Reaktionen 

Reaktionen (2000)

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Die an dieser Stelle wiedergegebenen feedbacks zum Projekt Partei Marx haben im Augenblick nur archivalischen Wert, da die eingangs geäußerte Faszination an demselben, bis auf die nachstehend dokumentierten Ausnahmen, fast auf Null gesunken ist.

Daher verweisen wir auf die REFLEXIONEN, KRITIK und DEBATTE, worin wir uns mit unseren Kritikern und Autoren kritisch auseinandersetzen, die zu der Thematik, mit der wir uns zu beschäftigen haben, in, wie wir meinen, besonderer Weise hervorgetreten sind.

Zu Dokumentationszwecken wurden einige Briefe aus der Zeit vor 2001 aufgenommen.

In der letzten Zeit (seit dem Frühjahr 2007) haben die REAKTIONEN den einseitigen Charakter einer Art ‚Flaschenpost’ angenommen, die, so ist zu hoffen, wieder einem regeren Meinungsaustausch Platz machen wird.

[Korrekturen sinnentstellender Fehler sowie Kürzungen werden in eckige Klammern gesetzt und folgen der klassischen Deutschen Rechtschreibung.]

Dieser Text ist auch als PDF-Datei verfügbar

 


An Django (25.04.2000):

Herzlichen Dank für die ausführliche Literaturliste mit den dazugehörigen Bezugsquellen. Das Buch, über das wir neulich sprachen, habe ich noch antiquarisch für einen entsprechenden Preis erwerben können.[1] […] Außerdem ist in der aktuellen Nummer von Lettre International (Heft 48) 1/2000 ein Aufsatz zum selben Thema erschienen. Slavoy Žižek: Selbstmord der Partei. Stalinismus – Zur Logik einer pervertierten Revolution. Der Aufsatz ist politisch nicht ergiebig, weil darin sehr stark tiefenpsychologisch argumentiert wird; er enthält aber die neueste historische Literatur zu diesem Thema.

Die Eigenarten der menschewistischen bis sozialdemokratischen Stalinismuskritik (incl. Claussens Einleitung) einmal beiseite gelassen, fasziniert mich an dem Brief eines alten Bolschewiken, daß der Kirow-Mord nicht nur als gezielter Auslöser für die nachfolgenden „Säuberungen“ sichtbar wird (dies die durchgängige Darstellung), sondern daß das ZK durch die Lancierung Kirows ins Politbüro Stalin so weit in die Enge getrieben hatte, daß er seine weitere politische Karriere nur noch durch die Inszenierung eines Staatsstreichs retten konnte.

Nach der Liquidierung der linken (Sinowjew, Trotzki) und Kaltstellung der rechten ‚Leninisten’ (Bucharin) mußte sich Stalin 1934 offensichtlich mit den stalinistischen ‚Leninisten’ auseinandersetzen, die ihn bis dahin als Speerspitze gegen die rechten und linken ‚Leninisten’ glaubten verwenden und kontrollieren zu können (womit ich nicht sagen will, daß sie die besseren ‚Leninisten’ gewesen wären). Ihre Galionsfigur Kirow – das wird aus dem Dokument ziemlich klar – scheint ja immerhin versucht zu haben, die Partei an einigen längst über Bord geworfenen Prinzipien Leninscher Politik neu zu orientieren. Seinem Eintritt ins Politbüro wären weitere Schritte des ZK gegen Stalin gefolgt. Daher durfte Kirow seinen neuen Posten erst gar nicht antreten. Der Rest der Geschichte geht bekanntlich nach der Melodie Zehn kleine Negerlein

Wenn dieses Dokument echt ist, bzw. die darin dargestellten Zusammenhänge nicht reine Erfindung sind, dann handelt es sich bei Stalins Machtergreifung um einen konterrevolutionären Staatsstreich, durch den er sich zum national-bolschewistischen Zaren aller Reußen an die Spitze der SU katapultieren wollte und sollte. Diese Schlußfolgerung klingt zwar nicht besonders originell, sie ist aber nie, nicht einmal von den Trotzkisten, geschweige denn den Maoisten, bis zu der Konsequenz gezogen worden, daß dieser durch Stalins Staatsstreich etablierte neue Zarismus nicht nur das Ende der Leninschen Weltrevolution, sondern auch des internationalen Proletariats, als zu jener Zeit [noch] revolutionären Klasse, bedeuten mußte und jede revolutionäre Bewegung automatisch für großrussische Weltmachtinteressen instrumentalisiert wurde. Die aktuelle Bedeutung dieser Einschätzung für das gegenwärtige roll-back, das die verschiedenen kommunistischen bis sozialistischen Gruppen [gegenwärtig] versuchen, liegt auf der Hand… Dazu näheres ein andermal.

Dabei möchte ich vermuten, daß Du hinsichtlich meiner zuletzt angestellten Schlußfolgerungen ganz anderer Ansicht bist. Übrigens, in der UZ vom 24.03. wird ein Kongreß in Berlin Jahrhundertbilanz des Kommunismus für Ende Mai angekündigt. Vielleicht ganz interessant… Das war’s erst einmal.

Mit freundlichen Grüßen

Ernst-Ulrich

1) Boris Nikolajewski: Brief eines alten Bolschewiken. Mit einem Essay von Detlef Claussen, Frankfurt 1992.


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