Kritik 

Zur Kritik* am Projekt Partei Marx (Gegen-Sätze und Anti-Thesen)

*) Zu Django Schins: Determinismus zum ersten, zweiten, dritten und vierten… Version 01 (23.03.2004) Django.Schins@comlink.org und parteimarx.org: Kritik 1 Anhang 1.

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Gegen die angebliche Antiquiertheit des Kommunismus

Die Ideologen der „sozialen Bewegungen” ‚gegen den Kapitalismus’ (d.h. gegen das, was sie sich unter Kapitalismus vorstellen) erklären den Kommunismus zu einer antiquierten Angelegenheit, weil das Kapital die Produktivkräfte in einem derartig gewaltigen Umfang entwickelt, daß sich der Kommunismus von selbst erledigt habe und ein halber, nämlich ‚demokratischer’ (früher: ‚realer’) Sozialismus an seiner Statt es auch tut, um mit dem ‚Kapitalismus’ fertigzuwerden. Geht man davon aus, macht es wenig Sinn, ‚Demokratische Sozialisten’ noch von der Aktualität des Manifests der Kommunistischen Partei und der revolutionären Strategie der ‚partei Marx’ überzeugen zu wollen, denen sie bestenfalls eine historische Bedeutung als Forschungsgegenstand linker Historiker und Sozialwissenschaftler zubilligen würden. Über diesen Kommunismus sei ihrer Ansicht nach die Zeit längst hinweggegangen.

Wie soll man sich das auch vorstellen, daß die Köchin neben dem Kochlöffel den Staat in die eigenen Hände nimmt, ohne nicht zuvor vom ZK zum Küchenchef ernannt worden zu sein? Dagegen spricht tatsächlich, daß die Diktatur des Proletariats in Rußland gleich mit ihrem ersten Schritt auf dem Weg zum Kommunismus, über das eigene Unvermögen gestolpert ist, gleichzeitig damit den Staat zu dezimieren (was nicht heißt, wie die Anarchisten meinen, ihn sofort abschaffen zu können).

Deshalb haben die Ideologen der „sozialen Bewegungen” ‚gegen den Kapitalismus’ diesen bereits im Ansatz gescheiterten ersten ernstgemeinten Schritt hin zum Kommunismus in kalkulierter Halbherzigkeit gedanklich ganz einfach halbiert und gestützt auf die Sozial-Wissenschaften den Sozial-Staat, die Sozial-Politik und weitere mit dem Wörtchen Sozial- zusammengesetzte Institutionen zur Anti-These zum ‚bestehenden kapitalistischen System’ erklärt und damit einen Typus der sozialen Revolution in die Welt gesetzt, die sich mit ihrer Entfaltung ständig selbst dementiert: die soziale Revolution als Gegen-Revolution in sich selbst und in Permanenz. Dagegen ist kein kommunistisches Kraut gewachsen, das sich nicht permanent Gefahr aussetzt, in die ‚Antikommunismus’-Falle zu geraten.

Das klingt nach Denunziation. Aber was kann eine soziale Revolution ernsthaft denunzieren, die sich durch eine in sie eingebaute Gegen-Revolution ständig selbst denunziert? Eigentlich nur die Tatsache, daß diese Selbstdenunziation des Kommunismus den Marxschen Kommunismus in Permanenz denunziert. Da aber zu einer solchen Einsicht eine gehörige Portion Selbstkritik nötig ist, reden Kommunisten und ‚Demokratische Sozialisten’ ständig aneinander vorbei und laufen Gefahr, wie die Sektenbrüder ihre Fäuste oder noch weit härtere Argumente sprechen zu lassen.

Wie entkommen aus diesem Dilemma?

Fest steht: eine halbe soziale Revolution hat weitaus katastrophalere Folgen als gar keine, weil sie ihre Betreiber ständig in dem Glauben wiegt, es bedürfe nur noch des fehlenden zweiten halben Schritts, um sie zu vollenden. Dabei halbieren sich aber nur ständig deren Erwartungen und statt dem Sozialismus nähern sie sich unter freiwilliger Mitarbeit mit den staatlichen Behörden einem Regime an, das jede Lebensregung seiner ‚Bürger’ subtiler kontrolliert und überwacht als je zuvor, einer Gesellschaft, worin sich alles andere als an diesem kooperativen Sozialismus – welch ein Widerspruch in sich! – mitzuwirken, von Staats wegen selbst verbietet.

Worüber reden wir dann?

Es wäre zum Beispiel nützlich, sich nicht nur historisch sondern höchst aktuell über den fortwirkenden Einfluß des Erfinders der institutionellen Konterrevolution (d.h. der durch Stalins Geheimdienste in der Revolution institutionalisierten Konterrevolution) Gedanken zu machen, und zwar nicht nur darüber, wie viele sinnlose Menschenopfer der ‚Stalinismus’ auf dem Kerbholz hat (denen nun reumütig Gedenksteine, die aber, so wie das geschieht, zwangsläufig Grabsteine für die Oktoberrevolution sind, gesetzt werden), sondern auf welche Weise seine geniale Erfindung heute bei den Ideologen der „sozialen Bewegungen” fortwirkt, vor allem in ihrer ‚Politik’ und dem, was an anderer Stelle als politischer Ökonomismus bezeichnet wurde. [Reflexionen: Uwe-Jens Heuer, Marxismus und Politik.]

Dieser politische Ökonomismus ist aber nicht nur, wie bisher angenommen, eine ‚Politik’ zur Verhinderung des proletarischen Klassenkampfes (einmal offengelassen, was im hochindustrialisierten Europa und in den USA heute darunter zu verstehen ist), sondern er erweist sich zunehmend als Methode der ‚Revolutionierung’ der Gesellschaft durch eine halbe Revolution in Permanenz, eine institutionelle Konterrevolution, die es unmöglich macht, zwischen Proletariat und Bourgeoisie einen klaren Trennungsstrich zu ziehen.

Das ist die Lage.

Die Bourgeoisie ist bis zur äußersten Grenze des für das Kapitalverhältnis noch Erträglichen ‚flexibel’ geworden und kann dennoch nicht verhindern, daß die dadurch bedingten ökonomischen Krisen ihre ‚Flexibilität’ ständig bis zum äußersten auf die Probe stellen; das ‚westliche’ Proletariat versinkt mit seinen Institutionen, die einstmals dem Klassenkampf dienen sollten, immer tiefer im Sumpf der allgemeinen und individuellen Korruption, die es faktisch bewegungslos machen, ein Zustand, der durch die „sozialen (Schein-)Bewegungen” noch verstärkt wird; die bürgerliche Kulturproduktion, die nur durch die Produktivkraft, die eigentlich in der revolutionären Klasse selbst besteht, und daher nur als Antithese zur bürgerlichen Gesellschaft überleben kann, überzeichnet, um nicht zur Karikatur ihrer selbst zu werden, jeden sich ihr darbietenden gesellschaftlichen Widerspruch und alle ihm zugrunde liegenden Fakten bis zur Unkenntlichkeit und inszeniert dabei, weil nur mit Surrogaten des Klassenkampfs beliefert – anderes war nicht verfügbar –, vor den gelangweilten Zuschauern die eigene Überflüssigkeit bis zur Penetranz. Verglichen damit bringen die bürgerlichen Regierungen auf der Bühne der Öffentlichen Meinung die sehr viel spannenderen Selbstinszenierungen, die das originellste Regietheater nicht liefern könnte, zustande: ihre Hauptbeschäftigung besteht in der Bearbeitung von Problemen, die sie nicht lösen können, weil sie sie nicht lösen wollen (und umgekehrt) und die, in bürgerliches Recht und völkerrechtliche Verträge gegossen, auf die lange Bank geschoben werden, wirtschaftliche und politische Katastrophen eingeschlossen. Zum festen Bestandteil dieses Illusionstheaters gehört auch der politische Ökonomismus der Linken, der mit seinen Gegen-Inszenierungen von politischen und Klassenkampf-Spektakeln vorführt, auf welche Weise den Widersprüchen dieser Gesellschaft möglichst nicht auf den Grund zu gehen ist und wie ernsthafte Konflikte als Doppelpack in die rosa Watte des linken Konformismus einhüllt werden können.

Antifaschismus ist gesellschaftlicher Konsens und wird als des Kaisers neue Kleiderordnung vom Kindergarten aufwärts staatlich verordnet. Nicht ‚politisch korrekt’ ist hingegen der Hinweis, daß dieser Konsens eigentlich auf demselben Schema aufbaut und ebenso funktioniert wie die institutionelle Konterrevolution Stalinscher Herkunft. Wie gut für den Antifaschismus, daß es nur die faschistische Konkurrenz ‚auf der Rechten’ ist, die solche eigentlich notwendigen Hinweise auf ihren ureignen ‚nationalen’ Begriff bringt, während die echt proletarischen underdog-Prügelgarden drüben am Horizont schon darauf warten, die Wahrheit – von den Ideologen der ‚Rechten’ durch die Mangel gedreht – wieder ins rechte Lot zu bringen!

Eine scheinbar auswegslose Situation, mit der aber wie es scheint beide Seiten prächtig leben können.

Daran gemessen muß die von den Ideologen der „sozialen Bewegungen” gestellte Frage nach der Antiquiertheit des Kommunismus anders gestellt werden als bisher von ihnen suggeriert worden ist.

Anti-Thesen zur Kritik am Projekt partei Marx

Antithesen überschreiten („transzendieren”) wie alle einfachen Negationen nicht das Terrain bisher angenommener linker Gemeinsamkeiten; dieses ist aber mit den Jahren zunehmend zusammengeschrumpft und wird wohl noch weiter zusammenschrumpfen, je abschüssiger der Pfad wird, auf dem die deutsche Linke und ihre Kritiker sich noch gemeinsam bewegen und der zunehmend von solchen falschen Alternativen gesäumt ist wie: hie Reformismus da Kommunismus, hie Sozialdemokratismus da Linker Sozialimperialismus, hie Demokratischer Sozialismus da Stalinismus u.a.m. (‚Wo sich die Elefanten bekämpfen, da leidet das Gras’.) Ob das Ringen um solche Scheinalternativen bereits Ausdruck für die letzten Kämpfe der Linken auf dem Weg zum Elefantenfriedhof der Geschichte ist oder ob es sich um Vorboten wirk-licher Klassenkämpfe oder eines neuen Faschismus handelt, läßt sich durch die einfache Negation nicht entscheiden.

In der Kritik am Projekt partei Marx wird moniert, daß in den unter diesem Namen auf der Web Site gleichen Namens erschienen Texten und in den Antworten auf die Briefe an selbige Adresse eine völlig abstrakte Kommunismus-Vorstellung Verwendung finde, in der religiöse Jenseits-Erwartungen und anderer idealistischer Mummenschanz einander abwechseln. Der Kritiker hat recht: Wer heute von Kommunismus redet, sollte hinzufügen, welcher Kommunismus damit gemeint ist: der Kommunismus, wie er von Marx und Engels im Manifest der Kommunistischen Partei zum ersten Mal als Programm der ‚partei Marx’ gegenüber dem modernen Kapitalismus formuliert und im Kapital »praktisch kritisch« wissenschaftlich fundiert worden ist oder der konterrevolutionäre Kommunismus, wie er nach der Implosion des ‚Realen Sozialismus’ heute noch von einigen ‚sozialistischen’ Staaten, die im Konkurrenzkampf um dasselbe das Weltmachtmonopol der USA politisch und militärisch infrage stellen, als eine ‚kommunistisch’ verkleidete ‚Orientalische Despotie’ in Ländern der ehemaligen ‚Dritten Welt’ praktiziert wird.

Solange der Kommunismus nicht vom konterrevolutionären Kommunismus zu unterscheiden ist, ähnelt er – auch darin hat der Kritiker recht – eher einer ans Religiöse grenzenden Erlösungsphilosophie, wie sie noch von einigen verbliebenen kommunistischen Arbeitersekten gepflegt wird, als seinem Marxschen Original. Seine Kritik am abstrakten Kommunismus bleibt aber um nichts weniger abstrakt, solange die oben genannte elementare Unterscheidung nicht vorgenommen worden ist, was u.a. dazu führt, daß der abstrakte Kommunismus dem ‚orientalisch-despotischen’ Sozialismus als revolutionäres Label zur Täuschung seiner Anhänger und der revolutionären Völker zur Verfügung gestellt wird. Es ließe sich dann höchstens noch darüber streiten, welche der beiden Abstraktionen die politisch weniger schädliche ist: die eine, die auf einen idealistischen Kommunismus-Begriff, wie er bei politisch bedeutungslosen Arbeitersekten Verwendung findet, hinausläuft und die andere, die dem konterrevolutionären Kommunismus dazu verhilft, seine ‚Orientalische Despotie’ als ‚Diktatur des Proletariats’ zu verkaufen. Wer vor diese Scheinalternative gestellt wird, würde wahrscheinlich den Idealismus der Konterrevolution vorziehen, so wie er den bürgerlichen ‚Rechtsstaat’ dem offenen Faschismus oder einem an dessen Stelle tretenden konterrevolutionären Kommunismus vorziehen müßte.

Eine solche Scheinalternative ist allerdings ziemlich perspektivlos, weil sie im Zweifelsfall immer nur darauf hinausläuft, die schlechte Realität gegen eine noch schlechtere zu verteidigen, mit der die Bourgeoisie, ob sie als alte oder neue Bourgeoisie auftritt und ihr Konkurrenzverhältnis durchaus auch einmal ‚sozialistisch’ tarnen kann, in jedem Fall auf Kosten der Völker und Nationen gut zurechtkommt. Das lehren uns die revolutionären Kämpfe des vergangenen Jahrhunderts in ausreichendem Maße. Solange der Kommunismus in solchen Scheinalternativen be- und gefangen bleibt, wird sich daran auch in Zukunft nichts ändern.

Die Bourgeoisie hat all die Halbheiten und Inkonsequenzen, die sich die Arbeiterbewegung geleistet hat, bisher gnadenlos ausgenutzt und als Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft auf ihr Panier geschrieben. Ihr gegenüber einfach nur den revolutionären Kommunismus einzuklagen, wäre in der Tat nur ein Akt der Hilflosigkeit. Das beginnt mit Lassalle, gegen den sich Marx und Engels bei aller gebotenen Diplomatie gegenüber dem einflußreichen Arbeiterführer einer bis dato in Deutschland kaum existierenden Arbeiterbewegung, mit vehementer Kritik gegen die Verballhornung ihres kommunistischen Programms, als dessen Parteigänger dieser unter den Arbeitern firmierte, zur Wehr gesetzt haben und endet vorläufig bei Stalin und dessen gelehrigen Schülern und halbherzigen Kritikern, die dem Kommunismus auf eine Weise geschadet haben, wie es sich die Bourgeoisie selbst in ihren kühnsten Träumen als konterrevolutionäre Strategie nicht hätte einfallen lassen können.

Kommunismus nennt sich auch, was, nach der Zerschlagung der Leninschen Bolschewiki und der Großen Proletarischen Kulturrevolution (einer letzten Verzweiflungstat der chinesischen Bolschewiki) von politischen Gruppen und Parteien im Namen von Marx und Engels (Lenin, Stalin und Mao Tse-tung) als ‚Marxismus’, ‚Leninismus’, ‚Mao Tse-tung-Ideen’ etc. heute propagiert wird; der entscheidende Mangel dieses Kommunismus ist, daß es ihm nicht gelingt, sich vom konterrevolutionären Kommunismus grundsätzlich abzugrenzen und die antikommunistischen Stereotypen der Bourgeoisie, die zwischen Kommunismus und ‚Kommunismus’ bewußt keinen Unterschied machen, Lügen zu strafen. Nur so könnte der revolutionäre Kommunismus gesellschaftliche Wirksamkeit entfalten.

Nach seinem ökonomischen und politischen Bankrott Anfang der neunziger Jahre schien der konterrevolutionäre Kommunismus mit der Kapitulation des großrussischen Sozialimperialismus vor seinem Weltmachtkonkurrenten USA am ‚Ende der Geschichte’ angelangt zu sein. Inzwischen demonstrieren die alten und gegenwärtig neu entstehende Weltmächte (China, Indien), daß die kapitalistische Konkurrenz kein ‚Ende der Geschichte’ kennt, schon weil das Kapital seinem inneren Wesen entsprechend nie aufhören wird, von endemischen Wirtschaftskrisen erschüttert zu werden, während die Konkursverwalter des ‚Realen Sozialismus’ aus der Krise des westeuropäischen ‚Sozialstaats’ wieder neue Kraft gesaugt haben, um mit ihrem ‚marxistisch’ aufpolierten kleinbürgerlichen Antikapitalismus und einem ‚antiimperialistisch’ aufgemotzten Antiamerikanismus auf Stimmen- und Dummenfang zu gehen und das Urteil der Völker über den reaktionären Charakter und das mörderische Wesen des konterrevolutionären Kommunismus, das diese an Leib und Leben erfahren haben, zu revidieren.

Wenn die Kritik am Projekt partei Marx und dem darin angeblich zutage tretenden „Determinismus” auch eine Kritik an der Pervertierung des Kommunismus bis zu seinen noch heute praktizierten ‚orientalisch-despotischen’ Abarten beabsichtigt hätte, wäre diese berechtigt und unbedingt notwendig gewesen, da sich niemand von dessen nachhaltigen Einfluß auf Anhieb freisprechen kann. Da aber auch diese Kritik traditionell unter dem Manko einer nicht vollzogenen Abgrenzung zum konterrevolutionären Kommunismus leidet, bleibt ungewiß, ob nach Ansicht des Kritikers nicht jeder Kommunismus zwangsläufig zum konterrevolutionären Kommunismus degenerieren muß. Eine solche Zukunftsperspektive wäre aber kaum weniger „deterministisch”!

Der konterrevolutionäre Kommunismus wird jeden dogmatisch geführten und wie oft auch immer wiederholten Nachweis, daß und warum er mit dem Kommunismus der ‚partei Marx’ nicht kompatibel ist, mit Leichtigkeit verdauen, zumal die Parteigänger derselben keine Betriebsgeheimnisse zu hüten haben und sich auch nicht durch die Verkündigung ewiger ‚kommunistischer’ Wahrheiten als Erlöser der Menschheit kostümieren müssen. Auch konnten dem konterrevolutionären Kommunismus die historischen Tatsachen, worin seine menschenfeindliche Praxis und seine Feindschaft gegenüber dem revolutionären Proletariat in der Vergangenheit zum Ausdruck gekommen sind, bisher wenig anhaben, da seine Feindschaft gegen die alte Bourgeoisie (obwohl nur als Ausdruck der Konkurrenz im Kampf um die Weltherrschaft) und seine Beschützerrolle gegenüber den von dieser ‚sozial Benachteiligten’ (obwohl nur als Kampf um deren Wählerstimmen) jeden naiven Kritiker in die ‚Antikommunismus’-Falle laufen lassen wird. (Vom revolutionären Proletariat hat sich der konterrevolutionäre Kommunismus spätestens mit dem Aufstand der Stalinschen ‚Kader’ gegen Lenins Versuch, die Oktoberrevolution zur Strategie der ‚partei Marx’ zurückzusteuern, verabschiedet.) [Streitpunkt 2: Warum Lenins „letzter Kampf” gegen den linken Sozialimperialismus nicht zu gewinnen war.]

In diesem Sinne stellt sich bei den durch die Linke aktivierten „sozialen Bewegungen” die Frage, ob es sich dabei um wirk-liche (proletarische) oder symbolische (plebejische) Klassenkämpfe handelt; d.h. um den ewigen ‚Guerilla-Kampf’ der Produzenten des »objektiven Reichtums«[1] zur Verteidigung des Reallohns oder um den fiktiven Anspruch der daraus Ausgeschiedenen auf einen ‚gerechten’ Anteil am gesellschaftliche Mehrprodukt, das hauptsächlich aus dem (direkten und indirekten) Steueranteil am Reallohn der im Sinne des Kapitals produktiv Tätigen gespeist wird. Um diesen ‚Guerilla-Kampf’ zu „transzendieren”, müßte der proletarische Klassenkampf aber davon ausgehen, daß der »kapitalistische Produktionsprozeß… beständig den Arbeiter zum Verkauf seiner Arbeitskraft, um zu leben, (zwingt) und beständig den Kapitalisten zu ihrem Kauf, um sich zu bereichern (befähigt)« und daß es nicht irgendein »Zufall (ist), welcher Kapitalist und Arbeiter als Käufer und Verkäufer einander auf dem Warenmarkt gegenüberstellt«, sondern »die Zwickmühle des Prozesses selbst, die den einen stets als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf den Warenmarkt zurückschleudert und sein eignes Produkt stets in das Kaufmittel des andren verwandelt«. Denn: »In der Tat gehört der Arbeiter dem Kapital, bevor er sich dem Kapitalisten verkauft« (603). Und dies auch dann, so wäre in aktuellem Zusammenhang hinzuzufügen, wenn seine Ketten, die ihn ans Kapital fesseln, noch so vergoldet und sein Status gegenüber der Masse der übrigen Proletarier auf der Welt auch noch so privilegiert seien mögen! Aber, um wieviel mehr gehört der Plebejer dann aber dem Staat, auf dessen Armenpflege spekulierend ihn das Kapital als Proletarier vor die Tür gesetzt und der Gesellschaft vor die Füße geworfen hat!

»Der kapitalistische Produktionsprozeß, im Zusammenhang betrachtet, oder als Reproduktionsprozeß, produziert also nicht nur Ware, nicht nur Mehrwert, er produziert und reproduziert das Kapitalverhältnis selbst, auf der einen Seite den Kapitalisten, auf der anderen Seite den Lohnarbeiter« (603). Während aber die an die Lohnarbeit und das Kapital gefesselten Produzenten durch den Klassenkampfdie Wiederaneignung der durch das Kapitalverhältnis entfremdeten Produktionsbedingungen in Verbindung mit der weltweiten Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise, sei es zunächst auch nur rein theoretisch, erreichen können, bleibt der Plebejer an den Staat gefesselt, von dem er allerhöchstens als potentieller Proletarier zu fordern hätte, daß ihm der »Wechsel seiner individuellen Lohnherrn« zwecks »Erneurung seines Selbstverkaufs« (603) an diese ermöglicht oder zumindest erleichtert werde, eine Forderung, die der Staat, der ihn seinerseits so schnell wie möglich wieder an das Kapital loswerden will, auch unaufgefordert erfüllen wird. (Die Kehrseite der Plebejer-Existenz, d.h. die Rolle, die das Lumpenproletariat in den bisherigen Klassenkämpfen gespielt hat, einmal beiseite gelassen).

Daher dient die Aufführung symbolischer Klassenkämpfe mit den modernen Plebejern als neuer ‚revolutionärer Klasse’ unter der Regie der alten Linken und der neuen Bourgeoisie ausschließlich dem Ziel, die gesellschaftlichen Hebel zur Kontrolle der materiellen Produktionsbedingungen des Kapitalismus im Namen des ‚Sozialismus’ (wieder) in Besitz zu nehmen. (Um diesen Punkt dreht sich der Streit zwischen Reformisten und ‚Kommunisten’ bei der bevorstehenden Gründung einer ‚demokratisch’ runderneuerten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands.) Mit wirk-lichen Klassenkämpfen, in denen sich die gemeinsamen Interessen der von der Welt-Bourgeoisie mit unterschiedlicher Intensität ausgebeuteten und in verschiedenem Umfang unterdrückten Arbeiterklassen aller vom Kapitals heimgesuchten Nationen widerspiegeln, haben diese „sozialen” Selbstertüchtigungsübungen der Linken, worin sie, mit den wirk-lichen Massen als vor Staunen stummen Zuschauern, in ihrer ‚Selbstbewegung’ sich selbst in eine »multitude« verwandelnd, den Zusammenschluß mit den durch die Wirtschaftskrisen des Kapitalismus ‚sozial Benachteiligten’ sucht (mit dem sie aber nur ein weiteres Mal darum herumgekommen ist, sich vom konterrevolutionären Kommunismus loszueisen), wirklich nichts zu tun!

Das liegt zum einen daran, daß die von der westdeutschen Linken in früheren Zeiten betriebene Agitation der ‚westdeutschen Arbeiterklasse’ schon immer von einer extrem provinziellen Borniertheit geprägt war und zwar nicht nur gegenüber den Arbeiterklassen der anderen Nationen und den revolutionären Völkern, sondern auch in Bezug auf die ‚nationale Frage’ im eigenen Land, ein Manko, das sie seit ihrer Entdeckung der ‚Globalisierung’, wie schon so oft, wiederum durch ihre Flucht in ein entgegengesetztes Extrem auszugleichen sucht, zum andern liegt es auch daran, daß die gesamtdeutsche Linke inzwischen bei ihrem Versuch, sich mit den zu Plebejern abgestiegenen Facharbeitern oder den zu ‚Hartz-Vierern’ entproletarisierten einfachen Arbeitern gemein zu machen, an äußerst rückständige bis faschistoide Denkweisen appellieren muß, um diese für die neuen „sozialen Bewegungen” zu rekrutieren: vom Sozialneid bis zum Kampf gegen ausländische Konkurrenten um ‚unsere Arbeitsplätze’ ist da alles vertreten.

Dabei ist all das, was das Verhältnis der Lohnarbeit gegenüber dem Kapital im Marxschen Sinn charakterisiert, so restlos den Bach runter gegangen, daß sich die heutige Agitation der Linken kaum noch von der sozialen Demagogie der alten bürgerlichen Arbeiterparteien unterscheidet, um deren Wählermassen ein harter ‚Reform’-Sänger-Wettstreit entstanden ist. Was die eine im Kampf um neue plebejische Wählerstimmen und im Namen der ‚sozial Benachteiligten’ fordert, das verwirklicht die andere Partei, um ihre sozial etablierten Wähler bei der Stange und sich an der Macht zu halten, soweit es der Finanzhaushalt zuläßt, und dies alles auf Kosten der Gesellschaft und der noch lohn-arbeitenden Klasse. Auf diese Weise ist die ganze Gesellschaft, bei ihrem vergeblich erscheinenden Versuch, diesen neuen „sozialen Bewegungen” nicht auf den Leim zu gehen, in der ‚Antikommunismus’-Falle gefangen, während unsere vorgeblichen nationalen ‚Befreier’ mit entsprechenden Rezepten und ihren knüppelharten Argumenten auf ihre Stunde warten.

Angesichts dieses Dilemmas mag es unbillig erscheinen, von dem Kritiker des Projekts partei Marx Einsichten zu verlangen, denen sich die deutsche Linke seit Jahr und Tag verschließt und von ihm zu erwarten, über deren und den eigenen Schatten zu springen. Das wäre wahrscheinlich nur ein vergeblicher moralischer Appell.

Fazit: Ähnlich wie schon seit langem für die bürgerliche (sozialdemokratische, christliche etc.) Arbeiterbewegung spielt auch für die heute gegen die alte Bourgeoisie ‚antikapitalistisch’ opponierende Linke der Begriff des Proletariats nur noch eine historische Rolle. Es gehört zur besonderen Ironie ihrer Geschichte, daß sie bis zur Bankrotterklärung des ‚Realen Sozialismus’ Ende der 80er Jahre unentwegt damit beschäftigt gewesen war, die vom Weltmarktmonopol des deutschen Kapitals begünstigte ‚westdeutsche Arbeiterklasse’ von ihrer revolutionären Mission als Erretter der Menschheit überzeugen zu wollen, anstatt das zu tun, was sie eigentlich gekonnt hätte: die von der ‚Studentenbewegung’ seit dem 2. Juni 1967 in gang gesetzte Kulturrevolution ausgehend von der weltrevolutionären antiimperialistischen Bewegung der 60er und 70er Jahre in die Arbeiterklasse zu tragen, und zwar verbunden mit einer Selbstkritik in Permanenz an den Relikten der kleinbürgerlichen Herkunft der eigenen Bewegung und einer radikalen Kritik am Zustand und Verlauf der weltrevolutionären Entwicklung seit der Oktoberrevolution, wozu die wie Pilze aus dem Boden schießenden ‚maoistischen’ Sekten geeignet schienen, aber am allerwenigsten in der Lage waren. Anstatt also die tieferen Gründe für die eigene eklatante Unfähigkeit zu einer solchen Kritik und Selbstkritik genauer zu untersuchen, zog sich der größte Teil der ‚westdeutschen Linken’ in Gestalt aller möglicher ‚Randgruppen’-Bewegungen (zum Schutz der Frauen, Kinder, Tiere, des Klimas und der Natur überhaupt vor den Auswirkungen der kapitalistischen Produktionsweise) auf ihre kleinbürgerlich philanthropische Kerngestalt zurückbesonnen, um seither den Kapitalismus nur noch an seinen Phänomenen zu kurieren, wofür ihr die Bourgeoisie bisher zu großem Dank verpflichtet ist.

Der ‚westdeutschen Linken’ ist es daher nicht gelungen, ihren eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten entsprechend die ‚westdeutsche Arbeiterklasse’ sowohl historisch wie auch in ihrer Stellung zum Weltproletariat und zur Weltbourgeoisie in ein rationales Verhältnis zu bringen, um, ausgehend von seiner Internationalität und ihrer Weltmarktbezogenheit den Weg in den Sumpf der linken Kleinbürgerlichkeit zu bekämpfen und zu vermeiden, im linken Ethnizismus und linken Sozialimperialismus zu versumpfen.

Die deutsche Arbeiterklasse, gehört zweifellos, soweit sie von der Bourgeoisie für die Weltmarktproduktion, einschließlich des europäischen Export-Marktes, eingespannt wird, zu den privilegiertesten Abteilungen des Weltproletariats, aber dennoch weder der Bourgeoisie noch dem Kleinbürgertum an, obwohl viele seiner Charakterzüge kleinbürgerlichen Ursprungs sind und entsprechend von ihr ausgelebt werden. In ihrer jetzigen Gestalt wird sie, ähnlich wie auch das Proletariat der klassischen imperialistischen Länder des ‚alten Europa’ wahrscheinlich nicht an der Spitze des internationalen Proletariats, ohne das an Kommunismus nicht zu denken ist, marschieren.

Die Kritik an dem Projekt partei Marx krankt daher ebenfalls an einer zutiefst provinziellen Einschätzung der gesellschaftlichen Stellung der deutschen Arbeiterklasse, die, wenn dies auch bis zu einem gewissen Grad berechtigt erscheinen mag, faktisch dem Kleinbürgertum zugeschlagen und an ihrer Stelle ein neues revolutionäres Subjekt erfunden wird, das wegen seines plebejischen (bis lumpenproletarischen) Charakters von der alten Linken und der neuen Bourgeoisie politisch leichter zu handhaben ist. Die deutsche Arbeiterklasse, was immer von dieser momentan als Klasse erkennbar sein mag, wird lediglich als anonymes Wählerpotential gehandelt und über ihre Köpfe hinweg mit der Bourgeoisie verhandelt. Daß die deutschen Arbeiter sich in Verbindung mit ihrer revolutionären Intelligenz als internationale Klasse organisieren und selbst handlungsfähig werden könnte, daran haben alte Linke und neue Bourgeoisie grundsätzlich kein Interesse. Was sie statt dessen betreiben, ist wie gesagt der reine politische Ökonomismus und das ist weit entfernt vom politischen Klassenkampf wie ihn die ‚partei Marx’ bisher verstanden hat! [Reflexionen: Uwe-Jens Heuer, Marxismus und Politik.]

Was das im einzelnen und für die Zukunft bedeutet, wird in weiteren Untersuchungen zur Wiederaneignung ihrer Strategie zu klären sein.

 


[1] Karl Marx: Das Kapital I, MEW 23, 593. [Im folgenden Seitenangaben in Klammern.]

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