Kritik 

Zur Kritik* am Projekt partei Marx (Zusammenfassung)

*) Django Schins: Determinismus zum ersten, zweiten, dritten und vierten…
Version 01 (23.03.2004) Django.Schins@comlink.org und Kritik 1 Anhang 1 (Auf diese Textversion beziehen sich die Seitenangaben im Text).

Dieser Artikel ist auch als PDF-Datei verfügbar.

Vorbemerkung

Nachdem ich in der Vergangenheit mehrfach von Django Schins aufgefordert worden bin, seine detaillierte Kritik an dem Projekt partei Marx (siehe: Reaktionen An partei Marx) konkret zu beantworten, ist dies nun in Gestalt meiner überarbeiteten Exzerpte zu seinem Kritik-Papier [Kritik 1 Anhang 1] geschehen. Der folgende Text ist eine Zusammenfassung meiner ausführlichen Antwort auf seine Kritik, die als PDF-Datei vorliegt [Kritik 1 Zur Kritik am Projekt partei Marx].

Wenn sich auch gezeigt hat, daß wir dieses Projekt von völlig entgegengesetzten Ausgangspunkten aus beurteilen, sind die Bemühungen und der Mut des Kritikers auf jeden Fall zu begrüßen, sich damit in dieser Ausführlichkeit auseinandergesetzt und das mit wenigen Ausnahmen große linke Beschweigen dieses Projekts durchbrochen zu haben. Deshalb ist meine polemische Antwort, wenn es auch den Anschein haben mag, nicht gegen seine Person gerichtet, sondern gilt der gesamten deutschen Linken, für die er mutig den Buckel hingehalten hat.

Da die Texte, die er kritisiert hat als Vorschläge und Entwürfe zu einer in gang zu setzenden Debatte keinen Letztbegründungs-Charakter tragen, habe ich jedenfalls aus seiner Kritik für meine Arbeit an diesem Projekt eine Menge gelernt. Wie ich hoffe, wird er das in Hinblick auf unsere weitere Auseinandersetzung auch von sich sagen können.

Ernst-Ulrich Knaudt

1. Kapitalismus und Kapitalismus – oder die Jahrhundert-Frage nach dem revolutionären Subjekt

Nachdem die Linke des 21. Jahrhunderts in Gestalt der ‘Globalisierungskritiker’ sich selbst zum revolutionären Subjekt erklärt und damit ihre bis dahin auf das Manifest der Kommunistischen Partei (KM) bezogenen Koordinaten völlig neu bestimmt hat, scheint ein Festhalten am Proletariat als revolutionärer Klasse vollkommen obsolet und vergleichsweise unsinnig geworden zu sein. Davor wäre es auch dem letzten Anarchisten nicht einmal im Traum eingefallen, wie abenteuerlich manch einer seiner revolutionären Bocksprünge über ‘das bestehende System’ hinweg in des ‘Reich der Freiheit’ auch aussehen mochte, sich nicht letztlich auf diese Koordinaten zu beziehen.

Das hat sich mit der Selbstermächtigung der ‘Globalisierungskritiker’ gegen »das kapitalistische System als solches« und als Bewegung, die »von ihrem Wesen her antikapitalistisch ist, weil sich ihre Werte und Ziele innerhalb dieser Gesellschaftsordnung nicht durchsetzen lassen« (zit. Kritik 1 An Django Schins: Zur Kritik am Projekt partei Marx, Seite 4 = Antwort, 4), wie es in der Besprechung eines Buches von Alex Callinicos heißt, schlagartig geändert. Und daher mutet es nicht weniger abenteuerlich und geradezu altersstarrsinnig an, wenn heutzutage jemand daher kommt und die Frage nach dem revolutionären Subjekt immer noch bezogen auf das KM stellt.

Dennoch kommt unser Kritiker nicht umhin, seine Kritik am Projekt partei Marx, die sich im wesentlichen auf den Eingangstext, worin dem ‘westlichen’ Proletariat ja durchaus keine revolutionären Lobgesänge gesungen werden, beschränkt [Kommunismus Ein Gespenst geht um in Europa!] mit einem Zitat aus dem KM zu würzen, aber durch die hinzugefügten Hervorhebungen zum Ausdruck zu bringen, daß dieses Projekt partei Marx ein intellektuelles Hirngespinst sei, weil sich z.B. die Frage nach der Rolle und den Aufgaben der »Kommunisten« im Klassenkampf historisch erledigt hat, obwohl der Abschnitt, aus dem dieses Zitat stammt, sich ausdrücklich um das Verhältnis der »Kommunisten« zur »Gesamtbewegung« dreht (zit. Antwort, 2). Darüber kann der Kritiker aber nun hinwegsehen, weil sich die Klärung dieses Verhältnisses durch die Verschmelzung der Linken mit der »multitude« (Negri/Hardt) zu einem neuen revolutionären Subjekt erledigt zu haben scheint.

Das wirft die weitere Frage auf, wie der systemstürzende ‘Antikapitalismus’ der ‘Globalisierungskritiker’ mit dem Abgesang der Linken auf das KM und das Proletariat zusammen paßt. Logisch zumindest nicht! Als Ausweg aus einem logischen Dilemma empfiehlt sich für gewöhnlich die Seitwärtsbewegung, durch die vermieden wird, das Dilemma bei den ‘Hörnern’ zu packen. Ein solcher side-step scheint in der Forderung der ‘Globalisierungskritiker’ nach dem Austritt der ‘antikapitalistischen’ »multitude« aus dem Kapitalismus und ihrem Eintritt in eine ‘andere Welt’, die ‘möglich ist’, gemacht zu werden, eine Lösung, die gewisse Ähnlichkeiten mit dem von dem römischen Historiker Livius erzählten Mythos von der secessio der römischen multitudo auf den mons sacer aufweist (Livius: Ab Urbe Condita, 2.32).

Und wenn die von Django Schins ins Auge gefaßte „Vielzahl dieser auf den individuellen Nutzen gerichteter EGOS” mit besagter »multitude« multipliziert wird, ergibt sich daraus das „gemeinschaftliche Interesse an allgemeiner Wohlfahrt, das den Sozialstaat trägt” (Kritik 1 Anhang 1, Seite 3 = Anhang 1, 3) oder auch nichts anderes als der ins Hobbes-Englisch übersetzte wohlbekannte Übergang der »Multitude so united in one Person« in den bürgerlichen Staat, d.h. das »COMMON-WEALTH, in latine CIVITAS« (zit. Antwort, 7). Bleibt noch klären, was die beiden Staatsgründungen denn voneinander unterscheidet?

Zum einen, daß es sich bei unserer modernen „Sozialstaats”-Interessengemeinschaft weder um Hobbesische Besitzbürger, die durch ihren Verzicht auf das ‘Recht auf alles’ den bevollmächtigten Souverän mit der Führung ihrer den Staat betreffenden Geschäfte beauftragen noch um kleinbäuerliche Nachfolger der Plebejer in Menenius Agrippas Staatsorganismus-Gleichnis handelt, die sich durch ihren Auszug aus dem römischen Gemeinwesen vergeblich gegen ihre Einverleibung in das patriarchalische Klientelwesen zur Wehr setzen wollen; der Auszug der ‘antikapitalistischen’ »multitude« aus dem Kapitalismus in die ‘andere mögliche Welt’, in ihr »counter-Empire« vollzieht sich viel eher nach der bekannten Kindergeschichte ‘Oh, wie schön ist Panama’. Denn während Menenuis Agrippa in seinem Gleichnis die ‘Arme’, d.h. die Plebeier, erfolgreich zur Rückkehr in die römische »CIVITAS« bewegen kann, indem er ihnen erklärt, daß nicht nur sie den ‘Magen’ mit Nahrung zu füllen haben, sondern der ‘Magen’ auch sie ernähre, stellen genau umgekehrt beim geplanten Umzug der Linken aus dem Kapitalismus in den „Sozialstaat” der ‘Magen’ die »multitude« und die ‘Arme’ den sie behütenden und beschützenden „Sozialstaat” dar, den die »multitude« mit der fürchterlichen Drohung zu schocken: falls dieser sich weigere, die bei Max Stirner ausgeliehenen „EGO”s zu ernähren, sich der ‘Magen’ postwendend nach ‘Panama’ verpflanzen lassen werde, wodurch die ‘Arme’ des „Sozialstaats” zur Dystrophie (Muskelschwund), zum Absterben verurteilt und dem deutschen Gemeinwesen Ver.di auf den Hals geschickt wird. Sozusagen der vorzeitige Tod des bürgerlichen Staates lange vor dem Kommunismus! Womit wir wieder beim KM angelangt sind.

Daß mit der „Vielzahl dieser auf den individuellen Nutzen gerichteter EGOS” ein solcher auf dem „gemeinschaftlichen Interesse an allgemeiner Wohlfahrt” begründeter (Sozial-) Staat durchaus möglich ist (obgleich er wahrscheinlich eher die Reihe der ‘failed states’ um einen weiteren bereichern würde), soll an dieser Stelle nicht bestritten und auch nicht bestätigt werden; feststeht jedoch, daß nach Einschmelzung des Proletariats in die linke »multitude« auf diese etwa das zuträfe, was Marx mit Sismondi über den römischen Staat formuliert hat: daß darin das »römische Proletariat auf Kosten der Gesellschaft (lebte), während die moderne Gesellschaft auf Kosten des Proletariats lebt« (zit. Antwort, 8). In unserem Fall würden die Stirnerschen „EGO”s aber nicht nur »auf Kosten der Gesellschaft«, was noch zu verschmerzen wäre, sondern auch »auf Kosten des Proletariats« leben. Siehe den Aufmacher des autonomen Kulturkongresses ”Indeterminate! Kommunismus” aus dem Jahre 2003, in dem frustriert festgestellt wird: The revolutionary subject you are calling is temporarily not available (zit. Antwort, 39 und Reaktionen An Django 28.10.2003), womit das Proletariat zusammen mit der Bourgeoisie für alle durch den Kapitalismus entstehenden gesellschaftlichen Schäden gemeinsam in Anspruch zu nehmen wären! Diese Auskunft über die ‘Verfügbarkeit’ des Proletariats, die die Linke nach ihrer jahrzehntelang vergeblich gebliebenen Anrufung desselben als revolutionäres Subjekt nun zum Auflegen des Telefonhörers gebracht hat, veranlaßt sie nicht etwa zur selbstkritischen Frage, warum selbiges Proletariat so wenig geneigt ist, seine gegenüber dem Kapital erzwungene ‘Verfügbarkeit’ auch der Linken zuteil werden zu lassen, sondern zum endgültigen ‘Abschied vom Proletariat’: was kümmert uns unser proletarisches Geschwätz von gestern! Sollen die Totengräber der bürgerlichen Gesellschaft selbst ihre Toten begraben! Ihre historischen Irrtümer seien ihnen verziehen! So muß ihnen diese auch niemand mehr nachweisen und nachtragen! partei Marx, welch ein Schmarrn!

Dafür werden sich die „Sozialstaats”-Gründer in Zukunft gemeinsam mit der Bourgeoisie um das Problem kümmern, wie „die Kernstruktur der kapitalistischen Produktionsweise bzw. die ihr entspringende Verwertungslogik in ihren Wirkungen zivilisierend modifiziert, d.h. verhindert [wird], daß sich deren Logik ungehindert (barbarisch) entfalten kann” (Anhang 1, 3). Und zwar durch einen Rückgriff auf den ‘Rheinischen Kapitalismus’, unter dessen ‘Akkumulationsregime’ Lohnarbeit und Kapital friedlich wie Wolf und Lamm ‘antifaschistisch’ miteinander koexistieren werden.

Dieser paradiesische Zustand, das wissen auch die Verteidiger des „Sozialstaats”, war aber nicht nur durch moralischen Druck auf die mit dem Faschismus kooperiert habende deutsche Bourgeoisie, sondern vor allem durch die von den Bajonetten der siegreichen Roten Armee ausgehenden Überzeugungsarbeit gegenüber derselben zustande gekommen. Ähnliche Druckverhältnisse sollen heute von jenen „Gegenkräften” ausgehen, die mit revolutionären Staatsführern wie Hugo Chávez oder Evo Morales im Rücken, als reform-revolutionär-dialektische Klassenkämpfer” dem Kapitalismus (durch eine ‘Revolution von oben’) den Garaus machen könnten” (Anhang 1, 5). Das Dialektische an diesen revolutionären „Klassenkämpfer(n) ist, daß sie als neues revolutionäres „Subjekt einer System transformierenden Strategie” den Kapitalismus durch „eine nur reformistisch-korrigierende Negation” nicht einfach negieren, sondern den „bloßen Reformismus in einer höheren (tendenziell revolutionären) Qualität des Allgemeininteresses” aufheben werden (Anhang 1, 3). Die Gründung des „Sozialstaats” wäre verbunden mit der Umwandlung dieser revolutionären Dialektik in eine ‘Zeitmaschine’ zur Zurückverpflanzung des ‘Rheinischen Kapitalismus’ ins Deutschland von heute.

Dazu muß die Bourgeoisie nur noch davon überzeugt werden, daß sie „schon einige Zeit strategisch gegen ihr eigenes Existenzinteresse” handelt, weil ihre „politische(n) Erfüllungsgehilfen… eine Strategie der Profitmaximierung auf Teufel komm raus fahren, an einem ‘sozialverträglichen Ausgleich’ deshalb nicht mehr interessiert sind, und immer mehr gesellschaftliche Bereiche der Kapitalverwertung direkt unterwerfen” und dabei meinen, „sich ohne DDR und mit schwachen Gewerkschaften alles erlauben” zu können (Anhang 1, 5). Es geht also darum, „den Klassenkompromiß der Nachkriegszeit”, den „das Kapital aufgekündigt” hat, wiederherzustellen! Aber wem hat die deutsche Bourgeoisie diesen eigentlich aufgekündigt: der Linken oder der deutschen Arbeiterklasse?

Bei einer derartigen Überzeugungsarbeit ist der Katastrophen-Kommunismus, wie er der partei Marx von ihrem Kritiker unterstellt wird, natürlich besonders hinderlich und muß zum Schutz des neu zu gründenden „Sozialstaats” vor solchen „Hasardeuren” bewahrt und wie ein lästiges Insekt abgestreift werden. Aber wo ist denn auf den Web-Seiten der partei Marx an irgendeiner Stelle die These aufgestellt worden, daß „die Millionen Nutznießer des ‘Sozialstaates’ …statt für Reformen zu ihrem Nutzen zu kämpfen, noch mehr darben, warten sollen, ehe sie zur Revolution schreiten dürfen, nein, müssen – weil dann durch reine Fundamentalopposition die Widersprüche bis zur Katastrophe zugespitzt worden sind”? (Anhang 1, 3 ff.) Wenn dies zuträfe und die katastrophische Zuspitzung der Widersprüche in Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht, tatsächlich nur mit Hilfe sogenannter „Hasardeure” produziert würde, wäre die der partei Marx unterstellte Katastrophen-Strategie in der Tat eine ziemliche anarchistische Dummheit, um es milde auszudrücken!

Dieser Popanz, gegen den sich der Kritiker der partei Marx zu profilieren hofft, ist Ausdruck des in der Linken grassierenden politischen Ökonomismus, der ihr zur Gewinnung der „für den Sozialismus … notwendigen Träger und Subjekte, Mehrheiten [!]verhelfen, (Anhang 1, 4) d.h. für eine Gesellschaft instrumentalisieren soll, deren Baupläne nach den bekannten historischen Vorlagen und Mustern in ihren Köpfen vorgefertigt und jederzeit abrufbar aufbewahrt sind. Dagegen steht der politische Klassenkampf, der nach der Marxschen Strategie das Proletariat in die Lage versetzt, den Kampf gegen die Klasse der Bourgeoisie selbsttätig und selbständig zu führen (Antwort, 10 ff.). Darin ist der „Sozialismus”, für den der Kritiker der partei Marx erst die „notwendigen Träger und Subjekte, Mehrheiten gewinnen” zur Erreichung dieses fernen Ziels gewinnen will, bereits in die Arbeit der »Rekonstruktion des Proletariats als revolutionäre Klasse« und der »Wiedererschaffung einer revolutionären deutschen Arbeiterbewegung« (Kritik 1 Anhang 2 22) eingeschlossen, die im Gegensatz zur deutschen Linken nicht auf die Öffnung eines „Zeitfenster(s) hoffen muß, das „sich für jene Kräfte” öffnen wird, „die das Übel an der Wurzel packen, ausreißen wollen und können” und die, „um es diesmal richtig zu machen, auch die besseren konkreten Alternativen anbieten müßten, nicht alleine den GROSSEN REVOLUTIONÄREN WURF. Mit dem man im besten Fall ganz alleine in Schönheit stirbt” (Anhang 1, 6).

Die Kritik am „GROSSEN REVOLUTIONÄREN WURF” ist wohl eher an die Adresse der deutschen Linken in ihrem früheren Zustand gerichtet, die früher damit ständig herumgeprahlt hat. Anders als damals werden mit den „Kräften, …die das Übel an der Wurzel packen, ausreißen wollen und können” kleine Brötchen gebacken, bei denen es sich selbstverständlich nicht mehr um das auf den Webseiten der partei Marx „imaginierte revolutionäre Proletariat als Klasse”, sondern um „Mehrheiten (lohnabhängig Beschäftigte, Arbeitslose, zivilgesellschaftliche Akteure)” handelt, die das Kapital „zivil und friedlich und ohne roten Terror in seine Schranken weisen” können. Und damit sie das auch tun, werden ihnen die Segnungen des linken ‘Sozialstaats’ als „die besseren konkreten Alternativen” angeboten. Auch hinter diesem Popanz steckt der bereits genannte politische Ökonomismus, mit Hilfe dessen parlamentarische „Mehrheiten” gezimmert und der ‘Sozialstaat’ der »multitude« als Sozialismus in ‘Panama’ verkauft werden soll. Derartige Vorschläge werden, da hat unser Kritiker völlig recht, schwerlich auf den Seiten der partei Marx zu finden sein.

Was lernen wir daraus? Sobald der gewöhnliche Antifaschist unter dem Druck der politischen Ereignisse die Nähe unbesetzter Regierungssessel wittert, wird aus dem bisherigen Erretter der Menschheit der knallharte Realist, der nur noch den unmittelbaren Erfolg sucht und diesen auch notfalls gegen den eigenen Utopismus von gestern verteidigt. Um ‘zielführend’ zu handeln, lernt er sehr schnell, mit dem Realismus der zu Antifaschisten ernannten politischen Gegner seinerseits realistisch zu kalkulieren: „’Volksparteien’ müssen bestimmte Rücksichten nehmen, weil sie gewählt werden wollen. Eigeninteresse versus nacktes Kapitalinteresse!” (Anhang 1, 3).

Dieses „Eigeninteresse” ist aber zum einen nichts anderes als eine Projektion des eigenen Zwiespalts, in den sich der Kritiker des vermeintlichen Katastrophen-Kommunismus der partei Marx durch seinen ‘Abschied vom Proletariat’ selbst begeben hat und von dem es per Analogieschluß annimmt, daß er auch auf seiten der ‘Volksparteien’, einschließlich der bürgerlichen Arbeiterparteien, zugunsten der Millionen Nutznießer des ‘Sozialstaates’” (Anhang 1, 3) vorhanden sein müsse. Aber anders als unser Kritiker glaubt betrachten diese Parteien ihre Stellung zueinander und zur bürgerlichen Gesellschaft ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Konkurrenz und der kollektiven Wahrung des nackten Kapitalinteresses” der deutschen Bourgeoisie (eine Bezeichnung übrigens, die bemerkenswerter Weise bei unserem Kritiker nicht ein einziges Mal vorkommt!) gegenüber den Interessen des Proletariats (lassen wir hier einmal dahingestellt, woraus sich dieses als Klasse an sich im Zeitalter der ‘Globalisierung’ rekrutiert!). Die Ersetzung des Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital in Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht, durch den Gegensatz einer rückwärtsgewandten und einer reformbereiten Fraktion der Bourgeoisie, ergibt sich unmittelbar aus der Liquidierung des laut KM bestehenden weltrevolutionären Charakters des Proletariats Klasse gegenüber der Bourgeoisie.

Oder wie es in der Kritik am Projekt partei Marx abschließend heißt:Also: Die Bewegung dieses (innerökonomischen) Widerspruches zwischen dem Interesse der Einzelkapitale und dem des Gesamtkapitals (und erst recht dem der Gesellschaft als Ganzes) produziert Gegenkräfte (auch staatliche: Venezuela, Bolivien) – und dies weltweit – in einem (für mich jetzt schon) unerwarteten Ausmaß, die durch politische Interventionen im Interesse der Mehrheit, den wild gewordenen Kapitalismus wieder an die Leine legen können. Staatliche Interventionspolitik kann diesen Widerspruch regulieren – wie historisch bewiesen! – ohne ihn jemals zu lösen” (Anhang 1, 6). Das mag sein; nur stellt sich die Frage, ob diese angeblichen „Gegenkräfte” und die von ihren „Mehrheiten” in die Parlamente gespülte neue Bourgeoisie die „Leine”, an die sie den Kapitalismus legen wollen, nach Ausführung ihrer „politische(n) Intervention” auch wieder loslassen werden, wenn das von ihnen zum „geschichtlichen Aposteriori” (Anhang 1, 15) zwischenzeitlich degradierte Proletariat vorhaben sollte, sich wieder in den Besitz seiner vom Kapital enteigneten Produktionsbedingungen zu bringen. Dies hätte unser Kritiker der Vollständigkeit halber noch hinzufügen sollen; denn bekanntlich lassen manche „Gegenkräfte”, wenn sie sich als Betreiber „staatliche(r) Interventionspolitik” zur Bändigung des „wild gewordenen Kapitalismus” erst einmal etabliert und ihn an die Leine genommen zu haben meinen, diese „ – wie historisch bewiesen! –” nur unter äußerstem (revolutionären) Zwang wieder los (siehe; Berlin, Posen, Budapest in den Golden Fifties!).

Das große Dilemma, daß die damaligen hauptsächlich proletarisch geprägten „Gegenkräfte” in ihrem Kampf gegen die neue Bourgeoisie nicht in der Lage waren, sich von der alten freizumachen, wiederholt sich als Farce bei den proletarisierten oder sich gerade proletarisierenden „Gegenkräften” von heute in ihren symbolischen Widerstandsaktionen gegen die alte Bourgeoisie, die von der neuen Bourgeoisie, die darauf aus ist, ihre ‘alten Königreiche’ zurückzuerobern, politisch dominiert werden; dieses Dilemma läßt sich durch die von unserem Kritiker bemühte abstrakte Entgegensetzung von Reform oder Revolution nicht aus der Welt schaffen, sondern wird nur ständig von neuem bestätigt.

In Wirklichkeit stehen sich hier mit den linken „Gegenkräfte(n)als neuem revolutionärem Subjekt einerseits und dem von der partei Marx auf ihren Seiten „imaginierte(n) revolutionäre(n) Proletariat als Klasse” (Anhang 1, 7) andererseits zwei einander ausschließende gesellschaftsverändernde Konzepte unvermittelt gegenüber, worin es jeweils nicht um Reform oder Revolution, sondern Reform und Revolution geht. Der Unterschied besteht aber nicht nur in einer verschiedenen Reihenfolge, sondern darin, was in beiden Konzepten jeweils unter Reform und Revolution verstanden wird. Da aber ein Streit mit welcher Bourgeoisie auch immer darüber, daß durch ihre Reformpolitik die Revolution verhindert werde (ein beliebter Vorwurf der radikalen Linken an die Adresse der alten Bourgeoisie und die ihr dienenden bürgerlichen Arbeiterparteien), müßig, weil an die falsche Adresse gerichtet, ist, kann sich dieser nur um den Nachweis drehen, daß die Reformen der neuen Bourgeoisie, weil sie allein der Rückeroberung ihrer Alleinherrschaft dienen, eine Farce sind, im Extremfall eine Revolutions-Komödie, die .die alte Gesellschaft nicht in Richtung Revolution, sondern einer wie auch immer revolutionär daherkommenden Reaktion vorantreibt. Das ließe sich an jeder der von der Linken inspirierten Reformen nach dem Goetheschen Motto: ‘Vernunft wird Unsinn, Wohlstand Plage…’ nachweisen, wofür hier weder Platz noch Gelegenheit ist.

Und daran wird sich auch nichts ändern, solange die Karikaturen der Diktatur des Proletariats, ob als „roter Terror” oder Pol-Pot-Gegrusel, ausschließlich von der (alten und neuen) Bourgeoisie historisch verwaltet werden und die Linke mit Karl Kautsky der Ansicht ist, daß mit der zunehmenden Entfaltung der Produktivkräfte und Zivilisierung der Arbeiterklasse derartige , wie es im Programm der DKP euphemistisch heißt, ‘Fehlentwicklungen’ von selbst verschwinden werden; solange also dieser negative Erfahrungsschatz nicht in das von der partei Marx so inbrünstig „imaginierte revolutionäre Proletariat als Klasse” eingegangen ist, wird sein Klassenbewußtsein ein weißes Blatt Papier bleiben, worauf die alte und die neue Bourgeoisie ihre Sittengemälde vom barbarischen oder paradiesischen Kommunismus je nach Gusto abbilden können.

2. Über Glaube, Liebe Hoffnung und den Kommunismus

In Anbetracht dessen handelt es sich bei der von unserem Kritiker auf den Seiten der partei Marx und in unserer Korrespondenz entdeckten Frage, ob „der Sozialismus/Kommunismus zwangsläufig (Reaktionen An Django 10.01.2002), also mit Notwendigkeit im Sinne eines ehernen historischen Gesetzes kommen wird” oder nicht, um ein schlichtes Scheinproblem, das durch die im KM entwickelte Methodik, wonach die Lösung der Eigentumsfrage bereits in ihrer Bestimmung als historische Frage enthalten ist, sich erledigt hat. (»Die Abschaffung bisheriger Eigentumsverhältnisse ist nichts den Kommunismus eigentümlich Bezeichnendes…«; zit. Antwort, 2).

Wenn daher auf den Seiten der partei Marx und in unserer Korrespondenz die »Abschaffung bisheriger Eigentumsverhältnisse« als etwas nur »den Kommunismus eigentümlich Bezeichnendes« erklärt worden wäre, wäre dies auch zu Recht zu kritisieren. Allerdings scheint sich auch der Kritiker ähnliche Probleme mit seiner Prophetie eingehandelt zu haben, in der er den Kommunismus zu einer Frage der Demokratie macht, d.h. der „nur dann kommen wird, … wenn hinreichend viele Menschen ihn wollen (Anhang 1, 7). Das ist aber gar nicht die entscheidende Frage, sondern wie gesagt die »Abschaffung bisheriger Eigentumsverhältnisse« als Lokomotive der Geschichte. Und diese können in unserem Fall nur von denjenigen abgeschafft werden, die damit unmittelbar praktisch was zu tun haben, was dadurch nicht mehr ausschließlich eine Frage der Demokratie ist.

Mit der »Abschaffung bisheriger Eigentumsverhältnisse« durch den Kommunismus hängt wiederum die Frage der gemeinschaftlichen Produktion, d.h. des Privateigentums oder des gesellschaftlichen Eigentums an den Produktionsmitteln und die des praktischen Scheiterns aller „bisherigen Ansätze »gemeinschaftlicher Produktion«” zusammen, die aber nicht, wie unser Kritiker meint, „an ihrer ökonomischen Ineffizienz” (Anhang 1, 9), sondern an der bisher zu geringen Entfaltung der Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise gescheitert sind.

Gemessen daran ist der Einwand wenig überzeugend: „Ich sehe hier freundlicherweise davon ab, daß eine wirklich gemeinschaftliche Produktion schlichtweg unvorstellbar ist, also, gelinde gesagt, schon auf erhebliche theoretische Schwierigkeiten stößt: Wie soll man sich z.B. vorstellen, daß alle Mitglieder einer Gesellschaft (ihre) allgemeine Produktion kontrollieren, also jeder beliebige Arbeiter oder jedes beliebige Arbeitskollektiv Informationen und Einfluß auf jede andere Produktion hat?” (Anhang 1, Anmerkung 27) Wenn unser Kritiker schon die Möglichkeit einer „wirklich gemeinschaftliche(n) Produktion” auf ihre rein technischen Bedingungen beschränkt diskutiert, verwundert es schon, wie er den gewaltigen Entwicklungsschub, der in den letzten Jahrzehnten in der Informationstechnologie eingetreten ist, so vollständig ignorieren kann. Kann er sich nicht vorstellen, daß unter derartigen Voraussetzungen die in den archaischen Gesellschaften herrschende natürliche Arbeitsteilung, deren bruchlose Fortführung, wie sich ständig von neuem zeigt, nur eine weitere Abart des Faschismus erzeugt, durch eine bewußte Arbeitsteilung zwischen den Produzenten, die sich ihre Produktionsbedingungen als gesellschaftliche wiederaneignen, aufgehoben werden könnte? Wahrscheinlich hat das unverarbeitete Scheitern des ‘realen Sozialismus’ bei ihm so tiefe Spuren hinterlassen, daß er sich Sozialismus anders als in seiner asiatischen Form und der damit verbundenen orientalischen Despotie nicht vorstellen kann und er aus diesem Grund jede Form der gemeinschaftlichen Produktion von vornherein ablehnt.

Um so bedauerlicher ist es, daß der Kritiker mit diesem Popanz kritisch bewaffnet, auf den Kommunismus der partei Marx eindrischt und diesen als reinen Erlösungsglauben (Eschatologie) zu entlarven sucht (Antwort, 35 ff.). Dabei bedient er sich eines langen Zitats aus Friedrich Engels’ Anti-Dühring (zit. Anhang 1, 11), allerdings nur, soweit darin die Geschichte der Religionen behandelt wird, ohne die Pointe der Engelsschen Kritik an den unbegriffenen Mächten der modernen Gesellschaft, die nur durch eine »eine gesellschaftliche Tat« überwunden werden können, in sein Zitat aufzunehmen. Das verwundert doch sehr, bei all der Praxisorientiertheit, die der Kritiker bis dahin gegen die angebliche Theorielastigkeit der Kommunismus-Vorstellungen der partei Marx ins Feld geführt hat. Sein auch in diesem Zusammenhang wiederholter „Determinismus”-Vorwurf wird hieran gemessen noch um einiges fragwürdiger.

3. The meaning of the eating is the pudding?

Daher bietet es sich an, den Praxis-Begriff unseres Kritikers, den er erklärtermaßen von W.F. Haug bezieht („Ich sehe das wie Haug”), genauer unter die Lupe zu nehmen, weil er davon die „kontemplative Grundstruktur des Denkens”, die dem Projekt der partei Marx zugrunde liegen soll, ableitet (Anhang 1, 17 und Anmerkung 49).

Wenn er sich seines theoretischen Gewährsmanns nicht dogmatisch, sondern kritisch bedienen würde, hätte unserem Kritiker eigentlich auffallen müssen, daß der in der Ersten Feuerbach-These von Marx kritisierte »Hauptmangel alles bisherigen Materialismus« auf die im Titel des Aufsatzes von W.F. Haug angekündigte „materialistische Erkenntnistheorie” kaum weniger zutrifft, weil darin auch der »Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung« gefaßt wird, »nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv« (zit. Antwort, 49). Eine solche als Sinnlichkeit, Subjektivität, menschliche Tätigkeit bestimmte Praxis kann aber nicht stattfinden, solange der »Gegenstand …unter der Form des Objekts… gefaßt wird«, wie sehr auch, besonders in der Kritik am Idealismus, dieses Verhältnis unter dem „Gesichtspunkt des Lebens, der Praxis” als der „erste und grundlegende Gesichtspunkt der Erkenntnistheorie” betont werden mag (zit. Antwort, 67). Eine solche ausschließlich objektbezogene Praxis bleibt, weil sie diesen nur »unter der Form des Objekts oder der Anschauung« begreift, in der rein „kontemplative(n)” Aneignung des Gegenstandes und jener „kontemplativen Grundstruktur des Denkens” (Anhang 1, 17) befangen, die unser Kritiker dem Projekt partei Marx grundsätzlich unterstellt.

Die Folgen, die dieser subjekt- und letztlich auch geschichtslose Praxis-Begriff gezeitigt hat, berühren alle Seiten des ‘realen Sozialismus’, den Haug in diesem Aufsatz von seiner subjektivistischen Willkür und seinem mechanischen Materialismus befreien will. Gemessen an den Feuerbach-Thesen muß dieser Reformversuch jedoch scheitern (siehe im einzelnen: Antwort, 48 Exkurs).

Von aktueller Bedeutung sind die Auswirkungen dieses Praxis-Begriffs auf das Verhältnis von Theorie und Praxis, das W.F. Haug als Problem der besondere(n) Stellung der Kopfarbeiter im gesellschaftlichen System der Teilung der Arbeit” auf dem „Feld des ideologischen Klassenkampfesbestimmt (zit. Antwort, 52). Haug geht von der Annahme aus, daß der real-sozialistische Kopfarbeiter, weil er sich dem ‘realen Sozialismus’ zur Verfügung gestellt hat, verglichen mit dem kapitalistischen Kopfarbeiter aus dem Schneider sei, weil er im Gegensatz zu seinem westlichen Kollegen dem Proletariat als dem ‘politisch korrekten’ Arbeitgeber dient und, obwohl Kritik eigentlich sein Beruf ist, sein neues ‘Arbeitsverhältnis’ davon nicht berührt wird. Dabei ist es gerade diese Berufskrankheit, die Marx am rein theoretischen Materialismus in der Ersten Feuerbach-These kritisiert: »Feuerbach will sinnliche – von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedne Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im ‘Wesen des Christentums’ nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig jüdischen Erscheinungsform gefaßt und fixiert wird« (zit. Antwort, 51). Daraus zieht Marx eine für diesen rein materialistischen Praxis-Begriff tödliche Schlußfolgerung: »Er [Feuerbach] begreift daher nicht die Bedeutung der ‘revolutionären’, der ‘praktisch kritischen’ Tätigkeit.«

Was heißt das? Wenn der Kritiker seine kritische Tätigkeit nur als theoretische Arbeit für einen besseren ‘Arbeitgeber’ (‘besser’, weil dieser, wie er vermutet, die Zukunft der Menschheit repräsentiert) bestimmt, bleibt er ein Kopfarbeiter, der seine theoretische Arbeit heute dieser und morgen jener herrschenden Klasse zur Verfügung stellt; d.h. der Konflikt, in den sich jeder Kopfarbeitermit seiner theoretischen Arbeit begibt, wird auch durch das revolutionäre Proletariat als neuer Arbeitgeber nicht beseitigt, solange der Kopfarbeiter nicht die »Bedeutung« seiner kritischen Tätigkeit als »‘revolutionäre’, …‘praktisch kritische’ Tätigkeit« begreift, worin der für ihn unlösbar erscheinende Konflikt praktisch aufgehoben ist. Diese Praxis ist es, die W.F. Haug und mit ihm unser Kritiker nicht akzeptieren. Daß dieser Praxis-Begriff auch Auswirkungen auf Haugs Interpretation der Marxschen Werttheorie hat, worin die Spaltung der Ware in Gebrauchswert und Wert und der produktiven menschlichen Tätigkeit in konkrete und abstrakt menschliche Arbeit nicht vorkommen, sei hier nur am Rande vermerkt (Antwort, 55 ff.), von der vollkommen willkürlichen Ableitung der Widerspiegelungstheorie aus dem berühmten Fetisch-Kapitel im Kapital einmal ganz abgesehen (Antwort, 59).

W.F. Haugs „materialistische Erkenntnistheorie” landet damit zwangsläufig bei einem kruden Realismus, der letztlich in der bekannten Devise ‘der Zweck heiligt die Mittel’ gipfeln muß: „Indem es in der menschlichen Praxis um die objektive Befriedigung der Bedürfnisse geht, gehen muß, zielt sie ebenso notwendig auf die Entsubjektivierung der Erkenntnis. Wir haben es nötig, weil wir von subjektiven Vorstellungen nicht leben und mit ihren rein subjektiv konstituierten Phantasierezepten nicht leben können” (Zit. Antwort, 65), ein Realismus, dessen sich auch unser Kritiker ausreichend bedient, der sich zu der absurden Tautologie versteigt: Marx definiert hier Marxismus radikal als Realismus!” (Anhang 1, 20). Solche auf diese Weise entsubjektivierte angeblich dialektisch-materialistische Erkenntnistheorie hat sich damit auch von jeder menschheitsbefreienden revolutionären Perspektive verabschiedet und läuft Gefahr, zur Legitimationswissenschaft der Reaktion, in welcher politischen Gestalt diese auch immer auftritt, zu verkommen.

4. Und wie weiter?

Von diesem Befund ausgehend, fällt es mir schwer, diese Kritik an dem Projekt partei Marx ernsthaft zu erwidern, zumal diese zunehmend psychologisierend daraufhin zugespitzt wird, daß das Betreiben eines solchen Projekts einen pathologischen Fall von Größenwahn darstelle, wovor der Kritiker in der scheinbar überlegenen Position des radikal realistischen ‘Marxisten’ den Betreiber dieses Projekts fürsorglich warnen möchte (Hast Du Dich da auf einen Stuhl gesetzt, ohne dessen Tragfähigkeit zu prüfen?”) (Anhang 1, 22). Diese pädagogisch sicherlich freundlich gemeinte Fürsorglichkeit erinnert sehr stark an entsprechende Verfahrensweisen aus der Breshnew-Ära, als der ‘Marxismus’ noch ex cathetra des Politbüros als Unfehlbarkeitsdogma verkündet werden konnte und Kritiker, die es tatsächlich wagten, eine Differenz zwischen der staatlich verwalteten Theorie und der gesellschaftlichen Praxis gegenüber deren amtlichen Verkündern anzumahnen, wegen ihrer anmaßenden Winzigkeit auf ihre schlichte Unbedeutendheit administrativ zurückgestutzt wurden.

Darin steckt nichts anderes als der von Friedrich Engels in seinen schlechtesten Träumen vorausgeahnte »preußischer Sozialismus« in R(h)einkultur! Auf dieser Grundlage schrumpfen die angeblichen Unterschiede zwischen dem von der DKP hochgehaltenen Sozialismus Breshnewscher Provenienz und den kritisch davon Abstand halten wollenden Demokratischen Sozialisten weitgehend zusammen. Wahrscheinlich hat es eine solche auch nie ernsthaft gegeben!

Um eine Kritik in der Sache handelt es sich hierbei jedenfalls nicht mehr, eine Kritik, worin u.a. die Frage zu ergründen wäre, wie es denn zu dieser von Engels bei einem Katheder-Sozialisten wie Dühring bereits feststellten und dann wirklich eingetretenen Verpreußung des Sozialismus, nicht allein in Deutschland, hat kommen können. Fragen, die sich Marxismus-Päpste nicht stellen lassen, ohne daraufhin ‘persönlich’ zu werden und sich schon gar nicht von irgendwelchen Niemanden stellen lassen, ohne laut öffentlich an deren Geisteszustand zu zweifeln.

Hinzukommt, daß die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland über das auf den Seiten der partei Marx halluzinierte revolutionäre Proletariat – als blutleere Kopfgeburt des idealistischen Philosophen – … eine logische Klasse, die das Wahre, Gute und Schöne an und für sich, schlechthin, verkörpert” (Anhang 1, 20), längst hinweggegangen zu sein scheint, seitdem die deutsche Linke in Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Massenpresse und philanthropischen Fernseh-Moderator_innen einen Stellvertreter des Proletariats auf Erden in der Gestalt des ‘Prekariats’ gefunden hat, der wahlkampftechnisch betrachtet alle Vorzüge einer ‘Unterklasse’ aufweist, ohne selbst noch als Klasse gegenüber der Bourgeoisie in Erscheinung zu treten, sondern nur als ’Einzelschicksal’ gegenüber der modernen ‘Armenpflege’, wozu sich der Solidarfonds der staatlich verwalteten Arbeitslosenversicherung zunehmend verwandelt hat. (Welches ‘Einzel-Schicksal’ beißt die Hand, von der es gefüttert wird?) Zweifellos gehört das Aufkommen der ‘Massenarmut’ zu den klassischen Syndromen, die mit der zunehmenden Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Produktionsweise einhergehen. Daß aber das von ihr inthronisierte Stellvertreter-Proletariat, das seiner gesellschaftlichen Stellung nach selbst nicht in der Lage ist, als revolutionäre Klasse zu handeln, von der Massenpresse als revolutionäres Gespenst aufgeblasen und unter tätiger linker Mithilfe publizistisch aufgeschäumt wird, bildet einen weiteren Meilenstein bei der Verwandlung der Linken in eine Wahlkampfmaschine und auf dem Wege ihrer politischen „Transzendenz” in die ‘andere mögliche Welt’. Wobei noch nicht ausgemacht ist, welche Bourgeoisie dann dabei mit von der Partie sein wird.

So bleibt die auf den Eingangseiten der partei Marx geäußerte Feststellung, daß sich »die Totengräber …des Kapitalismus in seinen Hochburgen …im Streik« befinden, wovon die in isolierten symbolischen Aktionen vorgetragenen Leistungsmehrforderungen des ‘Prekariats’ diese am allerwenigsten abbringen werden, nicht nur unverändert bestehen, sondern ist unter diesem neuen Gesichtspunkt erst wirklich wahr geworden. Auch hat sich an der gegen das Projekt vorgetragenen „realistischen” Kritik, gezeigt, daß hinter der von der deutschen Linken politisch vorgeschobenen Demokratie der ‘Reale Sozialismus’ als nach wie vor unverzichtbare Grundlage an allen Ecken und Enden hervorschaut. Hinzugekommen ist auch, daß alle die, die Marx beim Wort nehmend und ausgehend von ihrem radikalen Verständnis der Marxschen Theorie diese Grundlage aus historischer Erfahrung praktisch infrage gestellt sehen, vom schwer bewachten, wenn auch momentan kaum genutzten Territorium des ‘Realen Sozialismus’ aus erbarmungslos bekämpft werden, Angriffe gegen die persönliche Integrität eingeschlossen.

Bekanntlich kann aus einem Funken ein Steppenbrand entstehen. Auf welcher Seite sich dann jene Kritiker und die auf den Seiten der partei Marx Kritisierten wiederfinden, läßt sich von heute aus betrachtet, weil unter dem Schleier des Nichtwissens verborgen, zum Glück nur erahnen.

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