Streitpunkte 

Warum Lenins „letzter Kampf” gegen den linken Sozialimperialismus nicht zu gewinnen war

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Inhalt

In diesem Streitpunkt wird von Moshe Lewins Hypothese ausgegangen, daß die spätere Sowjetunion anders ausgesehen hätte, wenn Lenin im März 1923 nicht endgültig aus dem Gefecht geschieden wäre, sodaß Stalin langfristig den Sieg davontragen konnte. Letzterer hatte anläßlich der zum Jahreswechsel 1922/23 bevorstehenden Gründung der UdSSR dafür gesorgt, daß Georgien nur als Teil eines eigens zu gründenden transkaukasischen Staatenbundes der Union beitreten sollte, während Lenin gegenüber der von Stalin geführten Fraktion linker Sozialimperialisten schließlich zu der Auffassung gelangt war, daß der Beitritt Georgiens in die Föderation souveräner Sowjetrepubliken nur als einzelner Gliedstaat der Union erfolgen durfte. In diesem Kampf zwischen Stalins großrussischem Zentralismus, der hinter seinen „Autonomisierung“svorschlägen steckte und dem von Lenin verteidigten Selbstbestimmungsrecht der Nationen – und damit der Voraussetzunn des proletarischen Internationalismus – wurde auch die Nachfolgefrage entschieden, für deren „Lösung“ Stalin mehr als 10 Jahre benötigen sollte, um sich sowohl gegen seinen unmittelbaren Konkurrenten Trotzki als auch seine bisherigen Verbündeten Sinowjew, Bucharin e.a. endgültig durchzusetzen.

Mit der Liquidierung des von Lenin verteidigten Selbstbestimmungsrechts der Nation wurden die Ergebnisse der Oktoberrevolution schrittweise von „links“ revidiert und (nach dem 1934 durch den Mord an Kirow ausgelösten Putsch Stalins gegen das ZK) die junge Sowjetunion auf den abschüssigen Pfad eines sozialistisch maskierten neuen moskowitischen Zarentums getrieben. Damit bekamen die von Marx und Engels ausgesprochenen Warnungen vor den Weltherrschaftsambitionen des alten Zarentums eine ungeahnte Aktualität, die durch Stalins Kritik an Friedrich Engels‘ Aufsatz über Die auswärtige Politik des russischen Zarentums bestätigt wurde. So gesehen erweist sich der Widerstand von seiten des linken Sozialimperialismus gegen Lenins Verteidigung des Selbstbestimmungsrechts der Nation zugleich als die Fortsetzung des Kampfes des kleinbürgerlichen Antikapitalismus Proudhons, Bakunins, Luxemburgs und schließlich Stalins gegen die „Partei Marx“, der sich der „Marxist“ Lenin ideell zugehörig betrachtete. In der Stalinschen Sowjetunion verschmolzen der kleinbürgerliche Antikapitalismus und der großrussische Hegemonismus schließlich zu einem alle bisherigen Vorstellungen der Marx-Parteigänger übersteigenden Konglomerat aus zaristischen Weltherrschaftsstrategie und sozialer Demagogie.

Daher wird zunächst der Stellenwert des proletarischen Internationalismus innerhalb der Strategie der „Partei Marx“ ausgehend von einem Vergleich des Marxschen Entfremdungsbegriffs mit Fichtes Überlegungen zur Überwindung der „gallischen“ Fremdherrschaft über die deutsche Nation zu überprüfen sein. Nach der Ansicht von Marx mußte die deutsche Emanzipation nicht in den teutonischen Urwäldern, sondern im Krieg gegen die deutschen Zustände gesucht werden, wozu auch der Kampf gegen die von den europäischen Großmächten nach ihrem Sieg über Napoleon auf dem Wiener Kongreß 1815 vollzogene Zersplitterung der historischen Nationen Europas in der Revolution von 1848 gehörte.

Diese Verbindung der sozialen mit der politischen Revolution stieß in der aufkommenden Arbeiterbewegung von seiten des „linken“ Antinationalismus auf erbitterten Widerstand, von dessen Hauptvertretern die soziale Revolution gegen die politische Revolution ausgespielt und verabsolutiert wurde. Darin zeigte sich, daß die Verfechter des radikalen Gleichheitskommunismus die Fichtesche Verabsolutierung des Deutschseins in ihren eigenen Köpfen noch nicht überwunden hatten. Das geschah zum ersten Mal in der im Manifest der kommunistischen Partei (KM) geübten Kritik an der Verabsolutierung der politischen Revolution durch das deutsche revolutionäre Kleinbürgertum (das zu jener Zeit als neuesten politischen Schrei den Sozialismus für sich entdeckt hatte) und an dessen gleichzeitig bewiesener politischer Unfähigkeit, die mit dem „Schmettern des gallischen Hahns“ eröffneten politischen Revolutionen gegen die europäischen Feudalmächte und gegen die mit diesen verbündete reaktionäre Bourgeoisie radikal zu Ende zu führen. Daher war nur das Proletariat bereit und in der Lage, die Aufhebung des Fichteschen Entfremdungszusammenhangs und die des entfremdeten Proletarierdaseins mit einem Schlag durchzusetzen und zu Ende zu führen, wozu eine Permananzerklärung der Revolution erforderlich war.

Diese Auseinandersetzung mußte mit wechselnden Gegnern Jahr für Jahr von der „Partei Marx“ immer wieder durchgefochten werden. So in der Grußadresse, die Marx 1880 an den Arbeiterkongreß in Genf gerichtet hatte, worin der Befreiungskampf der Polen gegen das russische Zarentum als integraler Bestandteil der Strategie der Internationalen Arbeiterassoziation gewürdigt wird. Nicht zufällig habe, wie Marx bemerkt, die Gründung der Internationale im Jahr des polnischen Aufstands 1864 stattgefunden und nicht zufällig habe die Pariser Commune 1871 in den polnischen Flüchtlingen ihre aufrichtigsten Verteidiger gefunden. Außerdem hätten sich die Revolution in Deutschland und die polnische Unabhängigkeit mit der Fortexistenz des unter der moskowitischen Hegemonie stehenden Staats der Hohenzollern (Preußen) als unvereinbar erwiesen. In diesem Kampf kam es nach Marx und Engels darauf an, daß die europäischen Arbeiterparteien nicht auf die wachsende Ausbreitung des Panslawismus, gegen den, wie es schien, sich nur die polnischen Revolutionäre als immun erwiesen, hereinfielen.

Auch bei Kautsky findet sich die Tendenz, die Klassenwidersprüche gegenüber dem ins östliche Mitteleuropa eindringenden deutschen Kapital zu ethnisieren und die tschechische Bourgeoisie als Verbündete des Proletariats zu idealisieren. Auf dem entgegengesetzten Extrem geht Rosa Luxemburg so weit, jegliche Forderung nach Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit im Programm der polnischen Arbeiterpartei strikt abzulehnen, wobei sie ihre Differenz zur Position der „Partei Marx“ abzumildern sucht, indem sie den Marx von 1848 in einen bürgerlichen Demokraten einschrumpft. Letzten Endes wiederholte sich hier der Konflikt zwischen der Marxschen Partei und den absoluten Gleichheitskommunisten, wenn Rosa Luxemburg die Wiederherstellung Polens zu einem »Dogma des Sozialismus« erklärte.

Mit ihrer unverhüllten Distanzierung von Marx und Engels wurde Rosa Luxemburg keineswegs zufällig beim rechten, sozialchauvinistischen Parteiflügel der SPD Mitte der 90er Jahre zu einer gesuchten Gesprächspartnerin. Dessen Vertreter wußten die Annexion Elsaß-Lothringens mit der großdeutschen Polen-Politik und Luxemburgs strikter Ablehnung jeglichen polnischen Patriotismus, die sie mit ihr teilten, geschickt zu kombinieren. Auf dem Kongreß der II. Internationale 1896 in London reichte es bei Kautsky dann auch nur noch zu einer matten „Sympathieerklärung“ für die unterdrückten Nationen von Irland bis Polen, während sich seiner Ansicht nach Engels‘ Theorie vom Panslawismus als »Weltherschaftsschwindel« endgültig überlebt hatte. Rosa Luxemburg erklärte ihrerseits die o.g. Marxsche Grußadresse von 1880 an den Arbeiterkongreß in Genf zum Gedenken an den polnischen Aufstand von 1830 für eindeutig veraltet und mit dem »Wesen des Marxismus« für unvereinbar. Die Verschmelzung Polens mit dem zaristischen Imperium sei inzwischen eine vollendete Tatsache, die nicht nur im Interesse der polnischen Bourgeoisie, sondern auch dem des Proletariats liege. Was die Wiederherstellung Polens betraf, würde sich diese auf die Verteidigung der »national-kulturellen Identität« des Polentums beschränken können.

Die in dieser Formel vorgenommene Ersetzung des Selbstbestimmungsrechts der Nation durch ethnizistischen Sozialkitsch war zugleich die Geburtsstunde des „linken Sozialimperialismus“, der bis zum heutigen Tag an der von Marx und Engels bekämpften „reinen“ proletarischen Revolution festhält und regelmäßig in „linken“ Ethnizismus umschlägt. Lenin hatte sich damit während des Ersten Weltkriegs innerhalb seiner Partei und mit der europäischen Linken herumzuschlagen. Eine Auseinandersetzung, die bereits 1903 in der Programmdebatte der SDAPR eine Rolle spielte, weil Lenin die Verabsolutierung der Ablehnung der Wiederherstellung Polens, wie sie von Rosa Luxemburg vertreten wurde, nicht teilte, was zur Beendigung des Vereinigungsversuchs der polnischen und russischen Sozialdemokratie führte. Auf der anderen Seite waren Lenins Konzessionen an Luxemburgs „reinen“ Arbeiterstandpunkt aber doch so weitgehend, daß die Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht der vom großrussischen Imperium unterdrückten Nationen im Programm der SDAPR nur als die Ausnahme von der Regel erscheint. Das bedeutete, daß sich diese Frage mit dem Sturz der Bourgeoisie durch das Proletariat in Verbindung mit dessen proletarischem Internationalismus von selbst erledigen, bzw. die nationale Spaltung der russischen Arbeiterklasse durch den innerparteilichen demokratischen Zentralismus überwunden werde. Der von Engels verwendete Begriff der »historischen Nationen« fand bei den Bolschewiki für die vom großrussischen Zarentum eingesammelten Nationen folglich keine Anwendung. Statt dessen ist bei Lenin nur von einem abstrakten »Demokratismus«, für den gleichermaßen abstrakte Massen kämpfen, die Rede.

Fazit: die entscheidende Bedeutung, die die sog. „nationale Frage“ in der Strategie der Marxschen Partei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingenommen hatte, fand im Programm der Bolschewiki vor dem Ersten Weltkrieg keine Fortsetzung, was der inneren Verfaßtheit des großrussischen Zarenreiches in keiner Weise entsprach. Rosa Luxemburgs ethnizistischer Sozialkitsch wurde durch Lenins abstrakten »Demokratismus« ergänzt, aber nicht überwunden.

Die Einheit des Deutschseins, die Fichte in den teutonischen Urwäldern sucht, setzt bei der Überwindung der nationalen Entfremdung der russischen Proletarier voneinander nach wie vor die reaktionäre Einheit des großrussischen Imperiums voraus, die zur Verwirklichung des proletarischen Internationalismus eigentlich hätte zerstört werden müssen, um auf revolutionärer Grundlage wieder errichtet zu werden, während nach Lenin die nationale Entfremdung der Proletarier voneinander durch den demokratischen Zentralismus innerhalb der Partei überwunden werden konnte. Dieses Konzept lief im Prinzip auf eine Verschmelzung der politischen mit der sozialen Revolution hinaus, die Lenin aber eigentlich nicht hatte wünschen können, was ihn in der Folgezeit bei seiner Auseinandersetzung mit dem „linken Sozialimperialismus“ über die „Nationale Frage“ vor große Probleme stellte.

(Vgl. die Zusammenfassung im letzten Kapitel des Textes)

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