entscheidende, wie nach dem Debakel mit der M[arx]-G[esellschaft] sichtbar geworden ist, besteht darin, daß wir, D.[ieter]W.[olf] incl., nicht zum akademischen Marxismus gehören, da wir (wir beide zumindest) dessen akademische Mindestvoraussetzungen nicht erfüllen. D.W. würde gerne, aber dieser Status wird ihm verweigert. Aus welchen Gründen auch immer. Auf dieser minimalen Grundlage tauschen wir uns aus (direkt oder jeweils über Dritte), daß die Fetzen fliegen, was der Sache nur dienlich sein kann. Wie weit wir mit dieser politischen Gemeinsamkeit kommen werden, weiß ich nicht. Aber wir stimmen darin überein, diesen Diskurs fortzusetzen. Nicht mehr und nicht weniger. Damit dies passiert, dazu habe ich unsere Differenzen skizziert: ohne Differenzen keine Gemeinsamkeit. Diese Differenzen bestehen, wie nun noch klarer wird, in der unterschiedlichen Herangehensweise an die Ersten Drei Kapitel [von KAP I]. Ich begreife diese selbst nicht als Totalität, sondern als an der Totalität der kapitalistischen P[roduktions]W[eise] nagend, sie unterminierend und relativierend. Zwischen dem unterschwelligen Adabsurdumführen der Totalität der kapit.[alistischen] PW und der Weiterentwicklung der Politik der Marxschen Partei (deren Geschichte und Methodik zu studieren ist) besteht eine Differenz keine Identität. (Siehe: auf der einen Seite die Wissenschaft, deren Ansprüchen genüge getan werden muß und auf der anderen deren Fetischisierung durch den akademischen Marxismus!) Aus der Zuspitzung der theoretischen Infragestellung dieser Totalität mag sich oder wird sich vielleicht eine Angriffslinie gegen das Kapital ergeben, die sich von den heutigen Partnerschaften zwischen Kapital und Arbeit und dem Ringen um die Vorherrschaft über die Natur zwischen Kapital und Ökologisten unterscheidet. Letzten Endes stellt sich die Frage, nicht, wozu man die Ersten Drei Kapitel braucht, sondern wer sie wozu benutzen wird. (Siehe Stalin und die Herausgabe der GR[undrisse zur Kritik der politischen Ökonomie]. Nur, um K.M. zu musealisieren?) Aber all das ist Zukunftsmusik. Wir haben genug damit zu tun, unsere theoretischen Differenzen möglichst produktiv werden zu lassen, indem wir gemeinsam daran arbeiten. Vom akademischen Marxismus ist in dieser Hinsicht nichts zu erwarten. Er fährt sein eigenes Programm mit Marx und dem KAP in der der unsrigen entgegengesetzten Richtung der Einbahnstraße […]

Alles Gute […]

und herzliche Grüße

Ulrich
____________________________________________________________________________________

H.B. an Ulrich Knaudt (24.06.2013)

Betreff: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/2154789

Wird Dich interessieren, wenn du es nicht schon weißt – DDR-Wirtschaftspolitik.

Gruß H.

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (25.06.2013)

Betreff: Das DDR-Wirtschaftsimperium KoKo – Matthias Judt Der Bereich Kommerzielle

Koordination| Andruck ‒ Das Magazin für Politische Literatur | Deutschlandfunk.

Lieber H., in der Tat, einiges war mir durch Zeitungslektüre o.ä. bekannt. Aber es freut mich, daß Du an mich gedacht hast.

Wahrscheinlich ließe sich eine Wirtschaftsgeschichte der DDR nur schreiben als Moment des gewaltigen Ausbeutungssystems, das die ‚Sowjetmacht‘ seit den späten 20er Jahren (der sog. Zweiten Revolution) in wachsendem Maße darstellte. Ein gewordenes Ausbeutungssystem beginnend mit der Kollektivierung [der Landwirtschaft] Anfang der 30er Jahre und dem Holodomor (dem Verhungern-Lassen von Hunderttausenden von ukrainischen Bauern, ob sie sich kollektivieren lassen wollten oder nicht, der Liquidierung der Bauern als Klasse, wortwörtlich gemeint). Darauf ist die DDR nur das Sahnehäubchen. Sie befand sich zu dicht am Westen, als daß sich auch dort derartige Ungeheuerlichkeiten abgespielt hätten. Verglichen mit dem übrigen Realen Sozialismus befand sie sich sogar in einer relativ bevorzugten Position, Berlin wiederum im Verhältnis zur übrigen DDR. Vergessen wir nicht, daß sie das Sprungbrett hatte sein sollen, um in Fortsetzung der Strategie Alexanders I. die russische Welthegemonie in ganz Europa bei passender Gelegenheit zu errichten. Dazu sollte Koko schon mal die Fühler ausstrecken, abgesehen von den Luxusbedürfnissen der Nomenklatura, die in Wandlitz […] die Vorzüge des Westens genießen wollte. Man lebt ja nicht ewig. Seit der Zweiten Revolution gelten alle Aussagen, die M.[arx]u.E.[ngels] zum russischen Zarentum gemacht haben, voll und ganz für die SU und gehen teilweise noch weit darüber hinaus. Nicht umsonst verbietet Stalin 1934 den Abdruck von F.E.s Die Auswärtige Politik des russischen Zarentums. [1] In dem Buch eines amerikanischen Historikers aus den 80er Jahren über die Großmächte und den Wiener Kongreß finden sich all die alten Bekannten der russischen Diplomatie, die bereits von F.[riedrich]E.[ngels] benannt wurden, der Reihe nach aufgezählt: die Rekrutierung des diplomatischen Korps aus einem bunten Kreis europäischer Abenteurer, die Ausnutzung von Bauernaufständen und sonstigen Rebellionen, sobald sie sich gegen einen von Rußlands Gegnern richteten u.a.m. [2] Insofern erstaunt Rußlands Haltung zu dem ehemaligen CIA-Hacker überhaupt nicht. Wenn Dir Domenico Losurdo ein Begriff ist, würde ich Dir dessen Stalin-Biographie empfehlen. [3] Eine Rehabilitierung Stalins auf dem neusten Stand der historischen Forschung, hinter deren methodische Tricksereien man erst einmal kommen muß. Soweit erst mal. Zu meiner letzten Mail werde ich ja noch was von Dir hören.

Bis dahin

herzliche Grüße Ulrich

[1] Friedrich Engels: Die auswärtige Politik des russischen Zarentums MEW 22 (13-48).

[2] Enno E. Kraehe: Metternich‘s German Policy. Vol. I: The Contest with Napoleon, 1799-1814, Princeton N.J. 1963.

[3] Domenico Losurdo: Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende, Köln 2013.

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (29.06.2013)

Betreff: HAUPTSEITE THEORIE


Lieber H., […] Das mit Adorno fand ich spannend. Kannst Du mir das näher erklären mit der negativen Totalität?

[…]

Zu Paschukanis: habe ab und zu mal reingeschaut, kann mich aber momentan nicht mit ihm befassen. [1] Kann man sagen, daß der Differenz zwischen formeller und materieller Gleichheit als Prinzip im bürgerlichen Recht der Widerspruch zwischen G[ebrauchs]Wert und Wert zugrunde liegt? Unter diesem Gesichtspunkt wäre Paschukanis in der Tat auch für mich spannend, besonders hinsichtlich der Unlösbarkeit dieses Widerspruchs in der SU, speziell im Zusammenhang mit der 2. Revolution (also genau der Zeit, als Paschukanis seine Theorien ausgearbeitet hat) und Stalins Theorie von der sozialistischen Marktwirtschaft (»sozialistische Warenproduktion«). Man kann nicht alles gleichzeitig machen. Siehe auch das Zweite Kapitel [in KAPITAL I]im Zusammenhang mit meiner Kritik an der Behandlung desselben bei D[ieter].W[olf].: Verselbständigung der Ware usw. Hängt alles miteinander zusammen. Sich selbst ad absurdum führende Totalität des Kapitals und die verrückten Formen im Kapitel über das zinstragende Kapital in KAP III (aktuelle Illustration: die irischen Banker und ‚Doitschlend, Doitschlend ieber ollies‘). [2]

Schließlich schicke ich Dir eine Mail der Frankfurter Antideutschen vom Theorie Praxis Lokal weiter.[3]

Bemerkenswert, der letzte Satz ihrer Veranstaltungsankündigung: Die Unterentwicklung der revolutionären Theorie auf der ganzen Welt ist die erste Unterentwicklung, die jetzt überwunden werden muss.“ Vor einem Jahrzehnt habe ich bei denen einen Vortrag gehalten.[4] Alles dauert seine Zeit. Soweit erst mal,

Gruß

Ulrich

[1] Eugen Paschukanis: Allgemeine Rechtslehre und Marxismus, Frankfurt/M. 1969.

[2] FAZ 29.06.2013 Der irische Filz und die Banker. Kungelei und Vetternwirtschaft macht Irlands Bankenskandal erst möglich. »Die jetzt bekannt gewordenen Telefonate stammen aus dem Herbst 2008… Zu hören ist unter anderem, wie ein Banker der damals angeschlagenen Großbank [Anglo Irish Bank] sich darüber lustig macht, daß deutsche Anleger seinem Konzern Einlagen anvertrauen und die historisch belastete erste Strophe der Nationalhymne anstimmt: „Deutschland, Deutschland, über alles“ singt der Manager ins Telefon und bricht in lautes Gelächter aus. Wiederholt spricht er von den „Verdammten Deutschen“.«

[3] Das Theorie Praxis Lokal macht in einer Mail vom 29.06.2013 auf die Diskussionsveranstaltung einer Gruppe von der Zeitschrift KOSMOPROLET (Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft) zu dem Thema Krise des Kapitals und Konfusion der Linken aufmerksam, von deren Ansichten sich selbiges Lokal in der Zwischenzeit getrennt hat. Der oben zitierte Satz scheint aber vom Theorie Praxis Lokal zu stammen und nicht unbedingt von besagter Gruppe.

[4] theoripraxislokal.org.


____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (05.07.2013)

Betreff: SOUVERÄNITÄT


Lieber H., Deinen Vorschlag, über diese Sendung zu debattieren, finde ich sehr gut. [1] Ich habe sie mir gestern angeschaut. Dein Erstaunen über die Ausführungen Schmitt-Enboms erstaunen mich aber ziemlich. Als Grundlage für unsere Debatte empfehle ich folgende Lektüre:

Das K[ommunistische]M[anifest] (MEW 4,479): die Passage: Die Arbeiter haben keine Nation

Den Begriff „Feindstaatenklausel“ in Wikipedia

2 + 4 Vertrag ebd.

Art. 80a GG (12.07.2012)

Über die Feindstaatenklausel fighten rechte Maoisten mit der Linken. Es geht um die Frage der Kontinuität des Deutschen Reiches (s. Link: Compact). Diese Position vertrete ich nicht. Ich gehe von der Republik aus, für die M[arx].u.E[ngels]. 1848 vergeblich gekämpft haben und statt [und auf Kosten] derer die Bourgeoisie sich mit der Reaktion auf das Bismarckreich und Österreich geeinigt hat, was schließlich zu dem vorhersehbaren Datum 8. Mai 1945 führen mußte. Das heutige Deutschland ist ein halb-souveräner Staat, der nur durch einen Friedensvertrag (was 2+4 nicht ist, sondern eine Verzichtserklärung der Besatzungsmächte) seine volle Souveränität gewinnen wird. Grundlage wäre nicht die Kontinuität des Deutschen Reiches von Bismarck bis Hitler, sondern die Deutsche Republik von M.u.E. Soweit erst mal. […]

Gruß Ulrich

[1] ZDF 04.07.2013 Maybritt Illner: Lizenz zum Abhören.

____________________________________________________________________________________

H.B. an Ulrich Knaudt (24.06.2013)

Betreff: SOUVERÄNITÄT


Ich sagte, erstaunt war ich darüber, dass so was im Radio bzw. im Fernsehen kam, nicht mehr, nicht weniger
Deine Hinweise ansonsten ? ? ?

H.
____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (06.07.2013)

Betreff: SOUVERÄNITÄT


Lieber H., da wir beide ja wohl, wie ich annehmen kann, nicht an einer Medienkritik interessiert sind, halte ich die Hinweise schon für sinnvoll.

Wenn sie Dir bekannt oder sogar vertraut sind, um so besser. Dann bleibt aber immer noch ein Rest von Erstaunen auf meiner Seite, daß es Dich erstaunt, so was in den Staatsmedien präsentiert zu bekommen. Mich erstaunt das nicht, wenn man sich den Linksruck, der hier spätestens seit Fukushima durch die politische Landschaft gegangen ist, vor Augen führt. Da sich diese in toto auf die SED-PDS-Linke zubewegt hat (Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt…), bedarf es keines Linksputsches o.ä. durch den Wachhund Moskaus mehr, um die politische Landschaft in Deutschland in dieser Richtung zu verändern. ‚Deutschland bewegt sich‘ sua sponte ohne offizielle Aufforderung aus ‚Pankow‘. Kurz, auch das hat mich nicht sehr gewundert. Es bleibt eine Menge zu diskutieren.

Gruß Ulrich

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (18.08.2013)

Betreff: DIE SOGENANNTE NATIONALE FRAGE


Wie gesagt, ich habe den Aufsatz in p[artei]M[arx] nach Zitaten für das diesjährige BLogbuch durchforstet und festgestellt, daß das meiste, was ich jetzt darin zur N[ationalen]F[rage] sagen will, bereits dort formuliert ist. [1] Ich empfehle besonders die Marx-Zitate zu studieren, weil daran deutlich wird, daß die gern verbreitete Mär, es hätte zu F.[riedrich]E.[ngels] tiefgreifende Differenzen gegeben, einfach Schrott sind. Auf diesem Gebiet hat sich besonders Rosdolsky hervorgetan, der sich durch F.E.s Einschätzung, die Ruthenen seien 1848 eine konterrevolutionäre Nationalität gewesen und hätten als solche auch so gehandelt, sich persönlich beleidigt fühlt und nicht nur aus diesem Grund (er ist Anhänger Trotzkis) M.[arx]u.E.[ngels] mehr oder weniger deutlich zu Nationalchauvinisten erklärt. [2] Da ist er mit Bakunin in bester Gesellschaft.

Auch das ist alles noch reichlich unausgearbeitet.

Nun zu Manfred Sohn: [3]

1. fand ich, daß sein Wertbegriff sich nicht von dem der Klassiker [der Nationalökonomie] unterscheidet: »Die wertbildende Substanz, die in jeder Ware, die wir konsumieren, enthalten ist, ist also lebendige menschliche Arbeit.« Aber:

a. konsumieren wir keine Waren, sondern ihren G[ebrauchs]Wert. Als Waren erwerben wir diesen auf dem Markt und werden dort mit ihrem Wert konfrontiert (WGW und nicht GWG = Kaufmannskapital bzw. Kauf von Arbeitskraft).

b. Wenn die GWerte aber Waren sind, die einen Wert haben, dann ist dessen Wertsubstanz abstrakt menschliche und nicht »lebendige menschliche« Arbeit.

Ergo: mit dieser Wert-Theorie läßt sich auch nicht die W[elt]W[irtschafts]K[rise] erklären, von deren Vorhandensein d.A. zumindest ausgeht.

2. Die Kompensationsmöglichkeiten zur Überwindung der Krise erklärt er wie Rosa L.[uxemburg] dadurch, daß immer neue Gebiete auf dem Globus erschlossen werden, geht aber nicht wie Marx von dem tendenziellen Fall der Profitrate aus als einem der Mehrwertproduktion immanenten Gesetz usw., sodaß sich das Kapital ständig neue Kompensationsmöglichkeiten ausdenken muß. Das ist auch der Grund, warum sich die »Lohnarbeit« verflüchtigt. Sie war dem Kapital in den südlichen Ländern schlicht zu teuer. Sie läßt sich nur wieder einfangen, wenn es dem Kapital gelingt, den absoluten und nicht nur den relativen Mehrwert zu erhöhen. Bei der Erhöhung des relativen Mehrwerts = Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit, tritt der Tendenzielle Fall [der Profitrate] usw. wiederum ein. Dieser vitiose Zirkel muß vom Kapital ständig durchbrochen werden. Und er wird durchbrochen z.B. durch Senkung der Löhne in Südeuropa, durch staatliche Subventionen in Nordeuropa, die Kapital und Arbeit ‚zugute kommen‘. Ob die Linke das einen Skandal nennt, oder was auch immer, ändert daran nichts. Der andere Weg wäre ein Weltkrieg. Aber davon hatte Europa im letzten Jahrhundert schon zwei. Sind wohl nicht scharf drauf.

3. Womit ich grundsätzlich politisch nicht übereinstimme, ist, den Bankrott der DDR etc. als »unsere große Niederlage« zu bezeichnen.

a. war diese unvermeidbar,

b. wurde der Bankrott der DDR durch eine Revolution auf den Begriff gebracht und dadurch vollendet, was eine gesellschaftliche Revolution ist.

c. ist, das Gegenteil zu behaupten, reaktionär.

All die farbigen Revolutionen in den ehemaligen ’sozialistischen Ländern‘ unterscheiden sich nicht von den arabischen Revolutionen. Siehe Syrien! Dort stehen Revolution und Konterrevolution einander gegenüber. Etwas Drittes, wie die Linke sich in die Tasche lügt, gibt es nicht.

Mit dieser Linken s.o. habe ich ein Problem. Seit der post-sowjetischen Annexion von Teilen Georgiens (Ossetien, Abchasien) steht sie für mich auf der anderen Seite der Barrikade, was d.A. mit seinem Eingeständnis bestätigt. (Dazu näher das neue BLogbuch) [4]

4. Auf dieser Grundlage wird der Versuch linker Politik, »die Lohnabhängigen als auch diejenigen gegen den Kapitalismus zu organisieren, die von ihm ausgespuckt und verachtet werden«, selbst zu einer konterrevolutionären Veranstaltung.

Ich weiß nicht mehr, warum ich Dir diesen Aufsatz geschickt habe. Vermutlich wegen den unhaltbaren Aussagen zur Werttheorie und dem Zusammenhang von WT und Politik (Der Linken).

Außerdem war mein Anliegen eher der Aufsatz über Gesell gewesen, aber an den komme ich nicht mehr ran als Nicht-Abonnent. [5] Vielleicht befand sich der Aufsatz von Sohn in irgendeinem Zusammenhang mit unserer Telebim-Debatte. Egal.

Es gibt noch was zur W[ert]T[heorie] zu sagen, nämlich über den Zusammenhang von WT und Kommunismus und vielleicht kommen wir uns an diesem Punkt wieder näher: der akademische Marxismus ist nach meiner heutigen Einschätzung grundsätzlich nicht gewillt und in der Lage, diesen Zusammenhang zu akzeptieren. Seine sämtlichen Theorien sind darauf gerichtet, diesen ungeschehen und ungesehen zu machen. Meiner Meinung [nach] ist der Kommunismus zwar nicht unmittelbar Voraussetzung meinetwegen der WT, aber er läuft ‚unterschwellig‘ mit. Wäre er die Voraussetzung, wäre das unwissenschaftlich.

Aber als Leitmotiv, das unmittelbar nicht thematisiert wird (oder nur selten, siehe 1. Kapitel: »stellen wir uns eine Assoziation freier gesellschaftlicher Produzenten vor« usw.), [6] ist der G[ebrauchswert]Wert oder konkret nützliche Arbeit (knA) nur in ihrem Widerspruch zum Wert bzw. zur a[bstrakt]m[enschlichen]A[rbeit] zu verstehen. Der akademische Marxismus muß sich nun Analysen ausdenken, die die Normalität des Kommunismus verglichen mit diesen verrückten Formen umgeht, ignoriert, negiert. So geht auch D.[ieter]W.[olf] vor. Aber dazu ist mir aufgefallen, daß sein Hauptfehler darin besteht, daß er die ersten Drei Kapitel auf dem Niveau von Zur Kritik… [der politischen Ökonomie] interpretiert, [7] wo K.M. den Wert[begriff] noch nicht entwickelt hat, sondern allein vom T[ausch]Wert ausgeht. Damit steht D.W. mit seiner Analyse auf dem äußerst linken Flügel des akademischen Marxismus, weil er Marx mit Marx interpretiert (wenn auch eingeschränkt auf eine frühe Fassung und letztlich verglichen mit 1872 falsch) [8] und nicht mit Hilfe irgendeines postmodernen Pillepalle. Andererseits überschreitet er [D.W.] diese Linie auch nicht, u.a., weil er vom akademischen Marxismus als einer der Ihren anerkannt werden möchte. Ich denke, an diesem Punkt müßten wir uns auf theoretischem Gebiet näher kommen.

Viele herzliche Grüße und alles Gute

Ulrich

P.S. Bücher über China: Standardwerk der Politologen ist: J. Gernet: Die Chinesische Welt (1988).

Sehr kulturalistisch und nur zu empfehlen, wenn sich jemand richtig in das Thema reinknien will. Ich habe kürzlich gelesen: F. Sieren: Der China Code. Wie das boomende Reich der Mitte Deutschland verändert. Befindet sich auf SPIEGEL-Niveau, sozusagen vom BRD-Standpunkt aus geschrieben. Von dem Autor gibt es weitere Bücher. Ist auf jeden Fall einigermaßen informiert. Es gibt noch ein China-Buch von Domenico Losurdo. [9] Reiner DKP-Standpunkt. Für Einsteiger nicht zu empfehlen.

[1] parteimarx.org STREITPUNKTE STREITPUNKT 1 Warum Lenins letzter Kampf gegen den linken Sozialimperialismus nicht zu gewinnen war.
[2] Roman Rosdolsky: Zur nationalen Frage. Friedrich Engels und das Problem der „geschichtslosen Völker“, Berlin 1979.
[3] Neues Deutschland 06.08.2013 Manfred Sohn: Vor dem Epochenbruch. Warum die gegenwärtige Krise keine normale ist und was das für die Linke heißt.
[4] parteimarx.org BLogbuch 1 2013 Die sogenannte nationale Frage und der Kommunismus.
[5] Neues Deutschland 22.-23.06.2013 „Rostendes“ Geld als Ausweg? In der Krise feiern die Ideen von Silvio Gesell auch unter Linken fröhliche Urständ.
[6] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie Bd. I. MEW 23, 92f.
[7] Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie MEW 13 (7-160).

[8] Gemeint ist die 2. Auflage von [6], die gerade in den ersten drei Kapiteln einige gravierende Änderungen gegenüber der Erstauflage von 1867 enthält.
[9] Domenico Losurdo: Die Linke, Chiina und der Imperialismus, Essen 2000.

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (19.08.2013)

Betreff: krisis


Lieber H., Zu der Einladung der krisis-Gruppe. [1] Ich wäre zwar fürchterlich gerne ins Weserbergland gefahren, weil ich an der Oberwesen meine frühe Kindheit verbracht habe und diese Gegend mal wieder genossen hätte. Aber ich weiß nicht, was ich mit den krisis-Leuten diskutieren soll. Das was sie vortragen wollen, erscheint auf ihrer home page als nächste Nummer ihrer Zeitschrift. Wozu dann noch den Originalton? Wenn Du hingefahren wärst, hätten wir uns mal wieder sehen können, aber das könnten wir auch ohne krisis tun, wenn wir es wollten und die Zeit hätten. Also erst mal nix krisis. Vom kürzlich verstorbenen R. Kurz kenne ich nur die Hausschweinisierung der Arbeiterklasse und das hat mir gereicht.

Ich schicke Dir was zur Frage Kleinbauern – Mittelbauern aus der FAZ und einen Aufsatz von Sohn aus dem ND. [2] Bemerkenswert seine Bestimmung des Werts: »…die wertbildende Substanz, die in jeder Ware, die wir konsumieren, enthalten ist, ist also lebendige menschliche Arbeit.« Das ist noch nicht mal ein versimpelter Adam Smith, ganz abgesehen davon, daß er von der Bildung der Substanz des Werts aus der abstrakt menschlichen Arbeit – etwas verkürzt dargestellt, noch nie was gehört zu haben scheint. Daran sehen wir, wie wichtig der ganze Streit um [die] Werttheorie für die Einschätzung der W[elt]W[irtschafts]K[rise] ist und für die Frage, wie mit ihr umzugehen ist. Wachstum wird bei Sohn im geographischen oder geopolitischen Sinne verstanden, nähert sich also der Geopolitik aus der Zeit vor dem 1. W[elt]K[rieg], usw. Ziemlich übler stuff. Ich wollte Dir noch einen Aufsatz über Silvio Gesell aus dem ND vom 22./23.06.2013 schicken: „Rostendes“ Geld als Ausweg. [3] Aber um da ran zu kommen, hat es erst mal nicht mit der Registrierung auf der ND-Seite geklappt […] Ansonsten solltest Du bei großem Interesse es mal selbst probieren. Der Kritik an Gesell würde ich zunächst zustimmen. Dann aber heißt es abschließend: »Letzter Krisengrund ist nicht [wie bei Gesell] der Zins, sondern die ungleiche Verteilung des Eigentums, aus der die Ungleichheit der Einkommen und des Vermögens resultiert.« Damit sind wir vom Regen kleinbürgerlicher Geld- und Zinsillusionen in die Traufe sozialer Gleichheitsillusionen à la Rousseau gekommen.

Soweit erst mal.

Viele Grüße

Ulrich


[1] krisis. Kritik der warengesellschaft ist laut Internetauftritt „ein Zusammenschluß von theoretisch

arbeitenden Einzelpersonen und Gruppen, die sich der Reformulierung einer radikalen Kapitalismuskritik jenseits des traditionellen Marxismus verschrieben haben“.

[2] Siehe Ulrich Knaudt an H.B. (18.08.2013) Fn. 3.

[3]Neues Deutschland 22.-23.06.2013 „Rostendes“ Geld als Ausweg? In der Krise feiern die Ideen von Silvio Gesell auch unter Linken fröhliche Urständ.

____________________________________________________________________________________


Ulrich Knaudt an Gegen die Strömung (23.09.2013)


Hallo (ehemaliges) Buchladen-Kollektiv,

[…]
Ich hatte eigentlich vor, mein lang gehegtes Versprechen, mal etwas zu Eurer ‚Religion‘sbroschüre zu schreiben, endlich einzulösen. [1] Außerdem lagen mir die Ausgaben von GdS 9-10/12 bis GdS 7-8/13 vor, die ich parallel dazu der Reihe nach studiert habe. [2] Die Einhaltung dieser Reihenfolge war allerdings ein Fehler; denn hätte ich GdS 7-8/13 als erste genauer studiert, hätte sich die Frage, die es nun zu entscheiden gilt, von vornherein gestellt: nämlich welchen Sinn es nach der Lektüre dieser GdS-Ausgabe noch gemacht hätte, über die vorangehenden zu debattieren, in denen, wie ich meine, noch einiges Diskussionswürdige zu finden ist, bzw. war. Denn, wenn Ihr den in GdS 7-8/13 eingeschlagenen Kurs ungebrochen fortsetzt, wird es nichts mehr geben, worüber es sich noch zu diskutieren lohnt. Was ich wie gesagt höchst bedauerlich fände.

Auf den Punkt gebracht, stimme ich mit der von Euch ohne erkennbare Kritik Eurerseits wiedergegebenen Forderung von Asylsuchenden nach der »Anerkennung aller Asylbewerberinnen als politische Flüchtlinge« (Erklärung der Protestbewegung… vom 13.10.2012, GdS 7-8/13, 6) absolut nicht überein. Damit habt Ihr Euch politisch (auf der Seite der Barbarei!) an die vorderste Front des in der Weltwirtschaftskrise schon seit längerem (spätestens seit 9/11) zwischen Zivilisation und Barbarei stattfindenden Weltbürgerkrieges katapultiert, worin der von der Welt-Bourgeoisie auf andere Weise nicht lösbare Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital seinen Ausdruck findet. Offen zum Ausbruch gekommen ist dieser Weltbürgerkrieg bereits in Syrien, den Ihr in keiner der mir vorliegenden Ausgaben der Erwähnung wert findet – einen Satz ausgenommen, und der hat es dann auch gleich in sich, wenn es unter »Zur Problematik der Forderung ‚Asylrecht für alle‘…« (GdS 7-8/13, 7[Kasten]) heißt: »Reaktionäre aller Länder versuchten und versuchen immer noch mit Berufung auf Artikel 16 [GG] „Asyl“ zu bekommen, zumeist mit großem Erfolg – im Gegensatz zu den vom Imperialismus Verfolgten. Aktuell geht es z.B. um Offiziere des reaktionären syrischen Staats, die dem Assad-Regime den Rücken kehren, weil es am Untergehen ist, oder um reaktionäre und faschistische Kräfte aus Afghanistan oder aus dem Irak.«

Dazu ist folgendes festzustellen:

1. Nicht wenige jener »Offiziere des reaktionären syrischen Staats« haben diesem Staat auch deshalb den Rücken gekehrt, weil sie nicht mehr bereit sind, sich bei den in Syrien stattfindenden internationalen Verbrechen »des reaktionären syrischen Staats« an der Zivilbevölkerung zu dessen Werkzeug oder Komplizen machen zu lassen. Weder diese Verbrechen noch der Widerstand innerhalb der syrischen Armee und in der syrischen Bevölkerung sind für Euch, die obige flapsige Bemerkung ausgenommen, der Erwähnung wert. Wenn man diesen Satz genauer liest, dann sind offenbar alle Offiziere, die dem Regime den Rücken kehren, durch die Bank nicht besser oder schlechter als der »reaktionäre syrische Staat« selbst. Dadurch werden diese Verbrechen in gewisse Weiser relativiert, worin Ihr Euch von der übrigen gesamtdeutschen Linken nur dadurch unterscheidet, daß Ihr zu den über hunderttausend Toten und 2 Millionen Flüchtlingen grundsätzlich überhaupt nichts sagt, während die übrige Linke sich zumindest ‚offen und ehrlich‘ gemeinsam mit Putin zu ihrer Unterstützerposition für das baathistische (= ‚sozialistische‘) Syrien (= Assad-Regime) bekannt hat. Wir leben zwar nicht in Syrien, aber politisch sollte es auch hier zwischen Pro-Assad und Anti-Assad keinen Dritten Weg geben, so wenig wie einst zwischen Hitler und der Anti-Hitler-Koalition. (Dies gilt auch für die sog. Islamisten, die wohl in nicht geringem Maße und im Auftrag des mukhabarat die Aufstandsbewegung infiltriert haben.) Darüber geht Ihr (mit einer gehörigen Ignoranz) sogar noch noch einen Schritt hinaus, wenn Ihr Euch

2. anmaßt, über die Berechtigung von Asylgründen, eine politische Entscheidung verlangen zu müssen, die die Bourgeoisie nach dem bürgerlichen Recht (wozu das internationale Recht gehört) für gewöhnlich zu fällen hat. Diese politische Anmaßung halte ich für höchst fragwürdig. Meine nähere politische Begründung dafür könnt Ihr, müßt Ihr aber nicht, im BLogbuch 1-2013 nachlesen. [3] Ergänzend dazu nur ein Satz: das bürgerliche Recht hat in der Zeit zwischen 1933 und 1945 die Teile der politisch verfolgten Zivilbevölkerung, die sich vor der Hitler-Barbarei unter dessen Schutz begeben konnten, vor unmittelbarer Verfolgung und Ausrottung bewahrt. Wenn Ihr heute in einer meiner Einschätzung nach vergleichbaren Situation der Zivilbevölkerung (vordringlich derjenigen auf dem asiatischen Kontinent und in Teilen des Mittleren Ostens) das »Asylrecht für alle« durch Euer politisches Asylrecht beschneiden wollt, dessen politische Kriterien überdies (aber darauf kommt es eigentlich gar nicht an) keinen klaren Trennungsstrich zur ‚linken‘ Barbarei à la Assad ziehen, macht Ihr Euch nicht anders als Die Linke objektiv zum Komplizen dieser Barbarei.

3. Und wenn in letzter Zeit ‚linke‘ Asylsuchende aus jenen Regionen ein politisches Asylrecht für sich gefordert haben, was bedeutet, daß sie das von der Zivilbevölkerung zu ihrem Schutz existierende internationale Recht nach ihren politischen Vorstellungen eingeschränkt sehen wollen, indem sie es ‚anti-imperialistisch‘ politisieren, mag das von ihrer verzweifelten Situation aus betrachtet verständlich erscheinen, muß aber nicht unbedingt von Leuten, die sich Kommunisten nennen, auch in diesem Sinne politisch nachvollzogen werden. (Den alten Trick, sich durch die Erzeugung von politischen Nachfluchtgründen in Gestalt von spektakulären Pseudo-Aktionen die Duldung in Deutschland zu erschleichen, einmal außen vor gelassen, die ich hier gar nicht von vornherein unterstellen würde.) Das bürgerliche Recht unterscheidet nicht zwischen reaktionären und ‚anti-imperialistischen‘ Asylsuchenden, sondern lediglich zwischen begründeten und unbegründeten Anträgen auf Asyl. (Wie es umgekehrt im Sozialismus [eine] ‚sozialistische Ware‘ geben kann, wovon Stalin ausgegangen ist. Eine Ware bleibt eine Ware, egal, ob sie kapitalistisch oder ‚sozialistisch‘ ist. Im ersten Stadium des Kommunismus sollte es aber überhaupt keine Waren mehr geben!) Ein Asylgrund liegt nach internationalem Recht dann vor, wenn in einem Staat wegen der Diskriminierung von bestimmten Teilen der Zivilbevölkerung für diese eine Bedrohung von Leib und Leben besteht. Nicht mehr und nicht weniger. Übrigens hat bereits Marx das (sehr viel liberaler praktizierte) Asylrecht Großbritanniens für sich in Anspruch genommen, ohne daß er sich darauf versteift hätte, dieses nur unter bestimmten politischen Bedingungen, also daß z.B. die britische Bourgeoisie die Diktatur des Proletariats anerkennt, in Anspruch nehmen zu wollen. Darin unterschied sich seine Lage übrigens nicht von derjenigen Bakunins, auch wenn dieser die Staatlichkeit eines jeden Staates, auch desjenigen, der ihm Asyl gewährte, politisch nicht anerkannte, was eigentlich nur als politische Marotte zu bezeichnen ist. Dem Kapital ist das Ansehen, Aussehen, die Herkunft, Religion etc. der Käufer seiner Waren egal. In diesem Sinne entspricht das Asylrecht der ‚Freiheit der Meere‘ und des Welthandels. Und diese ‚Freiheit‘ sollten Kommunisten, die das Manifest ernst nehmen, nicht über Bord werfen, nur weil sie vornehmlich dem Kapital nützt und von diesem weidlich ausgebeutet wird.

4. Eure Strömung habe ich zwar auch nie ganz frei von derartigen politischen Marotten gesehen, ihr aber wegen ihrer starken Betonung von Marx und des Kommunistischen Manifests immer noch eine gewisse Lernfähigkeit unterstellt. Die Hoffnung darauf ist mit GdS 7-8/13 leider fast auf Null gesunken und wird sich ganz in Luft auflösen, solltet Ihr nicht über diesen vorläufigen Endpunkt einer fatalen Entwicklung selbst anfangen nachzudenken, die in den von mir studierten Texten [in GdS] allerdings bereits angelegt ist. So viel vorerst dazu.

Die Entscheidung zwischen Revolution und Konterrevolution fällt heute mit der Unterscheidung zwischen (bürgerlicher) Zivilisation und (‚linker‘) Barbarei, wie sie momentan zwischen Beijing und Damaskus über Moskau und Teheran auf dem Vormarsch ist.

Ernst-Ulrich Knaudt

[1] Autorenkollektiv: Religion. Opium für das Volk, Offenbach 2006.

[2] Gegen die Strömung. Organ für den Aufbau der Revolutionären Kommunistischen Partei.

[3] parteimarx.org BLogbuch 1 2013: Eine offene Antwort an einen (ungenannt bleiben müssenden)

(Zeit-)Genossen.

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an H.B. (20.10.2013)

Betreff: MASCH


Lieber H., Du wirst wahrscheinlich auch von N. die Einladung zur MASCH-Konferenz [1] bekommen haben. Ich sagte schon am Telefon, daß ich nicht hinfahre, weil sie mir zu DKP-lastig ist. Diese Initiative war eigentlich nie was anderes als eine DKP-Veranstaltung. Bei der Durchsicht der Einladung fiel mir auf, erstens, daß der Mentor dieser Veranstaltung unser alter Bekannter H.H.[arbach] ist. Da stellt sich mir, zweitens, die Frage, warum D.[ieter]W.[olf] dort nicht als Referent auftaucht, der in H.H.s Buch doch als spiritus rector für seine seltsamen Thesen über den Realen Sozialismus geführt wird. Liegt das daran, daß D.W. nichts Neues auf der Pfanne hat (kann ich mir nicht vorstellen, da er bisher jede Gelegenheit genutzt hat, um eine weitere Variation seiner Interpretationen der W[ert]T[heorie] zum Besten zu geben) oder ob es noch andere Gründe dafür gibt.

Alles Gute

Ulrich

P.S. […] Am Schluß ist immer die DKP als Absahner dagewesen. Vgl. damit N.s dringenden Aufruf für die Herbstschule. Hätten sie alles auch anders haben können.

[1] Marxistisches Abendschule Hamburg. Tagung 15.-17.11.2013 Aufhebung des Kapitalismus – die Ökonomie einer Übergangsgesellschaft.

____________________________________________________________________________________

Ulrich Knaudt an P.T. (01.12.2013)


Lieber P.,

Es war sehr klug und richtig, nicht am Do zu der Veranstaltung zu kommen. [1] Es hätte sich nicht gelohnt. Dagegen war Syrien eine Woche zuvor sehr substantiell.

Nachdem ich zwei Veranstaltungen von den Anti-Deutschen erlebt habe, ergibt sich der, wenn auch nicht vollständige, Eindruck, daß auch diese Gruppierung mit den allgemein verbreiteten Substanzverlusten zu kämpfen hat, u.a. auch deshalb, weil sie nicht aus dem akademischen Getto herauskommt, bzw. auch gar nicht mehr rauskommen will.

Der Titel des Vortrags stützt sich auf den Titel des Buches von Paul Massing: Rehearsal for Destruction, als Bd. 4 der Studies in Prejudice, NY 1950. Das hätte dem dummen Menschen vielleicht vorher gesagt werden sollen. Da das offenbar allen im Saal außer mir bekannt zu sein schien, muß ich wohl der Dümmste im Auditorium gewesen sein. Ich hatte noch nicht mal den Namen d.A.s jemals gehört. Es war also eine reine Insider-Veranstaltung, die auch von der Menge der Zuhörer her bequem in irgendeinem Wohnzimmer hätte stattfinden können.

D.A. betrachtet seinen Vortrag als Beitrag zur ‚Vorurteilsforschung‘. Er zitiert Horkheimers Vorwort zu dem o.a. Band, worin er sich dagegen wendet, die Ableitung des Antisemitismus aus den ‚Mythen der Nationalstaaten‘ zu beziehen, getreu dem gleichlautenden Statement von Adorno, daß die Geschichte des deutschen Antisemitismus nicht in den Grenzen des Nationalstaates zu deuten sei. (Natürlich nicht! Aber jede auf dem Weltmarkt vertretene Bourgeoisie interpretiert diese Grenzen auf ihre Weise!) Eben dadurch eröffnet sich für den Referenten ein Dilemma, wenn er den anti-gelben deutschen Rassismus auf den Rassismus überhaupt, den Holocaust, beziehen will.

Sein Hauptanliegen bestand darin, den antichinesischen Rassismus, wie er auch in Deutschland vor dem 1. W[elt]K[krieg] aufgetreten sei, als Vorübung (rehearsal) für den Holocaust zu deuten. Aber außer einigen alldeutschen Winkelliteraten waren die Gewährsleute, die er als Beweis für die angeblich bedeutende Rolle dieser Strömung aufzubieten hatte, dürftig. So etwa das Buch eines Stephan von Kotze (»nomen est omen« – allgemeines Gelächter im Saal!) mit dem Titel Die Gelbe Gefahr. Um es kurz zu machen: der Referent konnte nicht umhin, die Hauptströmung des Anti-Sinismus nicht in Deutschland, sondern den USA festzumachen, wo 1882 das Chinese Exclusion Act alle chinesischen Arbeiter (»orientals«) von der Einwanderung ausschloß und das 10 Jahre später erneuert wurde. Ein solches Gesetz gab es zu selben Zeit in Deutschland nicht. In den entsprechenden Publikationen wurden die Gelben, Slawen und Juden ‚lediglich‘ als Menschen, die ‚jedes höheren Lebenszieles bar‘ seien, charakterisiert und die kommerzielle Gewandtheit der Chinesen als ‚gefährlich‘ hervorgehoben. Das war‘s auch schon.

Der Referent konnte auch nicht den Unterschied zwischen dem Antisemitismus im allgemeinen und dem Rassismus der 90er Jahre [d. 19. Jhts], auf die er sich i.w. bezog, erklären. Während für mich der Antisemitismus, grob gesagt, gegen den jüdischen Bankier, der dem nationalen Handwerker den gewünschten Kredit verweigert, bereits in der Zeit Proudhons auftaucht, war der von der ‚Gelben Gefahr‘ sich nährende Rassismus das Produkt des Ringens der (imperialistischen) Kolonialmächte am Vorabend des 1. W[elt]K[rieg]s in ihrem Kampf um die nationalen Vorposten in der ‚Dritten Welt‘, so auch in China und diente der Weckung des Interesses der deutschen (aber nicht nur deutschen!) Arbeiter an der Weltmachtpolitik ihrer Bourgeoisie in den Kolonien.

Nicht mal zu solch einer schlichten historischen Erklärung des Unterschieds zwischen Antisemitismus und Rassismus in ihren jeweiligen Entstehungszusammenhängen war dieser Vorurteilsforscher in der Lage. Für ihn zählt nur was die Leute denken, nicht was sie sind.

An diesem Idealismus zeigt sich für mich das ganze Dilemma der linken Sozialwissenschaft, die Frankfurter Schule eingeschlossen (trotz des unerreichbaren Tiefgangs und der Universalität der Reflexionen letzterer). Ganz abgesehen davon, daß eine weitere Form dieses kolonialen Rassismus in der keineswegs vorurteilslosen Welt jenes Vorurteilsforschers offenbar keinen Platz findet (denn sie ist ja nicht ‚typisch deutsch‘): der Zionismus. Vielleicht wird es ja eine Tages Parteigänger der Partei Marx in Israel geben, die den Anti-Arabismus als eben solch eine Form des Rassismus untersuchen werden, über den der Referent insgesamt nur unzureichend Auskunft geben konnte.

Aber das kann mir heute auch egal sein.

Schließlich bleibt für mich unerfindlich, warum diese Veranstaltungen noch unter dem Label ‚Rote Ruhr Uni‘ laufen. Aber vielleicht kann mir das irgendwann mal jemand historisch materialistisch erklären […]

Viele Grüße

Ulrich

[1] Rote Ruhr Uni 14.11.2013 Florian Hessel: (Another) Rehearsel for Destruction.

__________________________________________

Veröffentlicht in Reaktionen | Kommentieren

BLogbuch 1 2014: Revolution und Konterrevolution in Europa »

Den vollständigen Beitrag als PDF-Datei laden

Inhalt

Mit Putins Annexion der Krim endet die postsowjetische Epoche der auswärtigen Politik Rußlands, die nach dem sog. Zivilisationsbruch, den der politische Bankrott der Sowjetunion in den Augen der deutschen Linken erzeugt hat, dadurch wieder in ein offensives Stadium versetzt wurde. Dagegen klammert sich die bürgerliche Presse mit aller Kraft an die ‚strategische Partnerschaft‘, die es mit diesem neuen Rußland auf einmal nicht mehr geben soll und versteht auch nicht so richtig, daß diese Linke in den politischen Kernfragen niemals aufgehört hat, die Linie der alten SED gegenüber ‚dem Westen‘ aufrechtzuerhalten, während sie sich gleichzeitig ihren potentiellen Wählern gegenüber als die etwas ‚linkere‘ SPD zu präsentieren versucht. In dieser Situation, da zu erwarten ist, daß Putin als Antwort auf Wirtschaftssanktionen ‚des Westens‘ den Europäern irgendwann den Gashahn zudreht, wird die ganze verfehlte Energiepolitik der Grünen und ihre Mitverantwortung für die nach der Katastrophe von Fukushima Hals über Kopf von der Bundesregierung eingeleitete ‚Energiewende‘ nicht nur sichtbar, sondern dann irgendwann auch körperlich spürbar. Die SPD, die im Wahlsommer 2013 eine rosarotgrüne Koalition angepeilt hatte, mit der sie außenpolitisch die Achse Paris-Berlin-Moskau aus der Zeit von Dabbeljuhu Bushs wahnsinnigem Irak-Krieg hätte fortsetzen können, und die nun von ihr in abgespeckter Form in der Groko gepflegt wird, mußte von der alten Schröder-Putin-Freundschaft flugs auf Kalten Kriegsmodus umstellen, ohne die rosarotgrünen Machtträume aber endgültig zu begraben.

Die Partei Die Linke hat von Anfang an die steile These vertreten, daß ‚der Westen‘ für Putins Annexion der Krim mitverantwortlich wäre, die ohne den ‚westlichen Druck‘ auf die Ukraine (das hieße auf den vom Volk gestürzten Oligarchen) überhaupt nicht hätte stattfinden müssen. Also hat in Wirklichkeit ‚der Westen‘ die Krim annektiert und Putin nur der Bitte ihrer Bevölkerung stattgegeben, sie in die Rußländische Föderation aufzunehmen. Denn hat nicht auch ‚der Westen‘ das gleiche mit dem Kosovo gemacht? Im übrigen stehe hinter der Politik ‚des Westens‘ im Kosovo, auf der Krim oder in der Ukraine immer noch die alte von den deutschen Faschisten gepflegte Feindschaft gegen die Sowjetunion, die einfach nur auf Rußland übertragen wird! Diese ewig junge Faschismusthese gewinnt vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise, die die ‚westliche‘ Welt seit der Lehman-Pleite erschüttert hat, an zusätzlicher Plausibilität und läßt die deutsche Bourgeoisie nach jedem rettenden Strohhalm greifen, und sei es nach dem des staatsmonopolistischen Kapitalismus (Stamokap), der, wie es heißt, den staatsmonopolistischen Rohstoffproduzenten Rußland ebenso wie den sozialistischen Turbokapitalismus Chinas vor den Folgen dieser Krise angeblich bewahrt haben soll. ‚Beggar thy neighbor‘ im Welt-Format.

So gesehen ist der Vorschlag der Linken an die deutsche Bourgeoisie, dieses erfolgreiche Krisenbewältigungsprogramm nicht, wie von der Groko geplant, lediglich als Stamokap light zu imitieren, sondern das Original unter einer starken linken Regierung zielführend in Staat und Gesellschaft zu implementieren, von einer gewissen Plausibilität. Allerdings muß dabei auch einem jeden klar sein, daß die vollständige Realisierung dieses Vorschlags auf eine Faschisierung Europas von links von Lissabon bis Wladiwostok, vom Atlantik bis zum Pazifik mit China als Hinterland hinausliefe und in erster Linie gegen die USA und die Nato (einschließlich der TTIP) gerichtet ist, wobei immer deutlicher erkennbar wird, daß der Antiamerikanismus von links mit dem Antiamerikanismus von rechts zunehmend zu einem ‚antikapitalistischen‘ Konglomerat zusammengewachsen ist.

Sitzen die Faschisten im Kreml? Auf diese von einem Historiker gestellte Frage gibt es keine klare Antwort, jedenfalls nicht in den Kategorien der üblichen außenpolitischen Kommentare in der bürgerlichen Presse. Die einzige Möglichkeit, um bei diesen ost-westlichen, faschistisch-antifaschistischen Retourkutschen nicht unter die Räder zu geraten, wird in einer Untersuchung der Gemeinsamkeiten und der Unterschiede der westlichen und östlichen Millionärsclubs, ihren Stärken und Schwächen zu bestehen haben: Die Stärken der einen bestehen in dem tagtäglich auf sie ausgeübten Zwang, sich unentwegt der Konkurrenz auszusetzen, weil sich nur so ‚Wachstum erzeugen‘ läßt, die Schwächen der anderen in der ständigen Furcht um den Bestand ihrer politischen Herrschaft, die durch die Absetzbewegung der Bevölkerung von ihren korrupten Politikern und durch die Forderung nach deren Absetzung in den östlichen Millionärsclubs die nicht endende Furcht vor einer secessio plebis erzeugt; secessio plebis heißt: das Volk kommt zunächst friedlich auf den zentralen Plätzen ihrer Stadt zusammen, sei es der Tien an men, der Tahrirplatz oder der Maidan, und verläßt diesen Platz nicht eher, bis seine politischen Forderungen erfüllt sind. Das nennt man eine politische Revolution in ihrer ursprünglichen Bedeutung, die die Linke, weil sie den Unterschied zwischen der politischen und der sozialen Revolution nicht begreift, diese durch die Besetzung der Wall Street oder der EZB immer wieder erfolglos zu imitieren versucht.

Politische Revolutionen machen aber nur in den von einem autokratischen Millionärsclub beherrschten Ländern Sinn, wie sich in Syrien an der brutalen Niederschlagung der Arabischen Revolution und dem gegen sie verübten systematischen Völkermord durch das Assad-Regime auf dramatische Weise zeigt. Diesen zu verhindern, appelliert die ‚westliche‘ Welt an die UNO und die ‚westlichen Politiker‘, etwas dagegen zu unternehmen. Die Wahrheit ist, daß die Regierung der USA, die dazu in der Lage wäre, keinesfalls einen Weltkrieg aus humanitären Gründen riskieren wird, der bei der ‚humanitären Intervention‘ der Nato gegen Milosevics Völkermord an den nicht-serbischen Minderheiten und Nationen Jugoslawiens noch ausgeschlossen werden konnte. Die USA und ‚der Westen‘ werden sich überdies darüber im Klaren sein, daß die Aufhebung der Unvermeidlichkeit eines Weltkrieges theoretisch nur durch die proletarische Weltrevolution beseitig werden kann. Daher ist taktische Zurückhaltung auch ein Gebot nicht nur der diplomatischen Klugheit, sondern auch des ureigenen Klasseninteresses. ‚Wir Europäer‘ haben dagegen noch nicht einmal begriffen, daß die Tragödie, die sich vor unseren Augen in Syrien ereignet, nichts anderes ist als Vorspiel zu der Farce, die in allernächster Zeit der linke Faschismus und die faschistische Linke mit verteilten Rollen in Europa zur Aufführung bringen werden, um Putins Einfluß in Europa zu mehren. Wenn die politischen Verhältnisse sich weiter in diesem Tempo faschisieren, dann sollte die politische Revolution vom Tien an men bis zum Maidan in ganz Europa eine entsprechende Fortsetzung finden: No pasaran!

Den vollständigen Beitrag als PDF-Datei laden

Veröffentlicht in BLogbuch | Kommentieren

BLogbuch 1 2013: Die sogenannte Nationale Frage und der Kommunismus »

Inhalt

Dieses BLogbuch stellt an sich selbst nicht den Anspruch einer systematischen Auseinandersetzung mit der sogenannten Nationalen Frage. Es enthält zunächst nur den Versuch einer illusionslosen Abrechnung mit dem in der ‚antiimperialistischen‘ Linken grassierenden linken Sozialimperialismus. Darunter ist grob gesagt der selektive Umgang mit dem Selbstbestimmungsrecht der Nationen zu verstehen, was bedeutet, daß dieses Recht von ihr nur solchen Nationen zugestanden wird, mit denen die Linke gerade im Kampf gegen das ‚westliche‘ Kapital politisch verbandelt ist. Der selektive Umgang mit dem Selbstbestimmungsrecht der Nationen ist häufig mit der Empfehlung an andere Staaten verbunden, die sich den politischen Anmaßungen einiger Großmächte widersetzen, sich doch, bitte schön, der gemeinsamen Front gegen den ‚Westen‘, der sich die ‚antiimperialistische‘ Linke angeschlossen hat, zu unterwerfen. Zu diesen Staaten sollte, wenn es nach der Politik der ‚antiimperialistischen‘ Linken geht, am besten auch Deutschland gehören. Vor allem aber sind das all jene Staaten Osteuropas, in denen (ohne Zweifel) bürgerliche Massenbewegungen gegen ihre eigenen Oligarchien, die eng mit dem Putin-Regime zusammenhängen, rebellieren und verlangen, daß in ihren Ländern demokratisch gewählte Regierungen anstelle von oligarchischen Seilschaften die Macht übernehmen. Da diese ‚farbigen‘ Massenbewegungen sich auf bestimmte Forderungen beschränken wie die Beendigung von Wahlmanipulationen oder die Einhaltung rechtsstaatlicher Garantien für den einzelnen ‚Staatsbürger‘ und darin vom kapitalistischen ‚Westen‘ gegen seine ‚östlichen‘ Konkurrenten unterstützt werden, finden diese bei der gesamten deutschen Linke nicht nur keine Unterstützung, teilweise läßt sich aus deren Verlautbarungen herauslesen, daß sie mit den (halb)asiatischen Gewaltapparaten klammheimlich sympathisiert oder sich sogar offen hinter diese stellt. Jüngstes Beispiel ist Syrien.


Das BLogbuch 1 2013, das fast zu einem Jahrbuch angewachsen ist, soll nicht die politischen Ereignisse von drei Vierteln des Jahres 2013 abdecken (was ein ziemlich vergebliches Unterfangen wäre und eigentlich von in kürzeren Abständen erscheinenden kürzeren Blogbüchern hätte übernommen werden müssen). Sein Hauptthema ist die europäische Revolution vor und nach 1848, wie sie von Marx und Engels ausgehend vom Manifest der kommunistischen Partei verstanden wurde und worin die sogenannte Nationale Frage (eine Formulierung die nicht von ihnen stammt, sondern erst bei den Austromarxisten und den Bolschewiki Verwendung fand) von zentraler Bedeutung war. Marx unterscheidet 1849 noch nicht zwischen Nationen und Nationalitäten, obwohl auch er von dem von Engels gezogenen klaren Trennungsstrich zwischen den historischen und den geschichtslosen Nationen ausgeht. Die historischen Nationen kämpfen gegen die Hinterlassenschaften des Metternich-Systems, von dem sie in möglichst viele kleine Nationalitäten zerlegt worden waren. Die geschichtslosen Nationen (die späteren Nationalitäten Napoleons III. und der russischen Zaren) haben sich dagegen häufig von den konterrevolutionären Großmächten gegen die historischen Nationen, zu denen auch Deutschland gehört, vor ihren Karren spannen lassen.


Die Engelssche Unterscheidung zwischen historischen Nationen und geschichtslosen Natiönchen ist unter vielen linken Autoren stark umstritten, weil sie darin die Vorwegnahme einer klammheimlichen Billigung der östlichen Raubkriege Hitler-Deutschlands gegen die Völker Osteuropas gesehen haben wollen. Dieser nicht nur unhistorische, sondern äußerst denunziatorische Verdacht, der auch von einem der Gründungsväter der Neuen Marx-Lektüre gegen Marx und Engels vorgetragen wird, läßt sich bereits bei einer nur groben Analyse der Strategie der kommunistischen Partei im gleichnamigen Manifest nicht aufrechterhalten.


Obwohl in diesem BLogbuch nicht direkt auf die Debatten über den Euro und Europa eingegangen werden wird, lassen sich aus der europäischen Revolution, als welche Marx und Engels die Revolution von 1848/49 verstanden und in der Neuen Rheinischen Zeitung den Kampf um die deutsche Republik nach französischem Vorbild mit dem Klassenkampf des Proletariats verbunden haben, gewisse Schlüsse auf die heutigen Verhältnisse in Europa ziehen. Dabei muß von vornherein klar sein, daß sich sowohl das Proletariat als auch die Weltmachtrolle Europas (in welche Richtung, sei zunächst dahingestellt) inzwischen verändert haben.


Ausarbeitungen, die sich auf der Fallhöhe des Marxschen Kapital mit der heutigen europäischen Revolution befassen, sind jenseits des üblichen Wusts an keynesianischen und vulgärökonomischen Analysen der Weltwirtschaftskrise und der Krise des Euro nicht auszumachen. Symptomatisch vielleicht, daß in diesen Analysen ‚die Politik‘ und ‚die Ökonomie‘ von einander fein säuberlich getrennt gehalten werden (im Krisen-Neusprech Der Linken wird „die Politik“ inzwischen als Synonym für die Regierung oder den Staat verwendet). Bei Marx und Engels können wir jedenfalls studieren, wie die damalige (Welt-)Wirtschaftskrise mit den Revolutionen in Europa zusammenhängt, und die sogenannte Nationale Frage nur in diesem Zusammenhang aufzufassen und zu studieren ist.


Den vollständigen Beitrag als PDF-Datei laden.

Veröffentlicht in BLogbuch | Kommentieren

Reaktionen (2012) »

Der Charakter der an dieser Stelle wiedergegebenen Feedbacks hat sich stark verändert. Im Mittelpunkt stehen seit längerem Überlegungen zum Marxschen Kapital, die mit Interessierten ausgetauscht wurden.

Es gibt auch vereinzelte Politische Statements, die einen zumeist beiläufigen Charakter tragen. Systematische Überlegungen politischer Natur haben sich ins BLogbuch verlagert.

[In eckigen Klammern: Korrekturen sinnentstellender Fehler und der Hinweis auf Kürzungen im Originaltext.]

REAKTIONEN 2012 [PDF]
ANHANG 1: Werner Imhof: Nachtrag [PDF]
ANHANG 2: Ulrich Knaudt: Sozialismus versus Marxismus [PDF]
ANHANG 3: Ulrich Knaudt: An Alle! [PDF]


Ulrich Knaudt an H.B. (04.02.2012)
Betreff: WANDERDÜNE

Lieber H.,

[…] Deine Frage zu D.[ieter] W.[olf]: Ich habe […] vorgeschlagen, auf dem übernächsten Kolloquium meine Kritik an D.W. vorzutragen. Dann kann ich auch ein wenig weiter in Richtung Arbeit, Wertgesetz bei den Klassikern ausholen.

Ein wenig tue ich das auch jetzt schon, indem ich im März auf Tschernyschewskis Kommentar zur Übersetzung von J.S. Mills Principles ins Russische eingehen werden. Eine Werttheorie, die den Wert nach dem (gesellschaftlichen) Nutzen bestimmt.[1]

Da steckt viel drin, was ich auch bei D.W. gefunden habe.

Schick mir ruhig den Harbach.[2] Mal sehen, ob ich ihn noch schaffe zu lesen.

Gruß Ulrich

[1] DEBATTE 5 Marx und Černyševskij – die revolutionäre Bewegung in Rußland und die commune rurale.
[2] Heinrich Harbach: Wirtschaft ohne Markt. Transformationsbedingungen für ein neues System der gesellschaftlichen Arbeit, Berlin 2011.


H.H. an Ulrich Knaudt (05.02.2012)
Betreff: Anfrage ‚Kaffe trinken‘: Einstellung der partei Marx Webseite

Hallo Ernst Ulrich Knaudt,

[…] deine Einwände in Richtung Koryphäen haben uns so gut gefallen, dass wir uns gerne mit dir zu einem Plausch zusammen setzen würden. Außerdem hast Du deine Seite ‚parteiMarx‘ eingestellt, was bestimmt Konsequenzen in der politischen Sichtweise für dich hat, worüber wir ebenfalls gerne mehr erfahren würden. Deine Stellungnahmen zur Oktoberrevolution fand ich hauptseitig sehr gut, konnte aber nie ausmachen, inwieweit die leninistische Methode noch aktuell für dich ist. 

Wir heißt hier W. I. und meine Wenigkeit.

beste Grüße

H. H.


Ulrich Knaudt an H.H. (02.02.2012)
Betreff: Anfrage ‚Kaffe trinken‘: Einstellung der partei Marx Webseite

Hallo Ihr, bin, obwohl unter Termindruck stehend, zu einem Plausch nicht abgeneigt […]

Die Seite pM habe ich nicht eingestellt, sondern das BLogbuch zurückgestellt, weil das Konzept überholt ist. An den REAKTIONEN könnt Ihr erkennen, daß an derselben weiter gearbeitet wird.

[…]

Wie lange sich doch solche Begriffe wie die "Hauptseite" gehalten haben…

Meine Kritik an Lenin erstreckt sich ‚hauptseitig‘ auf die Bauernfrage. (DEBATTE 4). Nicht von dieser betroffen war bisher die ‚Nationale Frage‘. Wenn man aber beides im Zusammenhang sieht, könnte sich auch das ändern ‒ allerdings dann auch nicht zugunsten von Rosa Luxemburg, Lenins Hauptgegnerin in puncto ‚Nationale Frage‘.

[…]

Viele Grüße

Ulrich Knaudt


H.H. an Ulrich Knaudt (06.02.2012)
Betreff: Anfrage ‚Kaffe trinken‘: Einstellung der partei Marx Webseite

Danke für die schnelle Antwort Ulrich Knaudt!

Wunderbar dass Du Interesse hast, mit uns zu plauschen. […] Zur Zeit beschäftigen wir uns mit dem Harbach Buch […]

Lustig, dass mir der Begriff ‚Hauptseite‘ gar nicht mehr als politisch belastet in Erinnerung ist, schon so verdammt lang her das Ganze….

Gruß H.


Ulrich Knaudt an H.H. (06.02.2012)
Betreff: Anfrage ‚Kaffe trinken‘: Einstellung der partei Marx Webseite

Hallo H.H.,

[…] Ich habe das Buch bis jetzt nur überflogen, aber dabei an dem Ansatz, soweit er mir verständlich war, einiges Grundsätzliches auszusetzen. Darüber könnten wir reden. Zu mehr reicht es bei mir, da ich mitten in der Vorbereitung zu meinem Referat stecke, erst mal nicht. […]

Ulrich Knaudt


H.H. an Ulrich Knaudt (07.02.2012)
Betreff: Anfrage ‚Kaffe trinken‘: Einstellung der partei Marx Webseite

[…] Beim buch sprichst Du uns aus der Seele. Weder stimmt die Kapitalismusanalyse (insbesondere beim Geld) noch der Zugang zum Sozialismus. Diesem nachzuweisen, dass er kein richtiger Kapitalismus war und keinerlei Versuch zu wagen, die praktischen Huerden zum richtigen oder sagen wir richtigeren Sozialismus zu analysieren, ist schon ein toller Marxismus. Auch die Anforderung an die (konkrete) Arbeit, als allgemeine von vornherein gesetzt zu sein bleibt total abstrakt, als liessen sich hier keine Bedingungen nennen, die diese Setzung notwendig voraussetzen. Hier fehlt jeder praktische Zugang (es liesse sich auch von Vorstellung sprechen) auf eine Gesellschaftlichkeit, die eine ‚Abschaffung‘ des Geldes erlauben koennte.

So weit mal meine Kurzzusammenfassung

Gruss H.


Ulrich Knaudt an H.H. (08.02.2012)
Betreff: Anfrage ‚Kaffe trinken‘: Einstellung der partei Marx Webseite

Deine Einschätzung teile ich in groben Zügen. Enthält erst mal das Wesentliche, dem ich mich anschließe. Zwei Dinge auf historischem und auf theoretischem Gebiet kämen hinzu. 

Historisch: Soweit ich mit der Lektüre gekommen bin, stellt sich unmittelbar die Frage, 1. ob der Reale Sozialismus überhaupt anders als kapitalistisch reformierbar gewesen ist, 2. ob sich, wenn er nicht anders reformierbar war, an diesen dann anders denn (sozial)’demokratisch‘ anknüpfen läßt. Ich vermute, daß nur das geht! Harbach scheint aber zu unterstellen, es ginge auch anders. Sozialistisch? Kommunistisch?

Theoretisch: Harbach macht Dieter Wolf zu seinem Cheftheoretiker und knüpft direkt an dessen KAPITAL-Analyse an. Nun gibt es einige schwerwiegende Einwände gegen diese. Meine findet Ihr auf der Home Page der Marx-Gesellschaft – und die sind bisher noch recht harmlos.[1] Wenn Harbach sich in dem Maße, wie es den Anschein hat, theoretisch auf Wolf stützt, ist sein Konzept entgegen seinem Anspruch von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Fazit: Harbachs Buch zu kritisieren, ist ein Politikum ersten Ranges. Schön, wenn es gelänge, diese Kritik im Chor oder Wechselgesang rüberzubringen.

Zu Lenin: Ich halte Lenin bei aller Kritik für unverzichtbar. Da haben wir wohl eine Differenz. So wie ich Gietingers Einschätzung nicht teile (Kronstadt) und auch nicht die von Celiga (obwohl die als zeitbedingt bis zu einem gewissen Grad verzeihlich ist).[2] Lenin war einer der letzten großen Marx-Getreuen, wenn auch verbunden mit einer Menge von Mißverständnissen. Davon habe ich einige versucht aufzuklären, worüber Ihr Euch auf meiner Home Page informiert zu haben scheint.

Also genug für einen Plausch…

Ulrich Knaudt

[1] Dieser Text in Zukunft auf dieser Web Site unter ‚Das Kapital‘: Zwischen zwei Einäugigen kann nur der Blinde König werden.
[2] Klaus Gietinger: Die Kommune von Kronstadt, Berlin 2011; Anté Ciliga: Im Land der verwirrenden Lüge, Berlin 2010 (1938; 1953).


Ulrich Knaudt an H.B. (23.03.2012)
Betreff: VERSPROCHEN

Lieber H., wie versprochen schicke ich Dir die Vorbemerkung und die Schlußfolgerungen zu meinem Vortrag. Ich habe sie stilistisch geglättet, wo es nötig war, ansonsten so belassen.[1]

In einem FAZ-Artikel wurde D.W. namentlich erwähnt. Wenn ich ihn finde, schicke ich ihn Dir. Jetzt kennen wir gemeinsam noch einen Promi.

Viele Grüße

U. [1] DEBATTE 5 Marx und Černyševskij…


H.H. an Ulrich Knaudt (28.03.2012)
Betreff: Anfrage ‚Kaffe trinken‘: Einstellung der partei Marx Webseite

Lieber Ulrich,

noch mal herzlichen Dank für den total ’netten‘ und vor allem sehr vielversprechenden Plausch gestern Nachmittag! […]


Ulrich Knaudt an H.B. (30.03.2012)
Betreff: DEBATTE 5

Lieber H., die DEBATTE 5 ist gepostet und Du kannst sie als pdf runterladen.

[…]

Noch eine Überlegung zu Harbach. D.W.[olf] hat irgendwann zu einem meiner Vorträge gemeint, es wäre sehr gut, daß sich mal jemand der Geschichte der Arbeiterbewegung (oder so ähnlich) angenommen habe… Nachdem ich eine systematische Lektüre seines [Harbachs] Buches begonnen habe, ist mir der Gedanke gekommen, daß es sich dabei um die direkte Umsetzung des Systems W.[olf] in Richtung Wissenschaftlicher Sozialismus handeln könnte, mit der der Knaudtschen Befassung mit diesem Thema, die der Theorie D.W.s letztlich zuwiderläuft, auch von dieser Seite her das Wasser abgegraben werden soll, anstatt sich offen damit auseinanderzusetzen. (Naiv betrachtet wären meine Papiere dann die Anregung dafür gewesen, sich selber, d.h. vertreten durch Harbach, der Sache anzunehmen.) Das würde bedeuten, daß er in seinem damaligen Statement stark untertrieben hat und dem Wissenschaftlichen Sozialismus im Sinne des ‚Systems W.‘ eine sehr viel größere Bedeutung bemißt als er darin zum Ausdruck brachte.

[…]

Gruß U.


H.B. an Ulrich Knaudt (30.03.2012)
Betreff: DEBATTE 5

[…]

Gegenüber Dieter [Wolf] hab ich immer und immer wieder betont, für wie wertvoll ich Deine Geschichtsforschungen halte – ‚commune rurale‘ quasi zum Prinzip, zum Forschungsprinzip generell zu erheben wäre … – und wir eigentlich dazu kommen müssten, unsere Kräfte und Fähigkeiten zu bündeln. Es sind die Widersprüche zwischen uns, die uns daran hindern. Wir müssen sie in Griff kriegen, unter uns lösen. Es muss verdammt noch mal möglich sein.

Versteh nicht ganz den Abs., was Du mit der "Knaudtschen Befassung … der Th. D.W.’s letztlich zuwiderläuft" und den folgenden Sätzen meinst. Erklär’s mit bitte noch mal.

[…]

Bis bald wieder,

H.


Ulrich Knaudt an H.B. (04.04.2012)
Betreff: NOCH MAL HARBACH

Lieber H., ich habe das dritte Mal damit begonnen, das Buch zu lesen, diesmal systematischer […]. Dadurch ist mir einiges klarer geworden. Fakt ist, daß ich das Thema der Transformation ebenso wie Harbach [1] zur Diskussion stelle, und zwar in Verbindung mit den Sassulitsch-Briefen [2] und der Dorfgemeinde, wofür ich keinerlei Urheberrechtsanspruch stelle (was lächerlich wäre). Es ging in meinem Fall jedoch nie ausschließlich um die commune rurale! Das zu meinem Hinweis auf D.W.[olf]s Gegenstrategie, die, wie ich meine, darin besteht, mit dem Harbach ein Pendant zu meinen Überlegungen zum Thema Transformation zu fördern, die ich jedoch nicht als, wie Du es nennst, D.W.s Auffassungen zur Werttheorie ergänzende "Geschichtsforschungen" bezeichnen würde.

Wenn Harbach dieses Thema seinerseits aufgreift, so ist das für die Debatte in unserer ’scientific community‘ durchaus als positiv zu bewerten. Soweit d’accord. Er scheint aber in seinem Buch das Pferd vom Schwanz aufzuzäumen, wenn er in erster Linie davon ausgeht, woran denn der Realsozialismus im Endeffekt den Bach runter gegangen sein könnte. Obwohl es sich dabei durchaus um eine legitime Frage handelt, ist es jedoch meiner Ansicht nach falsch, diese ausschließlich werttheoretisch zu behandeln, ohne von vornherein die Frage nach der Formation dieser Gesellschaft aufzuwerfen. Und das heißt, diese nicht nur nach ihrem Manko ("Dysfunktionalität" usw.), sondern nach ihrem ‚Plus‘ hin zu analysieren: zum entscheidenden ‚Plus‘ dieses Sozialismus gehört aber nun mal seine Staatssklaverei![3] Und ohne die Gesellschaftsformation zu analysieren, spielt sich die Transformation, die Harbach zu seinem Thema macht, im historisch luftleeren Raum ab. (Lenin: wir haben den zaristischen Staatsapparat nur leicht mit Sowjetöl gesalbt übernommen…! Was heißt das?)

Mit anderen Worten: Transformation ohne Revolution = Reaktion! Dieses Konzept vertraten z.B. die rechten Sozialrevolutionäre, wodurch sie zwangsläufig zur Konterrevolution, d.h. auf die Seite der Weißen gegen die Roten (im Bürgerkrieg) übergehen mußten. Der Transformation in den 20er Jahren ging zwar die Oktober-Revolution voraus. Aber als die Transformation aus bestimmten Gründen, wovon ich einige (siehe DEBATTE 3) genannt habe, gescheitert war, entstand aus deren Scheitern die Stalinsche Konterrevolution (von C. Lieber naiverweise "zweite Revolution" genannt).[4] Diese Konterrevolution wurde (so absurd es klingt), durch den Sieg der Völker der SU und der slawischen Völker Osteuropas über den deutsch-germanischen NS für eine gewisse Zeitspanne vor sich selbst gerettet. Ein Wunder, daß sie sich danach noch so lange auf den Beinen gehalten hat! (Berlin 1953, Polen, Ungarn 1956, CSSR 1968)

Also, hier wäre primär die Analyse der stalinschen und post-stalinschen Staatssklaverei angesagt, bei der es sich in erster Linie um eine Untersuchung der Gesellschaftsformation und auf dieser Grundlage um das richtige oder falsche Verständnis der politischen Ökonomie von derselben zu handeln hätte. Harbachs Vorgehensweise läuft dagegen auf die politische Ökonomie einer reformierten Staatssklaverei hinaus, weil ihn in erster Linie die immanenten Ursachen für deren „Dysfunktionalität“ interessieren und nicht die historischen Gründe für die Entstehung einer gegenüber dem Kapitalismus historisch rückschrittlichen Gesellschaft. Gorbatschow ist damit politisch gescheitert. Harbach wird es nicht besser ergehen.

Seine politische Ökonomie erinnert doch sehr an die vergeblichen Versuche jener Sowjetökonomen, die das System der sozialistischen Staatssklaverei, ähnlich wie die bürgerlichen Ökonomen die kapitalistische Produktionsweise, versucht haben "marxistisch-leninistisch" gesundzubeten.

Wie das mit dem System der Wolfschen Werttheorie zusammenhängt, kann ich erst endgültig sagen, wenn ich den Harbach ganz zu Ende studiert habe. Das Wolfsche System bietet auf jeden Fall beste Voraussetzungen für eine reformierte und theoretisch verbesserte politische Ökonomie der sozialistischen Staatssklaverei, wie sie heute noch in China vorherrscht. Die westlichen Ökonomen haben dazu in der Vergangenheit, wie sich historisch beobachten läßt, jeweils ein entsprechendes theoretisches Pendant hervorgebracht: in den 30er Jahren den Keynesianismus, heute wird wahrscheinlich (beginnend mit der ‚Abwrackprämie‘) eine modernisierte Form des ‚Staatsmonopolistischen Kapitalismus‘ diese Rolle spielen. Letzterer ist in seinen bisherigen Ausprägungen leider ein wenig in Vergessenheit geraten. Das sollten wir schleunigst ändern.

Gruß U.

[1] Siehe REAKTIONEN 04.02.2012.
[2] Karl Marx: [Entwürfe einer Antwort auf den V.I. Sassulitsch] MEW 19 (384-406).
[3] Harbach: Wirtschaft ohne Macht…, 13: »Im Realsozialismus ist es bis zu seinem Zerfall nicht gelungen, die Wert- und Warenformen in das ökonomische System funktionsfähig einzugliedern. Um in einem neuen Transformationsprozeß die Funktionen dieser sachlich-gegenständlichen Gesellschaftsformen sachlich richtiger einordnen zu können, müßten die Deformationen und Dysfunktionen, die sich im realsozialistischen Reproduktionsprozeß aus der unzulänglichen und unbeholfenen Einbeziehung der Wert- und Warenformen ergaben, herausgeschält werden.«
[4] DEBATTE 3 NACHTRAG, 3 Fn. 7.


Ulrich Knaudt an H.H. (22.04.2012)
Betreff: WIE WEITER?

Lieber H.,

[…] Wenn ich von Euren Texten ausgehe […] habe ich den Eindruck, daß diese bei mir offene Türen einrennen, ich aber nicht weiß, zu welchem Projekt ich sie in Beziehung setzen soll? […] Wir haben viele schöne Baupläne, nur mit dem Grundstückskauf und der Finanzierung des Bauprojekts hapert es noch…

Ohne Verbindung zu einem entsprechenden Bauprojekt bleiben Eure Texte eigenartig abstrakt, nicht etwa, was den Inhalt betrifft oder weil ich dagegen inhaltliche Einwände hätte (selbstverständlich gibt es diesen oder jenen), sondern weil ich überhaupt nicht weiß, wo ich diese politisch hinstecken soll! Dies ist eine Kritik vor aller Kritik, aber nicht eine Kritik a priori.

Da ich auf der anderen Seite nicht zum Nihilismus neige, mache ich in dieser verfahrenen Situation den Versuch, ein vielleicht geeignetes Projekt vorzuschlagen.

Ich bin bei meiner Lektüre von Harbach zu folgender Überlegung gekommen. Die Tatsache, daß er sich überhaupt, wenn auch ausschließlich werttheoretisch, mit der politischen Ökonomie des Realen Sozialismus befaßt, werte ich inzwischen […] als Positivum. Die Kritiken der früheren westdeutschen Werttheoretiker haben an der Grenze zum Realen Sozialismus einfach kritisch halt gemacht und hätten Harbachs Kritik gewiß als Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines ‚Bruderstaats‘ o.ä. und als ‚Antikommunismus‘ zurückgewiesen oder ignoriert. Ob das an dem akademischen Charakter der westdeutschen Werttheorie gelegen hat, ist dagegen zweitrangig.

Als Pendant zu Harbachs gelungenem, oder wahrscheinlich nicht gelungenem Nachweis, daß und warum dieser Sozialismus nicht hat funktionieren können, halte ich unsererseits eine Kritik an der allein auf Westdeutschland bezogenen und bis zur Wiedervereinigung gültigen Stamokap-Theorie für notwendig und erforderlich, gegen die der (auch werttheoretische) Nachweis zu führen wäre, daß und warum ihre Verwirklichung nicht nur nicht zum Sozialismus, sondern zu einer bestimmten Form der bürgerlichen Gesellschaft führen wird, in der zwar einzelne Ausformungen des Kapitalismus eingeschränkt oder sogar beseitigt werden, der Kapitalismus selbst aber etwa, wie das Beispiel Chinas zeigt, weiterexistieren wird. Analog zu Harbach mit dem Realen Sozialismus sind wir mit dem Stamokap politisch aufgewachsen und sehen bestimmte Dinge darin wahrscheinlich mit unseren besonderen, westdeutschen Augen.

Wenn wir von unserem ge- und erlebten westdeutschen Standpunkt aus als Pendant zur Kritik am Realen Sozialismus der DDR einen Gleichstand durch einen solchen verspäteten Beitrag des westdeutschen Kommunismus an der Stamokap-Theorie beizusteuern versuchten, erhielte unsere mögliche Kritik an Harbach eine andere Wendung oder Färbung oder wie man das auch immer bezeichnen mag. Das wäre wichtig, damit diese nicht mit dem Argument, es handele sich bei der unsrigen um eine bürgerliche Kritik am Realen Sozialismus, abgebügelt werden kann. Je eindeutiger und radikaler unsere Kritik am Stamokap ausfällt, desto klarer wird sich diese Kritik an Harbachs vergeblichem Versuch, den Realen Sozialismus nachträglich als reformierbar darzustellen, herauskristallisieren.

Und die politische Pointe wäre, daß sich die westdeutsche Bourgeoisie seit Schröder in einem Maße dem Stamokap zugewandt hat, je virulenter sich die Folgen der Weltwirtschaftskrise bemerkbar gemacht haben, so daß von heute aus betrachtet die Wiedervereinigung zu einer Vereinigung des Realen Sozialismus mit dem Stamokap zu werden droht.

Was hältst Du davon?

[…]

Viele Grüße

Ulrich


H.B. an Ulrich Knaudt (22.07.2012)
Betreff: http://www.zeit.de/2012/24/Laudatio-Goetz-Aly/komplettansicht?print=true

Schau mal rein, wirklich lesenswert, lieber Ulrich – hat auch was mit Horst Müller’s "Sozialkapitalismus" zu tun.


Ulrich Knaudt an H.H.(07.05.2012)
Betreff: BEMERKUNGEN

Lieber H., dieser Text [1] sollte schon längst fertig sein… Das ganze zog sich aber leider hin, so daß wir darüber wohl nicht werden diskutieren können. Egal, es gibt ja noch andere Punkte, die sicher spannend sein werden.

Ulrich

[1] REAKTIONEN 2012 ANHANG 2.


W.I. an Ulrich Knaudt (07.05.2012)
Betreff: BEMERKUNGEN

Hallo Ulrich,

ich bitte Dich, meine kurze Kritik an D[ieter]W[olf]s Wertbegriff noch einmal gründlich zu lesen.[1] Deine Bemerkungen sind voll von Mißverständnissen, die großenteils auf schlampige Lektüre zurückzuführen sind. Z. B. schreibe ich, daß DWs Feststellung (…) "nicht mehr als eine Tautologie" ist. Du läßt das "nicht" weg und wunderst Dich, daß ich das "mehr als eine Tautologie" nicht näher begründe… Oder: Ich bezeichne als Mangel des ak.[ademischen] M.[arxismus], daß er die Kategorien der b[ür]g[]er]l[ichen] Ökonomie nur in der Form des Objekts betrachtet, nicht auch subjektiv, als gesellschaftliche Praxis (übrigens eine Anleihe bei den Feuerbach-Thesen) – und meine mit der Form des Objekts natürlich die ök[onomischen] Kategorien. Du machst daraus den ak. Marxismus selbst, als könne er "in der Form des Objekts" irgendetwas betrachten – das ist doch Nonsens. Auf solch schludrigem Interpretationsniveau läßt sich nicht sinnvoll diskutieren.

Gruß W.

[1] REAKTIONEN 2012 ANHANG 1.


Ulrich Knaudt an W.I. (07.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIE

Hallo W., ich entschuldige mich für meinen Lesefehler und stelle gleichzeitig fest, daß ich mir selbst die Sache durch das fehlende "nicht" zusätzlich schwer gemacht habe, die sich mit demselben viel einfacher dargestellt hätte. Denn am Inhalt meiner Kritik an D.W., nämlich daß er den Unterschied zwischen der allgemeinen und der abstrakten Eigenschaft der menschlichen Arbeit einfach unter den Tisch fallen läßt, ändert das fehlende "nicht" nichts. Ebenso wenig an meiner Kritik daran, daß Du der Unterschlagung dieser Differenz durch D.W. keine besondere Bedeutung beizumessen scheinst, die jedenfalls über die lapidare Erklärung hinausginge, daß es sich bei der allgemeinen Eigenschaft usw. um "nicht mehr als um eine Tautologie" handle. Daß ich darin anderer Meinung bin, wird in der zweiten Hälfte desselben Absatzes erklärt.

Deine Erwiderung auf meine Kritik am akademischen Marxismus unterliegt nun Deinerseits einem Mißverständnis: Denn gerade weil dieser, wie es in Deinem Papier heißt, die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie unter der Form des Objekts betrachtet, kann er im Prinzip unter seinen bürgerlichen Voraussetzungen keine gesellschaftliche Praxis entwickeln, die die Grenzen der bürgerlichen Ökonomie überschreitet, da das "Ändern der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung … nur als r e v o l u t i o n ä r e Praxis gefaßt und rationell verstanden werden" kann (3. Feuerbachthese).[1] Wenn das unter "subjektiv" verstanden wird, wären wir uns einig. Erschwert wird unser Einverständnis allerdings durch das von Dir verwendete "Ebene"n-Schema, hinter dem sich häufig nur schlichtester Empirismus verbirgt.

Du siehst, Mißverständnisse lassen sich abgleichen, Differenzen nicht. Über die müssen wir uns, was zur Natur der Sache gehört, streiten. Auf sinnvolle Weise, solange wir der Überzeugung sind, in die gleiche Richtung zu marschieren.

[…]

Ulrich

[1] Karl Marx: [Thesen über Feuerbach] MEW 3 (5-7).


H.H. an Ulrich Knaudt (08.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIE

Wird – wenn Du glaubst, Ulrich – nicht mehr in der gleichen Richtung zu marschieren, eine nichtsinnvolle Streitführung möglich bzw. sinnvoll? Deine Zeilen suggerieren hier ein eindeutiges Ja! Ich weiß allerdings nicht so richtig was das soll, allerdings merkt man schon, wie schnell allein dein Vorbehalt "gleiche Richtung" sich im Nebel deiner revollutionaristischen Vorstellungen in die bekannte feindliche Richtung wandeln kann. Aus einem Begriff, gebraucht in einem kurzen Problemaufriss, machst Du gleich ein Schema und verknüpfst damit die wildesten Mutmaßungen. Dein Vorwurf der "schlichtesten Empirie" bewegt sich in ziemlicher Ahnungslosigkeit von der Existenz seines Gegenparts, der schlichten Unkenntnis der Empirie.

Den Streit zu führen um die einzig wahre revolutionäre Vorstellung ideologisiert von vornherein den Streit um richtig und falsch durch eine völlig falsche moralische Zuspitzung. Aus meiner Sicht basieren diese Vorstellungen letztlich auf idealistischen Erkenntnisvorstellungen. Für die Erkenntnis des richtigen ist der Weg über das Falsche, über den Irrtum wohl eher der Normalweg. Die moralische Abwertung des Falschen führt zu einem (ich sag mal) göttlichen Erkenntnisweg, der uns schnöden Menschen aber leider keine wirklich realistische Praxis ist.

In Bezug auf Wolf habe ich den Eindruck, dass Du ihm nicht seinen Irrtum nachweisen (und erklären) willst, sondern dein Anliegen ist mehr, ihn als falschen Revolutionär zu diskreditieren…

Für dieses Anliegen stehe ich prinzipiell nicht zur Verfügung, weil ich dafür als Basis ein ganz schnödes bürgerliches Konkurrenzdenken ausmache – übrigens kein unwichtiges Denken und Verhalten der grandios gescheiterten ‚kommunistischen‘ Bewegung und von allen anderen Inhalten abgesehen für sich schon ganz unrevolutionär…

besten Gruß

H.


W.I. an Ulrich Knaudt (08.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIE

Am 07.05.2012 schrieb Ulrich Knaudt:

Hallo W., ich entschuldige mich für meinen Lesefehler und stelle gleichzeitig fest, daß ich mir selbst die Sache durch das fehlende "nicht" zusätzlich schwer gemacht habe, die sich mit demselben viel einfacher dargestellt hätte. Denn am Inhalt meiner Kritik an D.W., nämlich daß er den Unterschied zwischen der allgemeinen und der abstrakten Eigenschaft der menschlichen Arbeit einfach unter den Tisch fallen läßt, ändert das fehlende "nicht" nichts. Ebenso wenig an meiner Kritik daran, daß Du der Unterschlagung dieser Differenz durch D.W. keine besondere Bedeutung beizumessen scheinst, die jedenfalls über die lapidare Erklärung hinausginge, daß es sich bei der allgemeinen Eigenschaft usw. um "nicht mehr als um eine Tautologie" handle. Daß ich darin anderer Meinung bin, wird in der zweiten Hälfte desselben Absatzes erklärt.

Hallo Ulrich, DWs Gleichsetzung von abstrakter Arbeit mit der "allgemeinen Eigenschaft" menschlicher Arbeit ist doch gerade Gegenstand meiner Kritik. Nochmal der Reihe nach. 1. Daß jede konkrete Arbeit die allgemeine Eigenschaft menschlicher Arbeit besitzt, ist eine Tautologie. Ich kann ihr zuschauen und ihr ansehen, daß sie Äußerung menschlicher (und nicht tierischer oder maschineller) Arbeitskraft ist. 2. DW meint jedoch gar keine sinnlich faßbare Eigenschaft – eine Eigenschaft aber, die nicht in Erscheinung tritt, sondern nur in seinem Kopf "faßbar" ist, ist ein Hirngespinst, das außerhalb seines Kopfes keine "Existenz" besitzt und nicht die geringste Macht hat über die äußere Darstellung(sweise) verbrauchter Arbeitszeit. 3. Die abstrakte Arbeit dagegen "existiert" überhaupt nur in der Wertform der Waren, also in der Darstellung ihres Austauschverhältnisses mit anderen Waren, heutzutage also in der Geldform, dem Preis, und in der entsprechenden Geldsumme, gegen die sich die Waren tauschen. D.h. sie existiert nicht auf der "Ebene" der Arbeit selbst, im Produktionsprozeß, wo DW sie verortet. Nur in der Geldform und im Geld selbst (und das Geld ist nur das entwickelte "Dasein" des Werts, die entwickelte Darstellungsform gesellschaftlicher Arbeit als allgemeiner und gleicher) wird von allen Unterschieden und Besonderheiten der Arbeiten abstrahiert und die Abstraktion zugleich quantifiziert. 4. Mit der Aufhebung der W[aren]P[roduktion] entfällt auch die gesellschaftliche Manier, konkrete Arbeit als abstrakte darzustellen. Bei DW hört sie auf, herrschende Form zu sein, bleibt aber als allgemeine Eigenschaft erhalten. Was das praktisch bedeutet, kann man wahrscheinlich an Harbachs Konzept nachvollziehen.

Deine Erwiderung auf meine Kritik am akademischen Marxismus unterliegt nun Deinerseits einem Mißverständnis: Denn gerade weil dieser, wie es in Deinem Papier heißt, die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie unter der Form des Objekts betrachtet, kann er im Prinzip unter seinen bürgerlichen Voraussetzungen keine gesellschaftliche Praxis entwickeln, die die Grenzen der bürgerlichen Ökonomie überschreitet, da das "Ändern der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung … nur als r e v o l u t i o n ä r e Praxis gefaßt und rationell verstanden werden" kann (3. Feuerbachthese). Wenn das unter "subjektiv" verstanden wird, wären wir uns einig. Erschwert wird unser Einverständnis allerdings durch das von Dir verwendete "Ebene"n-Schema, hinter dem sich häufig nur schlichtester Empirismus verbirgt.

Ok, hier habe ich oberflächlich gelesen. Soweit d’accords.

Du siehst, Mißverständnisse lassen sich abgleichen, Differenzen nicht. Über die müssen wir uns, was zur Natur der Sache gehört, streiten. Auf sinnvolle Weise, solange wir der Überzeugung sind, in die gleiche Richtung zu marschieren.

Über die Richtung hat Hubert gerade das Passende geschrieben. Ich will es etwas konkretisieren: Der "wissenschaftliche Sozialismus", verstanden als theoretische Anleitung des kämpfenden und malochenden Proletariats, ist für mich keine Richtung (mehr), in die ich auch nur einen einzigen Schritt machen würde. Die revolutionäre Praxis, die die kapitalistische Produktionsweise aufheben würde/könnte, bedarf keiner Wissenschaft, keiner separaten Theorie und organisierten Intelligenz, sondern nur der klaren und einfachen Vorstellung selbstbewußter und verantwortungsvoller nützlicher Arbeit für andere als anerkanntes Grundprinzip der gesellschaftlichen Produktion.

[…] W.


Ulrich Knaudt an H.H. (08.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIE

Lieber H., selbstverständlich werfe ich nicht gleich das Handtuch, weil wir uns über die Richtung, in der sich unser Streit bewegt, bzw. nicht bewegen sollte, nicht im Klaren sind. Es wäre in der Tat Idealismus anzunehmen, daß diese Klarheit a priori feststeht. Ansonsten bist Du nicht der Erste, der mir deshalb Idealismus vorwirft. Nachzulesen auf meiner Web Site unter REAKTIONEN.[1] Hier gibt es wirklich elementare Mißverständnisse, über die wir uns nicht mit einem Mal verständigen werden. Was wir machen, ist eine […] Diskussion zu vertiefen, um was daraus zu lernen. Und dabei sollten wir bleiben. Das bedeutet aber nicht, daß diese in einem politisch luftleeren Raum stattfindet. 

[…] Ulrich

[1] Siehe KRITIK 1 Zur Kritik am Projekt partei Marx, 48 (Exkurs).


Ulrich Knaudt an H.B. (08.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIEN

Lieber H., ich wollte Dir kurz berichten, daß unsere kleine ‚Konferenz‘ (wie es scheint) für alle Beteiligten zufriedenstellend abgelaufen ist, jedenfalls friedfertiger als die Mails, die ich Dir gleich weiterschicken werde, vermuten lassen. Wir wollen uns das nächste Mal über "Wissenschaftlicher Sozialismus oder…" näher unterhalten.[1] Mein StamoKap-Vorschlag [2] ist auf keine Gegenliebe getroffen. Man sollte auch nicht zu viele Baustellen eröffnen, für die dann die Kapazität nicht reicht. Ich werde ihn auf jeden Fall nicht aus den Augen verlieren. Wir haben auf jeden Fall einige Traumata und Mißverständnisse abbauen können.

Ich hoffe, Du kommst […]mit Deiner Arbeit voran und verbleibe mit herzlichen Grüßen

U.

[1] Siehe ANHANG 2.
[2] Siehe Ulrich Knaudt an H.H. (22.04.2012).


H.H. an Ulrich Knaudt (10.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIE

Da die Klarheit der Kritik an Wolf, wie sie in deinem Zitat Ulrich, zum Ausdruck kam, aus meiner Sicht nicht aufrechtzuerhalten ist, muss ich doch eine Nachfrage bzw. Klarstellung loswerden:

selbstverständlich werfe ich nicht gleich das Handtuch, weil wir uns über die Richtung, in der sich unser Streit bewegt, bzw. nicht bewegen sollte, nicht im Klaren sind. Es wäre in der Tat Idealismus anzunehmen, daß diese Klarheit a priori feststeht. Ansonsten bist Du nicht der Erste, der mir deshalb Idealismus vorwirft.

Mein Idealismusvorwurf hat mit deinen Ausführungen hier nicht viel gemein. Mir ging es allein um deinen – aus meiner Sicht – seltsamen Umgang mit Richtig und Falsch, weil Du ein weiteres Kriterium einführst ("revolutionär") und damit eine erkenntnistheoretisch völlig falsche Verunglimpfung des Falschen verknüpfst, obwohl dieses Falsche nur zu oft die Voraussetzung des Richtigen im Erkenntnisprozess ist. Im übrigen vermisse ich an deinem Gebrauch des Begriffs "revolutionär" das Gespür für ‚unsere‘ spezifisch historische Situation, die v. a. geprägt ist von dem gesellschaftlichen Desaster, das ‚unsere‘ vermeintlich kommunistische und auch nur vermeintlich revolutionäre Bewegung hier angerichtet hat.

In das Wolf Zitat schiebst Du in der eckigen Klammer einen Halbsatz ein, der die Wolfsche Aussage mehr verfälscht als erhellt, weil Du übersiehst, dass seine weitergehende Erklärung auf der Seite zuvor steht, die deinen eingeschobenen Satz als völlige Fehlinterpretation dastehen lässt:

Vgl. D.W.: Qualität und Quantität des Werts…, 111: Der Wert, der den verschiedenen einzelnen Arbeitsprodukten den Charakter von Waren verleiht, [und nicht etwa umgekehrt: daß ihr Warencharakter den Arbeitsprodukten Wert verleiht] ist diese abstrakte Gegenständlichkeit, die durch das gesellschaftliche Aufeinanderbezogensein der Arbeitsprodukte als Arbeitsprodukte schlechthin eine gesellschaftlich bestimmte Gegenständlichkeit ist, [NB diese Tautologie!] die nur metaphorisch [!] mit »Gallerte«, »Kristall« usf. umschrieben werden kann.[1]

Bei Wolf heißt es unmittelbar vor der von dir zitierten Textstelle

Die so charakterisierte abstrakt allgemeine Eigenschaft wird nicht, was eine irrational mystische Vorstellung ist, durch irgendeine Arbeit geschaffen; sie wird als unsinnliche allgemeine Eigenschaft der Produkte einer jeden konkret nützlichen Arbeit, erst in und durch den Austausch von aus Arbeitsprodukten bestehenden Gegenständen zur gesellschaftlichen Gegenständlichkeit, zu Wert (S. 110).[2]

Liest man hier "Wert" als das vorauszusetzende, spezifische gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten, kann ich da nichts falsches erkennen, worüber eine Polemik lohnte. Im Gegenteil: Wolf setzt sich hier mit seinen Ausführungen zur "Arbeit" z. B. sehr deutlich von den haar[s]träubenden Interpretationen der Krisis bzw. Exit Leuten ab, die die abstrakte Arbeit wirklich mystifizieren und zum Schlüssel einer Art Geheimwissenschaft machen.

Allerdings würde ich aufgrund deiner Interpretation hier nun genauer wissen wollen, was Du meinst, wenn Du ihm vorwirfst

daß D.W. unter Ausschaltung des Fetisch-Kapitels (es existiert für ihn einfach nicht!) von den Arbeitsprodukten (deren Warencharakter für ihn ebenfalls nicht existiert) sehr schnell, d.h. ganz im Sinne einer ‚monetären Werttheorie‘, beim Geld ankommt.[3]

Insbesondere sein Nichtinteresse am Warencharakter der Arbeitsprodukte finde ich erklärungsbedürftig. Wie meinst oder begründest Du das?

besten Gruß
H.

[1] ANHANG 2, 5.
[2] ANHANG 2, Fn. 6.
[3] ANHANG 2, 4.


H.B. an Ulrich Knaudt (10.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIEN

Danke,

lieber Ulrich, für die Information.

Freut mich, dass […] mit einer Verständigung es also voran ging.

Paar Kurzbemerkungen:

1.) s. u., Dein Mail: gerade unter D e i n e r p o l i t i s c h e n Diktion sollte wir an Deinem Vorhaben, Analyse des BRD-Imperialismus/StamoKap, festhalten – würde sich sicherlich deutlich abheben von Heiners Ost-Kapitalismus-Analyse insofern – […] – insbesondere das wesentlich Gemeinsame beider dargestellt sein müsste.

Ich halt’s für eminent wichtig – schon g e s c h i c h t s bedingt, an den geschichtlichen Weichenstellungen, muss man da, D u da unbedingt weiter dranbleiben (bisschen was kann ich ja auch dazu beizutragen; unsere begonnenen Diskussionen müssen wir weiterführen bzw. schon auch mal den Konsens in grundlegenden Positionen z. B. u.a. zweiter Weltkrieg festhalten, um darauf weiter zu arbeiten).

2.) zum Mail von W.[I.] an Dich 7.5.: richtig: "dass er die Kategorien der b[ür]g[er]l.[ichen] Ökonomie nur in der Form des Objekts betrachtet, nicht auch subjektiv, als ges.[ellschaftliche] Praxis" – ja, aber die Form des Objekts, "Ware", bestimmt doch das Subjekt, die Subjektivität des Subjekts – Marx: Randglossen Wagner[1]: bei mir ist das Subjekt die "W a r e"! – Insofern ist es eben nicht falsch, die b ü r g e r l i c h e Ökonomie "unter der Form des Objekts" zu betrachten – kann sie denn als solche anders überhaupt betrachtet werden? Sie erfasst eben nicht den "wirklichen Gegensatz" (vgl. Kritik d. H.[egelschen] St[aats]R.[echts], [MEW 1 (203-333)] S. 293) der Subjekte, der Subjekteinheiten in ihre[m] Widerspruch an sich und durch sich selber; […].

3. zum Mail Ulrich an W.[I.], 7.5.: "wenn das unter ’subjektiv‘ verstanden wird" – ein Problem auch zwischen uns, nicht anders versteh’s auch ich, ‚immer schon‘, darunter – "wären" auch "wir uns einig", zumindest insoweit.

4.) zu Mail von H.[H.] v. 8.5.: ich denke, wir müssen generell vorsichtig sein wie H. richtig sagt mit den "revolutionistischen Vorstellungen … feindliche Richtung… wildesten Mutmaßungen… göttlicher Erkenntnis …". Wir reproduzieren damit, wie ich schon zig mal feststellte, schlicht "bürgerliches Konkurrenz-Denken", Klassenfeind-Haltungen unter uns selber – ver-rückt!

5.) zum Mail von W.[I.] an Ulrich, 8.5., 10,27:

…der Reihe nach.

Zu "1. Dass jede konkrete Arbeit…, ist eine Tautologie… zuschauen … ansehen.." Nein, es ist eine A b s t r a k t i o n als Gemeinsames von den verschiedensten "konkreten", allerdings eine von Sinnlich-Wahrnehmbarem, als einem Gemeinsamen von unterschiedlich Vielem; Marx geht in der Kritik im St[aats]R.[echt] auf die Hegelsche sog. "empirische Allgemeinheit" ein und wie dieser damit umgeht, so dass sich eben die Analogien zwischen dessen "abs. Geist" und Wert / Kapitallogik ergeben; nicht unwesentlich dabei auch der Hinweis auf die Abgrenzung von "tierischer oder maschineller" Arbeit – wichtig bei "Wesens"-Bestimmungen (vgl. Abgrenzungs-Thema v. "genetivus objectivus versus gen. subjectivus, in Zusammenhang mit Marx‘ zig-facher Kritik am berühmt-berüchtigten "Quid pro quo" – s. meine Kritik an Dieters Marx-Interpretation zum Thema "Gattung" […]); warum aber trotzdem der "Tautologie"-Vorwurf nicht unberechtigt – ich sitz da drüber.

Zu "2. D.W. meint…."; wenn "Existenz", "Hirngespinst" nirgends außer i m Kopf, dann ist’s die Folge von V e r h a l t e n der Subjekte a u f g r u n d von Warentausch und hat somit, verhaltensbedingt, gerade d a d u r c h, v e r h ä l t n i s begründend, "Macht", Macht ü b e r sie, und insofern und insoweit eben auch bestimmten, spezifischen Bezug auf "verbrauchte Arbeitszeit" – implizit der Differenz zwischen Produktion von Produkt (Wert/Preis des Produkts) und Produktion der Arbeitskraft (T[ausch]W[ert]/Preis/Lohn d. Arbeitskraft).

Zu "3. Die abstrakte Arbeit existiert ….." – richtig.

Zu "4. Mit der Aufhebung….." – richtig. "Bei D.W. hört sie auf, herrschende Form …"; richtig, insofern er unterscheidet zwischen der "gewöhnlichen" und der "außergewöhnlichen" (W.: "herrschenden"), s. D.W.[olf] in "Der dialektische Wi[derspruch] i.[m] K.[apital]" – sitz drüber.

Letzter Absatz von Dir zu "wissenschaftlicher Soz.", "bedarf keiner Wissenschaft mehr" – da wär ich mir nicht so sicher, vgl. Marx, EB 1, [Pariser] Manuskripte, wo er mal sagt, dass dann einmal Gesellschafts-/Geistes-Wissenschaft in der "Wissenschaft" von der "Natur" aufgeht, vom Menschen als einem Wesen derselben.

Zu: "Am 8.5.2012 schrieb H. H."

"… in Bezug auf Wolf habe ich den Eindruck … seinen Irrtum (!) nicht nachweist (erklärst).."; diese Kritik an Dir teile ich s o nicht, aber zu Recht weist H. darauf hin – bewusst machen wir unsere "Irrtümer" ja wohl nie – sonst wärn‘s ja keine – dass es doch gerade darauf ankommt; ich sitz drüber, versuch’s zumindest "zu erklären", "nachzuweisen", differenziert entsprechend Dieters akribischer Differenzierungen – ist verdammt mühsam.

Lass / lasst mich so wenn auch begrenzt weiter an Eurer Disk. teilhaben.

Bis bald also wieder, herzliche Grüße, […]

H.

PS: Das besondere, auszeichnende an Dieter ist, was sein[e] theoretische Stärke, Konsequenz ausmacht, ist, dass er die Marxschen Widerspruchsbestimmungen des "frühen" insbesondere im St[aats]R.[echt] und insbesondere auf den S. 292 ff. an den Kategorien der politischen Ökonomie in einer Genauigkeit (und mit entsprechenden Kritiken an bekannten Marx-Interpreten (u. a. Helmut R.[eichelt], Göhler, Colletti) abarbeitet, wie’s wohl sonst nirgends so zu finden ist, und ich denke, dass – bei aller Wertschätzung seiner Arbeiten – gerade hierin der Hund, sein "Irrtum" begraben liegt (wenn ich mich nicht selber irre, was ich nicht glaube, weil ich ihn, denk ich, verstehe, ihn mir "erklären" kann) – entsprechend möchte ich Dieter gerecht werden (und wenn ich denn da wirklich nicht richtig liege, dann wird ich mir jedenfalls selber klarer geworden sein). ‚Schaun ma moi" sagt der Beckenbauer – […]

H. [1] Karl Marx: [Randglossen zu Adolph Wagners „Lehrbuch der politischen Ökonomie“] MEW 19 (355-383).


W.I. an H.H. und Ulrich Knaudt (10.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIE

Hallo H., hallo Ulrich,

ich kann Euch beiden nicht folgen. Noch einmal beide Wolf-Zitate:

Vgl. D.W.: Qualität und Quantität des Werts…, 111: Der Wert, der den verschiedenen einzelnen Arbeitsprodukten den Charakter von Waren verleiht, [und nicht etwa umgekehrt: daß ihr Warencharakter den Arbeitsprodukten Wert verleiht] ist diese abstrakte Gegenständlichkeit, die durch das gesellschaftliche Aufeinanderbezogensein der Arbeitsprodukte als Arbeitsprodukte schlechthin eine gesellschaftlich bestimmte Gegenständlichkeit ist, [NB diese Tautologie!] die nur metaphorisch [!] mit »Gallerte«, »Kristall« usf. umschrieben werden kann. Die so charakterisierte abstrakt allgemeine Eigenschaft wird nicht, was eine irrational mystische Vorstellung ist, durch irgendeine Arbeit geschaffen; sie wird als unsinnliche allgemeine Eigenschaft der Produkte einer jeden konkret nützlichen Arbeit, erst in und durch den Austausch von aus Arbeitsprodukten bestehenden Gegenständen zur gesellschaftlichen Gegenständlichkeit, zu Wert (S. 110).[1]

Eine abstrakt allgemeine Eigenschaft, die nirgendwo in Erscheinung tritt, ist ein Schmarren, ein reines Gedankenkonstrukt. Dieses Hirngespinst soll sich durch den Austausch und nicht durch irgendeine Arbeit in eine abstrakte Gegenständlichkeit verwandeln, die ebenfalls nicht in Erscheinung tritt – ein noch größerer Schmarren, ein begriffliches Unding. Es wird nicht sinnvoller dadurch, daß ich den "Wert" als das vorauszusetzende, spezifisch gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten lese. Denn woher weiß ich (bei D.W. oder mit ihm) von diesem Verhältnis? Worin besteht es? Wieso kann man es voraussetzen, wenn es erst im Austausch entsteht? Wieso kann ein Verhältnis zwischen Menschen eine abstrakte Gegenständlichkeit sein, das nirgendwo sinnlich faßbar ist? Fragen über Fragen. D.W. selbst ist es, der mit irrational mystischen Begrifflichkeiten hantiert, weil er – nicht von der wirklichen Erscheinungsform ausgeht, der Wertform der Ware. Und deren entwickelte Gestalt, mit der wir es heute zu tun haben, ist die Geldform, der Preis.

Zu sagen, daß der Warencharakter der Produkte ihnen Wert verleiht, ist nicht viel besser als die umgekehrte Formulierung von DW. Denn woran mache ich den Warencharakter fest? An der Form, in der das Produkt als Ware erscheint. Und das ist ihr Preis. Es ist aber offensichtlich Unsinn, sagen zu wollen, daß der Preis der Produkte ihnen Wert verleiht. Was aber soll gesagt werden? Woher soll der Wert denn nun kommen, und was soll er sein?

Auch Du, Ulrich, gehst nicht von der Erscheinungsform aus und verwechselst deshalb öfter die Ebene der objektiven Erscheinung (und des darin Erscheinenden) mit der der subjektiven Reflexion oder Interpretation dieser Erscheinung. Du stimmst zu, wenn ich sage, der Wert ist … bloße Darstellung verbrauchter Arbeitszeit im Medium der Geldware bzw. ihrer Stellvertreter. Und dann raufst Du Dir die Haare, wenn ich sage, daß nur der Preis, also eben die Darstellung verbrauchter A[rbeits]z[eit] im Medium der Geldware, die konkreten Arbeiten als gleiche quantifiziert, nicht aber D.W.s Hirngespinst, der Begriff der abstrakt allgemeinen Eigenschaft usw. in seinem Kopf. Doch sagst Du, genau das tut er. Nein, er tut es nicht, weil er es nicht kann. Er kann eine Begrifflichkeit konstruieren, die diese Abstraktionsleistung scheinbar simuliert, aber kann sie sich nicht einmal vorstellen! Mach mal die Probe aufs Exempel und stelle Dir verschiedene konkrete Arbeiten in actu vor. Es ist kein Kunststück zu sagen, sie sind alle darin gleich, daß sie menschliche Arbeiten sind. Aber es wäre ein Wunder, wenn Dir damit gelänge, die verschieden konkreten, verschieden komplizierten und verschieden intensiven Arbeiten als eine bestimmte Quantität absolut gleicher Qualität vorzustellen, sie auch nur logisch zu bestimmen. Es geht nicht, in den Preisen aber passiert genau das als Darstellung. D.W. versucht, sich einen Begriff zu machen über die Gesellschaft außerhalb seines Kopfes. Aber er entwickelt den Begriff nicht aus den Erscheinungen, die die Menschen im gesellschaftlichen Verkehr produzieren, indem sie ihren Produkten Preise anhängen und sie gegen Geld tauschen. Er entwickelt den Begriff aus seinem Kopf bzw. aus Gedanken über "die Arbeit", allgemeine Eigenschaften usw., und dieser Begriff bleibt daher inkonsistent, kann weder Wertsubstanz erklären, verwandelte Form verbrauchter Gesamtarbeit, noch Wertgrößen, notwendige Anteile daran (notwendig auch nur in W[aren]P[roduzierenden]-Gesellschaft, nicht überhaupt). Und er kann den Fetischcharakter der Ware nicht begreifen. Denn worin besteht der? Eben in ihrem Wert. Verbrauchte Arbeitszeit wird dargestellt, als wäre sie in bestimmten Portionen vorhandene Substanz, versteckt in den Produkten. Daher die ganze Metaphorik bei Marx. Und für D.W. existiert der Wert tatsächlich, in den Waren. Er betreibt Metaphysik und erklärt die Metaphorik aus der Abstraktheit der Realie Wert, nicht aus seinem Fetischcharakter. Und Du? Du sagst, der Fetisch sei eine reale Fiktion. Ja, aber worin besteht denn nun der Fetisch? Was an ihm ist Fiktion? Und was Realität? Da mußt Du schon etwas präziser werden und Dich entscheiden.

Gruß W.

[1] ANHANG 2, 5.


H.H. an W.I. Kopie an U.K (12.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIE

Na, da bin ich ja mal auf die Endfassung deines Papiers gespannt, W.

Hier scheinen ja doch einige Neuheiten zu kommen, das macht in der Tat neugierig, insbesondere die Aussicht auf eine fundierte Marxkritik.

Unabhängig davon würde mich trotzdem die Antwort Ulrichs auf meine Fragen interessieren.

beste Grüße

H.


Ulrich Knaudt an H.B. (13.05.2012)
Betreff: BORUSSIA

Lieber H., hier im Pott hat vieles einen preußischen Namen, seit sich die Hohenzollern hier im Westen im 18. Jahrhundert eingeheiratet haben. Ham wohl schon die Kohle und den Stahl gerochen. Ein Teil meiner Vorfahren kommt hierher. Ein Urgroßvater war Teilhaber einer großen Stahlfirma in Essen, die dann an Mannesmann verkauft wurde. In Essen gibt es noch eine Schultz-Knaudt-Straße. Wir unterhielten uns mal anläßlich der Weltmeisterschaft über Stolz. Dieser bewegt mich im Angedenken an meine Vorfahren nicht. Ich kann sie auch nicht verachten. Sie sind mir eigentlich nur fremd und egal. Wir haben uns sozusagen auseinandergelebt. Von dem Verkauf der Stahlfirma genehmigte sich mein Großvater um die Jahrhundertwende eine Weltreise, als er als Amtsgerichtsrat in Schlesien sich eine Auszeit nahm. […]

Ich war auch für Dortmund, aber nicht in erster Linie wegen des gemeinsamen Pott-Gefühls, sondern, weil ich ein spannendes Spiel sehen wollte. Aber die Borussen machten dem eine Strich durch die Rechnung. Sie haben die Bayern so verprügelt, daß ich am Schluß hoffte, die würden noch zwei Tore schießen, damit es noch ein wenig spannend wird. Aber sie waren zu ausgelaugt, diese großen Millionäre. Jetzt werden die kleinen auch große werden. Daher haben die Bayern verdient Dresche bekommen. Das ist Klassenkampf heute, die kleinen Millionäre gegen die großen.

Morgen geh ich wählen, auf jeden Fall nicht SPD und schon gar nicht Links-Grün. Die Bürgerlichen haben zumindest noch nen eignen Beruf (meistens RA, Geschäftsleute o.ä.). Für viele Linke ist das Politikersein ihr Beruf. Aber im Grunde wähle ich die andern, weil sie weniger vernagelt sind. Ein magerer Grund. Denk ich an Wissmann oder Koch oder wie sie alle heißen, die vom Kapital aufgesaugt wurden, als sie ihren Politikerjob aufgegeben haben. Dennoch ist es richtig zu wählen, sonst kommen wegen zu geringer Wahlbeteiligung noch größere Idioten ans Ruder, die nicht mal mehr wissen, wie man den Kapitalismus richtig am K… hält, sondern son verblasenes Zeug wie es der Tsipras vorschlägt, betreiben wollen, eben StamoKap. Fatal, aber wahr.

Ich habe mir ein Gläschen genehmigt, will aber noch was zu Deiner Mail sagen, ohne darauf jetzt konkret zu antworten. Ich arbeite an einer Antwort An Alle.[1] Darin will ich zu den Problemen, die wir mit D.W. und untereinander haben, konkret Stellung nehmen. Ich denke, wir sollten die gemeinsame Diskussion in einer Mailingliste fortsetzen, weil sich die Widersprüche, die wir miteinander haben, so schneller auffächern, das heißt aber nicht, abgleichen lassen.

Soweit erst mal. Viele Grüße aus BO-RUS-SIA-Land.

U.

[1] Siehe ANHANG 3.


Ulrich Knaudt an H.H. (16.05.2009)
Betreff: IMAGINÄRE WERTE

Lieber H., als Anhang mein Kommentar [1] zu unseren Mails vom 07.-10.05., den ich an W.I. und H.B. weiterleite.

Viele Grüße Ulrich

[1] Siehe ANHANG 3


H.B. an Ulrich Knaudt (22.07.2012)
Betreff: Laudatio: In Hitlers Gesellschaft | Kultur | ZEIT ONLINE

Schau mal rein, wirklich lesenswert, lieber Ulrich, hat was mit Horst Müller’s “Sozialkapitalismus” zu tun.

http://www.zeit.de/2012/24/Laudatio-Goetz-Aly/komplettansicht?print=true


Ulrich Knaudt an GdS (25.07.2012)

Hallo Buchladenkollektiv,

leider komme ich erst jetzt dazu … zu antworten. Einer der Gründe für diese Verzögerung findet sich auf der Home Page der partei Marx unter BLogbuch 1 2012.

Es ist am sinnvollsten, gleich auf den Kern der Sache zu kommen: die Leninsche Imperialismus-Theorie in der von Euch ausführlich und in zwei Anläufen analysierten und zitierten Schrift Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus.[1] Ausgehend von der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie und der Strategie der Marxschen Partei würde ich jener in unserer heutigen Situation gelesen die Überschrift geben wollen: ‚Der Imperialismus und die Spaltung des Kapitalismus‘, weil sich die Leninsche Unterscheidung zwischen dem »…nichtmonopolistischen Kapitalismus« und dem monopolistischen Kapitalismus nach meinem Dafürhalten nicht aufrechterhalten läßt, da der Weltmarkt zu einer Totalität zusammengewachsen ist, von der bereits Marx ausging, ohne daß der Weltmarkt zu seiner Zeit derart umfassend wie heute entwickelt und organisiert war. Diese Totalität hatte sich Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht durchgesetzt (weil u.a. die Kolonien noch eng mit ihren ‚Mutterländern‘ {England, Frankreich, Portugal, Niederlande usw.} politisch verknüpft waren); heute jedoch, d.h. nach dem Sieg der Anti-Hitler-Koalition über Hitler-Deutschland und der Schaffung eines ‚westlichen‘ Weltmarkts, innerhalb der westlichen Hemisphäre und nach dem Niedergang der Vorherrschaft der SU als Hegemonialmacht über die östliche Hemisphäre (die das post-‘stalinistische‘ heutige Rußland, wenn auch vorerst vergeblich, mit allen Mitteln wieder herzustellen versucht), [heute] muß von einem in dieser Totalität bisher noch nie dagewesenen Weltmarkt ausgegangen werden, der durch die im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ausgebrochene Weltwirtschaftskrise einerseits noch stärker zusammengeschweißt wird, aber gleichzeitig vor seinem Auseinanderfallen in neue hegemoniale Weltmärkte steht (US- + EU-Kapital vs. BRICS-Kapital). Damit ist die Einheit in der Totalität des Kapitalismus, von der das Marxsche KAP[ITAL] ausgeht, konkret Wirklichkeit geworden, eine Einheit, die notwendig das Moment ihrer Spaltung in sich trägt. Diese wird in zwei Richtungen erfolgen: entweder in Richtung Spaltung der Kapitalisten oder Spaltung des Kapitalismus oder beides.

Die Spaltung der Kapitalisten würde, wenn die Weltwirtschaftskrise sich weiter zuspitzt, zu neuen (Teil-) ‚Weltmärkten‘ führen, ähnlich denjenigen der beiden Weltmächte der Anti-Hitler-Koalition nach 1945;[2] die Spaltung des Kapitalismus zur Spaltung der bürgerlichen Gesellschaft in die Weltbourgeoisie und das Weltproletariat. Nach Letzterem sieht es momentan nicht aus, da das Weltproletariat als Klasse bei der Spaltung des Kapitalismus politisch noch nicht präsent ist, oder wenn sich in dieser Richtung etwas regt, dann nur im Schlepptau des imperialistischen Kleinbürgertums (attac, OWM, Rio-Gipfel etc.), das im Interesse einer Fraktion der Kapitalisten gegen die Hegemonie des ‚Westens‘ und für einen separaten ‚sozialistischen Weltmarkt‘ kämpft, der von mehr oder weniger faschistischen ‚linken‘ Polizeistaaten organisiert wird.

Die Spaltung des Kapitalismus wird in der Marxschen Analyse der Ware in KAP I wissenschaftlich untersucht. Allerdings wäre es zu wünschen, daß Ihr bei der Lektüre dieses elementar wichtigen Textes nicht dem »falschen Schein« der Wolfschen Interpretation des KAP erliegt.[3] Im Gegensatz zu Dieter Wolf gehe ich nicht einfach nur von einer, wie Ihr schreibt, »Verschleierung der Realität« und dem durch den Kapitalismus erzeugten »falschen Schein«, sondern von der Verkehrung der Verhältnisse aus, ohne deren Voraussetzung die Bestimmung des Werts der Ware in KAP I nicht möglich ist. Das unterscheidet die Marxsche Bestimmung des Werts von denjenigen der Klassiker und ihrer vulgärökonomischen Nachfolger und stellt eine wissenschaftliche Revolution dar von der gleichen Bedeutung wie derjenigen Keplers, Newtons oder Darwins. Eine wissenschaftliche Revolution, die nicht wenige moderne Ökonomen zähneknirschend anerkennen müssen. Nur auf Grund dieser Verkehrung wird der von Euch festgestellte »falsche Schein« (Die mörderische Realität... S. 2/3) zur unbestrittenen gesellschaftlichen Realität, der zugleich nach seiner gesellschaftlichen Auflösung verlangt, da es sich bei diesem »falsche(n) Schein« nicht etwa nur um eine ausgehend vom Individuum sich philosophisch stellende erkenntnistheoretische Frage handelt. Wenn Ihr Euch also auf den »Warenfetischismus« beruft, so sollte klar sein, daß dieser auf den Verkehrungen der Verhältnisse der einfachen Warenzirkulation und -produktion (einer bewußt von Marx aufgestellten hypothetischen Annahme, da die einfache Warenproduktion für sich genommen nicht existiert) beruht, die als »Verschleierung der Realität« wirken, aber eben nur als Ausdruck der Verkehrung der Verhältnisse in dieser gesellschaftlichen Realität. (Genaueres findet Ihr dazu auf parteimarx.org unter REAKTIONEN Ulrich Knaudt an H.B.: 13.01.2010, 18.06.2010, 12.07.2010, 25.07.2010, 28.07.2010, 13.08.2010, 18.08.2010. Unterstrichen = wer nicht alles lesen will, sollte zumindest diesen Brief lesen.)[4]

Die Spaltung der Totalität des Weltmarktes ist also in der Spaltung des »Konkretums der Ware« (MEW 19,362) in Gebrauchswert und Tauschwert bereits in ihrem Kern angelegt. Dagegen mag die Vorstellung von der Spaltung der kapitalistischen Produktionsweise in einen monopolistischen und einen »nichtmonopolitistischen Kapitalismus« heute vielleicht noch für irgendwelche kleinbürgerliche Kapitalismus-Kritiker wie attac, OWS usw. dazu herhalten, auf ihren ‚anti-kapitalistischen‘ ‚Sonderwegen‘ die Tatsache zu ignorieren (und die Theorie zu bekämpfen), daß die Spaltung dieser Totalität auf der einen Seite in der Spaltung des »Konkretums der Ware« in Gebrauchswert und Wert und auf der anderen Seiten in diejenige der bürgerlichen Gesellschaft in die antagonistischen Klassen, Bourgeoisie und Proletariat hinausläuft, einen Antagonismus, auf den Lenin im Gegensatz zu den heutigen Rettern des »nichtmonopolistischen Kapitalismus« vor dem monopolistischen nicht verzichtet hat und worin nach wie vor sein großes Verdienst liegt.

Die von Euch festgestellte »mörderische Realität des Imperialismus« erweist sich folglich als höchst kompliziert.Das betrifft nicht nur den Klassenantagonismus, sondern auch die Konkurrenzsituation, in der sich die einzelnen Kapitalisten befinden, deren Absolutheit in letzter Instanz nur durch den Krieg zwischen ihren Nationen und Fraktionen aufgehoben werden kann. Es sollte aber der absolute Charakter der Konkurrenz im Kapitalismus nicht mit demjenigen des Krieges als einer, wie von der Kriegspartei für gewöhnlich behauptet, im gegebenen Moment einzig möglichen Lösungsmöglichkeit dieses Widerspruchs verwechselt werden. Der ‚Kalte Krieg‘ hat gezeigt, daß solche Konkurrenzsituationen bis zu einem gewissen Grad und zeitweilig von den Beherrschern der (Teil-)Weltmärkte geregelt und entschärft werden können, sobald beide Seiten Problemen gegenüberstehen, die die Existenz der Kapitalistenklasse als solche betreffen. Das ist jeweils eine Definitionsfrage, wie an der EU leicht zu erkennen ist und keineswegs der Beweis für die Rettung der Menschheit durch den Kautskyschen Super-Imperialismus. Wenn Kautsky recht gehabt hätte, wären die Kernwaffen, von denen die Auslöschung der menschlichen Zivilisation einschließlich der Klasse der Bourgeoisie droht, längst vernichtet worden. Der Pazifismus beschränkt sich auf einen Appell an den Bourgeois, die Bedrohungssituation in Hinblick auf seine individuelle physische Existenz und die seiner Familie zu bedenken. Er soll davon ablenken, daß die Bedrohung der gesamten Menschheit von der Konkurrenz zwischen den Kapitalisten ausgeht und solange bestehen bleiben wird, wie das Kapital selbst.

Der Imperialismus als »sterbender Kapitalismus« ist also nicht gestorben, sondern hat den Sozialismus von 1917 überlebt, während das, was Lenin über den »sterbenden Kapitalismus« gesagt hat, inzwischen auch über den gestorbenen Sozialismus gesagt werden muß. Der Sozialismus war ein sterbender Sozialismus, weil von ihm das Kapital, das wie die Hydra viele Köpfe hat, nicht ins Herz getroffen wurde und ihr statt dessen ein neuer (realsozialistischer) Kopf wachsen konnte. Der von Lenin für die alte Sozialdemokratie entwickelte Begriff des Sozialimperialismus gilt daher immer noch, nun aber auch für jeden Staat gewordenen ‚Sozialismus‘, der die Antwort der neuen Bourgeoisie auf den »sterbenden Kapitalismus« darstellt. Dieser scheinen sich zur Entschärfung ihrer Konkurrenzsituation ‚westliche‘ ‚Entspannungspolitiker‘, an vorderster Front die deutschen, bis zu einem gewissen Grad und nur zu ihrem eigenen Vorteil, anpassen zu wollen. (Die deutsche Außenpolitik als Vermittlerin zwischen China, Rußland, Iran auf der einen und den USA, Israel und Saudi-Arabien auf der anderen Seite in Assads Syrien.)

Der zu Zeiten Lenins in der Sozialdemokratie sich verbreitende Sozialimperialismus sollte die soziale Revolution verhindern. Dieser hat die Extraprofite des Kapitals zur Grundlage, woraus, wie Marx und Engels bereits festgestellt haben, in den Metropolen eine gewisse Arbeiteraristokratie gespeist wird. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Für Lenin war die Arbeiteraristokratie eine Minderheit, die wegen ihres Pakts mit der Bourgeoisie vom revolutionären Weg des Proletariats abwich. Inzwischen stellt diese Minderheit die Mehrheit innerhalb der deutschen Arbeiterklasse dar, die bürgerliche Parteien wählt, während aus der ehemals bürgerlichen Arbeiterpartei eine Intelligenz- und Angestelltenpartei geworden ist, die als Teil des riesigen Wasserkopfes der bürgerlichen Gesellschaft von deren produktiven Teilen – Lohnarbeitern und Kapitalisten – ausgehalten wird. Daher fragt es sich, wenn wir davon ausgehen, daß das Kapital in infinitum akkumulieren muß, ob sich diese Extraprofite nicht mit derselben Zwangsläufigkeit aus der Akkumulation des Kapitals ergeben müssen, wie der Wert aus der Spaltung der Ware in Tauschwert und Gebrauchswert? Wenn dem so wäre, dann erklärte sich daraus auch die Entstehung der Arbeiteraristokratie als einer regulären Entwicklung des Kapitalismus, und nicht nur innerhalb der imperialistischen Metropolen. Die einzige Grenze, von der diese Entwicklung aufgehalten wird, ist dann die ökonomische Krise bzw. (alle 80 Jahre) eine Weltwirtschaftskrise, deren Ursache wiederum in der begrenzten Aufnahmefähigkeit der ‚Märkte‘, also im Widerspruch zwischen der Konsumtion der unmittelbaren Produzenten und dem Zwang des Kapitals zur Akkumulation besteht. (Hier wären dann auch die Ursachen für die Nord-Süd-Konflikt in der EU zu suchen.) Daraus folgt auf theoretischem Gebiet der Scheingegensatz zwischen Luxemburgismus und Keynesianismus auf der einen, Sozialimperialismus und Faschismus auf der anderen Seite, als die ‚friedliche‘ und die militante Form der Lösung der Krisen des Kapitals.

Hier stehen in einer perversen Verkehrung die Leninschen ‚Massen‘ den Klassen der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber. Wenn Ihr schon auf so beckmesserische Weise zeitbedingte Ausdrücke wie ‚parasitär‘ oder ‚Neger‘ bei Lenin aus dem Programm nehmen wollt (was meiner Ansicht nach total überflüssig ist, weil es historisch erklärbar und nur eine überflüssige Konzession an den linken Ethnizismus und die Bakunisten darstellt), müßte diese Sorgfalt gegenüber der political correctness auch und weit eher für Lenins ‚Massen‘-Begriff gelten, in dem die Klassen verschwimmen, nicht nur die Klasse der Lohnarbeiter, sondern vor allem auch die der russischen Bauern (dazu siehe DEBATTE 3 und 4). Nicht zuletzt dadurch ist es den Faschisten leicht gemacht worden, daran mit ihrem ‚Massen‘-Begriff anzuknüpfen.

Ob die Arbeiteraristokratie in der momentanen Krise auf ihre ursprüngliche Existenzweise als Proletariat zurückgeworfen, auch zur Klasse des Proletariats zurückkehren wird, steht in den Sternen. Sie würde dadurch zur modernsten Klasse der bürgerlichen Gesellschaft werden, wovon sie von allen bürgerlichen (Arbeiter-)Parteien, einschließlich denen des imperialistischen Kleinbürgertums mit allen Mitteln abgehalten wird. Wie aber die notwendig radikale Kritik an der Arbeiteraristokratie mit dem Wachrufen des sozialen Verstands bei einzelnen Vertretern dieser Klasse als Bedingung für die ihre künftige Teilnahme an der gesellschaftlichen Produktion im Kommunismus verbunden werden kann, dafür liefert Eure doch reichlich antiquierte Lenin-Rezeption wenig Anhaltspunkte. Hinzu kommt, daß ohne die Einsicht, daß das Proletariat eine von vornherein internationale revolutionäre Klasse ist, wovon sie ohne Lösung der nationalen Fragen ständig abgehalten wird, zu einer solchen niemals werden wird.

Lenin war ein großer Parteigänger der Marxschen Partei und hat für das internationale Proletariat Großes, aber sich selbst auch einige Fehler geleistet, die wir in seiner Situation wahrscheinlich in noch größerem Umfang begangen hätten. Er hatte nicht mehr die Zeit, diese zu analysieren und danach zu korrigieren. Das sollten wir unbedingt nachholen.

Noch eine kurze Anmerkung zu Eurem Gauck-Flugblatt,[5] und zwar zu den Fußnoten 1 und 3: ich kann in den von Gauck getroffenen historischen Urteilen (aus dem Schwarzbuch)[6] nichts mit den historischen Tatsachen nicht Übereinstimmendes entdecken. Der Skandal seiner Ausführungen besteht nicht in diesen historischen Urteilen selbst (mit denen ich grundsätzlich, wenn auch nicht in jeder Formulierung übereinstimme); der Skandal besteht in der Tatsache, daß die revolutionäre Linke nicht in der Lage ist, sich von ihren eigenen sozialimperialistischen Denkgewohnheiten zu trennen, um der bürgerlichen Kritik am ‚Stalinismus‘ eine proletarische entgegenzusetzen.

Mit vielen Grüßen

Ulrich Knaudt.

[1] Siehe die GdS-Broschüre Die mörderische Realität des Imperialismus und die Notwendigkeit des Kommunismus (März 2012), 8 ff.
[2] Exemplarisch dargestellt in J. Stalin: Die ökonomischen Probleme des Sozialismus.
[3] dieterwolf.net
[4] Siehe auch ANHANG 2B.
[5] Gds 3/12 Gauck als Symbol (März 2012).
[6] In: S. Courtois, Nicolas Werth e.a., Das Schwarzbuch des Kommunismus (885-894): Joachim Gauck: Vom schwierigen Umgang mit der Wahrnehmung, München 1998.


Ulrich Knaudt an H.B. (26.07.2012)
Betreff: Laudatio: In Hitlers Gesellschaft | Kultur | ZEIT ONLINE

http://www.zeit.de/2012/24/Laudatio-Goetz-Aly/komplettansicht?print=true

Lieber H., hab mich gefreut, von da draußen mal wieder eine vertraute Stimme zu hören. Ansonsten herrscht Funkstille. Liegen wohl alle in der Toscana oder auf Sylt oder in Heringsdorf auf der Bleiche. Schön, daß Du an mich gedacht hast. In der Tat ein lesenswerter Text, der mich echt zur Weißglut gebracht hat. Eine intelligente Analyse, die den Aly auf den Punkt bringt, sich aber gleichzeitig mit dessen demagogischen Thesen identifiziert. In meinen Mails vom 10. und 12.07.10 an Dich habe ich bereits das Passende dazu gesagt: foreign policy der working class usw.

Laut Aly und Jessen sollen auch alle wackeren Kämpfer gegen den Faschismus von diesem persönlich profitiert haben, einschließlich der Arbeiterklasse. Wir leben, wie es danach den Anschein hat, nach wie vor in einem, nur diesmal post-, faschistischen Zeitalter, und alle bisherigen Theorien über den NS erweisen sich als billige Ablenkungsmanöver, "die allesamt dazu da waren, die deutschen Verbrechen aus ihrer persönlichen Zurechenbarkeit zu lösen und einem überindividuellen System zuzuschieben, das ganz unabhängig vom individuellen Verhalten Schuld produzierte." Ob Kapitalismus-, Totalitarismus-, Singularitätstheorie oder der Historikerstreit. "Tatenlose Reue ist alles, was bleibt." (7) Wie sähe dann im Gegensatz dazu die tätige Reue aus? Vielleicht der nationale Selbstmord?

Laudator wie Laudatus outen sich jeweils als Vertreter der alten Elite, die es, so muß hinzugefügt werden, wie alle anderen versäumt hat, Hitler nicht zu dem werden zu lassen, was aus ihm und dem NS dann wurde und die sich nun darüber beklagt, daß der Pöbel von den Segnungen des NS profitiert hat. Alle anderen dagegen nicht? Im Namen der alten Elite vertreten sie die Furcht dieser Kaste vor der Ochlokratie, der Herrschaft des Pöbels, wie sie schon bei Platon und Aristoteles heraufbeschworen wird, wobei letzten Endes alles, was nicht ihrer Elite zugehört, den nach Posten und persönlicher Bereicherung gierenden Pöbel ausmacht, genannt Otto Normalverbraucher oder der "deutsche Michel"oder der sog. "kleine Mann"…

Unter dem Strich also eine weitere der üblichen Kollektivschuld-Thesen, nachdem wir uns bereits diejenigen der AntiFas und AntiDeutschen haben anhören müssen, und somit ebenso unwissenschaftlich wie diese.

Was darin systematisch ausgeklammert wird, ist neben der foreign policy der working class der Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution, d.h. zwischen präventiver und institutioneller Konterrevolution, zwischen NS und Stalinscher KP. Statt dessen bleibt nur dumpfes moralisches Gesäusel übrig: "Tatsächlich war die Furcht der Nachkriegspolitiker vor dem kleinen Mann, der unter Hitler seinen satanischen Appetit gezeigt hatte, so groß, daß sie ihn augenblicks weiter fütterten und alles unterließen, was ihn irgendwie, und sei es moralisch, reizen und belasten könnte." (5) Das wird sich nach dem Wahlsieg einer Rosa-Rot-Grünen Regierung nachholen lassen…

Es gibt in Wirklichkeit nur eine Kontinuität, die sich von 1933 bis 2012 durch die deutsche Geschichte durchzieht, deren Wurzeln in den Jahren 1848 und 1871 liegen: der bleibende Versuch der herrschenden Eliten (= herrschenden Klasse), die Arbeiterklasse mit Hilfe aller möglicher Formen der Klassenzusammenarbeit, der ‚Solidarität‘ von oben usw. zu ködern und dabei von der schlichten Wahrheit abzulenken, die darin besteht, daß, wie der Berliner sagt, der A… immer hinten ist. Aber nicht darüber zerbrechen sich die Herren Jessen und Aly den Kopf (was ein ernstzunehmender Beitrag zum Thema: Kapital-Sozialismus wäre), sondern darüber, daß, wie jeder weiß, nicht wenige der kleinen Männer genauso korrupt sind wie die großen. Natürlich sind sie das! Aber wieso dann, wie Aly seit Jahr und Tag predigt, ausschließlich Otto Normalverbraucher? Ändert das irgendwas an dem System, aus dem heraus diese Korruption täglich, stündlich entsteht und bewußt erzeugt wird? Dies geschieht doch wohl kaum durch den angeblich immensen Einfluß von Otto Normalverbraucher auf die Wirtschaft und das politische Geschäft der herrschenden Klasse, sondern gesteuert von der einen oder anderen gerade herrschenden Elite! Allerbilligste Bourgeois-Geschichtsschreibung ist das, die dort von einer der Eliten der herrschenden Klasse ausgepreist wird!

Im Anhang findest du zwei Buchbesprechungen, die darauf hinweisen, daß es auch noch wissenschaftliche Bourgeois-Geschichtsschreibung gibt.[1]

Herzliche Grüße

U.

P.S. Vgl. die sich mit dem gleichen Thema befassenden Passagen in BLogbuch 3 2010. Eine Materialistische Geschichte des deutschen NS ist noch nicht geschrieben. Materialistisch im Gegensatz zu: moralisch! Moralische Geschichtsschreibung ist Ideologie!

Das nächste Mal mehr zu Harbach und zum letzten BLogbuch und wie beides miteinander und dem Krim-Krieg zusammenhängt.

[1] FAZ 23.07.2012 Räuber Robert und seine blutigen Laien. Die krakenartige Ausdehnung der Deutschen Arbeitsfront im Zweiten Weltkrieg. Rezension: Rüdiger Hachtmann: Das Wirtschaftsimperium der Deutschen Arbeitsfront 1933-1945, Göttingen 2012. FAZ 23.07.2012 Mobilisierte Kameradinnen. Millionen Frauen waren in das Dritte Reich verstrickt, was nach 1945 wenig Beachtung fand. Rezension: Nicole Kramer: Volksgenossinnen an der Heimatfront. Mobilisierung, Verhalten, Erinnerung, Göttingen 2011.


H.B. an Ulrich Knaudt (04.08.2012)

Lieber Ulrich,

wollte […] mich u.a. für Deine Antwort auf Götz Aly zu bedanken […]

Bis dann, alles Gute

H.


Ulrich Knaudt an H.B. (08.08.2012)

[…] Was sagst Du eigentlich zu den ‚Korrekturen‘ von D.[ieter] W.[olf] an K[arl]M.[arx]?[1] Wenn ich das nicht bereits vor mehr als einem Jahr anläßlich seines Berliner Vortrags hätte feststellen müssen, hätte mich das heute vielleicht noch gewundert.[2] So aber nicht. […]

Viele Grüße U.

[1] Dieter Wolf: Fehlinterpretationen Vorschub leistende Mängel in Marx‘ Darstellung des „Kapitals“ und wie Marx sie hätte vermeiden können. www.dieterwolf.net
[2] Siehe ANHANG 2B (25.07.2010; 28.07.2010).


Ulrich Knaudt an H.B. (31.08.2012)
Betreff: BAKUNISMUS

Lieber H., das Zauberwort heißt "Gallerten".[1]

(59) "Wie die Gebrauchswerte Rock und Leinwand Verbindungen zweckbestimmter, produktiver Tätigkeiten mit Tuch und Garn sind, die Werte Rock und Leinwand dagegen bloße gleichartige Arbeitsgallerten, so gelten auch die in den Werten enthaltenen Arbeiten nicht durch ihr produktives Verhalten zu Tuch und Garn, sondern nur als Verausgabungen menschlicher Arbeitskraft."

(65) "Sagen wir: als Werte sind die Waren bloße Gallerten menschlicher Arbeit, so reduziert (sic!) unsre Analyse dieselben auf Wertabstraktion, gibt ihnen keine von ihrer Naturalform verschiedne Wertform. Anders im Wertverhältnis einer Ware zur andern. Ihr Wertcharakter tritt hier hervor durch ihre eigne Beziehung zu der andern Ware…

(65) Um den Leinwandwert als Gallerte menschlicher Arbeit auszudrücken, muß er als eine ‚Gegenständlichkeit‘ ausgedrückt werden, welche von der Leinwand selbst dinglich verschieden und ihr zugleich mit andrer Ware gemeinsam ist."

Ausgehend vom Gegensatz G[ebrauchs]wert – Wert gelten die Werte als gleichartige Arbeitsgallerten. Aber erst in der Wertgleichung drücken sich die Arbeitsgallerten als Wertgegenständlichkeit aus. Dieser Unterschied war mir auch nicht unbedingt klar.

Nun zu Bakunin: Die Beschreibung der Schwierigkeiten Bakunins mit der Arbeitsgallerte entnehme ich dem Anhang von Fritz Brupbacher: Marx und Bakunin, München 1913, einem Zeitzeugen der Spaltung der Internationale durch die Bakunisten und selbst ein (liberaler) Bakunist. Er zitiert auf S. 194 im Anhang aus einem Brief Ljubavins an Marx, der beim Ausschluß Bakunins aus der Internationale eine wichtige Rolle spielte, weil selbiger Brief zwischen dem Übersetzer des KAP, Bakunin, und dem Vermittler Ljubavin und dem Verleger, der Bakunin 300 Rubel vorgeschossen hatte, Bakunins betrügerische Absichten hatte beweisen sollen. In seinem Bericht an Marx heißt es zu Ljubavins Vorhaltungen Bakunin gegenüber, wo die Übersetzung bleibe, seitens Bakunins wörtlich: "’Wie können Sie sich nur einbilden, daß ich nach Übernahme der Übersetzung und Entgegennahme der Abschlagszahlung von 300 Rubel nun auf einmal von der Arbeit zurücktreten werde‘." (Nicht in seiner Macht liegende Verhältnisse hätten ihn lediglich davon abgehalten.) "Er fügt auch bei, die übernommene Arbeit erweise sich viel schwieriger, als er sich vorstellt. Er spricht dann von den verschiedenen Schwierigkeiten bei der Übersetzung. Ich führe nur eine an, denn ich glaube, Bakunin hat einfach gelogen. Er zitiert folgenden Satz Ihres Buches: ‚Der Wert ist die Arbeitsgallerte‘, und sagt: ‚Hier hat Marx einfach einen Scherz gemacht; er hat mir das selbst eingestanden‘. Er spricht dann die Hoffnung aus, gegen Ende April 1870 würde die Übersetzung fertig sein…"

Wenn ich auch Bakunins Verhalten in der Internationale nur als üble Intrige bezeichnen kann, so hat er hier mein vollstes Verständnis, wenn er offenbar an der ‚Arbeitsgallerte‘ gescheitert ist. Wie wir beide wissen, handelt es sich keineswegs um einen Scherz, sondern um die Behandlung eines der schwierigsten Probleme der Werttheorie, an der ’selbst‘ ein Dieter Wolf immer wieder scheitern wird…

Ich muß an meinen Schreibtisch zurück und grüße Dich herzlich

U.

[1] Die Seitenzahlen am Zeilenanfang in runden Klammern beziehen sich auf Karl Marx: Das Kapital I MEW 23.


H.B an Ulrich Knaudt (08.09.2012)
Betreff: BAKUNISMUS

Ich bin mit Dir,

lieber Ulrich,

am Nachdenken über den von Dir aufgezeigten "Unterschied"

von dem Du sagst, dass er Dir "auch nicht unbedingt klar war" (s.u.).

"Arbeitsgallerte" ? / "Abstrakte Arbeit" –

deren "Behandlung eines der schwierigsten Probleme der Werttheorie …

immer wieder scheitern .." ! Wer nicht ?

Wir müssen dran bleiben.

Deshalb frage ich Dich

1. kannst Du den "Unterschied" noch etwas genauer bestimmen, Dich

zu ihm noch etwas genauer positionieren ?

2. was möchtest Du mit ihm ausdrücken ?

3. welch eine Bedeutung in Bezug auf

a) theoretische (Dieter W.[olf], Helmut R.[eichelt]/Backhaus, Nadja R.[akowitz] u.a.)

b) politische

c) praktische Konsequenz

misst Du diesem bei?

Vielleicht sind diese Fragen nicht einfach zu beantworten,

aber wenn wir uns dadurch den richtigen Fragestellungen nähern,

hätten wir uns schon zumindest halbwegs den richtigen Antworten

genähert – oderrrr ?

Bis bald wieder.

Herzlichen Gruß


Ulrich Knaudt an (09.09.2012)
Betreff: BAKUNISMUS

Lieber H:, ich hätte zwar Lust, um Deine Fragen jetzt und sofort zu beantworten, diesem Unterschied weiter nachzuspüren. Da er sich aber als momentanes Nebenprodukt meiner Untersuchungen zu Tschernyschevski, Marx und Bakunin ergeben hat, muß ich ihre Beantwortung verschieben. Aber sie bleiben im Raum.

Nach wie vor bin ich damit beschäftigt, den politischen mit dem wissenschaftlichen Marx in Übereinstimmung zu bringen oder besser: den Zusammenhang zwischen beiden wiederherzustellen. Daher bleiben Deine Fragen akut, aber ohne Rekonstruktion des politischen Marx nicht lösbar (ein grundlegender Fehler der revolutionären Linken nach 1967, ausgehend allein vom wissenschaftlichen Marx die deutschen Verhältnisse analysieren zu wollen! )

Bei meinen Untersuchungen bin ich auf die nationale Frage in ihrer ursprünglichen, vor-leninschen Fassung gestoßen und würde, was ich bisher zu letzterer in ihrer Leninschen Version geschrieben habe, so nicht mehr aufrechterhalten wollen. Einfach deshalb nicht, weil Lenin dabei keinen Unterschied zwischen dem demokratischen und dem proletarischen Internationalismus gemacht hat. Dieser Unterschied ist in der Auseinandersetzung von Marx und Engels mit dem Bakunismus aber von entscheidender Bedeutung. Und daher muß die Debatte über die NF dort ihren Ausgang nehmen. Daß sie auch heute noch akut ist, ergibt sich täglich bei der Zeitungslektüre über Euro, EZB, BVerfG usw. […]

Viele Grüße

U.


Ulrich Knaudt an H.B. (06.10.2012)

Lieber H.,

[…] Für das Frühjahr habe ich mir vorgenommen, was zu H.H.[arbach] + D.W.[]olf zu machen. Gleichzeitig arbeite ich zu Bakunin und Nationale Frage für pM, eine Endabrechnung mit dem heutigen Bakunismus, wie er im Zusammenhang mit Griechenland und Syrien zum Ausdruck kommt, mit ‚Herr Vogt‘ als Blaupause. Unruhige Zeiten auf der einen, aber wenig Ermunterndes auf der anderen Seite. Die Minenarbeiter in Südafrika das kommende Proletariat? Oder nur eine Intrige von Bergwerkskapitalisten, der Börse und rechten und ‚linken‘ Gewerkschaften? Der subjektive Faktor, der das auf den Punkt brächte = 0. Linkes Geschwätz. Kein Kommunismus weit und breit.

Soviel erst mal. Meld‘ Dich!

Herzliche Grüße

U.


Ulrich Knaudt an H.B. (20.10.2012)

Lieber H.,

[…] Ich habe für mich immer daran herumgerätselt, was Du mit Deiner Kritik an D.[ieter]W.[olf]s ‚abstrakter Arbeit‘ eigentlich gemeint hast. Und wir hatten ja schon telefonisch geklärt, daß damit nicht die Stelle in den GR[rundrissen] [1] gemeint sein kann, wo von der ‚Arbeit sans phrase‘ die Rede ist.[2] Also geht es letztlich um die Wert-Substanz. Auch hier waren wir so weit, daß dieser Substanz-Begriff nicht mit dem in der abendländischen Metaphysik verwendeten Substanz 1:1 übereinstimmt, sondern daß es sich allerhöchstens um ein Zitat, oder wie ich meine, um eine Karikatur, Umstülpung ins Lächerliche und was sich sonst noch so anbieten würde, handelt. Eine solche Überlegung widerspricht natürlich dem ganzen Wolfschen Duktus, der eine schlechte (weil ungewollte) Karikatur Hegelscher Denkfiguren ist. Wenn seiner Ansicht nach alle Arbeit seit Adams und Evas Parad[ies]exit immer schon abstrakt war, weil man sie, ohne eine Abstraktion vorzunehmen, nicht denken kann (und folglich, ohne die Arbeit als Abstraktum gedacht zu haben, sie gar nicht existierte – es sei denn, sie wird von Marx im Ersten Kapitel erdacht!!!), wird im übrigen der Unterschied zwischen der konkret nützlichen und der abstrakt menschlichen Arbeit eingeebnet, also auch der Unterschied zwischen der Arbeit in vor-kapitalistischen Gesellschaften (siehe GR: ‚Vorkapitalistisches‘)[3] und der Waren produzierenden Arbeit. Voilà Stalins These: daß es nicht nur kapitalistische Waren im Kapitalismus, sondern auch ’nicht-kapitalistische Waren‘ (im Stalinschen Sozialismus) geben kann. […] Eben das vertreten im Kern Wolf und Harbach. Und deshalb ist das, was sie vertreten, politisch höchst brisant.

Wenn Du also D.W.s ‚abstrakte Arbeit‘ kritisieren willst, reicht eine solche Herleitung der Genealogie der Ware, um den Wolfschen Revisionismus zu demaskieren (oder, wie er es nennt: um K.M. ‚besser verständlich machen‘), nicht aus.[4] – […] Dazu muß vor allem seine Hauptthese vom Aufstieg vom ‚Abstrakten zum Konkreten‘ zerschlagen werden (klingt sektiererisch – macht nichts: wer Marx offen angreift und behauptet, ihn angeblich zu schützen, findet bei der parteiMarx kein Pardon!) Wie wir doch aus der Wagner-Kritik [5] wissen und des Langen und Breiten diskutiert und uns geeinigt haben, geht K.[arl]M.[arx] in der W[ert]F[orm]A[nalyse], wie er selbst sagt, genau umgekehrt vor: ausgehend vom „Konkretum der Ware“ gelangt er zur Wertform, d.h. zu einem vollkommenen Abstraktum und zwar u.a. durch Reduktion der konkret nützlichen auf abstrakt menschliche Arbeit. AmA ist aber ein Paradox, weil menschliche Arbeit eigentlich immer konkret ist, aber als amA zugleich der Kern der Wertsubstanz. Ohne diesen Abstieg vom Konkretum der Ware zum Wert als Abstraktum (all die Zwischenschritte und Varianten, die Marx im Ersten Kapitel bei der Analyse der Wertform entwickelt, beiseite gelassen), wirst Du dem Wolfschen Revisionismus nicht Paroli bieten können und schon gar nicht den Weiterungen gegenüber, die Harbach zwecks Rehabilitation des Realen Sozialismus daraus ableitet…

Hier also wartet auf uns noch ne Menge Arbeit und wie ich mir wünsche und hoffe, Zusammenarbeit.

[…]

U.

P.S. Im Anhang schicke ich Dir den lustigen FAZ-Artikel über das Geld.[6] Man macht sich ernsthaft Gedanken, ob man es überhaupt noch braucht. Vielleicht landen sie noch alle bei Silvio Gesell, als monetärer Ausdruck des herrschenden Ökofaschismus.

[1] Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Moskau 1939 [=GR]; MEW 42, Berlin 1983.
[2] GR, 25; MEW 42, 39.
[3] GR, 375-415; MEW 42, 383-421: Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehen.
[4] Siehe U.K. an H.B. (08.08.2012) [1].
[5] Siehe H.B. an U.K. (10.05.2012) [1]
[6] FAZ 11.10.2012: Barzahlung. Was kostet das Geld?


Ulrich Knaudt an GdS (14.11.2012)

Hallo Buchladenkollektiv,

leider komme ich erst jetzt dazu, auf die Zusendung der Mai- und Juli/August-Ausgaben von GdS zu reagieren. Die in letzterer angekündigte Broschüre Religion, Opium des Volkes würde ich Euch bitten mir zu schicken, weil mir bei der Lektüre der Juli/August-Nummer erneut die Art und Weise negativ aufgestoßen ist, in der darin das Verhältnis zwischen der deutschen Mehrheitsbevölkerung und den hier lebenden Minderheiten behandelt wird (vgl. mein Brief vom 28.10.11.). Da ich annehme, daß in der Broschüre darauf systematischer als in dem GdS-Artikel aus Juli/August eingegangen wird, werde ich meine Kritik vorläufig zurückstellen.

Grundsätzliche Einwände treffen aber auch GdS 6/12.[1] Obwohl ich den darin angestellten Versuch einer Kritik am linken Reformismus von attac teile, habe ich den Eindruck, daß der Sack geschlagen wird, aber der Esel gemeint ist. Das beginnt mit dem Begriff der »antikapitalistischen Perspektive«, die dem attac-Reformismus als Gegenposition gegenüberstellt wird, der aber in Wirklichkeit aus derselben fragwürdigen Begriffswelt stammt, die damit kritisiert werden soll. Neben linken gibt es bekanntlich auch reaktionäre „Antikapitalisten“, zu denen u.a. die Nazis zu rechnen wären, deren „Antikapitalismus“ sich lediglich völkisch verengt auf das „jüdische“ Kapital beschränkt.

Über das dem attac-Reformismus von GdS entgegengehaltene »Gegenteil von einer antikapapitalistischen Perspektive« ließe sich daher bestenfalls sagen, daß diese »Perspektive« eine schlichte Leerformel darstellt, worin neben attac, die Partei Die Linke, aber auch Islamisten und Nationalsozialisten bequem nebeneinander Platz fänden. Entsprechend erscheinen in diesem Artikel die von Lenin, Stalin und Rosa Luxemburg u.a. entlehnten theoretischen Versatzstücke, die um die »Zerschlagung des bürgerlichen Staats« kreisen, nicht weniger leerformelhaft, da sich das Verhältnis des bürgerlichen Staats und der bürgerlichen Gesellschaft zu den ausgebeuteten und unterdrückten Klassen nach meinem Dafürhalten um einiges komplizierter darstellt als in dieser Formel zum Ausdruck kommt. Der geringe Grad an Reflexion in der Einschätzung dieses Verhältnisses hat viele ‚Marxisten‘ vor die Frage gestellt, ob überhaupt noch von einer Klassengesellschaft gesprochen werden kann oder ob dieses Verhältnis nicht besser durch den Unterschied zwischen Arm und Reich, (der durch den fürsorglichen Sozialstaat ausgeglichen werden soll) zu ersetzen wäre. Das ist natürlich Unsinn. Diesem weit verbreiteten (klein)bürgerlichen Klassen-Skeptizismus wird in dem Artikel einfach unvermittelt und völlig abstrakt die Losung von der »Zerschlagung des bürgerlichen Staates« entgegengehalten, eine Formel, die Lenin mit einer gewissen Berechtigung gegenüber dem Reformismus seiner Zeit verwendet hat.

Um diese Formel mit Inhalt zu füllen in einer Zeit, da die Marxsche Kritik an der bürgerlichen politischen Ökonomie von der heutigen Weltwirtschaftskrise konkreter denn je und in allen Einzelheiten bestätigt wird, müßte zumindest auf die Differenz zwischen der Marxschen und der Leninschen Verarbeitung der Erfahrung der Pariser Kommune eingegangen werden, bei der uns Rosa Luxemburgs Lenin-Kritik und ihre Fehleinschätzung des von Lenin für erforderlich gehaltenen revolutionären Terrorismus nicht wirklich weiterhilft. Es ist schon bemerkenswert, welch großer Wert von GdS in diesem Zusammenhang auf die zur Säulenheiligen der Partei Die Linke erhobene deutsche Revolutionärin gelegt wird, deren Einschätzungen der Bauernfrage oder der sog. nationalen Frage in Rußland kein günstiger Ausgangspunkt wäre, um über die Differenzen zwischen Lenin und Marx in der theoretischen Verarbeitung der Pariser Kommune zu diskutieren.

Dieses ungeklärte Verhältnis hat auch unmittelbare Auswirkungen auf die Art und Weise, wie in GdS über den Minenstreik in Südafrika berichtet wird. Erst in den letzten Zeilen kommt der Artikel auf die politischen Verhältnisse in Südafrika zu sprechen, allerdings in der klassischen Manier der deutschen Linken, die sich in ihrer Kritik an den bürgerlichen Gewerkschaften und linken Parteien einfach auf die Feststellung beschränkt, diese würden die Interessen der Arbeiterklasse nicht ‚radikal genug‘ vertreten. Als ob die Bourgeoisie nicht dazugelernt hätte und es versteht, nicht nur auf seiten des Reformismus, sondern auch des ‚linken‘ Radikalismus mitzumischen und dabei ihre Interessen durchzusetzen. Die mangelnde Einsicht von GdS in diese Seite der ökonomischen Kämpfe in S-Afrika würde ich als ‚linken‘ Ökonomismus bezeichnen, weil darin das üble Spiel des linken Flügels des ANC und der COSATU unterbelichtet bleibt und vermieden wird, diesen als Politik der Neuen Bourgeoisie der sog. ‚Dritten Welt‘ (heute: ‚Schwellenländer‘) zu entlarven, die sich bei genauerer Betrachtung als weitaus gefährlicher und reaktionärer herausstellen könnte als diejenige der ‚alten‘ Bourgeoise (die gelernt hat, vierhändig Klavier zu spielen). Dieser ‚linke‘ Ökonomismus, der davon absieht politisch beim Namen zu nennen, daß Demagogen vom Typ Mugabe für den Klassenkampf weitaus schädlicher und gefährlicher sind als alle rechten Beschwichtigungspolitiker zusammen, wird nicht nur der politischen Situation in S-Afrika nicht gerecht; er ist auch äußerst kontraproduktiv, um jene Demagogen aufs Korn zu nehmen, die die Arbeiter durch radikal klingende Parolen aufputschen, und sich hinter ihrem Rücken nicht nur von den Gewerkschaftsgroschen, sondern den Tantiemen der Bergbaumultis die Taschen füllen. Das wird einem deutschen Linken aber wohl niemals einleuchten.

Über diesen Schatten scheint auch GdS nicht springen zu können (oder zu wollen) trotz vereinzelt auftretenden vernünftigen politischen Einsichten, worin sie sich vom linken Mainstream unterscheidet (siehe z.B. Seite 2: »Das hat die Geschichte des Niedergangs der ehemals sozialistischen Staaten gezeigt« oder ihre berechtige Kritik an den 99% und an der ‚Arbeiteraristokratie‘). Solche ‚Schwalben, die noch keinen Sommer machen‘, ändern aber leider nichts an der gesamten politischen Ausrichtung, die einer grundsätzlichen Kritik zu unterziehen wäre. Allerdings habe ich große Zweifel, ob mir dabei überhaupt jemand zuhören würde. Dies beträfe vor allem die strategische Unterscheidung zwischen dem rechten und dem linken Faschismus, und der taktischen Bestimmung des einen und/oder des anderen als ‚Hauptfeind‘ des Proletariats. Die Bekämpfung des ‚linken‘ Faschismus vom Boden des rechten (Pro NRW usw.) ist nicht weniger reaktionär als die Bekämpfung des rechten Faschismus vom Boden des ‚linken‘ (wohin GdS mit ihrem toleranten Verhältnis zum Islamismus s.o. tendiert).

Durch die Weltwirtschaftskrise wird eine Klärung dieses Verhältnisses erzwungen. Dann wird GdS sich entscheiden müssen, ob sie Teil der Lösung oder des Problems sein wird. Austragungsort für diese Entscheidung ist heute der Nahe Osten und dort gegenwärtig Syrien, wo China, Rußland, Iran und das Assad-Regime mit dem Westen und Saudi-Arabien um die Oberherrschaft ringen. (vgl. BLogbuch 1 2012) Die Lösung der Weltwirtschaftskrise zugunsten der einen oder anderen Bourgeoisie, wird entweder auf dem Wege Roosevelts und Churchills oder Hitlers und Stalins erfolgen. Die Rooseveltsche Lösung bedeutet, wie an der Euro-Krise sichtbar wird, die Verstaatlichung der Linken durch die Aufnahme von linker Programmatik in die Politik des Kapitals. Nach ihrer Verstaatlichung wird sich die Linke noch weniger in der Lage erweisen, die elementaren Gemeinsamkeiten in der ‚Hitlerschen und Stalinschen‘ Lösung richtig einzuschätzen, um ausgehend davon ihre Taktik im Kampf gegen die vierhändig spielende Bourgeoise konkret zu bestimmen und beide Varianten mit der jeweils geeigneten Taktik zu bekämpfen. (vgl. in der FAZ vom 13.11.: Ein Syriza-Abgeordneter drohte den Befürwortern der Regierungspolitik das gleiche Schicksal wie dem amerikanischen Botschafter in Libyen an, während die ‚Goldene Morgenröte‘ nach ihrer Machtergreifung die verräterischen Abgeordneten vor ein Tribunal stellen will.[2])

Dazu gehört auch die von der alten und Neuen Bourgeoisie momentan durchgeführte Kampagne gegen den ‚Rechtsextremismus‘, worin Die Linke mit allen Mitteln versucht, die Gemeinsamkeiten zwischen dem Stasi-Staat und dem NS-Staat zu verwischen, um sich selbst dabei als die vernünftigere Stasi-Partei zu profilieren. Um die Demagogie und Gefährlichkeit dieses Spiels beider Seiten zu durchschauen, davon ist der ‚linke‘ Ökonomismus von GdS, einschließlich ihrer ‚linken‘ Kritik an attac meilenwert entfernt. Ob die GdS-Autoren bereit sind, diese Diskussion fortzusetzen, werde ich daran erkennen, ob mir weiterhin Ausgaben von GdS zugeschickt werden oder nicht. Letzteres wäre, zumindest von meiner Seite aus betrachtet, höchst bedauerlich, aber gegebenenfalls zu verschmerzen.

Mit solidarischen Grüßen

Ulrich Knaudt

[1] Gegen die Strömung: Revolutionäre Positionen contra staatstragenden Attac-Reformismus (Mai 2012).
[2] FAZ 13.11.2011 Auszahlung weiterer Milliarden an Griechenland rückt näher. »Ein Syriza-Abgeordneter stellte den Unterstützern der Reformpolitik die Anklage vor einem „Sondertribunal“ in Aussicht und deutete an, ihnen drohe das Schicksal des (von einem islamistischen Mob ermordeten) ehemaligen amerikanischen Botschafters in Libyen. Ähnlich hatte vor kurzem schon die rechtsextreme „Goldene Morgenröte“ gedroht, im Falle einer Machtergreifung werde man ein Tribunal zur Anklage „verräterischer“ einheimischer Politiker einrichten. Syriza ist in Umfragen seit Wochen stärkste, die „Morgenröte“ drittstärkste politische Kraft des Landes.«


Ulrich Knaudt an P.T. (17.11.2012)
Betreff: SYRIEN-VERANSTALTUNG[1]

Der Vortrag war gemessen daran, was auf diesem Gebiet sonst so geboten wird, sehr gut. Dem Flyer entnehme ich, daß Erik Mohns am Zentrum für Nahoststudien in Dänemark tätig ist. Das Wichtigste in seinem Lebenslauf, daß er zwei Jahre lang Dozent an der Uni von Damaskus war. Realistische Einschätzung der Lage in Syrien ohne vordergründige Ideologie. Ich vermute mal, sein eigentliches Thema ist Aufstandsbekämpfung, und die studiert er anhand dieser Auseinandersetzung, eine Art Studium einer Operation am offenen Herzen. Positiv fiel mir auf: er hält nichts von Todenhöfer und auch nichts davon, einen Zusammenhang zwischen der syrischen Revolution und der Occupy-Bewegung herzustellen. Da hält er sich raus. Auch den vom asta verwendete Begriff ‚Arabischer Winter‘ hält er für nicht zutreffend. Nach jedem Frühling komme nun mal der Winter. Das sei normal.

Referat:

1. Ablauf der arabischen Revolution

2. Strukturelle (ich würde sagen gesellschaftliche) Ursachen des syrischen Aufstands

3. Konfliktpunkte zwischen den verschiedenen Fraktionen

4. Entwicklungsszenarien

5. Warum wurde das Regime noch nicht gestürzt?

zu 1. An der arabischen Revolution in Nordafrika haben alle Schichten der Bevölkerung teilgenommen. Facebook-Revolution ist oberflächlich. Was alle verbindet: Gerechtigkeit, Freiheit, Würde, Respekt. Gemeinsam wird eine Reform des Staatswesens gefordert und die Erringung eines zivilen status für jeden einzelnen (Staatsbürgerschaft). Die typischen Zuschreibungen von seiten der Konterrevolution: Agenten des Westens, Djihadisten. Aber die Djihadisten seien pleite (na ja…).

zu 2. Hauptursache für die Revolution in Syrien: gescheiterte Transformation, ökonomischer Niedergang seit Jahren. Subventions- und Ausgabenkürzungen, Landflucht, Konflikt Stadt-Land, wo korrupte Gouverneure herrschen. Hauptleidtragende: ländliche Bevölkerung, Mittelschichten. Daher Zentren des Aufstands in mittleren Städten und den Vororten von Damaskus etc. Wichtig: Versuche, wie in Kairo den zentralen Platz der großen Städte zu besetzen, werden unter Maschinengewehrfeuer auseinandergejagt. Daher bleiben die Demonstrationen regional begrenzt, dort werden sie von Scharfschützen zusammengeschossen, dagegen formiert sich der bewaffnete Widerstand. Ziel ist der Sturz des Regimes. Die Militarisierung der Bewegung wird durch Deserteure vorangetrieben. Der Referent sieht folgende Eskalationsstufen:

– Bis August 2011: Eine Kombination von Konzessionen (Wahlen, Verfassung usw.) und Repression (Scharfschützen).

– Bis Januar 2012: Dominanz der Sicherheitsapparate und Schlägertrupps.

– Bis November 2012: Rein militärische Lösung.

Die militärische Lösung zeichnet sich aus durch

a. Politik der verbrannten Erde und Propaganda gegen ‚Ausländer‘, ‚Terroristen‘, ‚Djihadisten‘.

b. Der Einsatz der Armee erzeugt: Tote, Verletzte, Vertriebene. Die Armee ist eher ein Netzwerk von bewaffneten Milizen, mit dem Präsidenten als Bandenchef.

c. Politik der verbrannten Erde durch Angriffe vornehmlich auf Kleinstädte, die s.o. vom Widerstand erobert wurden. Das Militär verhält sich wie eine Besatzungsarmee. Hauptziel ist die Entvölkerung ganzer Gebiete.

Die Todesrate sei inzwischen höher als im Irak-Krieg.

zu 3. Die Kräfte gegen das Regime setzen sich zusammen aus

– der ‚zivilgesellschaftlichen‘ Bewegung: der Straße, die sich in Netzwerken organisiert.

– der politischen Opposition, die aus unbewaffneten politischen Dissidenten besteht (siehe BL[ogbuch] 1-2012: das, was das N[eue]D[eutschland] unter syrischer Opposition versteht), spielt keine besondere Rolle.

– dem bewaffneten Widerstand

Zwischen diesen Kräften nennt der Referent folgende Konfliktpunkte:

– Verhandlungsbereitschaft mit dem Regime ja oder nein?

– Militarisierung des Aufstands ja oder nein?

– Befürwortung der Sanktionen?

– Ausländische Intervention?

Der bewaffnete Widerstand besteht aus:

– Der freien Syrischen Armee = Dachverband der lokalen bewaffneten Gruppen an der Peripherie; sie ist der professionellen Armee zahlenmäßig unterlegen, erhält keine systematische Bewaffnung, sondern die Gruppen versorgen sich individuell aus verschiedenen Quellen. Der Westen, speziell die USA, halten sich noch zurück, weil sie verhindern wollen (siehe Afghanistan), daß die Stinger-Raketen den Islamisten in die Hände fallen.

– einer Guerillabewegung auf dem flachen Land

– einer Untergrundarmee, die ganze Stadtteile besetzt hat und dort das Überleben der Zivilbevölkerung organisiert.

Was den Islamismus angeht, ist der Referent skeptisch. Es fände zwar eine gezielte Rekrutierung von Sunniten statt, es handle sich in Syrien aber um keine sunnitisierte Revolte.

Zu 4. Der Referent unterscheidet zwischen verschiedenen Szenarien der Weiterentwicklung der Auseinandersetzung:

– Die Gewinnung von alawitischen Führungskräften für einen Putsch (decaptivation)

– Die somalische Lösung (das Auseinanderbrechen des syrischen Staates)

– Die jemenitische Lösung (scheinbare Machtteilung, die in Wirklichkeit alles beim Alten läßt)

– Regionale Vorherrschaft durch das Regime (kurdische Gebiete haben sich bereits separiert)

zu 5. Insgesamt bescheinigt er diesem Regime eine hohe Lernfähigkeit, die es bisher bewiesen habe, was z.B. an der Verhinderung der Besetzung von symbolisch wichtigen Räumen sichtbar wurde. Es weiß, daß es nicht so einfach gestürzt werden kann. Eine ausländische Intervention ist äußerst kostspielig; wenn, dann müßten dabei vor allem die 10 bis 15 Flughäfen ausgeschaltet werden. Das Hauptproblem mit den Djihadisten bestehe darin, daß Selbstmordanschläge hoch effektiv im Vergleich zu konventionellen Angriffen sind und daß diese daraus ihre Prestige ableiten und auf Dauer an Einfluß gewinnen könnten.

Soweit der Vortrag.

Er enthält eine realistische Einschätzung, was ihm mangelt, ist die Weltpolitik, die man sich dazu denken muß.

Die auswärtigen Mächte, die Einfluß nehmen, bleiben außen vor. Das wäre vielleicht auch ein anderes Thema, das in diesen akademischen Kreisen deplaziert wäre. Ich denke natürlich als erstes an die Rolle Chinas in der ganzen Angelegenheit, von Rußland, Iran, Israel einmal abgesehen. Preisfrage: Will (und soll) Hamas durch Raketen in Gaza, Assad in Syrien aus der Patsche helfen? usw. usf.

Soweit erst mal dieser Vortrag. Ein winziger Lichtblick in dem üblichen Grau in Grau.

[…]

U.

[1] AstA derRuhr-Uni Bochum: Arabischer Winter (15.11.2012).


H.B. an Ulrich Knaudt (22.11.2012)

Danke,

lieber Ulrich, für Deine Zeilen […]

Wir hatten ja auch schon mal einen gewissen Bruch zwischen uns – von Deiner, nicht von meiner Seite aus, da ich Deine Arbeit, wie Du wissen müsstest, Dich, außerordentlich schätze, für wichtig halte. In gewisser Hinsicht geht es mir mit D.[ieter] W.[olf]’s Arbeiten ebenso, angefangen schon, insbesondere mit seiner Arbeit zu "Hegel und Marx, Zur Bewegungsstruktur des abs. Geistes und des Kapitals" v. 1979 …

"Das Konkurrenzverhalten … des Kleinbürgers" sitzt tiefer als wirdenken – wer frei davon sich wähnt, ‚der werfe den ersten Stein!‘ – ist also eigentlich gar nichts Kapitalismustypisches und ich denke weit zurückreichender als die sog. Wert-/Waren-Logik selber, insofern Existenzbehauptung bzw. Anerkennung auf Kosten anderer nicht nur erst seit Menschengedenken, sondern schon im Tierreich (vielleicht auch schon im Pflanzennebeneinander oder womöglich der Entwicklung zellularen Lebens überhaupt eigen?) Gang und Gäbe ist. Im Kapitalismus, angesichts dessen allseitiger Produktivkräfteentwicklung, erreicht Konkurrenz wohl ihren"Kulminationspunkt" (ein Marx-Gedanke).

Wir erleben uns im/als Mittelpunkt der Welt. Wie für das Tier die Welt schlicht "Umwelt", so ebenso noch immer für das Tier Mensch. Insofern, fällt mir gerade auch auf, sind die Marxschen Ph[ilosophisch-]Ök[konomischen]M[anuskripte] wissenschaftlicher und zugleich m e n s c h l i c h e r Durchbruch (Abgrenzung von Tier, Kritik der Entfremdungsbedingungen vom Boden der m e n s c h l i c h e n (Gattungs-) Potentialität aus).

[…]

Ungeachtet dessen gehen mir unsere Besprechungspunkte weiter durch den Kopf, ohnehin wohl täglich die, die mit den "zwei Arten von Widersprüchen" zu tun haben. Einige Zitate muss ich Dir noch nachreichen (stehen in Zusammenhang mit Dieter [Wolf] und Heiner [Harbach], über die ich demnächst wieder sitzen werde).

Ich rühr mich wieder,[…] bis bald,

[…].

Mit herzlichen Gruß

H.


Ulrich Knaudt an H.B. (25.11.2012)
Betreff: BELLUM OMNIUM

Lieber H., Thomas Hobbes verlegt in der Tat den bellum omnium contra omnes in eine vorzivilisatorische, tierische Epoche der Menschheitsentwicklung. So weit will ich nicht gehen. Daher einigen wir uns auf den "Kulminationspunkt". Die Gattungsgeschichte läßt sich, wie wir wissen, erst mit Kenntnis der "Anatomie des Menschen" wissenschaftlich erklären. Diese Marxsche Dialektik, deren Ahnung auch Tschernyschewski besitzt (Die Zuspätgekommenen machen sich nach der Zerschlagung der von ihren Vorläufern übrig gelassenen Knochen über das Köstlichste, das Knochenmark her – sie belohnt das Leben und bestraft es (siehe Gorbi) nicht etwa), fehlt mir in Deiner Herleitung der Konkurrenz. Ist aber nicht so wichtig.

Zu D.[ieter]W.[olf]: ich bin mit ihm persönlich trotz unserer theoretischen Kriegs- (polemos) Zustands immer gut klargekommen, und es gibt durchaus gewisse Sympathien. Mit wem ich überhaupt nicht klar komme, ist sein Schildknappe –

[…] Ich lese grade ein nicht ganz dummes Buch über China, obwohl sehr populär geschrieben. Dort geht es auch um die Vergiftung der Luft und der Gewässer und dabei läßt sich beobachten, daß die Vergiftung des Leitungswassers erst in dem Augenblick zum ‚Umwelt‘-Problem wird, da die middle class in Beijing merkt, daß auch sie von den Folgen des Raubbaus an der Natur mittelbar betroffen ist. Erst in dem Moment wird dieser zu einer ‚Umweltfrage‘. Daß die Ausbeutung des Menschen und der Natur ausschließlich Folge der Kapitalverwertung ist und diese als der dem zugrunde liegende Widerspruch unmittelbar wirksam ist, darauf kommt die middle class weder in China noch in Deutschland. Oder besser, darauf will sie erst gar nicht kommen (sonst dächte sie nicht mehr wie die middle class!).

[…] Denn wie sich nicht verleugnen läßt, ist das Kyoto-Protokoll, über das in den nächsten Tagen neu verhandelt werden soll, eigentlich und in Wahrheit fester Bestandteil der Rettungsversuche des Kapitals vor den Folgen der Weltwirtschaftskrise, eine moderne Variante des NEW DEAL der 30iger Jahre…

In der ‚Neuen Rheinischen Zeitung‘ gibt es Passagen, worin sich Marx und Engels zum revolutionäre[n] Terrorismus bekennen. Das ist der revolutionäre Terrorismus der Jakobiner. Im Kampf der beiden Extreme revolutionäre Demokratie vs. Feudalmächte kann nur die eine über die [andere] Seite dominieren. Der beidem zugrunde liegende Widerspruch ist die Klassengesellschaft in dieser oder jener Form. Wenn also der zugrunde liegende W[ider]S[spruch] nicht gelöst werden kann (von sich aus kann er das nicht), dann ist auch nur ein Wechsel in der jeweiligen Form der Klassengesellschaft möglich. Im Unterschied dazu enthält der Klassenkampf des Proletariats mit der Bourgeoisie zwar auch dieses terroristische Moment (Lenin), aber zugleich das Moment der Aufhebung der Zwangsläufigkeit in der wechselseitigen Vernichtung der Extreme, d.h. im Kommunismus. Jetzt ist mir auch klar geworden, warum in den Debatten über das ‚Staatsrecht‘ diese Passage so wichtig gewesen zu sein scheint: weil die ML-Bewegung in dem Antagonismus der Extreme stecken geblieben ist, was auch in dem Text von Colletti zum Ausdruck kommt. Ohne Aufhebung des Widerspruchs und mit dem Steckenbleiben im Antagonismus der Extreme wird dieser schließlich so abstrakt, daß man sich, wenn man ihn nicht wie Stalin statt ihn aufzuheben, terroristisch löst, sich nach Ersatzlösungen umschauen muß. Und siehe da, eine davon ist die Ökologie, eine andere die Frauenfrage usw. usf. …

Übrigens Dein Ratzinger ist ein Hegelianer. In seinem dritten Jesus-Buch stellt er laut FAZ die These auf, daß Gott (der Weltgeist) sich nicht nur in den Dingen materialisiert hat (Spinoza), sondern die eigene Vermenschlichung in Gestalt des Christus braucht, um seine Distanz zu den Menschen zu reduzieren und sich durch den Akt der Opferung seines Sohnes (Jungfrauengeburt; bei Zeus war immerhin noch die Entjungferung im Spiel) selbst zu verwirklichen und zu sich selbst zu finden. Ist nun Ratzinger ein Hegelianer oder war Hegel ein Ratzinger?

Viele Grüße

[…]

U.


Ulrich Knaudt an H.B. (27.11.2012)
Betreff: DIE SOG. URSPRÜNGLICHE AKKUMULATION

Lieber H., […]

– Sobald ich mit den Arbeiten für meine home page fertig bin, werde ich mir meine Exzerpte zu Colletti noch einmal vorknöpfen und mir dazu abschließend was überlegen. Der ganze ML ist niemals über die ‚Hauptseite‘ von was auch immer und die ‚Ebenen‘, von oder zu denen sich der linke [Dis]Kurs hinauf- und hinabschleppt, hinausgekommen. Wie bescheuert und armselig zugleich.

– Wenn ich mich für die D.[ieter]W.[olf]-Kritik (als Paper ohne Vortrag) entscheide, bedeutet das, daß ich den Vortrag über Marx und Narodniki nicht halten werde. […]

– Vordringlich wäre dann in pM Rosdolsky zur N[]ationalenF.[rage].[1] Da er ein Säulenheiliger der Neuen Marx-Lektüre ist, gäbe es eine ordentliche Staubwolke.

Unsere Debatte hat mich wieder ordentlich aufs Fahrrad gebracht.

Viele Grüße U.

[1] Roman Rosdolsky: Zur nationalen Frage. Friedrich Engels und die geschichtslosen Völker, Berlin 1979.


Ulrich Knaudt an P.T. (02.12.2012)

[…] Ich lese gerade von F. Sieren: Angst vor China. Er schreibt einen schlechten SPIEGEL-Stil, verwendet aber Quellen, die interessant sind. Vor allem ist mir anhand meiner eigenen intensiven Zeitungslektüre deutlich geworden, wie eng China inzwischen mit der Weltwirtschaftskrise verquickt ist und daß die deutsche Außenpolitik dem voll rechnung trägt. […]

Rein ökonomisch betrachtet scheinen beide Weltmächte (der Süd-Ost-Block und der Westen), gerade was China betrifft, ökonomisch wie siamesische Zwillinge miteinander verwachsen zu sein, woraus sie sich eines Tages nur gewaltsam befreien können, um nicht gemeinsam unterzugehen…

Viele Grüße

U.


H.B. an Ulrich Knaudt (25.12.2012)
Betreff: Nachtrag

Ulrich,

schau doch noch mal bei Coletti rein [1] S. 8 bis 12, z.B.

„Die Dinge, die Gegenstände, die Sachverhalte sind immer positiv, d.h. existent und real.“

Und mir kommt’s insbesondere auch auf den Unterschied zwischen „Gegensatz“ und „Gegenverhältnis“ an, sprich i. S. v. „menschliches“/“nicht“ bzw. „unmenschliches Wesen“, „Pol“/“Nichtpol“, siehe S. 293,[2]
entspricht Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, Herrschaft des Menschen über den Menschen/Nicht-Ausb., -Herrschaft = gleich „wirklicher Gegensatz“ S. 292, beruhend auf unvereinbaren, unvermittelbaren „Gegensätzen“ gleich unvereinbarer, unvermittelbarer „Gegenverhältnisse“ ! (Weg des Kommunismus = gleich „menschliches“ = gleich kommunitäres, kommunistisches („Gegen“-) „Verhältnis“ gegenüber schlechthin (!) allen anderen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen, der Widerspruch, der Gegensatz überhaupt(!))

Auf die Schnelle Gute Nacht

[1] Lucio Colletti: Marxismus und Dialektik, Frankfurt M. Berlin. Wien 1977.
[2] Karl Marx: Zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts, MEW 1 (203-333).


Ulrich Knaudt an (27.12.2012)
Betreff: NACHTRAG

Lieber H.,

[…]

Wenn ich meine Exzerpte zum Staatsrecht und zu Colletti noch einmal durchgearbeitet habe, werde ich das, was ich […] nur andeutungsweise rübergebracht habe, auf den Punkt bringen.

By the way, seitdem ich die Marxsche Kritik am Staatsrecht noch einmal durchgearbeitet habe, ist mir einiges zur Hegelschen Dialektik und besonders zu seinen Kategorien klarer geworden.

Aber dazu dann im Zusammenhang.

[…]

U.

Veröffentlicht in Reaktionen | Kommentieren

Nachtrag zu einer nicht mehr stattgefundenen Diskussion über Dieter Wolfs Papier: Wie der Waren-, Geld- und Kapitalfetisch den Zusammenhang von gesellschaftlichem Sein und Bewußtsein bestimmt »

Diesen Text als PDF laden.

Auf dem Abschieds-Kolloquium der Marx-Gesellschaft im März dieses Jahres sollte diese verkürzte Version eines längeren Textes D.W.s diskutiert werden, den zu lesen, weil zu spät verschickt, die Zeit nicht mehr gereicht hatte. Aber auch diese verkürzte Fassung wurde dort nicht referiert, sondern D.W. hatte sich entschieden, einen weiteren Text vorzutragen, der sich hauptsächlich mit einer Kritik an Christoph Liebers Papier befaßte. Für das Kolloquium war auch die gemeinsame Lektüre von Abschnitten aus dem Kapital, darunter Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis geplant gewesen, wofür aber die Zeit nicht mehr reichte. Das wurde von D.W. wie auch von mir nachträglich bedauert, denn dadurch wäre es möglich gewesen, unsere unterschiedlichen Auffassungen miteinander zu konfrontieren. Daß diese Debatte nicht mehr zustande kam, entsprach aber auch dem Wunsch vieler Kolloquiumsteilnehmer und der verbreiteten Stimmung, auf einen versöhnlichen Ausgang dieser Veranstaltung hinzuwirken, deren Hauptzweck ohnehin in der formell korrekten vereinsrechtlichen Liquidation der M.-G. bestand, bevor man sich sehr zur Freude der RLS und der Studentenorganisation der PDL aus dem unübersichtlichen Gelände des theoretischen Klassenkampfes hinter die schützenden Mauern des akademischen Marxismus zurückziehen und gemeinsam dafür Sorge tragen wird, daß ‚Marx an die Uni‘ kommt und alle als sog. Kritiker auftretenden ‚Meckerer‘ und ‚Moserer‘ schnellstmöglich in die Wüste geschickt werden… Ich hatte einigen Diskussionsteilnehmern versprochen, meinen Teil zu dieser nicht mehr stattgefundenen Auseinandersetzung in schriftlicher Form nachzureichen, was hiermit geschieht. Allerdings ist meine Kritik an D.W.s 37-Seiten-Papier zunächst nicht über dessen erste 11 Seiten hinausgekommen, umfaßt also lediglich die ‚Prolegomena‘ zu einer Kritik an seiner Interpretation des Fetischcharakters der Ware. Die an der Diskussion Beteiligten hatten außerdem verabredet, über die Mailing-Liste der zu dem Kolloquium eingeladenen Teilnehmer weiter in Kontakt zu bleiben. Das soll mit dem Versenden dieser ‚Prolegomena‘ geschehen. Der Rest wird in absehbarer Zeit, auch auf parteimarx.org, zu finden sein.

Diesen Text als PDF laden.

Veröffentlicht in Das Kapital | Kommentieren

Zwischen zwei Einäugigen kann nur der Blinde König werden »

Inhalt

Aus einem spontanen Zwischenruf, mit dem ich mich als engagierter aber nicht unbedingt ebenso kompetenter Zuhörer auf dem Höhepunkt der Debatte zwischen Helmut Reichelt und Dieter Wolf über das Wertgesetz im Marxschen Kapital auf der Frühjahrstagung der Marx-Gesellschaft 2002 spontan zu Wort gemeldet hatte, sind diese beiden Texte aus den Jahren 2005 und 2006 entstanden, die nachträglich, um zwischen all den akademischen Marx-Experten nicht in Teufels Küche zu geraten, als non-papers in die Debatte geworfen wurden. Die Streitgespräche waren protokolliert worden, später dann nicht mehr; inzwischen hat sich die Marx-Gesellschaft im Frühjahr 2013 aufgelöst, wohl auch deshalb, weil die Crème des akademischen Marxismus den Kolloquien zunehmend fernblieb.

Zwischen zwei Einäugigen kann nur der Blinde König werden [PDF]

 

Veröffentlicht in Das Kapital, Debatte 1 | Kommentieren

Zum Text: Zwischen zwei Einäugigen kann nur der Blinde König werden »

Vorbemerkung

Zum Text: Zwischen zwei Einäugigen kann nur der Blinde König werden [PDF]

Veröffentlicht in Das Kapital, Debatte 1 | Kommentieren

BLogbuch 1 2012: Eine offene Antwort an einen (ungenannt bleiben müssenden) (Zeit-) Genossen »

Den vollständigen Beitrag als PDF-Datei laden

Inhalt

In der Offenen Antwort an einen (ungenannt bleiben müssenden) (Zeit-) Genossen wird anhand von hier eingegangen Artikeln des Neuen Deutschland (ND) untersucht, warum Die Linke sich nicht entschieden hat, ob sie auf der Seite des Völkermörders Assad oder des syrischen Volkes stehen will. Die beiden Großmächte Rußland und China stellen bisher das Haupthindernis bei einer Lösung dieses Konflikts im Interesse der überwiegenden Mehrheit der Völkerrechtsgemeinschaft und des syrischen Volkes dar, weil ihre ‚Friedens‘vorschläge lediglich dazu angetan sind, dem Assad-Regime Zeit zu kaufen und die syrische Bevölkerung weiterhin dessen Mörderbanden auszuliefern.

Die Linke hat sich die Forderung Rußlands und China zu eigen gemacht, daß die Opfer dieses Völkermords mit dem Täter in Verhandlungen eintreten sollen. Ihre bewußte Verkennung der Situation hat eine lange Vorgeschichte und beruht letzten Endes darauf, daß sie historisch keine Unterscheidung zwischen Revolution und Konterrevolution trifft und eine solche daher auch nicht in ihrer Politik treffen kann. Weil die ‚Anti‘-Faschisten mit den Faschisten auf der anderen Seite die Parenthese auf der ‚roten‘ Seite der Gleichung ‚Rot‘ = Braun gemeinsam nicht zur Kenntnis nehmen, hat das für jene gravierende Folgen, insbesondere für die Frage, wie sich Die Linke die Transformation der kapitalistischen Verhältnisse in diesem Land vorstellt, ein Sozialismus der auf die Alternative zwischen Auschwitz oder Gulag hinausläuft. Diese Perspektive schimmert durch die Beschreibung der syrischen Verhältnisse in den hier eingegangenen ND-Artikeln bereits durch und scheint in die sozialistischen Zukunftsvorstellungen Der Linken fest eingepreist zu sein.

Die Zeitungslektüre führt zu folgendem Ergebnis:

1. Das ND hat sich nicht von dem Völkermord des Assad-Regimes distanziert, sondern es fordert ebenso wie China und Rußland lediglich, daß beide Seiten in diesem angeblichen Bürgerkrieg ihre Kampfhandlungen einstellen und miteinander in Verhandlungen treten sollen. In dieser Forderung werden absichtlich Ursache und Wirkung vertauscht, um zu verschleiern, daß die syrische Regierung von Anfang an unbewaffnete (anfangs ausschließlich aus Jugendlichen bestehende) Demonstrationen des Arabischen Frühlings zusammengeschossen hat und dadurch bewußt einen Bürgerkrieg provozieren wollte; daher dient die Forderung nach Verhandlungen zwischen dem Mörder und seinen Opfern dem leicht durchschaubaren Ziel, für das Überleben des Regimes in Damaskus Zeit zu schinden.
2. Das ND, das sich in diesem Krieg Assads gegen ‚sein‘ Volk als ‚Friedenspartei‘ darzustellen versucht, bestreitet der syrischen Bevölkerung, deren friedliche Demonstrationen weiterhin von der Armee, den Geheimdiensten und staatlich organisierten marodierenden ‚Geistern‘ (shabiha) angegriffen werden, zwar nicht das Recht, sich gegen diese Angriffe, bei denen inzwischen sehr viel mehr als 10.000 Menschen umgebracht wurden, zur Wehr zu setzen. Im gleichen Atemzug werden die Teilnehmer am bewaffneten Widerstand des Volkes pauschal als Agenten des Auslands dämonisiert, mit deren Hilfe das syrische Volk angeblich vom ‚Westen‘ versklavt werden soll, obwohl es Assad selbst ist, der sich in Syrien wie eine Marionette des Auslands aufführt und im Auftrag fremder Mächte ‚sein‘ Volk tyrannisiert und abschlachtet.
3.Das ND unterstützt Rußland, China, den Iran und die übrigen BRICS-Staaten bei der Torpedierung des von den ‚westlichen‘ Staaten im Weltsicherheitsrat beantragten UN-Mandats zum Schutz der syrischen Bevölkerung vor dem Völkermord des syrischen Staates mit dem Argument, die NATO hätte bereits das Libyen-Mandat dazu mißbraucht, einen Krieg gegen das libysche Volk und nicht wie behauptet gegen Gaddafi zu führen, wovon allein der ‚Westen‘ profitiert habe. Dasselbe habe bereits für das Afghanistan-Mandat gegolten. Die in dieser Argumentation zum Ausdruck gebrachte Mißachtung der UN-Charta und die Parteinahme (ob offen oder verdeckt) für Völkermörder wie Assad, Gaddafi oder das Taliban-Regime, (dessen Anhänger inzwischen mehr Zivilisten umgebracht haben als die sogenannten ‚westlichen Eindringlinge‘ Feinde des afghanischen Volkes), unterscheidet sich im Prinzip nicht von dem völkerrechtlichen Nihilismus rechter Sozialpopulisten.
4. Das ND hüllt den üblichen Linken Manichäismus, von dem ausgehend die Welt in den bösen imperialistischen ‚Westen‘ einerseits und die guten ‚östlichen‘ und ‚südlichen‘ ‚anti-kapitalistischen‘ Feinde des ‚Neoliberalismus‘ andererseits gespalten sein soll, in ein pluralistisches Mäntelchen, damit auch die in Syrien zwischen den Fronten stehenden ‚friedlichen Oppositionskräfte‘ als ‚Stimme der Vernunft‘ Gehör finden sollen. Bei diesen handelt es sich zu einem großen Teil um die politischen Erben jener Seilschaften, die als ‚kommunistischer‘ Wurmfortsatz von ‚anti-imperialistischen‘ Henkerregimes, wie demjenigen Saddam Husseins, Gaddafis oder Assads, den Rückzug des großrussischen Sozialimperialismus aus der ‚Dritten Welt‘ überlebt haben und jetzt die Zeit für gekommen halten, sich in den anti-‘westlichen‘ Kampf der BRICS-Staaten gegen den Popanz des ‚Neoliberalismus‘ einzureihen, wozu auch die Verteidigung des Assad-Regimes gehört.
5. Daher zeigt das Eintreten des ND für die hinhaltende Verteidigung anti-‘westlicher‘ Henkerregimes, daß der ‚Bruch‘ mit dem ‚Stalinismus‘ zwar verbal erfolgt sein mag, dieser aber im Linken Sozialimperialismus und anti-‘westlichen‘ Nationalchauvinismus fortlebt und -webt, sodaß unter dem Zwang der Ereignisse und Verhältnisse eines Tages der provisorisch übergetünchte ‚demokratische‘ Lack durchaus wieder abblättern und darunter die alte sozialfaschistische Fratze zum Vorschein kommen könnte. Daher gibt es auch zwischen dem ND als Sprachrohr der ‚Friedenspartei‘ und dem ‚prinzipienfesten‘ Linken Sozialimperialismus der jungen Welt (jW) keine ernsthaften Differenzen. Eher scheint zwischen beiden Blättern so etwas wie eine pazifistisch-‘anti-imperialistische‘ Arbeitsteilung zu existieren, bei der unter Wahrung ‚linker‘ Solidarität der anderen Seite kein Härchen gekrümmt wird.

Diese antihumane Gemeinsamkeit drückt sich auch in dem zynischen Kommentar des ND zu der Forderung der deutschen Bundeskanzlerin anläßlich ihres Staatsbesuchs in China nach Einhaltung der bis jetzt noch in der bürgerlichen Gesellschaft einklagbaren Menschenrechtsstandards aus, die vom ND nicht an den tatsächlich in China vorherrschenden politischen Verhältnissen gemessen werden, sondern durch ihre Gegenüberstellung mit den ökonomischen Interessen Deutschlands relativiert werden. Damit wird jegliche Forderung nach Einhaltung dieser Standards, gleichgültig, von wem sie erhoben wird, und zumal gegenüber einem ‚sozialistischen‘ Staat, in die Nähe der Unterstützung ‚neoliberaler‘ Interessenpolitik gerückt.

Als Schlußfolgerung aus dieser Zeitungslektüre sind zwei im höchsten Grade alarmierende Tendenzen zu registrieren; zum einen gewisse Gemeinsamkeiten des Linken mit dem rechten Sozialpopulismus, die aus den Verlautbarungen der beiden neuen Vorsitzenden herauszulesen sind und zum anderen nach der eindimensionalen Deutung des Massakers in Hula durch die bürgerliche Presse (hier der FAZ) deren Anpassung an die ‚Linie‘ des ND zugunsten Assads und der von den BRICS-Staaten vertretenen ‚Friedens‘politik; diese Tendenz läuft seit der deutschen Stimmenthaltung im UN-Sicherheitsrat anläßlich der Einrichtung einer Flugverbotszone gegen die drohende Abschlachtung der libyschen Bevölkerung durch Gaddafi auf die Neutralisierung Deutschlands im neuen globalen ‚Ost-West-Konflikt‘ hinaus.

Nirgendwo ist die Diskrepanz zwischen dem hohen moralischen und menschheitsbefreienden Anspruch der Politik Der Linken und der brutalen politischen Realität bisher so deutlich zutage getreten wie in den untersuchten ND-Artikeln und -Kommentaren zur arabischen Revolution in Syrien. Mag der eine oder andere Leser in der Lateinamerika-Politik Der Linken oder der von ihr dominierten Anti-Globalisierungsbewegung noch einen ‚emanzipatorischen‘ Rest wahrgenommen haben, den sich diese aus der Erbmasse der antiimperialistischen Bewegungen der 60er und 70er Jahre auf äußerst clevere Weise zu eigen gemacht hat, so erweist sich ihre eindeutig positive Stellungnahme zugunsten der ‚Friedens‘vorschläge Chinas und Rußlands, die nur darauf gerichtet sind, einem Völkermörder für sein faschistisches Handwerk Zeit zu kaufen, als ein durch und durch sozialimperialistisches Manöver.

Den vollständigen Beitrag als PDF-Datei laden

Veröffentlicht in BLogbuch | Kommentieren

VORTRAG Marx und Černyševski – die revolutionäre Bewegung in Russland und die commune rurale »

Den ganzen Text als PDF-Datei laden

Inhalt

Anders als zunächst im Höhlenplan (REAKTIONEN 22.03.2011) angekündigt, beschäftigt sich dieser Text zunächst nicht mit der Differenz Černyševskij – Herzen, sondern mit dem Verhältnis Marx – Černyševskij, sodaß darin auch nicht näher auf den Bruch Černyševskijs mit Herzen Ende der 50er Jahre eingegangen wird, obwohl der enge Kontakt zwischen der Marxschen Partei und der Partei Narodnaja Volja, die sich Černyševskij gegenüber weiterhin verpflichtet sieht, ohne dessen Bruch mit A. Herzen und den Slawophilen wahrscheinlich niemals zustande gekommen wäre. Etwa zur gleichen Zeit beginnt Černyševskij sich mit der politischen Ökonomie und dem Utilitarismus J.S. Mills zu beschäftigen. Beides, seine Kritik an Mill und sein Bruch mit A. Herzen und den Slawophilen, bildet die Grundlage für die politische Neubewertung der russischen Populisten (Narodovolcen), die Marx und Engels im Verlauf der 70er Jahre, angestoßen durch den Streit zwischen zwischen Friedrich Engels und P.N. Tkačev vorgenommen haben.

An dieser Stelle geht es zunächst darum, den Grund für die positive Aufnahme herauszufinden, die Černyševskij Anfang der 60er Jahre mit den Anmerkungen zu seiner Übersetzung von J.S. Mills Principles of Political Economy im Marxschen Nachwort zur 2. Auflage des Kapital gefunden hat. Anhand einer Analyse der Anfangskapitel von Mills Principles und Černyševskijs Anmerkungen zu denselben wird die Frage untersucht, ob es sich bei Černyševskijs positiver Erwähnung im Marxschen Nachwort lediglich um eine Gefälligkeitsadresse aus Solidarität für einen in der sibirischen Verbannung verkümmernden großen russischen Gelehrten gehandelt hat oder ob Marx mit dem Mill-Kritiker auch bestimmte theoretische Gemeinsamkeiten teilt, die in den Brief-Entwürfen an Vera Zasulič, d.h. in seiner eindeutigen Parteinahme für die commune rurale Anfang der 80er Jahre zum Ausdruck kommen? Daraus ergäbe sich ein zusätzliches Indiz für die veränderte politische Rezeption des russischen Populismus durch Marx und Engels.

Wenn es gelingt, diese innere Übereinstimmung durch die Analyse der Texte Černyševskijs zu verdeutlichen, dann hätte das auch Auswirkungen auf das Marxsche Parteiverständnis, das im Unterschied zum sozialdemokratischen Parteiverständnis Plechanovs und Lenins daraus abzuleiten wäre. Fakt ist jedenfalls, daß die Narodovolcen, anders als Vera Zasulič in ihrem Brief an Marx zu unterstellen scheint, nicht etwa die Bildung einer reinen Bauernpartei, sondern einer Arbeiterpartei vor Augen haben, wobei sie sowohl die Arbeiter als auch Bauern als unmittelbare Produzenten begreifen, die , ob auf dem Land oder in der Stadt, nur auf verschiedenem Terrain arbeiten und um ihr Überleben kämpfen.

Aus der Analyse der Anmerkungen Černyševskijs an den ersten drei Kapiteln von J.S. Mills Principles läßt sich auch ableiten, daß es sich hierbei bis zu einem gewissen Grad um eine vor der staatlichen Zensur versteckt gehaltene politische Ökonomie der commune rurale handelt. Darin könnte einer der Gründe für Marxens Interesse an diesem Text, den er im Original studiert hat, bestanden haben. Zu den weiteren Gemeinsamkeiten wäre Černyševskis Hypothetische Methode zu rechnen, die ähnlich strukturiert ist wie häufig die Marxsche Vorgehensweise im Kapital.

Damit wäre auch der Einwand aus dem Weg geräumt, daß Černyševskijs positive Stellungnahme zum Millschen Utilitarismus Marx eigentlich hätte davon abhalten müssen, sich vorbehaltlos zu diesem großen russischen Gelehrten zu bekennen. Bei genauerer Beobachtung wird sich herausstellen, daß die Mängel der hedonistischen Werttheorie, an denen der Utilitarismus leidet, weil dieser ohne eine Analyse der Ware auszukommen scheint, woraus folgt, daß die Produzenten keine Waren, sondern Nutzen produzieren, sich in einer Gesellschaft, die so gut wie keine Warenproduktion kennt, sich materialistisch gewendet als Tugend erweisen müßten, weil sich darin die politische Ökonomie der russischen Dorfgemeinde exakt widerspiegelt, für die die Verwirklichung der Hauptforderung des Utilitarismus nach dem größten Glück der größten Zahl im Gegensatz zu Gesellschaften mit kapitalistischer Produktionsweise eine revolutionäre Forderung dargestellt hätte.

Das sind exakt jene Argumente, die Marx in seinen Brief-Entwürfen Vera Zasulič entgegenhält und die, wie sich im einzelnen nachweisen läßt, im wesentlichen auf Černyševskij zurückgehen. Marx scheint diese Argumente offenbar ganz bewußt verwendet zu haben, um der von der Partei Narodnaja Volja abgesprungenen Revolutionärin klarzumachen, was sie mit ihrer ausschließlichen Hinwendung zur Arbeiterklasse eigentlich aufgeben werde. In einer Brief-Passage geht Marx über Černyševskij hinaus, wenn er erklärt, daß die Dorfgemeinde Zeitgenossin der kapitalistischen Produktion geworden sei zu einem Zeitpunkt, da sich »dieses kapitalistische Gesellschaftssystem in Westeuropa ebensogut wie in den Vereinigten Staaten, im Kampf befindet gegen die Wissenschaft, gegen die Volksmassen und gegen die Produktivkräfte, die es erzeugt. Mit einem Wort, sie findet den Kapitalismus in einer Krise, die erst mit seiner Abschaffung, mit seiner Rückkehr der modernen Gesellschaften zum „archaischen“ Typus des Gemeineigentums enden wird…«.

Den ganzen Text als PDF-Datei laden

Veröffentlicht in Debatte 5, Debatten | Kommentieren

Reaktionen (2011) »

zurück zur Übersicht Reaktionen

Die an dieser Stelle wiedergegebenen feedbacks zum Projekt Partei Marx haben im Augenblick nur archivalischen Wert, da die eingangs geäußerte Faszination an demselben, bis auf die nachstehend dokumentierten Ausnahmen, fast auf Null gesunken ist.

Daher verweisen wir auf die REFLEXIONEN, KRITIK und DEBATTE, worin wir uns mit unseren Kritikern und Autoren kritisch auseinandersetzen, die zu der Thematik, mit der wir uns zu beschäftigen haben, in, wie wir meinen, besonderer Weise hervorgetreten sind.

Zu Dokumentationszwecken wurden einige Briefe aus der Zeit vor 2001 aufgenommen.

In der letzten Zeit (seit dem Frühjahr 2007) haben die REAKTIONEN den einseitigen Charakter einer Art ‚Flaschenpost’ angenommen, die, so ist zu hoffen, wieder einem regeren Meinungsaustausch Platz machen wird.

[Korrekturen sinnentstellender Fehler sowie Kürzungen werden in eckige Klammern gesetzt und folgen der klassischen Deutschen Rechtschreibung.]

Dieser Text ist auch als PDF-Datei verfügbar

 


Ulrich Knaudt an H.B. (22.01.2011)

Betreff: BLogbuch 3 2010

Lieber H., gerade eben habe ich die letzte Ausgabe des BLogbuchs für das Jahr 2010 ins Netz gestellt.[1] Die Lokomotive der Weltgeschichte hat manchmal Verspätung, weil der Heizer zu viele Jobs zur gleichen Zeit erledigen muß… Wenn Du auch wenig Zeit hast und der Text auch keine Gute-Nacht-Lektüre ist, würde ich ihn Dir empfehlen, […] gerade was den Antifa angeht, der darin in einem etwas anderen Licht erscheint. Nach dem Vortrag [2], den ich jetzt unter Volldampf vorbereite (dieses Textmonster hat mich viel Zeit und Nerven gekostet!), werde ich eine 2. Auflage machen, in der dann bestimmte technische Mängel verschwunden sein werden. Inhaltlich steht der Text. Besonders fachliche Ratschläge sind willkommen.

[…] Sehr wichtig war für mich der Kongreß von Anfang Dezember, von dem ich Dir ausführlich berichtet habe, durch den ich einen sinnlichen Eindruck vom momentanen Zustand bestimmter Teile der Linken erhalten habe. [3]

[…]
Herzliche Grüße

Ulrich

[1] BLogbuch 3 2010.
[2] DEBATTE 4 Das Marxsche Kapital und die Marxsche Parteilichkeit – Marx, Engels, Lenin und ihre Auseinandersetzung mit Nikolai-on, die Narodniki/Volkstümler und die Revolution in Rußland.
[3] REAKTIONEN 2010Ulrich Knaudt an H.B. (04.12.2010) ff.


Ulrich Knaudt an H.B. (14.02.2011)

Betreff: WARE UND SOZIALISMUS

Nachtrag: beim Nachschlagen eines Zitats stieß ich bei Roman Rosdolsky (Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital) auf das 28. Kapitel: »Die historische Schranke des Wertgesetzes. Marx über die sozialistische Gesellschaftsordnung 3. Das Absterben des Wertgesetzes im Sozialismus.« Es enthält eine Menge Hinweise und Zitate. Allerdings bleibt die Frage des Wertgesetzes im Sozialismus in Gestalt der S[owjet]U[nion] (bezeichnenderweise) ausgeklammert. Als einziges ein Hinweis auf Preobraženskij ‒ ausgerechnet! [1] Aber vielleicht auch typisch für den Zustand dieser Debatte bis heute.

Gruß Ulli

[1] Vgl. DEBATTE 3 Wertgesetz und Sozialismus.


Ulrich Knaudt an H.B. (22.03.2011)

Betreff: HÖHLENPLAN

Lieber H., ich vermute, Du bist gut nach hause gekommen…

Anbei schicke ich Dir, wie gewünscht, den Höhlenplan. Um ein gründliches Resümee zu ziehen, bin ich etwas zu müde. Auf jeden Fall ist mir klar geworden, daß in dieser ganzen Debatte über die Drei Ersten Kapitel [von KAP I], die Passage aus dem Staatsrecht,[1] die Du zitiert hast, des Rätsels Lösung ist, um die Probleme, die sich D.W[olf]. und H.G.B[ackhaus]. auf je verschiedene Weise machen, sich in Luft auflösen zu lassen…

[…]

Tschüß Ulli

[1] Karl Marx: Zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts MEW 1 (203-333), 295,296:
»Hegels Hauptfehler besteht darin, daß er den Widerspruch der Erscheinung als Einheit im Wesen, in der Idee faßt, während er allerdings ein Tieferes zu seinem Wesen hat, nämlich einen wesentlichen Widerspruch, wie hier z.B. der Widerspruch der gesetzgebenden Gewalt in sich selbst nur der Widerspruch des politischen Staats, also auch der bürgerlichen Gesellschaft mit sich selbst ist.«


Anhang:

Höhlenplan

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich eigentlich eher um eine Einführung in ein großes Thema, das zunächst aus der Vogelperspektive dargestellt wird, während gleichzeitig zu wichtigen Punkten eine Sonde herabgelassen wird, um die Gegend näher zu erkunden. Im Mittelpunkt meines Erkundungsprojekts steht die Kontroverse zwischen der ‚Partei Marx‘ und den ‚Marxisten‘, die bis heute andauert und spätestens seit Beginn des vorigen Jahrhunderts von den ‚Marxisten‘ dominiert wird. Weil dem so ist, kann der Ausgangspunkt, von dem ausgehend die Position der ‚Partei Marx‘ inhaltlich und historisch zu bestimmen ist, nur grob zu fixiert werden. Das wird in dem vorliegenden Text versucht.

Wer sich der Tortur unterzogen hat, diesen Text zu lesen, wird feststellen, daß auch dieser wie meine früheren Texte um das gleiche Thema kreist: Die Sassulitsch-Briefe [1] und der Marxsche Kommunismus im Vergleich mit dem seit 1917 praktizierten Sozialismus, der sich auf den Marxschen Kommunismus berufen hat. Es ist mit diesem Text wie mit der Betrachtung der Mona Lisa: es ergeben sich immer wieder andere Aspekte, je nach dem, aus welcher Perspektive ich an diesen Text herantrete und je tiefer ich in die Materie eindringe, um die es in dem Text geht.

Stein ins Wasser geworfen

Für mich war das wie einen Stein ins Wasser werfen und dann die sich ausbreitenden Welle zu beobachten: der ins Wasser geworfene Stein war die ‚Entdeckung‘ der Differenz Lenin-Marx, die ja schon lange vorher von ‚marxistischen‘ und ‚nicht-marxistischen‘ Autoren analysiert wurde, aber in den seltensten Fällen ausgehend von der Position der ‚Partei Marx‘. Was ich versuchen will, ist also, diese Differenz sowohl historisch als auch inhaltlich zu rekonstruieren, wozu ich alle Interessierten und Parteigänger der ‚Partei Marx‘ einlade.

Abstieg und Wiederaufstieg (= weitere Themenstellung)

Die in meinem Papier vorgenommenen Sondierungen [2] beziehen sich auf die erste Hälfte meines Arbeitsplans, den ich jetzt vorstellen will.

Zunächst der Abstieg:

1. Aktueller Ausgangspunkt ist die Beerdigung der Theorie des ‚nicht-kapitalistischen Entwicklungsweges‘, die Ende Januar Anfang Februar von der Facebook-Jugend auf dem Al Tahrir Platz gefeiert wurde und der Hinweis, daß diese Theorie in der 2.-Juni-Bewegung in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielte. Diese Theorie beruft sich auf die Sassulitsch-Briefe, ob berechtigterweise oder nicht, was ich an einer in den 60er Jahren stattgefundenen Kontroverse in meinem Papier beleuchte.

2. Die Theorie des „nicht-kapitalistischen Entwicklungsweges“ ist aber nur eine relativ spät stattfindende politische Nutzbarmachung der Sassulitsch-Briefe, deren Sprengkraft, die eigentlich in ihnen steckt, entschärft wurde. Wie das geschehen ist, wird am Beispiel von Verbotsschildern gezeigt, die aus den Reihen der ‚Marxisten‘ aufgestellt werden, um die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie von der Politik der ‚Partei Marx‘ zu trennen und zu isolieren.

3. Dann rekurriere ich noch einmal auf Preobraženskij, [3] einen ‚marxistischen‘ Autor der Zwanziger Jahre, der die für den Aufbau des Sozialismus erforderliche Akkumulation mit dem Wertgesetz begründet, wobei sich herausstellt, daß die von ihm als solche bezeichnete „sozialistische Akkumulation“ nichts anderes ist als

a) eine Fortsetzung des Kriegskommunismus mit friedlichen Mitteln, die

b) voll auf der Linie der 1861 dekretierten sog. Bauernemanzipation liegt.

Der Kriegskommunismus war daher ein Krieg der Bolschewiki gegen den Kommunismus der »commune rurale«, der mit ökonomischen Mitteln, aber auch mit außerökonomischem Zwang gegen diese geführt wurde. [4]

4. Die ‚Marxisten’ setzen also das Vernichtungswerk gegen die russische Dorfgemeinde, das mit dem Manifest des Zaren 1861 in Szene gesetzt wurde, ungebrochen fort. Diese fatale Entwicklung spiegelt sich in den Debatten seit Mitte der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts wider, die um die Frage kreisen, ob die Dorfgemeinde nicht schon längst so kaputt sei, daß sie nicht mehr, wie Marx in den Sassulitsch-Briefen [noch] annimmt, zum Ausgangspunkt des Kommunismus werden kann.

5. Dies hat vor allem Konsequenzen für den Parteibildungsprozeß, der zur Gründung einer Arbeiterpartei, nicht aber einer kommunistischen Partei auf der Grundlage des KM [Manifests der Kommunistischen Partei] führt. Eine solche Parteigründung wäre wegen des Vorhandenseins zweier revolutionärer Klassen in Rußland, die beide den Kommunismus anstreben, eigentlich angebracht gewesen. In dem Parteibildungsprozeß der Bolschewiki widerspiegelt sich die bis dahin geführte Auseinandersetzung der ‚Marxisten‘ mit den Narodniki, die einseitig und dogmatisch geführt wurde, weil die ‚Marxisten‘ die Bildung einer im ‚Westen‘ üblichen Arbeiterpartei anstreben, die sie dem ‚narodničestvo‘ [Volkstümlerbewegung] schematisch gegenüberstellen.

6. Die wenigen überlieferten Aussagen, die Marx im Zusammenhang mit seiner Auseinandersetzung mit der akademischen und revolutionären russischen Intelligenz zur »commune rurale« [5] gemacht hat, die auf seinen in den 70er Jahren und bis zu seinem Lebensende durchgeführten Forschungen zu den Folgen der sog. Bauernemanzipation in Rußland und den ethnologischen und anthropologischen Wurzeln dieser Produktionsform beruhen, vergleiche ich mit den seit der Februarrevolution tatsächlich stattgefundenen Wiederbelebungsversuchen der »commune rurale« durch die Bauern, die in der Vernichtung der Bauernaufstände in den Wäldern an der Mittleren Wolga enden.

7. Schließlich versuche ich mir auszumalen, ob es praktisch möglich gewesen wäre, unter der Voraussetzung der Existenz einer kommunistischen Partei, die die beiden revolutionären Klassen in sich vereint, auf der Grundlage der Politik dieser Partei die in der Februarrevolution praktisch wieder auferstandene »commune rurale« mit dem Marxschen Kapital als Blaupause zu reorganisieren, und ob es vermittels einer »Selbstregierung der Produzenten« möglich gewesen wäre, die »Commune« von Paris unter den besonderen russischen Verhältnissen in der »commune rurale« fortzusetzen. Woraus die These folgt, daß bei Realisierung der Politik der ‚Partei Marx‘ und des Marxschen Kommunismus die revolutionäre Entwicklung in Rußland nicht den Verlauf nehmen mußte, der sie in den Wäldern an der Mittleren Wolga und der Kommune von Kronstadt hat enden lassen.

8. Die Wurzeln zu dieser Kontroverse über die tatsächliche und mögliche Entwicklung der Revolution in Rußland finden sich bereits in der Differenz zwischen Tschernyschewski und Herzen, die wiederum von Marx aufgenommen wurde und ihn zu einem Umdenken in seiner Einschätzung der russischen Dorfgemeinde gezwungen hat. Dieser Umorientierungsprozeß und die dadurch eingeleiteten Überlegungen und Untersuchungen hatten zur Folge, daß Marx die Arbeit am 2. und 3. Buch des Kapital zurückstellte, was ihm Engels wahrscheinlich sehr verübelt, sich aber der Realität gebeugt und der Pflicht unterzogen hat, das vorhandene Material zu den beiden Bänden in eine lesbare Form zu bringen und drucken zu lassen, womit er der Marxschen Partei seine Referenz und einen unschätzbaren Dienst erwiesen hat.

Soweit in Thesenform der Abstieg zu den Wurzeln des ‚nicht-kapitalistischen Entwicklungsweges‘ und back to the roots [6] der ‚Partei Marx‘.

Der Wiederaufstieg, der uns schließlich wieder zurück auf die Al Tahrir Plätze der ‚Dritten Welt‘ führen wird, sieht grob gefaßt so aus:

Ausgangspunkt wäre die Auseinandersetzung zwischen Tschernyschewski und Herzen, von der ausgehend die getrennten Wege Tschernyschewskis zur ‚Partei Marx‘ und von dieser zur Annäherung an die Narodniki zu verfolgen wären, wobei es sich konkret zeigen läßt, daß es der ‚Partei Marx‘ offenbar gelingt, die Narodniki zu politisieren und sie dadurch vom Bakunismus loszueisen. Ausgehend von der Untersuchung dieses Politisierungsprozesses kämen wir dann zum Parteibildungsprozeß der russischen ‚Marxisten‘, der zur Verabsolutierung der russischen Arbeiterklasse führt und einen Rückschritt gegenüber der durch den Einfluß der ‚Partei Marx‘ gelungenen Politisierung der Narodniki darstellt. Dabei spielen die Beziehungen, die Engels zu den ‚Marxisten‘ um Plechanow auf der einen und Danielson als gemäßigtem Volkstümler auf der andern Seite unterhält, eine wichtige Rolle. Dem würde sich die Auseinandersetzung Lenins mit den Volkstümlern unter der Fragestellung anschließen, ob sich das Marxsche ‚Kapital‘ bruchlos auf das kapitalistische Rußland hat übertragen lassen. Wenn dies aber nicht oder nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen möglich war, mußte das unmittelbar Auswirkungen auf die von den ‚Marxisten‘ theoretisch konzipierte und praktisch realisierte Rekonstruktion und Transformation der russischen Gesellschaft mit dem Ziel des Kommunismus haben. Das wäre anhand der Untersuchung dieses Prozesses im Vergleich mit den ökonomischen Gegebenheiten zu überprüfen und die tatsächlich stattgefundene der von der ‚Partei Marx‘ aus möglichen und den realen Gegebenheiten Rußlands eher entsprechenden alternativen Transformation gegenüberzustellen.

Konkrete Widersprüche und Probleme

Abschließend werde ich stichpunktartig einige Differenzen und Widersprüche benennen, die sich beim Aufstieg aus der Höhle als Problem stellen werden und zu bearbeiten sind:

a. Die Differenz in der Einschätzung der Narodniki durch Marx bzw. Lenin;

b. Die Differenz zwischen dem Kommunismus der »commune rurale« und dem Sozialismus der Leninschen Genossenschaften.

Zur Klärung dieser Differenzen sind erforderlich:

1. Textanalyse und Textsituation der Sassulitsch-Briefe.

2. Ein Vergleich zwischen den Versuchen, die »commune rurale« wiederherzustellen mit dem Transformationsproblem bei Preobraženskij u.a., worin von einer (ursprünglichen) »sozialistischen Akkumulation« ausgegangen wird.

3. Der Weg der Bolschewiki zum Kommunismus über die Vernichtung der »commune rurale« in den Wäldern von Tambow und des Sowjetcharakters der Revolution in Kronstadt 1920/21.

4. Die Frage der Ursprünglichen Akkumulation:

a. bei Preobraženskij als Fortsetzung von 1861 = ursprüngliche Akkumulation mit nicht-außerökonomischer Gewalt. Werkzeug: Werttheorie + 24. Kapitel im KAP.

b. als „Zweite Revolution“ Stalins, die darüber hinausgehend einen Bruch mit 1861 nach rückwärts = Tartarisierung der Bauern (siehe Rudi Dutschke) vollzieht.

5. Vorläufiges Fazit: der für die Zerschlagung der Politik der ‚Partei Marx‘ und die Exekution der Vernichtung der Bauern als Klasse verantwortlich gemachte ‚Stalinismus‘ läßt sich nicht ‚demokratisieren‘ sondern nur komplett ‚abschalten‘.

Zum Vergleich Pariser »commune« und »commune rurale«:

Die »commune rurale« befindet sich [seit Februar 1917] von mindestens zwei Seiten her im Belagerungszustand zwischen Revolution und Konterrevolution. Daß sie sich nicht für die [Oktober-] Revolution entscheidet, liegt nicht primär an ihrem konterrevolutionären Charakter, der sie daran gehindert hätte, dies zu tun, sondern an der Proletarischen Revolution, die sich nicht für die »commune rurale« entschieden hat. Dadurch wurde der Kampf gegen den zaristischen Patriarchalismus innerhalb der Dorfgemeinde erschwert und die spontane Hinneigung zum archaischen Kommunismus, der in der Produktionsform der »commune rurale« angelegt ist, gedämpft. Die russische „Commune“ wird nicht von der Konterrevolution, mit der sie ganz gut selbst fertig werden konnte, sondern von der Revolution zerstört, worin die negative Entwicklung der [Oktober-]Revolution vorweggenommen ist und worin Lenins böse Vorahnungen bestätigt werden.

Der Kriegskommunismus der Bolschewiki ist ein Krieg gegen den Kommunismus der »commune rurale«, weil sie diesen als Konkurrenzunternehmen zu ihren im Ansatz scheiternden Genossenschaften (in der Tradition Lassalles und Kautskys) verstehen, und in deren Wiederauferstehung sich die Aussagen, die Marx zur russischen Dorfgemeinde gemacht hat, bestätigt werden.

Marx und die »commune rurale« (Textprobleme)

1. Das Problem der textlichen Hinterlassenschaften und deren wissenschaftliche Aufarbeitung: verstreute Texte, Exzerpte, Briefe, Notizen.

a. Sassulitsch-Briefe und Brief an Otečestvennyje Sapiski (Vaterländische Aufzeichnungen) und Nachwort in KAP I zur russischen Ausgabe gehören zu den wenigen zusammenfassenden Texten.

b. Briefwechsel

− mit Russen (wie Danielson, und den russischen Mitglieder der Internationale und führenden Narodniki)

− mit Dritten über Rußland.

2. Diese textlichen Zeugnisse werden seit langem aufgearbeitet und historisch und inhaltlich abgehandelt und in ihrem inneren Zusammenhang gedeutet. Sowohl im akademischen wie politischen Bereich.

3. Das Material der wichtigsten russischen Autoren, das eine wichtige Quelle darstellt, wurde, angefangen von Tschernyschewski und Herzen nur zu einem Bruchteil in westeuropäische Sprachen übersetzt. Gerade die politischen Texte [!] sind nicht übersetzt worden.

4. In der 2.-Juni-Bewegung gab es unterschiedliche Motivationen und Ausgangspunkte dafür, sich mit dieser Frage zu beschäftigen − 60er Jahre: ‚nicht-kapitalistischer Entwicklungsweg‘ (NKE)

− „Studentenbewegung“: Volkstümler

− ML-Bewegung: Von der Oktoberrevolution zum Realen Sozialismus

− SDS: Für eine neue K[ommunistische]I[nternationale] etc.

Kommunistische oder Arbeiterpartei:

Hinter den in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts zunehmend enger werdenden Beziehungen zwischen der Marxschen Partei und den Narodniki steht die Differenz Herzen – Tschernyschewski. (Panslawismus-Antizarismus)

Zugleich wird in der Zeit nach der Pariser Commune mit dem Studium der »commune rurale«, zwischen 1871 und 1881 (Attentat auf Alexander II.), das durch ethnologischen Studien vertieft wird, [von Marx] der einzigartige kommunistische Charakter (i.G. zu dem von Herzen festgestellten einzigartigen russischen Charakter) der russischen Dorfgemeinde verstärkt wahrgenommen. Um die Sassulitsch-Briefe in einen größeren Zusammenhang zu stellen und ihnen den zufälligen Charakter zu nehmen (Rjasanov: …K.M. wäre gerade schlecht drauf gewesen…), muß die Differenz Herzen – Tschernyschewski in Hinblick auf die Verschmelzung der Marxschen Partei mit derjenigen Tschernyschewskis aufgearbeitet werden.

Was heißt heute Erforschung des Kommunismus?

Der Weg in die Höhle:

− Entweder eine Neuauflage der Oktoberrevolution vs. einen durch R[osa].L[uxemburg]. demokratisierten ‚Stalinismus‘ mit der Perspektive eines Kommunismus auf der Grundlage eines modernisierten asiatischen Kapitalismus (Asiatische Produktionsweise)

− Oder eine Weiterentwicklung des Marxschen Kommunismus mit dem KM [Manifest der kommunistischen Partei] als programmatischer Grundlage und dem KAP [Kapital] als Blaupause für den Kommunismus, dessen Erforschung weitestgehend wegen der Hegemonie des Lenin-Stalinschen gegen die »commune rurale« gerichteten Entwicklungsweges verstellt und unerforscht ist.

− Der Irrweg des ‚Marxismus‘ zeigt sich z.B. in der N[ationalen]F[rage] (worin sich Leninismus und Proletarischer Internationalismus oberflächlich miteinander vereinbaren lassen, wobei aber durch die Behandlung derselben als Demokratie-Problem die Tiefendimension in Gestalt der B[auern]F[rage] verdeckt wird).

− Die Differenz Marxsche Partei – ‚Marxismus‘ ist in Breite und Tiefe in dieser Hinsicht (in Bezug auf den zukünftigen Kommunismus) unerforscht.

− Nicht zuletzt die Frage: was ist Marx an der Klärung seiner Differenz mit Herzen und der Erforschung der Bauernfrage so wichtig gewesen, daß er seinen Genossen, Freund und Mäzen Engels das KAP nur als Torso hinterlassen hat?

Der Weg aus der Höhle

Rekonstruktion der Zukunft des Kommunismus aus seiner (primären und sekundären) Vergangenheit als Kampf zwischen dem (kollektiven) Marx und dem ‚Marxismus‘ macht das Vorhandensein eines Höhlenplans (Kritik der politischen Ökonomie) für die Erforschung und die Rückkehr der Menschheit aus der Höhle des Kapitalismus notwendig und dringend erforderlich.

Epilog

Mit Tschernobyl wurde das Ende des Realen Sozialismus eingeläutet. Wird mit dem GAU in Fukushima eines Tages dasselbe über das Ende des Kapitalismus gesagt werden können? Bezeichnend ist, daß die Börsenkurse der europäischen Energieunternehmen bei der Explosion der AKW-Dächer gefallen, die Kurse für japanische Industrieunternehmen dagegen gestiegen sind. Noch nie stand der Kapitalismus bis auf den Kern seiner Widersprüche entkleidet so nackt da.

Aber wenn die Atomkraft mit dem Kapitalismus unvereinbar ist, wäre sie dies dann auch mit dem Kommunismus? 1986 wurde ihre tatsächliche Unvereinbarkeit mit dem Realen Sozialismus von der Ökobewegung verdrängt.

Aber was war das für ein Sozialismus? Heute haben bestimmte Kreise der Bevölkerung, die sich in dem puren Vorhandensein eines AKWs darin gestört sehen, sich im real existierenden Kapitalismus weiterhin wohnlich einzurichten, schon eine klare Meinung dazu. Für mich ist diese Frage noch nicht endgültig geklärt. Ich tendiere aber, weil es sich um eine Frage der Naturbeherrschung handelt, dazu, daß auch der Kommunismus, der die gesellschaftlichen Widersprüche beherrschbar gemacht hat (was ja sehr viel schwieriger ist, wie bisher die Vergangenheit zeigt), auch die Widersprüche mit und in der Natur zu beherrschen lernen wird. Allerdings könnte dabei auch die Menschheit zugrunde gehen. Aber mit diesem Risiko müssen wir lernen zu leben und die dazu passenden Produktionsformen erkämpfen.

[1] Vgl. dazu STREITPUNKT 1 Über die folgenschwere Folgelosigkeit der Einschätzung der russischen Bauerngemeinde und ihres Verhältnisses zur Revolution in Westeuropa durch Karl Marx; DEBATTE 4 Das Marxsche „Kapital“ und die Marxsche Parteilichkeit. Siehe die dortigen Literaturangaben zu in diesem Text nicht näher erläuterten Begriffen.

[2] Siehe DEBATTE 4 Das Marxsche „Kapital“ und die Marxsche Parteilichkeit.

[3] Siehe auch DEBATTE 3 Wertgesetz und Sozialismus. Nachtrag.

[4] DEBATTE 3, 25; DEBATTE 4, 17.

[5] DEBATTE 4, 21 ff.

[6] KOMMUNISMUS [2001] Ein Gespenst geht um in Europa.


Ulrich Knaudt an H.B. (16.04.2011)

Betreff: BLUTMILCH

Lieber H.,

herzlichen Dank für die »Blutmilch«. [1] Nach der Lektüre der ersten Seiten wird für mich überdeutlich, wie unterschiedlich das Leben, das der Autor als eine sich über Generationen erstreckende Reihe von bäuerlichen Biographien wahrnimmt und dasjenige eines Städters, wie ich einer bin, sich darstellt. Ich bin zwar (von 3 bis 13) auf dem Land groß geworden, habe aber ‚inhaltlich‘ erstaunlich wenig von der Landwirtschaft mitbekommen, weil ich als „Zugereister“ die ganze Angelegenheit nur von außen wahrnehmen konnte. Welch eine Erlösung war der Umzug in die Großstadt, dazu noch das Berlin von vor der Mauer…

Aber ganz stimmt das natürlich nicht. Unterschwellig habe ich, abgesehen von der üblichen und typischen (auch ganz schön schmerzlichen) Diskriminierung der „Flüchtlinge“ durch die Dorfbewohner, wohl doch eine Menge Bäuerliches in mich aufgenommen, ohne mich damit bewußt beschäftigt zu haben…

Zu Deinen Notizen: In Punkt 4 würde »unmittelbar« im Zusammenhang mit »kommunistische Entwicklung« die Sache auch in Deinem Sinn verdeutlichen. Thesen sind immer Verkürzungen und gleichzeitig der Versuch, vieles unter einen Begriff zu subsumieren. Zu Punkt 3: »nicht-äquivalenter Tausch«. Dieser ist keine Erfindung von mir, sondern stammt von Preobraženskij.

Dazu Zitate aus meinen Exzerpten zu seiner »Neuen Ökonomik«: [2]

Zu den Begriffen »Ausbeutung«, »Kolonie« und der angeblichen Behauptung, der Arbeiterstaat besäße Kolonien (253):

Zunächst bekennt sich E. Preobraženskij zu dem Prinzip, daß der Arbeiterstaat den nicht-äquivalenten Tausch mit den ehemaligen Kolonien einstellen und Beziehungen auf neuer Grundlage herstellen muß; damit werden koloniale Sklaverei, nationale Ungleichheit und nicht-äquivalenter Tausch abgeschafft. »Der nicht äquivalente Tausch wird aber insofern bestehen bleiben, als er mit den allgemeinen Verhältnissen zwischen dem Sozialismus und den vorsozialistischen Wirtschaftsformen zusammenhängt. Mit anderen Worten: nicht die | bäuerliche Wirtschaft befindet sich in der Lage einer Kolonie, sondern alle Kolonien befinden sich in der Lage einer bäuerlichen, kleinbürgerlichen Wirtschaft im allgemeinen, insofern die Wirtschaftsstruktur einer Kolonie mit diesem Wirtschaftstyp wegen ihrer Rückständigkeit identisch ist.«

(39): »Wir führen nichtäquivalenten Tausch mit dem Dorf durch, wir haben einen genau festgelegten Importplan, mit dem Ziel, das gegebene System zu reproduzieren…«

Es finden sich noch eine ganze Reihe weiterer Zitate dieser Art, die eindeutig die Auffassung vom »nichtäquivalenten Tausch« bei Preobraženskij belegen. Ich denke, das Prinzip, das dahintersteckt, ist klar, was durch die Gegenargumente des Gegenspielers Preobraženskijs, Bucharin, zusätzlich verschleiert wird, da auch dieser über kein Mittel verfügt, dieses aufzuheben. Soweit dazu (genauer und ausführlicher: DEBATTE 3 Vortrag und Nachtrag).

Ich hatte zunächst technische Schwierigkeiten, Deine Mail zu entziffern.[3] […] Dein Duktus erinnert mit an Thomas Müntzer (was ja auch gut in den Zusammenhang paßt). Aber Frage: reicht das politische Instrumentarium eines Thomas Müntzer hin, um die Probleme des Kommunismus im 21. Jahrhunderts zu klären? Ich habe bei aller Sympathie für Deinen leidenschaftlichen Müntzer-Stil da meine Zweifel. Durch all die staatlicherseits bekundete [Atom-]Ausstiegsheuchelei und Irrationalität fühle ich mich geradezu provoziert, dafür zu votieren, daß neue AKWs gebaut werden, aber nur unter der Voraussetzung der eindeutigen Klärung der Endlagerfrage, die die Grünen (+SPD) äußerst geschickt und mit großer Perfidie jahrzehntelang auf die lange Bank geschoben haben. In diesem Zusammenhang erscheint der ‚Klimawandel‘ und die ‚erneuerbare Energie‘ tatsächlich als eine einzige „große Erzählung“ von Regierung, Staat und Kapital, als ein Programm zur Kapitalvernichtung bzw. ein new deal, um dem Kapital über die Weltwirtschaftskrise hinwegzuhelfen! Seien wir nicht naiv und sehen wir die Sache mit den Augen des Kapitals: Fukushima hat gezeigt, daß die windfall profits aus den bereits abgeschriebenen AKWs als Gelddruckmaschine unter den bisherigen Voraussetzungen nicht mehr zu haben sind, sondern größere Risiken als gedacht für das Kapital in sich bergen. Tepco wird verstaatlicht oder kommt unter den Hammer wegen des Schadensersatzes, den die Firma zahlen muß. Also muß das Kapital auch in Deutschland vorsichtshalber den Fuß vom Gas nehmen und kleinere ‚erneuerbare‘ Brötchen backen…

Es ließe sich sehr leicht die ‚große Erzählung‘ der Ökologie-Debatte in die entsprechenden schlichten wirtschaftlichen Tatsachen rückübersetzen und dann sehen, wie diese von den politischen Parteien in kleine Häppchen zerlegt an die Wähler verfüttert werden. Aber das en détail vorzuführen, verschieben wir auf später…

Sei mir herzlich gegrüßt und noch einmal herzlich bedankt für das Buch, das jetzt auf meinem

Nachttisch liegt.

Ulli

[1] Romuald Schaber: Blutmilch. Wie die Bauern ums Überleben kämpfen, München 2010.

[2] E. Preobraženskij: Die neue Ökonomik, Berlin 1971.
[3] Strafanzeige gegen die Bundesregierung wegen Atomkraft bei 3. Mahnwache auf dem Stadtplatz in Traunstein am Montag, 28.3.11 um 18 Uhr. http://gradaus.de


H.B. an Ulrich Knaudt (16.04.2011)

Betreff: AW: BLUTMILCH

Lieber Ulrich,

nur ganz kurz – leserlich.

1. Unterscheidung zwischen Theoriearbeit und deren Umsetzung in sog. „Massenbewegungen“, besser mit sog. „einfachen“ Leuten mit „dem Herzen am richtigen Fleck“. Man muß ihnen aufs Maul schauen, besser in die „Seele“, d.h. in die andere Seite derselben hinein (die eine ist’s „Kapital“! – bei allen, allein um ihrer „scheinselbstständigen“ Existenz willen: »..wenn man von Privateigentum spricht, so glaubt man Es mit einer Sache außer dem Menschen zu tun zu haben … Aber wenn man von Arbeit spricht ….«; [MEW] EB 1 S. 521). [1]

2. Ich bin lieber mit Leuten vom Schlag Th. Müntzer zusammen als mit Attaci’s, Grünen oder Linken und Linken Theorieschwätzern. Ich lern‘ – mit Marx – von ihnen mehr als anderswo…

3. Die »Frage: reicht das pol.[itische] Instr.[ument] eines Th.[omas]M.[üntzer] hin…« stellt sich für mich gar nicht, denn zweifelsohne natürlich nicht– der Unterschied zu ihnen, ihnen gegenüber (ja auch „Gegensatz“ und womöglich „Widerspruch“) ist wesentlich, genau so aber auch die Basis von Gemeinsamkeit des Empfindens, unmittelbaren (aber noch unvermittelten) Denkens. Ohne jene gemeinsame Basis mit jenen Gebeutelten kannst den ganzen Kommunismus vergessen, findest ihn nirgends, schon gar nicht als die „objektive Bewegung“ (Marx) außer in einem „theoretischen“ Himmel eines verbürgerlichten Akademismus. Meine »Leidenschaftlichkeit« teile ich mit jener Basis – Marx: der Mensch ist ein »leidenschaftliches Wesen«, da von seinesgleichen und der gegenständlichen Natur abhängig, wovon, wodurch er ist, lebt. Und dies spüren zweifelsohne – noch – die Müntzers, im Unterschied zu anderem „Gesinde“.

4. Jene Müntzers nehmen die Ideale von „Brüderlichkeit“ noch immer ernst – zu Recht. Man darf sie qua Kapital-Besetzung/Okkupation nicht verwerfen. Marx macht gerade nicht den Fehler – wie so viele elitäre Linke, das Kind mit dem Bade auszuschütten: »Wir sehn hier, wie der durchgeführte Naturalismus oder Humanismus sich sowohl von dem Idealismus, als dem Materialismus unterscheidet und zugleich ihre beide vereinigende Wahrheit ist« (ebenda, S. 577). Und ihrer beide »vereinigende Wahrheit« besteht in einer vom Kapital gepanzerten unmittelbaren (unvermittelten) Unmittelbarkeit – die sich womöglich nur noch als naive regredierte „Sehnsucht“ in Kitsch und sonstigen Vergnügungsmist ausdrückt. »Hegels Hauptfehler« ([MEW] Bd. 1, S. 292 ff.) [2], daß die »Idee« ein Tieferes zu seinem Wesen hat, nämlich »einen wesentlichen Widerspruch«, heißt, diesen Widerspruch deutlich zu machen, dem wir alle unterliegen (allerdings mit einem zugleich wesentlichen Unterschied / Widerspruch: »Die besitzende Klasse und die Klasse des Prol.[etariats] stellen dieselbe menschliche Selbstentfremdung dar. Aber …« ! ([MEW] Bd. 2, [Die] Hl. Fam.[ilie], S. 37,38) Es wäre fatal, den Widerspruch gegen die (negative wie die positive) Einheit – der durch sie und sie durch ihn ist – auszuspielen. Der ganze „linke“ wie „rechte“ sog. „Kommunismus“, seine ganze Korruption läßt sich daran, damit und dadurch erklären.

5. Dein Zitat von Pr.[eobraženskij] unter Punkt 3 ist „super“, grundlegendst. »Nicht-äquivalenter Tausch« als solcher aber zumindest doppeldeutig: Einmal auf der Grundlage eines bereits allgemeinen Waren-/Äquivalententauschs. Und eines diesem vorgängigen noch nicht; daher die Thematik des (feudalen) „Tributs“ oder wie auch immer. Wir hatten bereits die Diskussion. Beiden allerdings ist gemeinsam, daß „Tausch“ doch stets den Schein von Äquivalenz erzeugt, damit den Tatbestand der Ausbeutung verdeckt!

6. »Leidenschaft«muss überhaupt nicht auf Kosten von Klarheit in puncto Theorie und Analyse gehen.

Im Gegenteil.

Deine Einschätzung, was Du nach Endlagerung und Grüne/SPD sagst, geht völlig in Ordnung, richtig, sehr gut, völlig „dakor“.

Aber wenn Du mit der Wahrheit nicht in Deinem Kämmerlein hocken bleiben willst, sondern draußen mit Menschen als Menschen umgehen willst, dann geht es schlicht und einfach nicht anders als daß du da anzusetzen hast, was in den Köpfen (zunächst) dominiert, um daran dann die Dinge auf den Punkt, d.h. auf den tieferen Widerspruch zu bringen, um dann Marx-Partei dagegen zu halten…

Hab’s versucht mit »Kapitalismus von Staats wegen!«…

Ich brech‘ jetzt einfach ab. Milchblut liegt auf Deinem Nachttisch ‒ richtig.

Natürlich reicht’s nicht. Aber was erwartest Du ? Soll Dir denn der Kommunismus der Menschen, solcher, die ihn noch wenigstens irgendwie im Herzen haben, wie im Schlaraffenland die Früchte schon mundgerecht zufallen?

Haben nicht wir selber auch noch genug Mauern einzureißen ebenso wie sie, nicht weniger als sie, zusammen mit ihnen, angesichts der ganzen wirklichen Scheiße um und in uns herum ?

Stehen wir nicht ganz genau so mitten drin ?

Leider fühlen sich noch viel zu viele darin noch viel zu wohlstandsgerecht „cool“ und wohl, über jene stehend, über sich, über allem ‒ ihre Entfremdung von sich selbst, vom anderen … von seiner und seiner äußern Natur, deren Teil, Wesen er doch selber ist, gar nicht mal mehr wahrnehmend.

Ganz herzlichen Gruß

H.

[1] Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte MEW EB 1 I (467-588).
[2] Karl Marx: Zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts MEW 1 (203-333).


Ulrich Knaudt an H.B. (24.04.2011)

Betreff: ÖKOSOZIALISTISCHER STAMOKAP

Lieber H.,

[…] Du schreibst unter 6., daß Du mit meiner Einschätzung zu den Grünen, Endlagerung usw. vollkommen einverstanden bist. Wenn dem so ist, frage ich Dich, welchen politischen Sinn dann Deine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft gegen die Merkel gehabt haben soll? Eine Aktion, die nach meiner Einschätzung einen qualitativen Sprung in Deiner mir bisher geschilderten politischen Praxis darstellt! Denn es macht einen entscheidenden Unterschied, ob wir auf öffentlichen Versammlungen unseren Marxschen Standpunkt vertreten, wobei man sich den dort herrschenden pluralistischen Spielregeln zu unterwerfen hat oder ob wir uns auf dem reißenden politischen Mainstream mit seinen links-sozialimperialistischen Strudeln und reaktionären Untiefen und seinem ökofaschistischen Gegurgel treiben lassen oder meinen, gefahrlos darauf herumsurfen zu können. Was das eine betrifft, habe ich meine skeptischen Einwände mehrfach vorgetragen. Zu dem anderen habe ich bisher (weil reichlich geschockt) geschwiegen, bzw. bisher nur zu dem Müntzerschen Duktus Deiner halsbrecherischen Höllenfahrt Stellung genommen.
Da wir bisher ein offenes (= undiplomatisches) Verhältnis zueinander unterhalten haben, lasse ich auch jetzt jede Diplomatie beiseite und komme zum politischen Kern der Sache, zu dem Du bereits als Reaktion auf meine skeptischen Interventionen zum Thema: Statements auf öffentlichen Versammlungen, vorbeugend reagiert hast, wenn Du schreibst: »Ohne jene gemeinsame Basis mit jenen Gebeutelten kannst Du den ganzen Kommunismus vergessen, findest ihn nirgends, schon gar nicht als die „objektive Bewegung“ (Marx) außer in einem „theoretischen“ Himmel eines verbürgerlichten Akademismus.« Frage: Muß ich dieses »Du« so deuten, daß es sich dabei um unseren Hauptwiderspruch handelt, den Du Dich jetzt entschlossen hast bei den Hörnern zu packen, um ihn nach der ‚praktischen‘ Seite hin zu lösen, weil dessen Lösung durch unsere bisherige Beschränkung auf den »verbürgerlichten Akademismus« verstellt war? Ich hoffe, daß das nicht der Fall ist. Denn das widerspräche allem, worin wir bisher über das Projekt partei Marx Übereinstimmung erzielt haben (bei naturgemäß offenen Differenzen in dieser oder jener theoretischen Frage). Der ganze Sinn dieses politischen Projekts besteht doch darin, gerade jenen Scheinantagonismus wie er von Dir zwischen der angeblich gemeinsamen »Basis mit jenen Gebeutelten« und dem »verbürgerlichten Akademismus« politisch aufgestellt wird, aufzuheben. Das wird aber nicht funktionieren, wenn man sich auf Deine Alternative »verbürgerlichter Akademismus« vs. gebeutelte ‚Wutbürger‘ überhaupt einläßt. Damit wäre jede kommunistische Strategie den Bach runter gegangen.

Zweifellos gehören jene »Gebeutelten« als Angehörige der zwischen den antagonistischen Klassen stehende Schichten momentan zu den Hauptverlierern der, wie es den Anschein hat, sich alle 80 Jahre wiederholenden Großen Weltwirtschaftskrise, auf deren Höhepunkt wir uns mit wachsender Geschwindigkeit zubewegen. Aber anders als Anfang der 30er Jahre, scheint die Arbeiterklasse diesmal auf der sicheren Seite zu stehen, weil sie noch an der allein in Deutschland (und vielleicht noch in Frankreich) vorherrschenden Scheinkonjunktur ‚teilhaben‘ darf. (Aber gerade wenn die Arbeiterklasse zeitweise Zugang zu der Luxuskonsumtion der Bourgeoisie hat, ist dies nach Marx ein sicheres Zeichen für den bevorstehenden Crash!) Wer anderes hat die bei 36% liegenden Schwarzen in Ba-Wü gewählt als diese lohnarbeitenden Luxuskonsumenten? Auf jeden Fall nicht die ‚Wutbürger‘ und rebellischen Bauern (allenfalls deren ‚rechter‘ Bodensatz), sondern jene noch in Lohn und Brot stehenden Lohnarbeiter, die die Partei ihres Patrons wählen, der ihnen bisher ‚Arbeit gab‘. Und wenn Du Dich (im Gegensatz zu dem wieder einmal stattfindenden deutschen Sonderweg) in ganz Europa umschaust, wurde in den letzten 5 Jahren überall ‚Rechts‘ gewählt, selbst in dem aus Tradition rebellischen Italien oder dem traditionell sozialdemokratischen Schweden und England. Und selbst wenn Sozialisten, wie in Griechenland oder Portugal und Spanien die Regierung stellen, unterscheidet sich ihre Politik kaum von der Merkelschen. Fazit: diese arbeiteraristokratischen Lohnarbeiter stellen zwar in ihrer Mehrheit keinen revolutionären Faktor dar, aber auch keinen konterrevolutionären – im Gegensatz zu dem ‚linken‘ Konglomerat aus grünen ‚Wutbürgern‘ und radikalen ‚Parkwächtern‘!

Soll die Masse der Lohnarbeiter, die für die Produktion und Reproduktion des Kapitals ‚sorgen‘, etwa zusätzlich jene grün-rosa-rote neue Bourgeoisie und deren neue Elite aushalten, von der sie nicht nur die Steigerung ihrer Abzüge über die magische Grenze von 50%, sondern zusätzliche ‚umweltfreundliche‘ Einschränkungen ihrer unmittelbaren Lebensbedingungen (Rauchverbot, Sparlampen, Energiewindmühlen, ökologische Verpackung der Mietshäuser und weiteren ‚wutbürgerlichen‘ ökofaschistischen Quatsch!) zu erwarten haben?[1] Sarrazins Nicht-Hinauswurf aus der SPD als deutliches Indiz, daß der Kurs der Parteilinken gescheitert ist und die SPD das Ruder wieder rumzureißen versucht hin zu ihren abhanden gekommenen Wählerschichten!

Aber nach Fukushima ist jene neue gemeinsam mit der alten Elite dabei, in einer Großen Super-Koalition die alte BRD zu Tode zu regieren, indem sie den gescheiterten Versuchen der politischen Quadratur des Kreises weitere hinzufügt, wofür sich haufenweise Beispiele anführen lassen. Hier nur eine kleine Auswahl: Der von den Grünen aus ‚klimakatastrophalen‘ Gründen zur Norm gemachte Biosprit erzeugt außer einer ‚negativen Klimabilanz‘ vor allem endemische Hungersnöte in Ländern wie Mexiko etc. Abgesehen davon werden durch die damit einhergehenden Monokulturen die Böden ausgelaugt und zusätzlicher Urwald in Brasilien gerodet. Es wird also, das, was man eigentlich verhindern wollte (Klimakatastrophe), eher potenziert. Die Windmühlenenergie macht den Bau von zusätzlichen Staubecken in idyllischen Bergregionen erforderlich, um Energiespitzen auszugleichen, bei dem all die possierlichen Tierarten, die der BUND immer ins Feld führt, um z.B. ein halbfertiges Kohlekraftwerk in Datteln zur Neubauruine zu machen, auf einmal keine Rolle mehr spielen. Ganz abgesehn von dem Landschaftsverbrauch, der für zusätzliche Stromtrassen und Windmühlenparks erzeugt wird, woran die örtliche Tourismus-Industrie, die nicht zuletzt ein Zubrot für Niedriglohn-Regionen darstellt, vor die Hunde geht… Die Liste ließe sich beliebig verlängern.[2] Die neue grüne Bourgeoisie ist wie die alte eine Metaphysikerin. Sollten wir denn nicht die Dialektiker gegen all diesen metaphysischen Unsinn sein?

Während die Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert sich auf bestimmte Kernregionen konzentrierte, wird Deutschland durch diese neue New-Deal-Wirtschaftspolitik (FAZ: New Deal [3]) zu einem riesigen Industriepark umgebaut. Gleichzeitig zerfallen die klassischen Industrieregionen im Ruhrgebiet, Saarland etc. Was heißt das? Die neue und die alte schwarz-gelbe/rosa-rote/rot-grüne Elite scheint heute nicht nur in der UNO Rußland, China und einem Gangster wie Gaddafi politisch näher zu stehen als dem ‚Westen‘. Ihre ganze Politik scheint darauf hinauszulaufen, sich als bisher vom ‚Westen‘ im Zaum gehaltene ehemaligen faschistische Weltmacht ökosozialistisch (‚Abschalten!‘) und politisch von der Gnade Rußlands (Gazprom) und Chinas direkt abhängig zu machen. (FAZ, 21.04. [4]) Dem entspricht auf der anderen Seite des Atlantiks ein wachsender Isolationismus, der sich bei der bisherigen deutschen Anlehnungsmacht ausbreitet. Dadurch wird auch von dieser Seite der vorherrschende politische Trend noch verstärkt. (Obama war zwar als Wahlkämpfer in Berlin, aber nicht als Präsident…) Dieser neue ‚Ost-West-Konflikt‘ entscheidet sich momentan in Libyen und Syrien, den bisherigen russisch-chinesischen Satrapien im Nahen Osten und in Nordafrika… (AJ: China – Libyen [5])

Deutschland als einstige treibende Kraft bei der Auslösung des Zweiten Weltkriegs (der eine unmittelbare Folge der Zweiten Großen Weltwirtschaftskrise war) hat keinen Friedensvertrag, sondern nur eine gewisse Scheinsouveränität in einem lächerlichen paper of understanding zwischen den bisherigen Besatzungsmächten zugestanden bekommen. Mehr nicht! [6] Die Facharbeiter (aus denen der Großteil der modernen Arbeiterklasse in den „imperialistischen Metropolen“ nun einmal besteht), die bisher die Schwarzen und immer weniger die SPD gewählt haben, wollten sich dadurch bei der Bourgeoisie gegen den Status quo und für die Stärkung des ‚Standorts Deutschland‘ rückzuversichern, indem sie z.B. [1990] nicht Lafontaine (eine Agentur von wem auch immer!), sondern die ‚Wiedervereinigung‘ wählten. Aber die Bourgeoisie betreibt kein Rückversicherungsgeschäft. Diese Illusion kann die deutsche Facharbeiterklasse nach der Libyen-Stimmenthaltung in der UNO gut und gerne abhaken. Das Kapital hat den ‚Standort Deutschland‘ nach China verlegt, dessen ‚Wirtschaftswunder‘ ihm bisher über die unmittelbaren Folgen der ‘Finanzkrise‘ hinweghalf und für den dieses nun bereit ist, einiges moralisches Kapital zu opfern, mit dem es bisher solche Staaten mit mehr oder weniger Erfolg politisch erpreßt hat. (FAZ: Kotau [4])

Während die alten Ententemächte (GB., Fr.) und die alte Kolonialmacht (It.) für einen Sturz Gaddafis plädieren, orientiert sich das pazifistische Deutschland angesichts des Menetekels von Fukushima an russischem Erdgas (Abschaltung der AKWs + Gaskraftwerke statt Kohlekraftwerken) und an der erhofften Fortsetzung des chinesischen ‚Wirtschaftswunders‘ (das es durch die bevorstehende Jasminblüte in wachsendem Maße gefährdet sieht), in der Erwartung (oder mit dem Kalkül), vielleicht auf diesem Weg dem 1945 verloren gegangenen Großmachtstatus einen Schritt näher zu kommen (wobei der zionistische durch einen großrussisch sowjetischen Antifa unter tätiger Mithilfe der LINKEN zu ersetzen wäre)…?

Die Strategie der Marxschen Partei war immer an den tatsächlichen Machtverhältnissen in Europa und den USA orientiert und gegen linke und kleinbürgerliche politische Wunschvorstellungen gerichtet (Lassalle, Proudhon, Bakunin etc.). Diesen Anspruch heute zu realisieren, ist einigermaßen schwierig, allein schon, weil es in Deutschland aus historischen Gründen (Umschlag der Oktoberrevolution in eine Konterrevolution und deren Konkurrenz mit der Konterrevolution in Deutschland) weder eine revolutionäre Arbeiterklasse noch eine Marxsche Partei gibt, die dem Original auch nur andeutungsweise nahekäme. Es gibt nur die politische und soziale Demagogie der neuen Bourgeoisie, die auf die Knochen der in die Produktion und Reproduktion des Kapitals eingespannten Lohnarbeit die Positionen der neuen Elite austestet, um den alten faschistischen Großmachtstatus Deutschlands durch einen ‚antifaschistischen‘ zu ersetzen. Darin besteht die tatsächlich bevorstehende politische Alternative, die vom Kapital auf die Tagesordnung gesetzt wurde und nicht der von Dir ins Feld geführte Scheingegensatz: ‚Wutbürger‘ vs. verbürgerlichter Akademismus. Ein Scheingegensatz schon allein deshalb, weil sich darin nur verschiedene Varianten bürgerlicher Politik und Strategie die Klinke in die Hand geben.

Der ‚Wutbürger‘ des 20. Jahrhunderts hängte sich als rettenden Strohhalm an die Nazis, der des 21. Jahrhunderts an den durch den alten Antifa pädagogisch gewürzten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, einer gelungenen Mischung aus Stalin und Asiatischer Produktionsweise, die in Nordafrika und dem N[ahen] O[sten] gerade (hervorgerufen durch die Große Weltwirtschaftskrise) politisch auf der Kippe steht…

Im Sinne der Marxschen Partei haben wir zu entscheiden, ob wir unseren Teil dazu beitragen. Diese Entscheidung hast Du mit Deiner politischen Initiative nicht gerade vorangetrieben. Das einzige, das ich mir (berechtigterweise!) vorwerfen könnte, wäre, daß ich nicht mehr getan habe, um mich an dieser politischen Entscheidungsschlacht mit meinen Mitteln und Möglichkeiten angemessen zu beteiligen…

Viele herzliche Grüße

Ulli

[1] FAZ 11.04.2011 Lastesel der Nation. Die Bezieher von Arbeitseinkommen haben es nicht leicht.

[2]Siehe das Interview mit einem amerikanischen Umweltschützer, der, um das Klima zu schützen, für Atomkraftwerke plädiert als Indiz für die genannten unlösbaren Dilemmata. FAZ 09.04.2011 Ihr Deutschen steht allein da.
[3] FAZ 05.04.2011 Schneller als Schröder und Trittin:

»1. Wir brauchen einen Minimalkonsens von Ökologie und Ökonomie, hinter dem sich die ganze Gesellschaft versammeln kann… 2. Die Diskussion über diesen neuen Gesellschaftsvertrag (New Deal) sollte gemeinsam organisiert werden – von den Medien, den Institutionen der Politik, den Nichtregierungsorganisationen, den Gewerkschaften und der Wirtschaft… «
[4] FAZ 16.04.2011 Kriecherei in Fernost. Die Wirtschaft schweigt. Wie das Regime selbst, fürchtet der Westen Instabilität in China und hält deshalb still.
[5] Al Jazeera 14.04.2011 China‘s interests in Gaddafi. Huge oil and financial deals play major part in Beijing‘s support for Libya‘s despot and halt to foreign intervention.
[6] FAZ 21.04.2011 Grenzfragen. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag ist 20 Jahre alt. Er ist ein Friedensvertrag. Doch auch die „abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“ konnte nicht alles klären.


Ulrich Knaudt an H.B. (18.05.2011)

Betreff: TECHNISCHES

Lieber H., […] Zu unserer Debatte empfehle ich einen kurzen Text von Engels, der exakt meine heutige Position ausdrückt.  Die Arbeiterbewegung in Amerika, MEW 21 (335-343).

Warum?

1. Die deutsche Arbeiterklasse gleicht nach ihrer Amerikanisierung seit 1945 in vielem der amerikanischen in ihrer Frühzeit. Dabei sind die drei Formen, die die Arbeiterbewegung in den USA eingenommen hatte, vielleicht auch typisch für uns:

a. die radikale Farmerbewegung zur Verteidigung des eigenen Stücks Land. (Siehe Milchbauern, Krabbenfischer [1])

b. die buntscheckige Bewegung aus allen möglichen proletarischen Sozialromantikern. (Vgl. die uns bekannte Praxis-Gruppe [2])

c. die deutschen Sozialisten, von denen F.[riedrich]E.[ngels] verlangt, sie mögen zuallererst Amerikaner werden. (Eine Forderung, die in gewisser Beziehung an die gesamte Linke zu richten wäre im Sinne ihrer politischen Verwestlichung!)

Zu diesen Bewegungen zählt F.E. übrigens nicht die Sklaven und das Lumpenproletariat, die er zu keiner eigenen Initiative für fähig hält. (Auch hiermit hätte die Linke große Probleme!)

2. Das Zitat am Ende aus dem K[ommunistischen]M[anifest] drückt exakt die Position aus, die Parteigänger der Marxschen Partei heute einzunehmen haben. [3]

3. F.E.s Charakterisierung der Unterscheidung zwischen der Fesselung der Fronbauern an den Boden im Hochmittelalter und der Verjagung der Bauern von demselben im Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft im 16. Jahrhundert paßt sehr gut auf Rußland nach 1861, wo vom Zarentum eine Kombination aus beidem als Prozeß durchgeführt wurde. (Das aber nur als Nachtrag zu meinem letzten Vortrag).[4]

1a. betrachte ich als Vorboten für (möglicherweise) 1b. unter der Voraussetzung von 1c.

Im Anhang schicke ich Dir was zu den Krabbenfischern und eine Rezension zu Blutmilch. [5]

Viele Grüße

Ulli

[1] FAZ 07.05.2011 Krabbenkrieg an der Küste. Fast unbemerkt vom Rest der Republik streiken die Krabbenfischer an der Nordseeküste für höhere Preise. Mit teils rabiaten Methoden kämpfen sie um ihr wirtschaftliches Überleben.

[2] Gemeint ist die Gruppe Praktischer Sozialismus. Siehe REAKTIONEN 2009 An H.B. (10.08.2009).

[3] »Die Kommunisten« „ das war der Name, den wir damals angenommen, und den wir auch heute noch weit entfernt sind, zurückzuweisen “ »die Kommunisten sind keine besondre Partei gegenüber den andren Arbeiterparteien. Sie haben keine von den Interessen des übrigen Proletariats getrennten Interessen. […] Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weiter treibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus… Sie kämpfen also für die Erreichung der unmittelbar vorliegenden Zwecke und Interessen der Arbeiterklasse, aber sie vertreten in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewegung.«
[4] DEBATTE 4 Das Marxsche „Kapital“ und Marxsche Parteilichkeit.
[5] FAZ 09.05.2011 Der grüne Wutbauer. Ein wunderbar wütendes Pamphlet eines Milchbauern.


H.B. an Ulrich Knaudt (23.05.2011)

Betreff: Frage

Lieber Ulrich, unser Gespräch vom letzten Samstag war gut, danke.

Es hat uns – denke ich – wieder ein kleines Stückchen weitergebracht.

Studier‘ in diesem Zusammenhang und, wie ich sagte, in Zusammenhang mit meiner Strafanzeigen-Begründung, Marx‘ Abschnitt zur »entfremdeten Arbeit« [MEW] EB [1], S. 510 ff., Satz für Satz – Verhältnis des Arbeiters zur Natur, »Lebensmittel« im doppelten Sinne und der »doppelten Seite hin« (S. 512/513 f.).

S. 513 – letzter Absatz: »Das Verhältnis des Vermögenden zu Den Gegenständen der Produktion Wir werden diese andre Seite später betrachten.«

S. 519 – unten: »Wir haben bis jetzt das Verhältnis nur von seiten des Arbeiters, und wir werden es später auch von seiten des Nichtarbeiters betrachten.«

Siehe dann S. 522 – die letzten drei Abschnitte und: »Betrachten wir näher diese drei Verhältnisse. [Fn.:] Hier bricht der Text des unvollendet gebliebenen ersten Manuskripts ab.«!

Frage: gibt‘s dazu was, irgendwo weiter oder auch speziell später dazu geäußertes von Marx ?

»Der Nichtarbeiter tut alles gegen den Arbeiter, was der Arbeiter gegen sich selbst tut, aber er tut nicht gegen sich selbst, was er gegen den Arbeiter tut.«

Erster Halbsatz, das Gemeinsame, Gleiche: gegen die »äußere, sinnliche Natur« qua »entfremdeter Arbeit«:

»In der Bestimmung, daß der Arbeiter zum Produkt seiner Arbeit als einem fremden Gegenstand sich verhält, liegen alle diese Konsequenzen.« (S. 512).

Geben die MEGA-Ergänzungen speziell dazu etwas her ? (natürlich ist mir klar, daß auch das ganze „Kapital“ darum sich dreht). Kann doch der »nützliche Gebrauchswert« um des T[ausch]W[erts]/Werts wegen lebens-, menschendienlich wie Menschen gefährdend, zerstörend verwertet werden (z.B. medizinisches Gesundheits-, Heil-Mittel oder Kriegswerkzeug/-Mittel) ‒

Allemal um Verwertung des Werts, also ungeachtet von Mehrwert-Ausbeutung, also Mensch schlechthin, menschliche Arbeit schlechthin, welche/r sich an der Natur, »an den Gegenständen der Natur«, an denen er die Arbeit »ausübt« (512/513), um seiner Existenz als Spezies »zu bewähren« (Marx) hat, jedoch die kapitalistische Produktionsweise nach der Seite der Mensch gefährdenden, zerstörenden »Seite hin« »die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter« (KAP I, S. 530) – Natur und Mensch, schlechthin, qua Gleichgültigkeit des Werts gegenüber Mensch, Natur, schlechthin – (so gleichgültig wie der äußer[en] Natur [der] Mensch selbst ist, würde sie nicht auf seine Eingriffe/Umformungen ‒ gesetzmäßig – reagieren) und wenn‘s dem Menschen um seine Existenz schlechthin geht, nolens volens ein ‚Umdenken‘ sich einstellt, wirksam quasi als die sogenannte „List der Vernunft“, gesetzmäßig als Teil, als Element eines (unbestimmten) Ganzen, der „Natur“, die sich als „Ganzheit“ zwar denken, aber nicht auf einen Begriff bringen läßt (vgl. Marx‘ Diss., [MEW ]EB [1], Seite 230: »würde allerdings seine Begriffsbestimmung aufheben«.

Und die Verwertung des Werts/Mehrwerts, um die sich alles dreht, beinhaltet eben den doppelten G[ebrauchs]W[ert] der Ware Arbeitskraft: Produkt / GW, Lebensmittel des Menschen einerseits, Mehrwert für den Produktionsmitteleigner und Aneigner des produzierten Produkts andererseits –

unsere Disk. zur Klassenkampfbedingtheit:

»Braucht die Weltgeschichte viele Zeit, um hinter das (dieses, am Produkt unsichtbare, ausgelöschte) Geheimnis zu kommen, so ist dagegen nichts leichter zu verstehen als die Notwendigkeit … dieser Erscheinungsform.« (KAP I. S. 562:) »…Resultat, daß der Tauschwert der Arbeit kleiner ist als der Tauschwert ihres Produkts:«

Klar, logisch, eine ‚green economy’ läßt diesen Tatbestand unberührt ! Aber durch diesen Tatbestand ist zugleich das Verhältnis des Menschen zur Natur bedingt, die crux, dass eine kapitalistische Produktionsweise und damit die herrschenden Produktionsverhältnisse der herrschenden konkurrierenden Bourgeoisien weltweit keine menschengerechte menschheitliche Perspektive, Zukunft bieten kann, keine Zukunft der sich als Gattung der Natur begreifenden Menschen – außer Krieg untereinander, Krieg gegen die Natur, gegen die menschliche selbst.

Im Verhältnis der Menschen zur Natur (Gebrauchswerte) liegt damit zugleich das Potential der »Bewegung des Kommunismus«, ungeachtet von Partei, Klasse, Nation, Rasse, Geschlecht, Religion, Weltanschauung – dank schlichter, bloßer Tatsachen, Allgemeinwissen: der Mensch, Teil der Natur, samt seiner physischen und geistigen Wesenskräfte (der Natur), in der er sich durch sie »zu bewähren« hat.

Es gibt also auch eine positive Reduktion/ Abstraktion, „positiver als aller Positivismus“ – Mensch, nichts als »Mensch«, als Teil der Natur, im besonderen die »menschliche Arbeit«,im Austausch mit ihr als sein Lebensmittel, seine Lebensgrundlage und Grund (selbst die großen Kirchen sagen (zuletzt mal J. Ratzinger) unter Anerkennung der Evolutionstheorie zumindest insofern, als die „Kreationstheorie“ zu ihr nicht in Widerspruch stünde).

Wenn Kommunisten sich an und für sich selbst nicht die Perspektive der Menschheit als Gattung zu eigen machen, stellen sie sich so scheinbar über alles wie Gläubige ihre Gottheiten und hätten so selbst auf dem Misthaufen der Geschichte nichts verloren.

Und nochmal (unsre Disk.[ussion]): ohne positive Perspektive – positiver als aller Positivismus/Empirismus – holst du nicht mal einen Hund hinterm Ofen hervor, erst recht keinen Menschen, der, wenn nicht bodenlos borniert, antizipativ, bewußt auf Zukunft hin leben könnte, möchte.

Er hat sich als Mensch zu bewähren – wir.

Muß jetzt abbrechen.

Wir bleiben weiter dran, unbedingt.

Wir lösen den Knoten

Bis bald wieder,

H.

PS: Spruch von Epikur, Goethe, Frankl – sinngemäß:

»Wir sollten einander nicht begegnen wie wir sind, sondern wie wir sein könnten«

freilich, allerdings nicht ohne die Ursachen unserer selbstbedingten Existenz wahrzuhaben.

Klassenkampf-Logik und Gattungs-Logik sind zueinander nur widerspruchsfrei zu kapieren auf der Grundlage und Anerkennung ihres unentrinnbar unvereinbaren, unversöhnbaren Widerspruchsverhältnisses; es macht die Gemeinsamkeit, ja, so absurd oder paradox es sich anhören mag, die Gemeinschaftlichkeit der Menschheit als Gattung aus.

Die bewußte, gemeinsame, ja gemeinschaftliche Anerkennung der Realität, der Wirksamkeit dieser allgemeinen Widersprüchlichkeit an sich, in sich, mit sich und durch sich (jedes einzelnen an sich und allen) dieses „performativen“ Widerspruchs (vgl. Marx in StR zu Staat) ist die Bedingung der Möglichkeit einer anderen, menschlichen Welt ‒

»sobald die Arbeit als das Wesen des Privateigentums erkannt…, d.h. über diese entfremdete und entäußerte Gestalt der menschlichen Tätigkeit als Gattungstätigkeit.« (S. 557).

Klar ist, wie wir feststellten, auch, wie verheerend es ist, Klassenkampf versus Gattung zu stellen, das eine gegen das andere zu verabsolutieren/zu negieren ‒ die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse treiben allerdings stets ganz praktisch dazu ‒ Klasse verabsolutiert sich, Klassen“feind“ gilt nicht mehr als Mensch versus Klassen sind nicht mehr, wir alle sind doch Menschen, brüderlich, geschwisterlich, „Menschheitsfamilie“, und wer das nicht wahr hat, stellt sich außerhalb. Das Zugleich beider widerlegt weder das eine noch das andre so wenig wie es den Widerspruch zwischen beiden aufhebt.

Solange Klassen und Klassenkampf, in welcher Form auch immer, nicht wirklich praktisch aufgehoben ‒ und das ist doch das eigentliche positive Ziel, auch und inbesondre allen Klassenkampfes!, konfundieren beide, untrennbar, in gesellschaftlichen, menschlichen Bewegungen. Und nur in Hinsicht auf die Antizipation des eigentlichen (positiven) Zieles hin kommt beiden in ihrer gegenseitigen Ausschließlichkeit zugleich auch wesentlich positives Moment zu, das beiden eigen, beiden inhärent, immanent ist, das beide zusammenkommen läßt, das »zugleich ihre beide vereinigende Wahrheit ist«. (Marx „verwirft“ nicht Hegel, schüttet dessen Idealität, „Allgemeines“, nicht mit dem Bade aus, sondern erklärt dessen bedingten Selbstwiderspruch. Realiter, s. [MEW] EB 1, S. 577, z.B. Kr.[itik] d. H.[egelschen] St[aats]R[echts], S. 210 ff. 244 u.a.).

Übrigens: die sog. Globalisierung ist in ihrem Kern nicht[s] anderes als eine extensive Durchdringung der weltweit menschlichen Arbeit zu T[ausch]W[ert] / Ware ‒ als der Erscheinungsform des »Werts«, Produktion um der Verwertung des Werts, Mehrwerts, Grundlage: private Aneignung menschlicher Arbeitsproduktivität, menschlicher Wesenskräfte, gegen die an sich es überhaupt nichts einzuwenden gibt (fälschliche Gleichsetzung), im Gegenteil. Nur als Mensch vermögen wir diese auf die Selbstgestaltung unseres Lebensbedingungen und unseres Selbst selbst zu nutzen.

Muß jetzt sofort abbrechen ‒

les‘ auch nicht noch mal durch ‒

unfertig,

H.


Ulrich Knaudt an H.B. (24.05.2011)

Betreff: WEITERE FRAGEN

Lieber H., vielen Dank für Dein Echo auf unser brainstorming. Fertige Antworten habe ich, wie Du Dir denken kannst, nicht. Ich könnte höchstens darauf hinweisen, womit ich mich in der letzten Zeit intensiv beschäftigt habe. Das ist in der MEGA II/1, 367 (= Grundrisse) die Frage der ursprünglichen Akkumulation und ab 378: Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehen. (Im Raubdruck [Grundrisse] ab S. 363.) Dort findest Du das, was Marx in den [Ökonomisch-philosophischen]…Manuskripten noch anthropologisch (Feuerbach) und nationalökonomisch (Smith, Ricardo) abzuleiten versucht, historisch entwickelt, im Sinne von: ausgefaltet. Wir Linken tragen von ’68‘ her das Erbe mit uns herum, mit dem KAP[ital] (meistens nur dem Ersten Abschnitt [desselben]) als Vademecum alle Probleme der bürgerlichen Gesellschaft abstrakt beantworten zu wollen und konkret nicht beantworten zu können. Auf Seite 511 …Manuskripte kritisiert Marx die Nationalökonomen, die alles aus einem erdichteten Urzustand erklären wollten. Das hielt Marx 1857 aber nicht davon ab, konkrete Überlegungen zur historischen Anthropologie anzustellen und sich in den 70er Jahren immer intensiver damit zu befassen. 1844 ist er auch noch sehr weit von der wirklichen Arbeiterbewegung entfernt, wovon seine Ausführungen auf den Seiten 520/21 über die Erhöhung des Arbeitslohns zeugen. Allerdings scheint auch schon damals (zumindest in Frankreich) der blanke Ökonomismus vorgeherrscht zu haben, wenn es auf S. 520 heißt: »Eine gewaltsame Erhöhung des Arbeitslohns …wäre also nichts als eine bessere Salairierung der Sklaven.« Das erzähl mal unseren heutigen Linken… Aber die hältst Du ja sowieso für irrelevant ‒ ich nicht!

Ich will damit sagen, daß der Satz der Luxemburg (mit der ich i.ü. immer große Probleme hatte) richtig und gut ist: „Die Wahrheit ist immer konkret!“ Das betrifft auch Deine Überlegungen zu Ratzinger und [über] die Kommunisten. Zu dem gestandenen Jesuiten Ratzinger würde ich sagen, daß ihm das Schicksal seiner Kirche über dasjenige der Menschheit geht und daß er damit als Verbündeter bei dem Versuch, die Menschheit vor dem Untergang zu retten, schon mal ausfällt. Den folgenden Satz auf Deiner Seite 3 würde ich umkehren: Wenn die Menschheit als Gattung sich nicht als ultima ratio die Perspektive des Kommunismus zu eigen macht, wird sie mitsamt den Kommunisten und Herrn Ratzinger auf dem Müllhaufen der Geschichte landen. [1] Mal sehen, wer dann unsere Geschichte machen wird… Damit das nicht passiert, dafür haben wir als ‚geistige Erben‘ des kommunistischen Vermächtnisses von Marx und Engels (und ein ganz klein wenig von Lenin und Mao) konkret zu sorgen. Diese Aufgabe läßt sich aber nur realisieren, wenn wir von den Abstraktionen, die wir aus dem KAP[ital] und der Marxschen Theorie einst gemeinsam mit unseren ehemaligen linken Mitkämpfern gezogen haben, herabsteigen. (Dazu zähle ich auch die Grünen, die es meisterlich verstehen, diesen Job im Sinne der Bourgeoisie zu erledigen. Lernen wir von unseren ehemaligen Genossen, wie man gegenüber der Bourgeoisie konkret wird, ohne selbst grün und bourgeois zu werden!)

Hier mache auch ich erst mal Schluß und überschlafe meine Antwort nicht, zumal es sich um eine vorläufige Antwort mit weiteren Fragen handelt.

Gruß Ulrich

P.S. Zur Frage der Entfremdung habe ich mich nicht geäußert. U.a. deshalb, weil diese Frage im KAP I-III von Marx konkret beantwortet wird, so daß allein auf dieser Grundlage, diese Frage neu aufzurollen wäre… Stichwort: Blaupause. [2]

[1] H.B. an Ulrich Knaudt (23.05.2011): »Wenn Kommunisten sich an und für sich selbst nicht die Perspektive der Menschheit als Gattung zu eigen machen, stellen sie sich so scheinbar über alles wie Gläubige ihre Gottheiten und hätten so selbst auf dem Misthaufen der Geschichte nichts verloren.«

[2] DEBATTE 2 Marx und „Marxismus“ in Deutschland. Anhang.


Ulrich Knaudt an H.B. (24.05.2011)

Betreff: NACHTRÄGLICHES

Ergänzungen

1. Ich halte den Schritt in den [Ökonomisch-philosophischen] Manuskripten, Feuerbachs Hegel-Kritik über den Begriff der Arbeit (Aneignung der Natur) auf den wesentlichen Widerspruch zu bringen (Gattung-Natur, Natur-Gattung) für ganz entscheidend, selbst wenn Marx sich auf diesem Wege nicht von den engen Fesseln der Philosophie und der Nationalökonomie befreien kann (siehe Feuerbach-Thesen).

2. Der wichtigste Text, in dem genau das wenige Jahre später geschieht, ist Das Elend... [der Philosophie]. Obwohl schon wieder eine Weile her, daß ich ihn gelesen habe, würde ich pauschal urteilend sagen, daß es Marx darin gelingt, den Schritt von der Gattung zur Klasse, der ihm in den Manuskripten (der individuelle Arbeiter) verwehrt war, zu vollziehen, ohne sich im Gestrüpp einerseits des Ökonomismus und andererseits des Bakunismus zu verfangen. Diesen Text würde ich Dir auf Deine Frage hin ans Herz legen, falls Du ihn noch nicht intensiv studiert hast.

3. In den GR[rundrissen] wird nicht nur die Nationalökonomie dialektisch auseinander genommen (Wertgesetz), sondern in den von mir genannten Passagen [1] wird auch das Gattungsproblem, nun aber historisch, untersucht und auf den konkreten Begriff gebracht. Die Neue Marx-Lektüre versteift sich auf die Kritik der Nationalökonomie unter Bewunderung der dialektischen Folterwerkzeuge, mit denen Marx die bürgerlichen Ökonomen traktiert; sie hat aber die andere Seite vollständig ignoriert: die Anthropologie, mit der Marx das ganze Entfremdungsproblem auf den wesentlichen Widerspruch bringt (ich sage nicht: reduziert, obwohl das naheläge). Schon aus diesem Grund sollte man sie immer wieder mit der Nase auf die Manuskripte stoßen. Bloß bleibt das auch ein moralischer Appell, der sie wahrscheinlich nicht von ihrem Ökonomismus (Die Linke) und Bakunismus (…‚Ums Ganze‘), wenn es konkret wird, abhalten wird. [2]

4. Der wesentliche Widerspruch in den bezeichneten GR-Passagen besteht einerseits im Privateigentum (Kapital = nationalökonomische Seite) andererseits im Eigentum der Produzenten an den Produktionsbedingungen, d.h. in der historischen Konkretisierung von Produktionsverhältnissen, in denen der Mensch als Gattungswesen ganz bei sich ist = nicht entfremdet leben und arbeiten muß. Die Feuerbachsche Anthropologie wird historisch konkretisiert (Stichwort: Dorfgemeinde). Bei diesen Produktionsformen handelt es sich nicht um ein ‚Modell‘, das sich Nationalökonomen und Sozialwissenschaftler ausdenken und auch benötigen, um die komplizierten Verhältnisse der kapitalistischen Produktionsweise auf ein abstraktes Ur-Verhältnis (der Wilde, der Jäger) atomistisch zu reduzieren, sondern darum zu zeigen, wie die wirkliche historische Menschheit den Widerspruch zwischen Natur und Gattung in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen ‚Milieu‘ konkret gelöst hat. Die „mögliche …andere Welt“ hat es hier wirklich gegeben!

5. An diese positive Real-Utopie haben die Nationalsozialisten mit äußerstem Geschick angeknüpft und  diese ‚den Menschen‘ in der großen Weltwirtschaftskrise vor 80 Jahren als Rückkehr in die vergangene Wirklichkeit einer „möglichen anderen Welt“ verkauft, die in deren kollektiver Erinnerung noch konserviert war und versprochen, ihnen durch einen salto mortale in diese nicht entfremdete Vergangenheit den notwendigen Bruch mit der kapitalistischen Produktionsweise zu ‚ersparen‘. Die grüne Linke und die linken Grünen treiben im Prinzip des gleiche Spiel. In meinem 2. Emmely-BLogbuch (BL310) [3] bin ich darauf gestoßen, daß die Produzenten in der Sowjet- und NS-Wirtschaft die gleiche Position einnehmen. Sie werden vom jeweiligen Staat vor dem Kapital geschützt und metaphorisch zu Eigentümern an den Produktionsbedingungen erklärt, ohne dies konkret zu sein, weil an ihrer Stelle der Staat diese Position einnimmt. (Hier ließen sich all jene Bestimmungen, die in den Manuskripten die Entfremdung des Menschen = Produzenten ausmachen, nach Belieben einsetzen. Siehe: die Beliebtheit der Frühschriften bei bestimmten Marxisten in der DDR! Und die Bemühungen der Staatsmarxisten, deren Bedeutung zu minimieren! Auch hätten die Bakunisten hier ein weites Betätigungsfeld, wenn sie aufhörten, den historischen Faschismus ausschließlich unter politischen Voraussetzungen zu bekämpfen…). Der Antifa Der Linken, der sich ebenfalls hauptsächlich an die politischen Erscheinungsformen des NS (Zerschlagung der Demokratie und der Koalitionsfreiheit) hält, umgeht aus verständlichen Gründen diesen entscheidenden Punkt, der sein eigentliches Wesen ausmacht. Und deshalb kann der Antifa jederzeit aus der Negation der einen faschistischen Form in eine andere umschlagen. Entscheidend ist, daß die Produzenten ihrer konkreten Möglichkeiten, gegen das Kapital Widerstand zu leisten, unter allen Formen des vorgeblichen ‚Schutzes der Menschen vor dem Kapitalismus‘ von Staats wegen beraubt werden. Allein unter dieser Voraussetzung ist jeder Satz aus den Manuskripten konkret wahr und, den roten, grünen, braunen Faschisten an den Kopf geworfen, ein Volltreffer! Ohne diese konkrete Voraussetzung bleibt die Passage, die Du [aus den Manuskripten] zitierst, ein zwar aufwühlender, aber moralischer Appell an die Menschheit, den auch die S.J. (fast! ‒ wenn bestimmte Dinge nicht beim Namen genannt werden) unterschreiben könnte.

Dies alles habe ich mit dem Luxemburg-Zitat (das auch Lenin gefallen hat) gemeint. Ob sie selbst das so gemeint hat, bleibe dahingestellt. Ich würde es bezweifeln. Dennoch ist dieser Satz sehr richtig und besitzt einen hohen Wahrheitsgehalt.

Viele Grüße

Ulli

[1] Ulrich Knaudt an H.B. (24.05.2011).WEITERE FRAGEN.

[2] DEBATTE 2 Marx und „Marxismus“ in Deutschland. Anhang.
[3] BLogbuch 3 2010 Der Fall „Emmely: ein Sieg der Linken über die alte Bourgeoisie – ein Pyrrhus-Sieg über das Kapital.


H.B. an Ulrich Knaudt (12.06.2011)

Betreff: AW: TELBIM

Lieber Ulrich,

darf ich Dich daran erinnern:

meine Frage bzw. Bitte in Bezug auf den Abbruch des Textes in [MEW] EB I, S. 519, 522 – »gibt’s dazu was, irgendwo weiter…?« (s. mein Mail vom 23.5.), nämlich in dieser dezidierten Weise:

»Betrachten wir näher diese drei Verhältnisse …geben die MEGA-Ergänzungen speziell dazu (!) etwas her?« ‒ was der »Nichtarbeiter … tut nicht gegen sich selbst, was er gegen den Arbeiter tut«?

Es geht mir darum, beider Tun zu messen an der Unvereinbarkeit des Widerspruchs zu: »Gesetzt den Fall, wir hätten als Menschen produziert…« Es betrifft übrigens nicht nur das „Wie“, sondern ebenso, implizit, das „Daß“ – überhaupt Arbeit zu haben, d.i. Teilhabe an der (Re-)Produktion der Mittel des eigenen Lebens, und das „Was“ –

der »nützliche Gebrauchswert kann zweckgerichtet bzw. wirksam sein, menschendienlich, – verträglich wie auch –unverträglich, -zerstörerisch … «, an sich,

seinesgleichen, an der (äußern) Natur (eine Art „trinitarischer“ Kreislauf: bei dem das Verhältnis des Menschen zur Natur – z.B. privateigentümlich / gemeineigentümlich – immer zugleich auch untrennbar verknüpft, verschränkt ist mit dem zu seinesgleichen und zu sich selber; jedes bzw. je beide der drei sind durch ihr je anderes dekliniert (,‚gebeugt“).

Also,

was der Arbeiter wie ebenso der Nichtarbeiter gegen sich selbst, was der Nichtarbeiter gegen den Arbeiter ohne gegen sich selbst?

Ohne diese Frage persönlichst an sich und zugleich unter Bestimmung des Gemeinsamen aller Subjekte in [zu]mindest dieser doppelten Hinsicht, zum einen, was der Nichtarbeiter i. U. z. Arbeiter »nicht gegen sich selbst tut«und was zum anderen jeder, alle in Widerspruch zu sich selber, allgemein, tun, das ganze Kapital-Verständnis hohl, abstrakt – wie es es selbst zugleich ist und nicht ist. Wieder mal auf die Schnelle, bis bald wieder,

H.


Ulrich Knaudt an H.B. (13.06.2011)

Betreff: DER ARBEITER UND DAS KAPITAL

Lieber H., wie Du aus dem Anhang entnehmen wirst, habe ich mich in den letzten 20 Tagen mit dem BLogbuch 111 befaßt. Es enthält im Prinzip inhaltlich das, was ich in meinem Brief vom 22.04. an Dich geschrieben habe. Daher bin ich, was Deine Fragen angeht, etwas aus dem Tritt. Ich hatte mich in zwei weiteren Mails speziell mit dem von Dir genannten Text versucht auseinanderzusetzen. Um das noch mal zu präzisieren: die [Ökonomisch-philosophischen]…Manuskripte können nur mit Gewinn an besserer Einsicht gelesen werden, wenn wir sie von der im KAP[ital] von Marx erreichten Position lesen, was wiederum Rückwirkungen auf die akademische Neue Marx-Lektüre hat. Meiner Meinung nach stehen sie nicht für sich. Das wissenschaftliche Hauptwerk von Marx heißt nicht umsonst „Das Kapital“ und nicht „Der Arbeiter und das Kapital“. Die letztere Perspektive nehmen bereits die Klassiker ein, wobei es ihnen im wesentlichen um das Kapital geht. Diese Perspektive nimmt Marx völlig korrekt von seiner kritischen Position ausgehend ebenfalls zunächst ein ([MEW EB 1, 510: »Wir sind ausgegangen von den Voraussetzungen der Nationalökonomie…«). Aber diese erweist sich, für sich genommen als unzureichend (oder auch nicht, aber nur dann, wenn man sie in einen neuen konkreten – [R.] Luxemburg! – Zusammenhang stellt). Im Grunde, das habe ich beim Studium von D.W.[olf]s Anti-Reichelt/Knaudt-Paper [1] bisher bemerkt, benutzt die Neue Marx-Lektüre (und gerade auch D.W.!) die Marx-Texte durch die Bank als Steinbruch, um aus bestimmten Versatzstücken ein neues System zusammenzustricken. Ich habe den schlichten Anspruch, das, was Marx schreibt zu verstehen, und zwar im Kontext unserer heutigen politischen Verhältnisse. Und dazu können mir auch seine Frühschriften verhelfen. Aber ich habe nicht vor, daraus ein neues System zu machen. Außerdem wird bei der Analyse der Frühschriften in den meisten Fällen abgesehen vom KAP der Zusammenhang mit Marxens späteren anthropologischen Untersuchungen ignoriert. Auch darin sehe ich eine konkrete Weiterentwicklung der anfangs an Hegel und Feuerbach orientierten, aber bereits materialistischen (philosophischen) Anthropologie. Ein weiteres Argument, warum die Frühschriften nicht für sich zu lesen (und auch nicht zu verstehen) sind.

Entschuldige daher, daß ich auf Deine Fragen nicht intensiver eingehen konnte. Ich bin in der nächsten Woche ohne Internet und Telefon. Aber vielleicht kannst Du in der Zwischenzeit Deine Fragen bezogen auf meine Einwände noch ein wenig konkretisieren und zuspitzen!

Herzliche Grüße

Ulli

[1] Dieter Wolf:Qualität und Quantität des Werts (Makroökonomischer Ausblick auf den Zusammenhang von Warenzirkulation und Produktion. Bemerkungen zu Ulrich Knaudts Papier „Unter Einäugigen ist der Blinde König“, zu Helmut Reichelts Papier über seine Geltungstheorie und wie darüber in einer Sitzung der Marx-Gesellschaft diskutiert wurde).


H.B. an Ulrich Knaudt (13.06.2011)

Betreff: AW: DER ARBEITER UND DAS KAPITAL

Lieber Ulrich,

ich versteh Deine ganzen Ausführungen, Ansichten

1. zu »… präzisieren: die … Manuskripte …«‒ daß sie längst nicht auf der Ebene der unüberbietbar wissenschaftlichen Darstellung des „Kapitals“ geschrieben sind;

2. zu »Im Grunde, …«‒ dass die »Steinbruch« -Lamentierer dessen „ganzheitlichen“ Ansatz verwässern, eliminieren;

3. zu »Aber ich habe nicht vor …«– s. Bemerkung zu 1.); aber ich verstehe nicht, bringt mich meinerseits »aus dem Tritt«, wie Du mit allgemeinsten Grundsatzüberlegungen einfach nicht auf meine ganz einfache, banale, konkrete Frage antwortest, »drei Verhältnisse«, Besonderheit des Unterschieds zwischen »Nichtarbeiter … Arbeiter«, möglichst in der einfachen, grundlegenden Diktion à la Frühschriften-Zitat (519,522), nach Möglichkeit sogar dem Kapital selbst oder wie ich frage, irgendwo der MEGA entnehmend!

Mir geht’s nur darum, das Einfachste, Grundlegendste in jenem zitiertem Kontext, wo’s in den Frühschriften abbricht, ebenso einfach und grundlegend auf den Punkt zu bringen. Ich bin dabei, es mir selbst zu stricken –

den schlicht in der »negativen Einheit« wirksamen eigentlichen Antagonismus / »Gegenverhältnis« (Kant’s »Realrepugnanz«, der diese nur math.[ematisch] bzw. an äußern Naturvorgängen beschreibt, s. Colletti [1]), der nicht nur den »Nichtarbeiter« vom »Arbeiter« trennt, abspaltet und umgekehrt, sondern die ganze Spezies, Gattung Mensch einseitig von der Natur abspaltet (als ihrer Lebensgrundlage, ihrem Lebensmittel i.w.S., sowie ihrem Lebensgrund– gänzlich unspekulativ!, als schlichte Tatsache/n !) und damit die ganze Gattung an sich, in sich, mit sich und durch sich selbst gespalten ist …; ebenso wie jeder Staat, jedes Unternehmen, wie jedes Individuum selber, jeder »Arbeiter« im Verhältnis zu seinem Eigentum an sich, nichts als seinem Arbeitsvermögen, und wenn es nicht kraft-entäußernd verkauft werden kann, dies Stück Natur gänzlich nichts, Nichts ist, sofern es nicht noch wenigstens als Sozialballast gehalten konsumierend, sich selbst produzierend an der (Re-)Produktion des Kapitals selber noch „partizipiert“.  

Nur darum, um die Bedeutung dieser einfachen, allgemeinsten Tatsache geht’s mir, „wert“ – bzw. „kapital“–logisch bedingt.

Deine Gesamt-Beurteilungen sind mir dabei zwar nicht unwichtig, aber bringen mich für meinen schlichten Zweck nicht weiter.

Bis bald wieder,

herzlichen Gruß

H.

[1] Lucio Colletti: Marxismus und Dialektik, Frankfurt M. Berlin. Wien 1977.


Ulrich Knaudt an H.B. (25.06.2011)

Betreff: ÖK PHIL MAN

Lieber H., gerade als ich Dir schreiben wollte, warum ich so lange nichts von mir hab hören lassen, kamen Deine ‚Gemeingüter‘. Dazu sage ich erst mal nichts ‒ zumal von meinen ‚Erbfeinden‘ gesponsert (obwohl sie die Libyen-Intervention der UN unterstützen)! [1]

Ich wollte Dir eigentlich nur mitteilen, wie weit ich mit den Ök Phil Man gekommen bin und daß ich vorhabe, Dir was dazu zu schreiben, worin ich zu Deinen Fragen Stellung nehmen werde, nachdem Du geschrieben hast, daß Dir meine bisherigen Stellungnahmen nicht ausreichen. Dazu habe ich die Ök phil Man zu Ende studiert und lese gerade den Fulda [2] (den Du mir mal geschickt hast und der mir bis dato wenig gesagt hat): was er darin als Fachphilosoph von sich gibt, ist sehr brauchbar, was als Theoretiker, geht in Richtung Sprechakt-Theorie und Habermas und ist dann wohl eher zu vergessen. (Interessant, daß es hier bereits von „Strukturen“ nur so wimmelt… War das des Pudels Kern bei D.W.[olf]?)
Also würde ich sagen, wie sollten uns, was dieses Thema angeht, […] gedulden, bis ich mein Zeug fertig habe. Außer Du möchtest mir erklären, was es mit den Gemeingütern auf sich hat. Aber dazu muß ich das auch erst mal gelesen haben.

Viele Grüße

Ulli

[1] Gemeingüter stärken. Jetzt! Thesenpapier entstanden im Rahmen des Interdisziplinären politischen Salons der „Heinrich-Böll-Stiftung“. („Zeit für Allmende“).

[2] H.F. Fulda: Dialektik als Darstellungsmethode im „Kapital“ von Marx; in: Ajatus, Helsinki 1978 (H. 37).



Ulrich Knaudt an H.B.
(30.06.2011)

Betreff: WELTERNÄHRUNG

Lieber H., Deine Nachbetrachtung […] werde ich jetzt nicht unmittelbar beantworten, sondern im Rahmen meiner Auseinandersetzung mit den Ök[onomisch-] phil[osophischen] Man[uskripten]. Ich habe zu Deinen Stichworten […] geforscht. War aber nicht sehr ergiebig.


H.B. an Ulrich Knaudt (30.06.2011)

Betreff: AW: G 8

[…]

Übrigens, nochmal:

Wenn alles, was sich auf Erscheinungs-/Symptomebene praktisch irgendwie gegen Wert/Kapital richtet, nichts ist, letztlich nur auf dessen Mühlen geht, bleibst nicht nur zuschauender Kommentierer, von draußen, drüber; schulmeisternde Erklärungen verkommen zu Lamentieren …. hast nicht als Subjekt ‒ als Kommunist ‒ selbst auch ein wirkliches Interesse an diesem und jenem das eigene Dasein verbesserndem oder zu verhinderndem Sachverhalt, punktuell oder bestimmten Bewegungen oder Entwicklungen dieser Art ?

Andernfalls würde man doch auf einer rein verbal belehrenden bzw. erklärenden Metaebene, in der Abstraktion von sich selbst verbleiben, von der realen Prozeßhaftigkeit der geschichtlichen Bewegung, in der wir uns befinden, mit der wir in ihr es zu tun haben.

Wenn »Komm.[unismus]« die »wirkliche Bewegung«‒ der Menschen ! ‒ ist, dann verdichten sich, konfundieren alle Widersprüche, die der »Ware« wie der »Arbeit« immanent sind, im Subjekt selbst (das nach Marx »die Ware« selbst »ist«; und nochmal: der »Gebrauchsgegenstand oder Gebrauchswert« selbst bereits kann als solcher als menschlich nützlicher wie auch zu unmenschlichen Zwecken produziert werden, letzteres qua Konkurrenz des Privateigentum[s], des »Eigennutzes« der Subjekte, der Privateigentümer, angefangen beim Subjekt als einzelnem Individuum, einzelnem Unternehmen, Staat, Staatenbünde … der Gleichgültigkeit im doppelten Sinne (gleichgültig, wenn es nicht tangiert, so wie gleich gültig, wenn es um es / sich seiner selbst [willen] geht, auf Kosten andrer), aller, allgemein

so versteh ich Marx‘ »rohen Kommunismus«, zugleich an einem Kulminations-(Bifurkations-)punkt anlangend, an dem der Allgemeinheit dies, nämlich das allgemeine Wesen des (exklusiven) Privateigentums (bellum omnium contra omnes) schon auf [der] Erscheinungsebene augenfällig erkennbar, sichtbar wird…

als Widerspruch der Menschheit, Gattung a n sich, in sich, mit sich, durch sich !

und durch denselben zugleich der Widerspruch derselben zur Natur inkl. zu ihrer eigenen bedingt ist, und v.v., sie sich also gegenseitig, wechselwirkend hervorbringen, bedingen ‒

eben aufgrund der Privateigentümlichkeit des (Aneignungs-) Verhältnisses der Menschen:

gegenüber der Natur

gegenüber seinesgleichen,

gegenüber sich selbst;

es ist nicht die Gattung als »Teil«, als Wesen, als Gemeinwesen der Natur, mit ihren »physischen und geistigen Kräften«, durch die sie »mit sich selbst zusammenhängt« (vgl. [MEW] EB 1, S. 516 oder: der Mensch »in seinem individuellsten Wesen« = »Gemeinwesen«, EB 1, S. ?). [1]

Ist nicht heute mehr und mehr allgemeines Thema „global“ die Menschheit, die Gattung selbst, ihr Leben, Überleben als solche, Zweck ihrer an sich um ihrer selbst willen, Selbstzweck ‒ als Teil, als Wesen der Natur? (wenngleich der Begriff von Natur sich dem Begriff entzieht) Bedingung dieser Möglichkeit
praktisch ist die Aufhebung ihres Widerspruch an sich, in sich…, ihr einhergehend zugleich der zur Natur?

Gäb‘s darüber heute nicht -zig Ansätze zur Verdeutlichung des Individuums, des Subjekts und allgemein der Gattung selbst als Subjekt in seiner (gemeinsamen, allgemeinen) Widersprüchlichkeit an sich, in sich … für sie / sich selbst…?

Entspricht nicht Marx‘ »kategorischer Imperativ« bzgl. der Aufhebung vom geknechteten, gedemütigten, erniedrigten Menschen ‒ durch sich selbst verursacht qua »Wert« / »Tauschwert«, der »Wertform« qua Privateigentum / –Verhältnis, qua allgemeinem privateigentümlichen
Verhalten der Menschen zu …, welche die gesellschaftliche Struktur als wirkliche, allgemein
geltende real konstituieren! ‒

der Möglichkeit und noch mehr der Notwendigkeit, diesen für die Menschheit, für die Gattung insgesamt, menschheitlich für das Gemeinwesen Mensch schlechthin zu postulieren ?

Klassen / Klassenkampf‒ nicht um seiner selbst willen, sondern zu diesem Zweck!?

Zur Aufhebung der Lohn- / »Wert« -Sklaverei überhaupt, der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, der Entfremdung des Menschen schlechthin von sich, seinesgleichen, der Natur…

Deshalb Gemeineigentum! ‒ dem (objektiven) Gemeinwesen der Individuen, Subjekte entsprechend, und v.v., Mensch sich als Mensch »bewährend«, damit zugleich, endlich, sich selbst

wirklich »Wert«, »Würde« verleihend!?

Gäb’s nicht neben dem erdrückend Negativen, in der »negativen Totalität«, der Totalität der »Negation« seiner selbst nicht mannigfaltig Positives in den verschiedensten Sphären der Welt der Menschen, das es zu erkennen gilt, um es in einem zu verteidigen wie zu entfalten, in der einen, dann wäre die Marxsche Erkenntnis vom »Kommunismus« als der »wirklichen Bewegung« hohl, leer, Phrase.

»Die Diremtion der Welt ist erst total, wenn ihre Seiten Totalitäten«…, »denn riesenhaft ist der Zwiespalt, der Ihre Einheit ist« ([MEW] EB I, S. 215, 217).

Der »Zwiespalt« macht ihre Gemeinsamkeit, Einheit aus. Also kommt’s drauf an, denselben an uns, den Menschen, der menschlichen Gattung an sich als einen ihr »gemeinschaftlichen« begreifbar werden zu lassen ‒

Das wäre wenigstens schon mal die halbe Miete.

Brech‘ jetzt einfach ab ‒

heute Morgen ist bald die Nacht rum.

Vielleicht ein weiteres kleines Stückchen Bruchstück.

herzlichen Gruß,

bis bald wieder,

H.

[1] Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte MEW EB I, 535: »In ihm [Verhältnis des Menschen zum Menschen] zeigt sich also, in[wie]weit das natürliche Verhalten des Menschen menschlich oder inwieweit das menschliche Wesen ihm zum natürlichen Wesen, inwieweit seine menschliche Natur ihm zur Natur geworden ist. In diesem Verhältnis zeigt sich auch, in[wie]weit das Bedürfnis des Menschen zum menschlichen Bedürfnis, inwieweit ihm also der andre Mensch als Mensch zum Bedürfnis geworden ist, inwieweit er in seinem individuellsten Dasein zugleich Gemeinwesen ist.«


H.B. an Ulrich Knaudt (01.07.2011)

Betreff: AW: WELTERNÄHRUNG

Danke, Ulrich, für Deine weitere Recherche.

[…]
In gewisser Weise geht es doch um Planung einer globalen Grundnahrungs-Mittel-Sicherung, also um eine immerhin notwendige globale Produktionsmenge (inkl. Bevorratung), und vor allem doch auch darum, unnötige, nicht rentable Überproduktionen zu vermeiden angesichts rentabler Erträge aus anderweitigen Nutzungen des Bodens der Erde ‒ an sich doch ein sehr ernst zu nehmendes Vorhaben, Planungen, wie es einerseits jedes beliebige Unternehmen vornimmt bzgl. seines wahrscheinlichen Marktanteils, jenes Vorhaben jedoch auf den Gesamtbedarf der Menschen, der Menschheit, also der Spezies bzw. Gattung Mensch überhaupt ausgerichtet und dabei Kosten- bzw. Preiskalkulationen durch Börsenspekulationen bzw."Spekulationsderivate" behindern[d] sind!?

Wie mit diesem Faktum umgehen? Möglichkeiten, Stellung zu beziehen?

Oder etwa nicht? Sich dies etwa entgehen lassen?

Zur Mitteilung von heute Nacht ‒

bitte leg sie vorerst zur Seite, werde solche Nachtproduktionen künftig unterlassen ‒ halte sie für nicht zumutbar.

Es sind paar Gedanken anvisiert, Versatzstücke, an deren Vermittlung ich wieder mal wie schon so oft scheitere.

Aber, ich komm dadurch doch meist paar Millimeter weiter, und auch damit wieder. Heut Nacht aber nicht, nicht wieder.

Nur kurz Folgendes:

Im Mail vom 23.5. konnte ich die Einheit der Bewegung / Entwicklung von Klassenkampf- und Gattungslogik insoweit auf den Punkt bringen, als ich ausdrückte,

‒ daß das »eine nicht gegen das andere zu verabsolutieren / zu negieren« ist und

‒ [daß] »das Zugleich beider weder das eine noch das andre so wenig [widerlegt] wie es den Widerspruch zwischen beiden aufhebt.«

Damit handelt es sich aber um eine nur negative Bestimmung deren Verhältnisses, Beziehung zu einander.

Und hab weiter gefolgert:

»Und nur in Hinsicht auf die Antizipation des eigentlichen (positiven) Ziels hin kommt beiden in ihrer gegenseitigen Ausschließung zugleich auch ein wesentlich positives Moment zu, das beiden eigen, inhärent, immanent ist, das beide zusammenkommen läßt, das „zugleich ihre beide vereinigende Wahrheit ist“ (…).«

Um die weitere eigentlich positive Bestimmung dieses Verhältnis[ses], um Vertiefung, Vermittlung, soweit möglich, geht’s mir vor allem, um es in der »wirklichen Bewegung« zu erfassen, und damit und dadurch bewußtes Handeln in ihr logisch und historisch vermittelt begründen und ableiten zu können. Ich halte das für möglich, für unbedingt notwendig (warum Marx übrigens ausdrücklich nicht von „Ziel“ spricht ‒ wie ich an dieser Stelle, dazu ein ander mal).

Zunächst also nur die Frage, lieber Ulrich, inwieweit es Dir möglich ist, diesen vorerst drei Bestimmungen zuzustimmen? ‒ wenn nicht, inwieweit bzw. warum nicht. Übereinstimmungen sollten wir festhalten, um nicht immer wieder dahinter zurückzufallen und wenn, dann mit weiterem guten Grund bzw. Argument. Einverstanden?
Bis bald wieder, ich bleib dran, bohr weiter, mit Dir, dank Dir,

H.
PS: Fulda und [von Karl Marx] die Judenfrage geh ich am Wochenende an. [1]

[1] H.F. Fulda: Dialektik als Darstellungsmethode im „Kapital“ von Marx; in: Ajatus, Helsinki 1978 (H. 37); Karl Marx: Zur Judenfrage MEW 1 (347-377).


Ulrich Knaudt an H.B. (04.07.2011)

Betreff: NICHTS ODER ALLES

Lieber H., gestern war ich auf Einladung des aus max. 4 Leuten bestehenden „Gesellschaftswissenschaftlichen Instituts in Bochum“ (GiB) bei einem Vortrag von M. Clemens (siehe die an Dich weiter geleitete Mail [1]). Der Referent bewegt sich (wie Du den beiden Heften, die ich Dir schicken will, entnehmen kannst) in etwa auf der Wellenlänge unserer Diskussion. In einem Nebensatz erwähnte er auch Debatten, die er mit R. Kurz und D. Wolf über die Werttheorie geführt hat. Vielleicht kennst Du ihn ja.

Die Zuhörer bestanden aus den mir bekannten „üblichen Verdächtigen“ o.g. Instituts (bei C. Bauer hatte ich […] 2 Semester lang ein wenig Marx studiert) und dem Anhang, den der Referent aus Duisburg mitgebracht hatte: einer fragte mich gleich, ob ich denn vor einer Woche beim Pressefest der UZ war, was ich brüsk verneinte ‒ also alles DKP und [die Partei] Die Linke jenseits der Pensionsgrenze. Mir ist noch nie so klar geworden, weil ich mit diesen Leuten sonst nichts zu tun habe, auf welch niedrigem theoretischen und politischen Niveau diese ‚Marxisten‘ meinen, die Welt verändern zu sollen. […] Das klingt arrogant, ist aber die traurige Wahrheit.

Der Vortrag basierte auf einem „Thesenpapier“ (s.o., das man bei dem Referenten anfordern konnte), auf das er aber gar nicht mehr zurückkam, und einer überaus detaillierten Schilderung des gesellschaftlichen und politischen ‚Milieus‘ aus dem heraus Feuerbach, die Junghegelianer und M.[arx]u.E.[ngels] vor 1848 zu verstehen sind (s. „Materialien“). Im Grunde handelte es sich um zwei Vorträge (wobei der historische Teil als einzelner Vortrag nicht besonders interessant gewesen wäre).

Zu den „Materialien“ und dem „Thesen-Papier“: Viele Zitate werden Dir daraus sehr bekannt vorkommen, gehen aber in ihrer Interpretation nicht über das hinaus, worüber wir schon seit längerer Zeit debattieren. Den Kern soll Feuerbachs Hegel-Kritik bilden, der sich der Referent mit einigen kritischen Anmerkungen im großen und ganzen anschließt und dabei das Vorhandensein eines Geist-Materie-Dualismus bei Feuerbach behauptet. (Ich habe zu wenig Feuerbach gelesen, um das bestätigen oder das Gegenteil behaupten zu können.) Dabei blieb unterbelichtet, welche Stellung Feuerbach zum französischen Materialismus und englischen Empirismus einnimmt und damit die Hegelsche Empirismus-Kritik z.B. in der Ph[änomenologie des] G[eistes] und auch die der Frankfurter Schule (Positivismus-Streit), die diese Position (wenn auch einseitig, aber zu Recht) stark gemacht hat, auf der Strecke.

Das war auch der Punkt, über den die anschließende Debatte nicht hinauskam. Einziger Lichtblick: eine gesalzene Kritik des Referenten an H.H. Holz‘ neo-scholastischer Position zum mittelalterlichen Universalienstreit (die Kategorien sind [danach] genauso real wie die Sachen), dem er „Neo-Stalinismus“ bescheinigte (was ihm einige Buh-rufe einbrachte), so daß er sich daraufhin leider später wieder von seiner angeblich überzogenen Kritik an Holz distanzierte. Man einigte sich auf Sohn-Rethels „Realabstraktionen“ sozusagen als goldenen Mittelweg aus diesem Dualismus.

Zwei Dinge haben die meisten überhaupt nicht verstanden: zum einen, daß Marx in den Ersten drei Kapiteln des KAP I diesen Streit mit dem Fetischcharakter der Ware durch das Ad-absurdum-Führen der Hegelschen Kategorien erfolgreich beendet, wobei er sich der bei Hegel vorgefundenen „Verselbständigung“ bedient (durch ihre gesellschaftliche Bedeutung werden die sich verselbständigenden Paradoxien real, und daher bleiben [sie] nicht nur schlichte Realabstraktionen!). Das zu erkennen, erfordert allerdings einen Restbestand an Dialektik, der aber wegen der ‚Ebenen‘-Konstruktionen in der linken Logik nicht verfügbar ist. Zweitens zitiert der Referent in dem Materialband (S. 32) zwar die von Dir gerühmte Stelle aus [der Marxschen Kritik am Hegelschen …] „Staatsrecht“ , aber als ich die Zuhörer auf die Bedeutung des »wesentlichen Widerspruchs« aufmerksam machte, war das Echo = 0. Sie haben diese Dialektik entweder nicht kapiert oder zumindest nicht zur Kenntnis nehmen wollen. (Kann auch sein, daß ich sie nicht überzeugend dargestellt habe.) Man einigte sich statt dessen darauf, das ganze als Problem der Unterscheidung zwischen „antagonistischen“ und „nicht-antagonistischen Widersprüchen“ abzuhaken, wobei derjenige, der deren Vorhandensein feststellt, entscheiden kann, um welche Sorte Widersprüche es sich im konkreten Fall gerade handelt. Also der Idealfall des DeKaPistischen Dezisionismus!

Zu guter Letzt habe ich dem Auditorium nahegelegt, die Marxsche Hegel-Kritik am Ende der ÖkphilMan noch einmal aufmerksam zu studieren, weil dort die Hegelsche Empirismus-Kritik nicht einfach [von Marx] liquidiert, sondern „aufgehoben“ wird ‒ womit wir bei unserer Debatte angelangt sind und ihrem letzten Stand ausgelöst durch Deine Mails vom 30.06 und 01.07.!

(Ich muß mich erst mal sammeln, um den politischen und theoretische Sumpf, in den ich gestern gestiegen bin, wieder aus den Kleidern zu schütteln oder wie die Anthroposophen sagen, meine arg zerknautschte Geistseele wieder glatt zu bügeln ‒ deshalb schlafen sie nicht auf dem Boden, weil sie dabei ihre Seele zerdrücken könnten…)

Im Gegensatz zu Dir finde ich Deine erste Mail sehr gut, weil darin der Widerspruch, mit dem wir es zu tun haben, klar zum Ausdruck kommt, während der Versuch in Deiner zweiten Mail, mir einen Handel vorzuschlagen, der auf den darin aufgezählten 3 Essentials (1. Klassenkampf vs. Gattungslogik; 2. ihrer Gleichwertigkeit; 3. daher ihrer Nicht-Aufhebbarkeit) gegründet werden soll, uns wahrscheinlich nicht weiterbringen wird…

Ich schicke Dir als Anhang meine spontanen Überlegungen zu Deiner ersten Mail, worin der Widerspruch, den wir zu lösen haben, klar ausgesprochen ist. Diesen würde ich folgendermaßen zusammenfassen:

Es ist hinreichend, daß wir uns über Marx und Engels verständigen, (da es sich bei dem unsrigen nicht um einen akademischen Disput handelt, worin das KM [Manifest der kommunistischen Partei] naturgemäß nur als historisches Dokument verstanden wird), und gleichzeitig für die (Anerkennung und) Positionierung der ‚Partei Marx‘ (die wir gleichfalls nicht, wie im ‚akademischen Diskurs‘ üblich, als historisches Detail auffassen) kämpfen als notwendige Voraussetzung und Ausgangspunkt künftiger Klassenkämpfe. Ob das unmittelbare Resultat dieser Auseinandersetzung (kleingeschrieben!) ‚partei Marx‘ heißen wird, ist völlig sekundär. Ich klebe nicht an diesem Projekt, werde es aber, solange es nichts Vergleichbare gibt, weiter betreiben.

Für uns kommt es darauf an, die in Deiner ersten Mail zum Ausdruck kommende Entgegensetzung unserer Positionen in eine kontrollierte Kernspaltung zu überführen, woraus sich die notwendige Energie für die Erneuerung der Politik einer neuen Marxschen Partei gewinnen ließe.

Der Kern unseres Streits ist, wie es in Deiner ersten Mail heißt, der Dualismus „Nichts oder Alles“. Darin wird das Subjekt entweder zum Weltgeist (U.K. = „Nichts“) oder zur Menschheit (H.B. = „Alles“) aufgeblasen. Die Aufhebung dieses Widerstreits findest Du in der Einl[eitung zur]Kr[itikder]Heg[elschen]R[echts]ph[ilosophie] ([MEW] 1,390), worin die Antwort auf die Frage nach der »positiven Möglichkeit der deutschen Emanzipation? … In der Bildung einer Klasse mit  radikalen Ketten« usw. gesehen wird, »…welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat

Ich denke, daß in dieser Auflösung auch das mögliche Ergebnis unserer kontrollierten Kernspaltung steckt. Nicht allein zwecks Energiegewinnung für die Fortsetzung unserer Debatte, sondern im Sinne der Verteidigung der Zukunft der Menschheit auf diesem Planeten, deren Lebenskräfte und diejenigen der Natur durch die kapitalistische Produktionsweise langfristig zugrunde gerichtet werden.

Viele herzliche Grüße

Ulli

Anhang:
Wissenschaft vom Kommunismus [01.07.]

 „Ein Nichts zu sein tragt es nicht länger…“

H.B.s entscheidender Fehler besteht darin, daß er der Ansicht ist, die Menschheit werde qua Menschheit die Welt vom Kapitalismus befreien können. Dies zu versuchen, hätte eine terroristische Diktatur zur Folge, gegen die die stalinsche ein wahres Paradies gewesen ist.

H.B. übersieht auf der von ihm angeführten Stelle in den ÖkphilMan die Arbeiter, in denen die Entfremdung des Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft wesentlich in Erscheinung tritt und nicht im Menschen überhaupt. Wenn er an die Stelle des Arbeiters »den Menschen« stellt, wird überhaupt nicht einsichtig, warum sich K.M.[arx] mit der trockenen Materie der politischen Ökonomie herumgeschlagen hat. Aus seinen Zitaten [aus den Werken bürgerlicher Ökonomen] wird ersichtlich, daß es ihm beim Studium der Nationalökonomie zentral um die Stellung des Arbeiters zum Kapital geht. Das führt zu dem entscheidenden Satz in der KrHeRphil, daß im Dasein des Proletariers (und nicht des Menschen) die Menschheit vernichtet ist. Menschheit muß man aber naturalistisch lesen: des Menschen als natürlichem Wesen, also auch der Natur im Menschen. Davon wird sich der Mensch nur qua Arbeiter befreien können. Davon kann ihn, wie es in Marxens Auseinandersetzung mit [Arnold] Ruge heißt, auch nicht die Bourgeoisie befreien. Die politische Emanzipation ist die Bedingung für die Emanzipation als Klasse. Aber auf der anderen Seite wird sich die Klasse nicht emanzipieren, ohne die politische Emanzipation bis zu dem Punkt voranzutreiben, (zuzuspitzen! Revolution in Permanenz), der ihr die Emanzipation als Klasse ermöglicht. F.E.[ngels] (in den 80er Jahren): Ohne politische Emanzipation der europäischer Nationen qua Nationen kein proletarischer Internationalismus! [2] H.B. macht also den entscheidenden Schritt, den Marx in den ÖkphilMan vom gesellschaftlichen Ur-Verhältnis zweier sich liebender Menschen (James Mill [3]) zu den Ursachen für die unmenschlichen Verhältnisse in der bürgerlichen Gesellschaft macht, indem er den wesentlichen Widerspruch in dem Verhältnis des Arbeiters zum Kapitalisten in den Theorien der bürgerlichen Ökonomen analysiert, nicht mit. Er bleibt bei Arnold Ruge stehen. (Siehe Ökphil Man: die Gemeinschaft der Pariser Arbeiter als proletarischer Adel.[4])

Das, was Marx schließlich im Hegelschen Weltgeist vorfindet, daß dieser, um zu sich selbst zu kommen, die Gegenstände wissenschaftlich in Nichts verwandeln muß, kippt bei H.B. in eine All-Bestimmung um. Die Menschheit als universale Allheit wird die Menschheit befreien, indem sie die große Dichotomie (Diss: Diremtion [5]) in der allmenschheitlichen Gattenliebe aufgehoben sehen will. Das führt politisch bestenfalls zum kommunistischen Tugendterror aber nicht zum Kommunismus. Wie die O[ktober]R[evolution] zeigt, liegt auch hier der Teufel im Detail: wie en détail das Proletariat als sich emanzipierende Klasse zu begreifen ist und sich selbst begreift (Pariser Kommune, O[]ktober]R[evolution]). In letzterer gab es in der Tat eine große Diremtion, eine Spaltung des Proletariats in die Verteidiger und die Angreifer von Kronstadt, wodurch die Menschheit um Jahrhunderte zurückgeworfen worden ist. Eine proletarische Staatsmacht, die sich und ihren Staat aus Gründen der Staatsraison vor dem Proletariat schützen muß, hat von der Pariser Kommune Entscheidendes nicht mitbekommen.

Alles oder Nichts ist nicht mal ein guter Tip in einer Spielbank, genauso wenig wie im Börsenspiel, wie jeder Zocker weiß. Also sollten wir uns über diese Dichotomie nicht streiten wie um des Kaisers Bart, sondern den Schritt, den Marx gemacht hat, an diesem entscheidenden Punkt nachvollziehen.

[1] Thema des von Martin Clemens am 02.07.2011 gehaltenen Vortrags: Rolle und Bedeutung der Feuerbachschen Philosophie für die Herausbildung des Materialismus von Karl Marx und Friedrich Engels in den Jahren 1841 bis 1845. www.gi-bochum.de
[2] STREITPUNKT 2 Warum Lenins letzter Kampf gegen den linken Sozialimperialismus nicht zu gewinnen war, 23ff.

[3] Karl Marx: Auszüge aus James Mills Buch „Élémens d‘économie politique“ MEW EB 1 I (445-463).

[4] Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte MEW EB 1 I (467-588), 554: »Die Gesellschaft, der Verein, die Unterhaltung, die wieder die Gesellschaft zum Zweck hat, reicht ihnen hin, die Brüderlichkeit der Menschen ist keine Phrase, sondern Wahrheit bei ihnen, und der Adel der Menschheit leuchtet uns aus den von der Arbeit verhärteten Gestalten entgegen.« [5] Karl Marx: Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie MEW EB 1 I (259-375), 215,217.


Ulrich Knaudt an H.B. (26.07.2011)

Betreff: GRUNDRISSE

Lieber H., […] Mir ist aufgefallen, daß K.M.[arx] hinsichtlich der Bestimmung des Kapitals als aufgehäufter Arbeit eine kritische Korrektur zu den Ök[onomisch-] phil[osophischen] Man[uskripten] vornimmt, worin er den Arbeitsbegriff, wenn auch in Konfrontation mit den bürgerlichen Ökonomen, noch eindeutig anthropologisch bestimmt [hat]: [d.h.] durch die entfremdete Arbeit entfernt sich der Mensch von seinen noch nicht entfremdeten Ursprüngen, was sein Verhältnis zur Natur und dem Menschen betrifft usw. Aber gleichzeitig ist [dort] die Arbeit bereits die »Substanz des Privateigentums«. In den GR[undrissen der Kritik der politischen Ökonomie] sind dagegen Arbeit und Kapital vom Wertgesetz bestimmt. Gemessen am KAP[ital] bleibt das aber noch in einer erst später endgültig zugespitzten Bestimmung stehen. Dennoch muß man wohl von einem Sprung von der (anthropologisch bestimmten) entfremdeten zu der durch den Wert bestimmten Arbeit sprechen (K.M.s Selbstkritik in den GR: nicht jede Arbeit ist per se Kapital [1]). Diesen Sprung bezeichnet Althusser als epistemische Wende, [2] wodurch der frühe vom späteren Marx dichotomisch getrennt wird. (Den Stalinfreunden war der frühe Marx immer ein Klotz am Bein…) Außerdem findet sich hier ein weiteres Indiz für das Vorgehen der ‚marxistischen‘ Steinbrucharbeiter, die ihre Zitate unabhängig von der Entwicklung der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie (in den [Ökonomisch-philosophischen] Manuskripten findet sich diese in ihrer Urform) ohne inneren Zusammenhang neu kombinieren, um damit eine eigene Kritik der politischen Ökonomie in den Stil zu stoßen, die mit der Marxschen nur noch dem Namen nach etwas zu tun hat. Dazu gehört auch unser gemeinsamer Freund D.W.[olf], der wegen seiner enormen Belesenheit weiß, wo er Passendes findet, das er dann, nicht immer mit den erforderlichen Gänsefüßchen versehen, als eigene Thesen vertritt…

Mich hätte sehr interessiert, worin Du bezogen auf die genannte Textpassage Hinweise auf die Vorgehensweise D.W.s konkret vorfindest. Einige Sätze habe ich jedenfalls mit einem gewissen Schmunzeln gelesen, in denen gewisse Mißverständnisse, die bei D.W. auftauchen, bereits kritisch vorweggenommen zu sein scheinen. [3] Das werden wir hoffentlich Gelegenheit haben, uns noch genauer anzuschauen.

[…]

Herzlich Ulli

[1] Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie:,168 ff: »Wenn gesagt wird, daß das Kapital „aufgehäufte (eigentlich vergegenständliche Arbeit) ist, die als Mittel zu neuer  Arbeit (Produktion) dient“, so wird die einfache Materie des Kapitals betrachtet, abgesehn von der Formbestimmung, ohne die es nicht Kapital ist. Es heißt weiter nichts als Kapital ist – Produktionsinstrument, denn im weitesten Sinn muß jeder, auch der rein von Natur gelieferte Gegenstand, wie Steine z.B. durch irgendeine Tätigkeit erst angeeignet werden, eh es als Instrument, als Produktionsmittel dienen kann. … Wird so von der bestimmten Form des Kapitals abstrahiert, und nur der Inhalt betont, als welcher es ein notwendiges Moment aller Arbeit ist, so ist natürlich nichts leichter als zu beweisen, als daß das Kapital eine notwendige Bedingung aller menschlichen Produktion ist. … Der Witz ist, daß wenn alles Kapital vergegenständlichte Arbeit ist, die als Mittel zu neuer Produktion dient, nicht alle vergegenständlichte Arbeit, die als Mittel zu neuer Produktion dient, Kapital ist. Das Kapital wird als Sache gefaßt, nicht als Verhältnis
[2] Louis Althusser: Für Marx, Frankfurt M. 2011, 34 f. Dort wird dieser Begriff als »epistomologischer Einschnitt« übersetzt.

[3]Karl Marx: Grundrisse, 169;170: »Wird andrerseits gesagt, Kapital ist eine Summe von Werten, angewandt zur Produktion von Werten, so heißt das, Kapital ist der der sich selbst reproduzierende Tauschwert. Aber formell reproduziert sich der Tauschwert auch in der einfachen Zirkulation. In dieser Erklärung ist zwar die Form festgehalten, wodurch der Tauschwert der Ausgangspunkt ist, aber die Beziehung zum Inhalt (die beim Kapital nicht wie beim einfachen Tauschwert gleichgültig ist), fallen gelassen. … Um den Begriff des Kapitals zu entwickeln, ist es nötig, nicht von der Arbeit, sondern vom Wert auszugehn und zwar von dem schon in der Bewegung der Zirkulation entwickelten Tauschwert.«


Ulrich Knaudt an H.B. (03.08.2011)

Betreff: NÄCHSTE „SITZUNG“

Lieber H., […] Zusätzlich zu unserer Korrespondenz würde ich Dich bitten, Dir das letzte BLogbuch [1-2011] anzuschauen (zumindest [darin] die Monate Mai und Juni, das davor kennst Du schon aus meinem Vortrag [1]). Ich würde gerne über meine These von den drei Bourgeoisien diskutieren, weil ich denke, daß daran auch unsere ungelöste Klassenfrage und die Faschismusfrage hängt.

Zur Anthropologie: die [Ökonomisch-philosophischen] Manuskripte bilden die Grundlage für die spätere Formulierung des Manifests [der kommunistischen Partei], eine Auftragsarbeit, worin die Klassenfrage zum ersten Mal politisch entwickelt wird (politischer Klassenkampf). Selbstverständlich betreibt Marx in den [Ökonomisch-philosophischen] Manuskripten keine reine Anthropologie, wogegen schon seine Kritik an den zeitgenössischen bürgerlichen Ökonomen spricht. Die Manuskripte sind der erste Schritt aus dem junghegelianischen Sumpf durch seine Kritik an der bürgerliche[n] Ökonomie; die weiteren Etappen sind die Feuerbach-Thesen und die Auseinandersetzung mit Arnold Ruge über den Weber-Aufstand sowie die Einleitung zur Rechtsphilosophie: die Menschheit ist im Proletarierdasein vernichtet… (Hinzu kommt die Kritik an Proudhon zwecks Ausrichtung der praktischen Arbeit im Brüsseler Korrespondenz-Komitee.) Diese Entwicklung begreife ich als eine vom naturalistisch und humanistisch definierten entfremdeten Menschsein im Sinne Feuerbachs zum Proletarierdasein, in dem das Menschsein konkret negiert ist. Insofern würde ich stark vergröbernd von einem anthropologischen Ausgangspunkt sprechen im Gegensatz zu dem sich daraufhin entwickelnden (politischen) ‚Klassenstandpunkt‘ (eigentlich ein Unwort, das durch etwas Präziseres zu ersetzen und zu aktualisieren wäre!) Wie man es auch immer formuliert, würde ich auf dieser Differenz: Humanum – Klasse (– politischer Klassenkampf) in der fortschreitenden Marxschen Entwicklung bestehen!

Gruß Ulli

[1] DEBATTE 4 Das Marxsche „Kapital“ und Marxsche Parteilichkeit.


Ulrich Knaudt an H.B. (24.08.2011)

Betreff: REAKTIONEN 2010 2011

Lieber H., ich schicke Dir die REAKTIONEN 2010 noch einmal, weil mein Bericht über die Sommerschule im letzten Jahr noch nicht darin enthalten war. [1] Zu unserer abgebrochenen Diskussion über Ök[onomisch-]Phil[osophischen]Man[uskripte] solltest Du vielleicht noch mal reinschauen, wegen der Architektonik. REAKTIONEN 2011 geht [bisher] bis Anfang Juni. Nach meiner redaktionellen Arbeit daran ist mir klar geworden, daß wir auf diesem Terrain mächtig aneinander vorbei diskutieren. Damit das anders wird, müßte ich mir den Colletti noch mal ranholen, weil ich schon an seiner Realrepugnanz einiges auszusetzen hatte. [2] Ich bin aber mit Dieter [Wolf]s Reichelt/Knaudt-Kritik [3] beschäftigt, wobei ich davon ausgehe, daß D.W. gegenüber K.M.[arx] ein ganz neues System errichtet hat, das mit dem Marxschen Ausgangspunkt nichts mehr zu tun hat, weil es wieder zu den Klassikern zurückführt. In den ÖkPhilMan bestimmt Marx die Arbeit zum Wesen des Privateigentums als Ausgangspunkt der Bestimmung des Verhältnisses von Arbeiter und Kapitalist. Diese Bestimmung findest Du auch bei Smith und Ricardo. Sie wird aber in dieser Form mit der Formulierung des Wertgesetzes aufgehoben. Das Wertgesetz das in der Gesellschaft wie ein Naturgesetz wirkt (REFLEXIONEN 1). Um den Prozeß der Ausformung des Wertgesetzes über die GR[undrisse] bis zu den beiden Auflagen des KAP und bis zu [den Randglossen zu Adolf] Wagner zu verfolgen, mag Deine "Trinitarische Formel" eine wichtige Grundlage sein, aber sie hilft mir nicht weiter, um die wissenschaftliche Bedeutung des Wertgesetzes als Blaupause für den Aufbau des Sozialismus vollständig zu erfassen. Stalin hatte recht: es spielt zwar für den Aufbau des Sozialismus eine bestimmte Rolle; nur wurde da leider kein Sozialismus aufgebaut, was erst klar wird, wenn man die Geschichte dieser Konterrevolution studiert und mit Stalins ‚Anwendung‘ des Wertgesetzes vergleicht. Da es seiner Ansicht nach in der SU seine Wirkung verloren haben soll, kann Stalin auf Marx verzichten (die Eigentumsfrage ausgenommen, zur theoretischer Legitimierung des Stalinschen Gangster-Sozialismus). Darum geht es mir. Und darin unterscheiden sich unsere verschiedenen Ansätze. Das Einzige, worauf wir uns bisher tatsächlich geeinigt haben, ist, daß wir beide unsere Diskussion für äußerst fruchtbar halten und sie daher unbedingt fortsetzen wollen.

Gruß Ulli

[1] REAKTIONEN 2010 Ulrich Knaudt an H.B. (29.10.-31.10.2010).
[2] Lucio Colletti: Marxismus und Dialektik, Frankfurt M. Berlin. Wien 1977.

[3] REAKTIONEN 2010 Ulrich Knaudt an H.B. (25.07.2010).


H.B. an Ulrich Knaudt (25.08.2011)

Betreff: Nachtrag

Unser »aneinander vorbei diskutieren« liegt – und das muß uns unbedingt klar sein, in der Natur der Sache, wenn wir das (verdoppelte) Verhältnis des Menschen zur Natur und zu seinesgleichen in seiner untrennbaren Einheit begreifen und darüber und nur darüber quasi eine Meta-Erkennntis-Position (Hegel spricht spekulativ von den Gedanken Gottes, als Mensch allerdings auch immer nur relativ, als endliche Wesen/Wissenschaft, Marx‘s. St[aats]R[echt]!) einnehmen, um [uns] als (menschheitliches) Subjekt in diesen seinen Widersprüchen zu »bewähren« , was ohne Aufhebung sowohl der Wertformen-Logik als auch der Klassen schlechterdings unmöglich zu bewerkstelligen ist. Das »aneinander Vorbei« läßt uns, so paradox es scheinen mag, zusammenrücken, wahrhaft.


H.B an Ulrich Knaudt (25.08.2011)

Lieber Ulrich, hab soeben Dein Mail gesehen, gelesen – nur ganz kurz, grundlegend, was Dir auf[fällt]: auch mein Eindruck, »daß wir … mächtig aneinander vorbei diskutieren« – immer wieder, von Anfang an! natürlich muß Colletti’s Sicht auf Kant’s »Realrepugnanz« kritisiert werden, erfaßt sie doch ganz schlicht und einfach nicht das »Ausgangs«-/Grund- »Verhältnis« als privateigentümliches »von Arbeiter und Kapitalist« gleichermaßen, des einen wie des anderen, je an und für sich, »abstrakt«, eben auch als Klassen ! – als solches eben unvereinbar mit/zu Kommunismus !völlig richtig, in der Logik  des Werts sowie an dessen »Substanz«, der (abstrakten) Arbeit, ist es konkret allemal ausgeblendet, annihiliert, »aufgehoben« – allerdings i.S. ihrer praktisch realen (Fort-) Existenz, als real fortexistierendes! ebenso in der „Vaterländischen Volksgemeinschaft“ Stalins – ein Rückfall hinter die Warenproduktion, hinter »bei mir ist das Subjekt die Ware« (K. Marx, [Randglossen zu Adolf] Wagner-Kritik), das Subjekt selbst nicht in seinem Warenstatus (Eigentümer seines Arbeitsvermögens als Zivilisationsfortschritt und notwendig naturwüchsige Bedingung, als Durchgangsstadium seines gemeinschaftlichen Subjekt(bewußt)seins!

die eigentliche „Eigentumsfrage“ – des Menschen an sich und seiner selbst, im bürgerlichen Sinne, geschweige denn der Befreiung von jeglicher bornierten – scheint mir bei Stalin noch gar nicht mal angekommen. 
die daraus folgende »Paradoxie« (Schein) ist Folge der »Antinomie« als Widerspruch innerhalb der Erscheinungsformen, diese wiederum Folge des »Antagonismus« zwischen dem privateigentümlichen Verhältnis einerseits und dem gemeineigentümlichen andererseits als einander ausschließende, unvermittelbare Seiten, ohne die Antizipation des einen in und durch die andre Seite (siehe S. 292 Marx:
Kritik des H.[egelschen] St[aats]R[echts], der H.[egelschen] Dialektik, deren »Grenzen« (Marx, GR[undrisse])!

»darin unterscheiden sich unsere verschiedenen Ansätze« deshalb, weil sie zu unterscheidende, verschiedene Gegensätze der widersprüchlichen Wirklichkeit selbst widerspiegeln, reflektieren!

Deshalb: »unsere Diskussion … äußerst fruchtbar …. unbedingt fortsetzen«, um der Erfassung unserer Wirklichkeit willen, ihrer Widersprüche an, in und durch uns selber, und das ist gut so.

Einfach Schluss; bis dann, bis bald wieder herzlichst,

H.


Ulrich Knaudt an H.B. (28.09.2011)

Betreff:ABSTRACTS

Tja lieber H., den Brief wollte ich Dir bereits gestern schicken. Ich hatte ihn schon fertig geschrieben und wollte noch den Anhang dranhängen, da hab‘ ich durch irgendeinen Blödsinn den gesamten Mail-account gelöscht und natürlich auch meinen Brief an Dich. Also versuch ich es noch mal von vorn. Ich habe Kronstadt bestellt [1] und Deine Mails dankend erhalten. Im Anhang befinden sich die ABSTRACTs, die ich möglich bald ins Netz stellen will.[2] Es wäre schön, wenn ich auch Dein O.K. für die REAKTIONEN [2011] bekäme, damit ich mich danach intensiver auf meinen Vortrag vorbereiten kann.

Im Zug nach hause saß, wie gesagt, Manfred Lauermann. […]. Wir unterhielten uns dann noch über seine These, daß es doch einen Unterschied zwischen Hitler und Stalin gebe. Letzterer habe, [so M.L.], nachdem er seine halbe Armee hat über die Klinge springen lassen, die militärische Befehlsgewalt wieder an die Generäle abgegeben. Ich meinte, daß das daran liege, daß [auch] die alten Zaren durchaus zu gewissen Reflexionen und zur Selbstkritik fähig gewesen seien, warum dann nicht auch der Neue Zar…?

Er mußte mir schließlich noch mitteilen, daß er für die j[unge]W[elt] ("pfui, wie kann man nur…"!) einen Bericht über die Konferenz schreiben muß.[3] Warum er mir das erzählt hat, weiß ich nicht. Ich erzählte ihm auch, daß ich mit einigen Vorträgen und Diskussionsbeiträgen Probleme gehabt hätte, so auch mit seinen Einlassungen zu Marxens Russophobie.

Weiter ging unsere Diskussion leider nicht. Ich hatte ein ähnliches Gefühl wie damals mit Christoph Lieber.[4] Ich finde ja beide ganz sympathisch, aber mit dem, was sie politisch draufhaben, kann ich überhaupt nicht sympathisieren…

Ich hoffe, mir ist alles wieder eingefallen, was gestern im elektronischen Nichts zerronnen ist. Ach ja, ich habe mit dem gemeinsam diskutierten Text angefangen und hoffe, daß die Musen mir weiterhin hold sind. Und noch was, weil ich bei unserem Abschiedstrubel, den die DB verschuldet hat, vergessen hatte, mir ‘ne Zeitung zu kaufen, las ich den Harbach weiter.[5] Die Affinitäten zu D.W[olf]. betreffen nicht nur ein paar Seiten, sie durchziehen offenbar das ganze Buch. Was das bedeutet, ist mir für beide Seiten noch nicht klar: möglicherweise dient D.W.s System der politischen Argumentation Harbachs, daß der Reale Sozialismus irgendwie doch noch reformierbar gewesen sein könnte. Dann hätte dieses System plötzlich eine wichtige politische Bedeutung bekommen. Das ist meine Vermutung, die sich erst nach der vollständigen Lektüre bestätigen wird oder nicht.

So, das war’s jetzt aber, viele herzliche Grüße

Ulli

[1] Klaus Gietinger: Die Kommune von Kronstadt, Berlin 2011.
[2] Im Zusammenhang mit der Überarbeitung von parteimarx.org.
[3] junge Welt 29.09.2011 Marx in Rußland: Eine Wiederkehr. Kein orthodoxer Retrosalat: Eine Tagung in Berlin verhandelte die Sicht von Marx und Engels auf die russische Entwicklung. Siehe auch Neues Deutschland 27.09.2011 Mr. Marx brillant und bissig. Marx-Engels-Forscher feierten in Berlin nicht nur neuen MEGA-Band.
[4] REAKTIONEN 10.12.2010.
[5] Heinrich Harbach: Wirtschaft ohne Markt. Transformationsbedingungen für ein neues System der gesellschaftlichen Arbeit, Berlin 2011.


Ulrich Knaudt an H.B. (19.10.2011)

Betreff: PANSLAWISMUS

Lieber H., […] Zu dieser Veranstaltung [1] ist mir, leider erst nachträglich, noch ein wichtiger Punkt eingefallen: der Panslawismus. F[riedrich].E[ngels]. bezeichnet ihn als einen großen Betrug. Vor allem aber spielt der Panslawismus in der Auseinandersetzung zwischen K[arl].M[arx]. und der russischen Emigration eine zentrale Rolle. Tschernyschewski ist ein ausgesprochener Gegner der Slawophilen, was ihm in den Augen von K.M. große Hochschätzung einträgt. Wie kann man über K.M. und Rußland sprechen, ohne den Panslawismus, soweit ich mich erinnern kann, auch nur zu erwähnen…!?

Ich habe D.W[olf].s Reichelt/Knaudt-Papier über die Hälfte studiert und frage mich inzwischen, ob sich die Mühe gelohnt hat.[2] D.W. wiederholt seine 2, 3 Fehlinterpretation in -zig Variationen und gibt dabei gleichzeitig den ‚Marxismus‘-Papst. Er hat etwas Querulatorisches an sich. Solche Typen gibt es überall in der scientific community. Dort werden sie als Luft behandelt. Gibt es außer dem guten Harbach, der uns D.W. als einen wichtigen Theoretiker verkaufen will, irgendjemanden, der eine ernstzunehmende Kritik an ihm geübt hat? Auch nicht in der MG (Knaudt ausgenommen [3])? Vielleicht sollte ich ihn einfach ignorieren unterstützt durch die Tatsache, daß er an Knaudt nichts konkret zu kritisieren hat, es sei denn, daß dieser seine "bedeutsame" Autorität nicht anerkennt.

Ich habe meine Herbstgrippe und schaue mir jetzt Borussia im Fernsehen an.

Herzliche Grüße

Ulli

[1] REAKTIONEN 28.09.2011.
[2] Dieter Wolf: Qualität und Quantität des Werts. Makroökonomischer Ausblick auf den Zusammenhang von Warenzirkulation und Produktion. (Bemerkungen zu Ulrich Knaudts Papier „Unter Einäugigen ist der Blinde König“, zu Helmut Reichelts Papier über seine Geltungstheorie und wie darüber in einer Sitzung der Marx-Gesellschaft diskutiert wurde.) www.marx-gesellschaft.de
[3] Ulrich Knaudt: Zwischen zwei Einäugigen kann nur der Blinde König sein. Nachtrag und Ergänzungen zur Wolf-Reichelt-Kontroverse. www.marx-gesellschaft.de


Ulrich Knaudt an GdS (28.10.2011)

Hallo Buchladenkollektiv,

vielen herzlichen Dank für die mir zugesandten verschiedenen Materialien, darunter schon vor längerer Zeit die GdS mit den 4 Sarrazin-Artikeln.[1] Nun ist ja seit dem Norwegischen Una-Bomber Breivik und dem nicht stattgefundenen Rausschmiß von Sarrazin aus seiner Partei zu diesem Thema im Blätterwald Ruhe eingetreten. Politiker und Presse sind mit der der Weltwirtschaftskrise Zweiter Teil ausreichend in Atem gehalten.

Das soll mich aber nicht daran hindern, nachdem ich Sarrazins Buch und Eure Artikelsammlung gelesen habe, dazu einiges anzumerken […]:

Es ist Euch nicht gelungen, den von Sarrazin aufgestellten Dualismus zwischen ‚uns‘ hier oben und ‚denen‘ da unten zu durchbrechen und diesen mit Hilfe einer Klassenanalyse der Verhältnisse im heutigen Kapitalismus bezogen auf den Antagonismus zwischen Lohnarbeit und Kapital aufzuheben. Ihr habt den Sarrazinschen Dualismus einfach nur umgedreht, sodaß ‚die‘ da unten (oder ‚die‘ Moslems) ‚die Guten‘ und ‚die‘ da oben (‚die‘ deutschen »Herrenmenschen«) als die Bösen dabei herauskommen. Dieses Schema wird auch von der Partei Die Linke gerne verwendet, wenn auch verbunden mit einer weniger drastischen Ausdrucksweise (gegen deren sachbezogene Verwendung ich grundsätzlich nichts einzuwenden hätte).

Wenn Ihr Euch auf einen solchen Dualismus einlaßt, verfehlt ihr die Dialektik des Klassenkampfes und begebt Euch auf das Niveau des globalen Rassenkrieges, wie wir ihn seit dem 11.09.2001 erleben, der   als Ausdruck der Konkurrenzkämpfe innerhalb der Weltbourgeoisie zu interpretieren ist. Dadurch seid Ihr nicht in der Lage, zwischen dem Proletariat und seiner Reservearmee auf der einen Seite und dem Lumpenproletariat und dem muslimischen Großstadtmob auf der anderen eine klare Unterscheidung zu treffen. In Ermangelung dessen versucht Ihr Euch auf der gegen Sarrazin bezogenen Position bei dem Großstadtmob anzubiedern und scheint gar nicht zu merken, daß Ihr von Eurer Gegenposition aus ähnlichen Vereinfachungen erliegt, wie Sarrazin sie betreibt.

Der Niedergang der westdeutschen Linken ist von derartigen politischen Scheingefechten ständig begleitet gewesen, die das Fehlen einer auch nur andeutungsweise versuchten dialektischen Aufhebung derartiger Dualismen und der Herausarbeitung ihres materiellen Kerns bezeugen. Solange davon die wirklichen Klassengegensätze überdeckt bleiben, kann sich das Kapital in Scheinwidersprüchen sonnen, wie sie im Dualismus zwischen dem türkisch-libanesischen Großstadtmob und der Ohrläppchen angelegt habenden Arbeiteraristokratie zutage treten; wie also in den Augen dieses Mobs alle Deutschen christliche Herrenmenschen und Rassisten und in den Augen der Arbeiteraristokratie alle türkisch-arabischen Immigranten Schmarotzer sind, deren Unterhalt hauptsächlich von ihren Steuergroschen bestritten wird. ‚Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil‘, sagt Sarrazin, das ist aber auch der Grundtenor Eurer 4 Sarrazin-Kritiken.
Wenn aber darin der Begriff der »Herrenmenschen« eine derartig pauschale und inflationäre Verwendung findet, frage ich mich, warum diese Charakterisierung nicht auch für den großstädtischen türkischen Mob gelten soll?

Die Türkei, der die meisten Angehörigen dieser »Herrenmenschen« sich verpflichtet fühlen, hat als ehemalige Weltmacht im Nahen Osten und auf dem Balkan einen ähnlichen Schrumpfungsprozeß hinter sich gebracht wie das ehemalige Deutsche Reich. Zur Herrenmenschen-Mentalität der Türken schreiben Marx und Engels zur Zeit des Krimkriegs:

»Wir können die Türken schwerlich als die herrschende Klasse in der Türkei bezeichnen, da die Beziehungen der verschiedenen Gesellschaftsklassen daselbst ebenso verwirrte sind wie die verschiedenen Rassen. [Gemeint sind damit zur damaligen Zeit die Angehörigen verschiedener Völker.] Der Türke ist je nach Umständen und Örtlichkeit, Arbeiter, Landmann, kleiner Pächter, Handelsmann, feudaler Gutsbesitzer in dem niedersten und barbarischsten Stadium des Feudalismus, Zivilbeamter und Soldat; aber welche soziale Stellung er auch einnehmen mag, er gehört der bevorrechteten Religion und Nation an – er allein hat das Recht, Waffen zu tragen, und der höchstgestellte Christ muß dem niedrigsten Moslem den Weg freigeben, wenn er ihm begegnet.«

Daran scheint sich bis heute wenig geändert zu haben, auch wenn Kapital und Lohnarbeit in der türkischen Gesellschaft inzwischen eine dominierende Position einnehmen und die feudalen Gutsbesitzer sich dem englischen Typ des gutsbesitzenden Kapitalisten angeglichen haben. Die Denkweise, »einer bevorrechteten Religion und Nation« anzugehören, scheint sich aber gerade seit der Reislamisierung der Türkei durch Erdogan nicht geändert zu haben und gerade im heutigen islamischen Großstadt-Mob verstärkt in Erscheinung zu treten. Von dessen »eingebildeter Überlegenheit« wußten schon Marx und Engels in demselben Aufsatz zu berichten, zu einer Zeit, als der Balkan noch ganz unter osmanischer Herrschaft stand:

»Die Hauptstütze der türkischen Bevölkerung in Europa ist – abgesehen von der stets bereiten Reserve in Asien – der Mob Konstantinopels und einiger anderer großer Städte. Er ist vorwiegend türkischer Abkunft, und obgleich er seinen Unterhalt hauptsächlich durch die Beschäftigung bei christlichen Kapitalisten verdient, hält er doch eifersüchtig an der eingebildeten Überlegenheit und an der tatsächlichen Straflosigkeit für alle Exzesse fest, die ihm der privilegierte Islam gegenüber den Christen verleiht. Es ist wohl bekannt, daß dieser Mob bei jedem wichtigen Coup d‘état durch Bestechung und Schmeichelei gewonnen werden muß. Dieser Mob ist es, der, abgesehen von einigen kolonisierten Distrikten, die Hauptmasse der türkischen Bevölkerung in Europa bildet. Und sicherlich wird sich früher oder später die absolute Möglichkeit herausstellen, einen der schönsten Teile des europäischen Kontinents von der Herrschaft eines Mobs zu befreien, mit dem verglichen der Mob des römischen Kaiserreichs eine Versammlung von Weisen und Helden war.«[2]

Wie ein solcher Mob von der herrschenden Oligarchie gegen Revolutionäre eingesetzt wird, ließ sich anläßlich der Angriffe desselben auf die Besetzer des Tahrir-Platzes in Kairo oder ein anderes Mal auf Gemeindemitglieder der koptische Kirche eindringlich beobachten.

Selbstverständlich lassen sich die von Marx und Engels geschilderten Einschätzungen nicht 1:1 auf unsere Großstädte übertragen, zumal der Kapitalismus in der Türkei inzwischen ein zahlreiches Proletariat hervorgebracht hat, das mit jenem Großstadtmob nicht identisch ist. Auf der anderen Seite ist die oben beschriebene Mentalität des »bevorrechteten« Muslims aber durchaus auch in den Köpfen bestimmter Angehöriger heutiger türkischer, kurdischer, libanesischer ‚Einwanderer‘ in Deutschland und der EU hängengeblieben, sodaß die in den 4 Sarrazin-Artikeln aufgemachte Gegenüberstellung von Hie der christliche deutsche Herrenmensch und Da der diskriminierte und unterdrückte Moslem allein schon deshalb nicht paßt, weil ein Angehöriger des moslemischen Großstadt-Mobs kaum eine Gelegenheit vorübergehen läßt, den christlichen deutschen ‚Schwuchteln‘ mal zu zeigen, wer hier das Sagen hat.

Beschränken wir uns auf einen derartig engen Argumentationszusammenhang, dann sind schematische Gegenüberstellungen wie: Arbeiteraristokratie – Lumpenproletariat, christliche ‚Herrenrasse‘ – islamische Herrenmenschen, Faschismus – Antifa, Zionismus – Antisemitismus usw. innerhalb eines solchen Dualismus nicht aufzulösen. Wir begeben uns zur Freude der (alten und neuen) Bourgeoisie und des imperialistischen Kleinbürgertums (Grüne und sonstige Gutmenschen), die in diesen Dualismen genußvoll leben und weben und sich dabei äußerst wohlfühlen, auf eine schiefe Ebene, auf der wir uns immer weiter von dem uns selbst gesetzten Anspruch entfernen, dazu eine revolutionäre Position zu beziehen. Als rettendes Ufer zeigt sich dann für gewöhnlich entweder die Philanthropie oder die wundersame Entdeckung eines neuen revolutionäres Subjekts, in diesem Fall des islamischen Großstadtmobs, dessen fragwürdiger Befreiungsanspruch dann noch ein wenig antifaschistisch aufgemotzt werden muß. Das ist eine prima Falle, die es den Kapitalisten erleichtert, von den wirklichen Klassenwidersprüchen abzulenken und sich diese auf höchst billige Art vom Halse zu schaffen.

Das kommt dabei heraus, wenn in einem Widerspruch die Extreme voneinander getrennt und verabsolutiert werden und jedes Extrem losgelöst (als Abstraktum) von dem ihm zugrunde liegenden Widerspruch, in diesem Fall der Trennung der unmittelbaren Produzenten von ihren Produktionsmitteln in Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht, für sich betrachtet wird.

Ihr habt die von Sarrazin herausgestellten Dualismen (z.B. die Extreme der Stereotype ‚fleißiger Deutscher‘ – ‚fauler Türke‘) nicht aufgelöst, indem Ihr ihnen auf den Grund gegangen wäret, sondern Ihr nehmt diese Dualismen zum Nennwert und kehrt die Extreme einfach in ihr Gegenteil um: christlicher deutscher »Herrenmensch«– türkischer, wegen seines Glaubens unterdrückter Moslem. Was dabei völlig unter den Tisch fällt, ist sowohl das Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital, das in dem Import türkischer ‚Gastarbeiter‘ in Erscheinung tritt, als auch das Verhältnis des ‚Immigranten‘ zum türkischen Staat.

Und was das deutsche Kapital betrifft, wäre in erster Linie von dessen ‚Wachstumswünschen‘ (Akkumulation) auszugehen, die nicht erst durch die türkischen ‚Gastarbeiter‘, sondern in den Jahrzehnten davor von 15 Millionen ‚Heimatvertriebenen‘ aus Osteuropa und von den sog. DDR-Flüchtlingen aus der ‚Sowjetzone‘ befriedigt wurden. Und nicht zufällig wurde im selben Jahr, als der Flüchtlingsstrom aus der DDR abbrach, in aller Stille das Abkommen der BRD mit der Türkei unterzeichnet (dessen Abschluß sich gerade zum 50. Mal jährt), mit dem das deutsche Kapital den Rahm auf dem türkischen Arbeitskräftepotential für sich abzuschöpfen verstand, wovon, wie wir nun erfahren, ein nicht geringer Teil in der süddeutschen Autoindustrie ‚Verwendung‘ fand und nicht etwa hauptsächlich als Müllwerker oder in anderen Jobs dieser Art. (Siehe die beiliegenden FAZ-Artikel [3]). Nicht zuletzt dadurch wurde die alte Hierarchie zwischen den Facharbeitern und den Zwangsarbeitern aus den 40er Jahren in abgewandelter Form wiederhergestellt, worin die Wurzeln für die Entstehung unserer heutigen Arbeiteraristokratie zu suchen sind. Ganz nebenbei konnte durch den kostengünstigen Import der ‚Gastarbeiter‘ für das Kapital die eigentlich fällige, aber auch teure Rationalisierung in der Autoindustrie um mehrere Jahre hinausschoben werden.

Als Anfang der 70er Jahre zum ersten Mal wieder eine deutlich wahrnehmbare Konjunkturkrise ausbrach, wurde von der sozialliberalen Regierung ein Anwerbestopp verhängt, der u.a. bewirkte, daß die ursprüngliche Zweckbestimmung der importierten Arbeitskräfte in den Hintergrund trat und aus den ‚Gastarbeitern‘ zunächst ‚Asylanten‘ und danach ‚Einwanderer‘ und ‚Immigranten‘ wurden.

Allerdings war Deutschland bis dahin kein ‚Einwanderungs-‘, sondern vom 13. Jahrhundert bis zu Hitlers faschistischem Weltkrieg ganz im Gegenteil ein ‚Auswanderungsland‘ gewesen. (Siehe z.B. Einleitung zur 2. Auflage der russischen Übersetzung des Manifests der kommunistischen Partei.[4]) Ein entscheidender Grund dafür, daß die verschiedenen Nachkriegs-Regierungen des deutschen Kapitals über kein den nächsten Tag überdauerndes politisches Konzept verfügten, was denn nach den 2 Jahren vertraglich vereinbarter ‚Gastarbeit‘ mit diesem Arbeitskräftepotential zu geschehen hatte, das dann planlos und sukzessive von ‚Gastarbeitern‘ zu ‚Ausländern‘, ‚Einwanderern‘, ‚Migranten‘ und schließlich zu ‚Mitbürgern‘ umgewidmet wurde. Die westdeutsche Linke hatte übrigens auch keins, höchstens, daß sie in den ‚Migranten‘ ein geeignetes Potential erkannt zu haben glaubte, um dem angeblich faschistischen deutschen Volkscharakter ein, wie sie glaubte, ‚anti-rassistisches‘ Pendant demographisch entgegenzusetzen…

Dies nur einige vorläufige Überlegungen, wie mit Sarrazins Muslim-Schelte historisch und materialistisch umzugehen wäre. (Seine Hartz-Vierer-Schelte müßte auf ähnliche Weise analysiert werden, was ich mir aber zunächst erspare. Dazu verweise ich auf BLogbuch 1 2010 und 3 2010, wo ich mich mit der Stellung der Linken u.a. zu Hartz IV beschäftige.[5] Die beiliegenden FAZ-Artikel zu dem Thema ‚Gastarbeiter‘ erklären dieses keineswegs sehr tiefschürfend, es lassen sich aber, wenn man das Kapitalverhältnis zugrunde legt, daraus gewisse Zusammenhänge entnehmen, die in Euren 4 Artikeln zu Sarrazins Buch kaum Erwähnung finden und woran auch der völlig abstrakt bleibende kommunistische ‚Schwanz‘ am Schluß des 4. Artikels nicht mehr viel ändert.

Abschließend möchte ich versuchen, bezogen auf die oben genannten methodischen Einwände die Ergebnisse  meiner Sarrazin-Lektüre zusammenzufassen:

Sarrazin betrachtet die muslimischen Einwanderer aus der Perspektive des deutschen Arbeiteraristokraten und Kleinbürgers (Wut- und Gutmenschen), der sich von ‚den‘ Türken – gemeint ist wohl eher die türkische Regierung, was er aber für sich behält – über den Tisch gezogen fühlt, weil diese über ‚uns‘ Deutsche den Bodensatz ihrer Gecekondus ausgeschüttet und sich dadurch eines drängenden Problems entledigt haben. Er betrachtet die muslimischen Einwanderer aber auch aus der Perspektive des deutschen Kapitals, dessen Regierung die Lieferung von gesunden möglichst nicht fortpflanzungswilligen Junggesellen (im produktivsten Lebensalter zwischen 20 und 30 Jahren) mit der Türkei vereinbart hatte, aber sehr bald einsehen mußte, daß es sich nicht rechnet, wenn man die gerade frisch eingearbeiteten ‚Gastarbeiter‘ nach 2 Jahren wieder in die Türkei zurückschicken soll. Also blieben ‚die Türken‘ hier, wogegen wiederum die Massenpresse ihre Hetztiraden losließ, obwohl durch einen hektisch verabschiedeten Einwanderungsstopp der Hauptzufluß der ‚Gastarbeiter‘ bereits wieder abgestellt worden war, diese jedoch eine durch den Familiennachzug eintretende Türkisierung Deutschlands drohen sah.

Im Zentrum von Sarrazins nicht enden wollender Frustration steht die von ihm ständig wiederholte Befürchtung, die er mit den verschiedensten Erklärungsversuchen und Statistiken zu untermauern sucht, daß sich ‚Deutschland‘ durch die Folgewirkung der allzu starken Fortpflanzungswilligkeit türkischer Familien zunehmend ‚entdeutschen‘ und seiner ethnischen Konsistenz berauben werde. Nun fragt sich nach fast tausend Jahren deutscher Auswanderung seit der Zeit der Ostkolonisation und der Rückkehr eines nicht geringen Teils der Nachkommen dieser Auswanderer in das Nachkriegsrestdeutschland nach 1945, was denn, rein ethnisch betrachtet, das typisch Deutsche an der autochthonen deutschen Bevölkerung ausmachen soll? Aber Sarrazin ist nicht so dumm, daß er diese Frage beantworten würde. Ihm geht es ausschließlich darum zu zeigen, das das moslemische »Herrenvolk« schrittweise von Deutschland Besitz ergreifen werde, wobei er verschweigt, daß dadurch lediglich das eine durch ein anderes »Herrenvolk« ausgetauscht würde.

Gegen dieses Argument wird in den 4 Aufsätzen nur linkes antifaschistisches und antirassistisches Geschimpfe losgelassen, ohne folgenden Trick in Sarrazins Argumentation wahrzunehmen, geschweige denn zu durchschauen:

1. Sarrazin unterschlägt die schlichte Tatsache, daß der Islam in der von ihm angestrebten politischen Form einen theokratischen Staat verlangt, in dem Religion und Politik zur despotischen Herrschaft verschmelzen müssen, daß aber ein solcher Staat mit der kapitalistischen Produktionsweise, die sich in den letzten zwei Jahrhunderten über die ganze Welt verbreitet hat, die islamischen Länder eingeschlossen, prinzipiell unvereinbar ist. Ausdruck dieser Unvereinbarkeit ist die Unmenge an islamischen Sekten, die der Islamismus, wenn es nach ihm ginge, zu einer einzigen ‚Staatskirche‘ vereinigen würde, wenn er denn könnte. Dagegen steht neben der Unvereinbarkeit der islamischen Theokratie mit dem Kapitalismus die Unterwanderung des Islam durch jene säkularen Lebensformen, die sich seit den Kulturrevolutionen der 70er Jahre über die Welt verbreitet haben und die, soweit sie mit den Interessen des Kapitals vereinbar sind, von der Bourgeoisie eingemeindet wurden. Der Islam liegt daher in einem Existenzkampf mit der, soweit mit den Bedürfnissen des Kapitals vereinbar, sich säkularisierenden bürgerlichen Gesellschaft, wie die Revolutionen in der arabischen Welt gegenwärtig eindringlich demonstrieren.

2. Sarrazin suggeriert aber seinen Lesern, ‚die Moslems‘ hätten sich dazu verschworen, die ‚deutsche Zivilisation‘ zu zerstören. Aber dies einmal unterstellt, wären als erste Adresse nicht ‚die Moslems‘, sondern die Staaten anzusehen, die ihre islamischen Gemeinden als ‚Staatskirche‘ zu organisieren und zu  beherrschen versuchen (z.B. die türkische Religionsbehörde Ditib im Auftrag der türkischen Regierung). Wenn aber letztlich eine ‚Staatskirche‘ hinter der von Sarrazin beschworenen islamischen ‚Invasion‘ steht, dann handelt es sich um höchst offizielle Politik, die wiederum Ausdruck der Konkurrenz zwischen den als Staaten organisierten Kapitalisten ist, d.h. der Konkurrenzkämpfe innerhalb der Weltbourgeoisie um einen der obersten Plätze in der Weltliga des Kapitalismus.

3. Ich muß nicht ausdrücklich hinzufügen, daß der staatlich betriebene Islamismus zugleich Ausdruck der Politik bestimmter Staaten und ihrer herrschenden Klassen ist (herausragendes Beispiel: Pakistan), um das Elend des Volkes mit dem Opium der Religion zu betäuben, bzw. die Ursachen der sozialen Widersprüche in diesen Ländern auf einen äußeren Feind zu projizieren, gegen den dann die Koranschüler (taliban) losgelassen werden. Wer heute von Faschismus redet, durch den die verelendeten Massen betäubt und ihre Empörung über die herrschenden Verhältnisse von den herrschenden Klassen abgelenkt werden soll, der kann diesen in seiner aktuellen Form in Südasien studieren.

4. Der Weltmarkt ist der Kampfplatz, auf dem die erbitterte Konkurrenz der Weltbourgeoisie ausgetragen wird, ein Kampf, der über das Gewicht, das die einzelnen Staaten einnehmen und deren Rangfolge momentan (noch) auf friedliche Weise entschieden wird. Werkzeuge in diesem Kampf sind die islamischen Gotteskrieger, die von der Weltpolizei des ‚Westens‘ in Gestalt ganzer Armeen (einschließlich Marines, GSG 9 usw.) in Schach gehalten werden. Sarrazin sieht in dieser globalen Auseinandersetzung ausschließlich eine gegen ‚die Deutschen‘ gerichtete Bedrohung, deren Überleben, folgt man seiner Darstellung, wie eine in ihrem Ökotop bedrohte Tierart zu verteidigen sei (nicht zufällig bezieht er den Kernbestand seiner Argumente aus Darwins On Man). Das demographische Gleichgewicht in diesem Ökotop mit Namen ‚Deutschland‘ droht durch das Übergewicht einer ständig von außen in dieses eindringenden Spezies, die sich wie ein Virus extrem schnell vermehrt, zerstört zu werden. Die eine Alternative zur Wiederherstellung des ursprünglichen Gleichgewichtes wäre ein Rassenkrieg, die andere, zur Herstellung eines neuen Gleichgewichts, die Förderung der Vermehrung der nicht mehr dominanten Spezies, um die rapide Vermehrung der Zuwanderer in diesem Ökotop auszugleichen. Sarrazins Buch ist ein flammende Aufruf an ‚die Deutschen‘, ihre Anstrengungen in diesem Sinne zu vergrößern, damit ihr Erbmaterial in dem deutschen Genpool qualitativ und quantitativ wieder zunimmt und dadurch verhindert wird, daß ‚Deutschland‘ sich selbst ‚abschafft‘.

5. Seit Hitlers hegemonistischem Rassenkrieg gegen den Rest der Welt ist die Lage der deutschen Bourgeoisie auf dem Weltmarkt noch immer ziemlich prekär. Der ‚rassenreine‘ Staat (die völkische Biokratie!) ist die ethnizistische Variante all jener von der Bourgeoisie unternommenen Anstrengungen zur (letzten Endes vergeblichen) Bewältigung der Widersprüche, von denen die kapitalistische Produktionsweise beherrscht wird, einschließlich des Widerspruchs zwischen der Lohnarbeit und dem Kapital. All jene zu diesem Zweck etablierten Staatsformen dienen in ihrer nicht erreichbaren Idealform dem Aufbau einer widerspruchsfreien kapitalistischen Gesellschaft. Jedoch ist die biokratische Idealform  nicht weniger als die theokratische mit den Widersprüchen, die der kapitalistischen Produktionsweise innewohnen, auf die Dauer nicht zu vereinbaren, weil die menschliche Gesellschaft sich nicht auf ein Ökotop reduzieren läßt.

An dieser Stelle beende ich vorerst meine Überlegungen zu Eurer Kritik an Sarrazins Buch. Fortsetzung folgt nach einer Antwort von Eurer Seite. (Es steht von meiner Seite eine Kritik u.a. an GdS 06-07 und 08/2011 aus, wozu einiges anzumerken wäre.) Nur noch eine Bemerkung zum Schluß, die ich für unaufschiebbar halte: nämlich Eure für mich äußerst ärgerliche Forderung, Sarrazins Buch auf den Index zu setzen. (Diese Forderung äußert Ihr auf S. 29 [6] zwar nicht explizit, aber wenn dort auf »verbrecherische Passagen« hingewiesen wird und Ihr Euch fragt, »wie weit ein Bundesbanker und SPD-Mitglied gehen kann, um Elemente rassistischer Ideologie und Nazi-Ideologie als öffentlich diskutierbare Ansichten in Massenmedien und politischen Parteien aller Art einzuführen – von „Bild“ bis Maischberger, von SPD bis NPD«, dann liegt eigentlich der Schluß nahe, daß ein solches Buch verboten werden muß.) Mit solchen unterschwellig geäußerten Verbotsforderungen, die sich letztlich an den bürgerlichen Staat richten, wird der ohnehin in Deutschland herrschende Mainstream bestätigt, alles, was in der öffentlichen Debatte diesem nicht in den Kram paßt, zu reglementieren, auszugrenzen und notfalls aus dem Weg zu räumen. Dahinter steht in Eurem Fall die Strategie des Stalinschen Antifa, d.h. die Anpassung des Kommunismus an das Harmoniestreben der Bourgeoisie und die Harmoniebedürfnisse der bürgerlichen Gesellschaft, die in der Selbstzensur ihren höchsten Ausdruck finden. Im Gegensatz dazu sollte unsere Aufgabe darin bestehen, das Proletariat in die Lage zu versetzen, solche Bücher in ihrem historischen Zusammenhang zu kritisieren und die darin herrschenden Gedanken als die Gedanken der herrschenden Klasse zu verstehen und zu entlarven, anstatt sich darauf zu beschränken, über ihren reaktionären Charakter laut zu schimpfen. Wer schimpft und nur laut schreit, hat Unrecht…!

Viele Grüße

[1] Gegen die Strömung November 2010 (Teill 1): Es geht nicht nur um Sarrazin; Dezember 2010 (Teil 2): Sarrazins Programm: „Konsequent durchgesetzter Arbeitszwang“; März 2011 (Teil 3): Sarrazins antiislamische und antimuslimische Hetze in der Pose des deutschen Herrenmenschen; Mai 2011 (Teill 4): Eugenik, Herrenmenschenideologie und Antikommunismus.

[2] Karl Marx; Friedrich Engels: Britische Politik – Disraeli – Die Flüchtlinge – Mazzini in London – Türkei, in: MEW 9, 8; (erschienen in der NYDT am 07.04.1853).

[3] FAZ 26.10.2011: Amerikanischer Druck und türkische Interessen. Deutschland schloß das Anwerbeabkommen nur zögerlich. FAZ 29.10.2011: Gastarbeiter. Die Kunst des Mißverstehens. Sie haben nicht Deutschland, sondern die Türkei gerettet. Warum vor 50 Jahren die ersten türkischen Gastarbeiter kamen und sie keine Opfer waren. FAZ 31.10.2011: Ganz unten. Vor fünfzig Jahren eröffnete die Bundesregierung türkischen Arbeitssuchenden die Möglichkeit, in Deutschland eine Beschäftigung aufzunehmen. Eine Bilanz.

[4] Karl Marx; Friedrich Engels: [Vorrede zur zweiten russischen Ausgabe des „Manifests der Kommunistischen Partei“] MEW 19 (295-305).
[5] BLogbuch 1 2010: Von Petrograd nach Heiligendamm – Zum Programmentwurf der Partei Die Linke; BLogbuch 3 2010: De Fall ‚Emmely‘: Ein Sieg der Linken über die Bourgeoisie – ein Pyrrhus-Sieg über das Kapital.

[6] Siehe die Broschüre von GdS: Es geht nicht nur um Sarrazin.


Ulrich Knaudt an H.B. (11.12.2011)

Betreff: INFIGHT

Lieber H., ich schicke Dir eine interessante Debatte zwischen Django Schins und mir. Nach unserer Diskussion im Herbst in Berlin über ähnliche Fragen hätte ich gern Dein Urteil über diese Debatte (wenn Dich auch Parteien nicht interessieren – aber es geht nicht nur um Parteien). Wie Du aus den E-Mails ersiehst, hat D.S. das Kriegsbeil zwischen uns begraben (KRITIK 1 und REAKTIONEN 2009), um einen neuen Anfang zu machen. Ich bin ohnehin nicht nachtragend. […] [1]

Außerdem bin ich mit D.W. so gut wie durch und wollte Dir einen Auszug aus meinen Exzerpten schicken; darin wird in nuce deutlich werden, worin sein Marx-Revisionismus, an einem exemplarischen Fall betrachtet, besteht. Ich habe [der Marx-Gesellschaft] angeboten, auf dem übernächsten Kolloquium, das sich mit dem Fetischcharakter [der Ware] beschäftigen wird, einen Vortrag über das Fehlen des Kapitalfetischs bei D.W. zu halten.

Gruß Ulli

[1] {Django Schins hatte nach längerer Unterbrechung wieder Kontakt zu mir aufgenommen, ohne daß sich im Verlauf unserer neuen Korrespondenz die bis dahin bestehenden Differenzen hätten klären lassen. Ganz im Gegenteil haben sich diese so weit zugespitzt, daß er es mir ausdrücklich untersagt hat, unsere E-Mails zu veröffentlichen. Was ihn nicht daran gehindert hat, mir gleichzeitig in regelmäßigen Abständen Bulletins über meinen geistigen Gesundheitszustand zuzusenden. EUK}


H.B an Ulrich Knaudt (24.12.2011)

Betr.: WG: NACHTRAG

Lies im K[APITAL Bd.] 1 (von S. 557) auch 563 und 564.

s. übrigens auch (noch mal) 527 ff., 529, 530.

Sind das nicht Grund-Quintessenzen der Kritik der politischen Ök. d. Kap. Schlechthin ? !

Gut Nacht.


Ulrich Knaudt an H.B. (25.12.2011)

Betr: RE: NACHTRAG

Hab ich gelesen. Sehr instruktiv und erhellend. Aber zuvor ist zu sagen, daß unsere Debatte, die erneut durch ihre Einheit in ihrer radikalen politischen Gegensätzlichkeit glänzte, mehr als erhellend war. Vielleicht haben wir es endlich auf den Punkt gebracht: Rettung der Menschheit durch diese selbst oder Rettung der Menschheit durch proletarische Revolution (wobei Rettung der Menschheit als Abfallprodukt der proletarischen Revolution als Haupt- und Staatsaktion in dieser Abstraktheit endgültig dem vorigen Jahrhundert angehört!).

Die proletarische Revolution als (Neben-)produkt der Haupt- und Staatsaktion aller Retter der Menschheit (O[ccupy] W[all] S[treet]-Bewegung bis Stuttgart 21) halte ich auf der anderen Seite für abgeschmackt und tendenziell sozialfaschistisch (leider eine Kategorie Stalins, obwohl passend) = salatgrüne und wutbürgerliche Kriminalisierung all dessen, was die Weltmarktinteressen des deutschen Kapitals und dessen Maximalprofit potentiell schädigen könnte (ionisierende Strahlung bis Tabakdampf).

Also kann die Befreiung der Menschheit von all dieser Sch… nur ein Nebenprodukt der proletarischen Weltrevolution sein. Aber halt! Es bleibt noch eine dritte Möglichkeit zu überlegen, nämlich daß in diesem Klassenkampf nach Marx (vielleicht kennst Du die Stelle) beide (!) miteinander kämpfende Seiten untergehen. Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Aber um eine solche Katastrophe zu vermeiden, ist erst recht eine proletarische Revolution angesagt, weil ‚die Menschheit‘ keine Klasse, sondern eine Totalität ist, in der sich verschiedene Klassen befinden, während sich das Kapital ‚nur‘ aus verschiedenen Kapitalisten zusammensetzt, die trotz ihrer Konkurrenz in konkreten Situationen diese vergessen (siehe P[ariser]K[ommune] oder Bürgerkrieg gegen Sowjetmacht).

Diesen qualitativen Unterschied im Klassencharakter beider Seiten kannst Du nicht einfach so vom Tisch wischen. Die Befreiung der Menschheit vom Kapital muß aus zwei entscheidenden Gründen durch eine revolutionäre Klasse erfolgen. Überleg‘ mal, ob du den spezifischen Zustand der deutschen Arbeiter als Nicht-Klasse (Klassenkonglomerat) nicht zum Maßstab für die heutige Bestimmung des Proletariats machst, was den üblichen Ökonomismus der deutschen Linken zwar negiert, aber nicht aufhebt.

Große Industrie und Agrikultur: Interessant, daß [Seite] 528 der gute Urquhart zitiert wird, den M[arx].u.E[ngels]. vor allem als Verbündeten gegen das russische Zarentum hochschätzten.[1] Seine Schwäche charakterisiert die gesamte heutige Umweltbewegung, die nicht über die Trennung der landwirtschaftlichen und Handelsinteressen hinauskommt, worin K.M. die »Stärken und Schwächen einer Art von Kritik« erkennt, »welche die Gegenwart zu be- und verurteilen, aber nicht zu begreifen weiß«. Wichtig ist auch noch der von K.M. festgestellte enge Zusammenhang von bäuerlicher Agrikultur und Manufaktur.

Diesen Zusammenhang nicht entdeckt und fruchtbar gemacht zu haben (bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Errungenschaften der Großindustrie, soweit vorhanden), ist eines der Hauptprobleme der Transformationsfrage in der S[owjet]U[nion] gewesen.[2] Die russischen Manufakturbetriebe sind jedenfalls aus der bäuerlichen Hauswirtschaft hervorgegangen und haben diesen Boden, wie sich historisch zeigen läßt, nie endgültig verlassen, woran die Großindustrie auf diesen Gebieten wie Textilindustrie häufig gescheitert ist. Das hat erst das sowjetische Staatskapital zwangsweise vollzogen. (Müßte bei Fortsetzung meiner Vortragsreihe als Grundlage behandelt werden.)

Verwandlung von Wert resp. Preis der Arbeitskraft in Arbeitslohn: hier stellt K.M. die Frage zum Wertgesetz, die D.W[olf]. uns immer so gerne stellt und beantwortet sie mit einem Satz (557): der Wert der Ware ist gegenständliche Form (!!!!) der in ihrer Produktion verausgabten gesellschaftlichen Arbeit.[3] Ich werden diesen Satz jetzt nicht interpretieren. Eine weitere Wichtige Bestimmung zum WG (559): die Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werte, aber sie selbst hat keinen Wert (sondern die Arbeitskraft).[4] Der nächste Absatz ist besonders wichtig für mich und meine These von der bewußten Verwendung von Paradoxien in den ersten Drei Kapiteln von KAP I. Der Ausdruck „Wert der Arbeit“ ist ein imaginärer Ausdruck (weil nur die Arbeitskraft einen Wert hat). Dann der entscheidende Satz, der meine Behandlung von [Das] KAP[ital] [Bd.]I. [Abschnitt]I direkt unterstützt: »Diese imaginären Kategorien entspringen jedoch aus den Produktionsverhältnissen selbst. (!) Sie sind Kategorien für Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse. Daß in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen, ist ziemlich in allen Wissenschaften bekannt, außer in der politischen Ökonomie.« Und bei D.W[olf].! Die Fußnote 26 [S. 559] wäre eine interessante Kritik an D.W.s Behauptung, die Paradoxien seien einfach nur ‚Metaphern‘…[5]

Ich muß hier leider Schluß machen, weil die Weihnachtsgans verspeist werden muß. Ich werde wohl doch eine Zusammenfassung meiner Erkenntnisse über D.W.s wert-lose Werttheorie zusammenbasteln.

Tschüß Ulli

[1] Karl Marx: Das Kapital I, MEW 23, 528: »Mit dem stets wachsenden Übergewicht der städtischen Bevölkerung, die sie in die großen Zentren zusammenhäuft, häuft die kapitalistische Produktion einerseits die geschichtliche Bewegungskraft der Gesellschaft, stört sie andrerseits den Stoffwechsel zwischen Mensch und Erde, d.h. die Rückkehr der vom Menschen in der Form von Nahrungs- und Kleidungsmitteln vernutzten Bodenbestandteile zum Boden, also die ewigen Naturbedingungen dauernder Bodenfruchtbarkeit. Sie zerstört damit zugleich die physische Gesundheit der Stadtarbeiter und das geistige Leben der Landarbeiter. [Fn.] Aber sie zwingt zugleich durch die Zerstörung der bloß naturwüchsig entstandenen Umstände jenes Stoffwechsels ihn systematisch als regelndes Gesetz der gesellschaftlichen Produktion und in einer der vollen menschlichen Entwicklung adäquaten Form herzustellen.«

[Fn.:] »„Ihr teilt das Volk in zwei feindliche Lager, plumpe Bauern und verweichlichte Zwerge Lieber Himmel! Eine Nation, zerspalten in landwirtschaftliche und Handelsinteressen, nennt sich gesund, ja hält sich für aufgeklärt und zivilisiert, nicht nur trotz, sondern gerade zufolge dieser ungeheuerlichen Trennung“. (David Urquhart: Familiar Words, London 1855, S. 119). Diese Stelle zeigt zugleich die Stärke und Schwäche einer Kritik, welche die Gegenwart zu be- und verurteilen, aber nicht zu begreifen weiß.«

[2] DEBATTE 3 Vortrag und Nachtrag.
[3] Karl Marx: Das Kapital I, MEW 23, 559: »Aber was ist der Wert einer Ware? Gegenständliche Form der in ihrer Produktion verausgabten gesellschaftlichen Arbeit. Und wodurch messen wir die Größe ihres Werts? Durch die Größe der in ihr enthaltnen Arbeit. Wodurch wäre also der Wert z.B. eines zwölfstündigen Arbeitstags bestimmt? Durch die in einem Arbeitstag von 12 Stunden enthaltnen 12 Arbeitsstunden, was eine abgeschmackte Tautologie ist. Um als Ware auf dem Markt verkauft zu werden, müßte die Arbeit jedenfalls existieren, bevor sie verkauft wird. Könnte der Arbeiter ihr aber eine selbständige Existenz geben, so würde er Ware verkaufen und nicht Arbeit.«

[4] Ebenda: »Was dem Geldbesitzer auf dem Warenmarkt direkt gegenübertritt, ist in der Tat nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. Was letztrer verkauft, ist seine Arbeitskraft. Sobald seine Arbeit wirklich beginnt, hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören, kann also nicht von ihm verkauft werden. Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werte, aber sie hat keinen Wert. Im Ausdruck „Wert der Arbeit“ ist der Wertbegriff nicht nur völlig ausgelöscht, sondern in sein Gegenteil verkehrt. Es ist ein imaginärer Ausdruck, wie etwa der Wert der Erde. Diese imaginären Ausdrücke entspringen jedoch aus den Produktionsverhältnissen selbst. Sie sind Kategorien für Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse. Daß in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen, ist ziemlich in allen Wissenschaften bekannt, außer in der politischen Ökonomie.«
[5] Ebenda, Fn. 26: »Solche Ausdrücke dagegen für bloße licentia poetica [dichterische Freiheit] zu erklären, zeigt nur die Ohnmacht der Analyse. Gegen Proudhons Phrase: „…der Wert der Ware ist ein figürlicher Ausdruck etc.“ bemerke ich [in ders.: Misère de la philosophie] daher: „Er sieht in der Ware Arbeit, die eine furchtbare Realität ist, nur eine grammatische Ellipse…“«.


H.B an Ulrich Knaudt (26.12.2011)

Betr.: AW: NACHTRAG

Lieber Ulrich,

[…]
 – nur ganz ganz kurz:

in Deinem ersten Absatz finde ich mich in keinem Satz wieder. Ich frage mich, mit wem du überhaupt die nächtliche ‚Debatte‘ geführt hast, wenn nur derart hinlänglich Abgeschmacktes verblieben sein sollte. Obendrein ein arger Rückfall in die unsinnige Gegenüberstellung der Interessen von „(proletarischem) Klassenkampf versus Gattung …

»Das Zugleich beider widerlegt weder das eine noch das andre so wenig wie es den Widerspruch zwischen beiden aufhebt …« (mein Mail v. 23.05.11, S. 2). [1] Hätte doch Unser ‚Brennglas‘ – für die verschiedenen Ebenen und ihren Sphären – den Punkt ihrer notwendigen Verbindung zu fokussieren!

Zu Deinem zweiten Absatz: »Diese imaginären Kategorien …«; sie beginnen schon auf der ersten Seite des [Marxschen] Kapitals mit dem »Übersinnlichen« als der »Form« bzw. den »Formen« des Werts bzw. Tauschwerts als »Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse«, der »Produktionsverhältnisse selbst«. Das ganze Kapital ist eine Explikation, eine Abhandlung derselben. Jene Verhältnisse bedingen die Existenz der Gattung in Widerspruch zu ihrem eigentlichen Wesen – idealiter, nach bürgerlicher Lesart, und ebenso nach revisionistischer, stalinistischer, objektiv allerdings, nach Marx!  – der eigentliche antagonistische, nichtdialektische Widerspruch: eine »gesellschaftliche Teilung der Arbeit … ist Existenzbedingung der Warenproduktion, obgleich Warenproduktion nicht (Herv. v. mir) umgekehrt die Existenzbedingung gesellschaftlicher Arbeitsteilung ist« (K[apital], S. 56) – in einem künftig möglichen Kommunismus, wo der »Widerspruch«, jener Antagonismus zwischen der Daseinsweise, der »Existenz« der Gattung und ihrem »Wesen« aufgehoben ist.

Nur so lässt sich ‚Kommunismus‘, mit Marx, als die »objektive Bewegung« begreifen und praktisch dafür eintreten. Ansatzpunkte, an allen Ecken und Enden, gibt’s mittlerweile, heutzutage, zu Hauf, allerdings mit ein wenig ‚Phantasie‘, die jenen, was ihn ausmacht, antizipiert, und davon ausgehend die empirische Wirklichkeit analysiert.

Inhallier doch mal [MEW] EB I, S. 533 – 546 »Privateigentum und Kommunismus«, zum »Widerspruch« zwischen »Existenz«/»Wesen« oder nochmal [MEW ]Bd. 2, [Die] Hl.Fam[ilie]., S. 32 ff., 36-38, demgegenüber zur Hegelschen Ein-Wesens-Logik am Beispiel »Frucht« S. 59 ff. oder oder…

Bis ein ander Mal,

H.

[1]  Im Mail vom 23.5. konnte ich die Einheit der Bewegung / Entwicklung von Klassenkampf- und Gattungslogik insoweit auf den Punkt bringen, als ich ausdrückte,
‒ daß das »eine nicht gegen das andere zu verabsolutieren / zu negieren« ist und
‒ [daß] »das Zugleich beider weder das eine noch das andre so wenig [widerlegt] wie es den Widerspruch zwischen beiden aufhebt.«


Ulrich Knaudt an H.B. (27.12.2011)

Lieber H.,

höchst bedauerlich, daß ich aus Deiner Mail den gleichen entrüstet belehrenden Tonfall heraushöre, mit dem der linke Oberlehrer für gewöhnlich seinem Gesprächspartner klarzumachen versucht, daß hier die Grenze zwischen dem, was gut für ihn sei und dem, was es nicht mehr sein soll, überschritten wurde. (Ich hatte Dir den Schriftwechsel zum Thema ‚Proletariat‘ eigentlich nicht in der Absicht geschickt, daß Du von D.S. lernen mögest, wie man sein Gegenüber am besten in die Pfanne haut, sondern ganz bestimmt aus anderen Gründen…) Auch habe ich von unserer nächtlichen Debatte kein Gesprächsprotokoll angefertigt, sondern unseren Dissens auf den Punkt zu bringen versucht, an welchem wir politisch auseinanderstreben – oder -liegen – wie Du willst, verbunden mit der Frage, wohin die gemeinsame Reise gehen sollte.

Wenn Du Dich in meinem „ersten Absatz in keinem Satz“ wiederfindest, tut es mir herzlich leid. Das einzig Positive, was an der ‚Volksfront‘ des deutschen Wutbürgers gegen das Kapital als positiv zu vermerken wäre, ist vielleicht, daß diesem ad hominem ein wenig Ökonomie beigebracht werden wird, woraus er lernen könnte, daß es eine Bank war, der er seine Ersparnisse ‚anvertraut‘ hat und keiner Wohltätigkeitsorganisation. Als Sozialfaschismus würde ich eine Politik bezeichnen, die darauf aus ist, aus der Summe der Wutbürger eine Allianz gegen ‚das Kapital‘ zu schmieden. Heute sind für den Sozialfaschisten ‚die Reichen‘ das, was Anfang der 30er Jahre das ‚jüdische Kapital‘ war.

Wenn für Dich der Widerspruch zwischen Wesen und Existenz der Gattung eine entscheidende Rolle spielt, dann solltest Du auch die politischen Formen mitbuchstabieren, worin dieser Widerspruch von Auschwitz bis GuLag zum Ausdruck gekommen ist und heute in den chinesischen und nordkoreanischen Straflagern und den Containern der Gangsterregimes von Gaddafi bis Assad seine Fortsetzung gefunden hat. Die bürgerliche (früher: revisionistische – wenn Dir das noch ein Begriff ist…) Linke interpretiert diesen Widerspruch nicht nur unpolitisch, indem sie ihn auf die Verbrechen der Nazis reduziert, sie hat es auch sehr gut verstanden, ihn jeglichen Klassencharakters zu berauben. Und wenn Du die Gattungsfrage auf ihre rein philosophische Bedeutung beschränkst, ohne diese, so sie jedem ins Auge sticht (stechen müßte!) politisch zu konkretisieren, betreibst Du deren Entpolitisierung ebenfalls voran.

Das Marxsche KAP ist kein politisches Pamphlet, aber auch keine „Erklärung“ (D.W[olf].) des Kapitalismus, sondern eine wissenschaftliche Arbeit, die die Etikette der bürgerlichen Wissenschaft dadurch durchbricht, daß sie darin als Wissenschaft beim Wort genommen wird in dem vollen Bewußtsein, daß sie getrieben von dem Zwang der Verhältnisse immer weiter von ihren wissenschaftlichen Grundsätzen abdriften und sich dabei in unlösbare Widersprüche verstricken mußte, die Marx ihr mit aller logischen Konsequenz vor die Nase hält und ihre geheiligten Prinzipien dabei ad absurdum führt. Der Kapitalismus wird darin nicht, wie viele glauben, widerlegt, sondern vorgeführt. Das ist es auch, was Gemütssozialisten auf den Spuren Proudhons oder Bakunins nicht in den Kopf geht und was die revolutionäre Benutzung dieses großen wissenschaftlichen Werks (wofür es letztlich geschrieben wurde!) von seiner philosophischen oder vulgärökonomischen Interpretation unterscheidet. Das bedeutet, daß sich daraus nicht, wie vielleicht noch aus den Frühschriften, der Kommunismus unmittelbar ableiten läßt. Dazu bedarf es der politischen Vermittlung (durch die Marxsche Partei zu Marxens Lebzeiten, die danach keine adäquate Fortsetzung mehr gefunden hat). Indem Du daraus aber so etwas wie eine direkte Ableitung des Kommunismus versuchst, verharrst Du in den alten Fehlern der westdeutschen Linken, die die Ersten Drei Kapitel [des I. Bandes des Kapital] nie anders begriffen hat denn als bereits in diesem Stadium der Argumentation völlig ausgefeilte Kapitalismuskritik. Übrigens benutzt Du den Begriff des „Übersinnlichen“ genauso undialektisch wie D.W. Sowohl in Zur Kritik [der politischen Ökonomie] als auch im Ersten Kapitel [von Kapital I] spricht Marx vom „sinnlich Übersinnlichen“ bei der Verwandlung des G[ebrauchs]werts in den T[ausch]wert im Wechsel aus der Hand des Bäckers in die des hungrigen Käufers und nicht nur vom „Übersinnlichen“ als solchem. Damit gelangst Du auf direktem Weg in »die Nebelwelt« der Religion, [1] d.h. Du fügst Dich gemeinsam mit D.W. willig dem Warenfetisch.

Ich begreife die [Marxschen] Frühschriften als Ausdruck einer philosophischen Revolution, die mit den Feuerbachthesen auf den Begriff und zu Ende gebracht worden ist. In Paris wird Marx zum ersten Mal mit dem Proletariat als Alltagserscheinung der bürgerlichen Gesellschaft konfrontiert, das in Deutschland noch in seinem äußersten Extrem in Gestalt der aufständischen Weber vorzufinden war. Dieses Umschlagen von der Philosophie in die Politik, von einer philosophischen zur proletarischen Revolution, vom Gefühlssozialismus zur bewußt und politisch gewollten Parteilichkeit drückt sich auch in unserem Dissens aus, also darin, ob die Rettung der Menschheit als ein Abfallprodukt der proletarischen Revolution (oder umgekehrt) zu bestimmen sei bzw. ob die Bourgeoisie als Klasse (von Washington über Moskau bis Peking) vielleicht auch durch eine pseudo-proletarische Revolution vor den Widersprüchen, in die das Kapital unlösbar verstrickt ist, möglicherweise durch ein linkes Projekt errettet wird (die anderen Formen des Faschismus sind uns bestens bekannt – eine solche Form noch nicht!).

Ich habe die Anregungen aus unserer gemeinsamen Lektüre von Teilen der Frühschriften immer als mehr denn nur ‚anregend‘ empfunden; aber wir gehen, wie es scheint, immer noch aus einander entgegengesetzten Himmelsrichtungen an diese heran. Für mich befestigen die Frühschriften das Terrain, auf dem man einen großen Schritt zurück machen muß, um die Bedeutung der Marxschen Partei zukünftig in ein neues Licht zu stellen. Für Dich sind sie Dein Ein und Alles, was aber verhindert, den Sprung vom philosophischen zum politischen Marx zu vollziehen.

(Lenin schrieb in seinem „Testament“ Ende 1922 bis Anfang 1923, daß die Partei der Bolschewiki große Schuld auf sich geladen habe, weil sie den proletarischen Internationalismus so geringschätzig behandelte, was dazu führen werde, daß sie ihren proletarischen Charakter verliert. Übrigens erinnert man sich heute in der FAZ auf den Tag genau der Gründung der SU vor 90 und ihrer Auflösung vor 20 Jahren.[2] Etwas Vergleichbares wie zu den klassenbewußtlosen Bolschewiki ließe sich über die westdeutsche Linke sagen, die es allerdings nie auch nur in die Nähe des Leninschen proletarischen Internationalismus gebracht hat, da sie erstens nicht begriff, was das überhaupt ist, und zweitens seine Bedeutung in ihren Augen immer nur ein kümmerlicher Abklatsch dessen war, was die Nachfolger Lenins unter der ‚Wahrnehmung der historischen Rolle der Arbeiterklasse‘ verbreitet haben, um ein günstiges Klima für den großrussischen Großmachtchauvinismus und Welthegemonismus zu erzeugen. Da diese Bastardform des proletarischen Internationalismus bei ihr nicht über den Antiamerikanismus hinausgekommen ist, werden kluge Historiker ihr vielleicht eines Tages ins Stammbuch schreiben, daß sie vor dem internationalen Proletariat und der deutschen Arbeiterklasse ebenfalls große Schuld auf sich geladen hat, weil sie den internationalen Klassenkampf mit klassischem Antiamerikanismus und Anti-Okzidentalismus verwechselt habe. Dieser Verrat würde aber nicht nur das internationale Proletariat, sondern die ganze Menschheit betreffen und dazu führen, daß diese unter Beteiligung der inzwischen gesamtdeutschen Linken in eine asiatische Form der Sklaverei geführt wird, die sich von der faschistischen Sklaverei nicht wesentlich unterscheiden würde.

Wenn Du schon den Widerspruch zwischen Wesen und Existenz der Gattung an die Stelle des Widerspruchs zwischen dem Kapital und den unmittelbaren Produzenten setzt, solltest Du auch die politischen Formen mitbuchstabieren, in denen dieser von Auschwitz bis Sibirien und heutzutage in den chinesischen und nord-koreanischen Straflagern und unter den gangsteristischen Mörderregimes in Gaddafis Libyen und Assads Syrien zum Ausdruck gekommen ist oder gerade zum Ausdruck kommt.)

Diese Absätze wollte ich eigentlich streichen, aber inzwischen denke ich, daß sie sehr gut den Inhalt unseres Gesprächs von neulich Nacht zum Ausdruck bringt, das bei Dir soviel Unbehagen ausgelöst hat. Wie weiter?

Wir haben einen großen Fehler gemacht (teilweise aus Zeitmangel), daß wir die Widersprüche z.B. in der Nationalen Frage oder zum Antiimperialismus der 70er Jahre oder zu Coletti haben stehen lassen. Das rächt sich nun, da ich hoffte, in Berlin einigermaßen kompakt der geballten Front des ‚Revisionismus‘, vertreten durch Harbach und D.W., gegenübertreten zu können. Es bleiben nur noch die Spontaneität und wechselnde Koalitionen, und das ist als Basis eher wie eine Wanderdüne.

Marx bezeichnete das von den reaktionären Teilungsmächten des Wiener Kongresses politisch vernichtete Polen als eine notwendige Nation; in Analogie dazu würde ich Lenin als einen ‚notwendigen Revolutionär‘ bezeichnen.

Damit wünsche ich Dir alles Gute für das Neue Jahr.

Ulli

[1] Karl Marx: Das Kapital I, MEW 23, 86: »Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelwelt der Religion flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit Leben begabte, untereinander und mit dem Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten.«
[2] Da die Sowjetunion am 30. Dezember 1922 gegründet wurde, liegt dieses Ereignis Ende 2011 nicht 90, sondern 89 Jahre zurück.

Veröffentlicht in Reaktionen | Kommentieren

Reaktionen (2010) »

zurück zur Übersicht Reaktionen

Die an dieser Stelle wiedergegebenen feedbacks zum Projekt Partei Marx haben im Augenblick nur archivalischen Wert, da die eingangs geäußerte Faszination an demselben, bis auf die nachstehend dokumentierten Ausnahmen, fast auf Null gesunken ist.

Daher verweisen wir auf die REFLEXIONEN, KRITIK und DEBATTE, worin wir uns mit unseren Kritikern und Autoren kritisch auseinandersetzen, die zu der Thematik, mit der wir uns zu beschäftigen haben, in, wie wir meinen, besonderer Weise hervorgetreten sind.

Zu Dokumentationszwecken wurden einige Briefe aus der Zeit vor 2001 aufgenommen.

In der letzten Zeit (seit dem Frühjahr 2007) haben die REAKTIONEN den einseitigen Charakter einer Art ‚Flaschenpost’ angenommen, die, so ist zu hoffen, wieder einem regeren Meinungsaustausch Platz machen wird.

[Korrekturen sinnentstellender Fehler sowie Kürzungen werden in eckige Klammern gesetzt und folgen der klassischen Deutschen Rechtschreibung.]

Dieser Text ist auch als PDF-Datei verfügbar

 

 


Ulrich Knaudt an H.B. (13.01.2010)

Lieber H.

[…] Deine Kritik an D. W[olf]s Gleichsetzung von abstrakt menschlicher Arbeit = menschliche Arbeit wird ihn nicht gerade ergötzen, weil er schon von mir eins dafür übergebraten bekommen hat. Deine Erwähnung unseres gedanklichen Austausches erst recht nicht.

»Die allgemeine Eigenschaft« ist eine contradictio in adiecto. Eigenschaften beziehen sich (weil konkreten Dingen eigen) immer auf spezifische Attribute eines Gegenstands. Die »allgemeine Eigenschaft« von Metallgeld ist, daß die Münzen in 99% der Fälle aus Metall bestehen. D.h. es handelt sich um eine leere Bestimmung. In Wirklichkeit versteckt D.W. hinter der Formel von den »allgemeinen Eigenschaften« seine Tautologien vom »Gleichsein der Arbeitsprodukte«. Wenn die Arbeitsprodukte alle gleich sind, bedarf es keines Werts mehr, um sie zu vergleichen… Hier höre ich auf und stelle erneut fest, daß sich D.W. in seiner Interpretation der ersten Kapitel von [Karl Marx:] KAP[ital] [Bd.]I von Anfang an verrannt hat und nun versucht, anstatt das zuzugeben, höchst subtile theoretische Rechtfertigungen dafür zu finden. Deine Sätze: »Wenn und solang Theorieaneignung…« sprechen mir aus der Seele, über anderes muß ich, wenn ich mehr Luft habe, nachdenken.

Generell: für mich ist noch nicht geklärt, welchen Stellenwert »die Dialektik« für die Kritik der politischen ökonomie hat. Ist sie nur ein Hilfsmittel, eine Methode oder etwas, was sich nicht vom Inhalt trennen läßt. Egal. Sie steht jedenfalls nicht für sich. Meiner Meinung hat Marx im Fetischkapitel mit der Hegelschen Mystik endgültig abgerechnet und nur das behalten, was für seine große Synthese benötigt wurde. Zwischen den Grundrissen und dem KAP liegt eine kopernikanische Wende. Daher meint [Helmut] Reichelt auch, Marx hätte die Dialektik im KAP »versteckt«. Das kann man nur behaupten, wenn man, mitsamt der Phalanx der Werttheoretiker diese Wende nicht zur Kenntnis nimmt.

Jetzt ist aber wirklich Schluß!

Herzlich

Ulrich

 


Ulrich Knaudt an H.B. (18.06.2010)

Betreff: STELLENWERT DER DIALEKTIK

Lieber H., daß es jemanden gibt, der den NACHTRAG [1] verstanden hat und einiges mehr, hat mich wie gesagt riesig gefreut. Denn es ist in unseren Kreisen eigentlich so, daß das, was den meisten nicht in den Kram paßt, einfach totgeschwiegen wird. Dann kann sich der Autor aussuchen, ob das aus Gleichgültigkeit, Ablehnung oder Entsetzen geschieht. Daher sind Lebenszeichen wie Deines für die weitere Arbeit am Projekt p[artei]M[arx] enorm wichtig. Sonst kommt man sich auf die Dauer vor wie der Fisch auf dem Trockenen, und nicht wie der Fisch im Wasser. Und wir wissen ja, daß es eine beliebte Methode der Konterrevolution ist, bestimmten Fischen das Wasser abzugraben (und das ist auch in akademischen Kreisen sehr beliebt).

Ich schreib Dir diese Mail, um einige Ergänzungen und Illustrationen zu unserer Debatte anzufügen. Das betrifft die Marxsche Reduktion in, erstens, der Kritik der Rechtsphilosophie [2] und, zweitens, in KAP I.

1. In der Kritik der Rechtsphilosophie heißt es auf Seite 231:

»In der Monarchie ist das Ganze, das Volk, unter eine seiner Daseinsweisen, die politische Verfassung, subsumiert; in der Demokratie erscheint die Verfassung selbst nur als eine Bestimmung, und zwar Selbstbestimmung des Volks. Die Demokratie ist das aufgelöste Rätsel aller Verfassungen. Hier ist die Verfassung nicht nur an sich, dem Wesen nach, sondern der Existenz, der Wirklichkeit nach in ihren wirklichen Grund, den wirklichen Menschen, das wirkliche Volk, stets zurückgeführt und als sein eignes Werk gesetzt.« [Unterstr. v. m.]

Marx stellt also der feudalen Verfassung nicht einfach die demokratische Verfassung gegenüber, sondern bestimmt die Demokratie als Selbstbestimmung des Volks und das aufgelöste Rätsel aller Verfassungen. Weil sich aber Hegel bei der Bestimmung der Verfassung auf ihr Wesen beschränkt und nicht zu ihrer Existenz durchdringt (das meinte ich mit ‚Differenz zwischen Wesens- und Seinslogik’), kann diese nicht auf ihren wirklichen Grund reduziert werden: den wirklichen Menschen und das wirkliche Volk, das die Verfassung als ihr eigenes Werk, d.h. selbsttätig (man könnte vielleicht auch sagen:) produziert. Das ist, was ich als eine der Sache auf den Grund gehende Reduktion bezeichnen würde, die bei Marx nicht mehr spekulativ ist (Leibniz), sondern den Grund der Verfassung wirklichkeitsnah bestimmt (wirklicher Grund). Wahrscheinlich (soweit habe ich das noch nicht durchdacht) steckt in dieser Dynamik, die auf die Reduktion auf das jeder wirklichen Verfassung Zugrundeliegende hinausläuft, das, was Du als Spaltung des Wesens, wenn ich Dich richtig verstanden habe, bezeichnest, ohne die eine solche Reduktion inhaltsleer wäre oder gar nicht stattfinden könnte (?).

2. Eine ähnliche Vorgehensweise findet sich nach meiner Einschätzung [in] der ‚Ableitung’ des Werts in KAP I, wie ich sie in den »Einäugigen«-Thesen II (siehe Texte auf der Website der Marx-Gesellschaft), Seite 7 analysiert habe. [3] Die Polemik gegen D.W[olf]. lasse ich hier weg (die Seitenangaben [aus KAP I] in Klammern) [4]:

Bei der Frage, in welchen quantitativen Verhältnissen verschiedene Gebrauchswerte miteinander ausgetauscht werden, erscheint der Tauschwert als ein der Ware intrinsischer Wert, der auf ein ihnen Gemeinsames zu reduzieren ist, wovon die verglichenen Tauschwerte »ein Mehr oder Minder darstellen«. Das Problem besteht aber darin, daß dies »Gemeinsame nicht eine geometrische, physikalische, chemische oder sonstige natürliche Eigenschaft der Waren sein (kann)« (51), d.h. körperliche Eigenschaften, die sie als Gebrauchswerte charakterisieren, von denen aber gerade in Hinblick auf das Austauschverhältnis zu abstrahieren ist. Worin hat aber dann dieses Gemeinsame zu bestehen? »Als Gebrauchswerte sind die Waren vor allem verschiedener Qualität, als Tauschwerte können sie nur verschiedener Quantität sein, enthalten also kein Atom Gebrauchswert« (52) [Unterstr. v. m.]. Das ist der Ausgangspunkt für den Reduktionsprozeß der »abstrakt menschlichen Arbeit«.

Dieser erfolgt in mehreren Schritten:

Erstens als Reduktion der Warenkörper auf Arbeitsprodukte: wenn man vom »Gebrauchswert der Warenkörper« absieht, »so bleibt ihnen nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten«.

Zweitens als Reduktion von einer auf das Produkt verwandten bestimmten produktiven Arbeit auf abstrakt menschliche Arbeit.

Dieser Reduktionsschritt wird nach zwei Abstraktionen vollzogen:

a. der Abstraktion vom Gebrauchswert des Arbeitsprodukts, durch die alle sinnlichen Beschaffenheiten des Gebrauchswerts ausgelöscht werden: »Abstrahieren wir von seinem Gebrauchswert, so abstrahieren wir von seinen körperlichen Bestandteilen und Formen, die es zum Gebrauchswert machen«, von seiner Eigenschaft als nützlichem Ding, sodaß alle »seine sinnlichen Beschaffenheiten …ausgelöscht« sind.

b. der Abstraktion von der bestimmten produktiven Arbeit, die in dem Arbeitsprodukt verwirklicht ist, wodurch der nützliche Charakter und die konkreten Formen der Arbeiten verschwinden: »Es ist nicht länger das Produkt der Tischlerarbeit oder der Bauarbeit oder der Spinnarbeit.«

Mit diesen schrittweise vorgenommenen Abstraktionen sind wir auf dem Bodensatz des Reduktionsprozesses angekommen, den Marx so zusammenfaßt: »Mit dem nützlichen Charakter der Arbeitsprodukte [erster Reduktionsschritt] verschwindet der nützliche Charakter der in ihnen dargestellten Arbeiten, es verschwinden also die verschiednen konkreten Formen dieser Arbeiten [zweiter Reduktionsschritt], sie unterscheiden sich nicht länger, sondern sind allzusamt reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit« (52).

Im Gegensatz zum berühmten ‚Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten’ handelt es sich hier um einen Abstieg vom Konkreten zum Abstrakten, bei dem Marx aber nicht stehenbleibt. Denn als »Residuum« dieses Reduktionsprozesses ist von den Arbeitsprodukten nichts übriggeblieben als »eine bloße Gallerte« (vielleicht zu übersetzen mit ‚strukturlose Masse’) »unterschiedsloser menschlicher Arbeit…« Wohlgemerkt: von den Arbeitsprodukten, nicht von der Arbeit! Arbeitsprodukte, die allerdings das Produkt menschlicher Arbeit sind, die sich als »Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Form ihrer Verausgabung« (Reduktionsschritt 2 b) in dem Arbeitsprodukt vergegenständlicht hat. (Dieser Unterschied ist für die ‚Physiologie’-Debatte von entscheidender Bedeutung!) Daher kann von »diesen Dingen«, (als Ergebnis des ersten Reduktionsschritts) oder diesen Arbeitsprodukten nur noch gesagt werden, »daß in ihrer Produktion menschliche Arbeitskraft verausgabt, menschliche Arbeit aufgehäuft ist. Als Kristalle dieser ihnen [den Dingen!] gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz sind sie Werte – Warenwerte« (52). Dann kehrt Marx rückblickend zum Ausgangspunkt des ganzen bisher analysierten Wertbildungsprozesses zurück: im Austauschverhältnis der Waren sei ursprünglich »ihr Tauschwert als etwas von ihren Gebrauchswerten durchaus Unabhängiges« erschienen. Durch die Abstraktion vom Gebrauchswert der Arbeitsprodukte erhält man nun ihren Wert als das »Gemeinsame, was sich im Austauschverhältnis oder Tauschwert der Ware darstellt. … Ein Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm vergegenständlicht oder materialisiert ist« (53) Diese »abstrakt menschliche Arbeit« ist also keine ‚physiologische’, sondern zu einer »gesellschaftlichen Substanz«, zum »valeur intrinsique« des nun als Ware geltenden Arbeitsprodukts kristallisiert, also in eine »contradictio in adjecto« (51).

Durch diesen Reduktionsprozeß hat Marx ein theoretisches Problem gelöst, das von den ‚Klassikern’ nicht gelöst werden konnte, »weil die klassische politische ökonomie nirgendwo ausdrücklich und mit klarem Bewußtsein die Arbeit, wie sie sich im Wert, von derselben Arbeit, wie sie sich im Gebrauchswert ihres Produkts darstellt«, unterscheidet, obwohl sie durchaus zwischen einer qualitativen und einer quantitativen Betrachtung der Arbeit einen Unterschied mache. »Aber es fällt ihr nicht ein, daß bloß quantitativer Unterschied der Arbeiten ihre qualitative Einheit oder Gleichheit voraussetzt, also ihre Reduktion auf die abstrakt menschliche Arbeit« (94, Anm. 31). Marx beginnt also nicht, wie es ein guter Ricardianer täte, das Kapital mit der Analyse der Arbeit, sondern mit der Analyse der Waren als Arbeitsprodukte und der Frage, wie man von deren Gebrauchswert auf den Wert kommt.

Soweit diese beiden Reduktionsformen. In beiden sehe ich eine ähnliche Vorgehensweise. Dabei will ich es erst einmal belassen. […]

Abschließend etwas (nicht) ganz anderes: wie würdest Du diese ganze Gender- und Ethno-Nomenklatur in der Schreibweise der Linken einordnen, ich meine nicht nur politisch (Ethnizismus), sondern auch theoretisch? Dabei geht es um die Vermischung von Gattungs- mit Art- bzw. Geschlechtsbezeichnungen, die bewußt miteinander vertauscht werden. Mir hat das von Anfang an gestunken. Aber eine gute theoretische Erklärung (eine politische schon) habe ich nicht. Wir sollten der Linken nicht mehr alles aus Gleichgültigkeit oder Opportunismus durchgehen lassen. Mir fiel das wieder auf, als ich im jüngsten express las, daß es inzwischen auch keine Arbeiterklasse mehr gibt, sondern nur noch Arbeiter_Innen, obwohl der Klassenbegriff logisch/syntaktisch einen vergleichbaren Status wie der Gattungsbegriff (anthropos, homo sapiens sapiens) hat, mit dessen Nennung jeweils beide Geschlechter diskriminierungsfrei unterstellt sind, wenn man nicht aus lauter Borniertheit bereits in der Sprachregelung des Ethnizismus steckte… Vielleicht hast Du dazu eine Idee.

Soweit erst mal meine Ergänzungen zu … unserem Gespräch, das wie immer höchst informativ und lehrreich war.

Herzliche Grüße

[1] DEBATTE 3 Nachtrag.

[2] Gemeint ist Karl Marx: Zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts MEW 1 (203-333).

[3] marx-gesellschaft.de/Texte. Ulrich Knaudt: Zwischen zwei Einäugigen kann nur der Blinde König sein. (Frühjahr 2005; Frühjahr 2006).

[4] Karl Marx: Das Kapital Band I MEW 23.

 

 


H.B. an Ulrich Knaudt (26.06.2010)

Lieber Ulrich,

wie gesagt, in aller Kürze zu Deinem Brief vom 18.6.: zu Deinem ersten Absatz:damit sprichst Du auch mir aus der Seele – über das Leiden an der unserer existentiellen Vereinzelung […]

[…] Die ganze Art und Weise der Diskurse innerhalb und zwischen ‚Linken’, ihr Gehabe in Stil und insbesondre inkl. der (Aus-)Wirkung auf Inhalte reproduziert in sich und unter sich nichts andres als das bürgerliche, das kapitalistische, das privateigentümlich individualistisch – egomanisch – narzistische Konkurrenzsystem, den Wahnsinn, Widersinn, Unsinn, Blödsinn desselben selbst ….

Richtiges, Gutes etc. pp. wird beiseite gelassen, um sich auf das Fehlerhafte am Anderen zu stürzen, es, ihn runterzumachen, um selber als Krösus zu brillieren, weil Einsicht und Anerkennung des ersteren den eignen Wert, Selbstwert schmälern, gefährden, beschädigen könnten, ich / Ich damit auf der Strecke bleiben würde und (lies dazu Kritik d[es]. H[egelschen]. St[aats]R[echts] S. 291 u., 292: ab »Wie sollte er das untereinander vermitteln … wechselseitige Bekomplimentierung …« = Schein! [1]) damit aber auch jegliche Gemeinsamkeit, Gemeinschaftlichkeit, die damit übergangslos und untrennbar verbunden ist mit Deiner Fragestellung unter bzw. zu »1. In der Kritik der Rechtsph[philosophie]…«  und zu »2. Eine ähnliche Vorgehensweise …«: auf der Strecke mit »…das Ganze, das Volk, …Verfassung…. Demokratie …« als »Daseinsweisen«, als (politische Ober-) Begriffe, Kategorien sowie »Arbeit« (abstrakt gesellschaftliche), »Substanz«, […] die Unterschiedliches, Verschiedenes auf sich reduzieren, zugleich, gleichzeitig von deren Besonderem, Besonderheiten abstrahieren, d. h. als Abstraktion, deren Essenz, ‚positiv’ gefasst, und als solche realisiert werden, Realität konstituierend– und (in / nur) soweit (nur reicht auch überhaupt die ganze Analogie zwischen der Hegelschen mit der Marxschen Logik und v.v.), auf der Strecke mithin bleibt der Widerspruch, »nämlich« der »wesentliche Widerspruch«, jener also, wie ihn Marx im StR, lies auf S. 295 u. 296 als »Hegels Hauptfehler« … charakterisiert.

Er ist in allem, bedingt, bewirkt alles, ist an und in allem, was erscheint, durch alle Erscheinungsformen hindurch und ohne Berücksichtigung dessen, der Auslöschung, Annihilation dessen Wirksamkeit, »Daseinsweise« an und in allem mittels der Allgemeinbegriffe = gleich das Hegelsche (abstrakte) »Wesen«, ist alles nichts, Essig – unwahr, falsch, verfälscht, hohl, abstrakt, Schein, kurz – die Realität, die Totalität der Realität, unsereins, an uns, in uns, durch uns; er macht die Gemeinsamkeit, ja die Gemeinschaftlichkeit unsrer Existenz aus, ausnahmslos (ursprünglich), ursächlich (historisch) beginnend mit dem »Doppelcharakter« der von einfachen Arbeitsprodukten zu »Waren« in denselben vergegenständlichten bzw. verdinglichten »Arbeit« = Allgemeinbegriff; s. Kap[ital]. Bd. 23, S. 56 ff., dadurch die »zwieschlächtige Natur der … Arbeit« selbst, qua Entwicklung von »gesellschaftlicher Arbeitsteilung«, welche »Existenzbedingung der Warenproduktion« ist, »obgleich …. nicht umgekehrt«! (ebenda); (Tauschwert also nicht ohne Gebrauchswert, aber Möglichkeit, Gebrauchswert ohne Tauschwert!), und dessen überwindung ein Bewusstsein, ein Begreifen desselben an sich selbst voraus-setzt, Voraussetzung, dass das »Arbeitsprodukt« als »Gebrauchswert« – ohne Tauschwert – in Bewusstsein und Sein der Menschen in seiner »Daseinsweise« den ‚Charakter‘ eines »gemeinschaftlichen« angenommen hat (Marx, [MEW] Bd. 19, Kr[itik] an Lehrb[uch]. Wagner) [2], welcher bewusst gemeinschaftlich organisierte und gestaltete Arbeit voraussetzt, durch sie, die Menschen (wen sonst), also durch ihre Wirklichkeit gewordne »gemeinschaftliche Arbeit« versus »gesellschaftlicher Gebrauchswert« / »ges[ellschaftliche] Arbeit«, […] diese, »positiver als aller Positivismus«, und, damit »der Gebrauchswert nicht am Tauschwert stirbt« (Adorno, nach H.J. Krahl), und s. dazu »Gemeineigentum«, Marx’, Dein[e] »commune rurale«»Briefe an Sassulitsch…« im selben Band – ich denke, nicht zufällig!) [3] damit letztlich also die eigentlich menschliche Arbeit beginnt, menschheitlich, die Menschen im Bewusstsein ihrer selbst als »Gattung«, »Gattungswesen« (Marx, ökphM) [4], als notwendige Bedingung, um sich als solches, als »Teil«, als »Wesen der Natur« »zu bewähren« (ebenda));lies bitte noch mal, Satz für Satz: »Gesetzt den Fall, wir hätten als Menschen produziert…« = Resümee von EB 1, ökphM und »Auszüge aus Mills…«, S. 445-463, wenigstens ab S. 459). [5]

Bis dahin: »… riesenhaft ist der Zwiespalt, der ihre Einheit ist”« (Marx, EB 1, Diss., [6] um die Seiten 200 ff.) – gegen die Verabsolutierung und zugleich Affirmation/Positivierung von Abstrakta, (Ober-) Begriffen, Kategorien (Platon, Sokrates, Spinoza bis Hegel), mit dessen Annihilation an sich, Mensch selbst, stets zugleich unweigerlich dessen praktische Liquidation – und diese wirklich, real, ganz praktisch gegenüber dem Anderen, seinesgleichen Mensch – einhergeht (s.o.: beileibe nicht nur die „beliebte Methode der Konterrevolution”, sondern die ganz gewöhnliche, stinkgewöhnliche des herrschenden Verkehrs der Individuen in jeder bürgerlichen Gesellschaft).

Ich muß jetzt einfach Schluß machen.

Zu Deinem letzten Absatz, S. 3 „Abschließend etwas (nicht) ganz anderes ….” In der Tat.

Lies dazu bitte in [MEW] EB 1, zu »Privateigentum und Kommunismus«, »roher Kommunismus«, S. 533 ff., S. 535: Abs. »…Gemeinschaft der Arbeit …«, Abs.  »In dem Verhältnis zum Weib…«.

Damit dürfte die Frage geklärt sein – Du siehst daran, es gibt auch eine positive Reduktion, einen positiven Reduktionismus, ohne Abstraktion, auf der Grundlage der Anerkennung und Achtung von wirklicher (Arten-) Vielfalt, auf der Grundlage der überwindung bzw. des gemeinsamen, gemeinschaftlichen überwindens jenes Marxschen »wesentlichen Widerspruchs«, insofern,

auf dieser Grundlage, alle (100) unterschiedlichen, ja verschiedenen »Blumen zum Blühen« gebracht werden könnten.

Bis ein ander mal

grüß’ Dich ganz herzlich,

H.

[1] Die im Original gesperrten Wörter im Folgenden kursiv. {H.B. hat mich gebeten,die die Leser darauf aufmerksam zu machen, daß die gedrängte Form seiner Briefe dem Zwang geschuldet sind, zwischen spätem Feierabend und frühem Arbeitsbeginn, möglichst viel auf einmal formulieren zu wollen. Liest man die Briefe aber ein zweites Mal, wird manches klarer. EUK}

[2] Karl Marx: Randglossen zu Adolf WagnersLehrbuch der politischen ökonomie MEW 19 (355-383).

[3] Karl Marx: Entwürfe zu einer Antwort auf den Brief von Vera Sassulitsch MEW 19 (384-406).

[4] Karl Marx: ökonomisch-philosophische Manuskripte MEW EB 1 I (467-588).

[5] Karl Marx: Auszüge aus James Mills Buch „Élémens d‘économie politiqueMEW EB 1 I (445-463).

[6] Karl Marx: Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie MEW EB 1 I (259-375).

 


Ulrich Knaudt an H.B. (03.07.2010)

Betreff: nationaler Nihilismus vs. Stolz auf die eigene Leistung

Lieber H., spaßeshalber schicke ich Dir den Auszug aus dem Kommentar der Redaktion des ‚express‘ 5-6/2010 und meine Reaktion:

»Egal welche (politischen Abgänge) die nächsten sein werden, die Lenas, Löws und von der Leyen-Darstellerinnen harren ante portas! Ob das zu einer argentinischen Renaissance in Südafrika oder zum Untergang in und mit Berlin führt, wissen wir nicht. Die Redaktion legt sich jedenfalls nicht fest: Kein Sommermärchen, ob mit oder ohne Titel denn Eigentum ist und bleibt Diebstahl!«

Daraufhin mailte ich am 27.06. : »…Als letztes eine Bemerkung zum letzten ‚express‘: ist der Spruch am Schluß des Kommentars auf Seite 3: ‚Eigentum ist und bleibt Diebstahl‘, Euer wirklicher Ernst? Dann könnt Ihr Euch den ganzen Marx schenken und gleich zu Proudhon und Bakunin übergehen…! Gruß Ulrich.«

Aus der Antwort-Mail vom selben Tag: »Hallo Ulrich, …Ich würde sagen, ja und nein. Es ist einerseits ernst, andererseits nicht. Viele Grüße.«

Meine Antwort vom 28.06.: »Zu ‚Eigentum ist Diebstahl‘. Wenn ich diesen Satz lese, bekomme ich den Tunnelblick! Dabei ging der Zusammenhang verloren, der allerdings höchst ‚komplex‘ ist. Denn mir ist es keineswegs egal, ob Deutschland das nächste Spiel gewinnt oder, sagen wir, Argentinien. Im Zweifelsfall wäre ich jedenfalls nicht für Argentinien, sondern für Deutschland. Internationalismus, der auf nationalem Nihilismus basiert, ist selbst in einem solch banalen Fall ein schlechter Ratgeber. Ob der Joke aber so gemeint ist, bleibt, jedenfalls für mich, unklar. Denn Deutschland ist nicht amtierender Weltmeister, ist also nicht Besitzer dieses Titels, der ihm daher auch nicht genommen werden könnte. Wenn das damit gemeint war, paßt der Spruch nicht, in den ich unter dem Alarmzeichen ‚Proudhon‘ darüber hinaus mal alles mögliche hineingelesen habe… Viele Grüße.«

Daraufhin folgte tiefes Schweigen. Inzwischen hat Deutschland Argentinien in einem hochklassigen Spiel geschlagen. Die »argentinische Renaissance« wurde von der Truppe junger deutscher Spieler zunichte gemacht. Darf man darauf im sportlichen Sinne nicht stolz sein? Natürlich teilen eine Menge Leute, die wir überhaupt nicht mögen, diesen Stolz. Darf das ein Hindernis dafür sein, daß auch wir stolz darauf sind, gleichgültig, welch ein Schindluder auch sonst noch, wie nicht anders zu erwarten, damit betrieben wird? Oder sollen wir vielleicht die Taliban bitten, uns in ihre Gemeinde aufzunehmen oder auf andere Art nationale Selbstaufgabe betreiben? Offenbar verwechselt der nationale Nihilismus der Linken  Internationalismus mit nationaler Selbstaufgabe zugunsten einer x-beliebigen anderen Nation, Glaubensgemeinschaft oder Rauschgift-Mafia. An diesem Strickmuster eines linken Sozialimperialismus hat sie seit Generationen geübt! Ich lasse hier einmal offen, woher dieses ursprünglich stammt…

Vielleicht bist Du ja in der Lage, in dem ‚express‘-Zitat überhaupt einen Sinn zu entdecken und möglicherweise einen anderen als den von mir vermuteten.

Gruß Ulrich

 


Ulrich Knaudt an H.B. (04.07.2010)

Betreff: KOSTPROBEN

Lieber H., nachträglich noch zwei Kostproben, die meine Kritik am ‚express‘ noch als ziemlich harmlos erscheinen lassen, aber auf der anderen Seite bestätigen. [1] Heißt die deutsche Regierungspartei immer noch NSdAP, die es als notwendig erscheinen ließe, alles heutige Deutsche grundsätzlich zu diskreditieren? Auch wenn es sich um dieses ziemlich banale, aber unterhaltsame Fußballgeschäft handelt? Es hat diesen Anschein.

Gruß Ulli

[1] Neues Deutschland 03.07.2010 Einwürfe, Fußnoten (Hans-Dieter Schütt):

»HEUTE GEGEN ARGENTINIEN! Joachim Löw sagte „Ja”. … Löw sprach so zu Journalisten – auf die Frage, ob Deutschland heute siegen würde. Vor dieser Antwort hatte er eine winzige Pause gemacht. Sie war die eigentliche Antwort. … Das ist die Hälfte der Wahrheit. Jetzt nämlich darf man das Lächeln nicht missachten, das Löw aufsetzte. Es erhob das „Ja” in den Hochadel der Ironie. JA! zu Löw. … Die deutsche Elf der Siebziger setzte man ins Verhältnis zur entspannenden Europapolitik Brandts. Vogts verkörperte das aussitzerische System Kohl. Soll man bei Löw nun Merkel mitdenken? Jetzt weiß ich, was diesem Text hier fehlt. Ein entschiedenes, ganz ironiefreies „Nein”«.

Völlig ironiefrei dagegen titelt die junge Welt am selben Tag:

»Alles ist möglich, Diego! Für den Fall, daß Argentinien diese Weltmeisterschaft nicht gewinnt: Offener Brief an Herrn Diego Armando Maradona«.

Dieser Aufruf des argentinischen Journalisten Carlos Malbrán endet mit den pathetischen Sätzen:

»Danke, daß du Maradona bist. Danke, Champion!«

 


Ulrich Knaudt an H.B. (10.07.2010)

Betreff: GEMEINSCHAFT & GESELLSCHAFT

Lieber H., diesen Aufsatz fand ich beim Durchstöbern meines Zeitungsstapels.[1] Unsere Diskussion berührt den Nerv der Linken stärker, als wir das vielleicht bis dahin annehmen konnten. Wir müssen nur noch ein wenig weiterbohren – dann wird das Geschrei groß sein! Den Brief an Dich schreibe ich morgen zu Ende. Gleich muß ich gemeinsam mit unserer Kanzlerin ein letzten Mal die Daumen drücken. Außerdem reduziert sich die Denkleistung bei diesen marokkanischen Temperaturen um mindestens 50 %.

[…]

Entweder verschmelzen Gemeinschaft und Gesellschaft auf den beiden Stufen zum Kommunismus (‚…Gothaer Programm‘) oder dieser ist ein großer Betrug. Genau das meine ich mit ‚Politisierung der Kritik der politischen ökonomie‘. Ruben macht exakt das Gegenteil: er ‚soziologisiert‘ Gemeinschaft und Gesellschaft. Lies selbst. Du wirst dabei viele alte Bekannte wieder entdecken!

über das Verhältnis von politischer ökonomie und Klassenkampf bei Marx empfehle ich: REFLEXIONEN 1 [2005] über Uwe-Jens Heuers ‚Marxismus und Politik‘. Daran läßt sich auch ermessen, daß sich Die Linke ständig im Kreis bewegt. Dort findet sich passendes Bohrmaterial.

Ernst Ulrich Knaudt

[1] Neues Deutschland 26.06.2010 Peter Ruben: „Nur da herrscht völlige Gleichheit”. Von der Notwendigkeit exakter Begriffe und warum auch der Vatikan eine kommunistische Institution ist.


 


H.B. an Ulrich Knaudt (11.07.2010)

Re: GEMEINSCHAFT & GESELLSCHAFT

Lieber Ulrich,

[…]

Ich freu mich auf das morgige Spiel. Die Leistung der dt. Mannschaft fand ich z.T. wirklich Klasse, hab mich sehr erfreut an tollen Spielzügen …, bis hin zu einzigartiger geradezu künstlerischer Perfektion.

Aber »stolz darauf« kann ich irgendwie nicht sein und weiß noch gar nicht so recht, warum eigentlich nicht; muß wohl noch ein wenig »weiterbohren« in mir: vielleicht, weil‘s mir selbst – ich stolz darauf – irgendwie äußerlich, hohl erscheint, vielleicht, weil eine Leistung von Nationalspielern/-Mannschaften heutzutage mehr denn je nicht ohne die weltweiten Leistungs- bzw. Wettbewerbsvergleiche denkbar ist, die über die Glotze schon die Kinder der Welt inhalieren, abschauen, trainieren, will sagen, dies Gefühl des „Stolzseins darauf“ besondert mir zu sehr bzw. schneidet von etwas ab, abstrahiert sozusagen von wesentlichen Entwicklungen, was übrigens auch [für] Wissenschafts-/Forschungs- oder sonstigen Produktivitätsleistungen, sei‘s von Individuen, Unternehmen oder Staaten/Nationen gilt, ohne damit die Leistung als solche von je einzelnen sowie meine Freude darüber im geringsten geschmälert zu empfinden; sie ist an eine noch andere Sichtweise, Dimension geknüpft, jene im Grunde, jener schlichten, wirklichkeitsgemäßen Grundtatsache, wie sie Marx im Abschnitt »Privateigentum und Kommunismus« beschreibt unter »VI. Die gesellschaftliche Tätigkeit … Allein auch wenn ich wissenschaftlich etc. tätig bin…« ([MEW] EB 1, S.538, 539). Bis bald wieder, herzlichen Gruß H.

 


Ulrich Knaudt an P.T. (12.07.2010)

[…] Ich schicke Dir ein paar Notizen […] zu: Orlando Figes: Peasant Russia, Civil War.The Volga Countryside in Revolution (1917-1920), Oxford 1989, 192, die uns in der Sache vielleicht weiterbringen: »But the failure of the комбеды [kombedy = „Komitees der Dorfarmut”] to unite the poor peasantry can not be simply put down to the influence of the „kulaks”. The ”proletarian class-consciousness” of the poorest peasantry failed to express itself in the комбеды not because it was repressed, but because it did not exist: the natural-patriarchal bonds of the poorest farmers in the village were still much stronger than the socio-economic divisions between them.«

Dazu meine Notiz:

»Aber selbst unter dieser, wenngleich übertriebenen, Voraussetzung sagte den armen Bauern der Klasseninstinkt, daß sie von den „reichen Bauern” im Dorf gegen die Sowjetmacht vorgeschoben wurden und dadurch zwischen die Fronten geraten konnten, wo ihnen niemand mehr raushelfen würde. D.A. geht von dem üblichen linken Klassenschema (entweder „Proletariat oder Bourgeoisie”) aus, das aber hier nicht direkt anwendbar ist. Die Bolschewiki waren wegen eben dieses abstrakten Schemas nicht in der Lage, das industrielle Proletariat mit dem archaischen Kommunismus der Dorfgemeinde (der von den reichen Bauern zu ihren eigenen Gunsten instrumentalisiert wurde, so wie ihn bereits der Zarismus für sich instrumentalisiert hatte), zu einer Klassenfront zu verbinden. In China hat Mao im Gegensatz dazu explizit die Position der Bauern eingenommen, obwohl oder weil er nach sowjetischen Maßstäben aus einer Kulakenfamilie stammte. Das Problem bestand aber darin, daß es in China nicht mal eine mit den russischen Verhältnissen vergleichbare Arbeiterklasse gab, aber genauso wenig eine der russischen entsprechende Dorfgemeinde, sondern nur Pächter der (zumeist beamteten) grundbesitzenden Feudalkaste, denen aber eine kapitalistische Entwicklung wie in England versagt war. (Dengs Linie: anstatt alle Pächter ärmer zu machen, sollen einzelne Pächter reicher werden, von deren Reichtum dann die armen profitieren sollen.) Daher steckte China in einer Sackgasse. War der Bauernaufstand unter chinesischen Verhältnissen nicht viel eher ein Aufstand mit dem Ziel, freier Pächter und freier Parzellenbauer zu werden, eine Entwicklung, die aber durch die asiatische Produktionsweise verhindert wurde? Karl Marx: „im Orient gibt es keinen privaten Grundbesitz”.[1] Daher führt Mao die Staatsfarmen, die, verwaltet von einem beamteten Gutsbesitzer, dem Staat (der Partei) als einzigem Grundbesitzer gehören, ein, um auf dieser Grundlage den Sozialismus aufzubauen. (Sollte die Partei durch die Schaffung von Parzelleneigentum, wie in Frankreich 1789 den Kapitalismus aufbauen?) Der Versuch scheitert, nicht nur weil er sich an das Vorbild der Stalinschen Staatssklaverei anlehnt, sondern weil die Pächterfamilien und Kleinbauern keinen Kommunismus, sondern freie Marktwirtschaft wollen. Dazu hätten ihnen aber privat der Boden gehören müssen, was bis heute nicht der Fall ist. Privaten Grundbesitz gibt es heute nur in der Stadt. Der Jakobinismus des heutigen chinesischen Staates gegenüber den Bauern äußert sich in der Enteignung der Pächter und Parzellenbauern durch den sozialistischen Staat (vertreten durch das lokale Parteikomitee), die tatsächlich rein juristisch betrachtet auch gar keine Enteignung ist, weil der Boden eh dem Staat gehört, und die Basis für die Entwicklung des asiatischen Staatsmonopolismus in der Stadt liefert. …Wenn in China der Bubble platzt, gibt es Bürgerkrieg oder Weltkrieg – oder die Partei tritt als Staatsmonopolist ab und eröffnet den jakobinischen Weg in die Parzellenwirtschaft und einen europäischen Kapitalismus, was sehr unwahrscheinlich ist.«

Soweit meine Notizen. Ich habe dann in meine Exzerpte aus Reinhard Kößler: Dritte Internationale und Bauernrevolution. Die Herausbildung des sowjetischen Marxismus in der Debatte um die „asiatische” Produktionsweise, Frankfurt/M; New York 1982. (Quellen und Studien zur Sozialgeschichte Band 3) geschaut und gefunden, daß d. A. die Marxsche Einschätzung vom Fehlen des Privateigentums in Asien bestätigt, was der Komintern 1920 große Mühe bereitete, Kommunismus und Bauernfrage unter einen Hut zu bringen.

So zitiert Kößler den Punkt 9 aus den Leitsätzen des 2. Kongresses der Komintern 1920:

»9. In der ersten Zeit wird die Revolution in den Kolonien keine kommunistische Revolution sein; wenn jedoch von Anfang an die kommunistische Vorhut an ihre Spitze tritt, werden die revolutionären Massen auf den richtigen Weg gebracht werden, auf dem sie durch allmähliche Sammlung von revolutionärer Erfahrung das gesteckte Ziel erreichen werden. Es wäre ein Fehler, die Agrarfrage sofort nach rein kommunistischen Grundsätzen entscheiden zu wollen. Auf der ersten Stufe ihrer Entwicklung muß die Revolution in den Kolonien nach dem Programm rein kleinbürgerlicher reformistischer Forderungen, wie Aufteilung des Landes usw. durchgeführt werden. Daraus folgt aber nicht, daß die Führung in den Kolonien sich in den Händen der bürgerlichen Demokraten befinden darf. Im Gegenteil, die proletarischen Parteien müssen eine intensive Propaganda der kommunistischen Ideen betreiben und bei der ersten Möglichkeit Arbeiter- und Bauernräte gründen. Diese Räte müssen in gleicher Weise wie die Sowjetrepubliken der vorgeschrittenen kapitalistischen Länder arbeiten, um den endgültigen Sturz der kapitalistischen Ordnung der ganzen Welt herbeizuführen.«

Die Komintern hatte schlichtweg kein Konzept hinsichtlich der sozialen Verhältnisse in Asien. Und da das nicht der Fall war, wurde statt dessen ein kommunistisch-kleinbürgerlich-reformistisches Konglomerat mit dem Anspruch einer revolutionären Strategie nach dem Muster der Oktoberrevolution zusammengebraut. Ihren Protagonisten war vermutlich nicht mal klar, daß der Staat Grundbesitzer und Inhaber des Gewaltmonopols in einem war, sodaß nach Kößler, 48, die Ausbeutung der chinesischen Bauern »das Bild einer Einheit von Steuer, Rente, Handelsprofit und Wucher« bot. »Staatliche Gewalt und grundherrlicher Apparat fielen so entsprechend der faktischen Identität von Rente und Steuer zusammen.«

Hierbei bezieht sich d.A. auf Marx, [Das] KAP[ital] III [MEW 25], 799: »Es ist ferner klar, daß in allen Formen, worin der unmittelbare Arbeiter „Besitzer” der zur Produktion seiner eigenen Subsistenzmittel notwendigen Produktionsmittel und Arbeitsbedingungen bleibt, das Eigentumsverhältnis zugleich als unmittelbares Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis auftreten muß, der unmittelbare Produzent also als Unfreier; eine Unfreiheit, die sich von der Leibeigenschaft mit Fronarbeit bis zur bloßen Tributpflichtigkeit abschwächen kann. Der unmittelbare Produzent befindet sich hier der Voraussetzung nach im Besitz seiner eigenen Produktionsmittel, der zur Verwirklichung seiner Arbeit und zur Erzeugung seiner Subsistenzmittel notwendigen gegenständlichen Arbeitsbedingungen; er betreibt seinen Ackerbau wie die damit verknüpfte ländlich-häusliche Industrie selbständig. Diese Selbständigkeit ist nicht dadurch aufgehoben, daß, etwa wie in Indien, diese Kleinbauern unter sich ein mehr oder minder naturwüchsiges Produktionsgemeinwesen bilden, da es sich hier von der Selbständigkeit gegenüber dem nominellen Grundherren handelt. Unter diesen Bedingungen kann ihnen die Mehrarbeit für den nominellen Grundeigentümer nur durch außerökonomischen Zwang abgepreßt werden, welche Form dieser auch immer annehme. Es unterscheidet sie dies von der Sklaven- oder Plantagenwirtschaft, daß der Sklave hier mit fremden Produktionsbedingungen arbeitet und nicht selbständig. Es sind also persönliche Abhängigkeitsverhältnisse nötig, persönliche Unfreiheit, in welchen Grad immer, und Gefesseltheit an den Boden als Zubehör desselben, Hörigkeit im eigentlichen Sinn. Sind es nicht Privateigentümer, sondern ist es wie in Asien der Staat, der ihnen direkt als Grundeigentümer und gleichzeitig als Souverän gegenübertritt, so fallen Rente und Steuern zusammen, oder es existiert vielmehr dann keine von dieser Form der Grundrente verschiedene Steuer. Unter diesen Umständen braucht das Abhängigkeitsverhältnis politisch wie ökonomisch keine härtere Form zu besitzen als die, welche aller Untertanenschaft gegenüber diesem Staat gemeinsam ist. Die Souveränität ist hier das auf nationaler Stufe konzentrierte Grundeigentum. Dafür existiert dann auch kein Privateigentum, obgleich sowohl Privat- wie gemeinschaftlicher Besitz und Nutznießung des Bodens.«

Wenn also der Staat Souverän und Grundeigentümer in einem ist, ist die Form der bäuerlichen Produktion, Gemeinwirtschaft wie in Indien, Familienwirtschaft wie in China, relativ gleichgültig. Dies im Unterschied zur russischen Dorfgemeinde…

[…] Was das mit den chinesischen Gewerkschaften zu tun hat, wäre die nächste Frage. Denn auch in diesem Fall ist der Staat Souverän und Arbeitgeber in einem. Die Kommunistische Partei müßte den Kampf zwischen der Lohnarbeit und dem Kapital als Selbstgespräch führen, was einigermaßen schizophren ist…

[1] Karl Marx an Friedrich Engels 02.06.1853 MEW 28 (250-254), 253: »Bernier findet mit Recht die Grundform für sämtliche Erscheinungen des Orients – er spricht von Türkei, Persien, Hindostan – darin, daß kein Privateigentum existiert. Dies ist der wirkliche clef selbst zum orientalischen Himmel. …«


 


Ulrich Knaudt an H.B. (12.07.2010)

Betreff: HISTORISCHES

Lieber H.,

da ich mir vorgenommen habe, die Kritik des [Hegelschen] Staatsrechts [1] bis zu Ende durchzuarbeiten, bin ich noch nicht bis zur berühmten Seite 295ff. durchgedrungen, und daher stellen meine bisherigen überlegungen auch nur nicht zu Ende Gedachtes dar.

Bevor ich auf Deine Kommentierung eingehe, etwas zu dem Thema: ‚Fisch auf dem Trockenen’. Es wäre ein großes Mißverständnis, meine Einlassungen dazu als Gejammer über meine existentielle Vereinzelung, Isolation o.ä. zu verstehen und nicht vielmehr als zwangsläufige Reaktion auf den nicht erklärten Krieg der Linken gegen alles, was ihr an uns nicht in den Kram paßt. Von daher verstehe ich das Wasserabgraben als eine Art Kriegsführung, auf die mit den vorhandenen Mitteln zu antworten ist. Was ihnen 1989 als reale wirtschaftliche und politische Macht abhanden gekommen ist, versuchen sie durch politische Eroberungen zunächst in der westdeutschen Restlinken wettzumachen und gestützt auf diese bei der Bevölkerung zu punkten. Nun besteht ja eines der ‚Geheimnisse’ dieser westdeutschen Linken von vor 1989 darin, daß es ihr nur selten oder im Grunde gar nicht gelang, bei der Bevölkerung anzukommen, was nicht nur an jener, sondern auch an der Bevölkerung lag. Vielleicht ein Indiz dafür, daß Die Linke mit der West-Linken auf das falsche Pferd gesetzt haben könnte. Zu gönnen wär’s ihr.

Die ethnizistische Gender-Nomenklatur ist dafür ein beredtes Beispiel, das durch die Einführung der neudeutschen Rechtschreibung ergänzt wird. Da in den 90er Jahren von der Linken anstelle des Grundgesetzes keine Verfassung durchgesetzt werden konnte (und wieso denn auch — eine Verfassung setzt einen souveränen Staat voraus, das Grundgesetz nicht!), versuchte man es auf Seiten der Linken eine Etage tiefer, wofür die ethnizistische Schreibweise der geschlechtsbestimmten Wortverdoppelungen das herausragende Indiz ist (man/frau). Auch hat Die Linke bisher kein Programm vorgelegt, in dem in Klartext zu lesen wäre, was sie im Vergleich zur DDR eigentlich anders machen will. In Ermangelung dessen wird an allen möglichen Stellschrauben peu à peu in dieser Richtung, hier mal bißchen, da mal bißchen, weitergedreht. Der neueste Clou ist die 2011 wieder ins Haus stehende (kannst Du wörtlich nehmen – bei uns kam keiner über die Schwelle!) Volkszählung. Auch hier wird mal geschaut, ob sich da nicht vielleicht was drehen läßt…

Ich werde Dich nicht länger mit dieser Sch… langweilen und kehre zurück zum eigentlichen Thema:

Die aus S. 231 zitierten Passage sollte von meiner Seite verdeutlichen, was mir bis dahin an diesem Text besonders aufgefallen ist. Mein Eindruck ist, daß Marx die Hegelsche Dialektik nicht einfach 1:1 kommentiert und philosophisch interpretiert, sondern diese zu durchdringen versucht. Das gelingt ihm, indem er die Widersprüche nicht so nimmt, wie sie sich ihm philosophisch darstellen, sondern indem er als erstes zwischen spekulativen und wirklichen Gegensätzen unterscheidet. Diese Unterscheidung ist für mich auf diesem Gebiet etwas radikal Neues, da die Mao’sche Dialektik etwa so wie oben verfährt. Aber nicht mal von diesem Maoschen, bzw. Stalinschen Hegel hatte sich bei der Linken mehr festgesetzt als daß jeder Widerspruch eine ‚Haupt’- und eine ‚Nebenseite’ haben muß, und daß man in allen Widersprüchen die ‚Hauptseite’ herausfinden soll. So wie heute von links bis in die obersten Etagen der veröffentlichten Meinung der herrschenden Klasse sich Unterschiede, Differenzen, Gegensätze immer häufiger auf verschiedenen ‚Ebenen’ abspielen sollen (das horizontale ‚Hauptseite‘/‘Nebenseite‘-Schema wurde durch ein hierarchisches ‚Ebenen’-Schema ausgetauscht – übrigens auch in der Marx-Gesellschaft), so schwafelte die Linke in den 70er Jahren von der in allen Dingen zu bestimmenden ‚Hauptseite’. Welch ein Fortschritt: von der ‚Hauptseite’ zur ‚Ebene’!

Die o.g. Unterscheidung zwischen spekulativen und wirklichen Widersprüchen findest Du weder bei Stalin noch bei Mao, wodurch bei beiden die wirklichen Widersprüche notgedrungen wieder zu spekulativen werden. Um aber zu dem wirklichen Widerspruch zu gelangen, muß dieser auf seinen wirklichen Grund reduziert werden. Dieser Grund ist im o.g. Fall bei der Unterscheidung zwischen der ständischen und der republikanischen Verfassung das souveräne sich selbst bestimmende Volk. Oder, um es mit den Mitteln der Hegelschen Logik auszudrücken: das Wesen muß auf die Existenz zurückgeführt werden (was einem eingefleischten Hegelianer vermutlich gegen den Strich gehen wird).

Das ist es erst mal alles, was mir bis zur S. 231 aufgefallen ist: der Marxsche Röntgenblick! Daher würde ich auch nicht von einer »Analogie zwischen der Hegelschen« und der »Marxschen Logik« sprechen, weil wir dann wie Stalin und Mao die Spekulation nicht wirklich verlassen und ihr nur einen ‚besseren’ Sinn unterlegen, anstatt, wie Marx dies tut, die Hegelsche Metaphysik bis auf ihren existentiellen Kern zu durchdringen.

Szenenwechsel: Von der Hegelschen Spekulation ist bei dem deutschen ökonomieprofessor A. Wagner nur noch das magere begriffliches Gerüst des gewöhnlichen Alltagsverstands übriggeblieben [2] (364): »Es ist „das natürliche Bestreben” eines deutschen ökonomieprofessors, die ökonomische Kategorie „Wert” aus einem „Begriff” abzuleiten, und das erreicht er dadurch, daß, was in der politischen ökonomie vulgo „Gebrauchswert” heißt, „nach deutschem Sprachgebrauch” in „Wert” schlechthin umgetauft wird. Und sobald der „Wert” schlechthin gefunden ist, dient er hinwiederum wieder dazu, „Gebrauchswert” aus dem „Wert schlechthin” abzuleiten. Man hat dazu nur das „Gebrauchs”fragment, das man fallen ließ, wieder vor den „Wert” schlechthin zu setzen.« Im Gegensatz dazu geht Marx (368) »nicht aus von ”Begriffen”, also nicht vom ”Wertbegriff”«, und hat »diesen auch in keiner Weise ”einzuteilen”. Wovon ich ausgehe, ist die einfachste gesellschaftliche Form, worin sich das Arbeitsprodukt in der jetzigen Gesellschaft darstellt, und dies ist die „Ware”.« Gegenüber D.W[olf]. wäre also die Betonung auf »in der jetzigen Gesellschaft« zu legen, eine Unterscheidung, die er eindeutig nicht trifft! Da für ihn alle Waren als Arbeitsprodukte ausgetauscht werden, sind alle Arbeitsprodukte auch immer schon Waren. D.h. er hat von der Marxschen Vorgehensweise, bei der sich sein [Marx‘] analytischer Röntgenblick hier erneut bewährt, nix mitbekommen!

Ausgehend von der Unterscheidung, daß der G[ebrauchs]wert der Träger des T[ausch]werts, der Twert aber nur eine Erscheinungsform des Werts ist, stellt Marx (375) fest, daß der Twert der Waren nur existiert, »wo Ware im Plural vorkommt«, während der »Wert« sich »hinter dieser Erscheinungsform« finde. Und jetzt die spannendste Stelle in puncto ‚contemporäre Geschichte’ [3]: Bei der Analyse der Ware komme heraus (ebenda), »daß der „Wert” der Ware nur in einer historisch entwickelten Form ausdrückt, was in allen andern historischen Gesellschaftsformen ebenfalls existiert, wenn auch in andrer Form, nämlich gesellschaftlicher Charakter der Arbeit, sofern sie als VerausgabunggesellschaftlicherArbeitskraft existiert. Ist „der Wert” der Ware so nur eine bestimmte historische Form von etwas, was in allen Gesellschaftsformen existiert, so aber auch der „gesellschaftliche Gebrauchswert”«, wie Rodbertus den Twert charakterisiert. Dieser habe zwar mit Ricardo die Wertgröße untersucht, aber ebenso wenig wie jener »die Substanz des Werts selbst erforscht oder begriffen…« Der Wert gehört also einer historischen Gesellschaftsform an, und dessen Substanz sei zu erforschen, um den spezifischen gesellschaftlichen Charakter der Arbeit zu bestimmen, der in allen Formen existiert. Dieser ist aber bei D.W. unspezifisch und übergeschichtlich, zumal er (siehe 370 unten), »den zweifachen Charakter der Arbeit« systematisch ignoriert und auch ein Problem hat damit, »daß sich der Wert einer Ware darstellt im Gebrauchswert der anderen, d.h. in der Naturalform der andern Ware« usw. Aber dazu später.

Wenn aber bei der Analyse des Werts von seiner besonderen historischen Form abgesehen wird – und ich wüßte keinen heutigen Werttheoretiker, bei dem das nicht der Fall ist! –, dann bewegen sich solche Analysen in dem Zustand ewiger bürgerlicher Geschichtslosigkeit. Dann können die gemeinschaftlichen Produktionsformen keinen historischen Kontrast zur Warenproduktion bilden, ebenso wie diese gegenüber den Produktionsformen, in denen die unmittelbaren Produzenten ihre Lebensbedingungen in Form von Gwerten vorgeschichtlich selbst reproduziert haben oder künftig selbst reproduzieren werden, verewigt wird. Um diese Pattsituation zu beenden, muß die Werttheorie daher unmittelbar politisch werden!

Hier hatte ein weiterer Szenenwechsel zu J. St. Mill stattfinden sollen. [4] Inzwischen studiere ich den Text in einem zweiten Durchgang erneut und bin damit noch nicht fertig. Genaugenommen handelt es sich um die ‚Grundrisse’ in ihrer Urform, sodaß man, wenn man diesen Text studiert hat, besser versteht, was sich dann in den ‚Grundrissen’ abspielt.

[…] Zu guter Letzt noch eine Rezension zum Thema: Linke und Faschismus.[5] Zu diesem kann man einen deutsch-nationalen bis NS-Standpunkt einnehmen bzw. den der Alliierten und darunter wiederum ihrer westlichen bzw. sozialimperialistischen Fraktion. Wenn man die »foreign policy der working class«, wie sie Marx und Engels verstanden haben, vertreten wollte, würde sich diese »policy« mit keinem der genannten Standpunkte decken. Was auch immer Wehler und Ali u.a.m. aus dieser Geschichte gemacht haben, diese Position vertreten sie jedenfalls nicht, sondern diejenige irgendeiner Bourgeois- oder »middle class«. Das wird an Hand der wirtschaftlichen Untersuchungen, um die es in der Rezension geht, überdeutlich, an Hand derer sich die Wehlerschen und Alischen Aussagen wahrscheinlich zu einem nicht unbeträchtlichen Teil als Ideologie erweisen.

Der Hauptjob der deutschen Nachkriegslinken scheint darin zu bestehen, auf gut chauvinistisch die Deutschen mit der faschistischen Elite, die sich an den Eroberungszügen des NS gemästet hat, in einen Topf zu werfen und als eine solche zu verteufeln… Ein ziemlich trauriger Job!

Soweit erst mal.

Mit herzlichen Grüßen

Ulrich

[1] Karl Marx: Zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts MEW 1 (203-333).

[2] Karl Marx: Randglossen zu Adolf WagnersLehrbuch der politischen ökonomie MEW 19 (355-383). [Seitenangaben in Klammern.]

[3] Dieter Wolf: Qualität und Quantität des Werts. Makroökonomischer Ausblick auf den Zusammenhang von Warenzirkulation und Produktion, 55: Bei der Erforschung der bürgerlichen Gesellschaft handelt es sich nach D. Wolf um »die aus dem prozessierenden Zusammenhang von Forschung und Darstellung resultierende „Methode des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten”, eine Methode, die logisch-systematisch ist, weil sie in der „contemporären Geschichte” des Kapitals als einem ökonomisch gesellschaftlichen System, das durch eine historisch spezifische Selbstorganisation charakterisiert ist, ihre reale Basis hat.« Diese von Marx nicht ohne eine gewisse Ironie verwendete contradictio in adiecto soll verdeutlichen, daß, betrachtet man das Kapital für sich, es als eine geschichtslose Gesellschaftsformation erscheint. Jedoch steht selbstverständlich auch die kapitalistische Produktionsweise in einem historischen Zusammenhang. Um sie aber systematisch analysieren zu können, muß sie unter der absurden Voraussetzung einer »contemporären Geschichte« betrachtet werden, die D.W. in Verkennung dieser absurden Situation zu einem ernstzunehmenden wissenschaftlichen ‚Ansatz‘ deklariert. Siehe www.dieterwolf.net

[4] Gemeint ist James Mill. Siehe: Karl Marx: [Auszüge aus James Mills Buch „Èlémens d‘économie politique] MEW EB 1 I (445-463).

[5] FAZ 10.07.2010 Adolf Normalverbraucher? Das ‚Dritte Reich‘ drückte den Lebensstandard der Zivilbevölkerung von Kriegsbeginn 1939 an.

 


Ulrich Knaudt an H.B. (14.07.2010)

Betreff: Richtigstellung?

Lieber H., in der FAZ von morgen fand ich folgende Richtigstellung.[1]

Wenn diese Daten doch so allgemein bekannt waren, wie Götz Ali behauptet, warum findet man davon so wenig in seinem Buch?

Bis nächste Woche

Ulrich

[1] Vgl. Ulrich Knaudt an H.B. (12.07.2010).

Leserbrief FAZ 14.07.2010: Paketsendungen von der Front.

Zu „Adolf Normalverbraucher?“ (F.A.Z. vom 10. Juli):

»Die Statistiken zur deutschen Kriegsernährung, die Rainer Blasius nach einem postum veröffentlichten Aufsatz des Historikers Christoph Buchheim zitiert, sind seit langem bekannt. Sie finden sich in den deutschen Stadt- und Landesarchiven zu Dutzenden. Und sie widerlegen auch mein Buch „Hitlers Volksstaat“ (2005) nicht. Ich schreibe darin über die exorbitant hohe Löhnung deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg, über die beispiellose materielle Ausplünderung der besetzten Länder und über die Enteignung der europäischen Juden zugunsten aller Deutschen. Die so erstmals herausgearbeiteten Fakten zeigen, dass die Kriegsernährung in den meisten deutschen Familien nicht allein von den amtlich zugeteilten Lebensmittelkarten abhing, sondern in erheblichem Maße von den individuellen Paketsendungen von der Front in die Heimat.

Millionen Soldaten taten es dem Soldaten Heinrich Böll gleich, der hundertfach an seine Braut und spätere Frau Annemarie Zeilen wie diese schrieb: „Nach dem Essen habe ich mich auf meine Gemächer zurückgezogen und habe im Schweiße meines Angesichts gepackt, gepackt, elf Pakete, wirklich 11 Pakete: 2 für einen Kameraden, eines für den Feldwebel und 8 für mich, ja zwei für Dich, eins mit Butter und eins mit viel Schreibpapier, 2 für Alois’ Familie und 4 für zu Hause; die Eier habe ich in dieser Woche in ein Paket gepackt, weil ich für zwei nicht ausreichend hatte, Du wirst dann von zu Hause welche bekommen.“” Kaum war das erledigt, fand sich Böll schon wieder auf dem Weg ins Glück: „”In Paris könnte ich dann überhaupt noch manches Schöne kaufen, ganz gewiss Schuhe für Dich, und auch Stoff.”

Hermann Göring förderte das ununterbrochene Hamstern vieler Millionen deutscher Soldaten zugunsten ihrer Familien im Oktober 1940 mit seinem –von deutschen Historikern lange beschwiegenen sogenannten Schlepperlass. Nicht umsonst bezeichnete der französische Volksmund die Wehrmachtsoldaten als „Doryphores“ (Kartoffelkäfer). Ähnlich wie in Frankreich machten sich die insgesamt 18 Millionen deutschen Soldaten über alle besetzten Länder Europas her. Deshalb trägt mein Buch nicht den Untertitel „Die liebe Not von Otto Normalverbraucher“, sondern „Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus“.«

Götz Aly, Berlin

 


Ulrich Knaudt an H.B. (25.07.2010)

Betreff: ZWISCHENSTAND

Lieber H., mit einiger Verzögerung melde ich mich auf Deine Mails von vorletzter Woche, die ich bei meinem Zwangsaufenthalt auf der Flucht vor Bochum Total mit Interesse gelesen habe und für deren Zusendung ich mich herzlich bedanke. Eine umfassende Einschätzung möchte ich erst abgeben, wenn ich die Texte, die Du mir empfohlen hast, zu Ende studiert habe. Denn davon ausgehend läßt sich auch D.W[olf].s Vortrag fundierter kritisieren.[1] Zuvor einige vorläufige Thesen:

1. D.W. systematisiert seine früheren Fehleinschätzungen von KAP I 1-3 (siehe meine beiden Aufsätze auf der Web Site der Marx-Gesellschaft) auf eine Weise, daß man nun von einer offenen Revision sprechen muß (Begründung folgt).

2. Wenn Marx in einem Vorwort zu KAP I davon spricht, daß er den rationalen Kern der Hegelschen Dialektik bewahrt habe, dann wird dieser durch D.W.s Feldzug gegen den Hegelschen Mystizismus und verschiedene hegelianisierende Marx-Interpretationen wie das Kind mit dem Bade ausgeschüttet: von dem rationalen Kern bleibt nichts mehr übrig als ein ziemlich eindimensionaler kritischer Rationalismus.

3. D.W. springt ausgehend von der einfachen Wertform sowohl über die Reduktion des Werts, die Metamorphosen der Wertform als auch (was das größte Manko ist) über das Fetischkapitel hinweg und beginnt unmittelbar mit dem Austausch(prozeß) der Waren. Diesen macht er zum Ausgangspunkt seiner Interpretation der Werttheorie, die von ihm zu einer Geld-Wert-Theorie gemacht wird. Wenn aber der Austausch Ausgangspunkt der Werttheorie sein soll, dann frage ich mich, worin sich diese Interpretation von den marktzentrierten Theorien eines Keynes oder Samuelson oder von weniger intelligenten bürgerlichen ökonomen unterscheidet?

4. D.W. hat sich von Dir zur Marxschen Kritik am Hegelschen Staatsrecht anregen lassen. Allerdings wirkt das wie ein Fremdkörper in seinem Vortrag, ebenso seine aktuellen antikapitalistischen Ausführungen im Schlußteil. Er hat, wie ich meine, überhaupt nicht kapiert, worum es Marx in seiner Hegel-Kritik überhaupt geht. Es geht ihm [Marx] jedenfalls nicht darum, die Hegelsche ‚Mystik‘ kritisch-rationalistisch totzuschlagen…

Soweit mein erster Eindruck von diesem Vortrag. Da ich D.W.s letzte Bücher und Aufsätze zur Werttheorie nicht gelesen habe, kann ich nicht sagen, ob das alles fürchterlich neu bei ihm ist. Aber die von mir unter 1. vermutete offene Revision scheint in dieser systematischen Form durchaus neu zu sein. Wenn das zuträfe, wäre das schon ein ziemlicher Hammer! Es ist eine Sache, ob jemand wie Reichelt Marx an bestimmten Punkten fehlinterpretiert, um ihn für die eigene Interpretation passend zu machen. Ein anderes Ding ist es aber, wenn die Werttheorie von vornherein ausgehebelt und durch eine systematisch entwickelte eigene bürgerliche Werttheorie ersetzt wird. Das scheint hier der Fall zu sein.

Ich hoffe in den nächsten Tagen die Fortsetzung meines letzten ausführlichen Briefes fertig zu bekommen, um davon ausgehend eine Begründung meiner Thesen zu liefern.

Bis dahin

herzliche Grüße

Ulrich

[1] Dieter Wolf: Ende oder Wendepunkt der Geschichte. Zur Einheit von Darstellung und Kritik bei Hegel und Marx.www.dieterwolf.net

 


H.B. an Ulrich Knaudt (25.07.2010)

Betreff: AW: ZWISCHENSTAND

[…] Vielleicht kommst Du beim Bearbeiten der Marxschen Kr[itik]. d. H[egelschen] St[aats]R[echts] bis zu den 292 ff. Scheint mir notwendig, um D. Wolfs Positionen kritisch würdigen zu können, zumal er sich mit diesen Seiten so explizit auseinander-setzt wie ich‘s sonst, soweit ich die Literatur dazu überschau, von niemandem außer ihm kenne (in [Dieter Wolf:] „Der dialektische Wi[derspruch] im K[apital].“).

[…] Bis dann, Du lieber ‚Klassenkämpfer‘, eingedenk, daß das Verharren dessen Position bzw. Logik in einer bloßen Gegenüberstellung / Entgegensetzung gegenüber der sog. Wertlogik schlicht (und gelinde gesagt) dumm und töricht ist, ebenso v.v., also weder ‚Entweder/Oder‘ noch nur ein ‚Sowohl … als auch‘ hinreicht, und damit aber zugleich positiv die Aufgabe gestellt bzw. das Ziel definiert [wird], die beiden Seiten zuallererst erkenntniskritisch auf den Begriff zu bringen, logisch, widerspruchsfrei, indem – um mit Marx nach »Privateigentum und Komm[unismus].«, »roher Komm[unismus].« ([MEW] EB 1, 533 ff.) in seiner »Kritik der H[egelschen] Dialektik und Ph[ilosophie] überhaupt« zu sprechen, zu einem Begriff beider zu gelangen, der »zugleich ihre beide vereinigende Wahrheit ist« (S. 577)

Ganz herzlichen Gruß,

in Eile,

H.

 


Ulrich Knaudt an H.B. (28.07.2010)

Lieber H.,

ich setze den abgebrochenen Brief vom 04.07. fort [1] und orientiere mich hinsichtlich der Gliederung an dem Dir zugesandten ZWISCHENSTAND.

Zuvor ein Satz zum Gesamteindruck des Vortrags [2] auf Grund der Materialien […]: der Aufbau ist sehr uneinheitlich, weil d.A. die vom Veranstalter gemachten Vorgaben nicht in seine Marx/Hegel-Kritik + Werttheorie integriert, und am Schluß irgendeinen populären Antikapitalismus an das ganze dranklatscht. Außerdem fällt, wie schon erwähnt, seine Hegelkritik hinter die Kritik bereits des frühen Marx an Hegel zurück und wird dadurch zur Afterkritik; so auch gegen Ende seine Behandlung der Hegelschen Extreme. Ebenso ist er auch nicht in der Lage, den rationalen Kern der Hegelschen Dialektik zu würdigen. (Daher kann Reichelt auch nur über D.W. schmunzeln!) Davon abgesehen werde ich mich nur mit dem zweiten Teil seines Vortrags (Seite 12+) befassen, weil es hier nicht nur um Afterkritik, sondern offene Marx-Revision geht, die ich versuchen will, nachzuweisen.

1. D.W. hat das »gesellschaftliche Verhältnis der Sachen« mißverstanden.

Das Andere (Natur und endlicher Geist) erscheint dem absoluten Geist als Mittel, um zu sich selbst und zu seiner absoluten Wirklichkeit zu gelangen. In Analogie dazu vermitteln nach D.W. die Geldformen den Warentausch und verschwinden im Endresultat der Bewegung (allerdings nur, was die Bewegung W-G-W anlangt, wo das zweite W in die individuelle Konsumtion eingeht), während in der Bewegung G-W-G das Geld nicht verschwindet, sondern sich diese Form in ein automatisches Subjekt verwandelt (siehe Marx-Zitat Seite 13).[3]

Bereits in diesem Fall ist es nichts mehr mit der Analogie Kapital – Weltgeist, da G-W-G sich als perpetuum mobile verselbständigt (an dessen reale Existenz die Aktionäre der Wall Street einander zu glauben vormachen, solange zumindest, bis diese Kette reißt), von dem aber niemand wirklich glaubt, daß es zwecks Lösung des Energieproblems tatsächlich funktioniert, weil im Grunde jeder Spekulant weiß, daß, ohne die Produktion von Mehrwert zugrunde zu legen, keine Verwertung seiner Werte stattfinden wird. Die Analogie, die D.W. bemüht, hört also schon an dieser Stelle auf, eine zu sein, kaum daß er sie hergestellt hat.

D.W. geht im Sinne der Neuen Marx-Lektüre von den Ersten Drei Kapiteln [des Kapital] aus. Aber was ist deren Inhalt? Ist der entscheidende Ausgangspunkt die (einfache) Warenzirkulation oder der Wert? Wenn der Wert (der Ware, dessen Formen und deren Metamorphosen) der Ausgangspunkt ist, erledigt sich schon an dieser Stelle D.W.s Frage, ob es sich dabei um eine »logisch systematische« oder »logisch historische …Darstellung« handelt, ganz von selbst, weil nach Marx der Wert der Ware »so nur eine bestimmte historische Form von etwas (ist), was in allen Gesellschaftsformen existiert« ([MEW] 19,375) [4]. [Unterstr. v.m.]

Dagegen soll in Abschnitt II von Teil II des Vortrags »auf die Warenzirkulation unter dem Aspekt der Erklärung des Werts, der Wertform und des Waren- und Geldfetischs« [Unterstr. v. m.] eingegangen werden und nicht etwa [nach Marx] auf den Wert, die Wertform, den Waren- und Geldfetisch unter dem Aspekt der Warenzirkulation. Nur wenn man vom Wert ausgeht, hat das zur Folge, daß, wie es bei Marx heißt, den Menschen anstelle »unmittelbar gesellschaftlicher Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst« ein »gesellschaftliche(s) Verhältnis von Sachen« in der Warenwelt aufgedrängt wird ([MEW] 23,87). Diese Absurdität meint D.W. dadurch umschiffen zu können, indem »auf die abstrakt allgemeinste Weise die Menschen im kapitalistischen Gesamtreproduktionsprozeß« (sollte es nicht zunächst nur um die einfache Warenzirkulation gehen?) »ihre gesellschaftlichen Beziehungen zueinander vermittels der gesellschaftlichen Austauschbeziehung der Arbeitsprodukte her(stellen)«. (Seite 14)

Wenn ein »Arbeitsprodukt« eine »gesellschaftliche Austauschbeziehung« herzustellen in der Lage wäre, würde das ungefähr dasselbe bedeuten, als wenn sich der Tisch zu Beginn des Fetischkapitels, »sobald er als Ware auftritt, …in ein sinnlich übersinnliches Ding« verwandelte und die »Arbeitsprodukte« dann »aus freien Stücken zu tanzen« begännen ([MEW] 23,85). Um dieser Absurdität zu entgehen, macht D.W. auf die bemerkenswerte Tatsache aufmerksam, »daß es sich dabei um etwas Besonderes handelt, insofern es den Arbeitsprodukten, die als ebenso viele Stücke umgeformter Natur Sachen sind, von Hause aus nicht zukommt, sich zueinander in einer gesellschaftlichen Beziehung zu befinden«. (Seite 14) (Wer hätte das gedacht!) Sondern es sind nach seinem Dafürhalten vielmehr die Menschen, »die Arbeitsprodukten eine ihnen als Sachen fremde äußerliche gesellschaftliche Beziehung gleichsam aufzwingen.« (Seite 15) [Unterstr. v. m.]

Wie es scheint, haben die Arbeitsprodukte bei D.W. den gleichen Status wie das Tier, die, weil dieses juristisch als Sache figuriert, hier ebenfalls als ein zu schützendes Wesen verstanden werden. »Es wird von den Menschen eine eigenständige gesellschaftliche Beziehung zwischen den Sachen hergestellt…«, was so klingt, als hätten die Sachen dafür von den Menschen erst um Erlaubnis gefragt werden müssen. Eine Absurdität, die entsteht, weil D.W. die Marxsche Ironie, die in der absurden Formulierung des »gesellschaftliche(n) Verhältnis(ses) von Sachen« ([MEW] 23,87) steckt, offenbar nicht wahr-, sondern für bare Münze nimmt. Allerdings kann auch er nicht umhin einzuräumen, daß diese Sachen »als Arbeitsprodukte auch [!] von Menschen geschaffen worden sind«. Von wem denn bitte sonst – den Schöpfer des Himmels und der Erden einmal beiseite gelassen?

Also, zunächst drängen die Menschen den Arbeitsprodukten ihre gesellschaftlichen Beziehungen auf, während sie aber gleichzeitig einräumen müssen, daß diese Bankerte doch schließlich »auch« von ihnen »geschaffen worden sind«. Aber dennoch besitzt diese »Beziehung der Arbeitsprodukte zueinander … als eine gesellschaftliche Beziehung eine Eigenständigkeit, durch die sie von der gleichzeitig mit dem Austausch gegebenen gesellschaftlichen Beziehung der Menschen zu einander verschieden ist«. Daraus lese ich mit Hilfe meiner letzten Verstandeskräfte heraus, daß hier offensichtlich zwei Beziehungen parallel zueinander existieren: die »gesellschaftliche Beziehung … der Arbeitsprodukte« und die »gesellschaftliche Beziehung der Menschen zu einander«.

Wenn aber beide Beziehungen, die »der Menschen« und die »der Arbeitsprodukte«, von einander getrennt ablaufen, werden sich die »Arbeitsprodukte« nach menschlicher Logik ebenso wie die o.g. »tanzenden Tische« ihrerseits auf die Hinterbeine stellen müssen, um sich als Waren eigenhändig zu Markte zu tragen. Oder wie stellt sich das D.W. sonst vor? Doch auch dafür scheint er mit Hilfe seiner verknotet-verknorpelten Satzkonstruktionen eine Lösung gefunden zu haben: »Das Besondere der gesellschaftlichen Beziehung der Arbeitsprodukte zueinander tritt noch mehr hervor, wenn man bedenkt, was ihre gerade erfolgte Charakterisierung bedeutet: Es spielt sich in der gesellschaftlichen Beziehung der Arbeitsprodukte hinsichtlich der Bestimmung des Gesellschaftlichen der Arbeit Wesentliches ab, das außerhalb der Reichweite des Bewußtseins der als Wirtschaftssubjekte sich verhaltenden Menschen liegt, und nur von dem durch Marx repräsentierten wissenschaftlichen Bewußtsein aufgedeckt und erklärt wird.«

Die »als Wirtschaftssubjekte sich verhaltenden Menschen« tauschen zwar seit urdenklichen Zeiten erfolgreich Waren miteinander aus. Das dürfen sie aber gar nicht, solange sie nicht über das »durch Marx repräsentierte wissenschaftliche Bewußtsein« verfügen und dann wissen werden, was sich alles »in der gesellschaftlichen Beziehung der Arbeitsprodukte hinsichtlich der Bestimmung des Gesellschaftlichen der Arbeit Wesentliches (abspielt)«. Marx würde dieses »Wesentliche« wie gesagt als die »tanzenden Tische« verstehen. Um diese dingfest zu machen, bedarf es aber nicht zuletzt eines großen Sinns für Satire und eines noch vorhandenen Rests an gesundem Menschenverstand. D.W. dagegen leitet in Ermangelung dessen aus diesem »Wesentliche(n)« eine ganz neue Werttheorie ab: »In welcher Hinsicht sind die Arbeitsprodukte in und durch ihre Austauschbeziehungen zueinander in Waren verwandelte Werte Um die Antwort vorwegzunehmen: sie sind es in der »Hinsicht«, wie alle für den Austausch produzierte Arbeitsprodukte Waren und folglich Wert sind! Um das zu verstehen, hält es Marx für sinnvoll, sich bei anderen Produktionsformen umzusehen, dort, wo nicht privat, sondern gesellschaftlich produziert wird und folglich keine Waren produziert werden!

Hier müßte ich im einzelnen begründen, warum D.W. die Verselbständigung der Formen im Ersten Kapitel nicht versteht, warum die im gesellschaftlichen Verkehr sich verselbständigt habenden Gedankenformen von dessen Teilnehmern wie reale Gegenstände be- und gehandelt werden und warum er aus diesem Grund einem neuen Fetischismus aufsitzt! Denn was ist die [=D.W.s] »gesellschaftliche Beziehung der Arbeitsprodukte« anderes als solch ein Fetischismus in Reinkultur? Da mag D.W. noch so lauthals das »durch Marx repräsentierte wissenschaftliche Bewußtsein« hochleben lassen! Dieses allein reicht nun mal nicht hin, um mit den Tango tanzenden Tischen fertigzuwerden.

Ich müßte außerdem darauf eingehen, warum D.W. und H.R[eichelt]. mit ihrer Interpretation des Zweiten Kapitels eine eigenständige Geldform-Soziologie begründen, die darauf beruht, daß beide, je auf ihre Weise selbst im Fetischismus befangen, nicht einsehen wollen, daß sich an dieser Stelle die Wertformen inzwischen so stark verselbständigt haben, daß das Verhältnis der Warenbesitzer zu ihren Waren auf dem Kopf steht. Statt dessen werden von W. und R. ernsthaft überlegungen angestellt darüber, was sich die Warenbesitzer so alles durch den Kopf gehen lassen, wenn sie auf den Markt gehen und das Geld erfinden. Bei Marx lesen wir dagegen:  »Um diese Dinge als Waren aufeinander zu beziehen, müssen die Warenhüter [sic!] sich zueinander als Personen verhalten, deren Willen in jenen Dingen haust, so daß der eine nur mit dem Willen des andren, also jeder nur vermittelst eines, beiden gemeinsamen Willensakts sich die fremde Ware aneignet, indem er die eigne veräußert.« ([MEW] 23,99)[Unterstr. v. m.]

Die »Warenhüter« müssen, damit der wechselseitige Austausch der Waren funktioniert, sich ausnahmsweise »als Personen verhalten«! Offenbar verhielten sie sich bisher nicht so! Ein Sachverhalt, der die ganze Sozialethik durcheinanderbringt. Auch unsere Geldform-Soziologen hätten es ziemlich schwer zu erklären, was nach der Verwandlung dieser mit einem eigenständigen menschlichen Willen ausgestatteten Personen in »Warenhüter, … deren Willen in jenen Dingen haust«, von diesen ‚persönlich’ übrigbleibt? Mit dem Personenbegriff steht und fällt die gesamte bürgerliche Gesellschaft ideologisch in sich zusammen. Aber mit eben solchen ‚Untoten’ haben wir es im ganzen Zweiten Kapitel zu tun:  »Wir werden überhaupt im Fortgang der Entwicklung finden, daß die ökonomischen Charaktermasken der Personen nur die Personifikation der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten.« ([MEW] 23,100) »Träger« ist in diesem Stadium der »Entwicklung« der Geldform wortwörtlich zu nehmen: Warenträger! Also: der du in das Zweite Kapitel einsteigst, laß alle Gedanken an irgendeine Geld-Soziologie, ob von Simmel oder frisch von D.W. erfunden, fahren!

2. Warum D.W. aus diesem Grund auch die einfache Wertform nicht versteht

D.A. kaschiert sein Unverständnis der einfachen W[ert]F[orm] dadurch, daß er eine neue Werttheorie, in Gestalt einer Sachentausch-Theorie zusammenstrickt. Niemand bestreitet, daß die Analyse der einfachen Wertform zu den kompliziertesten Dingen gehört, die die politische ökonomie zu bieten hat. Nicht umsonst hat Marx immer neue Erklärungsversuche erprobt, die ihn am Ende nicht befriedigt haben. Das Erste Kapitel in der Zweiten Auflage ist daher nicht nur sein letztes Wort in dieser Angelegenheit, es zeichnet sich auch wegen seiner Abgeklärtheit in der Darstellung als ein Meisterwerk aus. Anstatt es zu verhunzen, sollte man es erst mal komplett zu verstehen versuchen!

D.W. kann die einfache Wertform nicht verstehen, weil in seiner Sachentausch-Theorie die Waren nicht als Wert (+Gwert), sondern als Arbeitsprodukte ausgetauscht werden: »Indem eine Austauschbeziehung zwischen den Arbeitsprodukten hergestellt wird« (warum eigentlich?) »geht es um sie in der Hinsicht, in der sie austauschbar, d.h. einander ersetzbar und insofern untereinander gleich sind.« (Seite 15) Schaut man sich diesen durch leere Floskeln (»in der Hinsicht«, in der »es um xy geht«) aufgeblasenen Satz genauer an, entpuppt er sich als wunderschöne Tautologie, die da lautet, daß es in der Austauschbeziehung (zwischen den Arbeitsprodukten!) um ihre Austauschbeziehung in der Hinsicht geht, in der sie austauschbar und insofern gleich sind. Die Arbeitsprodukte sind also gleich, weil sie austauschbar, und sie sind austauschbar, weil sie gleich sind. Aber warum sind sie überhaupt gleich? Ganz einfach! Weil »es um … Arbeitsprodukte … geht« und Arbeitsprodukte Gebrauchswerte sind: »Es geht von vornherein um Gebrauchswerte, die Arbeitsprodukte sind, abgesehen davon, daß auch alles, was in den Austausch eingeht, ohnehin Produkt von Arbeit ist.« Fein! Aber wozu brauchen wir dann noch den Tauschwert?

Anstatt uns diese Frage zu beantworten, fährt D.A. in seiner Sachentausch-Theorie munter fort: »Die Arbeitsprodukte werden in der Hinsicht, [sic!] in der sie die allgemeine Eigenschaft besitzen, überhaupt ein Arbeitsprodukt zu sein, auf die anderen Arbeitsprodukte bezogen und zwar in der Hinsicht [sic!], in der sie ebenfalls die allgemeine Eigenschaft besitzen, ein Arbeitsprodukt überhaupt zu sein.« Wenn ich [auch] (eigentlich überflüssigerweise) diese Tautologie auf ihren leeren Sinn hin untersuchen wollte, käme heraus: Das Arbeitsprodukt, das überhaupt ein Arbeitsprodukt ist, wird mit einem anderen Arbeitsprodukt gleichgesetzt, das ein Arbeitsprodukt überhaupt ist. Die Beziehung zwischen beiden Arbeitsprodukten reduziert sich im Endeffekt auf die unterschiedliche Stellung des Wörtchens »überhaupt« in den beiden Teilsätzen der Tautologie! Aus dieser tautologischen Identität der zwei Arbeitsprodukte, die einander von vornherein gleichen wie ein Ei dem anderen, leitet d.A. sein neu gewonnenes Verständnis der Werttheorie ab: »Indem die Arbeitsprodukte auf diese Weise im Austausch gesellschaftlich in ihrer allgemeinen Eigenschaft eines Arbeitsproduktes schlechthin gesellschaftlich aufeinander bezogen werden, sind sie Werte (Seite 15) Sie sind »Werte«, weil sie »in ihrer allgemeinen Eigenschaft … Arbeitsprodukte« sind! Und was wären sie in ihrer besonderen Eigenschaft? Auf Seite 17 gibt uns D.W. eine in jeder »Hinsicht« erstaunliche Antwort.

Zunächst jedoch ist festzustellen, daß D.W. nicht kapiert, daß die Arbeitsprodukte, solange diese als Arbeitsprodukte, d.h. ausschließlich als Gebrauchswerte (denn vom T[ausch]wert war bisher überhaupt nicht die Rede!) aufeinander bezogen werden, sie ebenso gut oder schlecht mit einander verglichen werden können, wie äpfel mit Birnen. Wenn aber, ohne den Twert ins Spiel zu bringen, die Ware A mit der Ware B verglichen werden soll, um ausgetauscht zu werden, dann geht das nun mal nicht ohne die einfache Wertform (x Ware A ist y Ware B wert). Ohne den Gebrauchswert der andersgearteten Ware B als Wertspiegel zu benutzen, kann sich die Ware A nur mit ihrer eigenen Warengattung vergleichen (x Ware A ist y Ware A wert), »eine Tautologie, worin weder Wert noch Wertgröße ausgedrückt ist« ([MEW] 23,82).

Der Nutzen dieser Gleichung beschränkt sich darauf, die Quantitäten gleicher Warenarten zu bestimmen. Mit seiner Sachentausch-Theorie erreicht D.W. noch nicht mal das Niveau der modernen Freihändler, die nach Marx im Unterschied zu den Merkantilisten nur auf die »quantitative Seite der relativen Wertform« erpicht sind und für die »folglich weder Wert noch Wertgröße der Ware außer in dem Ausdruck durch das Austauschverhältnis, daher nur im Zettel des täglichen Preiscourants (existiert)« ([MEW] 23,75). Die Freihändler wissen aber zumindest, daß man äpfel und Birnen nicht zusammenzählen sollte.

Erst jetzt, nachdem er seine Sachentausch-Theorie in trocknen Tüchern hat, stellt sich auch für D.W. die Frage, die mir, wenn auch anders formuliert, schon die ganze Zeit aufder Zunge liegt: »Inwiefern gibt es einen dialektischen Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Wert?« (Seite 16) Gute Frage!Nur, welchen Widerspruch »gibt es« in einer Tautologie? Für gewöhnlich, so auch hier, einen Scheinwiderspruch. Um einen solchen zu umgehen, stellt D.W. den moralischen Imperativ auf: »Die Ware kann nicht selbst als Gebrauchswert auftreten und zugleich selbst als davon total verschiedener Wert erscheinen Warum kann sie das nicht? (Von dem Fetischismus des ‚Auftretens’ mal abgesehen!) Weil: »Als Wert erscheinen und gleichzeitig an den Gebrauchswert gebunden zu sein, realisiert sich in der Austauschbeziehung der Ware zu einer anderen Ware.« [Unterstr. v. m.] Bei Marx besteht der Widerspruch zwischen Gwert und Wert u.a. darin, daß Arbeitsprodukte, die als Waren produziert werden, einen Gwert und einen Twert haben, bei D.W. »realisiert sich« dieser Widerspruch »in der Austauschbeziehung« zwischen den Waren, wofür dem Autor jeder soziale oder asoziale Marktwirtschaftler freudig um den Hals fallen wird!

Marx beschränkt sich bei der Bestimmung des Widerspruchs grade nicht auf die »Austauschbeziehung« zwischen den Waren, sondern setzt für diese das Bestehen einer ‚Arbeitsbeziehung’ voraus: »Als Werte sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit« ([MEW] 23,54). »Wie die Gebrauchswerte Rock und Leinwand Verbindungen zweckbestimmter, produktiver Tätigkeiten mit Tuch und Garn sind, die Werte Rock und Leinwand dagegen bloße gleichartige Arbeitsgallerten, so gelten auch die in diesen Werten enthaltenen Arbeiten nicht durch ihr produktives Verhalten zu Tuch und Garn, sondern nur als Verausgabungen menschlicher Arbeitskraft« ([MEW] 23,59). Marx reduziert den Gwert auf den Wert durch dessen Bezeichnung als »bloße gleichartige Arbeitsgallerten« und die darin »enthaltenen Arbeiten« auf (im anonymisierenden Plural!) »Verausgabungen menschlicher Arbeitskraft«. D.W. meint zur Bestimmung des Widerspruchs zwischen Gwert und Wert ohne eine solche Reduktion  »zweckbestimmter produktiver Tätigkeiten« auf »Verausgabungen menschlicher Arbeitskraft« auszukommen. [Unterstr. v. m.]

Genau wie im Widerspruch Gwert-Wert zeige sich für D.W. auch im Doppelcharakter der Arbeit, »daß der Gegensatz … konkret-nützliche – abstrakt menschliche Arbeit jeweils einen Gegensatz bzw. eine Differenz innerhalb eines Wesens, d.h. der menschlichen Arbeit ist, die eine konkret nützliche Arbeit ist, und zugleich [hier folgt das Explikandum der Tautologie:] die allgemeine Eigenschaft besitzt, überhaupt menschliche Arbeit zu sein.« (Seite 16 Fn.) D.h. der Widerspruch zwischen abstrakt menschlicher und konkret nützlicher Arbeit wird (als »Differenz innerhalb eines Wesens« – ‚old Hegel’ wird sich im Grabe umdrehn!) in eine Tautologie verwandelt bestehend aus: »der menschlichen Arbeit« = »konkret nützlichen Arbeit« = »überhaupt menschlichen Arbeit«, unter Wegfall der »abstrakt menschlichen Arbeit«. Fertig ist die Laube!

Ohne die Reduktion der konkret nützlichen auf die abstrakt menschliche Arbeit, der zweckbestimmten produktiven Tätigkeit auf Verausgabungen menschlicher Arbeitskraft ist nun mal keine Bestimmung des Werts möglich. Ohne Bestimmung des Werts ist die einfache Wertform nur als Tautologie möglich.

3. Von der Sachentausch-Theorie zur monetaristischen Wert-Theorie

In der bereits hinlänglich bekannten »gesellschaftlichen Beziehung von Ware zu Ware« werden [bei D.W.], wie ebenfalls hinlänglich bekannt ist, zum einen »die Waren als Werte, in ihrer allgemeinen Eigenschaft, überhaupt Arbeitsprodukte zu sein, auf einander bezogen und gleich gesetzt«. Diese »gesellschaftliche Beziehung«, in der streng tautologisch »die in Waren verwandelten Arbeitsprodukte in der Hinsicht, in der sie Werte sind, gleichgesetzt werden, ist nach der anderen Seite zugleich eine gesellschaftliche Beziehung auf [?] den Gebrauchswert der anderen Ware, der kein Wert ist«. (Seite 16) Auf der einen Seite werden, wie gehabt, die Arbeitsprodukte qua Arbeitsprodukte, so als wären es Werte, gleichgesetzt, auf der anderen Seite besteht eine »gesellschaftliche Beziehung« (von wem/was?) zum Gwert der anderen Ware, der schon per definitionem kein Wert ist: sonst wäre er nicht das Gegenteil des Werts! Der Gegensatz zwischen Wert und Gwert ist hier nicht ein inhaltlich‚ sondern ein logisch spitzfindig begründeter. Nach dem Muster dieser logischen Spitzfindigkeit (A non est non-A) wird nun von D.W. die einfache Wertform nachgebildet: »Die Austauschbeziehung bewirkt über die Gleichsetzung der Waren als Werte hinaus[!], daß der Gebrauchswert der anderen Ware als das, was er nicht selbst ist, d.h. als Wert der ersten Ware gilt Anstelle von ‚non est’ also: »gilt«! Das ‚non est’ wird als ‚gelten’ geadelt.

In der Marxschen Werttheorie ist D.W.s »gesellschaftliche Beziehung von Ware zu Ware« ein »Wertverhältnis einer Ware zu einer einzigen verschiedenartigen Ware, gleichgültig welcher«  ([MEW] 23,62), das sich nur bestimmen läßt, nachdem der Gwert auf den Wert reduziert wurde und in einem nächsten Schritt Rock und Leinwand auf ihre »Wertgegenständlichkeit« ([MEW] 23,80) reduziert worden sind. Erst danach lassen sie sich überhaupt als kommensurable Größen mit einander vergleichen ([MEW] 23,64). D.W. hat aber von Anfang an den feinen Unterschied übersehen, daß menschliche Arbeit zwar Wert bildet (= Arbeitsprodukte), aber nicht Wert ist, und genausowenig als Wert »gilt«: »Um den Leinwandwert als Gallerte menschlicher Arbeit auszudrücken, muß er als eine „Gegenständlichkeit” ausgedrückt werden, welche von der Leinwand verschieden ist und zugleich mit anderer Ware gemeinsam ist.« (23,66) Diese von Marx dadaistisch formulierte und exakt so gemeinte »Wertgegenständlichkeit« ermöglicht überhaupt erst die Herstellung der Kommensurabilität, platt gesagt, zwischen äpfeln und Birnen, nicht aber die menschliche Arbeit, soweit sich diese in als Gebrauchswerte produzierten Arbeitsprodukten realisiert. Wenn deren Kommensurabilität für D.W. aber bereits mit dem Vorhandensein einer Austauschbeziehung zwischen zwei Waren a priori gegeben sein soll, erübrigt sich sowohl die einfache Wertform („20 Ellen Leinwand sind 1 Rock wert”), als auch die äquivalentform, worin »die Naturalform der Ware B zur Wertform der Ware A oder der Körper der Ware B zum Wertspiegel der Ware A« geworden ist ([MEW] 23,67).

Allein die Tatsache, daß im Ersten Kapitel [von KAP I] der Gwert der Ware B darauf reduziert wird, ausschließlich als »Wertspiegel der Ware A« herzuhalten, drückt die ganze Absurdität dieser Beziehung aus, an die D.W.s logische Spitzfindigkeiten nicht heranreichen. Das einzige, worin diese ihm weiterhelfen, ist, daß er nun im Besitz eines Geltungsbegriffs ist, auf dem sich eine ‚monetäre’ in Konkurrenz zu H.R[eichelt].s ‚prämonetärer Werttheorie’ aufbauen läßt. Wenn der Gwert der Ware B, nachdem [bei D.W.] die umweglose Gleichsetzung der Waren als »Arbeitsprodukte«vollzogen ist (denn nichts anderes bedeutet die Formel: »über die Gleichsetzung der Waren als Werte hinaus«!), angeblich »als Wert der ersten Ware gilt«,dann ist der Erklärungswert von D.W.s logischer Spitzfindigkeit, selbiger Gwert (der Ware B) sei = dem Wert der Ware A, weil er »als das, was er nicht selbst ist, ...gilt«, erstens ein schlechtes Imitat der äquivalentform (s.o.) + = 0; zweitens läßt sich damit mühelos die Marxsche Werttheorie in eine Geldwerttheorie transformieren, die fast so aussieht wie das Original.

Dazu liefert die folgende Nominaldefinition den entscheidenden übergang:»Die Austauschbeziehung ist [wie ununterbrochen behauptet wurde] eine Gleichheitsbeziehung und [nun mit Hilfe des neuen Geltungsbegriffs] eine Repräsentationsbeziehung (Geltungsbeziehung), wobei die letztere [d.h. die Geltungsbeziehung] auf Basis der ersteren[der Gleichheitsbeziehung] dafür verantwortlich ist, daß es eine vom Wert verschiedene Erscheinungsform (Tauschwert, einfache Wertform) gibt, welche zugleich auf rationale Weise das Gebrauchswert und Wert zusammenfassende Dritte bzw. die vermittelnde Mitte istWie sich unschwer erraten läßt, ist diese »vermittelnde Mitte« das Geld. Und deshalb verwundert es nicht, daß D.W. auf Seite 17 flugs »zum leichteren Verständnis … die Geldform unterstellt«. Um das Geld »auf rationale Weise« zum Mittelpunkt seiner Werttheorie zu machen, müssen jener all die Irrationalitäten, mit denen Marx den Hegelschen Mystizismus auf die Spitze treibt, wie zu weiland Gottscheds Zeiten der Narr aus dem deutschen Trauerspiel, ausgetrieben werden und dem bürgerlichen ökonomen-Bierernst weichen.

Für die von ihm lautstark beklagte »mystisch irrationale Vermischung von Gebrauchswert und Wert« hat D.W. durch seine Erklärungsversuche dieses Widerspruchs mit Hilfe von logischen Spitzfindigkeiten selbst genügend Zündstoff geliefert, um sich über den Splitter im Auge anderer noch beklagen zu dürfen. Wieweit D.W. diese »mystisch irrationale Vermischung« bis an die Grenzen der menschlichen Verstandesmöglichkeiten vorantreibt, zeigt seine eigene Entwicklung der allgemeinen Geldform (Seite 17-18). Diese beruht, wie schon die Wertform auf Tautologien und leeren Satzfloskeln.

»Beim wirklichen, d.h. rationalen und rational erklärbaren dialektischen Widerspruch sind die Hinsichten, in denen die Ware jeweils Gebrauchswert und Wert ist, so voneinander verschieden wie gesellschaftlich Allgemeines vom stofflich Einzelnen bzw. vom konkret nützlichen Ding mit konkret nützlichen Eigenschaften. Es ist die gesellschaftliche Austauschbeziehung, die vom Gebrauchswert und Wert verschieden ist, durch die beide in einen Widerspruch geraten. Die verschiedenen Hinsichten müssen sich in ein und derselben aus der Austauschbeziehung bestehenden Hinsicht, als gesellschaftlich Allgemeines und zugleich als einzelnes konkret nützliches Ding realisieren. Jede Ware, einzeln in Gestalt des Gebrauchswerts auftretend, ist als Wert ein gesellschaftlich Allgemeines. Bei jeder Ware ist ihr Wert an ihre Existenz als einzelner bestimmter Gebrauchswert gebunden, so daß jede Ware jede andere davon ausschließt, ein gesellschaftlich Allgemeines zu sein, solange die Austauschbeziehung nicht realisiert wird.«

Der Gebrauchswert wird durch das »einzelne konkret nützliche Ding«, der Wert durch das »gesellschaftlich Allgemeine« repräsentiert, bzw. ersetzt. Der Widerspruch zwischen Gwert und Wert kehrt zurück in die metaphysischen Urgründe der Hegelschen Logik als Widerspruch zwischen Allgemeinem und Einzelnem. Eine Satzfloskel (»Hinsicht«) wird hier zum harten Kern der Neubestimmung des »rationalen und rational erklärbaren dialektischen Widerspruch(s. Den eigentlichen Widerspruch bilden nicht mehr Gwert und Wert, sondern dieser liegt zwischen diesem Gegensatzpaar einerseits und der gesellschaftlichen Austauschbeziehung als solcher andererseits, die als Widerspruch zwischen einzelnem und dem Allgemeinen und dargestellt wird. Dadurch geraten die Widersprüche untereinander in infinitum in Widerspruch und verlieren durch diesen Regreß in jeder »Hinsicht« jegliche Bodenhaftung.

Die Reise endet bei der Allgemeinen Wertform, nachdem D.W. die Wertformanalyse in Trümmern hinter sich zurückgelassen hat. Die Geldform wird wiederum durch eine Tautologie erklärt: »In der wirklichen gesellschaftlichen Beziehung der Waren zu einander gibt es [sic! Fällt dieses »es« vom Himmel?] ein gesellschaftliches Allgemeines, wenn von allen Waren eine Ware ausgeschlossen wird, die für alle Waren das ist, was sie kraft ihres Wertcharakters als gesellschaftlich Allgemeines sind. [Schöne Tautologie: die Sachen sind, was sie sind!] Die ausgeschlossene Ware muß für alle Wert sein [nach welcher Wertträger-Ethik muß sie das?]. Diese ist wie gezeigt damit gegeben, daß alle Waren gemeinsam ihren Wert im Gebrauchswert der ausgeschlossenen Ware darstellen. Hiermit ist der dialektische Widerspruch gelöst, wobei die Hinsicht, in der die Waren Werte sind und die Hinsicht, in der sie Gebrauchswerte sind, klar voneinander getrennt sind.« Die »Hinsichten« können aber die Frage nicht beantworten; warum die Warenwerte und die Gwerte überhaupt voneinander getrennt sind, nachdem sie im Austauschprozeß als Widerspruch gar nicht vorkamen?

Abschließend wird durch den Rekurs auf die logische Spitzfindigkeit auf Seite 16 die Wolfsche monetäre Werttheorie kreiert: »Das aus der unmittelbaren Austauschbarkeit bestehende gesellschaftlich Allgemeine, das die äquivalentware für alle Waren als Werte ist, kommt in der Lösung des Widerspruchs dadurch zustande, daß sich der Wert aller Waren in ihrem Gebrauchswert darstellt, der dadurch nicht in mystisch irrationaler Weise Wert ist, sondern als Wert gilt.«

Zusammenfassung

Der Kern des Problems, an dem D.W. bereits im Ansatz scheitert, besteht in dem oben genannten kleinen Unterschied dazwischen, daß nach Marx menschliche Arbeit Wert schafft aber nicht Wert ist. Damit sie Wert ist, muß sie auf abstrakt menschliche Arbeit reduziert werden, was die von Marx davon ausgehend losgelassenen Wertform-Phantasmagorien zur Folge hat, die D.W. komplett »rational« ausblendet. Während Marx die Hegelsche Mystik ad absurdum führt, indem er ihre Unmöglichkeit an den Formen der bürgerlichen ökonomie vorführt, nimmt D.W. all diese sich verselbständigen Formen für bare Münze. Klassisches Beispiel: ‚das gesellschaftliche Verhältnis von Sachen‘. Auf dem Mißverständnis dieser für bare Münze genommenen contradictio in adjecto basiert im wesentlichen seine Sachentausch-Theorie, die er mit Hilfe von logischen Spitzfindigkeiten und leeren Tautologien zur Entfaltung bringt und dabei von Anfang an mit der Marxschen Werttheorie in Konflikt gerät. Dieser Konflikt ist unvermeidlich. Etwas sichereren Boden unter den Füßen bekommt er erst, nachdem er den Sprung in die Geldtheorie vollzogen hat, allerdings nur unter Hinterlassung der Marxschen Werttheorie als Trümmerfeld. Hier serviert uns D.W. am Ende seine »rationale« Werttheorie, eine, in Analogie zur prämonetären von H.R[eichelt]. [und] H.-G. B[ackhaus]., monetäre Werttheorie. Darin verflüchtigt sich der Widerspruch zwischen Gwert und Wert zum klassischen Widerspruch der Hegelschen Logik zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen. Das Allgemeine steht hier für die allgemeine Wertform, woraus bei Marx das Geld abgeleitet wird, das Einzelne für den Gebrauchswert der konkret nützlichen Einzeldinge.

Es ist letzten Endes nicht ersichtlich, worin sich der Wolfsche Revisionismus von den vielen anderen, die sich an den ersten Drei Kapiteln schon versucht haben, unterscheidet. Vielleicht nur in einem: er ist noch humorloser…

[1] Gemeint sind Ulrich Knaudt an H.B. vom 18.06. und 25.07.2010.

[2] Dieter Wolf: Ende oder Wendepunkt der Geschichte. Zur Einheit von Darstellung und Kritik bei Hegel und Marx.www.dieterwolf.net

[3] Karl Marx: Das Kapital. Band I (MEW 23), 168: »Die selbständigen Formen, die Geldformen, welche der Wert der Waren in der einfachen Zirkulation annimmt, vermitteln nur den Warentausch und verschwinden im Endresultat der Bewegung. In der Zirkulation G – W – G funktionieren dagegen beide, Ware und Geld, nur als verschiedne Existenzweisen des Werts selbst, das Geld seine allgemeine, die Ware seine besondre, sozusagen nur verkleidete Existenzweise. Er geht beständig aus der einen Form in die andre über, ohne sich in dieser Bewegung zu verlieren, und verwandelt sich so in ein automatisches Subjekt. Fixiert man die besondren Erscheinungsformen, welche der sich verwertende Wert im Kreislauf seines Lebens abwechselnd annimmt, so erhält man die Erklärungen: Kapital ist Geld, Kapital ist Ware. In der Tat aber wird der Wert hier das Subjekt eines Prozesses, worin er unter dem beständigen Wechsel der Formen von Geld und Ware seine Größe selbst verändert, sich als Mehrwert von sich selbst als ursprünglichem Wert abstößt, sich selbst verwertet. Denn die Bewegung, worin er Mehrwert zusetzt, ist seine eigne Bewegung, seine Verwertung also Selbstverwertung. Er hat die okkulte Qualität erhalten, Wert zu setzen, weil er Wert ist. Er wirft lebendige Junge oder legt wenigstens goldne Eier.«

[4] Karl Marx: Randglossen zu Adolf WagnersLehrbuch der politischen ökonomie MEW 19 (355-383).

 


Ulrich Knaudt an H.B. (13.08.2010)

Betreff: Abendstund‘

Lieber H., für unsere heute abendliche Diskussion möchte ich was Grundsätzliches zu unserer weiteren Politik sagen, weil das in unseren umfassenden theoretischen Debatten verloren gehen könnte:

1. […] Generell ist es so, daß je mehr ich mich in die Bauernfrage vertieft habe, desto weiter hat sich mein Verhältnis zu dem, was die Linke von früher + die heutige Linke heute ist, bzw. nicht mehr ist, „entfremdet”.

2. Mein Verhältnis zu D.W[olf].: ich habe vor zig Jahren einen spontanen Einwurf gegen D.W.s Referat gemacht, weil ich von diesem Revi-Geschwätz, das den Marx auf einen ökonomistischen Wissenschaftler und wissenschaftlichen ökonomisten reduziert, spontan die Nase voll hatte. Das Ergebnis sind zwei Aufsätze von meiner Seite und eine Antwort von seiner Seite, die ich mich zu beantworten verpflichtet habe. [1] Das ist eigentlich zunächst mal alles. Es geht mir also in erster Linie um Marx, und dessen gebrochenes Verhältnis zu Hegel und nicht umgekehrt. Für letzteres betrachte ich mich als Nicht- Hegelianer auch gar nicht für kompetent. Für das, worauf es mir ankommt, sind die frühen Texte, die wir diskutieren, aber äußerst wichtig. […] Fazit: mein ‚Hauptanliegen‘ besteht darin, u.a. auf der Grundlage meines letzten Briefes die ausstehende Antwort an D.W. endlich abzuschließen. Dafür leistet mir unsere Diskussion wertvolle Hilfe.

Bemerkung: In § 299 der Rechtsphilosophie [2] (MEW 1, 261 f.), wird das Geld (Anlaß: Steuererhebung) wie folgt von Hegel gekennzeichnet: »Das zu Leistende aber kann nur indem es auf Geld, als den existierenden allgemeinen Wert der Dinge und der Leistungen, reduziert wird, auf eine gerechte Weise … vermittelt werden.« Wäre es allzu bösartig zu sagen, daß sich die Wolfsche Werttheorie letzten Endes in dieser Hegelschen Definition des Geldes erschöpft?

Tschüß Ulrich Knaudt

[1] marx-gesellschaft.de/Texte. Ulrich Knaudt: Zwischen zwei Einäugigen kann nur der Blinde König sein. (Frühjahr 2005; Frühjahr 2006).

Dieter Wolf: Qualität und Quantität des Werts. Makroökonomischer Ausblick auf den Zusammenhang von Warenzirkulation und Produktion. www.dieterwolf.de

[2] Zit. in: Karl Marx: Zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts MEW 1 (203-333).

 


H.B. an Ulrich Knaudt (17.08.2010)

Betreff: AW Abendstund‘

Lieber Ulrich,

Zu 1.) […] Auch meinerseits hat mich bislang nichts mehr erschüttert und zugleich nichts mehr „entfremdet” von „Linken“ überhaupt als die seinerzeitigen Erkenntnisse (Ende der 70er Jahre) zum Thema Nationalismus bzw. Sozialchauvinismus/-imperialismus und Sozialfaschismus in Hinblick auf die Gründung der Sowjetunion (Widerspruch zwischen Lenin und Stalin, soweit Lenin das Marxsche politisch-kommunistische Prinzip verfocht: „Der Arbeiter hat kein Vaterland” und „ein Volk, das andere unterdrückt, kann nicht frei sein”).

Allein an diesen Kriterien wird auch klar, daß die ganze Geschichte und Politik der 3. Internationale wie der KPD, der SED/DDR, der ganzen K-Gruppen von diesen Ismen durchtrieben war…, wobei damals allerdings der unmittelbare Zusammenhang „Sowjets und Bauernfrage” unterbelichtet blieb, auch in Verbindung mit China, was uns zwar bewußt war, jedoch nicht mehr mit der notwendig analytischen Gründlichkeit in Angriff genommen wurde – bis ich schließlich über Dich, lieber Ulrich, offenen Ohrs und mit offenen Armen, der Marxschen commune rurale wieder begegnet bin, um weiter, auf dem Boden der Marxschen Erkenntnisse, mit vergangenheitsbewältigenden Arbeiten zugleich zu zukunftsträchtigen Gegenwartsanalysen, zu politischen Verhaltensperspektiven, zu konkreten Positionierungen zu gelangen. Gewisse Einsichten, seien sie noch so schmerzhaft, sind so notwendig so wie der damit verbundne Bruch mit Vergangnem, als Voraussetzung – ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten, für einen Neuanfang, insbesondere in einer Zeit, in der die Realität des weltbeherrschenden Systems in seinen Wesenszügen zur Erscheinung treibt und damit allerorts erkennbar Stimmen sich erheben zum Schrei nach Einhalt, Umkehr, Auswegen, Alternativen.

Zu 2.) Es ist, denke ich, in der Tat nicht falsch, was Hegel zum »Geld« sagt: in seiner»imaginären „organischen Einheit”«, aufgrund dessen, daß in ihm »Ein Geist ist, der das Allgemeine festsetzt«, er bzw. es »sich zu der äußerlichkeit des Daseins produziert«, er bzw. es sich sozusagen als »der Wert« über seine »Erscheinungsform« des »Tauschwerts« vermittelt (»…wenigstens deren 2 existiert« als »etwas ihnen Gemeinsames«, [MEW] Bd. 19, 358) in dies, das Geld, quasi ‚inkarniert‘, quasi als eine Emanation des »absoluten Geistes« = reine Mystik, nichts als »leere mystische Ausflucht« vor den »wirklichen Konflikten« ([Kritik des Hegelschen] St[aats]R[echts], [MEW 1] S. 261), dem »Tieferen«, dem ihnen zugrundeliegenden »wesentlichen Widerspruch« ([ebenda,] S. 295, 296, »Hegels Hauptfehler …«), und etwa nicht zugleich die Realität der Welt, die Totalität der Realität!? »…das eine Vermögen«, das Arbeitsvermögen, Produktivvermögen des je einzelnen Subjekts, des Individuums oder das von Subjekteinheiten wie einzelner Unternehmen oder ganzer Nationen, Staaten, welches »als Geld erscheint« (S. 262), in welchem bzw. welchen verborgen, annihiliert jener »wirkliche«  »wesentliche Widerspruch« (295/296) »entgegengesetzter Wesen« (292) haust, west…, und der sich als »Widerspruch der Erscheinung« in dem Gegensatz – »Jedes Extrem ist sein andres Extrem«– von »abstraktem Spiritualismus« (Idealismus) und »abstraktem Materialismus« als »ungelöste Antinomie« (204) an sich, »in sich« und »mit sich selbst« (295) manifestiert, realisiert, und »dieselbe phantastische Abstraktion«, derselbe »Mystizismus«, dieselbe »mystische Substanz« im »reellen Subjekt« (S. 224) sowohl im »Staatsbewußtsein« (vgl. S. 263) wie in jedem »Unternehmens-« sowie auch in jedem Individual-Bewußtsein als »Allgemeines«, als allgemeines Selbst-Wert-Bewußtsein sich konstituierend, ihre Existenz bedingend, »wiederfindet« … Was also, wenn die »Wolfsche Werttheorie letzten Endes … dieser Hegelschen Definition« entspricht und diese zugleich dem Hegelschen »Einen Geist«, dem menschlichen, endlichen, der ihm wie die Natur als Ausfluß, als Selbstentäußerung des »absoluten Geists« gilt– dieser das substantialistische »Subjekt« Hegels ist und dieses, also das ‚Objekt‘ der Marxschen Kritik im Hegelschen StR, die »mystische Substanz« zugleich das ist, darstellt, was den Marxschen »Wert« im ‚Kapital‘ ausmacht, der in Form der »Ware«, »zwieschlächtig«, in »Gebrauchswert und« „Wert”/”Tauschwert”« gespalten, wodurch der Gebrauchswert tauschwert- und damit [als] wertbestimmt erscheint, als solcher wahrlich real ist, materialisiert, ist, formell, reell, und rückbezüglich insbesondere ebenso die in sich gespaltene, entzweite »zwieschlächtige Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit« selbst als dem Ausgangspunkt, der Grundlage, dem »Springpunkt« der ganzen Marxschen Explikation seiner »Kritik der politischen ökonomie«  ([Das] Kap[ital I]., S. 56, 65, 75), gipfelnd im »Wert« als sog. »Automatischen Subjekt«, der in der Entäußerung, im Anderssein seiner selbst zunächst als Ware, dann sich verdoppelnd in Ware und Geld und schließlich der Verwandlung beider in ‚Gebrauchswerte‘ des Kapitals, derjenigen Form des »Werts«, die in seiner ‚Ausdehnung‘, in der Verwertung und Vermehrung seiner selbst analog der Selbstentäußerung des »absoluten Geist[es]« stets in seinem Anderssein bei sich bleibend zurückkehrt zu sich selbst (Eflux/Reflux). Wenn Marx die Kategorien seiner Analyse der Wertformen in ihrer Widersprüchlichkeit zwischen Gebrauchswert und Wert, den Wertformen zugleich als die »objektiven Gedankenformen« der Individuen, der Subjekte bzw. Subjekteinheiten bezeichnet, dann beweist sich dies schlicht am empirischen Blick auf deren Bewußtseinsgehalte, deren ebenso ganzen »Zwieschlächtigkeit« bestimmenden, konstituierenden Bewußtseinsinhalte – »… so ist also die Totalität der Welt überhaupt dirimiert in sich selbst, … auf die Spitze getrieben … und erst total, wenn ihre Seiten Totalität sind …, denn riesenhaft ist der Zwiespalt, der ihre Einheit ist.« ([MEW] EB 1, S. 215, 217), Folge der Verabsolutierung, der Affirmation, der Positivierung und Realisierung von Abstrakta (lies da weiter, zur Logik der Mystik, bis S. 235), u.a. Begriffe wie »Arbeit«, »Volk«, »Demokratie« etc. pp., sind allesamt »Schein einer wirklichen Identität« (S. 297), die auf ihre abstrakte Identität reduziert als solche realisiert werden, Realität konsituierend sind und d. i. stets unter Abstraktion von ihrem zugrundeliegenden  »wesentlichen Widerspruch« (StR, 296), der allen »Antinomien«, der Abstraktionen an sich, in sich und mit sich charakteristisch ist (s. »abstrakter Mat[erialismus]/»abstrakter Spir[itualismus].«).

Wie sie »gelöst« werden, nach welcher Logik, einerseits plump »in echt theologischer Weise« oder in subtil »mystischer« Manier, ist schön nachzuvollziehen in »Die hl. Fam[ilie]« [MEW] Bd. 2 unter »Kritische Randglosse Nr. II«, S. 35-37 und zum anderen in der ganz besonders dezidierten Hegelschen Weise unter »2. Das Geheimnis der spekulativen Konstruktion«, ebenda, S. 59-63; Du kannst für »die Frucht« auch den monistischen »Gott« oder das »mystisch Eine« setzen, ob Hegels »Subjekt« oder Spinozas »Substanz« oder »göttlicher Urgrund« oder wie auch immer und so aber auch »den Wert«  – allemal Verselbständigungen von Abstraktionen, von Begriffen, von eigentlichen Prädikaten, Adjektiven, Attributen oder Verben zu Ideen, Begriffen (vgl. StR, S. 210 ff., 224f), der Verabsolutierung derselben zu Allgemeinheiten, dadurch deren Verkehrung, deren Ontologisierung oder Naturalisierung zu Demiurgen dessen, was ist, als ihre Erscheinungen, Erscheinungsformen und alles, buchstäblich Alles scheint selbst-verständlich, selbst-verständig, gelöst, erlöst, versöhnt …

Wollt, lieber Ulrich, einfach mal kurz skizzieren, was es mit Dieters Analysen zur Analogie von »absolutem Geist« und »Wert« auf sich hat, diese an Verständnis-, Erkenntnismöglichkeit der Realität in sich birgt – und übrigens über die ökonomie hinaus in Bezug auf Wissenschaft generell –, weswegen Marx wohl zu recht sagen konnte, daß ihm die Hegelsche Logik/Dialektik »große Dienste leistete«.

Allerdings, alle ‚Werttheorie‘ zu dieser Analogie sowie alle ‚Werttheoretiker‘ inkl. derer, die mit ihr nichts am Hut zu haben scheinen, ist eines, soweit mein Auge reicht, gemeinsam, gemeinsam mit aller bürgerlichen Nationalökonomie: sie gehen wie selbstverständlich »vom Faktum des Privateigentums aus. Sie erklärt uns dasselbe nicht. Sie faßt den materiellen Prozeß des Privateigentums, den es durchmacht, in allgemeine, abstrakte Formeln, die ihr dann als Gesetze gelten. Sie begreift diese Gesetze nicht, d.h. sie zeigt nicht nach, wie sie aus dem Wesen des Privateigentums hervorgehn.«“ (EB 1, S. 510 ff.), aus dessen exklusiven Wesen in Bezug auf das Verhalten, auf dieses bestimmte Verhältnis der Menschen zur Natur und damit, dadurch desselben zu seinesgleichen; daß all den im Marxschen ‚Kapital‘ untersuchten Kategorien dieses ebenfalls vorausgesetzt ist, insofern es keinen »Tausch«, keinen »Austausch« von Ware gibt, ohne daß sich die tauschenden Subjekte in Bezug auf ihr Objekt, sei‘s irgendein Arbeitsprodukt Ware oder das Betätigen ihres eigenen Arbeitsvermögens als Ware, als Privateigentümer derselben sich zu gerieren, zu funktionieren haben, in Konkurrenz gegeneinander um ihrer je eignen Existenz willen…

Ich brech‘ jetzt einfach ab – wieder Mal in aller Kürze, heut‘ Früh ist die Nacht gleich um.

Herzlichen Gruß, H.

 


Ulrich Knaudt an H.B. (18.08.2010)

Betreff: LOGIK & DIALEKTIK

Lieber H.

zu aller erst hab vielen herzlichen Dank für Deinen langen Brief. […]

Bevor ich auf Deinen Brief näher eingehe, dies vorweg: ich werde den Teufel tun, Hegels Bestimmung des Geldes zu kritisieren, mit der er als dem »existierenden Wert der Dinge und der Leistungen« die Marxsche Analyse bis zu einem gewissen Grad antizipiert. Was Marx aber unter dieser Voraussetzung veranstaltet, ist eine radikale Kritik der bürgerlichen ökonomen (von denen vermutlich auch Hegel schöpft) und ihren Versuchen, das Geld zu erklären. Die Frage, die ich am Ende meiner Mail vom 13. [08.] gestellt hatte, war nur die: ob sich die Wolfsche Werttheorie … in der Hegelschen Definition … erschöpft, wobei mit der Frage bereits unterstellt ist, daß sie nicht darüber hinausgeht, d.h. hinter der Marxschen Kritik der politischen ökonomie hinterherhinkt und damit das Umschlagen in eine neue Qualität verpaßt, die dann unterschlagen werden muß. Und diese Kritik schließt die Auseinandersetzung Marxens mit dem »ideologischen Mystizismus der Hegelschen und überhaupt spekulativen Philosophie« mit ein (K.M. an Danielson 07.10.1868), deren erste entscheidende Versuche er mit der Kritik des Staatsrechts vollzieht.

[…] …ich hatte mir vorgestellt, wir würden uns detailliert mit meiner Kritik an D.W. (in meinem 2. Brief an Dich [vom 28.07.]) auseinandersetzen, nachdem du zuvor angedeutet hattest, daß Du meinen Text ganz in Ordnung fändest, aber hier und da einiges anzumerken hättest: so etwa meine übertreibungen hinsichtlich Humor, Paradoxien u. ä. Das hätte ich gern etwas genauer erfahren wollen.

Was nun Deine kurze, aber inhaltlich kompakte Skizze betrifft, stehe ich vor folgendem Dilemma. Ich bewege mich mit Volldampf auf die 290er Seiten des Staatsrechts [1] zu, werde aber auf Deine Skizze frühestens eingehen können, wenn ich dieses Ziel erreicht habe. Dann werde ich meine Notizen zu Colletti und Warnke wieder hervorkramen und meinerseits zu skizzieren versuchen, was ich daran auszusetzen habe, möglichst in Auseinandersetzung mit Deinem Text.

Es kommt noch ein weiteres „Dilemma” (ein sehr produktives!) hinzu: seit der Entdeckung von gewissen starren Einseitigkeiten bei Lenin lese ich diesen mit anderen Augen, als ich ihn bis dato gelesen habe. Ich müßte ihn eigentlich von A bis Z neu lesen. So ähnlich geht es mir, ausgelöst durch unsere Diskussion auch mit den Frühschriften (abgesehen davon, daß ich ohnehin nicht alles gelesen habe.)

Zu Deiner Skizze werde ich daher nur punktuell Stellung nehmen. Da ist z.B. Dein Verweis auf die Wagner-Randglossen [2], von denen ausgehend Du am Anfang Deines theoretischen Abschnitts die Frage stellst, ob »das Geld quasi ‚inkarniert’, quasi als eine Emanation des „absoluten Geistes” … und etwa nicht zugleich die Realität der Welt, die Totalität der Realität!?« sei. Ich bin der Ansicht, daß dieser Schluß vom Geld auf den Weltgeist mit Hilfe der Wagner-Randglossen nicht funktioniert. Bekanntlich entwickelt Marx die Geld-Theorie aus der Werttheorie (in nuce: aus der einfachen Wertform); zugleich hat er aber mit dem Fetisch-Kapitel jeden Rückweg von der Geldtheorie zur Werttheorie abgeschnitten. Deshalb muß D.W[olf]., um diese Blockade, die ihn an der Ableitung der Werttheorie durch seinen Rückschluß auf die Geldtheorie (2. Kapitel) hindert, rückgängig zu machen, das Fetisch-Kapitel fein säuberlich aus dem 1. Kapitel raustrennen. Den Rest kennst Du bereits.

In den Wagner-Randglossen ist in erster Linie vom Wert, Tauschwert, Gebrauchswert die Rede, vom »Hin- und Herräsonieren [der bürgerlichen ökonomen Wagner und Konsorten] über die Begriffe oder Worte „Gebrauchswert” und „Wert”« ([MEW] 19, 371), vom Geld aber erst zu guter Letzt. (»Auch vergißt Herr Wagner, daß weder ”der Wert” noch ”der Tauschwert” bei mir Subjekte sind, sondern die Ware {358}) Und wenn schließlich vom Geld die Rede ist, dann von der »Geldform«, die Marx aus der einfachen Wertform ableitet (und das folgende Zitat kann sich D.W. hinter den Spiegel stecken!): »Andrerseits hat der vir obscurus übersehn, daß schon in der Analyse der Ware bei mir nicht stehngeblieben wird, bei der Doppelweise, worin sie sich darstellt, sondern gleich weiter fortgegangen wird, daß in diesem Doppelsein der Ware sich darstellt zwiefacher Charakter der Arbeit, deren Produkt sie ist [!]: der nützlichen Arbeit, i. e. den konkreten Modi der Arbeiten, die Gebrauchswerte schaffen, und der abstrakten Arbeit, der Arbeit als der Verausgabung der Arbeitskraft, gleichgültig in welcher „nützlichen” Weise sie verausgabt werde (worauf später die Darstellung des Produktionsprozesses beruht); daß in der Entwicklung der Wertform der Ware, in letzter Instanz [!!!] ihrer Geldform, also des Geldes, der Wert einer Ware sich darstellt im Gebrauchswert der andern, d.h. der Naturalform der andern Ware; daß der Mehrwert selbst abgeleitet wird aus einem „spezifischen” und ihr exklusive zukommenden Gebrauchswert der Arbeitskraft etc. etc.«. (370) Um nur einen Gesichtspunkt hervorzuheben: Marx bleibt nicht einfach bei dem Widerspruch Wert-Gwert stehen, um aus diesen gegensätzlichen reinen Begriffen seine Werttheorie abzuleiten, sondern geht sofort zu dem Doppelcharakter der Arbeit über (»der nützlichen Arbeit, i. e. den konkreten Modi der Arbeiten, die Gebrauchswerte schaffen, und der abstrakten Arbeit, der Arbeit als der Verausgabung der Arbeitskraft, gleichgültig in welcher „nützlichen” Weise sie verausgabt werde…«), wobei die Geldform diejenige Wertform ist, worin in letzter Instanz sich der Wert der Ware darstellt. In D.W.s Vortrag geschieht dies aber in erster Instanz: ‚ich werde jetzt der Einfachheit halber zur Geldform übergehen‘ oder so ähnlich… usw. Soviel zur Geeignetheit der Wagner-Randglossen für die Analogie Geld-Weltgeist, hinter der ich einen einfachen Kurzschluß vermute, der aber ausgehend von der Marxschen Analyse nicht möglich wäre!

Du fragst auf Seite 2 nach überlegungen zu dem Stichwort: »Extreme«: »Was also, wenn die „Wolfsche Werttheorie letzten Endes …dieser Hegelschen Definition entspricht” und diese zugleich dem Hegelschen „Einen Geist”, dem menschlichen, endlichen, der ihm wie die Natur als Ausfluß, als Selbstentäußerung des „absoluten Geists” gilt…« usw. Ehrlich gesagt, habe ich diese Frage nicht ganz verstanden. Willst Du eine Erklärung (von wem auch immer?) dazu, was die Wolfsche Werttheorie mit der Hegelschen Definition des Geldes zu tun oder dazu, was diese Definition mit der Marxschen Analyse gemein hat und was beide voneinander unterscheidet? Soviel ist sicher: Die Marxsche Analyse setzt zwar die Hegelsche Definition voraus; sie setzt sich aber zugleich kritisch über ihre Beschränktheit hinweg. Damit weiß man dann nur, daß zwischen der Hegelschen Definition des Geldes und der Marxschen Analyse der Ware zwar philosophische ‚Strukturähnlichkeiten‘ bestehen, die vielleicht durch die Zurückführung der Marxschen Kategorien auf Hegelsche hervortreten mögen. Was aber habe ich damit bewiesen? Allenfalls »Bewußtseinsinhalte«! (Seite 3 oben)

Es geht aber Marx, wie gesagt im Zweiten Kapitel nicht um Bewußtseinsinhalte, sondern das von den Waren den Warenträgern diktierte Verhalten, die in dieser Situation nichts weiter sind als Charaktermasken. Was diese Charaktermasken sich bei Ausführung ihres Jobs denken, ist völlig zweitrangig, es geht nur darum, daß sie ihre Funktion für das Zustandekommen des Austauschs der Waren erfüllen und solange alle möglichen Waren zur allgemeinen Ware erklären, bis sich eine einzige als die allgemeine Ware herauskristallisiert hat. Das ist (so auch bei Reichelt) kein Bewußtseinsakt, sondern das Ergebnis jahrelanger Gewohnheit, woraus wie aus einer creatio ex nihilo plötzlich eine bestimmte Ware als das Geld hervorgeht. Plingh! macht es wie beim Urknall. Und dazu erfüllen die Warenträger quasi automatisch wie Zombies, die sich auch ohne Bewußtsein durch die Welt bewegen können, ihre Rolle. Das ließe sich nur dann als »Bewußtseinsinhalte« bezeichnen, wenn wir die Bewußtseinsfunktionen ausschließlich ins Rückenmark verlegen. Dann treten aber Gattungsprobleme auf. Jedenfalls trifft das ganz und gar nicht die luzide Ironie, mit der Marx den ganzen Vorgang analysiert und schon gar nicht auf die Frage der Verselbständigung der Geldform im gesellschaftlichen Verkehr zu!

Das Verfahren und das Beweisziel im Staatsrecht ist, soweit ich das bisher überblicke, ein anderes: hier geht es Marx darum, unter Verwendung der Hegelschen Kategorien und des rationalen Kerns der Hegelschen Logik die Hegelsche Staatsauffassung in ihrer ganzen Doppeldeutigkeit einer radikalen Kritik zu unterziehen. Und zwar auf eine Weise, daß er dieser nicht einfach eine gängige republikanische Bourgeoisauffassung als republikanische ‚Alternative‘ entgegensetzt, sondern mit Hilfe seiner ‚immanent-revolutionären Methode‘ haarklein § für § die politische Rückwärtsgewandtheit der Hegelschen Staatsauffassung demonstriert, worin zwar die republikanische vorauszusetzen ist, ohne jedoch einen abstrakten Republikanismus zu predigen. (In diesem Zusammenhang wäre die Einleitung zur Hegelschen Rechtsphilosophie als Resümee aus diesen Exzerpten zu lesen, ebenso wie die Kritischen Randglossen zu dem Artikel eines Preußen. [3]) Im Kern geht es in allen genannten Texten um die Trennung der menschlichen Gemeinschaft vom Gemeinwesen, die Marx in den Kritischen Randglossen zuspitzt auf die Trennung des proletarischem Gemeinwesens vom politischen Staat, wie er in Ruges Bourgeois-Republikanismus vertreten wird, »von welchem der Arbeiter isoliert ist« und an dessen Stelle »ein Gemeinwesen von ganz anderer Realität und ganz andrem Umfang als das politische Gemeinwesen« zu setzen wäre« (MEW 1, 407,408). Die Identität der Stände des Mittelalters im Widerspruch des Allgemeinen und Besonderen sucht Marx nicht mehr, wie die Historische Rechtsschule (vergeblich) im Mittelalter, sondern in der Aufhebung der modernsten Form dieser Trennung zwischen dem politischen Staat und dem Gemeinwesen des Proletariats.

Wenn Marx nach Seite 4 oben Deiner Skizze gesagt hat, daß ihm die Hegelsche Dialektik große Dienste leistet, sollten wir dann nicht auch zu dieser, damit sie diesen Dienst weiterhin verrichtet, ein möglichst rationales Verhältnis entwickeln und vermeiden, in Hegelianismus zu verfallen? So wie ich die Sache sehe, sind wir dabei noch nicht sehr weit gekommen. Von der Marxschen Methode lernen mit dem Hegelianismus umzugehen, läßt sich nur, wenn wir sein Verfahren, wie das im einzelnen geschieht, durchschauen. Da aber Form und Inhalt einander ständig durchkreuzen, wäre es aber das Letzte, wie von Großtheoretikern in der Vergangenheit vorgeschlagen, daraus so eine Art Baukastensystem zusammenzustellen mit Gebrauchsanweisungen, die auf kleinen Zetteln an die Gegenstände geheftet werden. Pantharai! Alles ist im Fluß; ein Fluß, der auch all die schönen Zettel mit samt Baukästen mit sich fortreißt. Soweit erste überlegungen zu Deiner Skizze.

Als Anhang schicke ich Dir einen interessanten Reisebericht eines vielleicht auch Dir nicht ganz unbekannten ‚kommunistischen‘ Professors aus Italien. [4] Was er da zu China zum besten gibt, ist schon recht bemerkenswert. Sobald dieser Typus eines ‚Kommunisten‘ die Witterung eines neuen staatsmonopolkapitalistischen Sozialismus aufgenommen hat, sind all die Schwüre der Linken aus der Vergangenheit auf den Schutz der Umwelt, den Groschen für das Teewasser der Arbeiter, den Tierschutz und den Schutz der Landwirtschaft vor der bösen Gentechnik vergessen und vergeben! Mögen auch in dem neu entdeckten sozialistischen Nirwana die Gefängnisse und die Todeslager überquellen: endlich läßt sich doch wieder was Handfestes für die Zukunft der Menschheit tun…!

Der italienische Professor hat, wofür ihm nicht genug gedankt werden kann, mit sicherem Instinkt ein neues Kapitel in der Auseinandersetzung über die Frage aufgeschlagen, ob wir primär davon auszugehen haben, daß das Kapital die Menschheit vernichtet oder daß die Menschheit bereits im Proletariat vernichtet ist oder von beidem gleichermaßen (wozu eine Menge Dialektik erforderlich wäre, die uns aber vor der politischen Entscheidung in dieser Frage nicht befreit. Davon hängt z.B. ab, ob die Beschäftigung mit der »commune rurale« [5] zu einer rein akademischen Angelegenheit wird, oder den Springpunkt bildet dafür, welche Konsequenzen sich aus der Beantwortung der zweiten Frage ergeben?). Er hat im Klartext formuliert, was die Linke wegen ihrer sozialdemokratischen Beflaggung bisher nur selten offen auszusprechen wagte (oder höchstens ihre Stasi-Abteilung von der jW). Das ist jetzt nicht mehr so einfach möglich. Sie muß sich entscheiden!

Nach dem Untergang der SU hatte sich die Linke wie ein Ertrinkender an ihre Globalisierungstheorien geklammert und in ihrer Verzweiflung die Konfrontation des Kapitals mit der Menschheit in den Vordergrund gestellt (das ganze nannte sich bekanntlich Anti-Globalisierungsbewegung und ist bereits offizielle Regierungspolitik). Diese Festlegung war schon immer eine Ausflucht vor der Konfrontation der Marxschen Parteigänger (ich würde eigentlich lieber sagen: Kommunisten, wenn diese Bezeichnung nicht so in den Dreck getreten wäre!) mit den Schandtaten der Pseudokommunisten gegen das Proletariat (verübt von der eigenen Regierung, die sich an die Stelle einer Regierung der Produzenten gesetzt hatte). Der bescheidene Widerstand der partei Marx entsprach dieser Aufgabe nur minimal und ordnete sich ein in das bekannte deutsche Sektenwesen.

Mit der Wiederentdeckung Chinas in einer Rolle, die einst die Stalinsche Sowjetunion verrichtete, muß die Linke sich entscheiden und wird, wenn sie konsequent ist, die Globalisierungsphrasen und den kleinbürgerlichen Antikapitalismus auf den Müll werfen und sich wieder ganz ihrem ursprünglichen sozialfaschistischen Geschäft zuwenden, das sie die ganze Zeit ohnehin schon auf Sparflamme betrieben hat. Dieses hat nun wieder eine feste Postanschrift. Wenn Du diese mit ‚Sozialfaschismus‘ bezeichnest, wird das wohl stimmen. Ich jedenfalls stimmte mit Dir darin voll überein.

Herzliche Grüße

Ulli

[1] Karl Marx: Zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts MEW 1 (203-333).

[2] Karl Marx: Randglossen zu Adolf WagnersLehrbuch der politischen ökonomie MEW 19 (355-383).

[3] Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung MEW 1 (378-391); ders.: Kritischen Randglossen zu dem Artikel „Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen” MEW 1 (392-409). Vgl. REFLEXIONEN 1.

[4] junge Welt 14./16.08.2010 Domenico Losurdo: Zwei Züge, ein Ziel. Eine aufschlußreiche Reise nach China. Bemerkungen eines Philosophen.

[5] Vgl. DEBATTE 3 und DEBATTE 4.

 


H.B. an Ulrich Knaudt (21.08.2010)

Betreff: AW: LOGIK & DIALEKTIK

Bin durch.

Da mein Schwerpunkt (noch) auf der Auseinandersetzung mit D. W[olf]. liegt, d.i. in seiner wie ich meine abstrakten Borniertheit Hegels (Marx‘ Kritik), war mir im Moment noch hilfreicher, mich ‒ umgekehrt ‒ nochmal vor allem D.‘s Kritik an an Dir (u.a.), die ich ja im wesentlichen »ganz in Ordnung« finde, […] zu widmen, um dessen Logik, d. i. der Hegelschen an seinem Verständnis der Marxschen kritischen Begriffe der pol[itischen ök[onomie], herauszuextrahieren, in der Konsequenz ‒ weshalb ich, die Ironie auf die Spitze getrieben, zugleich aber auf den Punkt gebracht, […] mal äußerte, daß es herauszuarbeiten gelte, was D.W. mit Joseph Ratzinger / Hegel gemein ist. Will sagen, ich bin noch zu sehr bei Dieter ‒ mit Dir ‒ und noch nicht ganz bei Dir, da, wie Du selbst sagst, noch nicht durch die 290 ff. bist; [1] für mich die Crux überhaupt.

Mißversteh‘ das bitte nicht als überheblichkeit. Ich selbst hab mich immer, unentwegt auf den Prüfstein dieser Passagen gestellt und tu dies nach wie vor. Um die Quintessenz kurz vorwegzunehmen: Der ganze Widerspruch im Kapital, in D.‘s Verständnis von G[ebrauchs]W[ert] und Wert bewegt sich innerhalb, auf dem Boden der »Dialektik« der »Extreme« des »abstrakten Materialismus« / »abstrakten Spiritualismus« (Idealismus)!!! (s. S. 293), was heißt, daß die ganzen kritischen Begriffe [in] Marx‘s [Kritik der] pol[itischen]. ök[onomie]. in Bezug auf ihre Gegenstände sowie diese selbst aufzuheben, wir sie an sich, d.i. an uns abzuarbeiten haben, um sie zu überwinden, abzuschaffen und das scheint mir haben alle sog. ‚Werttheoretiker‘ sowie alle ‚Klassenkämpfer‘ welche sich auf jenem Boden gegenseitig bedingen, nicht begriffen; und, in der Tat, der Ursprung liegt im Verständnis der Einheit des Wi[derspruchs] von G[ebrauchs]W[]ert und Wert = die Ware = Subjekt ‒ als die eine Seite der Totalität, der Realität, unsres Daseins in der Form realisierter Abstraktionen / Begriffe, unsrer Existenz, die sozusagen als zweite Natur zur ersten gewordne.

Es ist auffällig, daß D. in seinem [Buch] „Der dial[ektische]. W[iderspruch]. i[m]. K[apital].” gerade diese Passage nicht expliziert und damit sich auf dem Boden des sog. ‚Diamat‘ bewegt, der den Marxschen Wi[derspruch] auf S. 292, 295/296 in der Einheit von GW und Wert, in der Ware selbst angesiedelt sein läßt.

Der Clou, daß er damit nicht ganz Unrecht, insofern Ware = Subjekt, wo sonst also wenn nicht im  Subjekt sollte er überhaupt existieren. Doch D.s ontische ‚Logik‘ von ‚allgemein menschlicher abstrakter Arbeit‘ bleibt mit ihr, seiner Verewigung in den Austausch zwischen Mensch und Natur ‚schlechthin‘, ‚überhaupt‘, nämlich über sie, was dem Denken schlechthin eigen ist, insofern es ‚die Abstraktion nicht aufgibt‘ (s. Kritik Marx an Hegel), der Hegelschen treu ‒ was dessen präexistenter ‚absoluter Geist‘ = D.‘s ‚immer schon allgemein menschliche abstrakte Arbeit‘ ‚ bzw. v.v. = die Marxsche ‚Substanz des Werts‘, sich entäußernd, wirksam, wirklich werdend (Hegels ‚Werden‘) seiner selbst stufenweis in der Erscheinungsform von zunächst ‚wenigstens 2er Tauschwerte‘ / ‚Ware‘, Gebrauchsgegenstände der (be-/verarbeiteten) Natur als Gebrauchswerte sich einverleibend, dann in Geld, dann in Kapital kulminierend, womit und worin Mensch Natur und sich selbst vollständig ‚mißbraucht‘, seiner „eigentlichen” Würde, Dignität beraubt, zu deren an sich wechselnden Formen als ‚Gebrauchswert‘ sich degradiert, Ausdruck bei Marx findend in seinem ‚Widerspruch zwischen Wesen und Existenz‘ des Menschen ‒ als ‚Gemeinwesen‘/‘Gattungswesen‘ der Natur, ‚Produktivkraft‘ der Natur (objektiv) und seinen ‚Produktionsverhältnissen‘, ‚Verkehrsverhältnissen‘. Kein Tausch ohne Privatbesitz/-Eigentum

(-Produktion) an der Natur, am Arbeitsprodukt, wodurch zugleich der Andere seinesgleichen Mensch ausgeschlossen …

Daher, s. Marx in Kritik an Wagner: »Gebrauchswert … in seinem (gemeinsamen) gemeinschaftlichen Charakter« (= füreinander!) versus  »WareGebrauchswert für andere, gesellschaftlichen Gebrauchswert« ([MEW] 19, S. 370).

Dieser Widerspruch / Antagonismus (entsprechend = Pol / Nichtpol = wirklicher, wesentlich gegenseitig sich ausschließender [Kritik am Hegelschen] St[aats]R[echt], S. 292!), dessen Aufhebung beginnt (umgekehrt: »die Aufhebung der Entfremdung geht den Weg der Entfremdung zurück«, ([MEW] EB 1, S. 534/535 = den der »Menschwerdung«) mit der bewußten Gestaltung der »gesellschaftlichen« tauschvermittelten, privateigentümlichen Verhältnisse der Menschen zu einander in »gemeinschaftliche«, die tatsächlich, in der Tat, objektiv, seit Menschengedenken, Mensch eigentümlich, ebenfalls ‚immer schon‘ existieren und sich »naturwüchsig« entwickelten in der »Trennung« (nichts andres erklärt Marx, wie er selbst sagt) des Menschen von der Natur, von seinem Gemeinwesen, von seinesgleichen und von sich selbst (»Selbstentfremdung«).

Die Aufhebung der Trennungen antizipiert, setzt ein Bewußtsein voraus, wie es Marx in »Auszüge aus Mills…« [2] oder am Beispiel »Verhältnis zum Weib« ([MEW] EB [1 I], S. 535 und 536) oder »Das menschliche Wesen der Natur ist erst da …« (ebenda, 537,538) oder zu »gemeinschaftliche Organe … « (S. 539 u./540) oder s. 540, 541, 542, 543, 540 oder zur »Kreisbewegung …/ Denke nicht, frage mich nicht…/Abstraktion von … keinen Sinn../ Kommunismus (als) … Prinzip« oder in »D[eu]t[sche]. Ideol[ogie] s. [MEW 3, S.] 60-65/65-70/71 und lies dort S. 69, 1. Abs.: »Die Individuen, die nicht mehr …,« haben die Philosophen sich als Ideal unter dem Namen »der Mensch« vorgestellt (!), und den ganzen (lies: in Gegensatz zu uns !) von uns entwickelten entwickelten Prozeß als den Entwicklungsprozeß »des Menschen« (lies: »der Arbeit«) gefaßt, so daß den bisherigen Individuen auf jeder geschichtlichen Stufe »der Mensch« untergeschoben und als die treibende Kraft der Geschichte dargestellt wurde.

Der ganze Prozeß wurde so als Selbstentfremdungsprozeß »des Menschen« gefaßt, und dies kommt wesentlich daher, daß das Durchschnittsindividuum der späteren Stufe immer der früheren und das spätere Bewußtsein den früheren Individuen unterschoben (!) wurde. Durch diese Umkehrung (!), die von vorneherein von den wirklichen Bedingungen abstrahiert (!), war es möglich, die ganze Geschichte in einen Entwicklungsprozeß des Bewußtseins zu verwandeln.

Das macht Hegel mit »Geist«, »absolut«, »abstrakter Spiritualismus«; der ‚Diamat‘ als »sein andres Extrem« mit »Materie« (StR, S. 293, 2. Abs.: »Andererseits…«; und Dieter zusammen mit Hegel mit »abstrakter Arbeit«: einerseits »Das Große an der Hegelschen „Phän.[nomenologie des Geistes]” und ihrem Endresultate der Dialektik der Negativität ist einmal … als Resultat seiner eigenen Arbeit begreift«; andererseits: »…die abstrakt geistige…« ([MEW ]EB 1 S. 574 ff.).

Und daran ‒ insbesondere auf diesen Text von Marx‘ Kritik an Hegel geht Dieter so gut wie nirgends ein ‒ ist seine Position noch weiter kritisch zu analysieren, geht es doch hier um das Wesen von Gegenständlichkeit und um die Abstraktion von demselben qua Denken überhaupt, um die Differenzierung von Bewußtsein in Bewußtsein und Selbstbewußtsein (s. letztes Mail als Selbst-‘Wert‘-Bewußtsein à la Bewußtsein seiner selbst), »geborgen« in »abs. Geist«/»Gott«, mal als »Idee«

(Platon), mal als »Substanz« (Spinoza), mal als »Subjekt«/»abs. Wissen« (Hegel) oder »Urgrund-« / »Ursprungs-« / »Identitäts-« Philosophie, wonach, wodurch alles was ist, ist, und alles, was erscheint, durch es/ihn erscheint, ist …, ergo alles [in] einem Einen ist und auf ein solches Eines (Absolutum) reduziert ist ‒ allemal abstrahiert von sich, Mensch, Natur, wirklicher Gegenständlichkeit, in Marx‘ Kritik »der Wert« als der vollständigen Umkehrung, Verkehrtheit, in seiner »Substanz«, »der menschlichen abstrakten Arbeit« an sich, in sich selbst gespalten, in Zwiespalt, in Widerspruch mit sich selbst, der die Realität des Menschen ausmacht, die ‚Einheit‘ der Menschen, der Menschheit als als Ganzer an sich, in sich und mit durch sich und die sich auf allen Ebenen und in allen Sphären der menschlichen Existenz, durch sie hindurch, reproduzieren, als Antinomien (vgl. St[aats]R[echt]), als solche wirksam und damit wirklich, real sind, ausweglos, aporetisch, eine Einheit in »Illusion«, der »Illusion«, »ridicule« (ebenda), die, solange sie denkend, qua Abstraktion von sich, an sich, auf sich in Begriffslogik sich verewigen, statt sie »aufzugeben« zugunsten des ihnen tieferliegenden, ihnen gemeinsamen, uns alle subordinierenden »wesentlichen Widerspruchs« (StR, S. 292, 295/296).

Das ganze Quid pro quo der Vermengung, Vermischung von »Antinomie«, deren abstrakter Lösung und damit deren Verallgemeinerung = Scheinlösung, mit dem Marxschen »wesentlichen Widerspruch«, solange dieser nicht wirklich, nicht richtig bestimmt ist, reproduziert Hegel, Hegels Logik der Mystik, und zwar ganz und gar »rational«, auf dem Boden von Abstraktion.

Wie der »rationale Kern« derselben Bedeutung für die Marxschen Erkenntnisse hat, nämlich positiv, nämlich ohne ein tertium comparationis als Abstraktum, das ist herauszuarbeiten, was zugleich Hegel wirklich zu würdigen ermöglicht, und so übrigens auch Dieters Arbeiten zur Analogie jener.

Ich bin schon längst überfällig, terminlich und brech‘ einfach wieder ab, ohne es noch mal durchzulesen.

Gruß,

H.

[1] Gemeint sind hier und im folgenden: Karl Marx: Zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts MEW 1 (203-333).

[2] Karl Marx: [Auszüge aus James Mills Buch „Èlémens d‘économie politique] MEW EB I (445-463)

 


Kommunitäres Arbeiten (H.B.)

(23.08.2010)

»Gesetzt, wir hätten als Menschen produziert:

Jeder von uns hätte in seiner Produktion sich selbst und den anderen doppelt  bejaht.

Ich hätte

1. in meiner Produktion meine Individualität, ihre Eigentümlichkeit vergegenständlicht und daher

sowohl während der Tätigkeit eine individuelle Lebensäußerung genossen, als im Anschauen des Gegenstandes die individuelle Freude, meine Persönlichkeit als gegenständliche, sinnlich anschaubare

und darum über allen Zweifel erhabene Macht zu wissen.

2. In deinem Genuß oder deinen Gebrauch meines Produkts hätte ich unmittelbar den Genuß, sowohl

des Bewußtseins, in meiner Arbeit ein menschliches Bedürfnis befriedigt, also das menschliche

Wesen vergegenständlicht und daher dem Bedürfnis eines andren menschlichen Wesens seinen entsprechenden

Gegenstand verschafft zu haben,

3. für dich der Mittler zwischen dir und der Gattung gewesen zu sein, also von dir selbst als eine

Ergänzung deines eignen Wesens und als ein notwendiger Teil deiner selbst gewußt und empfunden

zu werden, also sowohl in deinem Denken wie in deiner Liebe mich bestätigt zu wissen,

4. in meiner individuellen Lebensäußerung unmittelbar deine Lebensäußerung geschaffen zu haben,

also in meiner individuellen Tätigkeit unmittelbar mein wahres Wesen, mein menschliches, mein

Gemeinwesen bestätigt und verwirklicht zu haben.

Unsere Produktionen wären ebenso viele Spiegel, woraus unser Wesen sich entgegenleuchtete.

Dies Verhältnis wird dabei wechselseitig, von deiner Seite geschehe, was von meiner geschieht.

Meine Arbeit wäre freie Lebensäußerung, daher Genuß des Lebens.

In der Arbeit wäre daher die Eigentümlichkeit meiner Individualität, weil mein individuelles Leben

bejaht. Die Arbeit wäre also wahres, tätiges Eigentum…«

([MEW] EB 1, S. 462,463)

»… Unter der Voraussetzung des Privateigentums ist sie Lebensentäußerung, denn ich arbeite,

um zu leben, um mir ein Mittel des Lebens zu verschaffen. Mein Arbeiten ist nicht Leben.«

(ebenda)

 


Ulrich Knaudt an H.B. (24.08.2010)

Betreff: MARX-GESELLSCHAFT

Lieber H., ich würde Dich bitten, zum nächsten Mal auf der home page der pM DEBATTE 2 Marx und „Marxismus” in Deutschland – An die Marx-Gesellschaft, zu lesen, um darüber ‚außer der Reihe‘ zu diskutieren. […]

Die Partei Die Linke ist eine Staatsveranstaltung, nicht anders als die Neonazis eine Staatsveranstaltung sind! Beide treten für einen ‚anderen Staat‘ in diesem Staat ein. Uns Kommunisten reicht schon dieser eine Moloch! Ob der Nazi-Staat oder der ‚marxistische‘ Staat ‚Unrechtsstaaten‘ sind oder nicht, ist nur von sekundärer Bedeutung. Entscheidend ist vielmehr, daß, wie die Geschichte (Bonapartismus) zeigt, die Bourgeoisie in Krisenzeiten immer wieder mit solchen Parallelstaaten liebäugelt (hinzuzufügen wären dem noch der Islamismus und die lateinamerikanische Mafia: mit beiden scheint Die Linke gute Kontakte zu haben) und im Extremfall vorübergehend Parallelstaaten der sonst üblichen staatlichen Legalität vorzieht.  Die einzigen, die den Staat abschaffen wollen, sind die Anarchisten und wir (wobei das eine der wenigen Gemeinsamkeiten mit ihnen ist).

Es wäre also völlig hirnrissig, mit ‚marxistischen‘ Staatsanbetern theoretisch darüber zu diskutieren, ob und wie nach Marx der Staat abzuschaffen und wie das theoretisch zu begründen sei, nachdem sie programmatisch kundgetan haben, daß sie ihren alten Staat in neuer (vergrößerter) Gestalt zurückhaben wollen. (Siehe Anhang meiner letzten Mail [1]). Auf der anderen Seite zeigt sich daran, daß eine Diskussion über die Marxsche Theorie unter Auslassung der Staatsfrage heute nicht mehr möglich ist. Das demonstriert uns Die Linke Tag um Tag in ihrer Politik. (Organisierung der Plebs und des islamistischen Mobs gegen die alte Bourgeoisie, um sich im Staatsapparat breit zu machen.)

Wenn sich die M[arx]-G[esellschaft] lediglich als Konkurrenzunternehmen von Leuten, die im Vergleich mit Der Linken ‚auch etwas anzubieten haben‘, begreift, wäre sie ohne die von mir angedeutete Diskussion über die Staatsfrage als Organisation in der Tat völlig überflüssig. Dann sollte sie ihr sinnloses Unterfangen schleunigst aufgeben, sich auflösen und dieser Staats-Partei beitreten, um sich ihr zukünftig als staatlich geprüfte ‚Marxismus‘-Theoretiker zur Verfügung zu stellen.

Oder sie finge endlich an, über die […] Frage eines politischen Marx-Verständnisses […], das der heutigen Krise des Kapitals und derjenigen der bürgerlichen Gesellschaft entspricht, zu diskutieren. Eine Neue Marx-Lektüre, die keine Legitimationsveranstaltung für Die Linke wäre, kann es nur unter diesen politischen Voraussetzungen geben. (Das richtet sich übrigens auch an unseren gemeinsamen Freund D.W[olf].) Nur so kann verhindert werden, daß die Marxsche Theorie noch einmal zur Legitimationswissenschaft eines runderneuerten Staats-Marxismus wird.

[…]

Gruß Ulli

[1] Darin Hinweis auf Neues Deutschland 21.08.2010: Jörg Roesler, Plan und Markt als organische Einheit. Die sechziger Jahre: das wirtschaftshistorisch interessanteste Jahrzehnt der DDR.

 


Ulrich Knaudt an H.B. (29.10-31.10.2010)

Bemerkungen zur: Marx-Herbstschule in Berlin zum III. Band des „Kapital”[1]

Erster Tag (Freitag Abend)

Einführungsvorträge

1. Ingo Stützle: Einführung in KAP[ital] [Band] I-III. Kann man abhaken.

Auf Fragen, was denn der Unterschied zwischen den Drei Bänden sei, kommt er nicht darauf: − gerade für die Newcomers wäre der Hinweis wichtig gewesen − daß in KAP I der Prozeß der Entstehung des einzelnen Kapitals und darin der Widerspruch Lohnarbeit – Kapital, in KAP II der Zirkulationsprozeß der Kapitale, wobei der Zeitfaktor die entscheidende Rolle beim Umschlagen derselben spielt und der Produktionsprozeß ausgeklammert bleibt und in KAP III der Gesamtprozeß ausgehend von KAP I und KAP II behandelt werden usw.

2. Rolf Hecker referiert aus seinem Spezialgebiet: Entstehung und Zustand der verschiedenen Manuskripte seit den 50er Jahren. (Du merkst, der Marx vor 1848 spielt keine Rolle).

3. Fritz Fiehler referiert KAP III [Abschnitt] V im besonderen, wobei er in seiner A[rbeits]G[ruppe] auf die darin geäußerte Kritik an Proudhon eingehen will.

4. Da die AGs nach dem Grad des Vorbereitetseins und Gelesenhabens verteilt werden und nicht bekannt ist, wer welche AG leitet, hoffe ich nur, nicht bei Fritz Fiehler zu landen.

Zum Glück lande ich bei Nadja [Rakowitz] und Thomas Gehrig.

Die AG besteht aus lauter Altlinken, vielleicht 1/3 sind jüngere Leute. Erstere haben alle ihren Marx gelesen, das aber ist meistens lange her. Auffällig ist, daß sie ständig mit irgendwelchen Beispielen aus dem aktuellen Wirtschaftsleben herumkommen, um mit deren Hilfe den Text zu interpretieren. Ich bestehe darauf, daß wir versuchen sollten, uns eng am Marxschen Darstellungsprozeß zu orientieren, weil wir sonst die Kategorien, die hier zum Einsatz kommen, wie z.B. »…daß hier Kapital als Kapital zur Ware geworden ist« ([KAP III,] 420, 359), die den Gebrauchswert hat, Profit zu erzeugen usw., nicht wirklich in ihrer Bedeutung verstehen werden und schon gar nicht die sich daraus ergebenden Widersprüche, Verselbständigungen, Paradoxien. Noch besser wäre gewesen, einen problemorientierten Durchgang durch den Text mit Krätke und Heinrich als Ausgangspunkt zu starten. [2] Das aber ist nicht durchzusetzen (es fehlten wohl auch die Voraussetzungen dafür).

Gelächter erregt mein Insistieren darauf, daß das bürgerliche Recht, das in den »juristischen Formen, worin diese ökonomischen transactions« (412, 352) zwischen dem monied capitalist, der 100 Pfund als Kapital investiert und dem funktionierenden (F. E[ngels]. überträgt: »fungierenden«) Kapitalisten vorausgesetzt wird, »aus den Produktionsverhältnissen als natürliche Konsequenz entspringen«, aber als »bloße Formen diesen Inhalt nicht bestimmen. Sie drücken ihn nur aus« (413, 352). Und jetzt der entscheidende Satz, der, als ich ihn mit der Bemerkung zitiere, daß Marx sich mit diesem Gerechtigkeitsbegriff nicht identifiziert habe, brausendes Gelächter hervorruft: »Dieser Inhalt ist gerecht, soweit [!] er der Produktionsweise adäquat ist. Er ist ungerecht, sobald er derselben widerspricht« (z.B. Sklaverei, Betrug usw.). Gelacht wurde darüber, daß ich darauf bestand, daß Marx mit diesem Gerechtigkeitsbegriff nur operiert, insofern dieser den bürgerlichen, nicht aber seinen eigenen Vorstellungen von Gesellschaft entspricht.

Zur Klärung dieses Problems mache ich sie auf die Seiten 451-452, 393, aufmerksam: »über der gegensätzlichen Form der beiden Teile, worin der Profit, also der Mehrwert zerfällt, wird vergessen, daß beide bloß Teile des Mehrwerts sind und daß seine Teilung nichts an seiner Natur, seinem Ursprung und seinen Existenzbedingungen ändert. Im wirklichen Prozeß vertritt der funktionierende Kapitalist das Kapital als fremdes Eigentum gegenüber den Lohnarbeitern, und nimmt der monied Kapitalist, als vertreten durch den funktionierenden Kapitalisten an der Exploitation der Arbeiter teil.« Und dieser wirkliche Prozeß der Ausbeutung von Lohnarbeitern läßt sich ja wohl nicht an Kategorien wie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit messen!?

Ein Teilnehmer kommt dann (sie sind ja alle sehr belesen!) und auch zutreffend auf Marxens Kritik am Gothaer Programm zu sprechen. Diese Bezugnahme wiederum verhilft ihm aber nicht zu der Einsicht, daß die Marxsche Position zur bürgerlichen Gesellschaft in der Kritik am Gothaer Programm sich von der in KAP III zitierten um keinen Deut unterscheidet. (Der Verweis sollte eher demonstrieren, auf welch altmodischen Ansichten mein Einwand beruht.) Ein anderer kommt auf die tolle Idee, daß der funktionierende Kapitalist, da er das zinstragende Kapital + Zins zurückzuzahlen muß, letzteren den Arbeitern durch Erhöhung des Mehrwerts zusätzlich abknapsen würde. Das geht auch Nadja [Rakowitz] und Thomas Gehrig zu weit. Ein wunderschönes Beispiel für die tiefe Verwurzeltheit des ökonomismus bei dieser Linken, die nicht über die bürgerliche Vorstellung des ‚Lohnraubs‘ hinauskommt: ‚das geht doch nicht mit rechten Dingen zu!‘ Sie begreift nicht, daß unter der Voraussetzung des bürgerlichen Rechts es im Verhältnis zwischen Lohnarbeiter und Kapitalisten durchaus ‚mit rechten Dingen zugeht‘; den Unterschied zwischen dem Recht, das man de lege hat und dem Recht, das man tatsächlich bekommt, eingeschlossen.

Daran siehst Du schon, wie schizophren diese Kerle sind: sie kennen sich im KAP prima aus, wollen es auch noch besser verstehen lernen, und verstehen es aber dann doch nur im Sinne des bürgerlichen Rechts. Ich habe ihnen die oben zit[ierte]. Stelle um die Ohren gehauen und empfohlen, sich die Sache bis morgen noch mal zu überlegen. – Soweit diese subjektive Impression aus meiner AG am Freitag Abend. Unseren Disput über die Interpretation von »erscheint« als ‚zur Erscheinung kommen‘ oder als ‚realer Schein‘ haben wir bereits […] abgehakt. […]

Samstag Abend

Ich habe meinen Text durchgesehen, aber noch keine Fortsetzung geschrieben. Das mache ich morgen. Gleich fahre ich zur Podiums-Diskussion mit Robert Kurz u.a. (das ist der ML-Zirkeltheoretiker mit der ‚Hausschweinisierung‘ der Arbeiterklasse – inzwischen auch Professor…) unter dem einladenden Motto: „…hier bricht das Manuskript ab.” Klasse und Krise: Wie geht es weiter?

Zweiter und dritter Tag (Samstag Abend und Sonntag)

Es würde wohl ein ganzer Roman daraus, wollte ich im bisherigen Stil fortfahren. Was ich vermitteln wollte, war so ein erster Eindruck von der Veranstaltung, soweit dies für uns relevant ist. An Stelle dessen, werde ich nun die ganze Sache von hinten aufrollen:

1. Ausgehend von der Ansicht der partei Marx gehört die SED-Nachfolgerin zur Bourgeoisie und sollte daher nicht im Sinne einer bürgerlichen Strömung innerhalb der Linken ‚kritisiert‘ werden, so wie es ihre linken Kritiker für gewöhnlich tun, die, je linker sie verpackt sind, diese Partei lediglich als eine andere Variante der Sozialdemokratie einschätzen (d.h. als zweite bürgerliche Arbeiterpartei). Die PDL ist keine bürgerliche Arbeiterpartei, wie es die SPD bisher war, sondern eine revisionistische Partei. Revisionistisch im Sinne der Wiedergewinnung der alten DDR, so wie die Nazis die Revision der Nachkriegsregelungen über Deutschland anstreben, um zum Hitlerschen Deutschen Reich zurückzukehren. Zwecks Verbesserung ihrer Position im ‚wiedervereinigten‘ Deutschland bedient sich die Partei Die Linke aller möglichen traditionellen linken Strömungen, um über diese auch in der Gesellschaft der alten BRD Fuß zu fassen und mit deren Hilfe ihr politisches Projekt (den ‚Sozialismus des 21. Jahrhunderts‘) in Deutschland durchzusetzen.

ähnliches hatte auch schon die SED in unseren revolutionären 60er und 70er Jahren versucht, wenn es auch den Allerwenigsten bewußt war und fleißig verdrängt wurde; der Sozialismus hatte nur einen anderen Namen. Das Problem der ehemaligen westdeutschen Linken besteht folglich darin, daß sie die SED-Nachfolgerin als eine bürgerliche (‚sozialdemokratische‘, ‚reformistische‘) Strömung innerhalb der (fiktiven) gesamten ‚Linken‘ versteht. Wollte man die Partei Die Linke ausgehend von einem ernstzunehmenden revolutionären Anspruch kritisieren, wäre das so ähnlich, als wenn Marx und Engels zu Beginn der 50er Jahre mit jenen Strömungen, die von der 48er Revolution übrig geblieben waren und sich mit der mit dem Feudalismus paktierenden Bourgeoisie (ihrem ‚linken‘ Flügel) vereinigt hatten, wie Mazzini, Kossuth, Herzen etc., gemeinsame Sache gemacht hätten. (Marx weigerte sich z.B., zu einer Veranstaltung zu gehen, wo er mit Herzen hätte zusammentreffen können. Die beiden Freunde [Marx und Engels] waren Anfang der 50er Jahre daher die einsamsten Gestalten innerhalb der Londoner Emigration.)

Sich auf die Politik, wie sie die Linke gegenüber der PDL betreibt, einzulassen, wäre daher auch in unserem Fall ziemlich tödlich. Die Neue Bourgeoisie befindet sich unter aller Kritik (siehe BLogbuch 1 2010), sie kann daher nicht, nur weil sie den ‚Marxismus‘ ‚hochhält‘, ernsthaft theoretisch kritisiert werden. Sie kann nur wie die alte Bourgeoisie politisch bekämpft werden. Worin bestünde denn die gemeinsame Grundlage, auf der sie zu kritisieren wäre? Dagegen sollte – und das wäre eine Schlußfolgerung, die ich aus dem Wochenende ziehe – die mit der Neuen Bourgeoisie paktierende Neue Linke (also die Linke, die vom 02.06.1967 übrig geblieben und nicht unter die Fittiche der Alten Bourgeoisie gekrochen ist) durchaus kritisiert werden, zumal dann, wenn sie sich der Marxschen Theorie im Interesse der Neuen Bourgeoisie und für deren politische Zwecke bedient.

Grundlage einer solchen Kritik wäre das von der Neuen Linken vertretene Marx-Verständnis, das, wie wir festgestellt haben, in der Regel mit dem unsrigen nicht übereinstimmt. Aber selbst wenn es uns gelänge, uns mit ihr über ein gemeinsames Marx-Verständnis auch nur punktuell (KAP) zu einigen, würde das noch längst nicht bedeuten, daß sie deshalb auch ihre politische Einschätzung der Neuen Bourgeoisie aufgeben, sondern trotz großer Bauchschmerzen weiterhin mit dieser paktieren würde. Da wir unsererseits über so gut wie kein politisches Potential verfügen (wozu bestenfalls die pM als eine nur virtuelle Partei gehört), können wir der Neuen Bourgeoisie bei ihrem Versuch, sich des Potentials der ehemaligen Neuen Linken zu bemächtigen, wenn es hochkommt ein paar Knüppel zwischen die Beine werfen. Dabei werden wir wahrscheinlich nicht verhindern können, daß sie sich auch unseres Marx-Verständnisses bedient, wenn es ihr in den Kram paßt, um uns dann mit einem ‚Danke vielmals!‘ zu marginalisieren.

2. Da wir bereits gestern Abend das Entscheidende geklärt haben, kann ich mich kurz bzw. unser Gespräch noch einmal zusammenfassen. Krätke weist bei all seinem hochtrabenden professoralen Gelaber auf einen wichtigen Punkt hin, der von entscheidender Bedeutung ist: die Scharnierfunktion, die die Geldware in KAP II für die gesamte Architektur des KAP einnimmt. […] Worin Krätke völlig richtig liegt, ist, daß die Geldware zugleich Warenkapital ist und daher Michael Heinrichs Kritik an Marx (dieser sei als ‚Kind seiner Zeit‘ dem Metallismus verfallen) widerlegt ist. Heinrichs ‚Kritik‘ an Marx erweist sich auch in Anbetracht der Weltwirtschaftskrise als ziemlich lächerlich, weil es kein ökonomisches Werk gibt, das diese trotz seines fragmentarischen Charakters nicht nur besser, sondern eindeutig erklärt. Daß Krätke den Doppelcharakter des Goldes als Geldware und Warenkapital nur zu dem Zweck betont, um den Kapitalfetisch und die Dialektik der Ersten Drei Kapitel von KAP I zu kippen, indem seine Deutung der in den Londoner Schaufenstern ausgelegten Waren als Warenkapital von ihm für ausreichend erachtet wird, um uns den Rest der Ersten Drei Kapitel zu ersparen, ändert an der Korrektheit seiner Interpretation der Geldware und deren Bedeutung für KAP I-III erst mal nichts. Entscheidend ist seine Beobachtung, daß die linken KAP-Leser immer einen großen Salto über KAP II hinweg gemacht haben, und ihnen daher die Voraussetzungen für das Verständnis der Architektonik von KAP I-III fehlen.

Warum ist die Architektonik so wichtig? Weil nur im Zusammenhang mit der großen Metamorphose des Kapitals verständlich wird, wie das KAP als negative Blaupause für die neue Produktionsform einzusetzen wäre, in der die Produzenten die neuen Produktionsverhältnisse zu beherrschen lernen müssen: Ware – Wert – dessen Verdopplung als Geld – Kapital – Arbeit – Produktion von Mehrwert (= KAP I), Umschlag des Warenkapitals auf der Basis der Geldware und Entstehung des Kredits als Vehikel zur Beschleunigung des Umschlagprozesses (= KAP II), Verdoppelung des Kapitals als funktionierendes und zinstragendes Kapital, Verdrängung des ersten durch das zweite, Verselbständigung als fiktives Kapital, Paradoxien, Antinomien, Selbstaufhebung der Logik des Kapitals als ganzem (= KAP III). Das unter den neuen Produktionsverhältnissen von den Produzenten angeeignete Verständnis der Architektonik hätte nicht mehr der Optimierung der Kapitalverwertung, sondern zu ihrer Beseitigung zu dienen. Um diese zu beseitigen, muß man wissen wie sie bisher funktioniert hat, sonst setzt man sich wie in der SU oder in China neue Läuse in den Pelz. Soweit aber die Architektonik bisher analytisch zur Geltung kam, hatte sie in erster Linie philologische Bedeutung (Rosdolsky etc. [3]).

Mit der Marx-Philologie verfügte die SED und verfügt ihre Nachfolgerin über den entscheidenden Schlüssel, um nach Ausrufung einer Endlosdebatte über das Marxsche ‚Kapital‘ den Zugang zum Heiligen Schrein des ‚Marxismus‘ zu kontrollieren. Nicht umsonst hat Stalin die Arbeit an den ‚Grundrissen‘ [zur Kritik der politischen ökonomie] nicht etwa gestoppt (während Engels als Feind der Außenpolitik des russischen Zarentums ein zweites Mal beerdigt wurde [4]). Denn die Grundrisse enthalten, wenn man so will, eine durchaus schlüssige theoretische Begründung für die Notwendigkeit der Enteignung des Privateigentums – in diesem Fall zugunsten des großrussischen Staates. Was Hitler mit Hilfe seines Blut-und-Boden-Sozialismus und seiner Rassentheorie zu legitimieren versuchte, dafür sorgte der ‚Marxismus‘  im Namen der Herrschaft der Produzenten in viel eleganterer Form und zu dem Zweck, diese endgültig zu beseitigen.

Betrachtet man die Dialektik innerhalb des architektonischen Zusammenhangs des KAP, ergibt sich daraus die überfälligkeit der kapitalistischen Produktionsweise auf dem Gipfelpunkt ihrer Entfaltung und maximalen Steigerung ihrer Produktivkräfte; sie ergibt sich aber gerade nicht in erster Linie aus ‚der Armut‘ und deren Gegensatz zum Reichtum von ein paar Millionären, wie es von Seiten Der Linken sozialpopulistisch tönt. Die Armut ist eine Erscheinungsform für die Folgen der auf der Mehrwertproduktion beruhenden Ausbeutung des Menschen und der Natur… Das muß ich nicht weiter ausführen. Daher sind als weiteres Resümee Hegel und die Marxsche Hegel-Kritik so wichtig! Krätke und Heinrich ist bei all ihren Differenzen eines gemeinsam, daß sie letztlich die Durchgängigkeit der Werttheorie vom ersten bis zum letzten Satz des KAP jeder auf seine Weise torpedieren, wie überhaupt unter bürgerlichen ökonomen die Werttheorie als eines der von ihnen am meisten verabscheuten Brechmittel gilt. Und dies aus gutem Grund.

Von der Verteidigung oder Torpedierung der Durchgängigkeit der Werttheorie hängt die Politik ab, wie sie Die Linke heute betreibt, mit dem ganzen daran hängenden sozialpopulistischen und ökofaschistischen Rattenschwanz, worauf ich nicht näher eingehen werde. Entweder, das KAP wird verstanden als Blaupause, an der sich die Produzenten überlebensnotwendig zu orientieren haben, wenn sie die kapitalistische Produktionsweise aufheben oder es wird (in bester Stalinscher Tradition) zum Legitimationsinstrument bei der Ersetzung der Herrschaft der einen Bourgeoisie durch die andere und der Einführung des ökofaschismus und linken Sozialpopulismus. So steht die Sache. Und das bildet auch den Hintergrund für die bevorstehende Auseinandersetzung in der M[arx]G[esellschaft].

3. Die theoretische Durchgängigkeit des Wertgesetzes ist also nicht nur von ausschlaggebender Bedeutung für das Verständnis der Architektonik des ‚Kapital‘, sondern auch für die auf der Selbstbestimmung des Produzenten beruhenden politischen Herrschaft derselben. Gerade dazu wären die [von Marx] nicht mehr geschriebenen Kapitel über den Staat und den Weltmarkt eine unersetzliche Hilfe. Statt dessen hat sich Marx mit der Grundrente und der russischen Dorfgemeinde befaßt, weil ihm die [unmittelbare] strategische Bedeutung klar war, die eine revolutionäre Entwicklung in Rußland für die proletarischen Revolutionen in Europa und Amerika gehabt hat. Das russische Kapitel einschließlich der Oktoberrevolution kann man heute als erledigt betrachten, aber den Staat und den Weltmarkt ganz und gar nicht.

Wer diese Kapitel fortschreiben will, hätte sich an der Architektonik des KAP und der Durchgängigkeit des Wertgesetzes zu orientieren. Die Versuche aus den 70er und 80er Jahren unter dem Stichwort der ‚Staatsableitung‘ krankten daran, daß sie einseitig am ‚westdeutschen Imperialismus‘ und dem Gegensatz zwischen dem US-Imperialismus und dem Realen Sozialismus orientiert waren. Der Weltmarkt wurde nicht unter dem Aspekt seiner Ausdehnung, sondern seiner Einengung bei gleichzeitiger Ausdehnung des Sozialistischen Lagers betrachtet (siehe Stalin: ökonomische Probleme des Sozialismus). Dadurch gab es mindestens zwei Weltmärkte, den ‚westlichen‘ und den ‚sozialistischen‘, die beide in die ‚Dritte Welt‘ um die Wette expandierten.

Für eine solche Betrachtungsweise gibt es keinerlei Beschäftigungsgrundlage mehr. Rußland und vor allem China versuchen zwar in ihrem Umkreis hegemoniale ‚Weltmärkte‘ zu etablieren bzw. wiederherzustellen, aber sie kommen nicht drum herum, auf dem globalen Weltmarkt mit einander und mit dem ‚Westen‘ zu konkurrieren. Die Versuche linker ökonomen und Politologen, den globalen (‚multipolaren’ Weltmarkt unter der früheren anti-‘westlichen‘ Perspektive zu analysieren, sind mit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise zu Makulatur geworden. Je länger die Krise andauert, desto stiller wird es in diesen Kreisen. Für die Fortschreibung der Marxschen Werttheorie wäre jedenfalls festzuhalten, daß es auf dem heutigen globalen Weltmarkt keine ‚guten‘ oder ‚bösen‘ Kapitalisten (mehr) gibt, daß die Herrschaft des Kapitals politisch dagegen in demokratischen oder oligarchischen Formen ausgeübt wird, ganz so wie im 19. Jahrhundert die bürgerlichen Regierungen monarchisch oder demokratisch waren…

Solange die Linke sich allein an einer bestimmten Gattung bürgerlicher Regierungen, d.h. an den ‚guten‘ Kapitalisten gegenüber den ‚bösen‘ Kapitalisten orientiert, wobei die ‚guten‘ sich rückwärtsgewandter Regierungsformen bedienen, die sie zwecks Verteidigung des ‚Sozialismus des 21. Jahrhunderts‘ in kauf nimmt (Venezuela, Bolivien, Kuba), wird sie zu diesem Thema weiterhin nur Makulatur produzieren. Gerade weil die Architektonik des KAP trotz all ihrer Lücken mit dem heutigen ‚multipolaren‘ Weltmarkt analytisch übereinstimmt, ergeben sich auch ganz neue Fragen:

§  Ob z.B. die bewußte Beschränkung der Marxschen Analyse auf die zu seiner Zeit am weitesten entwickelte kapitalistische Nation noch aufrechtzuerhalten ist, da es einen herausragenden Phänotyp, wie ihn England im europäischen Zusammenhang darstellte, eigentlich nicht mehr gibt. Die gleichförmige Entwicklungslinie mit der Großen Französischen Revolution als Ausgangspunkt, die für alle europäischen Nationen maßgeblich war, ist spätestens mit der Oktoberrevolution und ihren Folgen ‚durcheinandergeraten‘. Die bekannte Reihenfolge: bürgerliche Revolution, Sturz des Feudalismus, Demokratie, proletarische Revolution, Sturz des Kapitalismus, Sozialismus, hat eine Vielzahl an Staatsformen hervorgebracht, deren politischer Charakter aus einer beliebigen Mischung bestehen kann, die nur eines nicht sind: sozialistisch. Ob demokratisch oder oligarchisch (mit oder ohne sozialistischen Anspruch) die Bourgeoisien haben sich auf diejenige Mischung festgelegt, von der sie annehmen, daß sie am besten zu ihrer Stellung auf dem Weltmarkt und ihren Weltmachtambitionen paßt…

§  Um zum KAP zurückzukehren, ließe sich auch fragen, ob der Ausgleich der Profitrate heute eigentlich im regionalen oder globalen Maßstab stattfindet und ob er eher in diesem Zusammenhang analysiert werden muß?

§  Ebenso, ob der tendenzielle Fall der Profitrate nicht inzwischen zu einem Mittel der Konkurrenz zwischen den Weltmarktakteuren geworden ist, nach dem Motto: beggar thy neighbour? Denn da dieser für das einzelne bzw. nationale Kapital nun einmal unvermeidlich ist, könnte dieses bestrebt sein, die notwendigen Kompensationen vor allem auf Kosten seiner Weltmarkt-Konkurrenten vorzunehmen. Das deutsche Beispiel zeigt, wie das Kapital sowohl die heimische Produktivkraft der Arbeit steigert, aber zugleich von den enormen Mehrwertraten, die mit den chinesischen Lohnarbeitern zu erzielen sind, profitiert. In umgekehrter Richtung wird das italienische Kapital, daß sich die chinesischen sweat shops ins Land geholt hat (Bekleidung, Mode, Accessoires) kein Glück damit haben, diese als Kompensationsmittel gegen den tendenziellen Fall der Profitrate einzusetzen. Die USA exportieren heute hauptsächlich Schrott, Waffen und Geld. Dem us-amerikanischen geht es nicht nur bei der Autoproduktion ähnlich wie dem italienischen Kapital. Beide werden sich früher oder später am ‚gelungenen‘ deutschen Beispiel orientieren müssen, um zu überleben. Wenn meine Analyse stimmt, scheint es so zu sein, daß Weltmarkttiger wie gegenwärtig Deutschland nicht mehr auf eine einzige typische Nation festgelegt sind, sondern diese Rolle ständig wechselt.

Wenn ich zu der Aussagekraft dieser Beispiele auch noch wenig Zutrauen habe, so besagen sie doch zumindest eins: daß der Weltmarkt des Kapitals der Architektonik des Marxschen KAP heute ziemlich genau entspricht. Als jahrzehntelanger Verehrer und Vertreter der Leninschen Imperialismustheorie muß ich mir heute eingestehen, daß das Weltkapital über diese (unter Hinterlassung einer gewaltigen Zahl menschlicher Schlachtopfer) einfach hinweggegangen ist und daß sie keine politische Resonanz mehr hervorruft. Die Imperialismustheorie war trotz ihrer vielen Meriten (aber auch wegen ihres Mißbrauchs durch Sozialimperialisten aller Art) in letzter Instanz eine revolutionäre Zusammenbruchstheorie, die sich von ihrem reformistischen Pendant nur durch den mit ihr verbundenen revolutionären Aktivismus unterschied. Gegen die Weltmarktkrise des Kapitals läuft aber jeglicher radikaler Aktivismus ins Leere, der nicht zugleich die Unverträglichkeit des Wertgesetzes mit dem Sozialismus thematisiert und theoretisch erklären kann, was es heißt, unter seinem Diktat zu leben und zu arbeiten.

Stalin war dagegen hinsichtlich der SU der Ansicht, daß »unsere Warenproduktion keine gewöhnliche Warenproduktion« darstelle, »sondern eine Warenproduktion besonderer Art, eine Warenproduktion ohne Kapitalisten, die es hauptsächlich mit Waren vereinigter sozialistischer Produzenten (Staat, Kollektivwirtschaften, Genossenschaften) zu tun« habe, sei, und er dachte darüber nach, daß es notwendig sei, neben Begriffen wie Ware Arbeitskraft, Mehrwert, Kapital, Profit, Durchschnittsprofitrate »auch einige andere Begriffe über Bord zu werfen, die dem „Kapital” von Marx entnommen sind, wo Marx sich mit der Analyse des Kapitalismus beschäftigt hat, und die unseren sozialistischen Verhältnissen künstlich angeheftet werden. … Jetzt bei unserer Ordnung, klingen die Worte von der Arbeitskraft als Ware recht absurd: als ob die Arbeiterklasse, die die Produktionsmittel besitzt, sich selbst dingt und an sich selbst ihre Arbeitskraft verkauft. … Ich denke, unsere Wirtschaftswissenschaftler müssen dieses Mißverhältnis zwischen den alten Begriffen und der neuen Sachlage in unserem sozialistischen Lande beseitigen und die alten Begriffe durch neue, der neuen Lage entsprechende, ersetzen«. [5]

Vielleicht hatten die sowjetischen Wirtschaftswissenschaftler die alten Marxschen Begriffe auch deshalb durch neue ersetzen sollen, weil das Proletariat diese alten Begriffe als theoretische Waffe nicht nur gegen die alte, sondern auch die neue Bourgeoisie hätten einsetzen können. Schon aus diesem Grund wird das Wertgesetz auch im Sozialismus benötigt werden, um den Produzenten einen theoretischen Maßstab an die Hand zu geben, der es erlaubt zu ermessen, ob der Sozialismus dabei ist, wieder in die alten Verhältnisse zurückzuverfallen.

[1] Die u.a. von der Marx-Gesellschaft und der Rosa-Luxemburg-Stiftung zum dritten Mal hintereinander veranstaltete Herbstschule beschäftigte sich dieses Mal mit dem Dritten Band des „Kapital” (KAP III) für Teilnehmer mit unterschiedlichen Vorkenntnissen, die auf verschiedene Arbeitsgemeinschaften aufgeteilt wurden. Näheres siehe: http://www.marxherbstschule.net

Diese Bemerkungen geben ausschließlich die persönlichen Eindrücke und Einwände eines einzelnen Teilnehmers dieser Veranstaltung wieder.

Die ältere Rechtschreibung der Marx-Zitate wurde ein wenig modernisiert, was die Aktualität der Marxschen Analysen unterstreicht.

[2] Zur Vorbereitung waren von den Veranstaltern u.a. folgende Texte empfohlen worden: Michael Heinrich:Kritik der politischen ökonomie. Eine Einführung, Stuttgart 22004. Daraus das 8. Kapitel: Zins, Kredit und »fiktives Kapital« und Michael R. Krätke: Geld, Kredit und verrückte Formen, in: MEGA Studien 2000/1, 64-99.

Zu den Seitenangaben in Klammern: erste Seitenangabe = MEGA II/4.2; zweite Seitenangabe = MEW.

[3] Roman Rolsdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des MarxschenKapital, Frankfurt/M. 1968 2 Bde.

[4] DEBATTE 1 Die unscharfe Relation Marx/”Marxismus”.

[5] J.W. Stalin: ökonomische Probleme des Sozialismus, 1952, 18 ff.

 

 


Ulrich Knaudt an H.B. (20.11.2010)

Betreff: MILCHWIRTSCHAFT

Lieber H., dieser interessante Artikel über die Fließband-Milchwirtschaft [1] erinnerte mich an […] ‚Deine‘ Milchbauern. Diese scheinen nur die Chance zu haben, soviel Kapital aufzubringen, daß sie sich so eine Maschine kaufen können, um am Fließband Milch zu produzieren oder aber eine Nische zu finden, in der sie verwandte Produkte unter dem Wert ihrer Arbeitskraft, der Abschreibungen und Löhne herstellen können, mit denen sie einen entsprechenden Nischen-Markt beliefern. Spannende Frage: sollte der Sozialismus hinter diesen Grad der Automatisierung zurückfallen oder aber moderne Technik und einen menschlichen Umgang mit den Tieren verknüpfen? Die Frage ist rhetorisch, weil nur konkret zu beantworten…

Ulli

[1] FAZ 18.11.2010 Die Milchkuh braucht keinen Bauern mehr. (Zwischenüberschrift:) »Als letzter Bereich der Landwirtschaft wird jetzt auch die Milcherzeugung automatisiert. Roboter können 1000 Kühe am Tag melken, wie Besucher der Messe Eurotier erfahren. Denn niemand will mehr melken.«


 


Ulrich Knaudt an H.B. (18.11.2010)

Betreff: Mit dem Bus aus Berlin zum …Ums Ganze-Kongreß 3.-5.12.2010 in Bochum

Bochum ist eine Reise wert. Einige Referenten werden Dir bekannt vorkommen. Dies nur zur Information.

[1]

Gruß Ulli

[1] Siehe den Link: ‚Um Ganze‘.

 


H.B. an Ulrich Knaudt (27.11.2010)

AW: Mit dem Bus aus Berlin zum …Ums Ganze-Kongreß 3.-5.12.2010 in Bochum

Lieber Ulrich –

ich hab‘s gelesen und,

verdammt noch mal,

ich wär‘ gern mitten drin – noch dazu vor Deiner Haustür, um mir weiteren überblick über die Bewegung zu verschaffen, mitzumischen, zumal uns ja einige Referenten gut bekannt sind. […]

Ich bitte Dich sehr, zu berichten, im Detail, wo‘s drauf ankommt – Du weißt schon!

Es ist gut, zu jemandem, zu Dir so sprechen zu können, qua wachsender substantieller Gemeinsamkeiten.

Ich hör‘ von Dir.

Einstweilen schon danke,

H.

 


Ulrich Knaudt an H.B. (04.12.2010)

Betreff: UMS HALBE

Lieber H.,

Für UMS GANZE [1] fehlt ihnen in ihrem Puzzle der wichtigste Baustein: die Marxsche Parteilichkeit.

Ich schicke Dir vorab meine ersten Eindrücke vom ersten Abend, da sie noch frisch sind. Reflektieren kann man darüber immer noch.

Stelle Dir die Marx-Gesellschaft vor – erweitert um das autonome politische Themenspektrum (siehe Samstag Nachmittag: Krise & Naturbeherrschung, Arbeit & Reproduktion, Sozialchauvinismus & Integration, Kapitalismus, Demokratie & Nation) – und dann hast Du einen angemessenen Eindruck von dieser Veranstaltung. Das durchweg studentische Publikum (Grauköpfe = 1 Promille + Hausmeister) ist hoch interessiert, um für seinen antikapitalistischen Spontaneismus ein theoretisches Hilfsgerüst erbaut zu bekommen (von theoretisch erfahrenen linken Sozial- <und verwandten> Wissenschaftlern), so daß sie auch den kompliziertesten theoretischen Aufbauten willig folgen.

Damit bin ich auch schon bei der Abendveranstaltung (»Die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus«). Auf dem Podium Michael Heinrich, Gerhard Stapelfeld und ein (antideutscher) Ersatz für K.H. Roth. Heinrich referiert die Marxsche Krisentheorie mit der bekannten Kritik am Tendenziellen Fall der Profitrate (hier sei  »Marx historisch überholt«) und bringt eine Zusammenfassung der Weltwirtschaftskrise, deren Chronologie und Fakten ich in dieser Qualität auch z.B. bei Hans-Werner Sinn nachlesen könnte. Die Marxsche Krisentheorie (wobei wir uns fragen, ob es eine solche, wie auch eine Marxsche Werttheorie überhaupt gibt) dient ihm eher als gut gearbeitete Krücke für seine ökonomischen Analysen… Stapelfeld stellt den Liberalismus im 19. Jahrhundert dem Neoliberalismus seit den 30er Jahren des 20. einander gegenüber und lobt den aufklärerischen Charakter des ersteren: Utopie, Revolution und Rationalität; diese seien im Neoliberalismus vernichtet. Denn Utopie = »Faschismus«, »Unerkennbarkeit der Gesellschaft« (beides siehe Hayek) = Gegenaufklärung. »Das emanzipatorische Potential« des klassischen Liberalismus (bis 1870) sei im Neoliberalismus untergegangen. Ein Teilnehmer, mit dem ich danach sprach, meinte, durch diese Entgegensetzung hätte sich der Vortragende in eine Dualismusfalle begeben, aus der er nur schwer wieder herausfindet. Würde ich auch so sehen. Vor allem wird jeder Bezug auf Marx dadurch entbehrlich. Heinrich ist da etwas dialektischer, obwohl in seinem Abschluß-Statement dieser Dualismus auch durchklang. Er tendiert bei der Leugnung des Tendenziellen Falls der Profitrate aber wohl eher in Richtung auf eine Unterkonsumtionstheorie auf dem Niveau von Rosa Luxemburg (Nichtobereinstimmung von Produktion und Konsumtion). Der Antideutsche betrieb die übliche autonome Phänomenologie des Kapitalismus, die sich an irgendwelchen politischen Oberflächenphänomenen festmacht.

Mein Gesamteindruck geht dahin, daß die Studentenbewegung von 1967, soweit sie nicht in dieser oder jener Form zur Bourgeoisie übergelaufen ist, sich in der Theorie ihrer heutigen führenden theoretischen Köpfe keinen Millimeter weiterentwickelt hat. Wenn man dazu etwas beitragen wollte, müßte man z.B. die politischen Sozialgerechtigkeitsapostel und den Sozialpopulismus Der Linken beim Namen nennen. Aber da herrscht vornehme akademisch geprägte Zurückhaltung. Nun entwickelt eine Theorie sich nur an dem weiter, was sie kritisiert, auf jeden Fall nicht an phänomenologischer Allerweltskritik am Kapitalismus, der mit samt seinen Politikern mit Hilfe von antikapitalistischen Allerweltsphrasen aufs Korn genommen wird.

Eingangs hatte ich die Einleitung von Christian Frings in das Marxsche KAP ([unter der überschrift] »Lohnarbeit und Kapital«) aufgesucht, worüber dieser, als ich ihn vor dem Hörsaal traf, nicht sehr erbaut war. Es handle sich um eine Einführung, die nicht für hochtheoretische Einwände tauge. Ich versprach ihm, mich geschlossen zu halten. Seine Zusammenfassung der Drei Bände [des „Kapital”] war, bis auf seine Anbiederung an die blutjungen Zuhörerschar (worin besteht der Gebrauchswert eines Joint [?]) gar nicht so schlecht. Einen kleinen Fehler machte er bei der Trinitarischen Formel am Schluß von KAP III: wo er von einer Aufteilung der Produkte und nicht der Einkommen von Arbeitern, Kapitalisten und Grundbesitzern sprach (Lohn, Mehrwert, Grundrente). Aber wohl aus dem Grund, um von da aus auf KAP I [Kapitel] 1-3 (verkehrte Welt, Fetischcharakter, auf die er sehr viel Wert legte) zu gelangen. Das mochte aus pädagogischen Gründen angemessen sein, ist aber dennoch falsch. Viel gravierender fand ich aber sein Statement in einem Nebensatz, daß Marx viel zu viel Zeit damit verplempert hätte, sich um alle möglichen politischen Angelegenheiten zu kümmern, anstatt bei seinem Leisten zu bleiben. […] …

Danach unterhielt ich mich mit einem Linkskommunisten (Pannekoek, Gorter) an seinem Büchertisch. Auch er fand die Einführung gelungen und bemängelte ebenso den nicht berücksichtigten Stellenwert, den das KAP im Parteikonzept von Marx und Engels einnimmt. Das sind aber wohl Mindermeinungen der Oldies, die mit den Jahren aussterben werden, wenn wir nicht ordentlich gegen den Mainstream Druck machen.

Bis bald

Ulli

[1] SO, WIE ES IST, BLEIBT ES NICHT! Der …ums Ganze! – Kongreß zu Arbeit und Krise 03. bis 05.Dezember 2010 Ruhr-Universität Bochum.

 


Ulrich Knaudt an H.B. (05.12.2010)

Betreff: DIE ZWEITE HäLFTE

Lieber H., ich habe mir wie gesagt, die heute Nachmittag diskutierte Phänomenologie des heutigen Kapitalismus aus autonomer Sicht geschenkt und bin zum abendlichen Podium gefahren, an dem auch Christoph Lieber teilnahm, unter dem Titel »Transformation des Sozialen und linke Strategie in der Krise«. Christoph brachte eine Synthese aus Gramsci und Keynes. Den Grabenkrieg um die Erringung »emanzipatorischer« Positionen in der Zivilgesellschaft auf der Grundlage des vom Kapitalismus geschaffenen Reichtums voranzutreiben, sei eine Frage des Bewußtseins, das sich dabei oder darin entwickeln soll. Die Krise sei keine Mangel-, sondern eine überschuß-Krise. Das wurde bereits von anderer Seite (Heinrich) thematisiert und ist nicht so fürchterlich neu. Die Produktivität des Kapitals sei so gewaltig, daß man nur noch 4 Tage arbeiten müßte und den gewaltigen Surplus auf z.B. Verschönerung der Städte, für Bildung und Kultur verwenden könnte. Der Kapitalismus der 70er Jahre sei ein inkludierender Kapitalismus gewesen. Heute ist er ein exkludierender mit der Folge von Prekarisierung. Dabei sei zu bedenken, daß die Prekarisierten kein Machtpotential darstellen, weil sie Transferleistungen empfangen: von 60 Mio Wählern gehörten 40 Mio zur Lohnarbeit und 20 Mio zum Potential der Transferempfänger und Rentner. Es bestehe eine starke Tendenz zum Ressentiment, die mit der Krise zunehme: dieses richte sich gegen die zu alimentierenden Gruppen der Gesellschaft und drücke eine »Verrohung des Bürgertums« (Sarrazin) aus. Die Referentin über die Frauenfrage im Kapitalismus, Andrea Truman, befaßte sich mit dem Problem, daß es innerhalb des Kapitalismus keine Lösung der Privatisierung dieses Widerspruchs geben kann, der vom Kapital nicht wieder integriert würde. Aus der ‚Studentenbewegung‘ sei deutlich geworden, daß es ohne revolutionäre Bewegung keine emanzipatorische Frauenbewegung gebe. Der Vortrag von Karl Rauschenbach war ziemlich bekifft und ist nicht zu referieren.

Die Diskussion war ohne Niveau und blind umhertastend antikapitalistisch, ohne daß jemand verdeutlichen konnte, warum man eigentlich antikapitalistisch sein sollte. Kapitalismus ist Scheiße! Das kann meiner Ansicht nach eigentlich nur jemand von sich geben, der unmittelbar praktische Erfahrung mit diesem gemacht hat. Und dann stellte sich die Frage, was die, die sich zum Sprachrohr des Kampfes gegen den Kapitalismus machen, in diesem Kampf politisch vorhaben. Das aber wurde ‚demokratisch‘ oder anarchistisch (?) umschifft.

[Schlußfolgerungen:]

—Diese Bewegung, die eine antikapitalistische sein will, hat keinerlei historisches Bewußtsein, weil sie keine Klassenbewegung ist, aber auch nicht weiß, worin denn der historische Sinn jener politischen Bewegungen bestand, die sich aus den gesellschaftlichen post-faschistischen Widersprüchen in Europa, den USA und Asien entwickelt haben.

—Diese Bewegung möchte gern eine Fortsetzung oder Erneuerung der 2.-Juni-Bewegung (‚Studentenbewegung‘) sein, weiß aber gar nicht, warum es die überhaupt gegeben hat.

—Diese Bewegung hat keinen revolutionären Rückenwind wie die 2.-Juni-Bewegung, deren Marxismus in einem künstlich geschaffenen Vakuum eine ungeheure Kraft entfalten konnte, weil das von der US-Hegemonie ausgehaltene westeuropäische (und <ost>asiatische) Bürgertum die in diesem Vakuum entstandene revolutionäre Welle zunächst nicht so leicht verkraften konnte. Den Allerwenigsten ist bis zum heutigen Tag klar, daß aus dieser Implosion heraus (zumindest in Westdeutschland) eine Vollendung der 48-Revolution verbunden mit der an den amerikanischen Unis hochkochenden Kulturrevolution hervorging. Erst mit der Erfüllung dieser politischen Rolle und dem »Bewußtsein« (Chr. Lieber) von dieser Sache wäre der nächste Schritt möglich gewesen: die ‚studentische‘ Kulturrevolution in die Fabriken (und in die DDR!) zu tragen. Aber der Rückenwind brachte nur einen Haufen politischer Sekten und individueller Karrieremacher und Politiker hervor, die diesen für ihre individuellen Zwecke ausnutzten und an deren Subjektivismus er sich sozusagen brach.

—Der Rückenwind dieser [‚sozialen‘] Bewegung, die irgendwie meint, an der alten ‚Studentenbewegung‘ anzuknüpfen zu können, entstammt heute keiner revolutionären, sondern einer konterrevolutionären Situation, die geprägt ist vom Aufstand unterschiedlicher, d.h. linker und rechter Oligarchien gegen den westlichen Kapitalismus, an dessen Stelle sie ihren oligarchischen Kapitalismus setzen wollen, den sie ‚antiimperialistisch‘ (Iran, Venezuela) oder gar ‚sozialistisch‘ (VR China) tarnen oder in dem der alte Panslawismus wieder zum Vorschein kommt (Jugoslawien-Krieg, Georgien-Krieg etc.). Dieser Aufstand gegen den westlichen Kapitalismus bildet heute die Hauptfrontlinie zwischen den verschiedenen Fraktionen des Kapitals (vielleicht war nicht die Dimitroff-Formel falsch, sondern ihre reaktionäre inhaltliche Bestimmung!)

Fazit: Der Antikapitalismus dieser Linken richtet sich zwar gegen das Kapital, aber nur gegen das westliche, so wie sich Hitlers Antikapitalismus nur gegen das ‚jüdische‘ Kapital gerichtet hat. Gestützt auf Marx, Gramsci und Keynes, will Chr. Lieber den Grabenkrieg gegen dieses Kapital vorantreiben und dafür sorgen, daß diese Bewegung Schritt für Schritt die Zivilgesellschaft an die Stelle der westlichen bürgerlichen Gesellschaft setzen möge. »Die Eroberung des Winterpalais funktioniert nicht«, meinte er. Er vertritt (wie weiland Kautsky) in dem antiwestlichen Antikapitalismus der heutigen Linken eine zentristische Position. Lenin war immer der Meinung, Kautsky sei gefährlicher als ein rechter Sozialdemokrat mit seiner Klassenzusammenarbeit. Vielleicht trifft das auch hier zu.

Soweit erst mal. Ich schicke Dir die Mail, ohne sie noch mal überschlafen zu haben.

Für morgen stünde noch »Was heißt radikale Kritik organisieren« mit Frieder Otto Wolf, der FAU und der Krahl-Gesellschaft und Christian Frings an. Ehrlich gesagt, reicht mir bereits der heutige Abend, da ich nicht der Meinung bin, dort [noch] sehr viel Anderes und Neues zu erfahren. Wenn Du anderer Meinung bist, laß es mich rechtzeitig wissen.

Gruß Ulrich

 


H.B. an Ulrich Knaudt (06.12.2010)

Betreff: AW: DIE ZWEITE HÄLFTE

Danke, lieber Ulrich,

für Deine Berichte – was soll ich dazu, zu diesen, dieser „Linken” sagen?

Vielleicht mit Marx (was er irgendwann/-wo mal in Hinblick auf den Zerfall von herrschenden Klassen gesagt hat), daß die ‚Tragik‘, ‚Tragödie‘ solcher historischer Prozesse in ‚Komik‘, in, mit ‚Komödien‘ endet.

Müßte schon dahin sein.

Frage, hast Du Dir das gestrige Geschehen auch noch angesehen?

U.a. mit dem Beitrag von HJKI (vermutlich wieder von Carsten Prien),

wovon ich mir doch etwas erwartet haben würde ?

Erstmals noch mal Danke.

Gruß

H.

 


Ulrich Knaudt an H.B. (10.12.2010)

Betreff: DIE BAKUNISTEN OHNE ARBEIT

Ob UMS HALBE oder GANZE, eigentlich müßte sich die interventionistische Linke als bakunistische Linke  bezeichnen. Aber die meisten wissen wohl kaum, wer Bakunin eigentlich war, und von seinen Intrigen gegen die IAA werden sie schon gar nichts gehört haben. Dafür verehren sie aber gerade jenen Autor, der gemeinsam mit Engels unter den Bakunisten am meisten gelitten hat, indem sie für DAS KAPITAL schwärmen. Wie paßt das zusammen? Wahrscheinlich nur durch den, auch in den Reihen der M[arx]-G[esellschaft] gepflegten Politischen ökonomismus, den sie aus der Marxschen Kritik der Politischen ökonomie herauszulesen meinen.

Ja, ich habe mich auch am Sonntag Nachmittag durch den Schneematsch auf den Hügel der RUB geschleppt. Auf dem Panel saßen: die FAU, das Krahl-Institut und Christian Frings. Um mit dem Krahl-Institut zu beginnen: Karsten Prien überragt die jüngere Generation von Anarchosyndikalisten durch eine theoretisch reflektierte Variante desselben Gewerkschaftskonzepts. Im Großen und Ganzen trug er den Inhalt der Broschüre vor, zu der ich ja meinen Teil gesagt habe (REAKTIONEN Teil 4 [1]). Wenn er z.B. den ‚Arbeitsfelder‘-Ansatz des SB als Ausgangspunkt revolutionärer Gewerkschaftsarbeit hervorhebt, kommt mir das reichlich von gestern vor. So was war zur Zeit der 2.-Juni-Bewegung ein interessanter Versuch, der sogar an die Narodniki erinnern mochte. Das Drama besteht aber nun mal darin, daß die 2.-Juni-Bewegung nicht über sich selbst in Richtung Kommunismus hinausgewachsen ist. (DKPismus, RAF und Maoismus waren Sackgassen!) Und daß sich daher nicht einfach bruchlos an die ‚StudentInnenbewegung‘, wie sie jetzt so schön genderistisch heißt, anknüpfen läßt, (was von verschiedener Seite auf dem Kongreß vorgeschlagen wurde).

Nach Karsten Prien besteht die Beschränktheit des anarchosyndikalistischen Ansatzes lediglich darin, daß die Spaltung zwischen Arbeitsplatzbesitzern und Arbeitslosen organisatorisch nicht zu überwinden sei, weil Arbeitslose einen anderen Status haben als Beschäftigte (siehe meine Kritik in [1]). Diese Dichotomie sei auch nicht durch die Subkultur kritischer Konsumenten und Konsumenten von Kritik (eine gelungene, weil zutreffende Verkehrung), d.h. als organisierte Gegenkultur, zu überwinden. Der Klassenkampf der interventionistischen Linken sei in zwei Hälften gespalten. Auf der subkulturellen Seite herrsche tendenziell Massenverachtung und auf der Seite der werktätigen Massen Ohnmacht. Anstelle einer freien Diskussion als Selektionsprozeß für das beste Argument werde symbolische Politik betrieben, um gemeinsame Interessen zu bündeln. Die überwindung der Fremdbestimmung finde in der Selbstorganisation von Autoren, Verlagen und im Versuch der Einflußnahme durch politische Forderungen statt. Ob es sich dabei wirklich um gemeinsame Interessen handelt, sei die Frage. Ein neues „Sozialistisches Büro” müßte die Diskussion über Arbeitsfelder, den gesellschaftlichen Gesamtarbeiter u.a. organisieren. Der „Praktische Sozialismus” unterscheide sich vom SB durch die Forderung nach Enteignung der Betriebe, Aufhebung des Gegensatzes Arbeitslose/Lohnarbeiter, der Umwandlung der kapitalistischen Produktion in Kooperativen, der Umwandlung des kapitalistischen Betriebes in ein Kooperativsystem, Dynamisierung der Rätestruktur in Rätevereinigungen – all dies [soll] wie Legosteine zusammengebaut werden. Jetzt gehe es darum, die Bedingungen für die Möglichkeit einer Strategiedebatte zu schaffen.

Christian Frings befaßte sich mit dem Unterschied zwischen Utopie und Theorie und orientierte sich dabei an der Kantischen Unterscheidung von Wille und Wunsch. Der Wille zum Kommunismus als Utopie gehe heutzutage über das bloße Wünschen wie im 19. Jahrhundert hinaus. Theorie dagegen sei nicht im Besitz des Schlüssels zur Weltveränderung. Denn die Frage sei nicht beantwortet: wer erzieht die Erzieher? Veränderungen seien ohne selbstkritische Selbstveränderung unmöglich. Strategie sei entweder Strategie von oben oder von unten. Als Strategie von oben skizzierte er die Epoche des Kapitalismus seit dem 15. Jahrhundert, die durch Gewalt und Entwicklungsschübe gekennzeichnet sei; letzteres hervorgerufen durch Zugeständnisse des Kapitalismus (Aufhebung der Sklaverei o.ä.). Heute befinde sich dieser in einer Systemkrise mit Aufständen von China über Bangla Desh, Südafrika bis nach Griechenland, d.h. in einer Krise der Arbeit und des Staates. Ein heute noch gültiger Ansatzpunkt sei der Bruch der ‚Studentenbewegung‘ mit dem Etatismus. Die Strategie von unten sei dagegen kaum entwickelt und äußere sich in subversiven Kämpfen, die häufig totgeschwiegen werden. Die Taktik der Gewerkschaften bestehe darin, Konflikte aus der Produktion heraus auf Sonntagnachmittagsspaziergänge zu verlegen. Auf der anderen Seiten würden von ihr sog. ‚unsichtbare Konflikte‘ wie wilde Streiks boykottiert oder gar unterdrückt.

Der Vertreter der FAU stellte seine Minigewerkschaft vor, die sich bei einem Streik im Berliner Kino „Babylon” aus der Auseinandersetzung mit dem Linken Kinobesitzer gebildet hat. Ihr Konzept lautet: »Vom Lohnkampf zur Autonomie und zur Abschaffung der Lohnarbeit«. Daß sie ihr Koalitionsrecht arbeitsgerichtlich erstritten haben, ist aller Ehren wert, paßt auch gut zu dem momentanen Konflikt zwischen Tarifeinheit und Koalitionsfreiheit. Dazu fällt ihnen allerdings nichts ein, da es sich um eine Verfassungsfrage handelt und Syndikalisten, wie schon zu Marxens Zeiten jeglichen Sinn für Politik vermissen lassen. Dieses Problem wurde zwar von Karsten Prien thematisch angesprochen; dessen Lösung soll aber darin bestehen, daß das Politische nicht durch Adressen an den Staat in Gestalt von Demos usw., sondern durch »den langen Marsch durch die Institutionen« (Dutschke) in die Kämpfe hineinzutragen sei.

Einen sehr interessanten Aspekt warf Chr. Lieber in der anschließenden Debatte auf: die Parole von der ‚Zerschlagung des Staates‘ sei kontraproduktiv, weil das Kapital heute selbst dabei sei, den Staat abzuschaffen (Privatgefängnisse, Privatbullen etc.). Ziehe ich für einen Moment sein Kautskyanisches Staatsverständnis von alledem ab, muß ich ihm in diesem Fall recht geben. Das Kapital könnte durchaus ein Interesse daran haben, den teuren Staatsapparat in private Hände zu legen und den Staat zu oligarchisieren. Den braucht man dann nicht mehr zu stürzen, weil es ihn tendenziell gar nicht mehr gibt. Und die Oligarchen wissen ohnehin, wie man solche Bestrebungen im Zaum hält.

Auf dem Weg zum Bahnhof hatten wir noch einen freundlichen small talk. Wenn er nicht so ein fürchterlicher Kautsky wäre, könnte er einem ganz sympathisch vorkommen.

Abschließend wäre festzustellen, daß im Vergleich zu ihrer heutigen Generation die historischen Bakunisten zumindest gestandene und theoretisch beschlagene Opportunisten waren. Das kann man von den heutigen Vertretern des Bakunismus nicht behaupten. Sie bilden eine Unterabteilung Der Linken, ohne jedoch Die Linke als Partei der oligarchischen Barbarei überhaupt wahrzunehmen oder gar politisch zu bekämpfen. Weniger ihr Spontaneismus als diese politische Blindheit erscheint mir als ihr Hauptfehler.

Mein Fazit:

1. Da die Anarchosyndikalisten über keinen materialistischen (so nenne ich das mal) und keinen historischen Klassenbegriff verfügen, haben sie auch keine klare Einschätzung der ‚real existierenden‘ trade-unionistischen Gewerkschaften als Arbeitsagenturen für die Zusammenarbeit von Lohnarbeit und Kapital.

2. Folglich ist auch ihr Verhältnis zu den politischen Parteien, die vorgeben, Arbeiterinteressen zu vertreten indifferent bis nicht vorhanden. Ihr Proudhonismus verbietet ihnen eine politische Stellungnahme und damit jede Klassenpolitik. Das Marxsche Elend der Philosophie [2] ist die Scheidemünze, an der sich ihr wohlfeiles Bekenntnis zu Marx und seinem wissenschaftlichen Hauptwerk ablesen läßt. Bei genauerer Betrachtung würde sich ihr Klassenbegriff mit großer Wahrscheinlichkeit als ein zutiefst ständischer erweisen. Warum sie den nationalsozialistischen ‚Klassenbegriff‘ nicht übernehmen, ist eher zufällig und hat rein moralische Gründe: »KEIN TAG FüR DIE NATION! KEIN TAG FüR DEUTSCHLAND! STAAT. NATION. KAPITAL. SCHEISSE«. Solche Parolen lassen sich (bei passender Gelegenheit) problemlos in ihr Gegenteil verwandeln.

Soweit mein Bericht…

Herzliche Grüße

Ulli

P.S.: Ich stimme mit Dir nicht in der Interpretation des 2. Absatzes auf Seite 298 überein: [3] »Stände und fürstliche Gewalt« können nicht einfach mit heute: Volk und Regierung gleichgesetzt werden, weil es hier Marx vorerst ‚nur‘ um die Feststellung ihrer historisch vorgefundenen Nichtübereinstimmung geht und um die Bestimmung der Situation, die aus dieser Nichtübereinstimmung politisch entstanden ist, also letztlich darum, daß die Hegelsche Staatsphilosophie keine Lösung für dieses Problem anbietet. Nach Hegel sollen die Stände »”Vermittlung” zwischen Fürst und Regierung einerseits und Volk andererseits sein, aber sie sind es nicht, sie sind vielmehr der organisierte politische Gegensatz der bürgerlichen Gesellschaft« (297). Die von Hegel gesetzte Möglichkeit der übereinstimmung von Ständen und Staat ist nach Marx eine »gesetzte Illusion von der Einheit des politischen Staates mit sich selbst … von dieser Einheit als materiellem Prinzip…« (298). Dieses Moment bezeichnet er als die Romantik des politischen Staats in seiner allegorischen Existenz. Daraus ergeben sich zwei Arten von Illusionen: die wirksame Illusion und die bewußte Selbsttäuschung; die wirksame Illusion in dem Fall, daß sich Stände und Staat vertragen und die bewußte Selbsttäuschung, wo das nicht mehr der Fall ist.

Dann kommt es, so wäre zu ergänzen nicht etwa zu einer Revolution, sondern zur Satire, zur Komödie, in der die bewußte Unwahrheit sich bis zur Lächerlichkeit entlarvt.

Du überinterpretierst diese Absätze, wenn Du sie unvermittelt auf die heutigen deutschen Zustände anwendest. Marx geht es hier lediglich um den negativen Beweis der Unfähigkeit des Hegelschen Staatsrechts, eine Lösung für die deutschen Verhältnisse parat zu haben. Letzten Endes zeigt sich darin nur deren ganze Absurdität.

Mit eigenen Vorschlägen geht Marx in dieser Kritik äußerst sparsam um: sie könnten sowohl in der übereinstimmung von Staat und Ständen liegen, wie sie noch im Mittelalter existiert hat (»der

Einheit des politischen Staates mit sich selbst« ) oder im konstitutionellen Staat wie in Frankreich oder England. Dazu äußert sich Marx konkret erst in der »Einleitung zur Hegelschen Rechtsphilosophie«, die man parallel zu diesen Text heranziehen sollte. [4] Hier dagegen handelt es sich um eine rein immanente Kritik in ihrer maximalen dialektischen Zuspitzung, dort bereits um die Kritik der deutschen Zustände, die sich für die von Dir gezogenen Parallelen sehr viel besser eignen würde. Dort findet sich übrigens auch eine klare Distanzierung von der Historischen Rechtsschule (380), aber auch eine Kritik an den Deutschen, deren Berechtigung sich bis zum heutigen Tag nicht geändert hat: »Das Verhältnis der Industrie, überhaupt der Welt des Reichtums zu der politischen Welt ist ein Hauptproblem der modernen Zeit. Unter welcher Form fängt dies Problem an, die Deutschen zu beschäftigen? Unter der Form der Schutzzölle, des Prohibitivsystems, der Nationalökonomie« (382). Diese charakterliche Eigenart haben sich die deutschen Mittelklassen und Teile der Bourgeoisie bis zum heutigen Tag („Stuttgart 21”) erhalten, obwohl dieses Land inzwischen eines der höchstentwickelten Industrieländer auf diesem Globus ist. Offenbar wollen sie die deutschen Verhältnisse in den ‚status quo‘ zurückversetzen, den der amerikanische Finanzminister [gegenüber] den Deutschen für ihren angeblichen Kollektivmord an den ‚minderwertigen Rassen‘ nicht durchsetzen konnte, weil die USA damals ein Exportland nicht nur, wie heute, von Waffen und Dollars waren. Offenbar wollen die Deutschen (mit Ausnahme der weltmarktorientierten alten Bourgeoisie) zu dem ‚status quo‘ zurückkehren, dem Marx den Kampf angesagt hat: »Damals (im 16. Jht.) scheiterte der Bauernkrieg, die radikalste Tatsache der deutschen Geschichte, an der Theologie. Heute, wo die Theologie selbst gescheitert ist, wird die unfreiste Tatsache der deutschen Geschichte, unser status quo, an der Philosophie zerschellen.« Ob die Philosophie, wie die Frankfurter Schule in den 30er Jahren und 1967 ff. diese Aufgabe noch einmal übernehmen wird, würde ich eher bezweifeln, zumal der neue ‚status quo‘, den es zu bekämpfen gilt, diesmal nicht ‚von oben‘, sondern ‚von unten‘ kommt und sich darin realisieren könnte, was Herrn Morgenthau noch versagt blieb. Darüber sollten wir weiter diskutieren!

[1] REAKTIONEN 2009 An H.B. (10.08.2009).

[2] Gemeint ist Karl Marx: Das Elend der Philosophie MEW 4 (65-182).

[3] Karl Marx: Zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts MEW 1 (203-333).

[4] Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung MEW 1 (378-391).

Veröffentlicht in Reaktionen | Kommentieren

Blogbuch 1 2011: Zu den Auswirkungen der Krise der kapitalistischen Produktionsweise auf die arabischen Länder und den Rest der Welt »

Diesen Text als PDF herunterladen

Inhalt

Als die Revolution der Facebook-Jugend in Tunesien und Ägypten ausbrach und sich in weitere westlich orientierte arabische Länder ausbreitete, war für den westeuropäischen Beobachter eigentlich klar, daß der Domino-Effekt vor Ländern wie Libyen oder Syrien halt machen werde – oder wenn nicht, daß diese Revolution dann eine neue Qualität erreichen würde.


Dieser Fall ist nun eingetreten. Was sich heute in Libyen und Syrien abspielt, erinnert eher an Berlin 1953 und Budapest 1956, als die sozialimperialistische Sowjetmacht ihre in Jalta sanktionierten Eroberungen mit Panzern gegen die aufständische Bevölkerung verteidigen mußte, denn an die Kulturrevolutionen der 60er Jahre in Berkeley, Berlin oder Paris.


Das Weltkapital bewegt sich auf den Kulminationspunkt der Weltwirtschaftskrise zu. Krisen dieser Art scheinen sich alle 80 Jahre zu wiederholen und von den gewöhnlichen alle 8-10 Jahre stattfindenden Konjunkturkrisen darin zu unterscheiden, daß sie mit einer Krise der kapitalistischen Produktionsweise einhergehen. Rechnen wir von heute aus jeweils 80 Jahre zurück, dann mündete die erste Weltwirtschaftskrise in die Revolution von 1848 und die zweite in die präventive Konterrevolution des Nationalsozialismus. 80 Jahre später beginnt mit der sog. Finanzkrise 2007 die dritte Weltwirtschaftskrise, die sich auf ihren Höhepunkt, den drohenden Staatsbankrott der USA, der EU und schließlich der BRICS-Staaten zubewegt.


Dagegen sind die Auswirkungen der Konjunkturkrisen begrenzt. Sie wirken zwar als Verstärker latent vorhandener politischer Widersprüche, wie z.B. ‚1968‘. Weltwirtschaftskrisen gehen dagegen einher mit Welt- und Konterrevolutionen, gefolgt von einem Weltkrieg. Das Kapital hat inzwischen gelernt mit Konjunkturkrisen umzugehen, indem der bürgerliche Staat die zyklisch auftretenden Konjunkturflauten durch antizyklische Maßnahmen, bezahlt aus dem Staatshaushalt, glätten hilft und konjunkturelle ‚Überhitzungen‘ durch Zinserhöhungen der Staatsbank, an deren Tropf die Privatbanken hängen, zu vermeiden sucht. Dem liegt ein mechanistisches ‚Denkmodell‘ zugrunde, das der Elektrotechnik entlehnt zu sein scheint und das sich auf Grund der Keynesschen Analyse der Weltwirtschaftskrise vor 80 Jahren bisher ganz gut bewährt hat (u.a. auch weil die bürgerlichen Gewerkschaften, die so etwas wie von ‚Kapital und Arbeit‘ eingerichtete Versicherungsunternehmen gegen die absolute Verelendung
und den Klassenkampf der Arbeiterklassen darstellen, in die antizyklischen Programme des Kapitals eingebunden werden). Die tieferen Gründe, warum diese Krisen immer wieder auftreten, sind damit aber nicht erfaßt und schon gar nicht, daß sie grundsätzlich nicht beseitigt werden können, ohne daß die kapitalistische Produktionsweise aufgehoben wird. (Genau genommen liegt die Wurzel all der Krisen bereits in der Produktion der Gebrauchswerte als Waren.)


In der Weltwirtschaftskrise wird dieser elementare Widerspruch zum Hauptwiderspruch, der zwischen den Weltmächten des Kapitals in Weltkriegen und zwischen dem (Welt-)Proletariat und der (Welt-)Bourgeoisie im Klassenkampf ausgefochten wird. Beides kann durch die antizyklischen Wirtschaftsprogramme nicht verhindert werden, wie auf der anderen Seite die Kriege und Revolutionen bisher eine Eigendynamik entfaltet haben, die sich nicht schematisch in jenen 80-jährigen Krisenzyklus pressen läßt, ohne einer wie auch immer gearteten Geschichtsphilosophie auf den Leim zu gehen. Wenn die antizyklischen Bewältigungsversuche der elementaren Widersprüche, die der kapitalistischen Produktionsweise innewohnen, nicht mehr greifen, bleibt dem Kapital als ultima ratio, um damit fertig zu werden, nur der Weltkrieg, der mit ebensolcher Folgerichtigkeit in eine Weltrevolution übergeht.

Veröffentlicht in BLogbuch | Kommentieren

Reaktionen (2009) »

zurück zur Übersicht Reaktionen

Die an dieser Stelle wiedergegebenen feedbacks zum Projekt Partei Marx haben im Augenblick nur archivalischen Wert, da die eingangs geäußerte Faszination an demselben, bis auf die nachstehend dokumentierten Ausnahmen, fast auf Null gesunken ist.

Daher verweisen wir auf die REFLEXIONEN, KRITIK und DEBATTE, worin wir uns mit unseren Kritikern und Autoren kritisch auseinandersetzen, die zu der Thematik, mit der wir uns zu beschäftigen haben, in, wie wir meinen, besonderer Weise hervorgetreten sind.

Zu Dokumentationszwecken wurden einige Briefe aus der Zeit vor 2001 aufgenommen.

In der letzten Zeit (seit dem Frühjahr 2007) haben die REAKTIONEN den einseitigen Charakter einer Art ‚Flaschenpost’ angenommen, die, so ist zu hoffen, wieder einem regeren Meinungsaustausch Platz machen wird.

[Korrekturen sinnentstellender Fehler sowie Kürzungen werden in eckige Klammern gesetzt und folgen der klassischen Deutschen Rechtschreibung.]

Dieser Text ist auch als PDF-Datei verfügbar

 


An Django (11.01.2009):

Lieber Django,

mit Verspätung sende ich Deine freundlichen Neujahrsgrüße zurück und danke für beiliegendes Info, bei dem Du an mich und mein Projekt gedacht hast. [1] Allerdings fand ich die Lektüre etwas enttäuschend, wofür ich selbstverständlich nicht Dich verantwortlich mache. Wer die Geschichte auf die dort angegebene Weise erforscht, kann dies nicht tun, ohne sie radikal gegen den Strich zu bürsten. Diesen Eindruck habe ich aber von Kinners Aufsatz nicht gewonnen. Es ist nicht mehr die alte Parteigeschichte. Mit so was machte man sich heute nur lächerlich, aber auch nicht das, was meiner Ansicht 90 Jahre danach erforderlich ist. Irgendwie liegt dieser Aufsatz dazwischen und ist – entschuldige – daher langweilig.

Nun lese ich heute […], daß Kinner eine vierbändige Geschichte der KPD herausgebracht hat, die laut ND so ganz anders sein soll als alles Bisherige. Irgendwann werde ich mal darin blättern und hoffe, nicht genauso enttäuscht zu sein wie von seinem USPD-Aufsatz.

In der Wochenendausgabe vom 03./04.01. fand ich einen ziemlich konfusen Artikel: „Für Israel, gegen die Araber? Für die Araber, gegen Israel?“ [2] Darin wird versucht, Anti-Semitismus und Anti-Zionismus einerseits nicht gleichzusetzen, andererseits doch, ohne daß deutlich wird, welche Position eigentlich der Autor bezieht. Wir Deutsche können uns aus bekannten Gründen keinen Anti-Weiß-der-Teufel-was-auch-immer leisten, aber Herr Ahmadineschad darf das alles, aber angeblich, ohne dabei die Juden ins Meer schmeißen zu lassen, was er ohne Zweifel mit Hamas’ Hilfe und mit Freuden täte…?

Welch eine Konfusion! Da lob ich mir doch die klare Auskunft von Herrn Mamdouh Habashi in der Beilage der jW [3] von diesem Wochenende: „Es kann keine gerechte und nachhaltige Lösung mit dem Zionismus als staatsgründende Ideologie geben. Ob politisch links oder rechts, wer die Rolle des Staates Israel in den geostrategischen Plänen des Westens“ (sic! nur des „Westens“?) „und der Politik des Imperialismus des 21. Jahrhunderts übersieht oder nicht wahrhaben will, will keinen realistischen Frieden.“ Heißt „realistischer Frieden“: vor Herrn Ahmadineschads Antisemitismus und solchen Gästen wie Haider oder Lafontaine (der zumindest in den Iran mal eingeladen war) usw. zu kapitulieren? Herr Habashi wird darin von der jW auch nach der ‚Solidarität mit Israel’-Politik Gregor Gysis gefragt. Die nicht sehr freundliche Antwort solltest Du selbst nachlesen.

Aus alledem wird für mich nur erkennbar, daß sich die LINKE irgendwann zwischen den Herren Habashi und Ahmadineschad auf der einen und Frau Knobloch auf der andern Seite zu entscheiden haben wird. Eine Entscheidung, die aussieht wie zwischen Pest und Cholera. Das ND liefert dazu die entsprechende Konfusion…

Viele herzliche Grüße

Ulrich

1) Neues Deutschland, 30.12.2008. Klaus Kinner: Flügelkämpfe und Fusionen. Parteibildungsprozesse in der deutschen Arbeiterbewegung und ein unorthodoxes Erbe.

2) Neues Deutschland, 03.01.2009. Bernhard Schmid: Für Israel gegen die Araber? Für die Araber gegen die Juden? In der Haltung zum Nahost-Konflikt und zum Islam sind Europas Rechtsextremisten und -populisten uneinig. Eines ist ihnen jedoch gemeinsam: ein tief verwurzelter Rassismus.

3) Junge Welt, 10.01.2009. Die Widerständler sind die Kinder der Bevölkerung. Gespräch mit Mamdouh Habashi. Über den Widerstand der Hamas, die Friedensunfähigkeit des Staates Israel und deutsche Linke auf Abwegen.


An Django (05.05.2009)

Lieber Django,

vielen Dank für Deine E-Mail und die interessanten Texte. […] Nun also zu den Texten: ich habe mir in Verbindung damit noch mal unsere Kontroverse von damals angeschaut und bin zu dem Ergebnis gekommen, daß meine damalige Einschätzung auch für die Entwicklung, die die LINKE seither genommen hat, voll und ganz zutrifft. Diese hat sich nur dahingehend weiter zugespitzt, daß die LINKE mit den ‚Globalisierungskritikern’ inzwischen vollständig zusammengewachsen ist, sodaß man zwischen dem ‚grünen’ und dem ‚linken’ New Deal so gut wie keinen Unterschied mehr erkennen kann. Ob aus diesem Verschmelzungsprozeß, den ich bisher, zugegebenermaßen einseitig, an dem linken Anspruch der daran als ‚west-deutsche’ Linke Beteiligten gemessen habe, eine neue Qualität entstanden ist, läßt sich von der Position, die die partei Marx bisher dazu eingenommen hat, nicht mehr adäquat bestimmen. Insofern war meine frühere Einschätzung zwar richtig, aber die Frage, worin diese neue Qualität besteht, läßt sich auf unserer bisherigen Diskussionsgrundlage nicht mehr hinreichend beantworten. Dieser Zug ist wohl abgefahren. Die ‚linke’ ‚Wiedervereinigung’ ist komplett; die ‚Wiedervereinigung’ der ‚Linken’ in der Partei gleichen Namens im Prinzip abgeschlossen. Einige Überlegungen dazu findest Du auf den Seiten der partei Marx, die von einer gewissen Abschiedsstimmung umweht sind [KOMMUNISMUS 3 ‚Kommunismus’ und Kommunismus in Deutschland]:

„Der von der partei Marx ursprünglich gestartete Versuch, mit der deutschen Linken über eine Alternative zu dem Weg, den sie nun gemeinsam mit den Herren Putin-Medwedjew eingeschlagen hat, ins Gespräch zu kommen, ist damit beendet. Eine Fortsetzung derartiger Debatten wird in Zukunft nur noch mit denjenigen Linken einen Sinn machen, die zumindest ihre berechtigten Zweifel an dieser Entwicklung haben, ohne sich gleich, wie z.B. die ‚Antideutschen’ oder die Bakunisten, nur in entgegensetzter Richtung, dies tun, mit einem Imperialismus gegen den konkurrierenden Imperialismus, mit einer der neu entstehenden Weltmächte (Rußland, China, dem Islamismus wahabitischer oder schiitischer Prägung) gegen die alte us-amerikanische Weltmacht (oder umgekehrt) gemein zu machen; die also mit der partei Marx im wesentlichen die Ansicht teilen, daß es an der Zeit ist, von der Opposition in der Linken zum Widerstand gegen deren linken Sozialimperialismus überzugehen.

Unter dieser Voraussetzung bleibt die Aufgabe bestehen, die theoretischen Debatten, die ursprünglich in der Linken (wenn auch ohne große Resonanz – was heute niemanden mehr verwundert) geführt werden sollten, unter den neuen Bedingungen fortzusetzen und die alte Unterscheidung zwischen den ‚Widersprüchen im Volk und den Widersprüchen zwischen uns und dem Feind’ zu reaktivieren, eine Unterscheidung die von der revisionistischen Linken immer schon gegen das ‚Volk’, wenn sich dieses ihren Ansprüchen verweigerte, gewendet wurde. Darin kommt auch unmißverständlich zum Ausdruck, daß die Differenzen, die die partei Marx (vergeblich) versucht hat, in der Linken zu debattieren, nun da sich die Linke politisch auf den Weg des Sozialimperialismus begibt, von nun an anderer Natur sind als ursprünglich angenommen.“

Ich danke Dir noch einmal recht herzlich für die textlichen Hinweise und würde mich freuen, auch in Zukunft, wenn es Dir sinnvoll erscheint, damit bedacht zu werden.

Herzliche Grüße und alles Gute

Ulrich


An Partei Marx (06.05.2009)

Lieber Ulrich

Meinen Kommentar zu diesem Brief findest Du in den Fußnoten. Leider finde ich, daß Deine Auffassungen wieder einmal nichts mit den Realitäten zu tun haben. Auch wäre es hilfreich für ein zügiges Lesen, wenn Du nicht immer so elend lange Schachtelsätze bilden würdest.

06.05.2009.
Herzliche Grüße

Django

Die Fußnoten:

[…] Nun also zu den Texten: ich habe mir in Verbindung damit noch mal unsere Kontroverse von damals angeschaut und bin zu dem Ergebnis gekommen, daß meine damalige Einschätzung auch für die Entwicklung, die die LINKE seither genommen hat, voll und ganz zutrifft. Diese hat sich nur dahingehend weiter zugespitzt, daß die LINKE mit den ‚Globalisierungskritikern’ inzwischen vollständig zusammengewachsen ist, sodaß man zwischen dem ‚grünen’ und dem ‚linken’ New Deal so gut wie keinen Unterschied mehr erkennen kann. [1] Ob aus diesem Verschmelzungsprozeß, den ich bisher, zugegebenermaßen einseitig, an dem linken Anspruch [2] der daran als ‚west-deutsche’ Linke Beteiligten gemessen habe, eine neue Qualität entstanden ist, läßt sich von der Position, die die partei Marx bisher dazu eingenommen hat, nicht mehr adäquat bestimmen. Insofern war meine frühere Einschätzung zwar richtig, aber die Frage, worin diese neue Qualität besteht, läßt sich auf unserer bisherigen Diskussionsgrundlage nicht mehr hinreichend beantworten. Dieser Zug ist wohl abgefahren. Die ‚linke’ ‚Wiedervereinigung’ ist komplett; [3] die ‚Wiedervereinigung’ der ‚Linken’ in der Partei gleichen Namens im Prinzip abgeschlossen. Einige Überlegungen dazu findest Du auf den Seiten der partei Marx, die von einer gewissen Abschiedsstimmung umweht sind [KOMMUNISMUS 3 ‚Kommunismus’ und Kommunismus in Deutschland]:

„Der von der partei Marx ursprünglich gestartete Versuch, mit der deutschen Linken über eine Alternative zu dem Weg, den sie nun gemeinsam mit den Herren Putin-Medwedjew [4] eingeschlagen hat, ins Gespräch zu kommen, ist damit beendet. Eine Fortsetzung derartiger Debatten wird in Zukunft nur noch mit denjenigen Linken einen Sinn machen, die zumindest ihre berechtigten Zweifel an dieser Entwicklung haben, ohne sich gleich, wie z.B. die ‚Antideutschen’ oder die Bakunisten, nur in entgegensetzter Richtung, dies tun, mit einem Imperialismus gegen den konkurrierenden Imperialismus, mit einer der neu entstehenden Weltmächte (Rußland, China, dem Islamismus wahabitischer oder schiitischer Prägung) gegen die alte us-amerikanische Weltmacht (oder umgekehrt) gemein zu machen; die also mit der partei Marx im wesentlichen die Ansicht teilen, daß es an der Zeit ist, von der Opposition in der Linken zum Widerstand gegen deren linken Sozialimperialismus überzugehen. [5]

Unter dieser Voraussetzung bleibt die Aufgabe bestehen, die theoretischen Debatten, die ursprünglich in der Linken (wenn auch ohne große Resonanz – was heute niemanden mehr verwundert) geführt werden sollten, unter den neuen Bedingungen fortzusetzen und die alte Unterscheidung zwischen den ‚Widersprüchen im Volk und den Widersprüchen zwischen uns und dem Feind’ zu reaktivieren, eine Unterscheidung die von der revisionistischen Linken immer schon gegen das ‚Volk’, wenn sich dieses ihren Ansprüchen verweigerte, gewendet wurde. Darin kommt auch unmißverständlich zum Ausdruck, daß die Differenzen, die die partei Marx (vergeblich) versucht hat, in der Linken zu debattieren, nun da sich die Linke politisch auf den Weg des Sozialimperialismus begibt, [6] von nun an anderer Natur sind als ursprünglich angenommen.“ …

[1] Der prinzipielle und große Unterschied zwischen dem grünen und dem „linken“ New Deal besteht darin, daß DIE LINKE für eine Demokratisierung der Wirtschaft eintritt, was nur ein anderes Wort für Vergesellschaftung ist. Der grüne New Deal will nur eine technologische Reform des Kapitalismus, ohne dessen Grundlagen anzutasten.

[2] Welcher Anspruch?

[3] Die Linke in Deutschland ist sehr viel größer als DIE LINKE!

[4] Zu behaupten, daß die deutsche Linke mit Putin-Medwedjew gemeinsame Sache macht, ist völlig aus der Luft gegriffen. Für DIE LINKE trifft das allein schon deshalb nicht zu, weil sie eine konsequente Friedenspartei ist. Wo hast Du diesen Unsinn her?

[5] Ob China eine „sozialimperialistische“ Macht ist, ist noch nicht ausgemacht.

[6] Ich kenne keinen Linken, der sich auf den Weg des „Sozialimperialismus“ begibt. Für DIE LINKE trifft dies gewiß nicht zu, da sie jede Form der Herrschaft eines Staates über einen anderen prinzipiell ablehnt.


An Django (10.05.2009)

Lieber Django,

meine Sätze werden so lange verschachtelt bleiben, wie die Realität sich mir so verschachtelt darstellt. Aber ich verspreche Dir, daß sich beides in absehbarer Zeit ändern wird. Im übrigen wäre es hilfreich gewesen, wenn Du den ganzen Aufsatz gelesen hättest, aus dem in meinem Brief zitiert wird.

Nun zu Deinen Fußnoten:

Zu meiner These, daß „man zwischen dem ‚grünen’ und dem ‚linken’ New Deal so gut wie keinen Unterschied mehr erkennen kann“, Deine Fußnote 1), daß der Unterschied zwischen beidem darin bestehe, „daß DIE LINKE für eine Demokratisierung der Wirtschaft eintritt, was nur ein anderes Wort für Vergesellschaftung ist“, während der grüne New Deal „eine technologische Reform des Kapitalismus (will), ohne dessen Grundlage anzutasten“.

Welche Grundlagen der kapitalistischen Produktionsweise wären denn das, die durch eine „Demokratisierung der Wirtschaft“ angetastet würden, die nicht bereits von der vor- oder post-Godesberger Sozialdemokratie im Sinne der großen Kapitale ‚demokratisiert’ wurden?

Oder wollt Ihr die Mehrwertproduktion „antasten“? Denn durch eine „Demokratisierung der Wirtschaft“ tastet Ihr bestenfalls die Herrschaft des einen Chefs an und ersetzt diese durch die Herrschaft eines anderen (meinetwegen eines kollektiven) Chefs, ohne die Macht des Kapitals im geringsten „an(zu)tasten“. Oder wollt ihr gar die Herrschaft der Bourgeoisie „antasten“ und diese durch eine Diktatur des Proletariats im Sinne der Pariser Kommune ersetzen? Durch die Diktatur welchen Proletariats, bitte sehr? Du warst es doch immer, der mir genau diese Frage gestellt hat!

In Wahrheit wollt Ihr der ‚alten’ Bourgeoisie nur verstärkt auf die Sprünge helfen und sie dazu nötigen, mit Euch die Macht und den Reichtum des Kapitals zu teilen und dazu, ihrerseits vielleicht irgendwann ganz darauf zu verzichten, sollten vielleicht einmal wieder irgendwelche Panzer vor der Haustür stehen! Denn ich habe durch die Lektüre Eurer Parteipresse arge Zweifel, ob Ihr dem panzergetriebenen Sozialismus-Export der nahen Vergangenheit wirklich ehrlichen Herzens Adieu gesagt habt? Sonst hättet Ihr nicht schon den russischen Panzern in Georgien solch großen Respekt bezeugt. Aber dazu weiter unten!

Zu dem oben angesprochenen Unterschied heißt es in kontrovers 01/2009, 13: „Eine Umwälzung der gesamten Produktionsstruktur, der Praxis und Kultur des Konsumismus, der Ökonomie der Autogesellschaft, der Struktur unserer Städte und unseres gesellschaftlichen Verhältnisses zur Natur, ohne die kapitalistische Produktionsweise als solche anzutasten [!], reproduziert jedoch zugleich deren Widersprüche.“ [1] Daraus ließe sich vielleicht noch eine Distanzierung zu den ‚Globalisierungskritikern’ und den GRÜNEN ablesen, die Du z.B. auf den Seiten der partei Marx hättest nachlesen können. Eine solche wird aber im nächsten Satz taktisch wieder zurückgenommen, was erneut bezeugt, daß der ‚Anti-Kapitalismus’ der LINKEN theoretisch vollkommen bodenlos und politisch daher kaum weniger demagogisch als derjenige der Neo-Nazis ist: „Insofern der Public und der Green New Deal aber Grundprobleme der gegenwärtigen Produktions- und Lebensweise aufgreifen [!] und die Strukturen der Reproduktion zu verändern sucht, bieten sie deutliche Ansatzpunkte für eine transformatorische Politik, die über den Kapitalismus hinausweist und können zu einem Hauptfeld für eine solidarische Gesellschaft werden.“ [2]

Worüber diese „Ansatzpunkte …hinausweisen“, das ist in meinen Augen in letzter Konsequenz ein linker Öko-Faschismus, den sich die hard working people in ihrer Mehrzahl gewißlich nicht gefallen und sie die GRÜNEN daher fallen lassen werden! Wie stark DIE LINKE im übrigen mit unseren grünen Ökofaschisten an einem Strang zieht, zeigt sich im Schlußwort des o.g. Papers, 22: „Es ist an der Zeit, nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in Europa und weltweit die Perspektive der Transformation, die über den Kapitalismus hinausweist [!], das Ziel einer solidarischen Gesellschaft auf die Tagesordnung zu setzen. … Auf die proklamierte Rückkehr [?] zu einer gescheiterten ‚sozialen’ Marktwirtschaft sollte die Linke mit der Forderung nach dem Vorwärts zu einer solidarischen Gesellschaft mit einer sozial und ökologisch regulierten Mischwirtschaft [hier mischen sich nicht nur die Wirtschaft, sondern auch zwei Parteiprogramme!] mit starken öffentlichen, gemeinwirtschaftlichen Sektoren, als Schritt im Zuge eines sozialökologischen Umbaus antworten.“

Oder worin siehst Du bei der „sozial und ökologisch regulierten Mischwirtschaft … im Zuge eines sozialökologischen Umbaus“ einen Unterschied zum Green New Deal? Es gibt so gut wie keinen! Außerdem eine große Gemeinsamkeit: sich als Steuerverteilungspartei in Szene zu setzen zur Schaffung von Jobs, die dann von beiden Parteien schiedlich friedlich unter ihrer Klientel in Umkehrung der Parole verteilt werden: ‚Wir sind das Volk’! Frau Roth verteilt 1 Million Jobs, Herr Gysi 2 Millionen. Das ist der einzige Unterschied. Eigentlich ziemlich lächerlich das ganze, aber gerade deshalb um so gefährlicher…

Fußnote 2): Du fragst: „Welcher Anspruch?“ [3] Gemeint ist der Anspruch, mit dem die revolutionäre Linke von 1967 mit ihrer Politik an der Oktoberrevolution anzuknüpfen versuchte. Aber vergiß diesen Anspruch!

Um darüber ernsthaft zu diskutieren, müßte dieser von beiden Seiten ernstgenommen werden. Dafür kann ich in Deiner Partei keine ernstzunehmenden Anzeichen (woran auch ein paar Alibi-Aufsätze/Veranstaltungen nichts ändern) entdecken.

Deine Fußnote 3) zu dem Satz: „Die ‚linke’ ‚Wiedervereinigung’ ist komplett, die ‚Wiedervereinigung’ der ‚Linken’ in der Partei gleichen Namens im Prinzip abgeschlossen“, lautet: „Die Linke in Deutschland ist sehr viel größer als DIE LINKE“.

Mag sein! Es handelt sich hier aber nicht um ein mengentheoretisches Problem. Es geht darum, ob die übrige Linke sich noch wesentlich von der LINKEn politisch unterscheidet? Das wage ich stark zu bezweifeln. Sie, d.h. die „Linke in Deutschland“, sind Kinder ein und derselben Konterrevolution gegen den Kommunismus geblieben, weil sie deren fragwürdige Errungenschaften als Linke nie ernsthaft in Frage gestellt hat. Es gibt nur einen Unterschied zwischen den GRÜNEN und der LINKEN: jene haben sich und die große Kulturrevolution von 1967 an die Bourgeoisie verkauft, anstatt sie in die Arbeiterklasse zu tragen; die LINKE hat dies nicht nötig, weil ihr Besatzungsmacht-Sozialismus schon von vornherein verraten und verkauft war. Aber, um in der Mehrheitsgesellschaft überhaupt ein Bein auf die Erde zu bekommen, stellt sie sich als Vollstrecker einer Kontinuität dar, die in der Realität längst zerbrochen ist. Was bei den Grünen ein übler Scherz war, ist bei der LINKEn eine billige Farce.

Zu Deiner Fußnote 4), d.h. zum gemeinsamen Weg, den die deutsche Linke mit den Herren Putin-Medwedjew einzuschlagen gedenkt, bietet sich der Aufsatz von Roy und Zhores Medwedjew im ND von diesem Wochenende (09./10.05.) über die Frage an: „Wer sitzt vorn auf dem russischen Tandem?“ [4] Diese reine Kreml-Hofberichterstattung, die an prominenter Stelle unkommentiert im ND erscheint, würde ich durch die These zusammenfassen: Die Wirtschaftskrise kam aus dem Westen („Die Krise kam schließlich aus dem Westen“) – deren Heil-ung kommt von Herrn Putin (Ex oriente lux: „Im Bewußtsein der Mehrheit in Rußland ist Putin der nationale Führer“.).

Mit Artikeln wie diesem wird deutlich, daß DIE LINKE allem Anschein nach ein roll-back der im Staatsbankrott untergegangenen SU + DDR vorhat nach dem Motto: Ihr habt uns 1989 unseren Staatsbankrott abgewickelt – reden wir jetzt über euren Staatsbankrott im Jahre 2010 + x! Ihr habt uns 1989 aus dem politischen Geschäft gedrängt – jetzt machen wir dasselbe mit euch!

Hoffentlich vertut sich Deine Partei nicht mit dieser Retourkutsche! Die Deutschen mögen, glaubt man nicht nur der BILD-Zeitung, politisch ziemlich dumm sein, aber sie haben ein Elefantengedächtnis!

Roy Medwedjew, der ein hervorragendes Buch über die Oktoberrevolution geschrieben hat (Das Urteil der Geschichte), macht sich mit diesem Aufsatz zum erbärmlichen Hofnarren Putins. Dieser Wandlungsprozeß der linken russischen Intelligenz ist mehr als erschreckend. Andererseits zeigen sich die Trotzkisten wieder einmal von ihrer Schokoladenseite…

Fußnote 5): „Ob China eine ‚sozialimperialistische’ Macht ist, ist noch nicht ausgemacht“.
Ausgemacht ist zumindest, daß China eines der wenigen Länder ist, in dem eine KP die alleinige Herrschaft ausübt, deren Sozialimperialismus sich zunächst nur gegen die nationalen Minderheiten in den sog. Randgebieten richtet. In der Tat hat die KPCh noch keinen klaren Schwenk zu einer sozialimperialistischen Weltmacht vollzogen. Das wäre erst mit der Realisierung einer entsprechenden Flottenbaupolitik (Flugzeugträger) der Fall. Erst dann befände es sich auf dem Stand der (post-)
stalinschen SU der 50er und 60er Jahre. Aber das ist eine Frage der Zeit. Und gemessen daran ist die Unterdrückung der nationalen Minderheiten ‚nur’ erst Symptom eines zu erwartenden offenen nach Weltherrschaft strebenden Sozialimperialismus.

Allerdings kümmert das Blätter wie jW oder uz herzlich wenig, die die Tibet-Politik der VR China offen rechtfertigen (Denen ist daher reichlich schnuppe, daß es eigentlich in jeder Nation Sache der unterdrückten Klassen ist, ihre Sklavenhalterklasse eigenhändig stürzen zu dürfen – auch die der tibetischen; durch die Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts der Nationen wird statt dessen der Nimbus der reaktionären Klassen dieser Nation gerade erst gestärkt. Was wohl auch beabsichtigt ist, um schließlich eine solche Nation qua Nation auszulöschen. Kannst Du alles bei Lenin nachlesen…)

Fußnote 6): Entgegen der Behauptung der partei Marx kennst Du „keinen Linken, der sich auf den Weg des ‚Sozialimperialismus’ begibt“. Dazu sei nach Deinen Worten schon gar nicht DIE LINKE zu zählen, „da sie jede Form der Herrschaft eines Staates über einen anderen prinzipiell ablehnt!“

Am 21./22.03.2009 veröffentlicht das ND auf der Themen-Seite „Der NATO-Krieg gegen Jugoslawien“ unter der Überschrift: „Es geschah in unserem Namen“, einen Artikel von Hans Wallow, der die Völkermord-These der damaligen rot-grünen Regierung zu widerlegen sucht. [5] Es handelt sich um einen jener Argumentationsversuche, die zeigen sollen, daß die Fluchtbewegung der kosovarischen Bevölkerung erst durch die Nato-Bombardements und nicht bereits von den Mörderbanden der im Staatsauftrag extra-legal operierenden Tschetnik-Verbände ausgelöst wurde; d.h. daß, wie in der sozialimperialistischen Propaganda üblich, Ursachen und Wirkungen schlicht auf den Kopf gestellt werden, um sich eine passende Argumentation zurechtzulegen. Wallow ist nicht der erste, der die gesamte Vorgeschichte des durch den linken Ultranationalisten Milosevic in gang gesetzten Eroberungskrieges im ehemaligen Jugoslawien ausklammert, aus der Geschichte streicht und die Vertreibungen der Zivilbevölkerung erst mit den Bombardements der Nato beginnen läßt (die sich im übrigen nicht gegen das Kosovo, sondern hauptsächlich gegen die Macht-Zentren des Milosevic-Regimes richteten). Es ist die klassische Methode der Darstellung des Täters als bedauernswertes Opfer. In Wahrheit stellten diese Aktionen der Nato eigentlich nur das letzte Kapitel einer von ‚westlicher’ Seite halbherzigen und verfehlten Politik dar (Dayton-Abkommen), die bis zum letzten Geht-nicht-mehr gemeinsam mit den Völkermördern über die Leichen massakrierter Nicht-Serben zu gehen bereit war, um den aufgestauten Nationalismus sich ‚ausbluten’ zu lassen (so die beeindruckende Formulierung des Sozialdemokraten Egon Bahr in einem Rundfunkinterview aus jener Zeit, das mir lebhaft in Erinnerung geblieben ist).

Den linken Sozialimperialismus mache ich folglich daran fest, daß die Linke nicht beide Seiten der Medaille analysiert, sondern auch in diesem Fall den östlichen Sozialchauvinismus des Groß-Serbentums in seiner Konfrontation mit der us-amerikanischen Supermacht ‚antiimperialistisch’ und ‚antifaschistisch’ exkulpiert. Halbwahrheiten und die Vertauschung von Ursache und Wirkung sind – lange geübt – zwei wichtige Momente sozialimperialistischer Propaganda und Politik, d.h. den Imperialismus ausschließlich von der Position des ihm feindlichen Imperialismus zu bekämpfen und dabei dessen reaktionären Charakter zu ignorieren. Eben das ist per definitionem linker Sozialimperialismus von den ‚Anti-Deutschen’ bis zur ‚Jungen Welt’.

Ein letztes Beispiel: in der Ausgabe des ND vom 09./10.08.2008 analysiert Jürgen Elsässer, altgedienter ‚Antideutscher’ aus seiner Zeit bei konkret, den Georgien-Krieg und rechtfertigt die Sezessionsversuche der Abchasen und Südosseten mit der Abspaltung des Kosovo von Serbien durch den ‚Westen’, d.h. den einen Völkerrechtsbruch durch einen anderen. [6] (Nicht anders sind übrigens Stalin und Hitler bei der Aufteilung Polens und des Baltikum 1939 argumentativ vorgegangen). Die Abspaltung beider völkerrechtlich zu Georgien gehörenden Landesteile begründet d.A. mit dem sozialchauvinistischen Argument: „Abchasen und Südosseten wird die Eigenstaatlichkeit nur deswegen vom Westen abgesprochen, weil sie – anders als die Albaner – Anlehnung an Rußland und nicht an die USA suchen“. Entsprechend diesem Schema ist es nach Elsässer in Georgien nur deshalb zum Krieg gekommen, weil die Anrainerstaaten des kaspischen Meeres „ihr Gas nämlich lieber an die russische Konkurrenz als an die BP (verkaufen) und die russischen Pipelines nach Westeuropa sicherer sind als die Tanker ab Ceyhan“. Auf die Idee, daß hinter dem russischen Stamokap vergleichbare imperialistische Interessen stecken könnten wie hinter den Geschäftsideen der ‚westlichen Imperialisten’, kommt unser Ex-Anti-Deutscher erst gar nicht. Mal ganz abgesehen davon, daß Südossetien und Abchasien völkerrechtlich ebenso ein Teil Georgiens sind, wie das Kosovo unbestritten zu Serbien gehört. Man legt sich die politische Karte Europas so zurecht, wie sie einem gerade in den linken Kram paßt. Hauptsache Rußland erscheint immer als das arme Opfer ‚westlicher’ Aggressionslust. „Vor diesem Hintergrund ist es für die West-Multis zwingend, die ökonomisch so erfolgreichen Russen mit militärischer Gewalt vom Kaspischen Meer abzudrängen.“ Aber, beruhigt d.A. seine Leser, alles halb so schlimm: „Russische Einheiten haben die Grenze überschritten und bieten dem Angreifer Paroli“, ohne daß er auch nur auf den Gedanken käme zu fragen, was die russischen Panzer dort eigentlichen verloren hatten? Denn eines war für ihn schon von vornherein klar: „Die Schuld für diese Eskalation liegt übrigens bei Saakaschwili“. Die russische Armee hat nur dem Recht wieder einmal zum Durchbruch verholfen.

Wie willst Du angesichts dessen als jemand, der angeblich „jede Form der Herrschaft eines Staates über einen anderen prinzipiell ablehnt!“, die Frage beantworten, was die russischen Truppen eigentlich über einen halben Monat lang in Gori verloren hatten? Zweifellos hat Herr Saakaschwili einen völkerrechtlich zu Georgien gehörenden Landstrich mit nicht zu akzeptierenden und völlig fragwürdigen Mitteln (woran heute kaum noch ein politisch ernstzunehmender Georgier zweifelt) gewaltsam zurückerobern wollen. Er hat aber im Gegensatz zu Rußland keine fremde, sondern einen Teil der von Separatisten abgetrennten eigenen Nation überfallen, deren Grenzziehung ironischerweise von Stalin höchst persönlich nach dem Muster der Grenzziehungen in den britischen Kolonien vollzogen wurde, um den Status Georgiens als großrussische Satrapie zu festigen (divide et impera!). Dieser feine, aber entscheidende Unterschied spielt, wollten wir Deinem o.g. Prinzip treu bleiben, für linke Sozialimperialisten keine Rolle.

Deren Auffassungen finden an exponierter Stelle in Deinem Parteiorgan Aufnahme. Nicht zu reden von der jW oder der uz, wo das ganze noch einen sozialimperialistischen Dreh härter mit entsprechend klarer russophiler Schlagseite vertreten wird. Aber inzwischen seid Ihr, wie der Artikel der Brüder Medwedjew zeigt, ja dabei, auch diesen Vorsprung aufzuholen.

Soviel zu Deinen Fußnoten.

Viele Grüße

Ulrich

1) www.rosalux.de kontrovers. Beiträge zur politischen Bildung 01/2009: Die Krise des Finanzmarkt-Kapitalismus – Herausforderung für die Linke (Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa Luxemburg Stiftung März 2009).

2) Ebenda.

3) Oben, An Django, hieß es: „Ob aus diesem Verschmelzungsprozeß, den ich bisher, zugegebenermaßen einseitig, an dem linken Anspruch der daran als ‚west-deutsche’ Linke Beteiligten gemessen habe, eine neue Qualität entstanden ist, läßt sich von der Position, die die partei Marx bisher dazu eingenommen hat, nicht mehr adäquat bestimmen.“

4) Neues Deutschland, 09.05.2009. Roy und Zhores Medwedjew: Wer sitzt vorn auf dem russischen Tandem? Auch ein Jahr nach seiner Einführung ins Präsidentenamt ist Dmitri Mewedjew noch ‚Schüler und Kampfgefährte’ seines Vorgängers und Premiers Wladimir Putin.

5) Neues Deutschland, 21.03.2009. Hans Wallow: Es geschah in unserem Namen. Vor zehn Jahren zog Deutschland erstmals nach 1945 wieder in einen Angriffskrieg.

6) Neues Deutschland, 09.08.2008. Jürgen Elsässer: Krieg ums kaspische Öl. Die georgische Pipeline von British Petroleom ist ein Flop. Gazprom eröffnet eine Röhre nach der anderen. Mit Krieg soll der russische Vorsprung eliminiert werden.


An Partei Marx (13.05.2009)

Guten Tag Ulrich

Deine Bemerkungen sind derart krank und perfide, daß ich hiermit jeden Kontakt zu Dir abbreche. Falls es noch Texte von mir auf irgendeiner Website von Dir geben sollte, fordere ich Dich hiermit auf, diese unverzüglich zu entfernen.

[Im Anhang zu dieser Mail befindet sich „…eine Antwort auf Bemerkungen von EUK vom 10.05.2009, die ich mit Mail vom 12.05.2009, 13:28 erhalten habe“]:

1.        VERGESELLSCHAFTUNG

Vergesellschaftung (per Reformen) bedeutet, daß die Gesellschaft (schrittweise) über die Produktionsmittel verfügt. Dabei ist die Verfügung nicht allein an Eigentumstitel gebunden, sondern kann auch durch Gesetz geregelt werden – wodurch die sozialen und ökologischen Interessen der Mehrheit ins Spiel kommen. Konkrete Subjekte und Formen der Verfügung sind z.B. Belegschaften, Genossenschaften, kommunale Vertreter, Vertreter des Konsumenten etc. Damit wäre die Herrschaft des Kapitals über die Wirtschaft aufgehoben. Dazu bedarf es Mehrheiten bei Wahlen und in der Gesellschaft (vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Lernprozesses). Damit wäre die Vorherrschaft des Kapitals über die Gesellschaft aufgehoben. Insgesamt handelt es sich um einen langen historischen Prozeß. Eine Diktatur welcher Art auch immer lehnt DIE LINKE ab. Bereits die SED-PDS hat auf ihrem Außerordentlichen Parteitag im Dezember 1989 unwiderruflich mit dem Stalinismus als System gebrochen.

2.        MEHRWERTPRODUKTION

Mehrwertproduktion ist unabdingbar. Es kommt vielmehr auf die Verwendung des Mehrwerts an – durch wen und für wen.

3.        PANZER UND (GEORGIEN)-KRIEG

DIE LINKE lehnt Krieg als Mittel der Politik prinzipiell ab. Dies ist jedem bekannt, der sich auch nur ein wenig mit der Politik der DIE LINKE auskennt. Daß DIE LINKE den russischen Panzern großen Respekt bezeugt hätte, ist durch nichts zu belegen. Es handelt sich vielmehr um eine perfide Unterstellung Deinerseits, die ich Dir persönlich übelnehme. Perfide deshalb, weil Du dies behauptest, obwohl es nur einer geringen Mühe bedurft hätte, um die entsprechenden authentischen Stellen zu diesem Thema zu finden (Google: siehe hierzu Anlagen). Daß Du nicht einmal diese Recherchen für nötig befunden hast, sagt mir, daß diese Unterstellungen in bösartiger Absicht geschehen sind.

4.        ANSATZPUNKTE

Der Green New Deal bietet insofern Ansatzpunkte, als er tatsächlich die Umweltkrise thematisiert und richtige Konzepte für ihre Bearbeitung vorlegt, z.B. Ausstieg aus der Energieproduktion aus Atom, Kohle, Öl und Erdgas durch deren Umstellung auf Sonne, Wind etc. Das kann ein Dogmatiker natürlich nicht verstehen, weil ja nur er DAS Grundproblem bzw. den einzig wahren Weg zum Sozialismus kennt: Die Diktatur der Bourgeoisie bzw. die Diktatur des Proletariats. Hier von Öko-Faschismus zu schreiben, ist nur noch krank!!! Eine Begründung ersparst Du Dir denn auch. Diese wäre dann auch doch selbst für Deine Verhältnisse zu irre ausgefallen.

Es besteht hier also logischerweise insofern kein Unterschied, als es schlicht richtig ist, von z.B. den fossilen Energieträger wegzukommen und es sich im übrigen bei der Umweltkrise um eine Existenzfrage der Menschheit überhaupt handelt, es also insofern absolut notwendig ist, diese zu lösen, um überhaupt noch von irgendeiner menschenwürdigen zukünftigen Gesellschaft sinnvoll reden zu können. Ohne die Lösung der Umweltkrise kann es keine sozialistische Gesellschaft geben.

1) Bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich auch daran, daß Du seinerzeit anläßlich meiner Kritik an DEINEN „marxistischen“ Positionen schlankweg auf die Klassiker verwiesen hast, so als hättest Du eigentlich gar nichts damit zu tun bzw. trügen Marx und Engels die Verantwortung für DEINE Auffassungen.


An den Buchladen Georgi Dimitroff in Frankfurt (12.05.2003)

Hallo Buchladenkollektiv,

leider finde ich erst jetzt Zeit, auf die mir zugesandte reichhaltige Materialsammlung zu reagieren und mich dafür zu bedanken. Ich hatte es ja auf die Ausgabe von Gegen die Strömung mit den „Überzeugende(n) Argumente(n) für den Kommunismus“ abgesehen. Da Ihr auf eine inhaltliche Debatte Wert legt, möchte ich dazu einige Anmerkungen machen und werde dabei Euer Flugblatt 4/03 („Stalin in Deutschland verteidigen“) mit einbeziehen. [1]

Die Überzeugungskraft Eurer Argumente für den Kommunismus wird dadurch geschmälert, daß sie sich auf dem Stand von 1927 bewegen und mir auf diesem Erkenntnisniveau des weltrevolutionären Klassenkampfes als äußerst fragwürdig erscheinen. 1927 befindet sich die Auseinandersetzung Stalins mit der „Vereinigten Opposition“ auf ihrem Höhepunkt, während sich der Bruch mit Bucharin wenig später andeutet und damit der Ausgangspunkt für die Vernichtung der russischen Bauern(gemeinde), all das kulminierend in dem durch den Kirow-Mord ausgelösten Putsch Stalins gegen ZK und Politbüro… Ich will damit sagen: Eure mit bestimmten aktuellen Alltagserfahrungen angereicherten allgemeinen Wahrheiten über den Kommunismus (Stand 1927) sind in [den] Augen der interessierten Öffentlichkeit nicht viel wert, solange in ihnen nicht die (theoretisch zu erarbeitenden) historischen Erfahrungen nicht nur der (sehr kurzen) revolutionären Epoche seit 1917, sondern auch der ihr folgenden (verhältnismäßig langen) konterrevolutionären Epoche verarbeitet sind. Dazu leistet Ihr in den aus diesem Grund völlig abstrakt bleibenden „Argumente(n) für den Kommunismus“ keinen Beitrag und von daher bleibt ihre erhoffte Überzeugungskraft leider ein frommer Wunsch. Und wenn Ihr, wie in dem angesprochenen Flugblatt, konkret werdet, sind Eure Argumente sachlich nicht haltbar:

1.  Nicht Stalin hat „Hitler das Genick gebrochen“, [2] sondern die Völker der Sowjetunion haben das vollbracht. Stalin hat zunächst alles getan, um mit Hitler eine Verständigung über die ‚friedliche’ Aufteilung Europas zu erreichen, beginnend mit dem sozialimperialistischen Überfall auf Finnland, wo er sich eine blutige Nase holte. Als er dann seinen Job als Oberster Befehlshaber ausüben sollte, war er mehrere Tage nach Hitlers Überfall nicht zu sprechen. Zweifellos hatte er sich in seinem sozialimperialistischen Kalkül total verrechnet, was die Vernichtung fast der gesamten Luftwaffe und mehrerer Divisionen der Roten Armee bedeutete. ‚Heldenhaft‘ hatte er zuvor die gesamte Leninsche Garde und die fähigsten Kader der Roten Armee ins GULag geschickt oder gleich per Genickschuß liquidiert; nun waren wirkliche Helden gefragt, zu denen Stalin nun einmal nicht zählt. Daß er „Hitler das Genick gebrochen“ haben soll, hat dieselbe operettenhafte Bedeutung wie Bushs Landung im vollen Pilotendress auf einem Flugzeugträger im Arabischen Golf.

2.  ist das „Potsdamer Abkommen“ kein Abkommen, sondern nur ein