Reaktionen 

Reaktionen (2015)

Diese REAKTIONEN enthalten den Entwurf zur Gründung eines Kommunistischen Korrespondenz Komitees, das einen kommunistischen KorrespondenzBlog herausgeben soll und das eines Tages die REAKTIONEN fortsetzen und diese wahrscheinlich überflüssig machen wird. Im Nachhinein werden sich die REAKTIONEN dann vielleicht als dessen Vorform darstellen. Aber es wäre eine Illusion zu glauben, das eine würden sich naturwüchsig aus dem anderen entwickeln.

REAKTIONEN 2015
REAKTIONEN ANHANG 1
REAKTIONEN ANHANG 2
REAKTIONEN ANHANG 3
REAKTIONEN ANHANG 4
REAKTIONEN ANHANG 5
REAKTIONEN ANHANG 6

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Ulrich Knaudt an F.W. (04.01.2015)
Betreff: LINKS


Lieber F.W., herzlichen Dank für die Neujahrsgrüße, die ich mit Verspätung erwidere. Ebenso vielen Dank für die Links zu dem ‚Interview‘ »Etwas über das Proletariat« und ‚Eine Erwiderung…‘ [1]


… Das Adorno-Zitat am Schluß von ‚Eine Erwiderung‘ hat mir gefallen. Wenn man es auf die in dem ‚Interview‘ angesprochene Situation in der Ukraine überträgt, würde sich zeigen, das bisher niemand die Gründe benennen kann oder zumindest genauer untersucht hat, warum (nicht nur dort) »die Türen verrammelt« sind. Die liegen meiner Ansicht nach in der Geschichte zunächst einmal der russischen Revolution und allem, was daraus danach gefolgt ist. Diese beginnt nicht 1917, sondern mit der Entdeckung der Narodniki und Tschernyschewskis durch Marx und Engels nach ihrer Abrechnung mit Bakunin in der IWA [2] und nach dem Untergang der Commune.


Wenn die ukrainischen Genossen ihre eigene Situation mit den seit dieser Zeit stattfindenden Auseinandersetzungen abgleichen würden, kämen sie auch sehr schnell darauf, daß z.B. die Bolschewiki in der Ukraine, anstatt sich mit den Bauern und den Arbeitern gegen Grundbesitz und Kapital zusammenzuschließen, wie mal bemerkt wurde, die Vorrechte der russischen Grundbesitzerklasse in der Ukraine, die wahrscheinlich denen der englischen in Irland sehr ähnelte, verteidigen ‚mußten‘, um die Sowjetunion gegen die internationale Konterrevolution zu verteidigen. Inwieweit die Rada und die ukrainischen Grundbesitzer tatsächlich politisch identisch waren, wäre zu untersuchen. Auf jeden Fall hätten die Bolschewiki, wenn sie sich an die Marxschen Sassulitsch-Briefe gehalten hätten und nicht nur an das KAP[ITAL], auch zu Feinden nicht nur der ukrainischen, sondern auch der russischen Grundbesitzerklasse werden müssen. So aber verteidigten sie (möglicherweise ungewollt) die russischen gegen die ukrainischen Grundbesitzer und gegen die ukrainischen Bauern, während die Leninsche Lösung der N[ationalen]F[rage] zur (Stalinschen) Phrase verkam und diese sich auf der Grundlage des linken Sozialimperialismus in russischen Großmachtchauvinismus verwandelte. Die NF war ohne B[auern]F[rage] unlösbar. Daran leiden die Revolutionäre in der Ukraine augenscheinlich bis zum heutigen Tag, während ich bei der westeuropäischen Linken keinerlei Gefühlsregungen dieser Art feststellen kann, offenbar weil sie sich hier mit Putins Hilfe kurz vor dem März 1917 wähnt, damit Putin dann dem ‚ukrainischen Faschismus‘ ungestört an die Gurgel gehen kann. Solange fressen sie weiter Kreide und tarnen sich als Demokraten.


Vorläufiges Fazit: Die Frage nach dem Proletariat stellt sich auf doppelte Weise historisch. Einmal im Sinne der Analyse der Geschichte der bisherigen Revolutionen seit 1789, zum andern als Aufarbeitung der Marxschen Analysen der proletarischen Revolution in Frankreich in Verbindung mit der Europäischen Revolution von 1848 und ihren politischen Folgen. Diese Verbindung läßt sich auf bürgerliche, kleinbürgerliche oder sonst wie herstellen, oder aber unter dem Gesichtspunkt der Foreign Policy der Working class. Nur dann entgeht die Debatte über das Proletariat den sonst allgemein üblichen Abstraktionen, in denen auch die Diskussion in den o.g. Texten befangen ist.


Damit aber noch nicht genug: weil die Frage nach der Foreign Policy selbstverständlich mit der Foreign Policy der europäischen Groß- und Hegemonialmächte zusammenhängt. Von letzteren gab es bis 1848 Großbritannien, Rußland und bis 1815 Frankreich (für Marx endet die Französische Revolution 1815!) und dazu die Großmächte Österreich und Preußen. Beide versuchten, ihren Einfluß in Deutschland und nicht etwa Deutschland[s] (was für ein monströses Gebilde das ‚Altreich‘ auch immer nach dem 30-jährigen Krieg gewesen sein mag!) gegen die beiden Hegemonialmächte zu verteidigen. Die Foreign Policy der Marxschen Partei geht 1848 und danach von dieser Konstellation aus…


Das KAP muß also nicht nur unter dem internationalen (siehe Indien), sondern auch unter diesem ’nationalen‘ Aspekt gelesen werden. Wird es aber nicht! Dann muß die Lektüre eben in Abstraktionen hängenbleiben!


Wie Du leicht erkennen kannst, bin ich schon aus diesen Gründen an der Debatte in der Ukraine äußerst interessiert.


Putins Rußland will wieder Hegemonialmacht werden, um den USA und (danach seinem momentanen Verbündeten) China Paroli bieten zu können. Dazu muß er zumindest die Eroberungen der alten Zaren in Europa wieder herstellen und die ‚Tragödie‘, von der das Stalinsche Weltreich mit seinem Zusammenbruch getroffen wurde, revidieren.


Es grüßt herzlich

Ulrich Knaudt

[1] Vgl. F.W. an U.K. (30.12.2014):

hallo ulrich knaudt,

hiermit melde ich mich mal wieder mit dem hinweis auf zwei texte:

hier eine erklärung ukrainischer linker zur kollaboration der „roten hilfe“ mit den pro-russischen kräften in

der ukraine:

http://avtonomia.net/2014/12/19/nam-ne-potribna-vasha-pidtrimka-wir-brauchen-diese-unterstutzung-nicht/

und hier ein interview mit einem marxisten, der auf seiten der ukrainischen armee gegen die separatisten

kämpft:

https://dasgrossethier.wordpress.com/2014/12/25/fur-mich-als-marxisten-ist-die-wahl-zwischenden-

weisgardisten-und-petljura-anhangern-offensichtlich/

beste grüße und einen guten rutsch,
f. w.

[2] International Workers Association (Internationale Arbeiter Assoziation).

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Ulrich Knaudt an F.W. (06.01.2015)
Betreff: NACHTRAG

Lieber F.W., …Zu dem Thema Marx-Rußland-Narodniki empfehle ich meinen Aufsatz in Beiträge zur Marx-Engels-Forschung NF 2012, 56ff. Vielleicht auch als Empfehlung an weitere Interessierte.

Viele Grüße

Ulrich


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F.W. an Ulrich Knaudt (07.01.2015)
Betreff:
NACHTRAG


Hallo Ulrich Knaudt, vielen Dank für deine Mails. … Deinen Empfehlungen, insbesondere der, »die Marxschen Analysen der proletarischen Revolution in Frankreich in Verbindung mit der Europäischen Revolution von 1848 und ihren politischen Folgen« aufzuarbeiten, kann ich nur beipflichten. Ich habe letztes Jahr »Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850« gelesen. Im 3. Kapitel schreibt Marx, dass die französischen Arbeiter ihre Aufgabe nicht in den nationalen Wänden, sondern letztendlich nur durch einen langwierigen Weltkrieg lösen werden können, in den der damalige Weltmarkthegemon England mit hineingerissen wird. Dass das Proletariat seine revolutionäre Aufgabe nicht in den nationalen Wänden lösen kann, scheint mir nach wie vor für die europäischen Nationen zu gelten. Wenn sich die Prognosen der bürgerlichen Ökonomen für 2015 bewahrheiten werden und in Venezuela, Russland und China (und noch anderen Staaten) Krisen ausbrechen, wäre in deren Gefolge mit Klassenkämpfen zu rechnen, die sich direkt gegen die Lieblingsdespoten der europäischen Linken richten und deren proletarische, klassenkämpferische Phrasen Lügen strafen würden. Aufgrund der Aufstände, die es in den letzten Jahren in Venezuela gab, ist es nicht völlig unwahrscheinlich, dass die Situation dort zu einer revolutionären reift. Die Frage ist nur, wie der Funke auf das alte Europa überspringen kann, um hier zum Katalysator der Klassenkämpfe zu werden.


Occupy in Europa war ja wohl nur ein schwaches Echo auf den arabischen Frühling und mit seinem kleinbürgerlichen Antikapitalismus noch dazu kein vorwärts weisendes. …


Die Beitrage zur Marx-Engels-Forschung 2012 werde ich mir besorgen.


Gibt es eigentlich irgendwelche deutschsprachigen Monographien über die Geschichte der Narodniki und

der Narodnaja Wolja?


Bisher konnte ich über verschiedene Literaturhinweise nur folgende Bücher auftun: »Winterpalast. Rußland auf dem Weg zur Revolution 1825 – 1917« von Edward Crankshaw, »Rußland vor der Revolution. Staat und Gesellschaft im Zarenreich« von Richard Pipes, »Zaren und Terroristen« von Avrahm Yarmolinsky.

Beste Grüße,

F.W.


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Ulrich Knaudt an F.W. (07.01.2015)

Betreff: COMMUNE RURALE


Lieber F.W., … Deine Frage nach deutschsprachiger Literatur in puncto Narodniki läßt sich leider nur negativ beantworten. Mein Aufsatz befaßt sich, wenn Du ihn liest, mit der Zeit 1860-1885. Dafür habe ich in den meisten Fällen englischsprachige Literatur benutzt. Dazu gehört der Klassiker über die populist and socialist movements in Rußland von Venturi, allerdings ein Wälzer. Nach deutschsprachigen Autoren zu diesem Thema habe ich mich nicht umgesehen, wohl auch, weil ich meistens nur nicht-deutschen Autoren über den Weg traue und solchen, die keine ‚Sozialgeschichte‘ schreiben. Weitere Hinweise auf meine früheren Aufsätzen (= Vorträge vor der Marx-Gesellschaft) findest Du dort auch.


Als ich die Klassenkämpfe in Frankreich schon einmal vor längerer Zeit angefangen [habe] zu lesen, bin ich auch über diese Stelle gestolpert. Also ticken wir auch hier ziemlich ähnlich. Inzwischen bin ich mit den drei Frankreich-Aufsätzen fast durch. Ausgangspunkt war zum einen die Bauernfrage (wie sollte es anders sein), deren Behandlung in den 20 Jahren eine gewisse Änderung erfährt und zum anderen die Frage des Niederreißens des Staatsapparats, worauf Lenin in Staat und Revolution so großen Wert gelegt hat. Bei genauerem Hinsehen ist es aber nicht allein das, worauf es Marx ankommt, sondern eine Kombination aus Zentralismus und Selbsttätigkeit der Produzenten im Verhältnis zwischen Paris, den Provinzstädten und dem bäuerlichen Land.


Die Prognosen der ökonomischen Sterndeuter werden sich höchstwahrscheinlich bewahrheiten. Nur fragt es sich, welche Art Revolution dann ins Haus steht.


Venezuela ist praktisch am Ende, die Ukraine auch. Nur daß in der Ukraine das Volk mit der Konterrevolution schon reiche Erfahrungen gesammelt hat. In Venezuela noch nicht, vielleicht, weil das Kleinbürgertum dort elitärer und reicher ist? Auf jeden Fall wird, wenn es dort eine Revolution gibt, diese auch eine ähnlich[e] wie in der Ukraine sein. Nur daß das Volk auf der Straße dann wie in Syrien mit kubanischen Comites por la defensa de la revolución und iranischen Revolutionsgarden zu tun bekommen wird. Obama hat die Monroe-Doktrin zum alten Eisen geworfen, weil man damit in Lateinamerika keine anti-oligarchischen Bewegungen mehr beeinflussen kann.


Alles prima, nur, daß die letzten 25 Jahre nicht wirklich dazu beigetragen haben, daß sich jenseits des Linken Sumpfes irgendwo so etwas wie eine Marxsche Partei hätte bilden können. Eine solche ist mir aber nicht bekannt. Dazu waren wir einfach zu schwach und zu unentschlossen. Schön, wenn es anders gewesen wäre! Wahrscheinlich haben wir viel zu lange auf Die Linke gestarrt, wie das Kaninchen auf die Schlange. Aber so ist nun einmal die Lage.

Viele Grüße

Ulrich Knaudt

P.S. Charlie-Hebdo… jetzt geht’s los?

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P.T. an Ulrich Knaudt (08.01.2015)

Betreff: VERSCHIEDENES


Lieber U., …Was die Reproduktion bei Marx angeht, so demonstriert dieser zwar, dass sie theoretisch nicht funktionieren kann, aber nur in dem Sinne, dass sie eben nicht perfekt funktioniert ohne dass sich in ihrem Fortschritt Widersprüche ergäben (es gibt kein Gleichgewicht in der Reproduktion). Wenn man die Reproduktion aber etwas weniger abstrakt betrachtet als Marx, dann ist ja auch klar, dass sie über begrenzte Zeiträume hinweg ablaufen („funktionieren“) kann, bis sich die Widersprüche als Krisen bemerkbar machen. Um den Zeitpunkt des offenen Ausbruchs der Krise zu verschieben, hat man sich ja allerlei einfallen lassen, besonders was Geld und Kredit angeht, allerlei staatlichen Interventionismus und nicht zuletzt die Eroberung des Weltmarkts. David Harvey würde sagen, dass der Kapitalismus gelernt hat, die Krisen zeitlich und räumlich zu verschieben. In diesem Sinne sind meiner Meinung nach übrigens auch die frühen Regulationstheoretiker zu verstehen, die noch mit Marx gearbeitet haben. Die haben sich nämlich gewundert, warum in der Nachkriegszeit es so lange dauerte, bis der Kapitalismus wieder seine ersten schweren Krisen in den Kernländern produzierte (Aglietta versucht ja noch werttheoretisch zu demonstrieren, wie durch Geldpolitik und Inflation die Verluste des nicht-verwerteten Kapitals verallgemeinert werden). …

Viele Grüße

P.T.
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Ulrich Knaudt an P.T. (08.01.2015)
Betreff:
…NUR DIE WURST HAT ZWEI


Lieber P.T. …Außerdem wäre zu fragen, ob Reproduktion und Akkumulation in China tatsächlich (noch) zusammenfallen oder sich schon längst auseinanderentwickelt haben. Marx geht ähnlich vor (wenngleich er kein Pragmatist ist), indem er alle Möglichkeiten einer Position (verbunden mit der Annahme, daß die Reproduktion funktioniert) durchspielt und das Nicht-Funktionieren als Beweis nimmt dafür, daß sie nicht funktionieren kann und dann auch andeutet, warum nicht. Aber vielleicht kommen wir mal dazu, das genauer zu diskutieren, besonders im Zusammenhang mit KAP[ITAL] III. Wenn kein Gleichgewicht, dann Krise. Also ist Krise immer schon latent.


Zu »Eroberung des Weltmarkts« ist anzumerken, daß kapitalistische Produktionsweise und Weltmarkt von vornherein verkoppelt sind, eine widersprüchliche Einheit bilden. Also nicht, wie Proudhonistische Idylliker glauben: zuerst gab es den G[ebrauchs]Wert, dann kam der T[ausch]Wert hinzu, dann die (kapitalistische) Ware und dann der Weltmarkt. (Man sieht diese Verkopplung wunderschön an Englands Konkurrenzkampf mit Frankreich um den damaligen Weltmarkt mit den Folgen: Kontinentalsperre usw.) Harvey hat recht nur was heißt das?


Der Volksmund reimt sich das so zusammen: das dicke Ende kommt zum Schluß, nur niemand weiß, wann Schluß ist. Auch wenn die Keynesianer das Ende nach hinten verschieben, kommen sie nicht umhin zu überlegen, was denn dann passieren kann? Konstruktive Zerstörung? Kriege? Revolutionen?

Tschüß und viele Grüße

U.
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Ulrich Knaudt an F.W. (24.01.2015)

Betreff: REAKTIONEN 14


Hallo F.W., …

Noch eine andere Frage: in der jW von heute heißt es vom Bündnis „Dresden nazifrei“ unter unter der Rubrik Abgeschrieben zu dem Tod von Iris Bayad: »Wir wollen uns an dieser Stelle dazu kurz äußern, so, wie wir von Beginn an versucht haben, sensibel zu diesem Fall zu kommunizieren. Ein Mensch ist gestorben. Und doch flackert auf so manchen Seiten im Netz nun die kaum verhohlene Freude und Häme über die Identität des Täters auf. Wir werden auf unserer Seite konsequent alle Kommentare in dieser Richtung löschen. Es ist gut, das der Tod von Khaled aufgeklart scheint« (U.v.m. U.K.) Dieses »scheint« hat schon ziemlich Orwellsche Dimensionen. Statt einer notwendigen Selbstkritik an der ursprünglich vorhandenen Bereitwilligkeit, sofort gewußt zu haben, wer nur der oder die Täter sein kann/konnten, wird zunächst einmal die »Freude und Häme« gegenüber der Linken angep…; statt die Aufklärung der Falles durch Gentest + das Geständnis des Täters zur Kenntnis zu nehmen, sind es immer die anderen, die mit ihrer »kaum verhohlenen Freude und Häme« usw. über die Linke herfallen. Ein höherer Grad an Unaufrichtigkeit ist nach dieser ‚anti-rassistischen‘ Heuchelei kaum mehr möglich… [1]

[1] Vgl. junge Welt 17./18.01; 24./25.01.2015 jeweils unter der Rubrik Abgeschrieben. Wer heute nach diesen beiden Artikeln im Archiv der jW sucht, findet dort eine Orwellsche Leerstelle (während alle übrigen unter dieser Kategorie veröffentlichen Beiträge entweder gebührenpflichtig oder frei zugänglich aufgelistet sind). Er müßte sich dazu schon wie anno Knopf ins Zeitungsarchiv begeben. Im Zeitalter des world wild web eine Zumutung! So erklärt in der Ausgabe der jW vom 17.01. dazu die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. (ISD): »In den letzten Monaten häufen sich vermehrt Berichte über Übergriffe auf People of Colour und schwarze Menschen, die mit dem Tod des 20jährigen Khaled Idris Bahray einen weiteren Höhepunkt erreichen. … Am 12. Januar verließ Khaled Idris Bahray seine Wohnung in Dresden, um einkaufen zu gehen. Zeitgleich fand eine Pegida-Demonstration statt, er kehrte nicht zurück und wurde erst am nächsten Morgen blutüberströmt und tot aufgefunden. … Jonas Berhe, Vorstand des ISD-Bund, dazu: „Nach den Erfahrungen mit dem sogenannten NSU muß gelernt werden. Es kann nicht sein, daß schwarze Menschen in Deutschland nicht den gleichen Schutz vom Staat und seinen Behörden erfahren wie weiße Menschen.« Deshalb fordert die Initiative eine lückenlose Aufklärung usw., die aber nicht das nach den Vorgaben des ISD erwartete, sondern laut jW vom 24.01. das für ihn höchst peinliche Ergebnis zutage förderte, daß der 20jährige Khaled von einem Mitbewohner erstochen wurde. Das Bündnis Dresden nazifrei muß dazu in der jW vom 25.01. einräumen, daß eine »konsequente Polizeiarbeit in alle Richtung« stattgefunden habe, möchte aber gleichzeitig betonen, daß »Asylsuchende und allgemein Menschen (vermeintlich) anderer [sic!] Herkunft immer wieder über Anfeindungen durch Gesten, Worte oder Taten, die sie in ihrem Alltag in dieser Stadt (erleben müssen)«, berichten. »Daß sie eine Stimme bekommen, daß sie gehört werden und wir gemeinsam an einer Gesellschaft arbeiten, in der Mensch unabhängig von Herkunft und Aussehen unmißverständlich willkommen sind, dieses Anliegen haben viele nach dem Tod von Khaled auf die Straße getragen. Und dies ist und bleibt auch unser Ziel und Antrieb. Mehr haben wir nicht festzustellen.« Unerschütterlich wird in dieser allzu simplen Feststellung an der Spaltung Deutschlands in die rassistisch verseuchte Mehrheitsgesellschaft und ‚uns‘, die einzig wahren Antirassisten festgehalten. Eine Haltung, die an Lessings Nathan der Weise erinnert: »Tut nichts, der Jude wird verbrannt!« Da ist es schon ein kleiner Hoffnungsschimmer, wenn vom Berliner Social Center 4 All, in der Weihnachtsausgabe der jW eingeräumt werden muß, daß zu den Häuserbesetzungen zwecks Gründung von Zentren für Migranten nur wenige gekommen seien, weil die »außerparlamentarische Linke im Moment ein Mobilisierungsproblem« habe und man sogar zu der Einschätzung kommen müsse, »daß das, was wir als linksradikale Szene kennen, nicht mehr der Bezugsrahmen ist, mit dem man politisch arbeiten kann.«


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F.W. an Ulrich Knaudt (27.01.2015)

Betreff: REAKTIONEN 14


Hallo Ulrich Knaudt,

Was das Spektakel von und gegen PEGIDA angeht, halte ich für die größte Heuchelei, dass es dabei angeblich um den Islam gehen soll und beide Seiten das zum Anlass nehmen, um daraus eine Art Kulturkampf zu machen. Einer Studie zufolge (http://www.spiegel.de/media/media-35641.pdf) haben nur 23% der PEGIDAisten »Islam, Islamismus oder Islamisierung« als Grund für ihre Teilnahme an den Protesten angegeben, d.h. 77% haben dies verneint! Und trotzdem erzählen uns alle möglichen Linken (von den Pfaffen natürlich über die Politiker bis zu den linksradikalen ‚Antiras‘), dass es sich bei PEGIDA um eine ‚islamfeindliche‘ Bewegung handelt. Ich denke, der Islam ist für die nur ein ‚Ticket‘ anderer Bedürfnisse und Interessen, z.b. nach dem guten alten ‚Wohlfahrtsstaat‘, der 60er und Anfang 70er Jahre, als die türkischen und arabischen Migranten noch keine Islamisten waren. Mit dieser sozial-konservativen Nostalgie unterscheidet sich PEGIDA aber nur wenig von der pro-keynsianischen und anti-neoliberalen Mainstream-Linken. Der Unterschied liegt eher z.B. in der Fremdenfeindlichkeit bei den Rechten und der“Fremdenfreundlichkeit“ oder, böse gesagt, dem Philo-Rassismus und Kulturalismus der Linken.

Viele Grüße,

F.W.
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Ulrich Knaudt an F.W. (27.01.2015)

Betreff: REAKTIONEN


Hallo F.W., …

Im Prinzip gebe ich Dir zu PEGIDA recht. Unter dem Gesichtspunkt der dort aufgetauchten Parole »Putin hilf!«, von der es, soweit ich es von hier aus erkennen konnte, mehrere Varianten gibt, bekommt die Sache aber noch einen weiteren ‚Dreh‘. Ich werde versuchen, das im nächsten BLogbuch auseinanderzudröseln.


Spannend finde ich ja auch den neuen griechischen Verteidigungsminister, dessen Personalie in dieselbe Kerbe haut: Links und Rechts haben das gleiche gute Verhältnis zu Moskau. Gleichzeitig hat sich damit der Antifa-Popanz der Linken in rechtes Wohlgefallen aufgelöst: antieuropäischer Antikapitalismus, antikapitalistischer Antiamerikanismus, ein neuer Antiimperialismus, wie er den BRIC-Staaten ins Konzept paßt (zu denen noch Argentinien hinzuzuzählen wäre).

Eine antiimperialistische Kampffront.

Viele Grüße

Ulrich Knaudt

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F.W. an Ulrich Knaudt (28.01.2015)

Betreff: REAKTIONEN


zu PEGIDA + Putin:

auf Facebook war am 10.01.2015 zu lesen:

»Der russische Präsident hat, nach Angaben aus Pegida-nahen Kreisen in Dresden, seine Freunde an seinem ehemaligen Arbeitsplatz die Residenten des KGB in Dresden gebeten, Pegida organisatorische und, falls notwendig, finanzielle Hilfe zu erweisen.« Dies bezieht sich auf einen Artikel von Dieter Wonka in der Leipziger Volkszeitung vom 10.01.15, der dann auch als Scan hochgeladen wurde. Ich habe ihn mal an die Mail angehangen. Der Artikel ist leider nicht besonders gut lesbar. Die PEGIDA-Putin-connection wird im letzten Absatz angesprochen. [1]

[1] LVZ 10.01.2015 Berliner Bonbons. Das Erbe von Strauß und Schröders Nähe zu Putin. Dieter Wonka über Anekdoten abseits des Berliner Politikalltags: »Putin ist von Schröder früher als lupenreiner Demokrat geadelt worden. Und der russische Präsident, so heißt es jetzt aus dem Umfeld der Pegida-Regisseure von Dresden habe Freunde an seinem früheren KGB-Einsatzort Dresden gebeten, organisatorisch und im Bedarfsfall auch finanziell mit Rat und Tat parat zu stehen.«


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Ulrich Knaudt an P.T. (07.02.2015)

Betreff: ICH WILL AUCH ZU DEUTSCHLAND GEHÖREN


Hallo P.T., anbei die Glosse, die zumindest ich lustig fand. [1] Außerdem berührt sie sich thematisch mit dem BLogbuch Januar 2015… .

viele Grüße

Ulrich

[1] FAZ 07.02.2015 »Gehören Fraktur. In der Frage aller Fragen, was nämlich alles zu Deutschland gehört, sind wir dank dem Bundespräsidenten und der Kanzlerin ein gutes Stück weitergekommen. Da wollte sich der Vizekanzler natürlich nicht lumpen lassen. Er ergänzte die Reihe, in der sich schon der Islam und Auschwitz befanden, um die Pegida-Bewegung und das Recht, rechts sein zu dürfen, ja sogar deutschnational. „Hört, hört, Völker, die Signale!“, kann man da nur rufen.«


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Ulrich Knaudt an F.W.
(22.02.2015)

Betreff: JE NE SUIS PAS MARXISTE


Hallo F.W., im Anhang ein Aufsatz von Michael Heinrich über Marx und Marxismus. [1] Ich kenne d.A. aus der M.[arx]-G.[esellschaft]. Sein Grundirrtum: er macht Marx zwar nicht zum Marxisten, aber dafür zum Akademiker, der er seit Bonn nicht mehr war und nicht sein wollte. Als Kritiker war er Kritiker als Kommunist war er Kommunist. Das bekommt M.H. nicht auf die Reihe, und heraus kommt über den Kommunisten allerlei ungereimtes Zeug. Zum Werkzeug des Wissenschaftlers gehört ‚omnis dubitandum esse‘ als Methode, der Revolutionär käme nicht weit, wenn er alles bezweifeln wollte… Auf jeden Fall ein interessanter Einblick in die Argumentationsweise des akademischen Marxismus.


Die anderen Texte befassen sich mit dem endgültigen Abstieg Der Linken (oder zumindest ihres linkesten Flügels) zu Kreaturen des Putinismus und zu linken Quislingen. [2]


Das grosse Thier, Februar 2015, »Die „Einheit der Völker“…« hat mir sehr gut gefallen. … Der Aufsatz beschreibt den Eindruck, den ich auf ähnliche Weise empfand, als ich Meldungen über diese seltsame Demo gelesen habe. [3] Warum stellen sie das Thier nicht komplett ins Netz und sammeln Spenden…?

Viele Grüße

Ulrich Knaudt

[1] ND 24.01.2014 Michael Heinrich: „JE NE SUIS PAS MARXISTE“. Marx wollte keinen „Marxismus“ als identitätsstiftende „Wahrheit“. Ihn interessierte vielmehr das kritische Geschäft der Unterminierung von Gewissheiten.

http://www.neues-deutschland.de/artikel/959492.je-ne-suis-pas-marxiste.html

[2] jW 20.02.2015 Stimmungsmache gegen Linke-Hilfe.

http://www.jungewelt.de/2015/02-20/064.php
Die Linke: Wolfgang Gehrke, MdB – Auf humanitärer Mission – Bericht über eine „skandalöse“ Reise in die Ostukraine.

http://www.waehlt-gehrcke.de/index.php?option

[3] Das grosse Thier 12.02.2015 Die „Einheit der Völker“ gegen „Charlie Hebdo“.

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F.W. an Ulrich Knaudt (25.02.2015)
Betreff:
Aw: JE NE SUIS PAS MARXISTE


Hallo Ulrich Knaudt,

vielen Dank für die Texte. Michael Heinrichs Einführung war für mich die erste Heranführung an die Kritik der politischen Ökonomie. Als ich angefangen habe, das »Kapital« selber zu lesen, hat sich das Ganze dann doch etwas anders dargestellt.


Das Grundproblem in seinem Artikel ist m.E. die Zurückweisung der materialistischen Dialektik von Marx und ihre Auflösung in irgendwelche »sinnvolle(n) Konzepte von Materialismus und Dialektik« oder beliebig anwendbare »Modelle«, entsprechend dem akademischen Methodenpluralismus. Statt der »großen Methode« viele »kleine Methoden«, könnte man vielleicht sagen. Und da Marx ja ein Spezialist für Ökonomie war, habe seine Methode auch ausschließlich Gültigkeit für diesen »Fachbereich«. In der Politik kann man sich dann wohl pragmatisch nach anderen, letztendlich bürgerlichen Gesichtspunkten orientieren. Wenn Marx aber einen »Leitfaden« für materialistische Forschung überhaupt und nicht nur der Kritik der bürgerlichen politischen Ökonomie entwickelt hat, ist auch der anti-ontologische Affekt von Heinrich hinfällig.


Ich denke, Marx hat auch als Theoretiker keinesfalls alles angezweifelt, jedenfalls wenn das heißen soll, dass er als dogmatischer Skeptiker zu keinen positiven Resultaten gekommen sei. Z.b. wenn er im »Kapital« feststellt, dass Arbeit ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens ist, ohne deshalb »die Arbeit«, entkleidet von ihrer historischen Form, zu einer selbständigen Seinsform zu machen.


Der Hinweis auf den fragmentarischen Charakter vieler Arbeiten von Marx ist wohl eher eine Ausflucht davor, z.B. die Staatskritik oder die politischen Einschätzungen von Marx ernst zu nehmen. Seine angebliche Inkohärenz wird zum Anlass zu genommen, Marx »kritisch« aus dem Arsenal der bürgerlichen Wissenschaft zu ergänzen. Damit befindet sich Heinrich auf dem Niveau der Theoretiker der 2. Internationale, die glaubten, eine bei Marx fehlende Ethik oder Ästhetik in Anlehnung an Kant in ihren Marxismus einflechten zu müssen.

[…]

Viele Grüße,

F.W.

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F.W. an Ulrich Knaudt (04.03.2015)

Betreff:cold and hot war


Hallo Ulrich Knaudt,

im Anhang befinden sich zwei Texte, einmal ein Interview mit der Historikerin Anne Applebaum über die Großmachtpolitik Russlands und die Position des Westens [1] und noch ein Papier der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen über die russische Kriegsführung in der Ukraine [2], das ich aber noch nicht gelesen habe.


Applebaum benennt in ihrem Artikel ziemlich klar das Missverhältnis zwischen Russland als einem militärisch relativ mächtigen Staat und der EU, insbesondere Deutschland, als militärisch verhältnismäßig bedeutungsloser Macht. Von daher wird Deutschland in den Verhandlungen mit Russland von russischer Seite kaum ernst genommen, wenn sie nicht die USA im Rücken haben. Das hatte auch schon der Ex-US-Diplomat John Kornblum kürzlich in einer Talkshow bestätigt. In der saß übrigens auch Gabriele Krone-Schmalz, eine ziemlich abscheulichen Putinistin, die jetzt einen Bestseller hingelegt hat: http://www.amazon.de/Russland-verstehen-Ukraine-Arroganz-Westens/dp/3406675255/

Viele Grüße,

F.W.

[1] Basler Zeitung 03.03.2015 Rußland will einen neuen Kalten Krieg. »Die Historikerin und Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum über die Fehler des Westens im Umgang mit Moskau, die Zukunft der Ukraine und die Lage der amerikanisch-europäischen Beziehungen.«

[2] Nikolay Mitrokhin: Infiltration, Instruktion, Invasion. Rußlands Krieg in der Ukraine. www.forschungsstelle.uni-bremen.de/UserFiles/free/OE_8_2014_Mitrokhin.pdf

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Ulrich Knaudt an F.W. (09.03.2015)


Hallo F.W.,

vielen Dank für die Infos. Da ich mich in den letzten Wochen mit dem BLogbuch herumplage und parallel die REAKTIONEN 2013 und 2014 bearbeitet habe, komme ich außer die FAZ zu lesen, zu kaum noch etwas anderem. Aber das soll sich wieder ändern. Ich werden die mir von Dir zugesandten Papers in den nächsten Tagen lesen und kommentieren.


Das Buch von Frau Applebaum Der eiserne Vorhang habe ich mit großem Interesse gelesen. Daran ist mir endgültig klar geworden, was ich schon immer vermutet habe, daß Stalins Konterrevolution von links kam, was durch die Darstellung von Applebaum überaus deutlich wird: d.h. Export der Revolution auf den Spitzen der Bajonette der Roten Armee und mit entscheidender Unterstützung des Geheimdienst- und Propaganda-Apparates, während Putins Neozarismus sich der gleichen Mittel bedient, aber schlicht reaktionär mit allem was dazu gehört, ist. Außerdem lese ich gerade von Frank Dikötter: Maos großer Hunger. Hieran wird deutlich, daß der Große Sprung… eine haargenaue Kopie von Stalins Zweiter Revolution und der Hungersnot in der Ukraine war. Stalin und Mao wollen den Kommunismus erzwingen ohne Rücksicht auf Verluste bzw. die Menschen, die ihn wollen, aber nicht können dürfen, weil es den linken Radikalismus dazu an jeglicher Subtilität (und Dialektik) mangelt und alles mit Gewalt durchgesetzt werden soll: Einmarsch der Roten Armee, Suche nach ‚Klassenfeinden“

, Einsetzen der Massenpropaganda, Lob der bisher errungenen Erfolge, Säuberung des Apparats und Positionierung der eigenen Leute. Das alles unter maßgeblicher Leitung des Geheimdienstapparates. Der berühmte XX. Parteitag war daher nur der Wechsel vom geheimpolizei- zum kriminalpolizeilichen Sozialismus. Mehr steckte wahrscheinlich nicht dahinter.


Ich schicke Dir einen FAZ-Artikel über Odessa. [1] Auch der ist für mich, was die Klärung der Hintergründe dieses einschneidenden Ereignisses betrifft, weiterhin unbefriedigend. Zumindest wird deutlich, daß sich jede einseitige Schuldzuweisung verbietet: vielleicht wollten alle jeder für sich von einem Skandal dieser Art profitieren. Die Reise von Frau Timoschenko unmittelbar nach dem Unglück deutet jedenfalls darauf hin. Auf der anderen Seite wurden die prorussischen Kräfte nicht gezielt umgebracht, wovon unsere linke Presse schwadroniert. Ich wollte Dir noch einen Bericht über die Ausführungen eines Bundeswehr-Generals schicken, worin unverblümt die russischen Subversionspläne für Europa zum Ausdruck kommen. Wenn ich ihn finde, schicke ich ihn Dir. Bei der Suche nach diesem Artikel fand ich noch einiges Interessante zu diesem Thema. [2] Frau Krone-Schmalz war langjährige ARD-Korrespondentin in Moskau. Ihrem späteren Putinismus wurde dabei bestimmt intensiv nachgeholfen. Ihr Buch werde ich jedenfalls nicht lesen. Osteuropa ist stark auf die Ukraine abonniert. Es gibt schon mehrere reichhaltige Sonderbände, die Mensch nicht alle lesen kann. Mitrokhins Aufsatz werde ich mir aber zu Gemüte führen.


Zum Schluß noch mal zu M. Heinrich: wir sollten bei der foreign policy der Arbeiterklasse nicht die political economy der working class vergessen. Ich denke, das ist der entscheidende Gesichtspunkt gegenüber dem akademischen Marxismus. Daß er die foreign policy ‚vergißt‘, könnte man fast noch als verzeihlich ansehen. Die Wissenschaft sollte von allem Politischen frei sein. Bei Heinrich wird aber der Kontrast zu der political economy der working class besonders deutlich, wie sein Aufsatz im N[euen]D[eutschland] (ND ist nun mal keine wissenschaftliche Zeitschrift) besonders eindringlich demonstriert. Soweit erst mal.


Ich schicke Dir die REAKTIONEN 2013 und 2014 und die dazugehörigen Anhänge. Einer ist das Produkt einer Debatte zwischen H.B. und mir; wenn Dir Dialektik Spaß macht, ist die vielleicht nicht uninteressant. [3] In einem weiteren Anhang beschäftige ich mich Heinrich Harbachs Sozialismus reloaded, nur wichtig, wenn Dir die im DKP-Umfeld geführte Sozialismus-Debatte irgendwas sagt, die man eher vernachlässigen kann. [4] Spannender wären vielleicht die Exzerpte zu Marx: Herr Vogt, einer Schrift, die von der Linken möglichst geschnitten und umgangen wird. Steht ja auch für sie Peinliches drin… [5]

Viele Grüße

Ulrich Knaudt

[1] FAZ 07.03.2015 Die Tragödie von Odessa. Vor einem Jahr brannte das Gewerkschaftshaus in der ukrainischen Stadt am Schwarzen Meer. Es gab Tote und Verletzte. Unabhängige Ermittler glauben nicht, daß ein Massaker verübt wurde. Die offizielle Strafverfolgung kommt nicht voran – und die Stadt nicht zur Ruhe.

[2] FAZ 04.03.2015 So kämpfen die Russen in der Ukraine. Bis heute streitet Moskau ab, daß russische Soldaten an Kämpfen im Osten der Ukraine beteiligt sind. Überraschend offen berichtet nun ein junger russischer Panzerfahrer über seinen Einsatz beim Kampf um Debalzewe.

FAZ 04.03.2015 Die Ukraine ist der Anfang vom Ende. Warum die Aggression Rußlands ein Zeichen von Schwäche ist und sich der Westen trotzdem auf alles gefaßt machen sollte. Ein Gespräch mit dem ehemaligen Dissidenten Adam Michnik, heute Chefredakteur der größten polnischen Tageszeitung „Gazeta Weyborrcza“.

[3] REAKTIONEN 2013 ANHANG 1 Dialektik. Einwände gegen Colletti und Stalin.

[4] REAKTIONEN 2014 ANHANG 1 Exzerpte zu Heinrich Harbach: Wirtschaft ohne Markt.

[5] REAKTIONEN 2014 ANHANG 2 Exzerpte und Notizen zu Karl Marx: Herr Vogt.


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F.W.
an Ulrich Knaudt (22.03.2015)
Betreff:
AW: BL115


Hallo Ulrich Knaudt,

vielen Dank für das neue Blogbuch und die Materialien aus den vorherigen Mails. Ich bin bisher leider noch nicht dazu gekommen, alles zu lesen. Besonders dankbar bin ich für die Exzerpte aus ‚Herr Vogt‘. Mein erster Versuch, mich durch den Originaltext von Marx zu kämpfen, ist nämlich leider gescheitert.


Der Satz, der dir aus einer Veranstaltungsankündigung von Theorie Praxis Lokal aufgefallen ist (»Die Unterentwicklung der revolutionären Theorie auf der ganzen Welt ist die erste Unterentwicklung, die jetzt überwunden werden muss.«), wie du in den REAKTIONEN 2013 schreibst, ist übrigens dem Text »Der Klassenkampf in Algerien« von der Situationistischen Internationale entnommen, der hier online abrufbar ist:

http://www.si-revue.de/der-klassenkampf-in-algerien


In diesem Text haben die Situationisten der Perspektive auf ein nachholendes Akkumulationsregime mit Staatssklaverei nach östlichem Vorbild die »generalisierte Selbstverwaltung« der Produzenten entgegengesetzt, wie sie damals in Algerien sich von unten her zu konstituieren begann. Ein interessantes Statement, da die eher am Rätekommunismus orientierten Situationisten damit keine äquidistante Position zum antikolonialen Kampf beziehen und zugleich einen Trennstrich zum ‚Antiimperialismus‘ nach sowjetischem oder chinesischem Vorbild gezogen haben.


Anbei noch ein kurzer Artikel aus der ZEIT über die deutschen Freunde des Putinismus. [1]

[…]

Viele Grüße,

F.W.

[1] DIE ZEIT 19.03.2015 RUSSLANDS NATIONALE BEFREIUNGSBEWEGUNG Heimat, Freiheit, Putin. Die Nationale Befreiungsbewegung NOD ist Teil der russischen Propaganda in Deutschland. Ihre Botschaften kommen auch in der akademischen Mittelschicht an.


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Ulrich Knaudt an F.W. (23.03.2015)
Betreff: BL115


Hallo F.W., vielen Dank für Deine Mail und den ZEIT-Artikel. Ich hatte beim Schreiben [des Blogbuchs 1 2015] auf den Einwand gewartet, daß der Putin-Hilferuf aus Dresden der persönliche Einfall eines Demo-Teilnehmers gewesen sein könnte und daher von mir überbewertet werde. Der hervorragend recherchierte ZEIT-Artikel (ich bin sonst kein Freund der ZEIT) beweist das Gegenteil. Als weitere Bestätigung ist heute auch die FAZ aufgewacht und weist nach, daß das ganze gezielt aus Moskau gesteuert oder zumindest dort wohlwollend geduldet wird. [1]


Um den ‚Klassenkampf in Algerien‘ werde ich mich kümmern. Die Dutschke-Rede, aus der ich im BLogbuch [2] ein paar Sätze zitiert habe, müßte heute dahingehend relativiert werden, daß nicht nur »wir« in Vietnam tagtäglich »vernichtet« werden, sondern der Antiimperialismus Moskauer Provenienz, der zwar von ‚Peking‘ legitimerweise als Waffe der Selbstverteidigung gegen die Neuen Zaren Anwendung fand, [d]er aber generell, wie von ‚Peking‘ [geschehen] nicht hätte instrumentalisiert werden dürfen. Hierin lag bereits der Wurm, der das Ganze als Lügengebäude zum Einsturz brachte. Vor allem auch wir (die westdeutsche Linke) haben ihn instrumentalisiert. Nämlich dazu, die sog. Nationale Frage in die Dritte Welt zu ‚exportieren‘. Auch das rächt sich heute in Gestalt der Querfront, an der der FSB nun systematisch zu arbeiten scheint.


Meine These, die im letzten BLogbuch nur angerissen wird, lautet: daß es in Deutschland schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts zwei nationale Befreiungsbewegungen gegeben hat: eine jakobinische mit dem Gallischen Hahn usw. [3] und eine zarische, zu der die damalige Linke mit Herrn Vogt [4] gehört hat, die den Gallischen Hahn im Sinne Louis Bonapartes zum linken Sozialimperialismus ‚weiterentwickelt‘ hat.


Eine der wichtigsten Figuren der zarischen deutschen Befreiungsbewegung gegen Napoleon als Werkzeug großrussischer Weltpolitik ist der Freiherr vom Stein, der zeitweise auch in Diensten des Zaren gestanden hat. Das verweist auf F[riedrich].E[ngels].‘ Auswärtige Politik des russischen Zarentums, worin sich dieser ausdrücklich auf die Marxschen Studien zur russischen Diplomatie bezieht, usw. [5] Es geht immer noch um die Frage, welches Deutschland wir wollen: das jakobinische oder das Deutschland des Ancien régime. Wie aus den drei Marxschen Frankreich-Texten [6] deutlich wird, sah Marx in der [Pariser] Commune die unmittelbare Fortsetzung [der Revolution] von 1789. Seine ‚Klassenanalyse‘ bewegt sich zwischen 1789 und 1871. Ich finde, daran sollten wir weiterhin anknüpfen, zumal angesichts des Neuen Zarentums, das sich heute hier breitmacht.

Hier wird einiges zu tun sein.

Viele Grüße

Ulrich Knaudt

[1] FAZ NET 23.03.2015 ‚Konservatives Forum‘ Des Kremls rechtsextreme Freunde. Was unmöglich erscheint, ist in Sankt Petersburg wirklich geworden: ein Treffen der ‚Internationalen Nationalisten‘. Der Kreml versucht, mit der Veranstaltung Freunde im Westen zu gewinnen.

[2] BLogbuch Januar-Februar 2015 „Charlie“, der Salafismus und wir Deutschen.

Rudi Dutschke auf dem Internationalen Vietnamkongreß in Berlin vom 17.-18.02.1968: »Genossen! Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Vietnam werden wir auch wir tagtäglich zerschlagen, und das ist nicht ein Bild und ist keine Phrase. Wenn in Vietnam der US-Imperialismus überzeugend nachweisen kann, daß er befähigt ist, den revolutionären Volkskrieg erfolgreich zu zerschlagen, so beginnt erneut eine lange Periode autoritärer Weltherrschaft von Washington bis Wladiwostok.«

[3] Karl Marx: Zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts. Einleitung, MEW 1, 391: »Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns

[4] Ulrich Knaudt an F.W. (09.03.2015), [5].

[5] EINspruch 01.07.2015.

[6] Karl Marx: Die Klassenkämpfe in Frankreich MEW 7 (11-107); Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte MEW 8 (115-207); Der Bürgerkrieg in Frankreich MEW (319-362).


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F.W. an Ulrich Knaudt (08.04.2015)
Betreff:
Flugblatt


Hallo Ulrich Knaudt,

gestern fand in Leipzig eine kleine Kundgebung vor dem russischen Konsulat aus Anlass der Solidaritätstage für den vom FSB nach Moskau verschleppten ukrainischen Anarchisten Alexander Koltschenko statt. Dort wurde folgendes Flugblatt verteilt und verlesen:

https://weltcoup.wordpress.com/2015/04/08/erklarung-zu-den-internationalen-solidaritatstagenfur-

alexander-koltschenko/

Ich habe es als PDF angehängt.

Viele Grüße,

F.W.

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Ulrich Knaudt an H.B. (11.04.2015)

Betreff: MARX DER WISSENSCHAFTLER


Lieber H., es hat mich sehr gefreut, daß wir mal wieder telefonieren konnten …


1. Colletti: ich verstehe nicht, was Du an dem hast. [1] Seine Dialektik ist mit das unlogischste Zeug, das mir seit längerer Zeit begegnet ist. Die aristotelische Logik und die Marxsche Dialektik haben jedenfalls soviel gemeinsam, daß die eine nicht ohne die andere auskommt, aber die Marxsche gleichzeitig den von Aristoteles gepriesenen goldenen Mittelweg überschreitet. Wie sollen die Extreme einerseits bei sich sein und sich andererseits einander berühren können (les extrêmes se touchent)? Das ist mit Collettis Dialektik nicht zu bewerkstelligen, die im Grunde aus erratischen logischen Begriffsklötzen besteht, die einerseits die eigene Existenz negieren, die sie anderseits gar nicht haben (Subreption des ‚ist‘). Dieses sich Negieren und nicht Negieren-Können ist ihr Wesen, ein seltsames Wesen! Falls unsere Debatte eine Fortsetzung finden sollte, werde ich mich mit Collettis Platon-Interpretation auseinandersetzen, wofür ich bisher keine Zeit hatte.


2. Marx-Interpreten ([Karl] Reitter): Du hast unter den KAP-Interpreten zwei Strömungen genannt, deren einer Du auch Ulrich Knaudt hinzurechnest. In dem Chaos ist davon bei mir so gut wie nichts hängengeblieben, und Du tätest mir einen großen Gefallen, wenn Du die Zeit fändest, diese Differenz in ein paar Sätzen näher zu bestimmen. Ich sehe natürlich ganz andere gegensätzliche Positionen, aber gerade deshalb wäre Deine ‚Einteilung‘ der Marx-Interpreten für mich sehr wichtig. Soweit ich mich erinnere, spielt dabei der Hegelsche Substanz-Begriff für die Bestimmung der Arbeit eine entscheidende Rolle. [2]


3. Klaus Müller: Ich schicke Dir seinen Aufsatz aus dem heutigen N[euen]D[eutschland]. [3] Mir fiel auf, daß er die Marxschen Kategorien stark dualistisch bestimmt. {Z.B. abstrakte Arbeit (Tauschwert produzierend) vs. konkrete Arbeit (Gebrauchswert produzierend)}. Mit der »abstrakt menschlichen« und der »konkret nützlichen Arbeit« weiß er nichts anzufangen. Außerdem mißfällt mir diese gnädige Tour, mit der d.A. im Namen heutiger Wissenschaft bei dem sich nicht mehr ganz so auf dem Laufenden befindlichen Marx ‚Fünfe grade sein‘ läßt. Da ist es schon nicht weiter zu verwundern, daß er ähnlich wie D.[ieter]W.[olf] über kein Organ für die Marxschen Absurditätsbeweise verfügt, an denen der aristotelisch-hegelsche Substanzbegriff im KAP[ITAL] I zerrieben wird. Aufgefallen ist mir auch, daß er [gemeinsam] mit vielen Marx-Interpreten (jedenfalls soweit ich sie gelesen habe), große Reserven gegenüber dem »Tendenziellen Fall der Profitrate« hegt. Mir ist noch nicht klar, warum er nicht der einzige ist, der dabei den Löffel abgegeben hat. Wenn ich weiter mit KAP[ITAL] III sein werde, werde ich vielleicht darauf stoßen, woran das liegt.

Soweit erst mal und alle Gute

U.

[1] REAKTIONEN 2013 ANHANG 1 Dialektik. Einwände gegen Colletti und Stalin.

[2] DAS KAPITAL DEBATTE 1 Ulrich Knaudt: Zwischen zwei Einäugigen kann nur der Blinde König werden.

[3] ND 11.04.2015 Geschöpft, verteilt, getauscht. Klaus Müller über Bleibendes und Ungelöstes in der ökonomischen Theorie des Karl Marx.

http://www.neues-deutschland.de/artikel/967554.geschoepft-verteilt-getauscht.html

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Ulrich Knaudt an F.W. (11.04.2015)

Betreff: UKRAINE


Lieber F.W., vielen Dank für das sehr interessante Flugi. [1] Wenn es Dir
nichts ausmacht, erlaube ich mir dazu ein paar Bemerkungen…:


1. Wer ist A. Koltschenko? Wo wurde er verhaftet? Von wem genau? Was wird ihm in einzelnen vorgeworfen (wenn dazu bereits etwas verlautbart wurde)? Der Leser erfährt nur durch das »eroberte Territorium«, daß es sich wohl um den russisch okkupierten Teil der Ukraine handelt.


2. Rußland führt nicht nur »in der Ukraine«, sondern dadurch auch gegen die Ukraine einen (asymmetrischen) Krieg. Daher auch nicht allein einen Krieg gegen den Maidan. Ohne Verteidigung der ukrainischen Unabhängigkeit kein Maidan und umgekehrt! Es hängt von der konkreten politischen Situation ab, welches Moment davon gerade dominiert. Aber beide gehören zusammen (Die Parallele zum Spanischen Bürgerkrieg fällt ins Auge.)


3. Sehr gut der Bezug zu Syrien und dem Iran, sowie zu den dort sich im Gang befindlichen politischen Revolutionen. Der Hinweis wäre nicht schlecht, daß bereits Marx und Engels Rußland als »Gendarmen der Konterrevolution« bezeichnet haben (vgl. das o.g. Motto) … »Zarenreich«»Hegemonie« werden angedeutet. Mehr geht wahrscheinlich in einem Flugblatt nicht.


4. Zu den Protestbewegungen in den BRIC-Staaten hätten sich aktuelle Beispiele angeboten (Brasilien, Venezuela, Hongkong). Die hiesige Linke wird sich immer als progressiv verkaufen. Das gehört zu ihrem label. Hier wären Hinweise gut gewesen, die zeigen, warum ihnen dieses label niemand mehr abnimmt (Palästinenserlager Jarmuk und die aktive faschistische Rolle der PFLP-GC auf der Seite der Assadschen Konterrevolution).


5. Die Bestimmung des Verhältnisses der politischen zur sozialen Revolution wird zwar angedeutet, aber nicht weiter ausgeführt. Fakt ist, daß dieses Verhältnis in der Ukraine ein anderes sein muß (Oligarchenherrschaft, Bedrohung der staatlichen Souveränität) als momentan in den westlichen Ländern (Griechenland vielleicht ausgenommen). Obgleich sich diese Situation ändern kann. Daher ergäbe sich eine Ergänzung des Mottos am Schluß: »Gegen die russische Aggression in der [und gegen die] Ukraine«. An diesem Punkt herrscht vermutlich noch Diskussionsbedarf.


Mit hat das Flugi gefallen. Eine wichtige Diskussionsgrundlage für unsere weitere Debatte!


Viele Grüße

Ulrich Knaudt

[1] Siehe: Anleitung zum Kampf. https://weltcoup.wordpress.com/2015/14/08/erklarung-zu-den-internationalensolidaritatstagen-fur-alexander-koltschenko/

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F.W. an Ulrich Knaudt (13.04.2015)

Betreff: Aw: UKRAINE


Hallo Ulrich Knaudt, vielen Dank für deine treffenden Bemerkungen zu dem Flugblatt. Das größte Manko ist auf jeden Fall, dass nicht auf den gegen die nationale Unabhängigkeit der Ukraine gerichteten Charakter von Russlands Krieg hingewiesen wurde. … Wenn du nichts dagegen hast, würde ich deine Mail weiterleiten.

Viele Grüße,

F.W.
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R.W. an Ulrich Knaudt (17.04.2015)

Betreff: DIALEKTIK


Hallo Ulrich Knaudt,

im Anschluß an den Dialektik-Artikel [1] eine Ergänzung aus dem Bereich Ökonomiekritik:

In der Erstauflage des ‚Kapital‘ von 1867 heißt es am Ende des 1. Kapitels:

»Die Ware ist unmittelbare Einheit von Gebrauchswert und Tauschwert, also zweier Entgegengesetzen. Sie ist daher ein unmittelbarer Widerspruch.«


Später heißt es:

»Der immanente Widerspruch der Waare als unmittelbarer Einheit von Gebrauchswerth und Tauschwerth, als Produkt nützlicher Privatarbeit, die ein nur vereinzeltes Glied eines naturwüchsigen Gesammtsystems der nützlichen Arbeit oder der Theilung der Arbeit bildet, und als unmittelbar gesellschaftliche Materiatur abstrakter menschlicher Arbeit – dieser Widerspruch ruht und rastet nicht, bis es sich zur Verdopplung der Waare in Waare und Geld gestaltet hat« MEGA² II.5, p. 54.

[1] REAKTIONEN 2013 ANHANG 1 Dialektik. Einwände gegen Colletti und Stalin.


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Ulrich Knaudt an H.B. (20.04.2015)
Betreff: DIALEKTIK


Lieber H, anbei einige nachträgliche Überlegungen zu unserer Debatte vom vorletzten Wochenende. [1] Ich hoffe, daß wir dadurch ein paar mm weiter gekommen sind.

Viele Grüße

U.

[1] REAKTIONEN 2015 ANHANG 1.

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Ulrich Knaudt an R.W. (29.04.2015)

Betreff: DIALEKTIK


Lieber R.W., zunächst einmal vielen Dank für Deine wertvollen Hinweise zu »Gegensatz«/ »Gegenteil«/»Widerspruch« im Marxschen KAP[ITAL] I. Außerdem Sorry für meine verspätete Antwort. Ein Grund war, daß ich mich noch einmal durch das Dialektik-Kapitel in der Marxschen Kritik am Hegelschen Staatsrecht durchgebissen habe und zu keinem zufriedenstellenden Schluß gekommen war. Die Zitate, die Du zu den verschiedenen Begriffen der Dialektik gefunden hast, demonstrieren, daß Marx angefangen von diesem frühen Text mit dem Thema nicht fertig war, aber gleichzeitig elementare Begriffe beibehalten hat, siehe z.B. den der »Extreme«. Gerade von diesem ist Colletti höchst angetan und vergißt dabei, daß es sich um einen Begriff aus der aristotelischen Syllogistik handelt, in der die Extreme, die Mitte und der Schluß Elemente der Formen des logischen Schließens sind. Übrigens heißt die Marxsche ‚Werttheorie‘ in englischsprachigen Texten ‚theory of forms of value‚, was der Marxschen Intention wahrscheinlich eher entspricht als unsere ‚Werttheorie‘. Für Colletti sind die »Extreme« der Einstieg in seine dualistisch gefaßte Interpretation der Dialektik, mit der Marx nix zu tun hat, weil er sich an die logischen Formen Hegels hält, aber gleichzeitig Hegels Tendenz zum Mystizismus kritisiert, wenn er schreibt: »Man kann sagen, daß in seiner [= Hegels] Entwicklung des Vernunftschlusses die ganze Transzendenz und der mystische Dualismus seines Systems zur Erscheinung kommt. Die Mitte ist das hölzerne Eisen, der vertuschte Gegensatz zwischen Allgemeinheit und Einzelnheit.« [1] Damit ist z.B. der Gegensatz zwischen dem absoluten Souverän (Einzelnheit) und seiner Regierung (Allgemeinheit) in Hegels Staatsrecht gemeint. Und so, wie in diesen Verhältnissen für Colletti nur die »Extreme« zählen und er diese isoliert auffaßt und als Kantische »Realopposition« interpretiert, so ist Hegel auf der anderen Seite davon überzeugt, daß sich alle Probleme durch die Bereitschaft und den Glauben aller Beteiligten an die Vermittlung der »Extreme« lösen lassen, was zu absurden Konsequenzen à la Sommernachtstraum führt: »Man sieht, es ist eine Gesellschaft, die kampfeslustig im Herzen ist, aber zu sehr die blauen Flecken fürchtet, um sich wirklich zu prügeln, und die beiden, die sich schlagen wollen, richten es so ein, daß der Dritte, der dazwischentritt, die Prügel bekommen soll, aber nun tritt wieder einer der beiden als der Dritte auf, und so kommen sie vor lauter Behutsamkeit zu keiner Entscheidung.« [2] Wenn Colletti untersucht hätte, »auf welchem Wege Marx zu dieser Konzeption der Realopposition, d.h. des Gegenverhältnisses unvereinbarer Gegensätze gelangt ist«, [3] wäre er darauf gestoßen, daß es jene banalen Verwechslungskomödien sind, aus denen als Ausweg nur noch eine gewaltsame Kollision der Gegensätze oder seine von Kant übernommene »Realopposition« übrigbleibt. Damit verbleibt Collettis Dialektik nicht nur in den Schranken Kantischer Dualismen, sondern bestätigt auch die von Marx bei Hegel kritisierten mystischen Grundlagen seiner Auffassung von Dialektik: »Es ist merkwürdig, daß Hegel, der diese Absurdität der Vermittlung auf ihren abstrakten, logischen, daher unverfälschten untransigierbaren Ausdruck reduziert, sie zugleich als spekulatives Mysterium der Logik, als das vernünftige Verhältnis, als den Vernunftschluß bezeichnet. Wirkliche Extreme können nicht miteinander vermittelt werden… usw.« [4] Hiervon ausgehend ergeben sich interessante Parallelen zu den verrückten Formen der Wert(form)theorie, die ich an dieser Stelle nur andeute und über die wir, so es Dir gefällt, demnächst weiter debattieren sollten.

Viele Grüße

Ulrich Knaudt

[1] Karl Marx: Kritik des Hegelschen Staatsrechts MEW 1 (203-333), 288.

[2] Karl Marx: Kritik…, 292.

[3] Lucio Colletti: Marxismus und Dialektik, Frankfurt M./. Berlin. Wien 1977, 8.

[4] Karl Marx: Kritik…, 292.


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Ulrich Knaudt an Gegen die Strömung (11.05.2015)

Hallo (ehemaliges) Buchladen-Kollektiv,

leider komme ich erst jetzt dazu, auf GdS 1/2015 (Zu den Mordanschlägen faschistischer Söldner gegen linke Satiriker und jüdische Menschen in Paris) zu antworten. Ein Grund war die Fertigstellung des BLogbuchs 1 2015 (parteimarx.org), das sich, wohl nicht ganz zufällig, mit dem gleichen Thema befaßt. Wenn Ihr es gelesen habt (wenn nicht, solltet Ihr das nachholen) werdet Ihr bemerken, daß zwischen GdS und pM in Bezug auf die politische Einordnung des Angriffs von Al Qaida auf die Zeitschrift Charlie Hebdo starke Unterschiede bestehen (um nicht zu sagen, Welten liegen). Das beginnt bereits mit der Überschrift, in der Ihr die Djihadisten einfach als »faschistische Söldner« tituliert – und fertig ist die Laube.


Nun muß man nicht im einzelnen auf die Unterschiede zwischen Al Qaida und Daesh (ISIS) eingehen, wie es im BLogbuch versucht wird. Dennoch wäre ihre Bezeichnung als ‚Islamisten‘ in der Tat ziemlich oberflächlich. Eher sollte uns interessieren, warum z.B. die Gotteskrieger von Daesh ausschließlich für die Gründung eines Gottesstaates (in Syrien +Irak + Libanon) eintreten, Al Qaida dagegen, die sich in Syrien Al-Nusra nennt, für den Sturz des Assad-Regimes und die Errichtung eines Gottesstaates in den heutigen Grenzen Syriens, nicht jedoch, wie der Name Daesh besagt, irgendwo in den Tälern von Euphrat und Tigris zwischen Arabischem Golf und Mittelmeer? Das erinnert doch allzu sehr an Hitlers Umwidmung Polens und der Ukraine in das Generalgouvernement und den Warthegau. Außerdem müßte dem Beobachter der Entwicklung der letzten Jahre im Nahen Osten eigentlich aufgefallen sein, daß Daesh vom Assad-Regime weitestgehend unbehelligt geblieben ist (seine Faßbomben läßt Assad, abgesehen davon, daß es sich generell um ein Kriegsverbrechen handelt, solche nicht diskriminierenden Waffen zu verwenden), nicht auf die von Daesh ‚befreiten Gebiete‘ im Norden Syriens fallen, sondern diese gezielt auf Schulen, Krankenhäuser und Märkte werfen, womit er objektiv Völkermord betreibt, um den revolutionären Widerstand seiner Basis in der Bevölkerung zu berauben – eine altbekannte Anti-Guerilla-Strategie), während Al-Nusra (wenn auch nicht immer) mit säkularen Regimegegnern zeitweise einen Waffenstillstand und koordinierte Aktionen verabredet.


Ein typisches Beispiel aus den letzten Wochen ist das Palästinenserlager Yarmouk, wo die Freie Syrische Armee (FSA) und lokale säkulare Widerstandsgruppen sich gemeinsam mit Palästinensern gegen die syrische Soldateska verteidigt haben (die sich inzwischen hauptsächlich aus libanesischer Hezbollah und iranischen Revolutionsgarden rekrutiert) und dabei auch weiterhin erfolgreich geblieben wären, wenn die Gotteskrieger von Daesh nicht versucht hätten, unter stiller Duldung des Regimes Yarmouk zu übernehmen; sie wurden zurückgeschlagen, weil dort jeder weiß, daß die Gotteskrieger von Daesh gerne die Hälse ihrer Feinde abschneiden, Frauen vergewaltigen und versklaven, Kinder zu Kindersoldaten umerziehen und da, wo sie Fuß fassen, ihren islamischen Tugendterror installieren. (Unsere alten Bekannten von der PFLP übrigens bekämpften dort auf der Seite Assads ihre eigenen Landsleute) M.a.W., wenn Ihr die ‚Islamisten‘ pauschal zu »faschistischen Söldnern« erklärt, solltet Ihr zumindest einen, wenn vielleicht auch nicht allzu großen, Unterschied darin machen, wen Assad von den verschiedenen ‚Regimegegnern‘ gewähren läßt, solange sich ihr religiöses Sektierertum gegen die Arabische Revolution in Syrien richtet oder wen er sogar offen unterstützt: das ist in erster Linie Daesh und weniger Al-Nusra. (Es würde zu weit führen, an dieser Stelle ausführen zu wollen, warum Al-Nusra weniger oder vielleicht sogar überhaupt keine Deals mit Assad abgeschlossen hat. Ein Grund könnte sein, daß diese Organisation von der Türkei, den Golfstaaten und Saudi-Arabien ‚unterstützt‘ oder konkret: bezahlt wird.)


Als zweites wäre zu fragen, von wem Assad außer der indirekten Unterstützung durch Daesh, von außen Unterstützung gegen den Widerstand der Assad-Gegner erhält? Da ist einmal die diplomatische und militärische Unterstützung durch China und Rußland (das einen Flottenstützpunkt in Syrien hat) und da ist die direkte Unterstützung durch den Iran, der die Hezbollah und seine Revolutionsgarden ins Land schickt. Diese Entwicklung scheint inzwischen soweit zu gehen, daß Assad seinen eigenen Laden offenbar nicht mehr ganz im Griff hat und kürzlich seinen Geheimdienstchef unter Hausarrest stellen mußte, weil dieser offenbar gegen die iranische Fremdherrschaft Fäden zur Opposition gesponnen hat. (Al Arabiya English 11.05.) Vielleicht verlassen bereits die Ratten das sinkende Schiff? Kerrys gestriger Besuch bei seinem Kollegen in Moskau scheint zu bestätigen, daß die K… am Dampfen ist.


Mit Eurer »Söldner«-Theorie stochert Ihr in einem Heuhaufen herum, ohne auf irgendeinen greifbaren Unterschied zu stoßen, wer hier Freund und wer Feind, wer revolutionär ist und wer konterrevolutionär. Das heißt, ein entscheidendes Manko Eurer Agententheorie besteht darin, daß, weil Ihr die seit 2011 stattfindende Arabische Revolution, wie ich schon des öfteren bemerkt habe, völlig ignoriert, Ihr auch nicht in der Lage seid, die verschiedenen politischen und sozialen Kräfte in den arabischen Ländern von Marokko bis in den Jemen in dieser Revolution politisch einzuordnen. Der ‚Islamismus‘ ist ein Werkzeug der Konterrevolution, welches von den beiden Hauptkontrahenten im Nahen Osten Iran und Saudi-Arabien mit ihrem jeweiligen Anhang seit 2011 zwecks Liquidierung der im wesentlichen säkular ausgerichteten Arabischen Revolution eingesetzt wird. Der Unterschied zwischen den Saudis und den Mullahs in Teheran ist der, daß die Saudis den Export des Wahabismus in den alten (kolonialen) Grenzen des Nahen Osten betreiben, die Mullahs dagegen ihre islamische Revolution überall hin exportieren, weil sie von Veränderungen des territorialen Status quo kaum betroffen wären. Dafür wird schon Rußland sorgen. Da die Arabische Revolution neben Ägypten in Syrien am weitesten fortgeschritten ist, ist das dort herrschende Regime mit allen nur von einem Faschistenhirn ausgeklügelten Mitteln auch am radikalsten gegen die Revolutionäre Bewegung vorgegangen (BLogbuch 1 2014), indem es nicht nur das alawitische (= Assad-treue) Lumpenproletariat (shabiha), sondern Teile des (sunnitischen) Islamismus instrumentalisiert und gegen den revolutionären Widerstand eingesetzt hat. Syrien war neben dem Irak Saddam Husseins eines der am weitesten fortgeschrittenen säkularen Regimes im Nahen Osten. Von da aus ergeben sich bestimmte Verbindungen zu den kaukasischen Islamisten (ein kaukasischer Islamist kandidiert für die Nachfolge des wohl schwer verwundeten ‚Kalifen‘ Al-Baghdadi), die wiederum vom russischen Geheimdienst unterwandert sind. Daß Ihr derartige Differenzierungen, und es gibt noch weit mehr, nicht zur Kenntnis nehmt, ist höchst bedauerlich. Am gravierendsten erweist sich aber Eure Ignoranz gegenüber der Arabischen Revolution.


Zu Pegida ist alles Nötige in BLogbuch 1 2015 gesagt. Vielleicht nur dieser eine Satz: Solange Ihr die eine oder andere religiöse Sekte, sei es das Christentum, sei es der Islam, von einem bornierten anti-christlichen Standpunkt kritisiert, und das heißt, daß Ihr den Boden der Konkurrenz zwischen den religiösen Sekten (egal, welcher) nicht verlaßt, seid Ihr nicht davor gefeit, gegen den Rassismus des christlichen Herrenmenschen den Rassismus des islamistischen Gotteskriegers zu setzen und den einen durch den anderen zu ersetzen. Die Unterschiede zwischen den religiösen Sekten bestehen ausschließlich im Grad ihrer Zivilisierung durch die bürgerliche Gesellschaft, auch wenn deren Wirkung zumeist nur sehr oberflächlich ist. Im übrigen sind sie gleichermaßen reaktionär.


Am Schluß Eurer Broschüre Religion. Opium des Volkes. Opium für das Volk [1] zitiert Ihr (30) einen Hinweis von Marx über das Duckmäusertum der Christen. Wie paßt dieses dann zum christlichen Herrenmenschen, dessen faschistischen Charakter Ihr pauschal jedem weißen ‚Westler‘, speziell dem deutschen, die Kommunisten vielleicht ausgenommen, zu unterstellen scheint, und wie paßt das dazu, daß Teile der preußischen Aristokratie (20. Juli) und beider christlicher Kirchen gegen Hitlers Herrenmenschentum, dessen negative Auswirkungen für den Ruf jedes zivilisierten Europäers auch für einen human denkenden Preußen und Christenmenschen nicht mehr zu übersehen war, gegen Hitler Widerstand geleistet haben?


Diese anti-weißen Herrenmenschen-Verallgemeinerungen sind weder historisch nachvollziehbar, noch werden sie dem (wenn auch halbherzigen) Widerstand gegen Hitler historisch gerecht. Auf die gleiche Weise wird von Euch der Widerstand gegen das Assad-Regime schlichtweg ignoriert, ganz zu schweigen von der Arabischen Revolution. Mit derartig pauschalen politischen Einschätzungen ist der Aufbau einer revolutionären Bewegung kaum möglich.


Mit solidarischen Grüßen

Ulrich Knaudt

[1] Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung MEW 1 (378-398), 378: »Das religiöse Elend ist einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Relgion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt der herzlosen Welt, sie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.«

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H.B. an Ulrich Knaudt (15.05.2015)

Betreff: H.-J.-Krahl-Institut / Empfehlung


Lieber U.,

Du hast auch die Mitteilung … zum Buch »Dutschkismus« erhalten. [1] Bestell es Dir, wichtig. Behandelt hauptsächlich Dutschkes Kritik am Bolschewismus, Erklärung desselben »Über die allgemeine reale Staatssklaverei«, Dein‘ Spezialthema / unser Dauerthema: Sowjetunion, Sowjets, Kritik mit Marx an Lenin etc., Dorfgemeinde, commune rurale, Sassulitsch, Plechanow …; insbes. Bedeutung, Besonderheit der ‚asiatischen‘ Produktionsweise…

Gruß

H.

PS: Dein letztes Mail zu unserer Tel.-Disk. [2] bringt mir leider nichts, schade.

[1] Carsten Prien: Dutschkismus mit Rudi Dutschke / Günter Berkhahn Über die allgemeine reale Staatssklaverei, Seedorf 2015.

[2] REAKTIONEN 2015 ANHANG 1.

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Ulrich Knaudt an H.B. (20.05.2015)

Betreff: Re: H.-J.-Krahl-Institut / Empfehlung


Lieber H., vielen Dank, daß Du an mich gedacht hast. Ich habe mir das Buch bestellt, aber noch nicht darin lesen können. … Macht nix, wenn Dir meine Attacken gegen den »Kantianer« (R.W.) Colletti »nix bringen« Bei Adorno, Negative Dialektik, fand ich eine zu unserem Thema interessante Bemerkung (17): »Wendet man, wie seit den Aristotelischen Kritikern Hegels repetiert wurde, gegen die Dialektik ein, sie bringe ihrerseits alles, was in ihre Mühle gerät, auf die bloß logische Form des Widerspruchs und lasse darüber so argumentierte noch Croce die volle Mannigfaltigkeit des nicht Kontradiktorischen, des einfach Unterschiedenen beiseite, so schiebt man die Schuld der Sache auf die Methode…« Dieses »einfach Unterschiedene«, das Adorno bei Croce vermutet, erinnert doch stark an das »a (=) nicht-a« Collettis. Um das näher beim Schopfe zu packen, müßte ich die italienischen Philosophen besser kennen, vermute aber, daß von diesem »einfach Unterschiedenen« über Gramsci zu Colletti vielleicht einige Verbindungen existieren. Also weiter im Text!

Viele Grüße

U.

[1] Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, Frankfurt/M. 1966, 17.

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Ulrich Knaudt an P.T. (25.05.2015)

Betreff: DECKCHEN STICKEN


Hi P.T., Frank Dikötter zitiert in Maos großer Hunger [1] den Vorsitzenden mit dem bekannten Zitat: Eine Revolution ist kein Deckchensticken. In der Übersetzung aus dem Englischen wird daraus eine Dinner Party. Was bedeutet dieses Wort in der wörtlichen Übersetzung?


Außerdem sind die Beiträge zur Marx-Engels-Forschung Neue Folge 2013 erschienen, die sich u.a. mit dem Verhältnis von Kapital und Weltmarkt befassen.


Abgesehen von den üblichen marxologischen Debatten finde ich den Aufsatz von Scongjin Jeong: Marx’s Crisis Theory as a Theory of World Market Crisis sehr interessant, da mich diese Frage schon seit langem umtreibt. Zumindest hält er die Theorie, »that globalization caused the crisis« für »questionable«.

Viele Grüße

U.

[1] Frank Dikötter: Maos großer Hunger. Massenmord und Menschenexperiment in China, Stuttgart 2014.


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P.T. an Ulrich Knaudt (29.05.2015)

Betreff: DECKCHEN STICKEN


Hi U.,

ich würde die Dinner Party in dem hier dem Sinn nach mit »gesittete Veranstaltung« übersetzen. Wörtlich ist es eine gesellschaftliche Abendveranstaltung am (bürgerlichen) Esstisch.

Viele Grüße,

P.T.

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Ulrich Knaudt an H.B. (09.07.2015)

Betreff: EINspruch NR. 1


Lieber H.,

Ich schicke Dir etwas zum Lesen. [1] Mit diesem Format will ich in kürzerer Frist politische Bemerkungen ins Netz stellen, da das BLogbuch immer umfangreicher ausgefallen ist.


Ich habe angefangen Dieter [Wolf]s Text in den Beiträgen zur Marx-Engels-Forschung zu lesen und stelle fest, daß d.A. uns eine marxistische Systemtheorie vorsetzen will. [2] O.K. wenn es denn sein muß… das ist aber dann nicht mehr mein Ding!


Viele Grüße

U.

[1] EINspruch 01.07.2015.

[2] Dieter Wolf: Zur Architektonik der Drei Bände des Marxschen Kapitals, in: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung NF 2013 (95-128).


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Ulrich Knaudt an F.W. (09.07.2015)
Betreff: ARMENIEN


Hallo F., zunächst vielen Dank für die Armenien-Artikel, die ich erst jetzt gelesen habe. Soweit ich weiß, gehört Armenien zu den wenigen Ländern, die der Eurasischen Union beigetreten sind. Nicht mal Weißrußland ist so eng mit der Russischen Föderation politisch, ökonomisch, militärisch verzahnt wie Armenien. Um so erstaunlicher diese Demos, denen der heroische Charakter des Maidan zwar abgehen mag, die aber auch in dieser Form Ausdruck der Großen Wirtschaftskrise sind, von der die Welt momentan durchgerüttelt wird.


Siehe die sich anbahnende Finanzkrise in China! Rußland geht es auch nicht besser. Und mitten drin der Konflikt der EU-Staaten mit Griechenland, der stetig seinem Höhepunkt zustrebt.


Armenien befindet sich in einer ihm von Rußland angelegten Zwangsjacke, die aus den Streitigkeiten über Nagornij-Karabach zusammengeflickt ist und von Putin jederzeit fester zugezogen werden kann, sowie dem christlich-muslimischen Gegensatz, der von dem aserbaidschanischen Regime nach Belieben forciert werden kann. Hinter diesem steckt wiederum die Türkei.

Viele Grüße

Ulrich

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F.W. an Ulrich Knaudt (14.07.2015)

Betreff: ARMENIEN


Hallo Ulrich,

hier ein Artikel aus der WELT von gestern über die Investitionen Saudi-Arabiens in Russland:

http://www.welt.de/wirtschaft/article143933404/Der-Handschlag-der-Putins-riskanten-Plan-besiegelt.html


Und in Armenien haben die Leute jetzt aufgehört zu demonstrieren:

http://www.deutschlandfunk.de/armenien-und-russland-proteste-in-jerewan-ohne-grossesecho.

795.de.html?dram:article_id=325378


Der Hauptwiderspruch zu C. ist auf jeden Fall seine abstrakte Negation der deutschen Nation, die bei ihm irreversibel mit dem Weg zu Hitler verschmolzen zu sein scheint. Diese Negation ist aber beim Stand der Dinge eine (sozial-)imperialistische und keine kommunistische Lösung der nationalen Frage in Deutschland.


In diesen Widerspruch hat [er?] sich ja in der Diskussion verfangen.


Viele Grüße,

F.

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Ulrich Knaudt an F.W. (19.07.2015)

Betreff: BRIEF ALS ANHANG


Hallo F., nach etwas längerem Nachdenken anhängend einige Überlegungen … [1] und noch was zu Armenien [2].

Viele Grüße

Ulrich

[1] REAKTIONEN 2015 ANHANG 2. Siehe auch: parteimarx.org KOMMUNISMUS Einige Überlegungen zur gemeinsamen Arbeit am Klassenkampf und seinem Begriff (Entwurf).

[2] FAZ 14.07.2015 Wer kann, ist längst im Exil. Hilfe von außen: Ein Band über den Alltag Armeniens.


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F.W. an Ulrich Knaudt (31.07.2015)
Betreff:
Aw: BRIEF ALS ANHANG


Hallo Ulrich,

danke für deinen Brief und die zwei Artikel. Ich komme erst jetzt dazu, darauf zu antworten.


Deine Kritik an dem Buch von Neubauer, [1] seine negative Fixierung auf Deutschland sowie die Ausblendung und dadurch Legitimierung des russischen Expansionismus, teil ich. Da C.’s Position im Unterschied dazu noch ambivalent und gespalten ist (einerseits teilt er die abstrakte Negation der deutschen Nation, andererseits nimmt er politisch Stellung gegen den russischen Imperialismus und seine linken Unterstützer, wie Linkspartei und Co.), muss die Diskussion mit ihm fortgesetzt werden, bis sich dieser Widerspruch nach einer Seite hin auflöst und seine Position sich dadurch vereindeutigt.


Deinen Vorschlag »zur gemeinsamen Arbeit am Klassenkampf und seinem Begriff« als arbeitsteiliger Kooperation stimme ich prinzipiell zu. Da ich aber […] von meinen zeitlichen Reserven her sehr eingeschränkt bin, wäre mein Beitrag zu einer wissenschaftlichen Arbeit zur Zeit nur sehr bescheiden. Ganz davon abgesehen, dass ich mir viele theoretische Grundlagen selber erst noch aneignen muss.


Besser praktizierbar wäre für mich daher eine Zusammenarbeit etwa auf dem Niveau der kommunistischen Korrespondenz-Komitees, wie du sie ja auch im ersten Beitrag zum Blogbuch angepeilt hast (http://www.parteimarx.org/?p=718). [2] Diese könnte u.a. darin bestehen, die gegenwärtigen politischen Widersprüche und Kollisionen entlang dem Klassengegensatz von Weltproletariat und Weltbourgeoisie sowie der neuen Ost-West-Spaltung nachzuvollziehen und zu kommentieren, etwa nach Art des EINspruchs über Tsipras Besuchs in St. Petersburg. [3] Möglicherweise führt die Diskussion dieser politischen Analysen dann auch zur Vertiefung auf dem Niveau der wissenschaftlichen Arbeit und der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie.


P.S. Hier noch ein Artikel über Putins Tätigkeit als KGB-Agent in der DDR:

https://correctiv.org/recherchen/system-putin/artikel/2015/07/30/putins-fruehe-jahre/

Er hat dort u.a. einen Nazi als Agenten angeworben, der in den frühen 90ern maßgeblich die Nazi-Szene in Dresden aufgebaut hat. Das wirft möglicherweise auch ein Licht auf die Entstehung von PEGIDA und den russischen Beitrag dazu. Auf der Seite correctiv.org sind noch andere interessante Artikel, die ich aber noch nicht gelesen habe:

https://correctiv.org/recherchen/system-putin/

https://correctiv.org/recherchen/system-putin/artikel/2015/07/31/unter-spionen/

Ich habe die drei Artikel als PDF an die Mail angehangen.

Viele Grüße,

F.

[1] Emil Neubauer: Der hässliche Deutsche – Dritter Akt? Kritik der deutschen Zustände und Ideologie, Norderstedt 2015.

[2] parteimarx.org BLOGBUCH. BLogbuch zu den laufenden Klassenkämpfen.

[3] EINspruch 01.07.2015.


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Ulrich Knaudt an F.W. (06.08.2015)

Betreff: DER HÄSSLICHE DEUTSCHE


Hallo F., die folgenden vorläufigen Überlegungen zur Kenntnisnahme. [1] Bis auf das KKK.

Viele Grüße

Ulrich

[1] REAKTIONEN 2015 ANHANG 3.

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Ulrich Knaudt an P.T.
(08.08.2015)

Betreff: CHINAS MEERE


Hi P.T…. Im ND von diesem Wochenende fand sich ein zweiseitiger Aufsatz: Chinas Macht auf dem Meer. [1] Dabei wurde ich an eine Diskussion erinnert, die stattfand, als mir aufgefallen war, daß China irgendwo in Belutschistan einen großen Hafen baut, der damals dafür zu stehen schien, daß China zunächst ökonomisch in westlicher Richtung expandiert. Inzwischen wurden meine in ihrer Reichweite bescheidenen Überlegungen von der Realität, folgt man diesem Aufsatz, eindeutig übertroffen durch das, was sich darin als eine weltumfassende Expansion chinesischer ‚Wirtschaftskraft‘ darstellt. Was die Seestrecke Beijing-Hamburg betrifft, wird diese inzwischen als ‚maritime Seidenstraße‘ bezeichnet. Aber China soll auch den Durchstich in Nicaragua bauen wollen und wahrscheinlich muß man auch den Neubau des Suezkanals in diesem Zusammenhang sehen. Das stand aber nicht mehr in dem Artikel.


Im ND macht sich in letzter Zeit eine gewissen China-Kritik bemerkbar. Offenbar werden den Putin-Freunden die Chinesen auch allmählich unheimlich: »Es sieht so aus «, heißt es abschließend, »als ob China derzeit andere Sorgen hat, als irgendjemanden militärisch zu bedrohen. Doch viele westliche Politiker trauen Peking aus Prinzip nicht. Aber vielleicht sorgen wirtschaftliche Verzahnungen ja dafür, daß sich feindliche Töne abmildern. Ein chinesisches Sprichwort sagt: ‚Ein Freund mehr, ein Weg mehr‘«.


Sind es nur die ominösen „westlichen Politiker“, die Peking mißtrauen?


Ich hätte Dir den Artikel gerne geschickt, aber das ND ist mit dem Kopieren seiner Aufsätzen sehr geizig geworden. …

U.

[1] ND 08.08.2015 Ein gigantischer Plan. China greift nach dem Schlüssel zur Macht. Entlang der wichtigsten Seehandelswege baut das Reich der Mitte seit vielen Jahren Häfen oder kauft sich dort Liegeplätze. Gleichzeitig vergrößert es seine Handelsflotte und seine Containerschiffe. Damit sichert sich Peking die ökonomische Herrschaft über die Schiffsrouten und die Kontrolle über den Welthandel, der zu 90 Prozent über den Seeweg abgewickelt wird.


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Ulrich Knaudt an F.W. (08.08.2015)

Betreff: VOLL CORRECT(IV)!


Hi F., hier noch zwei Nachträge: einmal die Meldung aus dem DLF und zum anderen den Schwarzen Kanal, der sich mit Schaum vor dem Mund über den gelungenen Coup von CORRECTIV aufregt. [1] Einfach gelungen dieser Aufreger, der der DDR-Nomenklatura den Schaum vor den Mund treibt. [2]

Viele Grüße

Ulrich

[1] DLF 06.08.2015 DDR-Dienst agierte unter Neonazis im Westen. Die Stasi hatte die rechtsextreme Szene in der Bundesrepublik nach einem Bericht stärker unterwandert als bisher bekannt.

[2] JW Der Schwarze Kanal. Putin und der Giftpenis (Arnold Schölzel).

http://www.jungewelt.de/2015/08-08/016.php


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Ulrich Knaudt an H.B. (12.08.2015)
Betreff:
KAP III


Lieber H., … Zu Dutschke werde ich nicht sofort kommen, beeile mich aber mit dem, was ich gerade am Wickel habe. [1]


Ich schicke Dir einen Artikel aus N[eues]D[eutschland], worin sich jemand an KAP[ITAL] III und dem tendenziellen Fall der Profitrate abarbeitet. [2] Heraus kommt die alte Geschichte, nämlich der Versuch, die unmittelbaren Produzenten auszuweiten in Richtung Zirkulationssphäre. Außerdem sind Handys keine Produktionsmittel (c), sondern schlicht Waren. Insofern haben sie mit dem tendenziellen Fall der Profitrate unmittelbar nichts zu schaffen. In einem Artikel über den Einsatz von Robotern bei Audi (glaube ich) [3] wird als Illustration für die Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals deutlich, wie radikal dies heute geschieht bspw. durch die ‚Zusammenarbeit‘ von Robotern mit den Arbeitern am Band. Der tendenzielle Fall der Profitrate ist ein ebenso unlösbarer Widerspruch wie der Fetischcharakter der Ware oder die Unverzichtbarkeit der zweiten Ware als Geld beim Kauf/Verkauf der eigentlichen Ware.


Ich schicke Dir noch einen Artikel über unser altes Milch-Thema. [4] Wir haben wahrscheinlich die Grüne Bourgeoisie unterschätzt, die objektiv die Großen Landwirtschaftsproduzenten gegen die kleineren ausspielt und sich an deren Stelle, nur eben öko, setzt…


Schließlich noch einen Literaturhinweis auf einen Dokumentenband über die KI, der zwar viel zu teuer ist. Aber man sollte zumindest wissen, daß es ihn gibt. [5]


Soweit erst mal, wenn Du mal wieder Zeit hast, laß von Dir hören. Alles Gute und viele Grüße

U.

[1] Siehe H.B. an U.K. (15.05.2015).

[2] ND 08.08.2015 Apples smarte Dinger und die fallenden Profitrate. Die Kopfarbeit von heute wirft Fragen zu der Marxschen Krisentheorie auf.

[3] FAZ 11.08.2015 Hand in Hand. Bei Audi arbeitet ein Roboter, der fühlen und sehen kann, zusammen mit Menschen. Angst, dass er sie einmal ersetzen wird, haben die Audianer bislang nicht.

FAZ 11.08.2015 Der 3D-Drucker fliegt immer mit. Die neue Produktionstechnik wirbelt nicht nur den Flugzeugbau durcheinander – das Personal muss Schritt halten.

[4] FAZ 07.08.2015 Niedriger Milchpreis bedroht wirtschaftliche Existenz der Bauern. Bauernverband sieht russisches Importverbot als Grund / Moskau vernichtet Lebensmittel.

Siehe auch: REAKTIONEN 2011 U.K. an H.B. 16.04.; 18.05.

[5] FAZ 21.07.2015 Interna aus einem welthistorischen Trauerspiel. Eine monumentale Quellensammlung zur Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen zwischen 1918 und 1943. Hermann Weber; Jakov Drabkin; Bernhard H. Bayerlein (Hg.): Deutschland, Rußland, Komintern, 2 Bde, Berlin 2015.


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F.W. an Ulrich Knaudt (17.08.2015)

Betreff: Aw DER HÄSSLICHE DEUTSCHE


Hallo Ulrich,

entschuldige, dass ich erst jetzt antworte. Ich habe gerade viel um die Ohren.


Die Idee Mailinglisten einzurichten, finde ich gut. Vielleicht könntest du als nächsten Schritt den [Einige Überlegungen…]-Entwurf auf die pM-Website stellen, zusammen mit dem Hinweis, dass wir auf Basis der dort skizzierten Punkten als politischem ‚Leitfaden‘ Informationen austauschen und diskutieren wollen. … Dann würden wir erst mal einen Überblick darüber bekommen, wer das Bedürfnis nach so einer Korrespondenz hat.


Irgendwie habe ich Tomaten auf den Augen, was ist AzK?


Danke für den Exkurs zum Antisemitismus. Dass dieser den Deutschen »von Natur aus« eigen sei, würde E.N. wahrscheinlich heftig bestreiten. Wenn er ihn aber als deutsche »Tradition« behauptet, ohne ihn auf die materiellen gesellschaftlichen Lebensbedingungen und Klassenkämpfe zurückzuführen, macht er sich allerdings einer idealistischen Verabsolutierung des Antisemitismus schuldig.


Ein Aspekt, der m.W.n. bisher noch gar nicht in Verbindung mit der Entstehung des modernen Antisemitismus untersucht wurde, ist sein Zusammenhang mit der Herausbildung der Aktiengesellschaften und der daraus resultierenden Trennung der Leitungsfunktion des Kapitalisten (der arbeitende Kapitalist) vom Kapitaleigentum (parasitäre Finanzaristokratie). Das ist doch die gesellschaftliche Wirklichkeit, die sich im antisemitischen Dualismus vom schaffenden, arischen vs. jüdischen, raffenden Kapital auf irrationale Weise reflektiert.


Interessant sind auch Proudhon und Bakunin, von denen ganz klar antisemitische Äußerungen überliefert sind, und die beide nach der Einteilung im 3. Kapitel des Kommunistischen Manifests über die sozialistische und kommunistische Literatur zu den Vertretern des reaktionären, kleinbürgerlichen Sozialismus zu rechnen sind. Insofern war Hitler mit seiner »revolutionären« präventiven Konterrevolution auch ein Schüler Proudhons und Bakunins, indem er die Klassengegensätze leugnend, typisch kleinbürgerlich von der Interesseneinheit des Volkes ausgehend und seinem Nationalgefühl und Standesvorurteil »aufs plumpeste schmeichelnd« (Marx), die revolutionäre Stimmung in der Bevölkerung gegen die Juden als Sündenbock ablenkte.


Über Proudhons Antisemitismus ist vor ein paar Jahren dieses Buch erschienen, das ich aber noch nicht in

die Hände bekommen habe: http://www.boehlau-verlag.com/978-3-412-20286-6.html


Der Aufsatz »Rasse und Judentum« von Kautsky ist in dem Band »Marxisten gegen Antisemitismus« (herausgegeben von Iring Fetscher) abgedruckt, in dem ansonsten noch Texte von Engels, Bebel, Wladimir Medem, Luxemburg, Lenin, Gorki, Trotzki und Abraham Leon enthalten sind. Das Buch ist hier noch antiquarisch zu bekommen:

http://www.zvab.com/displayBookDetails.do?itemId=273993585


Ansonsten könnte ich auch eine Kopie machen.

Viele Grüße,

F.


P.S. Diesen Text hat mir ein Genosse weitergeleitet: http://liberadio.noblogs.org/?p=1529 Hatte bisher aber noch keine Zeit, ihn zu lesen.

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Ulrich Knaudt an F.W. (25.08.2015)

Betreff: EINIGE ÜBERLEGUNGEN


Hallo F., ich habe mich wieder mal etwas ausführlicher in meiner Antwort auf Deine letzte Mail ausgelassen. Ich hoffe, ich strapaziere nicht allzu sehr Deine kostbare Zeit. [1]

Maßgeblich ist der letzte Absatz meiner Mail über die Mailing Liste und darüber, was wir mit Einige Überlegungen… [2] anfangen sollten. Im Anhang noch etwas über die Nicht-Erwähnung des Hitler-Stalin-Paktes und wie sich Politologen mit dem Phänomen Hegemonie beschäftigen. [3]

Viele Grüße

Ulrich

[1] REAKTIONEN 2015 ANHANG 4.

[2] parteimarx.org KOMMUNISMUS Einige Überlegungen zur gemeinsamen Arbeit am Klassenkampf als Begriff (Entwurf).

[3] FAZ 18.09.2015 Und was wissen Sie über den 23.August 1939? Der Gedenktag, der keiner sein soll: Das von der EU proklamierte Erinnerungsdatum des 23. Augusts steht für die Warnung vor totalitären Systemen. Doch gerade einmal fünf Staaten begehen diesen Tag.

FAZ 24.06.2015 Wehe, wenn sie ihre Energie nach außen kehren. Was unterscheidet ein Imperium von einer Hegemonialmacht? Ulrich Menzel geht der Weltordnung auf den Grund und findet dort die Gründe für die Überlegenheit bestimmter Staatsformen.

Ulrich Menzel: Die Ordnung der Welt. Imperium und Hegemonie in der Hierarchie der Staatenwelt, Berlin 2015.


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F.W. an Ulrich Knaudt (31.08.2015)

Betreff: Aw: EINIGE ÜBERLEGUNGEN


Hallo Ulrich,

zu deinem Exzerpt zum Buch von E.N.: Ich habe bisher die Situation von 1890 zu der von 1914 als grundlegend verschieden eingeschätzt, so wie wahrscheinlich die meisten Linken. Schematisch gesagt: 1890 drohte ein hegemonistischer Krieg von Seiten Russlands und die Vaterlandsverteidigung war eine Notwendigkeit für die deutsche Arbeiterklasse, um ihre bisher erlangte Stellung zu verteidigen. 1914 stand ein imperialistischer Krieg an, in der beide Kriegsparteien expansionistische Ziele verfolgt haben, sodass Vaterlandsverteidigung auf Sozialchauvinismus hinausläuft. (So hatte ich auch Deine Ausführungen in »3. Vom linken Sozialimperialismus zum neuen Zarismus„, in: „Die unscharfe Relation Marx/’Marxismus’ Reflexionen über Revolution und Konterrevolution in Deutschland“« verstanden.) Lenin hat aber im Gegensatz zu Rosa Luxemburg in seinem Text von 1916 über die Junius-Broschüre bemerkt, dass unter bestimmten Bedingungen (bei Eroberung und Unterdrückung lebensfähiger Nationen) der imperialistische Krieg in einen hegemonistischen umschlagen kann und dadurch nationale Kriege in Europa möglich werden (hier wäre auch der Osteraufstand 1916 in Irland im Zusammenhang mit dem Krieg zu berücksichtigen). Da aber die Sozialdemokratie sich den Hohenzollern untergeordnet hatte, ihnen keinen Verteidigungskrieg aufzwang und dadurch eine Situation zuließ, in der beide Kriegsparteien einen expansionistischen Krieg führten was wäre dann die Alternative zu Lenins Taktik gewesen, für den Sturz der eigenen Regierung zu arbeiten, um dadurch ‚ans Ruder‘ zu kommen und dann gegebenenfalls auch die Vaterlandsverteidigung in die eigenen Hände zu nehmen?


Und ist die Mutter der Vaterländischen Kriege nicht bereits der Krieg des revolutionären Frankreichs gegen die Allianz der konterrevolutionären Monarchien?


Zum Antisemitismus: Ich glaube die antisemitische Reaktion auf die Aktiengesellschaft ist klassenmäßig nicht nur auf das Kleinbürgertum mit seiner Feindschaft gegen die moderne Industrie beschränkt, sondern es entsteht auf dieser Stufenleiter des Kapitals auch die Voraussetzung eines spezifischen Antisemitismus der fungierenden Kapitalisten. Da der über den Zins hinausgehende Profit als Unternehmergewinn erscheint, entsteht bei den fungierenden Kapitalisten die Illusion, zusammen mit den Lohnarbeitern (diese als »Arbeiter der Faust« und sie als »Arbeiter der Stirn«) den Kapitalisten als bloßen Eigentümern des Kapitals gegenüberzustehen. Goebbels hat 1925 zwischen gutem »Staatskapital« und bösem »Börsenkapital« unterschieden. »Staatskapital« klingt auf jeden Fall nicht mehr nach kleinteiliger Privatproduktion, sondern nach dem Ideologieschatz des preußischen Staatssozialismus der sozialdemokratischen »Neu-Lassallianer«, die von der staatlich organisierten Kriegswirtschaft im Ersten Weltkrieg begeistert waren und diese als »Kriegssozialismus« feierten.


Marx hat gezeigt, dass das zinstragende Kapital eine verselbständigte Funktion des industriellen Kapitals ist und dass die fungierenden Kapitalisten, anders als die Lohnarbeiter, eine antagonistische Stellung zum Geldkapital einnehmen: »Der Zins ist ein Verhältnis zwischen zwei Kapitalisten, nicht zwischen Kapitalist und Arbeiter.« (MEW 25, 396) »[…] denn das zinstragende Kapital hat als solches nicht die Lohnarbeit, sondern das fungierende Kapital zu seinem Gegensatz; der verleihende Kapitalist steht als solcher direkt dem im Reproduktionsprozeß wirklich fungierenden Kapitalisten gegenüber, nicht aber dem Lohnarbeiter, der gerade auf Grundlage der kapitalistischen Produktion von den Produktionsmitteln expropriiert ist. Das zinstragende Kapital ist das Kapital als Eigentum gegenüber dem Kapital als Funktion. Aber soweit das Kapital nicht fungiert, exploitiert es nicht die Arbeiter und tritt in keinen Gegensatz zur Arbeit.« (MEW 25, 392)


In dem von Fetscher herausgegebenen Band findet sich am Anfang des Textes von Bebel ein Auszug aus

dem Protokoll des Parteitags der SPD von 1893, in dem es heißt, dass »die von dem Antisemitismus gegen die jüdischen Kapitalisten aufgehetzten kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Schichten zu der Erkenntnis kommen müssen, dass nicht bloß der jüdische Kapitalist, sondern die Kapitalistenklasse überhaupt ihr Feind ist und dass nur die Verwirklichung des Sozialismus sie aus ihrem Elende befreien kann.« (S. 59) Auch wenn die Sozialdemokraten vorher bemerken, dass »die Ausbeutung der Menschen durch den Menschen keine speziell jüdische, sondern eine der bürgerlichen Gesellschaft eigentümliche Erwerbsform ist« (S. 58), übernehmen sie hier anscheinend dennoch die ethnizistische Vorstellung vom speziell »jüdischen Kapital«. Außerdem fordern sie die antisemitisch verhetzten Kleinbürger und Bauern auf, »nicht bloß« gegen das jüdische Kapital (=Geldkapital) zu kämpfen, was bereits die halbe Miete zu sein scheint, sondern gegen alle Kapitalisten, d.h. PLUS das industrielle Kapital und das Kaufmannskapital. Damit entgehen ihnen aber die grundlegend verschiedenen Funktionen der unterschiedlichen Kapitalformen und die für das Proletariat daraus zu ziehenden politischen Konsequenzen. Die populäre Polemik und der Kampf gegen das Geldkapital entspricht dem Standpunkt des industriellen Kapitalisten und bedeutet für das Proletariat eine Verschiebung seiner Exploitationsquelle sowie eine Verkehrung des wirklichen Ausbeutungsverhältnisses. Diese falsche »Volksvorstellung [vom] Geldkapital, zinstragendes Kapital als Kapital als solches, als Kapital par excellence« (MEW 25, 389) hat sich die Bourgeoisie am Ende der Weimarer Republik zunutze gemacht hat, um ihre Sünden auf den Bock des »jüdischen Kapitals« abzuladen und den enormen Klassenhass auf diesen rassischen »Ersatzfeind« abzulenken.


Zur Mailingliste: Ich hatte mir das auch so vorgestellt, dass der Entwurf mit einem Kommentar veröffentlicht wird… Das wäre zugleich auch ein Anfang für das im Entwurf angedachte theoretische und politische Forum des Klassenkampfes.

Viele Grüße,

F.

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F.W. an Ulrich Knaudt (31.08.2015)

Betreff: Russische Expeditionskorps in Syrien


Hier ein ganz frischer Text über Russlands militärische Intervention in Syrien… [1]

[1] ynet news.com: Russian jets in Syrian skies. Russia has begun its military intervention in Syria, deploying an aerial contingent to a permanent Syrian base, in order to launch attacks against ISIS and Islamist rebels; US stays silent.


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Ulrich Knaudt an Marx-Gesellschaft (05.09.2015)
Betreff:
KARL REITTER


Hallo N., falls Du das Interview der j[ungen]W[elt] mit Karl Reiter noch nicht kennst, solltest Du es Dir zu Gemüte führen. [1] ‚Die größten Kritiker der Elche…‘ ist zwar ein blöder Spruch. Hier paßt er aber leider. Unser gemeinsamer Diskussionspartner Reitter tut so als richte sich seine Kritik gegen ‚Die neue Marx-Lektüre‘. Aber wer ist das? Die Marx-Gesellschaft assoziiert er dabei aus gutem Grund jedenfalls nicht. Na ja, und ‚der Klassenkampf‘! ‚Spät kommst du (nun auch damit heraus!), aber du kommst, Graf Isolan…!‘ Als ob in der M-G die Frage von Revolution und Konterrevolution niemals thematisiert worden wäre! Und beides sind ja wohl die entscheidenden Begriffe, wenn wir, wie nun auch Reitter, plötzlich den Klassenkampf für so wichtig halten. Bei ihm fehlen sie aber leider…

Viele Grüße

Ulrich

P.S. Wenn Du es für richtig hältst, kannst Du meinen Kurz-Kommentar + Anhang gerne weiterleiten.

[1] jW 05.09.2015 »Es gibt die Tendenz, den Fetisch selbst zu fetischisieren«. Gespräch mit Karl Reitter. Über die Mängel der ‚neuen Marx-Lektüre‘ und das politische Selbstverständnis der Klassiker.

http://www.jungewelt.de/2015/09-05/017.php

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Ulrich Knaudt:
Beschreibung eines (produktiven) Mißverständnisses und seiner Beseitigung (10.01.2016)


Am 06.09.2015 schickt N.R. das Reitter-Interview mit meiner obigen Notiz an die Marx-Freunde weiter mit der Bemerkung: »Inkürze noch ein kurzkommentar von ulrich knaudt dazu Viele Grüße«. Dieser »kurzkommentar« ist ein Mißverständnis, weil ich gar nicht die Absicht hatte, das Interview darüber hinaus zu kommentieren, da es eigentlich für sich selbst spricht. Am 06.10. fragt F.E. bei N.R. an: »Gibt es die Antwort von Ulrich Kandt schon?« und fügt hinzu, daß Viele das Interview unglaublich schlecht fänden. Denen wolle er diese Antwort schicken. Am 12.10 schicke ich meine Antwort an N.R., mit der Bitte, sie an alle Marx-Freunde weiterzuleiten, so auch an F.W. mit dem Vermerk: von N.R. wurde »an mich Deine Anfrage weitergeleitet, ob es von mir eine Wortmeldung zu besagtem Interview geben wird. O.K. Du hast mich überzeugt«. Daraufhin erfolgt von N.R. die Bestätigung: »Hallo an alle, Ulrich Knaudt hatte eine Anmerkung zu dem Interview mit Karl Reitter angekündigt. F.R. Hatte noch mal nachgehakt, ob sie komme. Anbei findet Ihr sie Viele Grüße«. F.E. teilt mir mit, daß er meine Anmerkung an die critique of value Gruppe auf Facebook weiterleiten werde. Am 13.10. bittet mich F.E. um mein O.K. für deren Übersetzung ins Englische. Am 13.10. schickt Karl Reitter eine kurze Replik und bittet um deren Weiterleitung an alle Marx-Freunde und an mich. Am 18.10. erfolgt darauf meine Antwort mit der Bitte an N.R., sie an alle Marx-Freunde weiterzuleiten. Daraufhin bittet mich N.R., diese doch an Karl Reitter persönlich zu schicken. »Ich will jetzt nicht dauernd Euren Briefwechsel vermitteln.« Ich antworte: »…da Karl Reitter seine Replik über Deine E-Mail-Adresse an Alle geschickt hat, so auch an mich, habe ich keine E-Mail Adresse von ihm. Heißt das, daß Du unsere Debatte auch an die übrigen Marx-Freunde nicht weiterleiten wirst? Das wäre schade. Viele Grüße« Am 19.10. wendet sich N.R. an Karl Reitter und an mich: »Lieber Ulrich, lieber Karl, damit ich nun nicht alle paar Tage ein mail von einem von Euch an den ganzen Verteiler schicke, mache ich Euch folgenden Vorschlag: Tragt Eure Debatte eine Weile aus und stellt dann eine Datei zusammen mit gegenseitigen Repliken und dann schicke ich das an Alle, ja? Viele Grüße« (Eine gute Idee!) N.R. schickt mir eine Kopie ihres Karl Reitter gemachten Vorschlags, daß Ulrich Knaudt seine Antwort »an Dich schicken soll und dass ich nun nicht alle paar Tage ein mail an den großen Verteiler schicken will mit der jeweiligen Replik.« Am 19.10. schickt N.R. ein letztes Mal meine an Karl Reitter persönlich gerichtete Replik mit der Bemerkung an die Marx-Freunde weiter: »Anbei der vorläufig letzte beitrag zur debatte zwischen knaudt/reitter«. Daraufhin erfolgt Karl Reitters an N.R. und an mich gerichtete postwendende Antwort: »…ehrlich gesagt habe ich an der Weiterführung dieser Debatte kein Interesse. Es erübrigen sich also irgendwelche Vereinbarungen bezüglich E-Mail Weiterleitung«. (Das ist schade!) Nachfolgend die Kritiken und Repliken zwischen Karl Reitter und mir verbunden mit dem Dank an N.R. für ihre bei der Weiterleitung unserer E-Mails bewiesenen Geduld.

Ulrich Knaudt


P.S. Die Aufnahme des EINspruchs 13.11.2015 in den Verteiler wurde von N.R. mit dem Argument abgelehnt, daß sie nicht anfangen werde, über diesen politische Kommentare zu verschicken Wenn sie damit anfange, dann werde sie »bald viel zu tun haben mit dem Verschicken von Antworten, Repliken, Kritiken, Zustimmungen. Das ist nicht meine Aufgabe. Dafür musst Du einen anderen Kommunikationsweg finden.« Dafür habe ich volles Verständnis. Wir arbeiten daran…


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Betr.: Anfrage zum Interview mit KARL REITTER

Vor F.E.s Anfrage bei N.R. und ihrer Mail vom 06.10., ob ich mich zusätzlich zu meinem kurzen Begleitkommentar zu Karl Reitters Interview mit der jungen Welt, das ich ihr am 05.09. geschickt hatte, noch einmal hätte zu Wort melden wollen, hatte ich das eigentlich nicht mehr vorgehabt. In meinem Kurzkommentar war es mir lediglich auf eine Richtigstellung zu der Behauptung Reitters angekommen, daß in der Marx-Gesellschaft (ohne die es keine ‚Neue Marx-Lektüre‘ gegeben hätte) das Thema Klassenkampf Fehlanzeige gewesen sei. Zum Beweis des Gegenteils könnte ich Reitter selbst als Zeuge anrufen, der zumindest bei einem der Vorträge zu diesem Thema, wie ich mich erinnere, zugegen war. Damit war die Sache eigentlich für mich erledigt.

Nachdem ich mir in der Zwischenzeit Reitters Interview noch einmal zu Gemüte geführt habe, halte ich es in der Tat für falsch, dieses einfach so für sich stehen zu lassen. In meinem Kurzkommentar hatte es geheißen, daß in dem Interview die »Frage von Revolution und Konterrevolution«, die in ihrem Verhältnis zum Klassenkampf »ja wohl die entscheidenden Begriffe« sind, fehlt.

Reitter verweist, abgesehen von seinen Überlegungen zum Wertgesetz, auf die ich mich ohne nähere Kenntnisnahme seines letzten Buches nicht einlassen werde, [1] zur Erläuterung des Verhältnisses des Klassenkampfes zum Staat auf Marxens Kritische Randglossen zu dem Artikel ‚Der König von Preußen und die Sozialreform‘… und will darin »zwei Dimensionen des revolutionären Prozesses« ausfindig gemacht haben: »Zum einen … gelte es, die politische Staatsmacht zu stürzen. Zum andern die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern und umzuwälzen«. Diesen Themen sei »Marx immer treu geblieben«. (Näheres zu den Kritische(n) Randglossen siehe: parteimarx.org REFLEXIONEN [2005] Über Uwe-Jens Heuer: Marxismus und Politik.)

Eine derart schematische Entgegensetzung von sozialer und politischer Revolution findet sich in den Kritische(n) Randglossen aber nicht. Der von Marx angenommene Ausgangspunkt dieses Widerspruchs ist ein anderer: nämlich, worin sich das Getrenntsein des Bürgers vom Staat (des Ancien régime!) von dem des Arbeiters grundsätzlich unterscheidet, wobei Marx mit Feuerbach davon ausgeht, daß »der Mensch unendlicher ist als der Staatsbürger«.

Während aber – und darin überschreitet Marx den Feuerbachschen Horizont – der Staatsbürger die Aufhebung der Trennung der dem Staat gegenüber einflußlosen Klassen vom Staatswesen (durch die politische Revolution) erreichen will, erhebt der Proletarier einen Anspruch auf »das wahre Gemeinwesen des Menschen«. Während für Arnold Ruge, gegen den die Kritische(n) Randglossen gerichtet sind, die soziale Revolution nicht ohne ihre politische Seele denkbar ist, wäre umgekehrt für Marx angesichts der herannahenden Revolution von 1848 die politische Revolution ohne ihre soziale Seele schlechterdings ein Schmarrn.

Man sieht bereits hieran, daß die Widersprüche in den Kritische(n) Randglossen durchaus anders gelagert sind als sich das Reitter mit seinen »zwei Dimensionen des revolutionären Prozesses« platterdings vorstellt, die er fein säuberlich in eine »politische Dimension« (die Revolutionen 1848 und 1871) und eine »soziale Dimension« (das KAPITAL und mit seinen Vorarbeiten) im Kopf von Karl Marx schematisch trennt, ohne Hinweis darauf, worin denn das, was besagtem »revolutionären Prozeß« zugrunde liegt, eigentlich besteht. Eine ähnlich schematische Trennung von sozialer und politischer Revolution findet sich bei Uwe-Jens Heuer in Marxismus und Politik, der aber zumindest den (wenn auch gescheiterten) Versuch unternimmt, sich zur Staat gewordenen Revolution und Konterrevolution als zentralem Ereignis in den Klassenkämpfen des 20. Jahrhunderts inhaltlich zu äußern, während hinter Reitters »zwei Dimensionen des revolutionären Prozesses« nicht nur, wie bei Heuer, Arnold Ruges »Unsinn« der »sozialen Revolution mit einer politischen Seele« (Marx s.o.) steckt, sondern die von der SED einstmals gepredigte ‚historische Rolle der Arbeiterklasse‘, die in ihrem Arbeiterstaat angeblich zur Geltung gebracht worden sei, allzu deutlich durchschimmert.

Außerdem wird Marx die Vorstellung von einer »Rätedemokratie« (Putinscher Prägung?) wahrscheinlich fremd gewesen sein, wie seine Herabstufung zu einem »Philosophen der Befreiung« durch d.A. zwar kein Sakrileg darstellt, aber an Marxens Bedeutung als politisch tätiger Revolutionär eindeutig vorbei argumentiert.

Soviel nachträglich zu Reitters Interview im Zentralorgan der post-SED-Presse, Junge Welt.

Passend zum Thema möchte ich auf Einige Überlegungen zur gemeinsamen Arbeit am Klassenkampf und seinem Begriff aufmerksam machen (parteimarx.org Papers KOMMUNISMUS), über die zu debattieren sich im letzten Sommer ein paar mit der parteiMarx korrespondierende Blogger verabredet hatten. Für unsere weitere Arbeit am Klassenkampf und seinem Begriff soll für alle an dieser Debatte Interessierten eine Mailing Liste organisiert werden, zu der ich auch die Marx-Freunde als Teilnehmer herzlich einlade.

Ulrich Knaudt

Bochum, den 12.10.2015

[1] Karl Reitter: Rubin, Backhaus und in Anschluss Heinrich – Wegbereiter der Neuen Marx-Lektüre Oder: was mit dem Vorwurf der „Naturalismus“ an die Adresse von Marx eigentlich transportiert wird, in: Karl Reitter (Hg.): Karl Marx. Philosoph der Befreiung oder der Theoretiker des Kapitals? Zur Kritik der „Neuen Marx-Lektüre“, Wien 2015.


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Von Karl Reitter an N.R. (13.10.2015)

Betreff: WG: Ulrich Knaudt zum REITTER INTERVIEW


Liebe N.

sei so lieb, und leite diese kurze Antwort an alle weiter. …

Eine kurze Replik auf die Kritik von Ulrich Knaudt.

Lieber Ulrich, liebe GenossInnen, hier nur ein paar Zeilen zu deiner Kritik.

1. Die Marx Gesellschaft und die Neue Marx-Lektüre waren (und sind) zwei verschiedene Zusammenhänge. Ich habe nie behauptet, in der Marx Gesellschaft gäbe es den Klassenkampf als konstitutiven Begriff nicht. Sicher, einige der Protagonisten der Neuen Marx-Lektüre waren in der Marx Gesellschaft aktiv, aber es gab soweit ich es bei den Treffen beobachten konnte auch immer andere Stimmen und Auffassungen. Die Marx Gesellschaft wird im Interview nicht erwähnt, es wird auch kein indirekter Bezug hergestellt, ok?

2. Die Kritik an meiner Interpretation der Marxschen Aussage in den „Randglossen“ kann ich nicht nachvollziehen. Ausdrücke wie „platterdings“ und „schematisch“ sind keine Argumente. Die Sachlage ist bei Marx so, wie ich es darstelle.

3. Marx tritt in den Schriften zur Pariser Kommune sehr wohl für ein Netz von Räten bzw. Kommunen ein. „Die Pariser Kommune sollte selbstverständlich allen großen gewerblichen Mittelpunkten Frankreichs zum Muster dienen. Sobald die kommunale Ordnung der Dinge einmal in Paris und den Mittelpunkten zweiten Ranges eingeführt war, hätte die alte zentralisierte Regierung auch in den Provinzen der Selbstregierung der Produzenten weichen müssen.“ (MEW 17; 339) „Ganz Frankreich würde sich zu selbsttätigen und sich selbst regierenden Kommunen organisieren, das stehende Heer würde durch die Volksmiliz ersetzt, die Armee der Staatsparasiten beseitigt, die klerikale Hierarchie durch die Schullehrer ersetzt, die Staatsgerichte in Organe der Kommune verwandelt werden; die Wahlen in die nationale Vertretung wären nicht mehr eine Sache von Taschenspielerstücken einer allmächtigen Regierung, sondern der bewußte Ausdruck der organisierten Kommunen; die Staatsfunktionen würden auf einige wenige Funktionen für allgemeine nationale Zwecke reduziert.“ (MEW 17; 545) Was da Putin damit zu tun haben soll, kann ich nicht nachvollziehen.

Nachsatz: Offenbar habe ich den Fehltritt begangen, in der Jungen Welt zu publizieren.

Ich bin sogar Online Abonnement und inzwischen Mitglied der KPÖ.

lg. Karl

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Betr.: Interview mit KARL REITTER

Lieber Karl Reitter,

da Du meine Kritik an Deiner Interpretation der »Marxschen Aussage« in den Kritische(n) Randglossen » nicht nachvollziehen« kannst und Deiner Meinung nach »die Sachlage bei Marx (so ist), wie ich es darstelle«, entnehme ich daraus, daß sich dieses Thema für Dich erledigt hat. Dann wirst Du mir gestatten, daß ich dies auch für mich in Anspruch nehme. Denn wir sind hier schließlich nicht in einem Pro-Seminar.

Bleibt noch die von Dir mit Unschuldsmiene gestellte Rückfrage nach der »Rätedemokratie« à la Putin. Die Räte oder Sowjets (abgeleitet von sovetovat‘ = beraten) sind eine bäuerliche Form der Selbstregierung der unmittelbaren Produzenten in Rußland gewesen, im Unterschied zur commune, deren Form von den Pariser Arbeitern der mittelalterlichen Munizipalverfassung entliehen wurde. Die zuletzt genannte Form ist also städtischer, erstere dagegen agrargesellschaftlicher Herkunft. Beide lassen sich nicht beliebig, wo es einem gerade paßt und überall anwenden.

Um Dir zu Deiner Frage, ob die »Rätedemokratie« etwas und wenn was mit Putin zu tun hat, auf die Sprünge zu helfen, empfehle ich Dir die Lektüre eines Aufsatzes von Friedrich Engels aus dem Jahr 1866 und darin das Kapitel Die Anwendung der Nationalitätsdoktrin auf Polen. (MEW 16, 159) Hier erläutert Engels die Anwendung dieser Doktrin und des darin enthaltenen »Rechts auf Revolution« durch die russischen Zaren, als sie leibeigene kleinrussische (heute: ukrainische) orthodoxe russische Bauern auf katholische polnische Grundherren hetzten und anschließend deren Latifundien und schließlich ganz Polen dem russischen Imperium einverleibten. Eine Vorgehensweise, deren Gemeinsamkeiten mit der Putinschen Politik in der Ukraine eigentlich jedem Betrachter einleuchten müßten. Engels erklärt diese so: »Rußland kennt keine Skrupel in der Wahl seiner Mittel . Man sagt, daß der Krieg Klasse gegen Klasse etwas äußerst revolutionäres sei; Rußland brach in Polen einen solchen Krieg vor ungefähr 100 Jahren vom Zaun, und es war ein schöner Klassenkrieg, als russische Soldaten und kleinrussische Leibeigene gemeinsam darangingen, die Schlösser der polnischen Adligen niederzubrennen, nur um die russische Annexion vorzubereiten; sobald diese vollbracht war, führten dieselben russischen Soldaten die Leibeigenen unter das Joch ihrer Herren zurück.« Rußland betreibt also nicht erst seit gestern jene überaus bemerkenswerte Kombination aus Klassenkampf (oder »Klassenkrieg«) und Annexionspolitik. Und daher ist auch die Engelssche Schlußfolgerung von höchst aktueller Bedeutung: »Erstes und vorrangiges Bestreben Rußlands ist die Einigung aller russischen Stämme unter dem Zaren, der sich selbst Herrscher aller Reußen (samoderžec vcech Rossijskich*) nennt, wobei es auch Weiß- und Kleinrußland einbezieht.« Wenn Putins ‚Klassenkrieger‘ den mit seiner militärischen Unterstützung eroberten Teil des ukrainischen Donbass Novo Rossija (Neu-Rußland) nennen, ist Deine Frage zur »Rätedemokratie« à la Putin damit eigentlich hinreichend beantwortet.

Nicht nur Lenin, sondern vor allem sein Amtsnachfolger, beide wollten in einem Land, das vor der Oktoberrevolution zu 90% von Bauern bewohnt wurde, die Landwirtschaft nach westlichem Vorbild kollektivieren, was, weil sie dabei Eulen nach Athen trugen, im ersten Anlauf auf absurde und gegen Ende der 20er Jahre auf katastrophale Weise gescheitert ist (vgl. parteimarx.org Papers DEBATTE 3 und 4). Wenn Du auf ähnliche Weise »Rätedemokratie« und »Kommunen« als beliebig austauschbare Formen der Selbstorganisation der unmittelbaren Produzenten bezeichnest, beweist das nur, daß Du nach wie vor nicht bereit bist, aus diesen eklatanten Irrtümern, die zur Verwandlung der Oktoberrevolution in die institutionelle Konterrevolution Stalins entscheidend beigetragen haben, irgendetwas zu lernen. Wer heutzutage den »Klassenkampf« predigt, sollte auch erklären können, ob und worin sich dieser von ihm verwendete Begriff vom »Klassenkrieg« des alten und neuen russischen Zarentums unterscheidet; sonst wird er seinen »Klassenkampf« zwangsläufig von der konterrevolutionären Seite der Barrikade aus betreiben.

Eine Bemerkung zum Schluß: Ich habe seinerzeit in der Marx-Gesellschaft nicht, wie jetzt aus Deinem Interview hervorgeht, gegenüber der entpolitisierten Neuen Marx-Lektüre schlicht den Klassenkampf gepredigt, sondern durch meine Beiträge konkret deutlich zu machen versucht, daß das Marxsche Kapital, ohne daß wir eine Verbindung zu dem von der Marxschen Partei betriebenen Klassenkampf herstellen, nicht zu verstehen ist oder bestenfalls als linke Vulgärökonomie ‚gelesen‘ wird. Eine solche Verbindung läßt sich aber nur herstellen, wenn für die Geschichte der Klassenkämpfe seit der Zeit von Marx und Engels die Frage von Revolution und Konterrevolution in den Mittelpunkt gestellt wird.

Ulrich Knaudt


Bochum, den 16.10.2015


* Die Engelssche Transkription wurde durch eine heute geläufige ersetzt. Die wörtliche Übersetzung lautet: »Selbstherrscher aller Russen«.

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Ulrich Knaudt an H.B. (05.09.2015)

Betreff: KARL REITTER


Lieber H., ich schicke Dir auf die Schnelle ein Interview mit Karl Reitter, in dem eigentlich auch die Marx-Gesellschaft, wenn er die Neue Marx-Lektüre zentral kritisiert, durchaus eine zentrale Rolle gespielt hat. Ich habe das Interview auch an N. geschickt mit der Empfehlung, es über ihren Verteiler weiterzuleiten. …

Viele Grüße

U.
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Ulrich Knaudt an F.W. (06.09.2015)

Betreff: INTERESSANTE TEXTE


Hallo F., während ich noch an einer Antwort zu Deinem wichtigen Einwand bastle, wollte ich Dir vorab einige Texte schicken, die ich kurz kommentieren will und die teilweise zu der israelischen web site passen, deren Infos inzwischen durch die nachfolgenden Ereignisse vollauf bestätigt wurden. [1] Dazu paßt die Reaktion Der Linken, die an Absurdität kaum noch zu überbieten ist: also nicht Assad, sondern die USA sind schuld daran, daß so viele Syrer in den letzten Jahren von ihm umgebracht wurden. [2] Daß ihnen das Thema auf den Nägeln brennt oder genauer: daß sie nicht wissen, wie sie sich aus diesem Dilemma herauswinden sollen, zeigt die Polemik in der jW gegen eine taz-Autorin (die in der Vergangenheit ganz gute Sachen über Syrien geschrieben hat), die sie in Grund und Boden stampfen. [3] Wie es dort tagtäglich zugeht, zeigt ein Bericht von der Bombardierung zweier syrischer Marktplätze zur vollen rush hour. [4] Wenn Du Dir das zu Gemüte führst, wird klar, daß das hippe Foto von dem ertrunkenen kleinen Syrer am türkischen Strand nicht für sich steht. Für sich betrachtet, verstellt es in unserer Wahrnehmung vielmehr die Gründe, warum sich so viele Syrer (wohl meistens middle class) auf diese gefährliche Reise begeben haben. Wenn Putin in Syrien tatsächlich eine zweite Front eröffnen wird, wäre Europa von zwei Seiten in die Zange genommen, eine Konstellation, die sich schon seit längerem andeutet. Dann wären aber auch die Ukraine und Syrien, was die russische Expansion angeht, nicht mehr voneinander zu trennen…


Schließlich noch das Interview mit einem früheren Teilnehmer an den Kolloquien der Marx-Gesellschaft, der steif und fest behauptet, dort sei nie über den Klassenkampf debattiert worden. [5] Wie albern. Interessant ist auf jeden Fall, daß dieses Thema innerhalb der Linken wieder hipp zu werden beginnt. (Siehe Juni-Nummer der PROKLA (175) unter dem Thema Klassentheorien).

Soweit erst mal. Ich beeile mich mit einer ausführlichen Antwort.

Viele Grüße

Ulrich

[1] siehe F.W. an Ulrich Knaudt (31.08.2015), [1].

[2] DLF 06.09.2015 Linkspartei. „USA Hauptverursacher der Flüchtlingstragödie“. Die Linkspartei hat die Bundesregierung aufgerufen, von den USA Geld für die Versorgung von Flüchtlingen zu fordern.

In einem Positionspapier der beiden stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Wagenknecht und Bartsch bezeichnen diese die USA als Hauptverursacher der Flüchtlingstragödie. Westliche Staaten unter der Führung der USA hätten ganze Regionen destabilisiert, indem sie unter anderem Terrororganisationen möglich gemacht und instrumentalisiert hätten. Von der deutschen Regierung verlangten die Politiker der Linken ein Ende der Rüstungsexporte und der – Zitat „Kriegsabenteuer der Bundeswehr“.

[3] jW 05.09.2015 Tabula rasa.

http://www.jungewelt.de/2015/09-05/027.php
[4] taz 05.09.2015
Debatte Gewalt in Syrien. Erst Assad, dann der Islamische Staat. Wer die IS-Miliz erfolgreich bekämpfen will, muss den Syrienkonflikt beenden. Dafür vor allem eine Alternative zum Assad-Regime.

[5] Ulrich Knaudt an Marx-Gesellschaft (05.09.2015), [1].


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Ulrich Knaudt an F.W. (13.09.2015)

Betreff: ZUR MAILING LISTE [1]


Hi F., dies [2] ist noch nicht das Vorwort [zu Einige Überlegungen…]. [3] ...

Viele Grüße

Ulrich

[1] REAKTIONEN 2015 ANHANG 5

[2] REAKTIONEN 2015 ANHANG 6.

[3] parteimarx.org KOMMUNISMUS Einige Überlegungen zur gemeinsamen Arbeit am Klassenkampf als Begriff (Entwurf).


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Ulrich Knaudt an P.T. (25.09.2015)
Betreff:
VERSCHIEDENSTES


Hi P.T., …
Das Buch, mit dem ich soviel Schwierigkeiten habe, stammt von Emil Neubauer (NB die Verlagsmitteilung auf der ersten Seite: »Emil Neubauer publiziert … Texte zur Theorie und Praxis der Arbeiterbewegung. Er ist seit 2009 Mitglied der Partei Die Linke.«): Der hässliche Deutsche – Dritter Akt? Kritik der deutschen Zustände und Ideologie. [1] Der Titel ist gut gewählt. Denn Ideologie ist das Hauptthema des Buches. Man könnte auch sagen: Kulturkritik. Und dementsprechend geht d.A. ziemlich phänomenologisch und feuilletonistisch vor. Anything goes gegen den Antisemitismus der Deutschen, bzw. der deutschen Linken. Letzteres macht es möglich, überhaupt [darüber] weiter zu diskutieren. […] Noch ein Punkt, über den ich gerne mit Dir weiter debattieren würde: Gegen Ende der Kapitel über den T[endenziellen]F[all der]PR[ofitrate] stellt K.[arl]M.[arx] einen Zusammenhang zwischen letzterem und dem Wachstum der Bevölkerung her; d.h. der während der Hochkonjunktur entwickelte Level der Reproduktion der Arbeiterbevölkerung wird nach Eintreten des TPPR ‚redundant‘. [2] Wer z.B. mit M.[ichael]H.[einrich]s Marx-Kritik übereinstimmt, [3] könnte K.M. daraus einen Strick drehen und feststellen: daß es unter den heutigen Verhältnissen genau umgekehrt ist: je ‚positiver‘ sich die Konjunktur entwickelt, desto weniger sieht die arbeitende Bevölkerung ein, sich um die eigene biologische Reproduktion stärker zu kümmern, usw. ‚Kinder kriegen ist teuer‘. Nun besteht, wie ich annehmen würde, die Marxsche Methode darin, rein hypothetisch und zur Gewährleistung der ‚experimentellen‘ Bedingungen für die Reinheit der Theorie durch störende Nebeneffekte eine idealiter geschlossene Gesellschaft vorauszusetzen, deren Außenhandel bereits eine Abnormalität darstellt, die durch interne Effekte kompensiert wird. Es ist natürlich Blödsinn, dahinter so etwas wie Lists ‚geschlossenen Handelsstaat‘ zu vermuten… Die sich daran anschließende Frage ist jedenfalls: wodurch ist das Verhältnis zwischen der von K.M. vorausgesetzten Gesellschaft, in der der TFPR stattfindet und dem Weltmarkt bestimmt? Gilt der TFPR auch global und wenn ja, läßt sich die Weltwirtschaft einfach als Extension der nationalen Wirtschaft bestimmen? Ich belasse es erst mal dabei. Entscheidend ist auf jeden Fall der von K.M. zugrunde gelegte Begriff der Gesellschaft, der von der A.G. bis zur Gesellschaft eines bestimmten Staates reicht.

O.K. Das war’s erst mal.

U.

[1] Emil Neubauer: Der hässliche Deutsche – Dritter Akt? Kritik der deutschen Zustände und Ideologie, Norderstedt 2015.

[2] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie Bd.3 MEW 25, 228: »Ein momentaner Überschuß des Surpluskapitals über die von ihm kommandierte Arbeiterbevölkerung würde in doppelter Weise wirken. Er würde einerseits durch Steigerung des Arbeitslohns, daher Milderung der den Nachwuchs der Arbeiter dezimierenden, vernichtenden Einflüsse und Erleichterung der Heiraten die Arbeiterbevölkerung allmählich vermehren, andrerseits aber durch Anwendung der Methoden, die den relativen Mehrwert schaffen (Einführung und Verbesserung von Maschinerie) noch weit rascher eine künstliche, relative Übervölkerung schaffen, die ihrerseits wieder ‒ da in der kapitalistischen Produktion das Elend Bevölkerung erzeugt ‒ das Treibhaus einer wirklichen raschen Vermehrung der Volkszahl ist.«

[3] Vgl. das Kapitel über den tendenziellen Fall der Profitrate in Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition, Münster 21999 (327-341), 329,330: »In diesem Abschnitt will ich zunächst deutlich machen, daß die Marxsche Begründung für dieses Gesetz unzureichend ist und daß auch die verschiedenen | in der Diskussion eingeführten Hilfskonstruktionen nicht ausreichend sind, um das nachzuweisen, was Marx zeigen wollte, die Existenz einer aus dem Wesen der kapitalistischen Produktionsweise entspringenden und sich langfristig durchsetzenden Tendenz zum Profitratenfall. Damit soll nicht abgestritten werden, daß die Profitrate fallen kann, sie kann fallen ebenso wie sie steigen kann. Das Problem ist aber, ob sich eine langfristig dominierende Tendenz aus den Grundbestimmungen der Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise ableiten läßt. Und dafür erscheinen mir die von Marx selbst, sowie von anderen vorgebrachte Argumente nicht ausreichend zu sein.« Seit Erscheinen von Heinrichs Buch sind fast zwei Jahrzehnte vergangen, in denen inzwischen eine epochale Wirtschaftskrise stattfindet. Vielleicht wird diese den Autor veranlassen, noch einmal über seine damaligen Überlegungen über Wirksamkeit dieses Gesetzes nachzudenken.


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Ulrich Knaudt an H.B. (27.09.2015)

Betreff: NF


Lieber H., vielen Dank für Deine Anregung die Dutschke-Veranstaltung betreffend. [1] …. Ich könnte Dir ein paar formale Gründe nennen, warum ich Deine Einladung nicht annehmen werde. Aber mit sowas lassen wir uns für gewöhnlich nicht abspeisen, also komme ich zum Kern der Sache.


Wenn es sich um eine Veranstaltung handeln würde, die in der abstrakt theoretischen Form … die NF thematisiert, wäre es vielleicht ein Anlaß gewesen, über meine Teilnahme ernsthaft nachzudenken. Aber der Teufel liegt immer im Detail. Diese Details enthält das Einladungsflugblatt »Eine überfällige Aufklärung…« en masse.


Dieses gliedert sich thematisch in drei Teile:

a. Nationalstaat und Demokratie

b. Sozialistische Wiedervereinigung

c. Dutschkes Geschichtsauffassung.

Ich beginne mit

c. Wenn ausgehend von Dutschkes angeblichem »genealogischen Geschichtsbegriff« Geschichte als »Abfolge von Generationen … erst eine Klassenkampfgeschichte« ergeben soll, dann laßt uns einen ‚Gotha‘ zusammenstellen, in dem die Abfolge dieser Klassenkämpfer, ihrer Hierarchien und ihre Verbindungen rekonstruiert wird, woraus dann unser revolutionäres Geschichtsbild und die Ab- und Rangfolge unseres revolutionären Hoch- und Niederadels hervorgeht. Ich muß nicht betonen, daß erstens [nach Karl Marx] die Menschen zwar ihre eigene Geschichte machen, dies aber nicht aus freien Stücken tun, weil sie Verhältnissen gehorchen müssen, die sie nicht selbst geschaffen haben. (Geschichte machen, aber auch eine solche schreiben, ist etwas anderes als den Versuchsaufbau in einem Labor zu konstruieren.) Und daß zweitens dieser »genealogische Geschichtsbegriff« durchaus mit der Stalinschen Geschichtsauffassung und dem Aufbau der sowjetischen Nomenklatura kompatibel ist. Ob das auch auf die Dutschkesche zutrifft, wäre zu untersuchen.


b.
Was R.[udi]D.[utschke] unter einer »sozialistische(n) Wiedervereinigung« verstanden hätte, wäre ebenfalls zu untersuchen. Ich bin seit den Zeiten R.D.s aber inzwischen zu der Auffassung gelangt, daß eine »sozialistische Wiedervereinigung« eine sozialfaschistische Wiedervereinigung hätte werden müssen, zu der der Reale Sozialismus (zum Glück!) nicht mehr die Kraft gefunden hat: weder die ‚moralische‘, noch die ökonomische, nicht einmal mehr die militärische. Daher Rückkehr zu Berijas Deutschland-Politik von 1953: Veräußerung der DDR zu den günstigsten Konditionen an ‚den Westen‘. Allerdings waren diese 1989 für die SU sehr viel ungünstiger geworden. Darüber jammert die ehemalige Nomenklatura vertreten durch die jW und ihre SED-Leserschaft seit Jahr und Tag. Meinte R.D., dieses Dilemma »sozialistisch« überspielen zu können? Ich rede gar nicht darüber, wie mit der von Stalin eingeleiteten konterrevolutionären Revolution umzugehen [gewesen] wäre.


a.
Abgesehen von den unter b. und c. behandelten historischen und theoretischen Fragen, über die ja noch ein wissenschaftlich fundierter Diskurs (à la Marx Gesellschaft) geführt werden könnte, enthalten die ersten beiden Absätze politische Statements, die als antagonistische Widersprüche zwischen uns und dem Feind und keineswegs mehr als Widersprüche im Volk (bzw. unter Theoretikern) zu behandeln sind. Mit Der Linken werde ich nicht mehr über Politik diskutieren! Sie ist als Feind (Klassenfeind und Staatsfeind!) zu bekämpfen, so, wie Putin und Assad zu bekämpfen sind. Staatsfeind wegen ihres revisionistischen Programms der Wiederherstellung der früheren à la Gorbatschow modernisierten und ‚demokratisierten‘ DDR und der Ersetzung der BRD durch dieselbe. Darin ähnelt sie den Nazen wie ein Ei dem anderen.


aa.
Die Nation ist die verhüllende Einheit das Klassenstaates. »Aber der Nationalstaat« (schon dieser politologische Begriff ist zum K…) »ist auch die gegebene Erscheinungsform der Demokratie« Ist denn die Demokratie keine verhüllende Ideologie des Klassenstaates? (siehe K.M.: Der 18. Brumaire,

etc.) [2]


ab.
Ausgehend vom »Nationalstaat« (ein Pleonasmus, da eine Nation ohne Staat eine windige romantische Angelegenheit ist und ein Staat ohne Nation nach Kant auch ein Staat von Teufeln sein kann, also die Nation (une et indivisible) den Staat impliziert, aber der Staat nicht unbedingt die Nation, was wir ja in Deutschland zur Genüge kennen gelernt haben) findet angeblich ein »Prozeß der Entdemokratisierung« statt, der zur »Postdemokratie« führen wird. Was wir darunter zu verstehen haben, besteht offensichtlich darin, daß Demokratie ohne Die Europäische Linke an der Macht keine Demokratie wäre. D.h. Demokratie erst im eigentlichen Sinn. Auf diese Linke Demokratie kann Europa wohlweislich verzichten. Aber auf sie legen die ‚lupenreinen Demokraten‘ vom Schlage Putins und all die anderen Anwärter auf die Hegemonie über den Weltmarkt, die die US-amerikanische ablösen soll, den allergrößten Wert. D.h. die europäische Linke bekämpft gemeinsam mit der europäischen Rechten die amerikanische Hegemonie in Europa. So wie einst Hitler die westliche Dominanz über den Weltmarkt bekämpft hat, um seine faschistische zu etablieren. Daher die Linke Demagogie gegen TTIP (Chlorhühnchen!) WTO, IMF usw. als Formen der ‚westlichen‘ Demokratie, die durch eine ‚wirkliche‘ Demokratie im Stile Hitlers, Putins und Assads ersetzt werden soll, als »demokratische« Phrase!


ac.
Daher soll die Aufgabe der Linken angeblich in der »Verteidigung der nationalstaatlichen Souveränität« (nicht etwa der nationalen Souveränität) bestehen und der »Demokratie«, ohne über das Verhältnis von Demokratie und Klassengesellschaft noch ein Wort zu verlieren. Schon gar nicht in der Ukraine, sondern wenn überhaupt, dann ausschließlich im ‚Westen’…

Lieber H., ich will Dir diese Veranstaltung nicht vermiesen … Ich finde es gut, wenn Du, da Du Dich nun mal zur Teilnahme entschlossen hast, versuchst, dort Deine Ansichten zur NF zu verteidigen und hoffe, daß in Deine Verteidigung viel Marx und Lenin und auch etwas aus unserer bisherigen Debatte einfließt. Aber ich fühle mich dank Putin und Assad weder mental noch politisch fähig und in der Lage, mit Vertretern der Linken noch friedvoll politische Argumente auszutauschen.


Abschließend erlaube ich mir, Dir einen Vorschlag zur weiteren Kooperation zu unterbreiten, über den ich mich in der letzten Zeit mit Bloggern und Lesern der pM auseinandergesetzt habe. [3]

Viele Grüße und viel Erfolg

U.

[1] Vortragsveranstaltung mit Dr. Matthias Stangel. Eine überfällige Aufklärung: Rudi Dutschke und die nationale Frage. Mit einer Einführung zum Thema ‚Die nationale Frage im Kontext der politischen Theorie Rudi Dutschkes‘ von Carsten Prien.

http://www.ousia-verlag.de
[2] Gemeint sind die drei Marxschen Aufsätze zur proletarischen Revolution in Frankreich, siehe
U.K. an F.W. (23.03.2015), [6]

[3] parteimarx.org KOMMUNISMUS Einige Überlegungen zur gemeinsamen Arbeit am Klassenkampf und seinem Begriff (Entwurf).


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Ulrich Knaudt an F.W. (13.10.2015)

Betreff: MAILING LISTE


Hallo F., die Mailing Liste scheint bereits spontan angelaufen zu sein. Zu dem Reitter-Interview, das ich Dir am 06.09. geschickt habe, habe ich mich dann doch noch etwas länger eingelassen [1] und […] heute eine Antwort von Reitter erhalten… Außerdem empfehle ich den neuen EINspruch vom 08.10. auf der Web Site der pM zur Lektüre. [2]

Viele Grüße

Ulrich

[1] s.o. Ulrich Knaudt: Beschreibung eines (produktiven) Mißverständnisses und seiner Beseitigung (10.01.2016).

[2] parteimarx.org EINspruch 08.10.2015.


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Ulrich Knaudt an P.T.
(13.10.2015)

Betreff: MAILINGLISTE


Hi P.T., die anvisierte Mailing Liste scheint ganz spontan angelaufen zu sein. [1] … Ausgangspunkt ist das Interview eines früheren Diskussionsteilnehmers der Marx-Gesellschaft mit der jungen Welt über sein neustes Buch. Offenbar kannte das Interview keiner, so habe ich es an den alten M[arx]G[esellschaft]-Verteiler mit einem Kurzkommentar geschickt, woraus schließlich ein längerer Kommentar wurde + Replik des darin Angesprochenen […] Wahrscheinlich nicht so spannend für Dich.


Außerdem schicke ich Dir drei FAZ-Artikel, einen über China, einen über ein Treffen von Regierungschefs mit Cameron und einen Bericht auf der Lokalseite der FAZ von einem regionale P[artei]T[ag] der Linkspartei. [2] Sehr aufschlußreich. Sie sind dort beim Warmlaufen schon richtig gut drauf die Jungs …! Klassenkampf ist angesagt!


In Europa scheint keiner der Regierungschefs Merkel noch ernst zu nehmen. Sie wären auf keinen Fall bereit, ihre staatliche Souveränität einfach wegen ein paar Flüchtlingen ante portas über Bord zu schmeißen. Wenn ich die deutschen Politiker dazu höre, ist das meiste dazu ein Schmarrn. Da hast Du völlig recht. Die Frage, die ich mir stelle, ist, was eigentlich hinter dieser scheinbaren staatlichen Selbstaufgabe unserer Regierungschefin steckt? Der Humanismus ist nur ein fake, oder? Was ist es dann? Soweit erst mal.

U.

[1] Siehe unter Ulrich Knaudt: Beschreibung eines (produktiven) Mißverständnisses und seiner Beseitigung (10.01.2016).

[2] FAZ 12.10.2015 Europlatz Frankfurt Zombifizierung statt Crash.

FAZ 12.10.2015 Spott über Berlin. Ein bemerkenswertes Treffen in London. FAZ 12.10.2015 „Flüchtlinge aufnehmen“. Linken-Parteitag: Notfalls Beschlagnahmungen.


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Ulrich Knaudt an H.B. (13.10.2015)

Betreff: REITTER


Lieber H:, … Die geplante Mailing Liste aus dem Klassenkampf-Begriff-Papier [1] scheint bereits spontan angelaufen zu sein. Dazu leite ich an Dich das Interview weiter, daß Karl Reitter der jW gegeben hat und das ich mit einem kurzen Kommentar an N. geschickt hatte, die wiederum von mir einen längeren Text erwartete, den ich erst gar nicht schreiben wollte und dann doch geschrieben habe. Darauf antwortet heute Karl Reitter [2] … Außerdem findest Du auf der Web Site der pM einen neuen EINspruch vom 08.10.

Viele Grüße

und meld‘ Dich mal

U.

[1] parteimarx.org KOMMUNISMUS Einige Überlegungen zur gemeinsamen Arbeit am Klassenkampf als Begriff (Entwurf).

[2] Siehe Ulrich Knaudt an Marx-Gesellschaft (05.09.2015).

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P.T. an Ulrich Knaudt (14.10.2015)
Betreff:
Re MAILINGLISTE


Hi U.,

wie immer danke für die Artikel.


Was da an Zitaten in der FAZ kolportiert wird, kann man glauben oder nicht. So sie denn so gefallen sind, sehe ich in den Äußerungen auf beiden Seiten schlicht ein falsches (ideales) Verständnis von staatlicher Souveränität und der Funktion von Grenzen mitschwingen, das in der Zeit militarisierter Grenzen im Kalten Krieg geboren und im EU Grenz- und Migrationsregime vergeblich versucht wurde fortzusetzen.


Grenzen sind in der Regel, wie die Geschichte zeigt, durchlässig und nicht dicht. Staatliche Souveränität ist nur juristisch absolut und unantastbar (sollten die Briten mit ihrem System geteilter Souveränitäten eigentlich am besten wissen), wird in der Wirklichkeit aber immer wieder neu herausgefordert und muss sich dann beweisen. Insofern sehe ich Merkels Politik auch nicht als staatliche Selbstaufgabe. Die Flüchtlingskrise lässt sich an den Grenzen nicht bewältigen, wenn man im Rahmen deutschen und internationalen Rechts handeln will. Die Alternative wäre der militärische Ausnahmezustand. Also muss man die Leute reinlassen und hier sehen, wie man damit fertig wird. Und das geht natürlich mit dem Gegenteil von staatlicher Selbstaufgabe einher, nämlich mit seiner Mobilisierung. Der Staat gibt sich nicht selbst auf. Was aufgegeben wird, ist vielleicht der letzte Rest von Carl Schmitt im staatsrechtlichen Denken der Bundesregierung und die Vorstellungen einiger Deutscher davon, was die deutsche Nation ausmacht.


Was Merkel letztlich treibt, ist schwierig zu sagen. Ein wenig humanistischen Idealismus gestehe ich ihr schon zu, aber eben auch eine realistische Abschätzung der Situation und dessen, was machbar ist und was nicht. Vor »wir schaffen das« war sie wie immer abwartend und hat ihre Stellung in Partei und Parlament abgeschätzt. Ihr Ausbrechen aus der Stellung war zum einen der Zwangssituation geschuldet und zum anderen der günstigen öffentlichen Stimmung. Und bezogen auf die vermutete staatliche Selbstaufgabe würde ich sagen, dass sie gerade dadurch, dass sie sich aus der Stellung ins Maneuver gewagt hat, sie eben auch dabei ist, staatliche Souveränität (wieder) herzustellen.


Bleibt noch abzuwarten, ob sich Merkel gegen die Seehofers und de Maizieres in ihrer Partei wird durchsetzten können. Deren Politik der Internierungslager im vorstaatlichen Raum (a pro pos Aufgabe von Souveränität) ist meiner Meinung nach schon aus praktischen Gründen zum Scheitern verurteilt und entblößt die Maxime »integrationswillig ist, wer sich zum Rechtsstaat bekennt« als wohlfeiles Gelaber.

Viele Grüße,

P.T.

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Ulrich Knaudt an H.B. (18.10.2015)
Betreff:
URQUHART


Lieber H., ich schicke Dir schon mal meine Kritik an Reitter. [1] Der komplizierte Name, der mir nicht einfiel: David Urquhart. In MEW 22,
Die auswärtige Politik des russischen Zarentums, findest Du S. 13 in der Fußnote eine längere Bemerkung zu David Urquhart. F.[riedrich]E.[ngels]s Aufsatz ist im übrigen hochaktuell. Soweit erst mal.

Viele Grüße

U.

[1] Siehe unter Ulrich Knaudt: Beschreibung eines (produktiven) Mißverständnisses und seiner Beseitigung (10.01.2016).


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Ulrich Knaudt an F.W. (18.10.2015)

Betreff: REITTER II


Hallo F., ich habe mich sehr darüber gefreut, von Dir wieder zu hören. … Ich schicke Dir eine weitere Replik zu KARL REITTER. [1]

Auf Al Arabiya wurde über eine 200-Mann-Demo in Moskau zu Syrien berichtet. Jetzt hat Putin auch gegenüber der eigenen Bevölkerung den Bogen überspannt.

Viele Grüße

Ulrich

[1] Siehe unter Ulrich Knaudt: Beschreibung… (s.o.)
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Ulrich Knaudt an P.T. (20.10.2015)


Hi P.T.,

nachdem ich zu der Flüchtlingsproblematik eine wenig Abstand gewonnen habe, einige Bemerkungen als Antwort auf Deine E-Mail [vom 14.10.] und zu meiner Frage, was hinter »dieser scheinbaren staatlichen Selbstaufgabe unserer Regierungschefin steckt« oder stecken könnte. [1]


Putins jüngst erfolgte offene Intervention in den von Assad bisher wenig erfolgreich verlaufenen Versuchen, die Arabische Revolution in Syrien zu zerschlagen, wird vielleicht zu einer Neuaufteilung des Nahen Ostens zugunsten Rußlands, Chinas und des Iran führen, durch die sich auch die politischen Verhältnisse in Europa verändern würden. Bisher konnten die USA einen globalen Zwei-Fronten-Krieg vermeiden, weil sie Eurasien + China, mit dem Nahen Osten als Scharnier, von beiden Seiten in die Zange genommen haben. In dem Maße, wie dieses Scharnier seine Wirksamkeit verliert, werden China + Eurasien umgekehrt die USA + Europa in die Zange nehmen können. Dieses Szenario ist noch in der Entwicklung begriffen, wird aber immer deutlicher erkennbar. Den Hintergrund bildet der für seine Produzenten katastrophale Rohstoffmarkt, auf dem der Nahe Osten bisher eine entscheidende Rolle gespielt hat. Man nehme nur die Weigerung Saudi-Arabiens, seine Erdölproduktion zu drosseln, wodurch nicht nur dem Fracking das Genick gebrochen werden soll, sondern auch Rußlands Zahlungsbilanz immer weiter nach unten gezogen wird, sodaß sogar Putin gezwungen ist, mit der Ukraine ein relativ faires Lieferabkommen abzuschließen, während nach dem Atomdeal mit dem Iran der Erdölmarkt noch weiter zum Überlaufen gebracht wird. Das alles vor dem Hintergrund, daß der Großabnehmer China auch für andere Rohstoffe (Eisenerz-und Kohlelieferant Australien) bedenklich in die Knie geht… usw.


Mit Putins Einmarsch in Syrien soll der Arabischen Revolution der entscheidende Schlag versetzt werden. Ob sich für ihn daraus kein Rückschlag entwickelt, wird sich zeigen. Putin und Obama stützen ihre Nahostpolitik gemeinsam auf die Erklärung, diese ziele auf die Zerschlagung des Islamischen Staates (Daesh); der eine, um gedeckt durch diese Legende die Arabische Revolution in Syrien zu vernichten, der andere, um seine mangelnde Entschlossenheit zu bemänteln, deren Vernichtung nicht verhindert zu haben. Putin betreibt Assads
ethnic cleansing an der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit Syriens nun wesentlich wirkungsvoller als Assads Völkermörder, sodaß mit der Flucht der ausgebombten und enteigneten syrischen Bevölkerung in die Nachbarländer der Druck zunimmt, über die Türkei und Libyen in das reichere Europa zu fliehen, dem dadurch, und in dessen Mitte Deutschland, eine Syrianisierung seiner politischen Verhältnisse droht. Dies ist zugleich Putins Antwort auf die Boykottmaßnahmen der EU gegen Rußland nach seiner Annexion der Krim und von Teilen des Donbass.


Verglichen mit den alten Kolonialmächten England und Frankreich hatte Deutschland bisher noch ein gewisses Aufnahmepotential für Angehörige ihrer Kolonialvölker, das sich aber nun zunehmend erschöpft. Wenn Europa von Schutz suchenden Flüchtlingen überläuft, ist die[s] zugleich die unmittelbare Reaktion Putins auf den Wirtschaftsboykott Rußlands, nachdem die EU die drohende Staatspleite Griechenlands in der Geldschwemme der EZB ersäuft hat und die NATO dessen rußlandfreundliche linke Regierung davon ‚überzeugen‘ konnte, die Überflugrechte für Rußland Richtung Syrien wieder zu stornieren. Bisher sitzt Putin mit den aus der ‚Flüchtlingsschwemme‘ für Europa entstandenen Problemen und Widersprüchen am längeren Hebel. Von wem hier die ‚Flüchtlingskrise‘ innenpolitisch instrumentalisiert wird, ob von rechts oder links, ist dabei ziemlich gleichgültig. Wahrscheinlich werden beide Seiten von Rußland finanziell gefüttert und politisch ‚beraten‘. Hauptsache das ganze bringt für die Europäer viel Tuttifrutti. Putins Deal lautet: Rettung Assads gegen die Rettung Europas, in erster Linie Deutschlands, vor weiteren Assad-Vertriebenen. Dabei sitzt Rußland momentan am längeren Hebel oder beabsichtigt dies zumindest.


Ohne Europa keine eurasische Weltmacht. Putin als Bewahrer des Erbes Hitlers, nur auf den Kopf gestellt. In dieser Zwickmühle hat es Merkel auf den Spuren Katharinas II. und Bismarcks zumindest verhindert, daß ‚die Politik‘ in Deutschland nicht in Panik geraten ist. Das wird aber auf die Dauer nicht reichen, um zu entscheiden, wer am längeren Hebel sitzt. Souveränität, das hat bereits Napoleon vorgeführt, ist in der Tat ein relativer Begriff. Die Lektüre Carl Schmitts wird wohl eher die Berater Putins inspirieren als diejenigen Merkels. Großraumvölkerrecht ist Blut- und Bodenvölkerrecht, in dessen Namen Blut vergossen wird, damit daraus Reichtum (er)wächst. ‚Blut gegen Öl!‘, diese Gleichung der Linken der 80er Jahre ist so hinterwäldlerisch wie Carl Schmitts Völkerrecht und die Bedrohung des Lands durch das Meer verursacht durch den Klimawandel. Die Meere sind nicht nur so frei, sich je nach dem Wechsel der Kalt- und Warmzeiten auszudehnen oder zurückzuziehen, gegen die Freiheit der Meere haben rechte wie linke Blut- und Bodenverfechter kein Mittel, das ihren Untergang verhindert, auch nicht die kleinteilige grüne Blut- und Bodenwirtschaft…


Mit der Neuaufteilung des Nahen Ostens zugunsten von Rußland, Iran und China (im Hintergrund) werden sich die strategischen Verhältnisse Europas sowohl gegenüber dem ‚Osten‘ als auch den USA und ihren bisherigen Verbündeten Saudi-Arabien und Israel ändern, wobei letztere ebenso wie der ‚Osten‘ mit daran gearbeitet haben, daß die Arabische Revolution in eine Konterrevolution verwandelt wurde. Die einen durch ihre Islamisierung, die andern durch ihre Zerschlagung.


Obama will die Verleihung des Friedens-Nobelpreises nicht nachträglich Lügen strafen und auf jeden Fall ein zweites Nine Eleven verhindern.


Etwas chaotisch meine Überlegungen, nicht weniger chaotisch wie die Weltlage, die durch die Weltwirtschaftskrise chaotisiert wird, und die ihren Höhepunkt noch lange nicht erreicht hat. Bei der letzten dauerte dieses Chaos 12 Jahre. Aber das zu behandeln gehört zu den Krisenkapiteln im III. Band [des KAPITAL], der heute mal da bleibt, wo er ist.

U.

[1] U.K. an P.T. (13.10.2015)

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Ulrich Knaudt an H.B.
(25.10.2015)
Betreff: DUTSCHKISMUS


Lieber H., also hatte ich doch den richtigen Riecher, als ich das Einladungsflugblatt
für die Konferenz verrissen hatte. [1] RLS kauft einfach die ganze bankrotte Linke auf und vermarktet sie unter ihrem Label. [2]

Viele Grüße

U.

[1] U.K. an H.B. (27.09.2015).

[2] ROSA LUXEMBURG STIFTUNG NORDRHEIN-WESTFALEN

Mit Carsten Prien Dienstag, 17.11.2015 | 19:00 Uhr bis 22:00 Uhr Fabrik Heeder, Krefeld Virchowstr. 130 47805 Krefeld GESCHICHTE „Dutschkismus Rudi Dutschkes politische Theorie“ Lesung mit dem Autor Carsten Prien Der Autor Carsten Prien wird sein Buch „Dutschkismus. Die politische Theorie Rudi Dutschkismus vorstellen.

Für Prien ist Dutschkismus die Erkenntnis der notwendigen Einheit und historischen Gleichzeitigkeit von Kulturrevolution und politisch ökonomischer Revolution. Dies ist die Quintessenz aus der Selbstkritik kommunistischer Selbstentfremdung, von der aus sich sämtliche Elemente Dutschkes Denkens und Wirkens her ableiten lassen. Unter diesem programmatischen Titel stellt Carsten Prien in seinem Buch die Bedeutung Rudi Dutschkes jenseits biographischer und zeitgeschichtlicher Anekdoten erstmals so heraus, dass sie auf einen Begriff gebracht wird.


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F.W. an Ulrich Knaudt (25.10.2015)
Betreff: Aw: REITTER II


Hallo Ulrich,

In den Anhang der Mail befindet sich die Übersetzung eines Interviews mit Boris Reitschuster als PDF, das ich zufällig auf Facebook gefunden habe. Hier der Link dazu:

http://reitschuster.de/index.asp?newsid=22474

Von Reitschuster habe ich mir mal das Buch Putins Demokratur besorgt, aber noch nicht gelesen … Er war bis Februar diesen Jahres Leiter des Büros des ‚Focus‘ in Moskau und wurde dann »gegangen«. In dem Interview wird u.a. nochmal verdeutlicht, wie die deutsche Bourgeoisie die politischen Interessen Deutschlands aufgrund ihrer Geschäftsinteressen mit Russland verkauft.

Viele Grüße,

F.

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Ulrich Knaudt an F.W. (28.10.2015)

Betreff: DAS WAR’S MIT KARL REITTER


Hallo F., … Vielleicht gibt es zu Reitter noch nachzutragen, daß er auf eine weitere Diskussion mit mir verzichtet hat, nachdem N., die bisher immer meine Mails an die Marx-Freunde weitergeleitet hat, sich zunächst weigerte, auch diese Kritik weiterzuleiten. Ich solle sie doch an ihn selbst schicken. Kenne ich Reitters E-Mail Adresse? Außerdem war es eine öffentliche Kritik. Davon hat sie dann aber wohl Abstand genommen und zähneknirschend die Weiterleitung meiner Antwort an Reitter in die Wege geleitet. Mal sehn, ob sie das auch in Zukunft tun wird. Es scheint jedenfalls einige Marx-Freunde zu geben, die darauf Wert legen.


Von der Sache mit dem Focus-Leiter in Moskau las ich auch in der FAZ. Auf jeden Fall vielen Dank für das Interview, das die Sache noch intensiver und konkret beleuchtet.


Noch zwei Fragen:

1. Das Heute Journal brachte Bilder von einer Pegida-Demo in Dresden, auf der gerufen wurde: »Merkel nach Sibirien – Putin nach Berlin!« (Die anchor Frau tat sichtlich geschockt…)

2. Die FAZ brachte gestern (27.) auf ihrem FAZ-NET Auftritt das Foto von einer ebensolchen Demo, in der auf der einer kreisrunden Scheibe (Euro- oder SED-Abzeichen?) Merkel in Nazi-Uniform abgebildet war, die am Arm eine rote Armbinde trägt (kennt man schon aus Polen und Griechenland) mit einem € statt einem Hakenkreuz drauf und folgender Inschrift: »National Stasi Agency. In IM Erika we trust«.


Ich kann mir zwar dazu einiges zusammenreimen. Aber falls Du über eine genauere Erklärung für dieses rechte back to the USSR-Verhalten hast, z.B. aus der Lokalpresse, wäre ich sehr daran interessiert.

Daß eine ‚Fraktion‘ (siehe: Dimitroff-These?) der Bourgeoisie in ihrer Wahrnehmung der deutschen und europäischen Realität nach Moskau schielt, läßt sich umfangreich belegen. Daß aber einer solcher Trend auch ‚von unten‘ kommt und dann auch noch von rechts muß einen Wessi wie mich doch sehr erstaunen (Als früherer Berlin-Wessi verfüge ich zumindest noch über Reste einer Antenne in diese Richtung).

[…]

Viele Grüße

Ulrich

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Ulrich Knaudt an Gegen die Strömung (30.10.2015)


Hallo (ehemaliges) Buchladen-Kollektiv, vielen Dank für Gds 6-7/ und 8/2015. In der Tat bildet das Fehlen jeder ernsthaften Reflexion über die Grundfragen des Kommunismus das entscheidende Hindernis für die Beteiligung der Kommunisten an den zukünftigen Klassenkämpfen in Europa in der von der Marxschen Partei gewiesenen Richtung. Dieser Aufgabe widmet sich auch der Blog parteiMarx. Dort findet Ihr aktuell unter der Kategorie KOMMUNISMUS den Entwurf für Einige Überlegungen zur gemeinsamen Arbeit am Klassenkampf und seinem Begriff (Entwurf), der Vorschläge enthält, wie diese Arbeit am Begriff des Klassenkampfes zu beginnen wäre. Warum dann aber nicht Arbeit am Klassenkampf selbst? Weil die politischen Differenzen zwischen all jenen, die noch bereit sind, sich darüber auf revolutionäre Weise Gedanken zu machen, erwartungsgemäß so elementar sind, daß dadurch jede weitere Debatte von vornherein blockiert ist. Das betrifft auch unsere bisherige Korrespondenz.


Nehmen wir den Artikel
Solidarität (8/2015) als Beispiel: dieser zeigt, daß wir, was die EU und Griechenland betrifft, von konträren Einschätzungen der Klassenkämpfe ausgehen, die mit der strategischen Stellung Europas zwischen den (neuen) Weltmächten USA, China, Rußland zusammenhängen, die miteinander im Nahen Osten um die Vertiefung ihres dort verloren gegangenen oder neu zu befestigenden Einflusses und um die Welthegemonie ringen, wovon wiederum ihre Stellung auf dem Weltmarkt (und umgekehrt ihre Weltherrschaft) abhängt. Die Rückwirkungen dieser Auseinandersetzungen erlebt Europa momentan hautnah in Gestalt der sog. ‚Flüchtlingskrise‘.


Eure Frage danach,
»was Imperialismus überhaupt ist und welche Besonderheiten der deutsche Imperialismus hat«, ist berechtigt! Nur besteht ein entscheidender politischer Unterschied darin, ob, was den deutschen Imperialismus betrifft, dieser zu den genannten (Möchtegern- oder realen) Weltmächten gehört oder nicht, obwohl auch die deutsche wie jede andere Bourgeoisie davon träumt, ihre Position, an deren Erringung sie im ersten Anlauf im 20. Jahrhundert gescheitert ist, eines Tages zurückzuerobern. Das heißt: Ihr stellt zwar abstrakt die richtige Frage, aber konkret scheint Ihr von einer derartigen Unterscheidung rein gar nichts zu halten, weil Ihr wie jeder Metaphysiker von einem ewig gleichen deutschen Imperialismus ausgeht. Dieser metaphysische Standpunkt läßt sich bei näherer Betrachtung der Weltlage, der Widersprüche zwischen den Imperialisten und den stattfindenden Klassenkämpfen nicht aufrechterhalten. Er führt in der Sache zu nichts und in der Analyse der Klassenkämpfe nicht wirklich weiter.


Eine weitere von mir grundsätzlich nicht geteilte Einschätzung findet sich in dem beiliegenden Blockupy-Flugblatt: Mal abgesehen davon, daß der direkte Angriff der ‚Bakunisten bei der Arbeit‘ (siehe: REAKTIONEN 2010, 53-56) auf die Büttel der Staatsmacht sich ziemlich lächerlich ausnimmt (jedenfalls auf den im Fernsehen gezeigten Handyvideos), geht Euer Rating der Fraktionen der deutschen Linken nach dem Grad der jeweils von diesen gezeigten Militanz politisch an der Wirklichkeit vorbei. Könnte es in dieser Frage nicht eher so sein, daß es Der Linken deshalb nicht auf die von Euch geforderte Militanz ankommt, weil sie sich wohl eher als Vorposten einer in ihrem ‚Hinterland‘ aufgestellten Armee begreift und verfrühtes Losschlagen nur ihre wahren Absichten (und die ihres politischen Paten) verraten würde? Die Linke wird ganz genau wissen, daß sie nur als Marionette der hinter ihr stehenden Militärmacht die Machtfrage stellen und ‚legal‘ an die Regierung kommen wird? (So, wie das einst Stalin in den Ländern Osteuropas gelungen ist.) Also war Die Linke auch in Frankfurt nicht so dumm, sich militant am Sturm der Bakunisten auf das Euro-Palais zu beteiligen und clever genug, deren Militanz weder zu verurteilen, noch in den Himmel zu loben, sondern nur ein wenig zu relativieren: in Wahrheit sei, wie sie meint, die Gewalt von der Polizei ausgegangen; die ‚Aktivisten‘ hätten sich dagegen nur zur Wehr gesetzt. Einfach lachhaft! Jeder weiß, daß das eine Lüge ist. Liegt es da nicht nahe, sich nach den Erfahrungen der Europäer mit den Annexionen von Teilen Georgiens und der Ukraine durch Rußland zu fragen, ob nicht auch hinter der Zurückhaltung Der Linken in Frankfurt und anderswo das Kalkül stehen könnte, daß sich momentan die Machtfrage nur deshalb nicht stellt, weil das ohnehin nur eine Frage der Zeit ist? Auf jeden Fall hat die von Euch vermutete mangelnde revolutionäre Aktivität dabei nicht die entscheidende Rolle gespielt! Hier wären wir wieder bei Griechenland und dem Verhältnis Rußlands zur EU. Worin unterscheidet sich Putins Politik von derjenigen der alten Zaren im 19. Jahrhundert? Eigentlich in gar nichts! Was Marx und Engels von dieser Politik gehalten haben, könnt Ihr in den MEW nachlesen.


Zum Schluß einige Bemerkungen zu
Warum wissenschaftlicher Kommunismus? Es ist überaus lobenswert, daß in Euren Veröffentlichungen diese Frage immer wieder behandelt wird. Was in diesem Aufsatz bei allen Hinweisen auf die Bedeutung von Marx und Engels als revolutionäre Theoretiker und Praktiker allerdings zu kurz kommt, ist der grundsätzlich subversive Charakter, der im Marxschen Kommunismus steckt und bei Eurem Versuch einer Ableitung des Materialismus aus den Methoden der Naturwissenschaften zwangsläufig auf der Strecke bleiben muß. Diese Vorgehensweise erinnert doch allzu sehr an den Grundkurs Stalins in Über dialektischen und historischen Materialismus. Der Marxsche Materialismus unterscheidet sich von dem Stalinschen gerade darin, daß jener nicht primär aus den Natur(wissenschaften), sondern den gesellschaftlichen Verhältnissen, denen bestimmte Klassen der Gesellschaft unterworfen sind, abgeleitet ist. Näheres dazu findet Ihr auch auf der Website der parteiMarx unter REAKTIONEN 2013 ANHANG Dialektik. Einwände gegen Colletti und Stalin. In Ökonomische Probleme des Sozialismus geht Stalin sogar offen gegen die Marxsche Werttheorie vor, indem er behauptet, die Marxschen Kategorien im KAP[ITAL] hätten sich im Stalinschen Sozialismus bereits als überflüssig erwiesen (siehe: REAKTIONEN 2012 ANHANG 2, 22).


In unserer
Arbeit am Klassenkampf und seinem Begriff sollten wir also nicht unreflektiert mit den sog. Klassikern umgehen, selbst wenn es sich um Marx und Engels handelt. Da sich der Marx-Engelssche Parteibegriff von demjenigen Stalins in vieler Hinsicht positiv unterscheidet, weil er sehr viel reflektierter als der Stalinsche von den unmittelbaren Produzenten ausgeht, gibt es genügend Anlaß, um den Stalinschen Kommunismus von Grund auf zu kritisieren. Dabei läßt sich die Arbeit am Begriff nicht von der Geschichte der Klassenkämpfe trennen. Auch hier liefern Marx und Engels entscheidende strategische Hinweise, die, wenn wir sie ins 20. Jahrhundert fortschreiben, eine Antithese gegen Stalins kanonische Geschichte der KPdSU(B) liefern. Auch dazu findet Ihr auf der Website der parteiMarx unter der Kategorie DEBATTE einige, wenn auch noch viel zu wenige, Versuche, diese Geschichte im Sinne der unmittelbaren Produzenten kritisch zu reflektieren. Außerdem ist es ja inzwischen total chic geworden, die ökonomischen Schriften von Marx ‚neu zu lesen‘. Eine entsprechende Lektüre der Texte zu den Klassenkämpfen findet dagegen nicht statt. Während also mit der ‚Neuen Marx-Lektüre‘ eine Marxisierung Stalins, ohne die notwendige Kritik an Stalin selbst und dessen Nachbetern im Realen Sozialismus, stattfand, besteht die Gegentendenz, der Ihr zu folgen scheint, in der ‚Stalinisierung‘ von Marx. Beides würde ich als einseitig betrachten. Als ein Ausweg aus diesem Dilemma entstand daher der Vorschlag der gemeinsamen Arbeit am Klassenkampf und seinem Begriff, für den ich Euer Interesse, wie ich hoffe, geweckt habe.


Mit solidarischen Grüßen

Ulrich Knaudt

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Ulrich Knaudt an H.B. (08.11.2015)

Betreff: Re: WG: Sehenswertes


Lieber H., vielen Dank für den Hinweis. [1] Leider hatte ich nicht mehr im Kopf, daß manche Beiträge nur kurzfristig gespeichert werden und verfügbar sind.

[…]

Das Stichwort ‚Reservearmee‘ ist auf jeden Fall zutreffend. Denn durch den relativ ‚leeren‘ Arbeitsmarkt steigen die Preise für eine Arbeitskraft. Deshalb ist ein Angebotsüberschuß für das Kapital immer am besten. Und der Tiefpunkt im Arbeitskräfteangebot war wohl längst überschritten, daher auch Angelas Selfie mit Angehörigen der künftigen Reservearmee.

[…]
Viele Grüße

U.

[1] …auf die Sendung: 3sat, vom 30.10.2015, 20.15 Uhr: Der Arbeitsmarktreport – Das Märchen vom Fachkräftemangel!


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Ulrich Knaudt an H.B.
(22.11.2015)

Betreff: DUTSCHKISMUS


Lieber H., vielen Dank noch mal für Deinen Hinweis auf den ousia-Verlag [1] und den Vortrag von Stangel. Ich habe erst jetzt die Zeit gefunden […], mir den Vortrag anzuhören. Entgegen meinen ursprünglichen Befürchtungen, daß er dieselbe Tendenz entwickeln würde wie Priens Einleitung (einseitige Verteidigung der nationalen Souveränität gegen ausschließlich ‚westliche‘ internationale Organisationen), setzt sich diese in dem Vortrag nicht an zentraler Stelle fort. Im Rahmen dessen, worauf sich d.A. eingeengt durch den selbstgewählten akademischen Kontext einläßt (einlassen muß) finde ich ihn in der Tendenz (besonders die Bemerkung zur Rudi-Duschke-Straße…) durchaus in Ordnung. Vor allem stimme ich mit ihm darin überein, worauf er den Schwerpunkt seiner Einschätzung legt, daß die westdeutsche Linke spiegelbildlich der französischen Linken zur Zeit von Marx gleicht (
Karl Vogt), [2] die lieber bonapartistisch als deutsch sein wollte, was dazu führte, daß sie vor allem pro-zarisch wurde. Daran hat sich nichts geändert, nur, daß wir es heute mit Zar Wladimir zu tun haben.


Dutschke war ein sozialistischer Befürworter des ‚Dritten Weges‘ in Deutschland. Was ihn von den bürgerlichen Vertretern dieses Richtung unterschied. Worin er vor allem über diese hinausging, war sein Antiimperialismus. Wenn ich meinen eigenen politischen Werdegang betrachte, entdecke ich einerseits darin viele Gemeinsamkeiten mit den hier dargestellten Positionen R.D.s. Das Problem, auf das ich, wenn ich mich näher mit seinen Ansichten zu NF befassen wollte, stoßen würde, bestünde wahrscheinlich darin, daß

1. R.D. die Geschichte der Klassenkämpfe, und darin die Frage von Revolution und Konterrevolution in der SU und in China nicht entscheidend in seine Konzeption mit einbezieht (dazu wäre eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit Lenin, Stalin und Mao erforderlich gewesen, wofür Bloch oder Benjamin politisch nicht hinreichend sind).

2. er unsere eigene, deutsche Geschichte nicht als Geschichte von Revolution und Konterrevolution seit den Bauernkriegen versteht, worauf sich allein politische Identität historisch zu gründen vermag. (Er stellt die Frage der Identität abstrakt; und daher kann sie von ‚links‘ leicht negiert werden und von rechts auf offene Ohren stoßen. Die unmittelbare Folge ist R.D.s politischer Romantizismus gegenüber den klassenkämpferischen westlichen und südlichen europäischen Arbeiterklassen unabhängig von der politische Zielbestimmung und dem sozialen Gehalt ihrer Kämpfe. Das wissen heute die Putinisten in Griechenland, Spanien, Portugal in ihrem Sinne auszubeuten).

3. ich mich nach wie vor frage, wieso er gemeint hat, die Grünen trotz ihres konterrevolutionären Charakters als eine revolutionäre Partei des ‚Dritten Weges‘ mißzuverstehen, anstatt an diesem Weg zu entlarven, daß sie die Kulturrevolution der ‚Studentenbewegung‘ für die politischen Zwecke des imperialistischen Kleinbürgertums ausgebeutet haben? (…und sie als Kulturrevolution für die Bourgeoisie heute fortzusetzen).

Die akademische Beschäftigung mit R.D. stößt anhand dieser Fragen zwangsläufig auf ihre Grenzen. Davon abgesehen finde ich die Beschäftigung mit diesen ‚Thema‘ überaus nützlich und anregend.


Ich habe es noch nicht geschafft, R.D.s Aufsatz in dem Dutschkismus-Buch zu studieren. Vielleicht werden sich daraus weitere Überlegungen ergeben.


Bedauerlich, daß Du die Veranstaltung als ungenügend empfunden hast. Vielleicht lag das ja auch daran, daß solche wie die o.g. Fragen nicht diskutiert werden konnten. Wahrscheinlich geht das auch nicht, ohne daß der akademische Charakter der Beschäftigung mit diesem Thema gesprengt würde.


Ich bleibe am Ball.

Viele Grüße

U.

[1] Der digitale Newsletter des ousia-Verlages enthält einen Tonmitschnitt der Vortragsveranstaltung mit Dr. Matthias Stangel vom September 2015. Siehe U.K. an H.B. 27.09.2015.

[2] REAKTIONEN 2014 ANHANG 2 Exzerpte und Notizen zu Karl Marx: Herr Vogt.


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