Reflexionen 

Samuel Huntington, Jiang Shigong und die Xi Jinping-Ära

Eine Teil-Übersetzung, Exzerpte aus zwei Büchern, ein Brief, und eine Gebrauchsanweisung für den Umgang mit alledem liegen schon seit mehreren Monaten in der Schublade, ohne daß ich einen Entschluß gefaßt hätte, diese Texte weiter zu bearbeiten oder eine Idee gehabt hätte, was sonst damit anzufangen sei. Schlagartig wurde mir klar, daß das ein schwerer Fehler sei, dieses Material nicht auf die home page der partei Marx zu stellen, allein, weil der Erkenntniswert dessen, was die ‚westliche‘ Presse über China schreibt, doch sehr begrenzt ist, die China-Wissenschaftler ihren üblichen Stremel durchziehen (müssen!), und es Leute geben soll, die, ihren kommunistischen stillen Träumen vom China Mao Zedongs nachhängend, mit Vorliebe an das Lied von der Seeräuber-Jenny denken… Die nationalsozialistische Rechte interessiert sich traditionell nicht für China (das Hitler ‚den Japanern‘ großzügig im Anti-Kominternpakt überlassen wollte). Und was die moslemische nationale Minderheit in China betrifft, scheint die großhanchinesische Regierung bestrebt zu sein, durch die Errichtung von Moslem-‘Umerziehung‘slagern à la Aldous Huxleys Schöner neuer Welt und und Orwells 1984 eine breite islamistische Reaktion gegen alle ‚Ungläubigen‘ lostreten zu wollen, mit der verglichen Nine Eleven nur das harmlose Vorspiel gewesen sein könnte.

Der Gedanke, der hinter einer Gegenüberstellung von Huntington vs. Jiang Shigong steht, ist, daß Jiang Shigongs Version des Clash of Civilisations politisch darauf hinausläuft, alle Staaten zwischen den USA und der VR China (Putins Beschäftigung mit der Restauration seines eurasischen Zarentums einmal beiseite gelassen) als eine Ansammlung von Zivilisationen und Kulturen zu betrachten, deren Status darauf beschränkt ist, sich als Angehörige bestimmter Kulturkreise (civilisations) der qualitativ höher stehenden Kultur, (vertreten durch deren Hegemonialmacht) unterzuordnen und deren Vorrechte innerhalb eines gemeinsamen Kulturkreises anzuerkennen, wodurch nicht zuletzt das klassische Völkerrecht und das Selbstbestimmungsrechts der Nationen zu Makulatur würde. Bekanntlich sind derartige Konzepte mit der von Carl Schmitt für Hitler-Deutschland in den 30er Jahren vorgeschlagenen Großraum-Ordnung oder Leonid Breshnews Theorie von der begrenzten Souveränität für Länder des Sozialistischen Lagers (Breshnew-Doktrin) nichts Neues. Ähnlichkeiten lassen sich auch bei Jiang Shigong mit der Verschmelzung des Marxismus mit der chinesischen Kultur und der Ausstrahlung dessen auf die ‚Dritte Welt‘ feststellen, einem Widersprüche versöhnendes Konglomerat, das vielleicht eines Tages als BRICS-Faschismus in die Geschichte eingehen wird.

Meine Textsammlung, die ich bescheiden, wie ich bin, CHINA-PAPERS getauft habe, besteht aus den folgenden Elementen:

1. Einer Gebrauchsanweisung für die Leser der CHINA PAPERS (Brief vom 01.09.2019)

2. Notizen und eine Zusammenfassung der Ergebnisse meiner Lektüre.

3. Exzerpten aus Passagen von Huntington, Clash of Civilisation, woraus Jiang Shigong gewisse Anregungen geschöpft hat, ohne dies im einzelnen zu bestätigen.

4. Exzerpten aus Jiang Shigongs ins Englische übersetztem Aufsatz über „Philosophie und Geschichte…“, aus dem mir wichtig erscheinende Passagen zitiert, teilweise übersetzt und kommentiert werden.

Zweifellos ließe sich ein weniger zerfahrener und durch endlose Wiederholungen ausufernder Zugang zur Politik der KP und der VR China vorstellen, wie ihn Jiang Shigong abgeliefert hat. Ein solcher existiert aber nach meiner Kenntnis nicht. Auch scheinen heutige Texte verglichen mit solchen aus der Epoche des Kalten Krieges für uns heute subtiler, weniger plump und weniger leicht durchschaubar daherzukommen. Allein deshalb, weil sie sich an bestehende westliche linke Theoriegebäude angepaßt haben. So auch Jiang Shigongs Aufsatz. Zumal sich (zumindest in meinem Kopf) die Halbwertzeit für den Zerfall der revolutionären Groß-Theoretiker mit wachsender Geschwindigkeit verkürzt hat. Von den Mao Zedong-Ideen über den ‚Stalinismus‘ bis zum Leninismus, der noch am längsten gebraucht hat, bis auch bei ihm der Putz abzublättern beginnt.[1] Der Mangel und das Fehlen revolutionärer Gewißheiten hat außerdem zur Folge, daß auf der Flucht vor der Routine und der Wiederkehr des ewig Gleichen zu Texten gegriffen werden muß, in denen nichts geklärt und Vieles redundant ist. Dazu gehört auch diese Textsammlung. Aber für das Warten auf das Erscheinen der ultimativen CHINA PAPERS fehlt uns immer mehr einfach die Zeit.

Ernst-Ulrich Knaudt 31.12.2019

CHINA-PAPERS 1
CHINA-PAPERS 2
CHINA-PAPERS 3

CHINA-PAPERS 4

Für das zusammenhängende Studium der Texte empfiehlt sich die Reihenfolge: CHINA-PAPERS 1,3,2,4.
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[1] Ernst-Ulrich Knaudt: Lenin und die Bauern – Lektürebericht zu einer unbekannten Revolution. In: Commmunist Correspondence Blog. communistcorrespondence.com

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