Debatten Debatte 1 

Die unscharfe Relation Marx/‚Marxismus’ – Reflexionen über Revolution und Konterrevolution in Deutschland (Ulrich Knaudt)

Den ganzen Text als PDF-Datei laden

Inhalt

1. ‚Partei Marx’ und ‚Marxismus’

Sollte das Lesen Marxscher Texte als Gegen-Geisterbeschwörung à la Derrida oder eher als ‚neue Marx-Lektüre’ betrieben werden? Letztere machte, sehen wir von Derridas Marx-Okkultismus einmal ab, nur Sinn, wenn sich diese Lektüre nicht, wie so häufig, auf die Exegese der ersten Drei Kapitel des Ersten Bandes des Kapital beschränkte, sondern dabei ebenso der Erfahrungsschatz der ‚Partei Marx’, der in den über 40 Blauen Bände vergraben liegt, für den politischen Klassenkampf der heutigen Arbeiterklassen reaktiviert würde. Und sollten die „zwei Schritte zurück zu Marx“ nicht vor allem, wie der Vorschlag der partei Marx lautete, dazu führen, „die entscheidenden politischen Kontroversen, die an den Wendepunkten der Klassenkämpfe seit dem Manifest der Kommunistischen Partei aufgetreten sind, näher zu bestimmen und zu analysieren“?

Die politische Rückbesinnung auf die Geschichte der Klassenkämpfe der verflossenen mehr als 150 Jahre würde im übrigen dazu beitragen, den (vollständig berechtigten) Frust, aus dem die Mehrzahl der deutschen Arbeiter, ähnlich wie die meisten ihrer Klassengenossen z.B. in Italien, eher einer bürgerlichen Partei denn einer bürgerlichen Arbeiterpartei oder der ‚marxistischen’ Linken ihre Wählerstimme geben, in eine Reflexion über die Lage der eigenen Klasse in der modernen bürgerlichen Gesellschaft zu verwandeln. Am Anfang wäre die Frage an die Geschichte zu stellen, warum der Kommunismus, wenn die proletarischen Revolutionen nicht von ihren Feinden im eigenen Blut erstickt wurden, regelmäßig in eine konterrevolutionäre Farce seiner selbst umgeschlagen ist?

2. ‚Partei Marx’, ‚Marxismus’ und ‚nationale Frage’

Ein wichtiges Indiz für die üblichen Distanzierungsversuche des ‚Marxismus’ von der ‚Partei Marx’ besteht in dessen Umgang mit der sog. ‚nationalen Frage‘, an der der proletarische Internationalismus mit derselben Regelmäßigkeit immer wieder gescheitert ist. Die heutigen bürgerlichen Staaten der alten kapitalistischen Welt, haben sich in einem komplizierten historischen Prozeß als Nationen konstituiert, in denen es zu der Zeit von Marx und Engels von nationalen Minderheiten nur so wimmelte. Dieses historische Erbe meldete sich nach dem Zerfall der Sowjetunion, die aus einem zusammengeraubten ‚Vielvölkerstaat’ des russischen Zarentums hervorgegangen war und nach dem Sieg der Anti-Hitler-Koalition über das faschistische Deutschland zeitweise ein europäisches Slawenreich unter seiner neuen moskowitischen Knute eingesammelt hatte, mit voller Macht wieder zurück. Dort hatte das von Lenin gegenüber dem Zarenreich eingeklagte und den Völkern der Sowjetunion formell zugestandene ‚Selbstbestimmungsrecht der Nationen’ schon lange nur noch auf dem Papier existiert. Anstelle der Diktatur des Proletariats herrschte der (Bürger-)Krieg des Staates gegen die Gesellschaft in Permanenz, der nach der Auflösung der Sowjetunion Ende der 80er Jahre in einen Völkerkrieg zwischen den Völkern und Nationen überging.

Die Anhänger Bakunins, Proudhons oder dieser oder jenen Variante des linken Kommunismus sind dagegen der Ansicht, daß die ‚nationale Frage‘ für proletarische Revolutionen noch nie eine Rolle gespielt habe bzw. spielen sollte. Durch ihre dieser gegenüber eingenommene politische Enthaltsamkeit geraten sie aber unversehens in den Einflußbereich von Groß- oder Hegemonialmächten, die die Konflikte der nationalen Minderheiten und unterdrückten Nationen ihrer Nachbarn schüren, um diese zu schwächen. Entgegen dieser Einschätzung hinsichtlich der Bedeutung der ‚nationalen Frage‘ waren Marx und Engels der Ansicht, daß die „Working Class its own Foreign Policy habe“. Den ‚reinen’ Kapitalismus, ohne Berücksichtigung der historischen Tatsache, daß sich dieser gewöhnlich in Staaten und Nationen organisiert, gibt es nur in der Phantasie des linken imperialistischen Kleinbürgertums.

W.I. Lenin hatte die „Foreign Policy“ der ‚Partei Marx’ ausführlich studiert. Nur war ihm dabei zunächst nicht aufgefallen, daß ‚Marxisten’ wie Rosa Luxemburg bereits einen wichtigen Kernbestandteil jener „Foreign Policy“ nachträglich eliminiert hatten: nämlich Rußlands Rolle als Bollwerk der europäischen Reaktion bei der Verhinderung der europäischen Revolutionen, sowohl, was die Nationenbildungsprozesse der europäischen Bourgeoisien als auch, was den politischen Klassenkampf des Proletariats gegen dieselben betraf. Für Lenin war das Zarentum als Bollwerk der Reaktion in seiner Wirkung nicht so sehr nach außen denn nach innen gerichtet; diese Wirkung werde, wie er annahm, mit dem Sieg der proletarischen Revolution verschwinden und damit auch der von der ‚Partei Marx’ bekämpfte negative Einfluß Rußlands und der russischen Geheim-Diplomatie auf die Weltrevolution. Die Lösung der ‚nationalen Frage‘ in dem in seinem Niedergang sich befindenden moskowitischen Weltreich, das er in dieser Hinsicht als einen eigenständigen politischen Kosmos betrachtete, reduzierte sich für Lenin in erster Linie darauf, das friedliche Zusammenleben der Nationen innerhalb des Zarenreiches zu garantieren und demokratisch zu organisieren, hauptsächlich aus dem Wunsch heraus zu verhindern, daß der proletarische Internationalismus nicht beschädigt werde. Diese Problematik trat unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in den Vordergrund und veranlaßte Lenin, den „prächtigen Georgier“ (Stalin) mit der Ausarbeitung einer theoretischen Arbeit über die ‚nationale Frage‘ zu beauftragen, um dem nach beider Ansicht schädlichen und unter den Austro-Marxisten heiß diskutierten Konzept der ‚national-kulturellen Autonomie’, das von diesen auf den Habsburgischen Vielvölkerstaat Anwendung finden sollte, den Garaus zu machen.

Der Unterschied zwischen Lenins und Stalins Analyse der ‚nationalen Frage‘ wäre etwa so zu formulieren: Stalin macht aus jener Not, die Lenin damit hat, daß die Unterdrückung der vom Zarentum eingesammelten Nationen mit dem proletarischen Internationalismus innerhalb der großrussischen Imperiums nicht zu vereinbaren sei, eine Tugend; denn während Lenin das proletarische Klassenbewußtsein der großrussischen Unterdrückernation und der Arbeiter der unterdrückten Nationen durch den staatlichen Unitarismus der zaristischen Bourgeoisie und durch die von ihr ausgeübte nationale Unterdrückung in Gefahr sieht und, um einer Infektion des Proletariats der unterdrückten Nationen durch den kleinbürgerlichen Nationalismus vorzubeugen, diesen Nationen das ‚Recht auf Lostrennung’ zubilligt, verteidigt Stalin eben jenen Unitarismus als Hauptargument gegen die mit der ‚national-kulturellen Autonomie’ zwangsläufig einhergehenden und für das großrussische Imperium unbedingt zu vermeidenden Auflösungserscheinungen des großrussischen Vielvölkerstaates. Hilfsweise erkennt er zwar das von Lenin den unterdrückten Nationen eingeräumte ‚Recht auf Lostrennung’ an. Dieses bleibt aber in seinem Aufsatz als gutgemeinte, aber leere Propagandalosung abstrakt im Raum stehen.

3. Vom linken Sozialimperialismus zum neuen Zarentum

Daß Stalin von der Leninschen Dialektik, mit der jener die ‚nationale Frage‘ analysierte, von Anfang an nicht sehr viel gehalten hat, dokumentiert er 20 Jahre später in seiner Kritik an Friedrich Engels’ Aufsatz Die auswärtige Politik des russischen Zarentums, der anläßlich des 20. Jahrestages des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs im theoretischen Organ der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, dem Bolschewik, abgedruckt werden sollte. Bekanntlich stellt die Kontroverse über die ‚Vaterlandsverteidigung’, mit der die Parteien der 2. Internationale 1914 die Bewilligung der Kriegskredite zur ‚Verteidigung’ der ‚Nation’ befürwortet und sich dadurch von dem geheiligten Prinzip des proletarischen Internationalismus verabschiedet hatten, die entscheidende Trennungslinie zwischen Sozialdemokraten und Bolschewiki dar.

Auf der anderen Seite hatte Lenin während des Ersten Weltkriegs mit der europäischen Partei-Linken nicht weniger harte Kämpfe darüber auszufechten, daß die Ablehnung der ‚Vaterlandsverteidigung‘ kein für alle Ewigkeit bestehendes einzigartiges Prinzip sei, sondern daß dieses in konkret zu bestimmenden Fällen durchaus Ausnahmen zulasse. Eine solche Ausnahmesituation hätte nach Friedrich Engels (und Lenins in seinen Briefen im Schweizer Exil an Inès Armand) z.B. Ende der 80er Jahre im Bismarck-Reich bestanden, falls der russische Zar Alexander III. gemeinsam mit dem französischen Boulangismus einen Krieg gegen Deutschland geführt und dadurch nicht nur der Zukunft Deutschlands, sondern auch der Arbeiterpartei in Deutschland ein Ende bereitet hätten. In einer solchen Situation, so Engels, hätte die deutsche Arbeiterklasse mit demselben Recht den preußisch-deutschen Staat gegen den Zangenangriff zweier nach Weltherrschaft strebender europäischer Großmächte verteidigen müssen, wie das revolutionäre Frankreich sich 1792 gegen die reaktionären Koalitionsmächte verteidigt hatte, im Zweifelsfall verbunden mit dem Sturz des vorhersehbar defätistischen preußischen Regimes und der Errichtung einer Republik, die den nationalen Verteidigungskrieg hätte zu Ende führen müssen.

In seiner Kritik an Engels’ Aufsatz nimmt Stalin eine ähnliche Position ein, wie die Partei-Linke zwischen 1914 und 1918 gegenüber Lenins angeblicher Vaterlandsverteidigung in möglichen nationalen Kriegen bezogen hatte. Stalins Kritik an Engels’ angeblich übertriebener Darstellung der Intrigen, Verschwörungen etc. der russischen Geheimdiplomatie, bedeutet aber nichts anderes als die Reinwaschung des russischen Zarentums von seiner Weltherrschaftspolitik – von links. Mit solchen Verharmlosungsversuchen macht sich Stalin selbst zu einem großrussischen ‚Vaterlandsverteidiger’, womit er sich um keinen Deut von den sozialdemokratischen ‚Vaterlandsverteidigern’ vom September 1914 unterscheidet. Zugleich bezieht er an der Seite Bakunins, Proudhons und ihrer ‚marxistischen’ Nachfolger offen gegen die ‚Partei Marx’ Stellung, was für den weiteren Verlauf der Ereignisse bedeutet, daß er den Völkern der Sowjetunion die Möglichkeit versagt, sich gegen den drohenden Angriff des deutschen Faschismus, der 1934 absehbar war, mit revolutionären Mitteln, wie sie Engels 1890 gegen Rußland und Frankreich angekündigt hatte, zu verteidigen. Statt dessen paktiert er 1939 angeblich aus taktischen Gründen mit der faschistischen Reaktion und verwandelt den antifaschistischen Widerstand in einen Eroberungskrieg des neuen Zarentums gegen die Völker der Sowjetunion und Osteuropas, die er der Früchte ihres Sieges über den Faschismus beraubt. Aus dem linken Dogmatiker ist in der Leninschen Definition ein echter großrussischer Dershimorda geworden.

4. Revolution und Konterrevolution in Deutschland

Nach Marx habe die „Working Class“ nicht nur „its own Foreign Policy“, sondern auch ihre eigene „politische Ökonomie“. Diese Überlegung wird in einem Aufsatz von Friedrich Engels aus dem Jahre 1850, auf den sich Marx in einer Fußnote im Achten Kapitel des Ersten Bandes des Kapital bezieht und der seinen Ausführungen über den Kampf für den 10-Stunden-Tag dem ersten Anschein nach zu widersprechen scheint, ausführlich erläutert. Darin geht es um die Dialektik von Reform und Revolution bei der Durchsetzung der „politischen Ökonomie der Arbeiterklasse“ analog zur Durchsetzung der „Foreign Policy“ der „Working Class“. Auch diese Dialektik wird von der reformistischen Linken ebenso wie von linken Reformisten mit Füßen getreten.

Friedrich Engels unterscheidet in seinem Aufsatz, der sich mit der Geschichte der Einführung der sog. 10-Stunden-Bill in England beschäftigt, zwischen einem ‚systemkonformen’ und einem revolutionären Reformismus, wobei er letzteren in der Chartisten-Bewegung der 30er und 40er Jahre des 19. Jahrhunderts ausmacht. Den Chartisten war es nicht gelungen, die politische Ökonomie der Arbeiterklasse“ gegen die Bittgänge rückwärtsgewandter Reformisten für die Einführung des 10-Stunden-Tags, die hauptsächlich an die Adresse des Adels, der Finanzbourgeoisie und der Grundherrenklasse gerichtet waren, durchzusetzen. Dazu hätte die englische Arbeiterklasse ein zeitweiliges Bündnis mit der industriellen Bourgeoisie gegen die reaktionäre Finanz-Bourgeoisie und den Adel eingehen und zugleich einen aktiven Kampf um die Verteidigung des 10-Stunden-Tages gegen den bisherigen Bündnispartner bis zum Heranreifen der sozialen Revolution führen müssen, die dieses Bündnis beendet hätte.

Diese Dialektik von Reform und Revolution wirft ein bezeichnendes Licht auf die aktuelle Situation in Deutschland, wo die aus der alten DDR-Nomenklatura hervorgegangene ‚neue Bourgeoisie’ sich nicht nur den Geist des bußfertigen Reformismus der einstigen 10-Stunden-Bill-Bewegung wählerwirksam zu eigen macht, sondern zugleich in die Rolle geschlüpft ist, die Friedrich Engels in seinem Aufsatz die alte reaktionäre englische Bourgeoisie einnehmen läßt. Entsprechend reaktionär wird sich auch der in der Programmatik der ‚neuen Bourgeoisie’ entwickelte Stamokap ausnehmen.

Das wirklich Neue daran wäre, daß durch diese Form der bürgerlichen Klassenherrschaft die ganze Gesellschaft zunehmend in ein nach modernsten Gesichtspunkten organisiertes und verwaltetes großes Arbeitshaus verwandelt wird, vor dem Vermögensbesitzer, Akademiker und technische Intelligenz in wachsendem Maße Reißaus nehmen. Diese Kehrseite wird von der heutigen Linken mit den in ihrem Schlepptau befindlichen ‚sozialen Bewegungen’ nicht nur ignoriert, sondern durch ihre Forderung nach Umwandlung des ‚neoliberalen’ Kapitalismus in ein staatsmonopolistisches Arbeitshaus mit sozialistischem Anstrich in ihrer reaktionären Tendenz aufs äußerste bestärkt und, um es freundlich auszudrücken, als erster Schritt in den Sozialismus zutiefst mißverstanden.

Den ganzen Text als PDF-Datei laden

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt.

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>