Reaktionen 

Reaktionen (2011)

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Die an dieser Stelle wiedergegebenen feedbacks zum Projekt Partei Marx haben im Augenblick nur archivalischen Wert, da die eingangs geäußerte Faszination an demselben, bis auf die nachstehend dokumentierten Ausnahmen, fast auf Null gesunken ist.

Daher verweisen wir auf die REFLEXIONEN, KRITIK und DEBATTE, worin wir uns mit unseren Kritikern und Autoren kritisch auseinandersetzen, die zu der Thematik, mit der wir uns zu beschäftigen haben, in, wie wir meinen, besonderer Weise hervorgetreten sind.

Zu Dokumentationszwecken wurden einige Briefe aus der Zeit vor 2001 aufgenommen.

In der letzten Zeit (seit dem Frühjahr 2007) haben die REAKTIONEN den einseitigen Charakter einer Art ‚Flaschenpost’ angenommen, die, so ist zu hoffen, wieder einem regeren Meinungsaustausch Platz machen wird.

[Korrekturen sinnentstellender Fehler sowie Kürzungen werden in eckige Klammern gesetzt und folgen der klassischen Deutschen Rechtschreibung.]

Dieser Text ist auch als PDF-Datei verfügbar

 


Ulrich Knaudt an H.B. (22.01.2011)

Betreff: BLogbuch 3 2010

Lieber H., gerade eben habe ich die letzte Ausgabe des BLogbuchs für das Jahr 2010 ins Netz gestellt.[1] Die Lokomotive der Weltgeschichte hat manchmal Verspätung, weil der Heizer zu viele Jobs zur gleichen Zeit erledigen muß… Wenn Du auch wenig Zeit hast und der Text auch keine Gute-Nacht-Lektüre ist, würde ich ihn Dir empfehlen, […] gerade was den Antifa angeht, der darin in einem etwas anderen Licht erscheint. Nach dem Vortrag [2], den ich jetzt unter Volldampf vorbereite (dieses Textmonster hat mich viel Zeit und Nerven gekostet!), werde ich eine 2. Auflage machen, in der dann bestimmte technische Mängel verschwunden sein werden. Inhaltlich steht der Text. Besonders fachliche Ratschläge sind willkommen.

[…] Sehr wichtig war für mich der Kongreß von Anfang Dezember, von dem ich Dir ausführlich berichtet habe, durch den ich einen sinnlichen Eindruck vom momentanen Zustand bestimmter Teile der Linken erhalten habe. [3]

[…]
Herzliche Grüße

Ulrich

[1] BLogbuch 3 2010.
[2] DEBATTE 4 Das Marxsche Kapital und die Marxsche Parteilichkeit – Marx, Engels, Lenin und ihre Auseinandersetzung mit Nikolai-on, die Narodniki/Volkstümler und die Revolution in Rußland.
[3] REAKTIONEN 2010Ulrich Knaudt an H.B. (04.12.2010) ff.


Ulrich Knaudt an H.B. (14.02.2011)

Betreff: WARE UND SOZIALISMUS

Nachtrag: beim Nachschlagen eines Zitats stieß ich bei Roman Rosdolsky (Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital) auf das 28. Kapitel: »Die historische Schranke des Wertgesetzes. Marx über die sozialistische Gesellschaftsordnung 3. Das Absterben des Wertgesetzes im Sozialismus.« Es enthält eine Menge Hinweise und Zitate. Allerdings bleibt die Frage des Wertgesetzes im Sozialismus in Gestalt der S[owjet]U[nion] (bezeichnenderweise) ausgeklammert. Als einziges ein Hinweis auf Preobraženskij ‒ ausgerechnet! [1] Aber vielleicht auch typisch für den Zustand dieser Debatte bis heute.

Gruß Ulli

[1] Vgl. DEBATTE 3 Wertgesetz und Sozialismus.


Ulrich Knaudt an H.B. (22.03.2011)

Betreff: HÖHLENPLAN

Lieber H., ich vermute, Du bist gut nach hause gekommen…

Anbei schicke ich Dir, wie gewünscht, den Höhlenplan. Um ein gründliches Resümee zu ziehen, bin ich etwas zu müde. Auf jeden Fall ist mir klar geworden, daß in dieser ganzen Debatte über die Drei Ersten Kapitel [von KAP I], die Passage aus dem Staatsrecht,[1] die Du zitiert hast, des Rätsels Lösung ist, um die Probleme, die sich D.W[olf]. und H.G.B[ackhaus]. auf je verschiedene Weise machen, sich in Luft auflösen zu lassen…

[…]

Tschüß Ulli

[1] Karl Marx: Zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts MEW 1 (203-333), 295,296:
»Hegels Hauptfehler besteht darin, daß er den Widerspruch der Erscheinung als Einheit im Wesen, in der Idee faßt, während er allerdings ein Tieferes zu seinem Wesen hat, nämlich einen wesentlichen Widerspruch, wie hier z.B. der Widerspruch der gesetzgebenden Gewalt in sich selbst nur der Widerspruch des politischen Staats, also auch der bürgerlichen Gesellschaft mit sich selbst ist.«


Anhang:

Höhlenplan

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich eigentlich eher um eine Einführung in ein großes Thema, das zunächst aus der Vogelperspektive dargestellt wird, während gleichzeitig zu wichtigen Punkten eine Sonde herabgelassen wird, um die Gegend näher zu erkunden. Im Mittelpunkt meines Erkundungsprojekts steht die Kontroverse zwischen der ‚Partei Marx‘ und den ‚Marxisten‘, die bis heute andauert und spätestens seit Beginn des vorigen Jahrhunderts von den ‚Marxisten‘ dominiert wird. Weil dem so ist, kann der Ausgangspunkt, von dem ausgehend die Position der ‚Partei Marx‘ inhaltlich und historisch zu bestimmen ist, nur grob zu fixiert werden. Das wird in dem vorliegenden Text versucht.

Wer sich der Tortur unterzogen hat, diesen Text zu lesen, wird feststellen, daß auch dieser wie meine früheren Texte um das gleiche Thema kreist: Die Sassulitsch-Briefe [1] und der Marxsche Kommunismus im Vergleich mit dem seit 1917 praktizierten Sozialismus, der sich auf den Marxschen Kommunismus berufen hat. Es ist mit diesem Text wie mit der Betrachtung der Mona Lisa: es ergeben sich immer wieder andere Aspekte, je nach dem, aus welcher Perspektive ich an diesen Text herantrete und je tiefer ich in die Materie eindringe, um die es in dem Text geht.

Stein ins Wasser geworfen

Für mich war das wie einen Stein ins Wasser werfen und dann die sich ausbreitenden Welle zu beobachten: der ins Wasser geworfene Stein war die ‚Entdeckung‘ der Differenz Lenin-Marx, die ja schon lange vorher von ‚marxistischen‘ und ‚nicht-marxistischen‘ Autoren analysiert wurde, aber in den seltensten Fällen ausgehend von der Position der ‚Partei Marx‘. Was ich versuchen will, ist also, diese Differenz sowohl historisch als auch inhaltlich zu rekonstruieren, wozu ich alle Interessierten und Parteigänger der ‚Partei Marx‘ einlade.

Abstieg und Wiederaufstieg (= weitere Themenstellung)

Die in meinem Papier vorgenommenen Sondierungen [2] beziehen sich auf die erste Hälfte meines Arbeitsplans, den ich jetzt vorstellen will.

Zunächst der Abstieg:

1. Aktueller Ausgangspunkt ist die Beerdigung der Theorie des ‚nicht-kapitalistischen Entwicklungsweges‘, die Ende Januar Anfang Februar von der Facebook-Jugend auf dem Al Tahrir Platz gefeiert wurde und der Hinweis, daß diese Theorie in der 2.-Juni-Bewegung in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielte. Diese Theorie beruft sich auf die Sassulitsch-Briefe, ob berechtigterweise oder nicht, was ich an einer in den 60er Jahren stattgefundenen Kontroverse in meinem Papier beleuchte.

2. Die Theorie des „nicht-kapitalistischen Entwicklungsweges“ ist aber nur eine relativ spät stattfindende politische Nutzbarmachung der Sassulitsch-Briefe, deren Sprengkraft, die eigentlich in ihnen steckt, entschärft wurde. Wie das geschehen ist, wird am Beispiel von Verbotsschildern gezeigt, die aus den Reihen der ‚Marxisten‘ aufgestellt werden, um die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie von der Politik der ‚Partei Marx‘ zu trennen und zu isolieren.

3. Dann rekurriere ich noch einmal auf Preobraženskij, [3] einen ‚marxistischen‘ Autor der Zwanziger Jahre, der die für den Aufbau des Sozialismus erforderliche Akkumulation mit dem Wertgesetz begründet, wobei sich herausstellt, daß die von ihm als solche bezeichnete „sozialistische Akkumulation“ nichts anderes ist als

a) eine Fortsetzung des Kriegskommunismus mit friedlichen Mitteln, die

b) voll auf der Linie der 1861 dekretierten sog. Bauernemanzipation liegt.

Der Kriegskommunismus war daher ein Krieg der Bolschewiki gegen den Kommunismus der »commune rurale«, der mit ökonomischen Mitteln, aber auch mit außerökonomischem Zwang gegen diese geführt wurde. [4]

4. Die ‚Marxisten’ setzen also das Vernichtungswerk gegen die russische Dorfgemeinde, das mit dem Manifest des Zaren 1861 in Szene gesetzt wurde, ungebrochen fort. Diese fatale Entwicklung spiegelt sich in den Debatten seit Mitte der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts wider, die um die Frage kreisen, ob die Dorfgemeinde nicht schon längst so kaputt sei, daß sie nicht mehr, wie Marx in den Sassulitsch-Briefen [noch] annimmt, zum Ausgangspunkt des Kommunismus werden kann.

5. Dies hat vor allem Konsequenzen für den Parteibildungsprozeß, der zur Gründung einer Arbeiterpartei, nicht aber einer kommunistischen Partei auf der Grundlage des KM [Manifests der Kommunistischen Partei] führt. Eine solche Parteigründung wäre wegen des Vorhandenseins zweier revolutionärer Klassen in Rußland, die beide den Kommunismus anstreben, eigentlich angebracht gewesen. In dem Parteibildungsprozeß der Bolschewiki widerspiegelt sich die bis dahin geführte Auseinandersetzung der ‚Marxisten‘ mit den Narodniki, die einseitig und dogmatisch geführt wurde, weil die ‚Marxisten‘ die Bildung einer im ‚Westen‘ üblichen Arbeiterpartei anstreben, die sie dem ‚narodničestvo‘ [Volkstümlerbewegung] schematisch gegenüberstellen.

6. Die wenigen überlieferten Aussagen, die Marx im Zusammenhang mit seiner Auseinandersetzung mit der akademischen und revolutionären russischen Intelligenz zur »commune rurale« [5] gemacht hat, die auf seinen in den 70er Jahren und bis zu seinem Lebensende durchgeführten Forschungen zu den Folgen der sog. Bauernemanzipation in Rußland und den ethnologischen und anthropologischen Wurzeln dieser Produktionsform beruhen, vergleiche ich mit den seit der Februarrevolution tatsächlich stattgefundenen Wiederbelebungsversuchen der »commune rurale« durch die Bauern, die in der Vernichtung der Bauernaufstände in den Wäldern an der Mittleren Wolga enden.

7. Schließlich versuche ich mir auszumalen, ob es praktisch möglich gewesen wäre, unter der Voraussetzung der Existenz einer kommunistischen Partei, die die beiden revolutionären Klassen in sich vereint, auf der Grundlage der Politik dieser Partei die in der Februarrevolution praktisch wieder auferstandene »commune rurale« mit dem Marxschen Kapital als Blaupause zu reorganisieren, und ob es vermittels einer »Selbstregierung der Produzenten« möglich gewesen wäre, die »Commune« von Paris unter den besonderen russischen Verhältnissen in der »commune rurale« fortzusetzen. Woraus die These folgt, daß bei Realisierung der Politik der ‚Partei Marx‘ und des Marxschen Kommunismus die revolutionäre Entwicklung in Rußland nicht den Verlauf nehmen mußte, der sie in den Wäldern an der Mittleren Wolga und der Kommune von Kronstadt hat enden lassen.

8. Die Wurzeln zu dieser Kontroverse über die tatsächliche und mögliche Entwicklung der Revolution in Rußland finden sich bereits in der Differenz zwischen Tschernyschewski und Herzen, die wiederum von Marx aufgenommen wurde und ihn zu einem Umdenken in seiner Einschätzung der russischen Dorfgemeinde gezwungen hat. Dieser Umorientierungsprozeß und die dadurch eingeleiteten Überlegungen und Untersuchungen hatten zur Folge, daß Marx die Arbeit am 2. und 3. Buch des Kapital zurückstellte, was ihm Engels wahrscheinlich sehr verübelt, sich aber der Realität gebeugt und der Pflicht unterzogen hat, das vorhandene Material zu den beiden Bänden in eine lesbare Form zu bringen und drucken zu lassen, womit er der Marxschen Partei seine Referenz und einen unschätzbaren Dienst erwiesen hat.

Soweit in Thesenform der Abstieg zu den Wurzeln des ‚nicht-kapitalistischen Entwicklungsweges‘ und back to the roots [6] der ‚Partei Marx‘.

Der Wiederaufstieg, der uns schließlich wieder zurück auf die Al Tahrir Plätze der ‚Dritten Welt‘ führen wird, sieht grob gefaßt so aus:

Ausgangspunkt wäre die Auseinandersetzung zwischen Tschernyschewski und Herzen, von der ausgehend die getrennten Wege Tschernyschewskis zur ‚Partei Marx‘ und von dieser zur Annäherung an die Narodniki zu verfolgen wären, wobei es sich konkret zeigen läßt, daß es der ‚Partei Marx‘ offenbar gelingt, die Narodniki zu politisieren und sie dadurch vom Bakunismus loszueisen. Ausgehend von der Untersuchung dieses Politisierungsprozesses kämen wir dann zum Parteibildungsprozeß der russischen ‚Marxisten‘, der zur Verabsolutierung der russischen Arbeiterklasse führt und einen Rückschritt gegenüber der durch den Einfluß der ‚Partei Marx‘ gelungenen Politisierung der Narodniki darstellt. Dabei spielen die Beziehungen, die Engels zu den ‚Marxisten‘ um Plechanow auf der einen und Danielson als gemäßigtem Volkstümler auf der andern Seite unterhält, eine wichtige Rolle. Dem würde sich die Auseinandersetzung Lenins mit den Volkstümlern unter der Fragestellung anschließen, ob sich das Marxsche ‚Kapital‘ bruchlos auf das kapitalistische Rußland hat übertragen lassen. Wenn dies aber nicht oder nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen möglich war, mußte das unmittelbar Auswirkungen auf die von den ‚Marxisten‘ theoretisch konzipierte und praktisch realisierte Rekonstruktion und Transformation der russischen Gesellschaft mit dem Ziel des Kommunismus haben. Das wäre anhand der Untersuchung dieses Prozesses im Vergleich mit den ökonomischen Gegebenheiten zu überprüfen und die tatsächlich stattgefundene der von der ‚Partei Marx‘ aus möglichen und den realen Gegebenheiten Rußlands eher entsprechenden alternativen Transformation gegenüberzustellen.

Konkrete Widersprüche und Probleme

Abschließend werde ich stichpunktartig einige Differenzen und Widersprüche benennen, die sich beim Aufstieg aus der Höhle als Problem stellen werden und zu bearbeiten sind:

a. Die Differenz in der Einschätzung der Narodniki durch Marx bzw. Lenin;

b. Die Differenz zwischen dem Kommunismus der »commune rurale« und dem Sozialismus der Leninschen Genossenschaften.

Zur Klärung dieser Differenzen sind erforderlich:

1. Textanalyse und Textsituation der Sassulitsch-Briefe.

2. Ein Vergleich zwischen den Versuchen, die »commune rurale« wiederherzustellen mit dem Transformationsproblem bei Preobraženskij u.a., worin von einer (ursprünglichen) »sozialistischen Akkumulation« ausgegangen wird.

3. Der Weg der Bolschewiki zum Kommunismus über die Vernichtung der »commune rurale« in den Wäldern von Tambow und des Sowjetcharakters der Revolution in Kronstadt 1920/21.

4. Die Frage der Ursprünglichen Akkumulation:

a. bei Preobraženskij als Fortsetzung von 1861 = ursprüngliche Akkumulation mit nicht-außerökonomischer Gewalt. Werkzeug: Werttheorie + 24. Kapitel im KAP.

b. als „Zweite Revolution“ Stalins, die darüber hinausgehend einen Bruch mit 1861 nach rückwärts = Tartarisierung der Bauern (siehe Rudi Dutschke) vollzieht.

5. Vorläufiges Fazit: der für die Zerschlagung der Politik der ‚Partei Marx‘ und die Exekution der Vernichtung der Bauern als Klasse verantwortlich gemachte ‚Stalinismus‘ läßt sich nicht ‚demokratisieren‘ sondern nur komplett ‚abschalten‘.

Zum Vergleich Pariser »commune« und »commune rurale«:

Die »commune rurale« befindet sich [seit Februar 1917] von mindestens zwei Seiten her im Belagerungszustand zwischen Revolution und Konterrevolution. Daß sie sich nicht für die [Oktober-] Revolution entscheidet, liegt nicht primär an ihrem konterrevolutionären Charakter, der sie daran gehindert hätte, dies zu tun, sondern an der Proletarischen Revolution, die sich nicht für die »commune rurale« entschieden hat. Dadurch wurde der Kampf gegen den zaristischen Patriarchalismus innerhalb der Dorfgemeinde erschwert und die spontane Hinneigung zum archaischen Kommunismus, der in der Produktionsform der »commune rurale« angelegt ist, gedämpft. Die russische „Commune“ wird nicht von der Konterrevolution, mit der sie ganz gut selbst fertig werden konnte, sondern von der Revolution zerstört, worin die negative Entwicklung der [Oktober-]Revolution vorweggenommen ist und worin Lenins böse Vorahnungen bestätigt werden.

Der Kriegskommunismus der Bolschewiki ist ein Krieg gegen den Kommunismus der »commune rurale«, weil sie diesen als Konkurrenzunternehmen zu ihren im Ansatz scheiternden Genossenschaften (in der Tradition Lassalles und Kautskys) verstehen, und in deren Wiederauferstehung sich die Aussagen, die Marx zur russischen Dorfgemeinde gemacht hat, bestätigt werden.

Marx und die »commune rurale« (Textprobleme)

1. Das Problem der textlichen Hinterlassenschaften und deren wissenschaftliche Aufarbeitung: verstreute Texte, Exzerpte, Briefe, Notizen.

a. Sassulitsch-Briefe und Brief an Otečestvennyje Sapiski (Vaterländische Aufzeichnungen) und Nachwort in KAP I zur russischen Ausgabe gehören zu den wenigen zusammenfassenden Texten.

b. Briefwechsel

− mit Russen (wie Danielson, und den russischen Mitglieder der Internationale und führenden Narodniki)

− mit Dritten über Rußland.

2. Diese textlichen Zeugnisse werden seit langem aufgearbeitet und historisch und inhaltlich abgehandelt und in ihrem inneren Zusammenhang gedeutet. Sowohl im akademischen wie politischen Bereich.

3. Das Material der wichtigsten russischen Autoren, das eine wichtige Quelle darstellt, wurde, angefangen von Tschernyschewski und Herzen nur zu einem Bruchteil in westeuropäische Sprachen übersetzt. Gerade die politischen Texte [!] sind nicht übersetzt worden.

4. In der 2.-Juni-Bewegung gab es unterschiedliche Motivationen und Ausgangspunkte dafür, sich mit dieser Frage zu beschäftigen − 60er Jahre: ‚nicht-kapitalistischer Entwicklungsweg‘ (NKE)

− „Studentenbewegung“: Volkstümler

− ML-Bewegung: Von der Oktoberrevolution zum Realen Sozialismus

− SDS: Für eine neue K[ommunistische]I[nternationale] etc.

Kommunistische oder Arbeiterpartei:

Hinter den in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts zunehmend enger werdenden Beziehungen zwischen der Marxschen Partei und den Narodniki steht die Differenz Herzen – Tschernyschewski. (Panslawismus-Antizarismus)

Zugleich wird in der Zeit nach der Pariser Commune mit dem Studium der »commune rurale«, zwischen 1871 und 1881 (Attentat auf Alexander II.), das durch ethnologischen Studien vertieft wird, [von Marx] der einzigartige kommunistische Charakter (i.G. zu dem von Herzen festgestellten einzigartigen russischen Charakter) der russischen Dorfgemeinde verstärkt wahrgenommen. Um die Sassulitsch-Briefe in einen größeren Zusammenhang zu stellen und ihnen den zufälligen Charakter zu nehmen (Rjasanov: …K.M. wäre gerade schlecht drauf gewesen…), muß die Differenz Herzen – Tschernyschewski in Hinblick auf die Verschmelzung der Marxschen Partei mit derjenigen Tschernyschewskis aufgearbeitet werden.

Was heißt heute Erforschung des Kommunismus?

Der Weg in die Höhle:

− Entweder eine Neuauflage der Oktoberrevolution vs. einen durch R[osa].L[uxemburg]. demokratisierten ‚Stalinismus‘ mit der Perspektive eines Kommunismus auf der Grundlage eines modernisierten asiatischen Kapitalismus (Asiatische Produktionsweise)

− Oder eine Weiterentwicklung des Marxschen Kommunismus mit dem KM [Manifest der kommunistischen Partei] als programmatischer Grundlage und dem KAP [Kapital] als Blaupause für den Kommunismus, dessen Erforschung weitestgehend wegen der Hegemonie des Lenin-Stalinschen gegen die »commune rurale« gerichteten Entwicklungsweges verstellt und unerforscht ist.

− Der Irrweg des ‚Marxismus‘ zeigt sich z.B. in der N[ationalen]F[rage] (worin sich Leninismus und Proletarischer Internationalismus oberflächlich miteinander vereinbaren lassen, wobei aber durch die Behandlung derselben als Demokratie-Problem die Tiefendimension in Gestalt der B[auern]F[rage] verdeckt wird).

− Die Differenz Marxsche Partei – ‚Marxismus‘ ist in Breite und Tiefe in dieser Hinsicht (in Bezug auf den zukünftigen Kommunismus) unerforscht.

− Nicht zuletzt die Frage: was ist Marx an der Klärung seiner Differenz mit Herzen und der Erforschung der Bauernfrage so wichtig gewesen, daß er seinen Genossen, Freund und Mäzen Engels das KAP nur als Torso hinterlassen hat?

Der Weg aus der Höhle

Rekonstruktion der Zukunft des Kommunismus aus seiner (primären und sekundären) Vergangenheit als Kampf zwischen dem (kollektiven) Marx und dem ‚Marxismus‘ macht das Vorhandensein eines Höhlenplans (Kritik der politischen Ökonomie) für die Erforschung und die Rückkehr der Menschheit aus der Höhle des Kapitalismus notwendig und dringend erforderlich.

Epilog

Mit Tschernobyl wurde das Ende des Realen Sozialismus eingeläutet. Wird mit dem GAU in Fukushima eines Tages dasselbe über das Ende des Kapitalismus gesagt werden können? Bezeichnend ist, daß die Börsenkurse der europäischen Energieunternehmen bei der Explosion der AKW-Dächer gefallen, die Kurse für japanische Industrieunternehmen dagegen gestiegen sind. Noch nie stand der Kapitalismus bis auf den Kern seiner Widersprüche entkleidet so nackt da.

Aber wenn die Atomkraft mit dem Kapitalismus unvereinbar ist, wäre sie dies dann auch mit dem Kommunismus? 1986 wurde ihre tatsächliche Unvereinbarkeit mit dem Realen Sozialismus von der Ökobewegung verdrängt.

Aber was war das für ein Sozialismus? Heute haben bestimmte Kreise der Bevölkerung, die sich in dem puren Vorhandensein eines AKWs darin gestört sehen, sich im real existierenden Kapitalismus weiterhin wohnlich einzurichten, schon eine klare Meinung dazu. Für mich ist diese Frage noch nicht endgültig geklärt. Ich tendiere aber, weil es sich um eine Frage der Naturbeherrschung handelt, dazu, daß auch der Kommunismus, der die gesellschaftlichen Widersprüche beherrschbar gemacht hat (was ja sehr viel schwieriger ist, wie bisher die Vergangenheit zeigt), auch die Widersprüche mit und in der Natur zu beherrschen lernen wird. Allerdings könnte dabei auch die Menschheit zugrunde gehen. Aber mit diesem Risiko müssen wir lernen zu leben und die dazu passenden Produktionsformen erkämpfen.

[1] Vgl. dazu STREITPUNKT 1 Über die folgenschwere Folgelosigkeit der Einschätzung der russischen Bauerngemeinde und ihres Verhältnisses zur Revolution in Westeuropa durch Karl Marx; DEBATTE 4 Das Marxsche „Kapital“ und die Marxsche Parteilichkeit. Siehe die dortigen Literaturangaben zu in diesem Text nicht näher erläuterten Begriffen.

[2] Siehe DEBATTE 4 Das Marxsche „Kapital“ und die Marxsche Parteilichkeit.

[3] Siehe auch DEBATTE 3 Wertgesetz und Sozialismus. Nachtrag.

[4] DEBATTE 3, 25; DEBATTE 4, 17.

[5] DEBATTE 4, 21 ff.

[6] KOMMUNISMUS [2001] Ein Gespenst geht um in Europa.


Ulrich Knaudt an H.B. (16.04.2011)

Betreff: BLUTMILCH

Lieber H.,

herzlichen Dank für die »Blutmilch«. [1] Nach der Lektüre der ersten Seiten wird für mich überdeutlich, wie unterschiedlich das Leben, das der Autor als eine sich über Generationen erstreckende Reihe von bäuerlichen Biographien wahrnimmt und dasjenige eines Städters, wie ich einer bin, sich darstellt. Ich bin zwar (von 3 bis 13) auf dem Land groß geworden, habe aber ‚inhaltlich‘ erstaunlich wenig von der Landwirtschaft mitbekommen, weil ich als „Zugereister“ die ganze Angelegenheit nur von außen wahrnehmen konnte. Welch eine Erlösung war der Umzug in die Großstadt, dazu noch das Berlin von vor der Mauer…

Aber ganz stimmt das natürlich nicht. Unterschwellig habe ich, abgesehen von der üblichen und typischen (auch ganz schön schmerzlichen) Diskriminierung der „Flüchtlinge“ durch die Dorfbewohner, wohl doch eine Menge Bäuerliches in mich aufgenommen, ohne mich damit bewußt beschäftigt zu haben…

Zu Deinen Notizen: In Punkt 4 würde »unmittelbar« im Zusammenhang mit »kommunistische Entwicklung« die Sache auch in Deinem Sinn verdeutlichen. Thesen sind immer Verkürzungen und gleichzeitig der Versuch, vieles unter einen Begriff zu subsumieren. Zu Punkt 3: »nicht-äquivalenter Tausch«. Dieser ist keine Erfindung von mir, sondern stammt von Preobraženskij.

Dazu Zitate aus meinen Exzerpten zu seiner »Neuen Ökonomik«: [2]

Zu den Begriffen »Ausbeutung«, »Kolonie« und der angeblichen Behauptung, der Arbeiterstaat besäße Kolonien (253):

Zunächst bekennt sich E. Preobraženskij zu dem Prinzip, daß der Arbeiterstaat den nicht-äquivalenten Tausch mit den ehemaligen Kolonien einstellen und Beziehungen auf neuer Grundlage herstellen muß; damit werden koloniale Sklaverei, nationale Ungleichheit und nicht-äquivalenter Tausch abgeschafft. »Der nicht äquivalente Tausch wird aber insofern bestehen bleiben, als er mit den allgemeinen Verhältnissen zwischen dem Sozialismus und den vorsozialistischen Wirtschaftsformen zusammenhängt. Mit anderen Worten: nicht die | bäuerliche Wirtschaft befindet sich in der Lage einer Kolonie, sondern alle Kolonien befinden sich in der Lage einer bäuerlichen, kleinbürgerlichen Wirtschaft im allgemeinen, insofern die Wirtschaftsstruktur einer Kolonie mit diesem Wirtschaftstyp wegen ihrer Rückständigkeit identisch ist.«

(39): »Wir führen nichtäquivalenten Tausch mit dem Dorf durch, wir haben einen genau festgelegten Importplan, mit dem Ziel, das gegebene System zu reproduzieren…«

Es finden sich noch eine ganze Reihe weiterer Zitate dieser Art, die eindeutig die Auffassung vom »nichtäquivalenten Tausch« bei Preobraženskij belegen. Ich denke, das Prinzip, das dahintersteckt, ist klar, was durch die Gegenargumente des Gegenspielers Preobraženskijs, Bucharin, zusätzlich verschleiert wird, da auch dieser über kein Mittel verfügt, dieses aufzuheben. Soweit dazu (genauer und ausführlicher: DEBATTE 3 Vortrag und Nachtrag).

Ich hatte zunächst technische Schwierigkeiten, Deine Mail zu entziffern.[3] […] Dein Duktus erinnert mit an Thomas Müntzer (was ja auch gut in den Zusammenhang paßt). Aber Frage: reicht das politische Instrumentarium eines Thomas Müntzer hin, um die Probleme des Kommunismus im 21. Jahrhunderts zu klären? Ich habe bei aller Sympathie für Deinen leidenschaftlichen Müntzer-Stil da meine Zweifel. Durch all die staatlicherseits bekundete [Atom-]Ausstiegsheuchelei und Irrationalität fühle ich mich geradezu provoziert, dafür zu votieren, daß neue AKWs gebaut werden, aber nur unter der Voraussetzung der eindeutigen Klärung der Endlagerfrage, die die Grünen (+SPD) äußerst geschickt und mit großer Perfidie jahrzehntelang auf die lange Bank geschoben haben. In diesem Zusammenhang erscheint der ‚Klimawandel‘ und die ‚erneuerbare Energie‘ tatsächlich als eine einzige „große Erzählung“ von Regierung, Staat und Kapital, als ein Programm zur Kapitalvernichtung bzw. ein new deal, um dem Kapital über die Weltwirtschaftskrise hinwegzuhelfen! Seien wir nicht naiv und sehen wir die Sache mit den Augen des Kapitals: Fukushima hat gezeigt, daß die windfall profits aus den bereits abgeschriebenen AKWs als Gelddruckmaschine unter den bisherigen Voraussetzungen nicht mehr zu haben sind, sondern größere Risiken als gedacht für das Kapital in sich bergen. Tepco wird verstaatlicht oder kommt unter den Hammer wegen des Schadensersatzes, den die Firma zahlen muß. Also muß das Kapital auch in Deutschland vorsichtshalber den Fuß vom Gas nehmen und kleinere ‚erneuerbare‘ Brötchen backen…

Es ließe sich sehr leicht die ‚große Erzählung‘ der Ökologie-Debatte in die entsprechenden schlichten wirtschaftlichen Tatsachen rückübersetzen und dann sehen, wie diese von den politischen Parteien in kleine Häppchen zerlegt an die Wähler verfüttert werden. Aber das en détail vorzuführen, verschieben wir auf später…

Sei mir herzlich gegrüßt und noch einmal herzlich bedankt für das Buch, das jetzt auf meinem

Nachttisch liegt.

Ulli

[1] Romuald Schaber: Blutmilch. Wie die Bauern ums Überleben kämpfen, München 2010.

[2] E. Preobraženskij: Die neue Ökonomik, Berlin 1971.
[3] Strafanzeige gegen die Bundesregierung wegen Atomkraft bei 3. Mahnwache auf dem Stadtplatz in Traunstein am Montag, 28.3.11 um 18 Uhr. http://gradaus.de


H.B. an Ulrich Knaudt (16.04.2011)

Betreff: AW: BLUTMILCH

Lieber Ulrich,

nur ganz kurz – leserlich.

1. Unterscheidung zwischen Theoriearbeit und deren Umsetzung in sog. „Massenbewegungen“, besser mit sog. „einfachen“ Leuten mit „dem Herzen am richtigen Fleck“. Man muß ihnen aufs Maul schauen, besser in die „Seele“, d.h. in die andere Seite derselben hinein (die eine ist’s „Kapital“! – bei allen, allein um ihrer „scheinselbstständigen“ Existenz willen: »..wenn man von Privateigentum spricht, so glaubt man Es mit einer Sache außer dem Menschen zu tun zu haben … Aber wenn man von Arbeit spricht ….«; [MEW] EB 1 S. 521). [1]

2. Ich bin lieber mit Leuten vom Schlag Th. Müntzer zusammen als mit Attaci’s, Grünen oder Linken und Linken Theorieschwätzern. Ich lern‘ – mit Marx – von ihnen mehr als anderswo…

3. Die »Frage: reicht das pol.[itische] Instr.[ument] eines Th.[omas]M.[üntzer] hin…« stellt sich für mich gar nicht, denn zweifelsohne natürlich nicht– der Unterschied zu ihnen, ihnen gegenüber (ja auch „Gegensatz“ und womöglich „Widerspruch“) ist wesentlich, genau so aber auch die Basis von Gemeinsamkeit des Empfindens, unmittelbaren (aber noch unvermittelten) Denkens. Ohne jene gemeinsame Basis mit jenen Gebeutelten kannst den ganzen Kommunismus vergessen, findest ihn nirgends, schon gar nicht als die „objektive Bewegung“ (Marx) außer in einem „theoretischen“ Himmel eines verbürgerlichten Akademismus. Meine »Leidenschaftlichkeit« teile ich mit jener Basis – Marx: der Mensch ist ein »leidenschaftliches Wesen«, da von seinesgleichen und der gegenständlichen Natur abhängig, wovon, wodurch er ist, lebt. Und dies spüren zweifelsohne – noch – die Müntzers, im Unterschied zu anderem „Gesinde“.

4. Jene Müntzers nehmen die Ideale von „Brüderlichkeit“ noch immer ernst – zu Recht. Man darf sie qua Kapital-Besetzung/Okkupation nicht verwerfen. Marx macht gerade nicht den Fehler – wie so viele elitäre Linke, das Kind mit dem Bade auszuschütten: »Wir sehn hier, wie der durchgeführte Naturalismus oder Humanismus sich sowohl von dem Idealismus, als dem Materialismus unterscheidet und zugleich ihre beide vereinigende Wahrheit ist« (ebenda, S. 577). Und ihrer beide »vereinigende Wahrheit« besteht in einer vom Kapital gepanzerten unmittelbaren (unvermittelten) Unmittelbarkeit – die sich womöglich nur noch als naive regredierte „Sehnsucht“ in Kitsch und sonstigen Vergnügungsmist ausdrückt. »Hegels Hauptfehler« ([MEW] Bd. 1, S. 292 ff.) [2], daß die »Idee« ein Tieferes zu seinem Wesen hat, nämlich »einen wesentlichen Widerspruch«, heißt, diesen Widerspruch deutlich zu machen, dem wir alle unterliegen (allerdings mit einem zugleich wesentlichen Unterschied / Widerspruch: »Die besitzende Klasse und die Klasse des Prol.[etariats] stellen dieselbe menschliche Selbstentfremdung dar. Aber …« ! ([MEW] Bd. 2, [Die] Hl. Fam.[ilie], S. 37,38) Es wäre fatal, den Widerspruch gegen die (negative wie die positive) Einheit – der durch sie und sie durch ihn ist – auszuspielen. Der ganze „linke“ wie „rechte“ sog. „Kommunismus“, seine ganze Korruption läßt sich daran, damit und dadurch erklären.

5. Dein Zitat von Pr.[eobraženskij] unter Punkt 3 ist „super“, grundlegendst. »Nicht-äquivalenter Tausch« als solcher aber zumindest doppeldeutig: Einmal auf der Grundlage eines bereits allgemeinen Waren-/Äquivalententauschs. Und eines diesem vorgängigen noch nicht; daher die Thematik des (feudalen) „Tributs“ oder wie auch immer. Wir hatten bereits die Diskussion. Beiden allerdings ist gemeinsam, daß „Tausch“ doch stets den Schein von Äquivalenz erzeugt, damit den Tatbestand der Ausbeutung verdeckt!

6. »Leidenschaft«muss überhaupt nicht auf Kosten von Klarheit in puncto Theorie und Analyse gehen.

Im Gegenteil.

Deine Einschätzung, was Du nach Endlagerung und Grüne/SPD sagst, geht völlig in Ordnung, richtig, sehr gut, völlig „dakor“.

Aber wenn Du mit der Wahrheit nicht in Deinem Kämmerlein hocken bleiben willst, sondern draußen mit Menschen als Menschen umgehen willst, dann geht es schlicht und einfach nicht anders als daß du da anzusetzen hast, was in den Köpfen (zunächst) dominiert, um daran dann die Dinge auf den Punkt, d.h. auf den tieferen Widerspruch zu bringen, um dann Marx-Partei dagegen zu halten…

Hab’s versucht mit »Kapitalismus von Staats wegen!«…

Ich brech‘ jetzt einfach ab. Milchblut liegt auf Deinem Nachttisch ‒ richtig.

Natürlich reicht’s nicht. Aber was erwartest Du ? Soll Dir denn der Kommunismus der Menschen, solcher, die ihn noch wenigstens irgendwie im Herzen haben, wie im Schlaraffenland die Früchte schon mundgerecht zufallen?

Haben nicht wir selber auch noch genug Mauern einzureißen ebenso wie sie, nicht weniger als sie, zusammen mit ihnen, angesichts der ganzen wirklichen Scheiße um und in uns herum ?

Stehen wir nicht ganz genau so mitten drin ?

Leider fühlen sich noch viel zu viele darin noch viel zu wohlstandsgerecht „cool“ und wohl, über jene stehend, über sich, über allem ‒ ihre Entfremdung von sich selbst, vom anderen … von seiner und seiner äußern Natur, deren Teil, Wesen er doch selber ist, gar nicht mal mehr wahrnehmend.

Ganz herzlichen Gruß

H.

[1] Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte MEW EB 1 I (467-588).
[2] Karl Marx: Zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts MEW 1 (203-333).


Ulrich Knaudt an H.B. (24.04.2011)

Betreff: ÖKOSOZIALISTISCHER STAMOKAP

Lieber H.,

[…] Du schreibst unter 6., daß Du mit meiner Einschätzung zu den Grünen, Endlagerung usw. vollkommen einverstanden bist. Wenn dem so ist, frage ich Dich, welchen politischen Sinn dann Deine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft gegen die Merkel gehabt haben soll? Eine Aktion, die nach meiner Einschätzung einen qualitativen Sprung in Deiner mir bisher geschilderten politischen Praxis darstellt! Denn es macht einen entscheidenden Unterschied, ob wir auf öffentlichen Versammlungen unseren Marxschen Standpunkt vertreten, wobei man sich den dort herrschenden pluralistischen Spielregeln zu unterwerfen hat oder ob wir uns auf dem reißenden politischen Mainstream mit seinen links-sozialimperialistischen Strudeln und reaktionären Untiefen und seinem ökofaschistischen Gegurgel treiben lassen oder meinen, gefahrlos darauf herumsurfen zu können. Was das eine betrifft, habe ich meine skeptischen Einwände mehrfach vorgetragen. Zu dem anderen habe ich bisher (weil reichlich geschockt) geschwiegen, bzw. bisher nur zu dem Müntzerschen Duktus Deiner halsbrecherischen Höllenfahrt Stellung genommen.
Da wir bisher ein offenes (= undiplomatisches) Verhältnis zueinander unterhalten haben, lasse ich auch jetzt jede Diplomatie beiseite und komme zum politischen Kern der Sache, zu dem Du bereits als Reaktion auf meine skeptischen Interventionen zum Thema: Statements auf öffentlichen Versammlungen, vorbeugend reagiert hast, wenn Du schreibst: »Ohne jene gemeinsame Basis mit jenen Gebeutelten kannst Du den ganzen Kommunismus vergessen, findest ihn nirgends, schon gar nicht als die „objektive Bewegung“ (Marx) außer in einem „theoretischen“ Himmel eines verbürgerlichten Akademismus.« Frage: Muß ich dieses »Du« so deuten, daß es sich dabei um unseren Hauptwiderspruch handelt, den Du Dich jetzt entschlossen hast bei den Hörnern zu packen, um ihn nach der ‚praktischen‘ Seite hin zu lösen, weil dessen Lösung durch unsere bisherige Beschränkung auf den »verbürgerlichten Akademismus« verstellt war? Ich hoffe, daß das nicht der Fall ist. Denn das widerspräche allem, worin wir bisher über das Projekt partei Marx Übereinstimmung erzielt haben (bei naturgemäß offenen Differenzen in dieser oder jener theoretischen Frage). Der ganze Sinn dieses politischen Projekts besteht doch darin, gerade jenen Scheinantagonismus wie er von Dir zwischen der angeblich gemeinsamen »Basis mit jenen Gebeutelten« und dem »verbürgerlichten Akademismus« politisch aufgestellt wird, aufzuheben. Das wird aber nicht funktionieren, wenn man sich auf Deine Alternative »verbürgerlichter Akademismus« vs. gebeutelte ‚Wutbürger‘ überhaupt einläßt. Damit wäre jede kommunistische Strategie den Bach runter gegangen.

Zweifellos gehören jene »Gebeutelten« als Angehörige der zwischen den antagonistischen Klassen stehende Schichten momentan zu den Hauptverlierern der, wie es den Anschein hat, sich alle 80 Jahre wiederholenden Großen Weltwirtschaftskrise, auf deren Höhepunkt wir uns mit wachsender Geschwindigkeit zubewegen. Aber anders als Anfang der 30er Jahre, scheint die Arbeiterklasse diesmal auf der sicheren Seite zu stehen, weil sie noch an der allein in Deutschland (und vielleicht noch in Frankreich) vorherrschenden Scheinkonjunktur ‚teilhaben‘ darf. (Aber gerade wenn die Arbeiterklasse zeitweise Zugang zu der Luxuskonsumtion der Bourgeoisie hat, ist dies nach Marx ein sicheres Zeichen für den bevorstehenden Crash!) Wer anderes hat die bei 36% liegenden Schwarzen in Ba-Wü gewählt als diese lohnarbeitenden Luxuskonsumenten? Auf jeden Fall nicht die ‚Wutbürger‘ und rebellischen Bauern (allenfalls deren ‚rechter‘ Bodensatz), sondern jene noch in Lohn und Brot stehenden Lohnarbeiter, die die Partei ihres Patrons wählen, der ihnen bisher ‚Arbeit gab‘. Und wenn Du Dich (im Gegensatz zu dem wieder einmal stattfindenden deutschen Sonderweg) in ganz Europa umschaust, wurde in den letzten 5 Jahren überall ‚Rechts‘ gewählt, selbst in dem aus Tradition rebellischen Italien oder dem traditionell sozialdemokratischen Schweden und England. Und selbst wenn Sozialisten, wie in Griechenland oder Portugal und Spanien die Regierung stellen, unterscheidet sich ihre Politik kaum von der Merkelschen. Fazit: diese arbeiteraristokratischen Lohnarbeiter stellen zwar in ihrer Mehrheit keinen revolutionären Faktor dar, aber auch keinen konterrevolutionären – im Gegensatz zu dem ‚linken‘ Konglomerat aus grünen ‚Wutbürgern‘ und radikalen ‚Parkwächtern‘!

Soll die Masse der Lohnarbeiter, die für die Produktion und Reproduktion des Kapitals ‚sorgen‘, etwa zusätzlich jene grün-rosa-rote neue Bourgeoisie und deren neue Elite aushalten, von der sie nicht nur die Steigerung ihrer Abzüge über die magische Grenze von 50%, sondern zusätzliche ‚umweltfreundliche‘ Einschränkungen ihrer unmittelbaren Lebensbedingungen (Rauchverbot, Sparlampen, Energiewindmühlen, ökologische Verpackung der Mietshäuser und weiteren ‚wutbürgerlichen‘ ökofaschistischen Quatsch!) zu erwarten haben?[1] Sarrazins Nicht-Hinauswurf aus der SPD als deutliches Indiz, daß der Kurs der Parteilinken gescheitert ist und die SPD das Ruder wieder rumzureißen versucht hin zu ihren abhanden gekommenen Wählerschichten!

Aber nach Fukushima ist jene neue gemeinsam mit der alten Elite dabei, in einer Großen Super-Koalition die alte BRD zu Tode zu regieren, indem sie den gescheiterten Versuchen der politischen Quadratur des Kreises weitere hinzufügt, wofür sich haufenweise Beispiele anführen lassen. Hier nur eine kleine Auswahl: Der von den Grünen aus ‚klimakatastrophalen‘ Gründen zur Norm gemachte Biosprit erzeugt außer einer ‚negativen Klimabilanz‘ vor allem endemische Hungersnöte in Ländern wie Mexiko etc. Abgesehen davon werden durch die damit einhergehenden Monokulturen die Böden ausgelaugt und zusätzlicher Urwald in Brasilien gerodet. Es wird also, das, was man eigentlich verhindern wollte (Klimakatastrophe), eher potenziert. Die Windmühlenenergie macht den Bau von zusätzlichen Staubecken in idyllischen Bergregionen erforderlich, um Energiespitzen auszugleichen, bei dem all die possierlichen Tierarten, die der BUND immer ins Feld führt, um z.B. ein halbfertiges Kohlekraftwerk in Datteln zur Neubauruine zu machen, auf einmal keine Rolle mehr spielen. Ganz abgesehn von dem Landschaftsverbrauch, der für zusätzliche Stromtrassen und Windmühlenparks erzeugt wird, woran die örtliche Tourismus-Industrie, die nicht zuletzt ein Zubrot für Niedriglohn-Regionen darstellt, vor die Hunde geht… Die Liste ließe sich beliebig verlängern.[2] Die neue grüne Bourgeoisie ist wie die alte eine Metaphysikerin. Sollten wir denn nicht die Dialektiker gegen all diesen metaphysischen Unsinn sein?

Während die Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert sich auf bestimmte Kernregionen konzentrierte, wird Deutschland durch diese neue New-Deal-Wirtschaftspolitik (FAZ: New Deal [3]) zu einem riesigen Industriepark umgebaut. Gleichzeitig zerfallen die klassischen Industrieregionen im Ruhrgebiet, Saarland etc. Was heißt das? Die neue und die alte schwarz-gelbe/rosa-rote/rot-grüne Elite scheint heute nicht nur in der UNO Rußland, China und einem Gangster wie Gaddafi politisch näher zu stehen als dem ‚Westen‘. Ihre ganze Politik scheint darauf hinauszulaufen, sich als bisher vom ‚Westen‘ im Zaum gehaltene ehemaligen faschistische Weltmacht ökosozialistisch (‚Abschalten!‘) und politisch von der Gnade Rußlands (Gazprom) und Chinas direkt abhängig zu machen. (FAZ, 21.04. [4]) Dem entspricht auf der anderen Seite des Atlantiks ein wachsender Isolationismus, der sich bei der bisherigen deutschen Anlehnungsmacht ausbreitet. Dadurch wird auch von dieser Seite der vorherrschende politische Trend noch verstärkt. (Obama war zwar als Wahlkämpfer in Berlin, aber nicht als Präsident…) Dieser neue ‚Ost-West-Konflikt‘ entscheidet sich momentan in Libyen und Syrien, den bisherigen russisch-chinesischen Satrapien im Nahen Osten und in Nordafrika… (AJ: China – Libyen [5])

Deutschland als einstige treibende Kraft bei der Auslösung des Zweiten Weltkriegs (der eine unmittelbare Folge der Zweiten Großen Weltwirtschaftskrise war) hat keinen Friedensvertrag, sondern nur eine gewisse Scheinsouveränität in einem lächerlichen paper of understanding zwischen den bisherigen Besatzungsmächten zugestanden bekommen. Mehr nicht! [6] Die Facharbeiter (aus denen der Großteil der modernen Arbeiterklasse in den „imperialistischen Metropolen“ nun einmal besteht), die bisher die Schwarzen und immer weniger die SPD gewählt haben, wollten sich dadurch bei der Bourgeoisie gegen den Status quo und für die Stärkung des ‚Standorts Deutschland‘ rückzuversichern, indem sie z.B. [1990] nicht Lafontaine (eine Agentur von wem auch immer!), sondern die ‚Wiedervereinigung‘ wählten. Aber die Bourgeoisie betreibt kein Rückversicherungsgeschäft. Diese Illusion kann die deutsche Facharbeiterklasse nach der Libyen-Stimmenthaltung in der UNO gut und gerne abhaken. Das Kapital hat den ‚Standort Deutschland‘ nach China verlegt, dessen ‚Wirtschaftswunder‘ ihm bisher über die unmittelbaren Folgen der ‘Finanzkrise‘ hinweghalf und für den dieses nun bereit ist, einiges moralisches Kapital zu opfern, mit dem es bisher solche Staaten mit mehr oder weniger Erfolg politisch erpreßt hat. (FAZ: Kotau [4])

Während die alten Ententemächte (GB., Fr.) und die alte Kolonialmacht (It.) für einen Sturz Gaddafis plädieren, orientiert sich das pazifistische Deutschland angesichts des Menetekels von Fukushima an russischem Erdgas (Abschaltung der AKWs + Gaskraftwerke statt Kohlekraftwerken) und an der erhofften Fortsetzung des chinesischen ‚Wirtschaftswunders‘ (das es durch die bevorstehende Jasminblüte in wachsendem Maße gefährdet sieht), in der Erwartung (oder mit dem Kalkül), vielleicht auf diesem Weg dem 1945 verloren gegangenen Großmachtstatus einen Schritt näher zu kommen (wobei der zionistische durch einen großrussisch sowjetischen Antifa unter tätiger Mithilfe der LINKEN zu ersetzen wäre)…?

Die Strategie der Marxschen Partei war immer an den tatsächlichen Machtverhältnissen in Europa und den USA orientiert und gegen linke und kleinbürgerliche politische Wunschvorstellungen gerichtet (Lassalle, Proudhon, Bakunin etc.). Diesen Anspruch heute zu realisieren, ist einigermaßen schwierig, allein schon, weil es in Deutschland aus historischen Gründen (Umschlag der Oktoberrevolution in eine Konterrevolution und deren Konkurrenz mit der Konterrevolution in Deutschland) weder eine revolutionäre Arbeiterklasse noch eine Marxsche Partei gibt, die dem Original auch nur andeutungsweise nahekäme. Es gibt nur die politische und soziale Demagogie der neuen Bourgeoisie, die auf die Knochen der in die Produktion und Reproduktion des Kapitals eingespannten Lohnarbeit die Positionen der neuen Elite austestet, um den alten faschistischen Großmachtstatus Deutschlands durch einen ‚antifaschistischen‘ zu ersetzen. Darin besteht die tatsächlich bevorstehende politische Alternative, die vom Kapital auf die Tagesordnung gesetzt wurde und nicht der von Dir ins Feld geführte Scheingegensatz: ‚Wutbürger‘ vs. verbürgerlichter Akademismus. Ein Scheingegensatz schon allein deshalb, weil sich darin nur verschiedene Varianten bürgerlicher Politik und Strategie die Klinke in die Hand geben.

Der ‚Wutbürger‘ des 20. Jahrhunderts hängte sich als rettenden Strohhalm an die Nazis, der des 21. Jahrhunderts an den durch den alten Antifa pädagogisch gewürzten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, einer gelungenen Mischung aus Stalin und Asiatischer Produktionsweise, die in Nordafrika und dem N[ahen] O[sten] gerade (hervorgerufen durch die Große Weltwirtschaftskrise) politisch auf der Kippe steht…

Im Sinne der Marxschen Partei haben wir zu entscheiden, ob wir unseren Teil dazu beitragen. Diese Entscheidung hast Du mit Deiner politischen Initiative nicht gerade vorangetrieben. Das einzige, das ich mir (berechtigterweise!) vorwerfen könnte, wäre, daß ich nicht mehr getan habe, um mich an dieser politischen Entscheidungsschlacht mit meinen Mitteln und Möglichkeiten angemessen zu beteiligen…

Viele herzliche Grüße

Ulli

[1] FAZ 11.04.2011 Lastesel der Nation. Die Bezieher von Arbeitseinkommen haben es nicht leicht.

[2]Siehe das Interview mit einem amerikanischen Umweltschützer, der, um das Klima zu schützen, für Atomkraftwerke plädiert als Indiz für die genannten unlösbaren Dilemmata. FAZ 09.04.2011 Ihr Deutschen steht allein da.
[3] FAZ 05.04.2011 Schneller als Schröder und Trittin:

»1. Wir brauchen einen Minimalkonsens von Ökologie und Ökonomie, hinter dem sich die ganze Gesellschaft versammeln kann… 2. Die Diskussion über diesen neuen Gesellschaftsvertrag (New Deal) sollte gemeinsam organisiert werden – von den Medien, den Institutionen der Politik, den Nichtregierungsorganisationen, den Gewerkschaften und der Wirtschaft… «
[4] FAZ 16.04.2011 Kriecherei in Fernost. Die Wirtschaft schweigt. Wie das Regime selbst, fürchtet der Westen Instabilität in China und hält deshalb still.
[5] Al Jazeera 14.04.2011 China‘s interests in Gaddafi. Huge oil and financial deals play major part in Beijing‘s support for Libya‘s despot and halt to foreign intervention.
[6] FAZ 21.04.2011 Grenzfragen. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag ist 20 Jahre alt. Er ist ein Friedensvertrag. Doch auch die „abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“ konnte nicht alles klären.


Ulrich Knaudt an H.B. (18.05.2011)

Betreff: TECHNISCHES

Lieber H., […] Zu unserer Debatte empfehle ich einen kurzen Text von Engels, der exakt meine heutige Position ausdrückt.  Die Arbeiterbewegung in Amerika, MEW 21 (335-343).

Warum?

1. Die deutsche Arbeiterklasse gleicht nach ihrer Amerikanisierung seit 1945 in vielem der amerikanischen in ihrer Frühzeit. Dabei sind die drei Formen, die die Arbeiterbewegung in den USA eingenommen hatte, vielleicht auch typisch für uns:

a. die radikale Farmerbewegung zur Verteidigung des eigenen Stücks Land. (Siehe Milchbauern, Krabbenfischer [1])

b. die buntscheckige Bewegung aus allen möglichen proletarischen Sozialromantikern. (Vgl. die uns bekannte Praxis-Gruppe [2])

c. die deutschen Sozialisten, von denen F.[riedrich]E.[ngels] verlangt, sie mögen zuallererst Amerikaner werden. (Eine Forderung, die in gewisser Beziehung an die gesamte Linke zu richten wäre im Sinne ihrer politischen Verwestlichung!)

Zu diesen Bewegungen zählt F.E. übrigens nicht die Sklaven und das Lumpenproletariat, die er zu keiner eigenen Initiative für fähig hält. (Auch hiermit hätte die Linke große Probleme!)

2. Das Zitat am Ende aus dem K[ommunistischen]M[anifest] drückt exakt die Position aus, die Parteigänger der Marxschen Partei heute einzunehmen haben. [3]

3. F.E.s Charakterisierung der Unterscheidung zwischen der Fesselung der Fronbauern an den Boden im Hochmittelalter und der Verjagung der Bauern von demselben im Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft im 16. Jahrhundert paßt sehr gut auf Rußland nach 1861, wo vom Zarentum eine Kombination aus beidem als Prozeß durchgeführt wurde. (Das aber nur als Nachtrag zu meinem letzten Vortrag).[4]

1a. betrachte ich als Vorboten für (möglicherweise) 1b. unter der Voraussetzung von 1c.

Im Anhang schicke ich Dir was zu den Krabbenfischern und eine Rezension zu Blutmilch. [5]

Viele Grüße

Ulli

[1] FAZ 07.05.2011 Krabbenkrieg an der Küste. Fast unbemerkt vom Rest der Republik streiken die Krabbenfischer an der Nordseeküste für höhere Preise. Mit teils rabiaten Methoden kämpfen sie um ihr wirtschaftliches Überleben.

[2] Gemeint ist die Gruppe Praktischer Sozialismus. Siehe REAKTIONEN 2009 An H.B. (10.08.2009).

[3] »Die Kommunisten« „ das war der Name, den wir damals angenommen, und den wir auch heute noch weit entfernt sind, zurückzuweisen “ »die Kommunisten sind keine besondre Partei gegenüber den andren Arbeiterparteien. Sie haben keine von den Interessen des übrigen Proletariats getrennten Interessen. […] Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weiter treibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus… Sie kämpfen also für die Erreichung der unmittelbar vorliegenden Zwecke und Interessen der Arbeiterklasse, aber sie vertreten in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewegung.«
[4] DEBATTE 4 Das Marxsche „Kapital“ und Marxsche Parteilichkeit.
[5] FAZ 09.05.2011 Der grüne Wutbauer. Ein wunderbar wütendes Pamphlet eines Milchbauern.


H.B. an Ulrich Knaudt (23.05.2011)

Betreff: Frage

Lieber Ulrich, unser Gespräch vom letzten Samstag war gut, danke.

Es hat uns – denke ich – wieder ein kleines Stückchen weitergebracht.

Studier‘ in diesem Zusammenhang und, wie ich sagte, in Zusammenhang mit meiner Strafanzeigen-Begründung, Marx‘ Abschnitt zur »entfremdeten Arbeit« [MEW] EB [1], S. 510 ff., Satz für Satz – Verhältnis des Arbeiters zur Natur, »Lebensmittel« im doppelten Sinne und der »doppelten Seite hin« (S. 512/513 f.).

S. 513 – letzter Absatz: »Das Verhältnis des Vermögenden zu Den Gegenständen der Produktion Wir werden diese andre Seite später betrachten.«

S. 519 – unten: »Wir haben bis jetzt das Verhältnis nur von seiten des Arbeiters, und wir werden es später auch von seiten des Nichtarbeiters betrachten.«

Siehe dann S. 522 – die letzten drei Abschnitte und: »Betrachten wir näher diese drei Verhältnisse. [Fn.:] Hier bricht der Text des unvollendet gebliebenen ersten Manuskripts ab.«!

Frage: gibt‘s dazu was, irgendwo weiter oder auch speziell später dazu geäußertes von Marx ?

»Der Nichtarbeiter tut alles gegen den Arbeiter, was der Arbeiter gegen sich selbst tut, aber er tut nicht gegen sich selbst, was er gegen den Arbeiter tut.«

Erster Halbsatz, das Gemeinsame, Gleiche: gegen die »äußere, sinnliche Natur« qua »entfremdeter Arbeit«:

»In der Bestimmung, daß der Arbeiter zum Produkt seiner Arbeit als einem fremden Gegenstand sich verhält, liegen alle diese Konsequenzen.« (S. 512).

Geben die MEGA-Ergänzungen speziell dazu etwas her ? (natürlich ist mir klar, daß auch das ganze „Kapital“ darum sich dreht). Kann doch der »nützliche Gebrauchswert« um des T[ausch]W[erts]/Werts wegen lebens-, menschendienlich wie Menschen gefährdend, zerstörend verwertet werden (z.B. medizinisches Gesundheits-, Heil-Mittel oder Kriegswerkzeug/-Mittel) ‒

Allemal um Verwertung des Werts, also ungeachtet von Mehrwert-Ausbeutung, also Mensch schlechthin, menschliche Arbeit schlechthin, welche/r sich an der Natur, »an den Gegenständen der Natur«, an denen er die Arbeit »ausübt« (512/513), um seiner Existenz als Spezies »zu bewähren« (Marx) hat, jedoch die kapitalistische Produktionsweise nach der Seite der Mensch gefährdenden, zerstörenden »Seite hin« »die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter« (KAP I, S. 530) – Natur und Mensch, schlechthin, qua Gleichgültigkeit des Werts gegenüber Mensch, Natur, schlechthin – (so gleichgültig wie der äußer[en] Natur [der] Mensch selbst ist, würde sie nicht auf seine Eingriffe/Umformungen ‒ gesetzmäßig – reagieren) und wenn‘s dem Menschen um seine Existenz schlechthin geht, nolens volens ein ‚Umdenken‘ sich einstellt, wirksam quasi als die sogenannte „List der Vernunft“, gesetzmäßig als Teil, als Element eines (unbestimmten) Ganzen, der „Natur“, die sich als „Ganzheit“ zwar denken, aber nicht auf einen Begriff bringen läßt (vgl. Marx‘ Diss., [MEW ]EB [1], Seite 230: »würde allerdings seine Begriffsbestimmung aufheben«.

Und die Verwertung des Werts/Mehrwerts, um die sich alles dreht, beinhaltet eben den doppelten G[ebrauchs]W[ert] der Ware Arbeitskraft: Produkt / GW, Lebensmittel des Menschen einerseits, Mehrwert für den Produktionsmitteleigner und Aneigner des produzierten Produkts andererseits –

unsere Disk. zur Klassenkampfbedingtheit:

»Braucht die Weltgeschichte viele Zeit, um hinter das (dieses, am Produkt unsichtbare, ausgelöschte) Geheimnis zu kommen, so ist dagegen nichts leichter zu verstehen als die Notwendigkeit … dieser Erscheinungsform.« (KAP I. S. 562:) »…Resultat, daß der Tauschwert der Arbeit kleiner ist als der Tauschwert ihres Produkts:«

Klar, logisch, eine ‚green economy’ läßt diesen Tatbestand unberührt ! Aber durch diesen Tatbestand ist zugleich das Verhältnis des Menschen zur Natur bedingt, die crux, dass eine kapitalistische Produktionsweise und damit die herrschenden Produktionsverhältnisse der herrschenden konkurrierenden Bourgeoisien weltweit keine menschengerechte menschheitliche Perspektive, Zukunft bieten kann, keine Zukunft der sich als Gattung der Natur begreifenden Menschen – außer Krieg untereinander, Krieg gegen die Natur, gegen die menschliche selbst.

Im Verhältnis der Menschen zur Natur (Gebrauchswerte) liegt damit zugleich das Potential der »Bewegung des Kommunismus«, ungeachtet von Partei, Klasse, Nation, Rasse, Geschlecht, Religion, Weltanschauung – dank schlichter, bloßer Tatsachen, Allgemeinwissen: der Mensch, Teil der Natur, samt seiner physischen und geistigen Wesenskräfte (der Natur), in der er sich durch sie »zu bewähren« hat.

Es gibt also auch eine positive Reduktion/ Abstraktion, „positiver als aller Positivismus“ – Mensch, nichts als »Mensch«, als Teil der Natur, im besonderen die »menschliche Arbeit«,im Austausch mit ihr als sein Lebensmittel, seine Lebensgrundlage und Grund (selbst die großen Kirchen sagen (zuletzt mal J. Ratzinger) unter Anerkennung der Evolutionstheorie zumindest insofern, als die „Kreationstheorie“ zu ihr nicht in Widerspruch stünde).

Wenn Kommunisten sich an und für sich selbst nicht die Perspektive der Menschheit als Gattung zu eigen machen, stellen sie sich so scheinbar über alles wie Gläubige ihre Gottheiten und hätten so selbst auf dem Misthaufen der Geschichte nichts verloren.

Und nochmal (unsre Disk.[ussion]): ohne positive Perspektive – positiver als aller Positivismus/Empirismus – holst du nicht mal einen Hund hinterm Ofen hervor, erst recht keinen Menschen, der, wenn nicht bodenlos borniert, antizipativ, bewußt auf Zukunft hin leben könnte, möchte.

Er hat sich als Mensch zu bewähren – wir.

Muß jetzt abbrechen.

Wir bleiben weiter dran, unbedingt.

Wir lösen den Knoten

Bis bald wieder,

H.

PS: Spruch von Epikur, Goethe, Frankl – sinngemäß:

»Wir sollten einander nicht begegnen wie wir sind, sondern wie wir sein könnten«

freilich, allerdings nicht ohne die Ursachen unserer selbstbedingten Existenz wahrzuhaben.

Klassenkampf-Logik und Gattungs-Logik sind zueinander nur widerspruchsfrei zu kapieren auf der Grundlage und Anerkennung ihres unentrinnbar unvereinbaren, unversöhnbaren Widerspruchsverhältnisses; es macht die Gemeinsamkeit, ja, so absurd oder paradox es sich anhören mag, die Gemeinschaftlichkeit der Menschheit als Gattung aus.

Die bewußte, gemeinsame, ja gemeinschaftliche Anerkennung der Realität, der Wirksamkeit dieser allgemeinen Widersprüchlichkeit an sich, in sich, mit sich und durch sich (jedes einzelnen an sich und allen) dieses „performativen“ Widerspruchs (vgl. Marx in StR zu Staat) ist die Bedingung der Möglichkeit einer anderen, menschlichen Welt ‒

»sobald die Arbeit als das Wesen des Privateigentums erkannt…, d.h. über diese entfremdete und entäußerte Gestalt der menschlichen Tätigkeit als Gattungstätigkeit.« (S. 557).

Klar ist, wie wir feststellten, auch, wie verheerend es ist, Klassenkampf versus Gattung zu stellen, das eine gegen das andere zu verabsolutieren/zu negieren ‒ die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse treiben allerdings stets ganz praktisch dazu ‒ Klasse verabsolutiert sich, Klassen“feind“ gilt nicht mehr als Mensch versus Klassen sind nicht mehr, wir alle sind doch Menschen, brüderlich, geschwisterlich, „Menschheitsfamilie“, und wer das nicht wahr hat, stellt sich außerhalb. Das Zugleich beider widerlegt weder das eine noch das andre so wenig wie es den Widerspruch zwischen beiden aufhebt.

Solange Klassen und Klassenkampf, in welcher Form auch immer, nicht wirklich praktisch aufgehoben ‒ und das ist doch das eigentliche positive Ziel, auch und inbesondre allen Klassenkampfes!, konfundieren beide, untrennbar, in gesellschaftlichen, menschlichen Bewegungen. Und nur in Hinsicht auf die Antizipation des eigentlichen (positiven) Zieles hin kommt beiden in ihrer gegenseitigen Ausschließlichkeit zugleich auch wesentlich positives Moment zu, das beiden eigen, beiden inhärent, immanent ist, das beide zusammenkommen läßt, das »zugleich ihre beide vereinigende Wahrheit ist«. (Marx „verwirft“ nicht Hegel, schüttet dessen Idealität, „Allgemeines“, nicht mit dem Bade aus, sondern erklärt dessen bedingten Selbstwiderspruch. Realiter, s. [MEW] EB 1, S. 577, z.B. Kr.[itik] d. H.[egelschen] St[aats]R[echts], S. 210 ff. 244 u.a.).

Übrigens: die sog. Globalisierung ist in ihrem Kern nicht[s] anderes als eine extensive Durchdringung der weltweit menschlichen Arbeit zu T[ausch]W[ert] / Ware ‒ als der Erscheinungsform des »Werts«, Produktion um der Verwertung des Werts, Mehrwerts, Grundlage: private Aneignung menschlicher Arbeitsproduktivität, menschlicher Wesenskräfte, gegen die an sich es überhaupt nichts einzuwenden gibt (fälschliche Gleichsetzung), im Gegenteil. Nur als Mensch vermögen wir diese auf die Selbstgestaltung unseres Lebensbedingungen und unseres Selbst selbst zu nutzen.

Muß jetzt sofort abbrechen ‒

les‘ auch nicht noch mal durch ‒

unfertig,

H.


Ulrich Knaudt an H.B. (24.05.2011)

Betreff: WEITERE FRAGEN

Lieber H., vielen Dank für Dein Echo auf unser brainstorming. Fertige Antworten habe ich, wie Du Dir denken kannst, nicht. Ich könnte höchstens darauf hinweisen, womit ich mich in der letzten Zeit intensiv beschäftigt habe. Das ist in der MEGA II/1, 367 (= Grundrisse) die Frage der ursprünglichen Akkumulation und ab 378: Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehen. (Im Raubdruck [Grundrisse] ab S. 363.) Dort findest Du das, was Marx in den [Ökonomisch-philosophischen]…Manuskripten noch anthropologisch (Feuerbach) und nationalökonomisch (Smith, Ricardo) abzuleiten versucht, historisch entwickelt, im Sinne von: ausgefaltet. Wir Linken tragen von ’68‘ her das Erbe mit uns herum, mit dem KAP[ital] (meistens nur dem Ersten Abschnitt [desselben]) als Vademecum alle Probleme der bürgerlichen Gesellschaft abstrakt beantworten zu wollen und konkret nicht beantworten zu können. Auf Seite 511 …Manuskripte kritisiert Marx die Nationalökonomen, die alles aus einem erdichteten Urzustand erklären wollten. Das hielt Marx 1857 aber nicht davon ab, konkrete Überlegungen zur historischen Anthropologie anzustellen und sich in den 70er Jahren immer intensiver damit zu befassen. 1844 ist er auch noch sehr weit von der wirklichen Arbeiterbewegung entfernt, wovon seine Ausführungen auf den Seiten 520/21 über die Erhöhung des Arbeitslohns zeugen. Allerdings scheint auch schon damals (zumindest in Frankreich) der blanke Ökonomismus vorgeherrscht zu haben, wenn es auf S. 520 heißt: »Eine gewaltsame Erhöhung des Arbeitslohns …wäre also nichts als eine bessere Salairierung der Sklaven.« Das erzähl mal unseren heutigen Linken… Aber die hältst Du ja sowieso für irrelevant ‒ ich nicht!

Ich will damit sagen, daß der Satz der Luxemburg (mit der ich i.ü. immer große Probleme hatte) richtig und gut ist: „Die Wahrheit ist immer konkret!“ Das betrifft auch Deine Überlegungen zu Ratzinger und [über] die Kommunisten. Zu dem gestandenen Jesuiten Ratzinger würde ich sagen, daß ihm das Schicksal seiner Kirche über dasjenige der Menschheit geht und daß er damit als Verbündeter bei dem Versuch, die Menschheit vor dem Untergang zu retten, schon mal ausfällt. Den folgenden Satz auf Deiner Seite 3 würde ich umkehren: Wenn die Menschheit als Gattung sich nicht als ultima ratio die Perspektive des Kommunismus zu eigen macht, wird sie mitsamt den Kommunisten und Herrn Ratzinger auf dem Müllhaufen der Geschichte landen. [1] Mal sehen, wer dann unsere Geschichte machen wird… Damit das nicht passiert, dafür haben wir als ‚geistige Erben‘ des kommunistischen Vermächtnisses von Marx und Engels (und ein ganz klein wenig von Lenin und Mao) konkret zu sorgen. Diese Aufgabe läßt sich aber nur realisieren, wenn wir von den Abstraktionen, die wir aus dem KAP[ital] und der Marxschen Theorie einst gemeinsam mit unseren ehemaligen linken Mitkämpfern gezogen haben, herabsteigen. (Dazu zähle ich auch die Grünen, die es meisterlich verstehen, diesen Job im Sinne der Bourgeoisie zu erledigen. Lernen wir von unseren ehemaligen Genossen, wie man gegenüber der Bourgeoisie konkret wird, ohne selbst grün und bourgeois zu werden!)

Hier mache auch ich erst mal Schluß und überschlafe meine Antwort nicht, zumal es sich um eine vorläufige Antwort mit weiteren Fragen handelt.

Gruß Ulrich

P.S. Zur Frage der Entfremdung habe ich mich nicht geäußert. U.a. deshalb, weil diese Frage im KAP I-III von Marx konkret beantwortet wird, so daß allein auf dieser Grundlage, diese Frage neu aufzurollen wäre… Stichwort: Blaupause. [2]

[1] H.B. an Ulrich Knaudt (23.05.2011): »Wenn Kommunisten sich an und für sich selbst nicht die Perspektive der Menschheit als Gattung zu eigen machen, stellen sie sich so scheinbar über alles wie Gläubige ihre Gottheiten und hätten so selbst auf dem Misthaufen der Geschichte nichts verloren.«

[2] DEBATTE 2 Marx und „Marxismus“ in Deutschland. Anhang.


Ulrich Knaudt an H.B. (24.05.2011)

Betreff: NACHTRÄGLICHES

Ergänzungen

1. Ich halte den Schritt in den [Ökonomisch-philosophischen] Manuskripten, Feuerbachs Hegel-Kritik über den Begriff der Arbeit (Aneignung der Natur) auf den wesentlichen Widerspruch zu bringen (Gattung-Natur, Natur-Gattung) für ganz entscheidend, selbst wenn Marx sich auf diesem Wege nicht von den engen Fesseln der Philosophie und der Nationalökonomie befreien kann (siehe Feuerbach-Thesen).

2. Der wichtigste Text, in dem genau das wenige Jahre später geschieht, ist Das Elend... [der Philosophie]. Obwohl schon wieder eine Weile her, daß ich ihn gelesen habe, würde ich pauschal urteilend sagen, daß es Marx darin gelingt, den Schritt von der Gattung zur Klasse, der ihm in den Manuskripten (der individuelle Arbeiter) verwehrt war, zu vollziehen, ohne sich im Gestrüpp einerseits des Ökonomismus und andererseits des Bakunismus zu verfangen. Diesen Text würde ich Dir auf Deine Frage hin ans Herz legen, falls Du ihn noch nicht intensiv studiert hast.

3. In den GR[rundrissen] wird nicht nur die Nationalökonomie dialektisch auseinander genommen (Wertgesetz), sondern in den von mir genannten Passagen [1] wird auch das Gattungsproblem, nun aber historisch, untersucht und auf den konkreten Begriff gebracht. Die Neue Marx-Lektüre versteift sich auf die Kritik der Nationalökonomie unter Bewunderung der dialektischen Folterwerkzeuge, mit denen Marx die bürgerlichen Ökonomen traktiert; sie hat aber die andere Seite vollständig ignoriert: die Anthropologie, mit der Marx das ganze Entfremdungsproblem auf den wesentlichen Widerspruch bringt (ich sage nicht: reduziert, obwohl das naheläge). Schon aus diesem Grund sollte man sie immer wieder mit der Nase auf die Manuskripte stoßen. Bloß bleibt das auch ein moralischer Appell, der sie wahrscheinlich nicht von ihrem Ökonomismus (Die Linke) und Bakunismus (…‚Ums Ganze‘), wenn es konkret wird, abhalten wird. [2]

4. Der wesentliche Widerspruch in den bezeichneten GR-Passagen besteht einerseits im Privateigentum (Kapital = nationalökonomische Seite) andererseits im Eigentum der Produzenten an den Produktionsbedingungen, d.h. in der historischen Konkretisierung von Produktionsverhältnissen, in denen der Mensch als Gattungswesen ganz bei sich ist = nicht entfremdet leben und arbeiten muß. Die Feuerbachsche Anthropologie wird historisch konkretisiert (Stichwort: Dorfgemeinde). Bei diesen Produktionsformen handelt es sich nicht um ein ‚Modell‘, das sich Nationalökonomen und Sozialwissenschaftler ausdenken und auch benötigen, um die komplizierten Verhältnisse der kapitalistischen Produktionsweise auf ein abstraktes Ur-Verhältnis (der Wilde, der Jäger) atomistisch zu reduzieren, sondern darum zu zeigen, wie die wirkliche historische Menschheit den Widerspruch zwischen Natur und Gattung in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen ‚Milieu‘ konkret gelöst hat. Die „mögliche …andere Welt“ hat es hier wirklich gegeben!

5. An diese positive Real-Utopie haben die Nationalsozialisten mit äußerstem Geschick angeknüpft und  diese ‚den Menschen‘ in der großen Weltwirtschaftskrise vor 80 Jahren als Rückkehr in die vergangene Wirklichkeit einer „möglichen anderen Welt“ verkauft, die in deren kollektiver Erinnerung noch konserviert war und versprochen, ihnen durch einen salto mortale in diese nicht entfremdete Vergangenheit den notwendigen Bruch mit der kapitalistischen Produktionsweise zu ‚ersparen‘. Die grüne Linke und die linken Grünen treiben im Prinzip des gleiche Spiel. In meinem 2. Emmely-BLogbuch (BL310) [3] bin ich darauf gestoßen, daß die Produzenten in der Sowjet- und NS-Wirtschaft die gleiche Position einnehmen. Sie werden vom jeweiligen Staat vor dem Kapital geschützt und metaphorisch zu Eigentümern an den Produktionsbedingungen erklärt, ohne dies konkret zu sein, weil an ihrer Stelle der Staat diese Position einnimmt. (Hier ließen sich all jene Bestimmungen, die in den Manuskripten die Entfremdung des Menschen = Produzenten ausmachen, nach Belieben einsetzen. Siehe: die Beliebtheit der Frühschriften bei bestimmten Marxisten in der DDR! Und die Bemühungen der Staatsmarxisten, deren Bedeutung zu minimieren! Auch hätten die Bakunisten hier ein weites Betätigungsfeld, wenn sie aufhörten, den historischen Faschismus ausschließlich unter politischen Voraussetzungen zu bekämpfen…). Der Antifa Der Linken, der sich ebenfalls hauptsächlich an die politischen Erscheinungsformen des NS (Zerschlagung der Demokratie und der Koalitionsfreiheit) hält, umgeht aus verständlichen Gründen diesen entscheidenden Punkt, der sein eigentliches Wesen ausmacht. Und deshalb kann der Antifa jederzeit aus der Negation der einen faschistischen Form in eine andere umschlagen. Entscheidend ist, daß die Produzenten ihrer konkreten Möglichkeiten, gegen das Kapital Widerstand zu leisten, unter allen Formen des vorgeblichen ‚Schutzes der Menschen vor dem Kapitalismus‘ von Staats wegen beraubt werden. Allein unter dieser Voraussetzung ist jeder Satz aus den Manuskripten konkret wahr und, den roten, grünen, braunen Faschisten an den Kopf geworfen, ein Volltreffer! Ohne diese konkrete Voraussetzung bleibt die Passage, die Du [aus den Manuskripten] zitierst, ein zwar aufwühlender, aber moralischer Appell an die Menschheit, den auch die S.J. (fast! ‒ wenn bestimmte Dinge nicht beim Namen genannt werden) unterschreiben könnte.

Dies alles habe ich mit dem Luxemburg-Zitat (das auch Lenin gefallen hat) gemeint. Ob sie selbst das so gemeint hat, bleibe dahingestellt. Ich würde es bezweifeln. Dennoch ist dieser Satz sehr richtig und besitzt einen hohen Wahrheitsgehalt.

Viele Grüße

Ulli

[1] Ulrich Knaudt an H.B. (24.05.2011).WEITERE FRAGEN.

[2] DEBATTE 2 Marx und „Marxismus“ in Deutschland. Anhang.
[3] BLogbuch 3 2010 Der Fall „Emmely: ein Sieg der Linken über die alte Bourgeoisie – ein Pyrrhus-Sieg über das Kapital.


H.B. an Ulrich Knaudt (12.06.2011)

Betreff: AW: TELBIM

Lieber Ulrich,

darf ich Dich daran erinnern:

meine Frage bzw. Bitte in Bezug auf den Abbruch des Textes in [MEW] EB I, S. 519, 522 – »gibt’s dazu was, irgendwo weiter…?« (s. mein Mail vom 23.5.), nämlich in dieser dezidierten Weise:

»Betrachten wir näher diese drei Verhältnisse …geben die MEGA-Ergänzungen speziell dazu (!) etwas her?« ‒ was der »Nichtarbeiter … tut nicht gegen sich selbst, was er gegen den Arbeiter tut«?

Es geht mir darum, beider Tun zu messen an der Unvereinbarkeit des Widerspruchs zu: »Gesetzt den Fall, wir hätten als Menschen produziert…« Es betrifft übrigens nicht nur das „Wie“, sondern ebenso, implizit, das „Daß“ – überhaupt Arbeit zu haben, d.i. Teilhabe an der (Re-)Produktion der Mittel des eigenen Lebens, und das „Was“ –

der »nützliche Gebrauchswert kann zweckgerichtet bzw. wirksam sein, menschendienlich, – verträglich wie auch –unverträglich, -zerstörerisch … «, an sich,

seinesgleichen, an der (äußern) Natur (eine Art „trinitarischer“ Kreislauf: bei dem das Verhältnis des Menschen zur Natur – z.B. privateigentümlich / gemeineigentümlich – immer zugleich auch untrennbar verknüpft, verschränkt ist mit dem zu seinesgleichen und zu sich selber; jedes bzw. je beide der drei sind durch ihr je anderes dekliniert (,‚gebeugt“).

Also,

was der Arbeiter wie ebenso der Nichtarbeiter gegen sich selbst, was der Nichtarbeiter gegen den Arbeiter ohne gegen sich selbst?

Ohne diese Frage persönlichst an sich und zugleich unter Bestimmung des Gemeinsamen aller Subjekte in [zu]mindest dieser doppelten Hinsicht, zum einen, was der Nichtarbeiter i. U. z. Arbeiter »nicht gegen sich selbst tut«und was zum anderen jeder, alle in Widerspruch zu sich selber, allgemein, tun, das ganze Kapital-Verständnis hohl, abstrakt – wie es es selbst zugleich ist und nicht ist. Wieder mal auf die Schnelle, bis bald wieder,

H.


Ulrich Knaudt an H.B. (13.06.2011)

Betreff: DER ARBEITER UND DAS KAPITAL

Lieber H., wie Du aus dem Anhang entnehmen wirst, habe ich mich in den letzten 20 Tagen mit dem BLogbuch 111 befaßt. Es enthält im Prinzip inhaltlich das, was ich in meinem Brief vom 22.04. an Dich geschrieben habe. Daher bin ich, was Deine Fragen angeht, etwas aus dem Tritt. Ich hatte mich in zwei weiteren Mails speziell mit dem von Dir genannten Text versucht auseinanderzusetzen. Um das noch mal zu präzisieren: die [Ökonomisch-philosophischen]…Manuskripte können nur mit Gewinn an besserer Einsicht gelesen werden, wenn wir sie von der im KAP[ital] von Marx erreichten Position lesen, was wiederum Rückwirkungen auf die akademische Neue Marx-Lektüre hat. Meiner Meinung nach stehen sie nicht für sich. Das wissenschaftliche Hauptwerk von Marx heißt nicht umsonst „Das Kapital“ und nicht „Der Arbeiter und das Kapital“. Die letztere Perspektive nehmen bereits die Klassiker ein, wobei es ihnen im wesentlichen um das Kapital geht. Diese Perspektive nimmt Marx völlig korrekt von seiner kritischen Position ausgehend ebenfalls zunächst ein ([MEW EB 1, 510: »Wir sind ausgegangen von den Voraussetzungen der Nationalökonomie…«). Aber diese erweist sich, für sich genommen als unzureichend (oder auch nicht, aber nur dann, wenn man sie in einen neuen konkreten – [R.] Luxemburg! – Zusammenhang stellt). Im Grunde, das habe ich beim Studium von D.W.[olf]s Anti-Reichelt/Knaudt-Paper [1] bisher bemerkt, benutzt die Neue Marx-Lektüre (und gerade auch D.W.!) die Marx-Texte durch die Bank als Steinbruch, um aus bestimmten Versatzstücken ein neues System zusammenzustricken. Ich habe den schlichten Anspruch, das, was Marx schreibt zu verstehen, und zwar im Kontext unserer heutigen politischen Verhältnisse. Und dazu können mir auch seine Frühschriften verhelfen. Aber ich habe nicht vor, daraus ein neues System zu machen. Außerdem wird bei der Analyse der Frühschriften in den meisten Fällen abgesehen vom KAP der Zusammenhang mit Marxens späteren anthropologischen Untersuchungen ignoriert. Auch darin sehe ich eine konkrete Weiterentwicklung der anfangs an Hegel und Feuerbach orientierten, aber bereits materialistischen (philosophischen) Anthropologie. Ein weiteres Argument, warum die Frühschriften nicht für sich zu lesen (und auch nicht zu verstehen) sind.

Entschuldige daher, daß ich auf Deine Fragen nicht intensiver eingehen konnte. Ich bin in der nächsten Woche ohne Internet und Telefon. Aber vielleicht kannst Du in der Zwischenzeit Deine Fragen bezogen auf meine Einwände noch ein wenig konkretisieren und zuspitzen!

Herzliche Grüße

Ulli

[1] Dieter Wolf:Qualität und Quantität des Werts (Makroökonomischer Ausblick auf den Zusammenhang von Warenzirkulation und Produktion. Bemerkungen zu Ulrich Knaudts Papier „Unter Einäugigen ist der Blinde König“, zu Helmut Reichelts Papier über seine Geltungstheorie und wie darüber in einer Sitzung der Marx-Gesellschaft diskutiert wurde).


H.B. an Ulrich Knaudt (13.06.2011)

Betreff: AW: DER ARBEITER UND DAS KAPITAL

Lieber Ulrich,

ich versteh Deine ganzen Ausführungen, Ansichten

1. zu »… präzisieren: die … Manuskripte …«‒ daß sie längst nicht auf der Ebene der unüberbietbar wissenschaftlichen Darstellung des „Kapitals“ geschrieben sind;

2. zu »Im Grunde, …«‒ dass die »Steinbruch« -Lamentierer dessen „ganzheitlichen“ Ansatz verwässern, eliminieren;

3. zu »Aber ich habe nicht vor …«– s. Bemerkung zu 1.); aber ich verstehe nicht, bringt mich meinerseits »aus dem Tritt«, wie Du mit allgemeinsten Grundsatzüberlegungen einfach nicht auf meine ganz einfache, banale, konkrete Frage antwortest, »drei Verhältnisse«, Besonderheit des Unterschieds zwischen »Nichtarbeiter … Arbeiter«, möglichst in der einfachen, grundlegenden Diktion à la Frühschriften-Zitat (519,522), nach Möglichkeit sogar dem Kapital selbst oder wie ich frage, irgendwo der MEGA entnehmend!

Mir geht’s nur darum, das Einfachste, Grundlegendste in jenem zitiertem Kontext, wo’s in den Frühschriften abbricht, ebenso einfach und grundlegend auf den Punkt zu bringen. Ich bin dabei, es mir selbst zu stricken –

den schlicht in der »negativen Einheit« wirksamen eigentlichen Antagonismus / »Gegenverhältnis« (Kant’s »Realrepugnanz«, der diese nur math.[ematisch] bzw. an äußern Naturvorgängen beschreibt, s. Colletti [1]), der nicht nur den »Nichtarbeiter« vom »Arbeiter« trennt, abspaltet und umgekehrt, sondern die ganze Spezies, Gattung Mensch einseitig von der Natur abspaltet (als ihrer Lebensgrundlage, ihrem Lebensmittel i.w.S., sowie ihrem Lebensgrund– gänzlich unspekulativ!, als schlichte Tatsache/n !) und damit die ganze Gattung an sich, in sich, mit sich und durch sich selbst gespalten ist …; ebenso wie jeder Staat, jedes Unternehmen, wie jedes Individuum selber, jeder »Arbeiter« im Verhältnis zu seinem Eigentum an sich, nichts als seinem Arbeitsvermögen, und wenn es nicht kraft-entäußernd verkauft werden kann, dies Stück Natur gänzlich nichts, Nichts ist, sofern es nicht noch wenigstens als Sozialballast gehalten konsumierend, sich selbst produzierend an der (Re-)Produktion des Kapitals selber noch „partizipiert“.  

Nur darum, um die Bedeutung dieser einfachen, allgemeinsten Tatsache geht’s mir, „wert“ – bzw. „kapital“–logisch bedingt.

Deine Gesamt-Beurteilungen sind mir dabei zwar nicht unwichtig, aber bringen mich für meinen schlichten Zweck nicht weiter.

Bis bald wieder,

herzlichen Gruß

H.

[1] Lucio Colletti: Marxismus und Dialektik, Frankfurt M. Berlin. Wien 1977.


Ulrich Knaudt an H.B. (25.06.2011)

Betreff: ÖK PHIL MAN

Lieber H., gerade als ich Dir schreiben wollte, warum ich so lange nichts von mir hab hören lassen, kamen Deine ‚Gemeingüter‘. Dazu sage ich erst mal nichts ‒ zumal von meinen ‚Erbfeinden‘ gesponsert (obwohl sie die Libyen-Intervention der UN unterstützen)! [1]

Ich wollte Dir eigentlich nur mitteilen, wie weit ich mit den Ök Phil Man gekommen bin und daß ich vorhabe, Dir was dazu zu schreiben, worin ich zu Deinen Fragen Stellung nehmen werde, nachdem Du geschrieben hast, daß Dir meine bisherigen Stellungnahmen nicht ausreichen. Dazu habe ich die Ök phil Man zu Ende studiert und lese gerade den Fulda [2] (den Du mir mal geschickt hast und der mir bis dato wenig gesagt hat): was er darin als Fachphilosoph von sich gibt, ist sehr brauchbar, was als Theoretiker, geht in Richtung Sprechakt-Theorie und Habermas und ist dann wohl eher zu vergessen. (Interessant, daß es hier bereits von „Strukturen“ nur so wimmelt… War das des Pudels Kern bei D.W.[olf]?)
Also würde ich sagen, wie sollten uns, was dieses Thema angeht, […] gedulden, bis ich mein Zeug fertig habe. Außer Du möchtest mir erklären, was es mit den Gemeingütern auf sich hat. Aber dazu muß ich das auch erst mal gelesen haben.

Viele Grüße

Ulli

[1] Gemeingüter stärken. Jetzt! Thesenpapier entstanden im Rahmen des Interdisziplinären politischen Salons der „Heinrich-Böll-Stiftung“. („Zeit für Allmende“).

[2] H.F. Fulda: Dialektik als Darstellungsmethode im „Kapital“ von Marx; in: Ajatus, Helsinki 1978 (H. 37).



Ulrich Knaudt an H.B.
(30.06.2011)

Betreff: WELTERNÄHRUNG

Lieber H., Deine Nachbetrachtung […] werde ich jetzt nicht unmittelbar beantworten, sondern im Rahmen meiner Auseinandersetzung mit den Ök[onomisch-] phil[osophischen] Man[uskripten]. Ich habe zu Deinen Stichworten […] geforscht. War aber nicht sehr ergiebig.


H.B. an Ulrich Knaudt (30.06.2011)

Betreff: AW: G 8

[…]

Übrigens, nochmal:

Wenn alles, was sich auf Erscheinungs-/Symptomebene praktisch irgendwie gegen Wert/Kapital richtet, nichts ist, letztlich nur auf dessen Mühlen geht, bleibst nicht nur zuschauender Kommentierer, von draußen, drüber; schulmeisternde Erklärungen verkommen zu Lamentieren …. hast nicht als Subjekt ‒ als Kommunist ‒ selbst auch ein wirkliches Interesse an diesem und jenem das eigene Dasein verbesserndem oder zu verhinderndem Sachverhalt, punktuell oder bestimmten Bewegungen oder Entwicklungen dieser Art ?

Andernfalls würde man doch auf einer rein verbal belehrenden bzw. erklärenden Metaebene, in der Abstraktion von sich selbst verbleiben, von der realen Prozeßhaftigkeit der geschichtlichen Bewegung, in der wir uns befinden, mit der wir in ihr es zu tun haben.

Wenn »Komm.[unismus]« die »wirkliche Bewegung«‒ der Menschen ! ‒ ist, dann verdichten sich, konfundieren alle Widersprüche, die der »Ware« wie der »Arbeit« immanent sind, im Subjekt selbst (das nach Marx »die Ware« selbst »ist«; und nochmal: der »Gebrauchsgegenstand oder Gebrauchswert« selbst bereits kann als solcher als menschlich nützlicher wie auch zu unmenschlichen Zwecken produziert werden, letzteres qua Konkurrenz des Privateigentum[s], des »Eigennutzes« der Subjekte, der Privateigentümer, angefangen beim Subjekt als einzelnem Individuum, einzelnem Unternehmen, Staat, Staatenbünde … der Gleichgültigkeit im doppelten Sinne (gleichgültig, wenn es nicht tangiert, so wie gleich gültig, wenn es um es / sich seiner selbst [willen] geht, auf Kosten andrer), aller, allgemein

so versteh ich Marx‘ »rohen Kommunismus«, zugleich an einem Kulminations-(Bifurkations-)punkt anlangend, an dem der Allgemeinheit dies, nämlich das allgemeine Wesen des (exklusiven) Privateigentums (bellum omnium contra omnes) schon auf [der] Erscheinungsebene augenfällig erkennbar, sichtbar wird…

als Widerspruch der Menschheit, Gattung a n sich, in sich, mit sich, durch sich !

und durch denselben zugleich der Widerspruch derselben zur Natur inkl. zu ihrer eigenen bedingt ist, und v.v., sie sich also gegenseitig, wechselwirkend hervorbringen, bedingen ‒

eben aufgrund der Privateigentümlichkeit des (Aneignungs-) Verhältnisses der Menschen:

gegenüber der Natur

gegenüber seinesgleichen,

gegenüber sich selbst;

es ist nicht die Gattung als »Teil«, als Wesen, als Gemeinwesen der Natur, mit ihren »physischen und geistigen Kräften«, durch die sie »mit sich selbst zusammenhängt« (vgl. [MEW] EB 1, S. 516 oder: der Mensch »in seinem individuellsten Wesen« = »Gemeinwesen«, EB 1, S. ?). [1]

Ist nicht heute mehr und mehr allgemeines Thema „global“ die Menschheit, die Gattung selbst, ihr Leben, Überleben als solche, Zweck ihrer an sich um ihrer selbst willen, Selbstzweck ‒ als Teil, als Wesen der Natur? (wenngleich der Begriff von Natur sich dem Begriff entzieht) Bedingung dieser Möglichkeit
praktisch ist die Aufhebung ihres Widerspruch an sich, in sich…, ihr einhergehend zugleich der zur Natur?

Gäb‘s darüber heute nicht -zig Ansätze zur Verdeutlichung des Individuums, des Subjekts und allgemein der Gattung selbst als Subjekt in seiner (gemeinsamen, allgemeinen) Widersprüchlichkeit an sich, in sich … für sie / sich selbst…?

Entspricht nicht Marx‘ »kategorischer Imperativ« bzgl. der Aufhebung vom geknechteten, gedemütigten, erniedrigten Menschen ‒ durch sich selbst verursacht qua »Wert« / »Tauschwert«, der »Wertform« qua Privateigentum / –Verhältnis, qua allgemeinem privateigentümlichen
Verhalten der Menschen zu …, welche die gesellschaftliche Struktur als wirkliche, allgemein
geltende real konstituieren! ‒

der Möglichkeit und noch mehr der Notwendigkeit, diesen für die Menschheit, für die Gattung insgesamt, menschheitlich für das Gemeinwesen Mensch schlechthin zu postulieren ?

Klassen / Klassenkampf‒ nicht um seiner selbst willen, sondern zu diesem Zweck!?

Zur Aufhebung der Lohn- / »Wert« -Sklaverei überhaupt, der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, der Entfremdung des Menschen schlechthin von sich, seinesgleichen, der Natur…

Deshalb Gemeineigentum! ‒ dem (objektiven) Gemeinwesen der Individuen, Subjekte entsprechend, und v.v., Mensch sich als Mensch »bewährend«, damit zugleich, endlich, sich selbst

wirklich »Wert«, »Würde« verleihend!?

Gäb’s nicht neben dem erdrückend Negativen, in der »negativen Totalität«, der Totalität der »Negation« seiner selbst nicht mannigfaltig Positives in den verschiedensten Sphären der Welt der Menschen, das es zu erkennen gilt, um es in einem zu verteidigen wie zu entfalten, in der einen, dann wäre die Marxsche Erkenntnis vom »Kommunismus« als der »wirklichen Bewegung« hohl, leer, Phrase.

»Die Diremtion der Welt ist erst total, wenn ihre Seiten Totalitäten«…, »denn riesenhaft ist der Zwiespalt, der Ihre Einheit ist« ([MEW] EB I, S. 215, 217).

Der »Zwiespalt« macht ihre Gemeinsamkeit, Einheit aus. Also kommt’s drauf an, denselben an uns, den Menschen, der menschlichen Gattung an sich als einen ihr »gemeinschaftlichen« begreifbar werden zu lassen ‒

Das wäre wenigstens schon mal die halbe Miete.

Brech‘ jetzt einfach ab ‒

heute Morgen ist bald die Nacht rum.

Vielleicht ein weiteres kleines Stückchen Bruchstück.

herzlichen Gruß,

bis bald wieder,

H.

[1] Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte MEW EB I, 535: »In ihm [Verhältnis des Menschen zum Menschen] zeigt sich also, in[wie]weit das natürliche Verhalten des Menschen menschlich oder inwieweit das menschliche Wesen ihm zum natürlichen Wesen, inwieweit seine menschliche Natur ihm zur Natur geworden ist. In diesem Verhältnis zeigt sich auch, in[wie]weit das Bedürfnis des Menschen zum menschlichen Bedürfnis, inwieweit ihm also der andre Mensch als Mensch zum Bedürfnis geworden ist, inwieweit er in seinem individuellsten Dasein zugleich Gemeinwesen ist.«


H.B. an Ulrich Knaudt (01.07.2011)

Betreff: AW: WELTERNÄHRUNG

Danke, Ulrich, für Deine weitere Recherche.

[…]
In gewisser Weise geht es doch um Planung einer globalen Grundnahrungs-Mittel-Sicherung, also um eine immerhin notwendige globale Produktionsmenge (inkl. Bevorratung), und vor allem doch auch darum, unnötige, nicht rentable Überproduktionen zu vermeiden angesichts rentabler Erträge aus anderweitigen Nutzungen des Bodens der Erde ‒ an sich doch ein sehr ernst zu nehmendes Vorhaben, Planungen, wie es einerseits jedes beliebige Unternehmen vornimmt bzgl. seines wahrscheinlichen Marktanteils, jenes Vorhaben jedoch auf den Gesamtbedarf der Menschen, der Menschheit, also der Spezies bzw. Gattung Mensch überhaupt ausgerichtet und dabei Kosten- bzw. Preiskalkulationen durch Börsenspekulationen bzw."Spekulationsderivate" behindern[d] sind!?

Wie mit diesem Faktum umgehen? Möglichkeiten, Stellung zu beziehen?

Oder etwa nicht? Sich dies etwa entgehen lassen?

Zur Mitteilung von heute Nacht ‒

bitte leg sie vorerst zur Seite, werde solche Nachtproduktionen künftig unterlassen ‒ halte sie für nicht zumutbar.

Es sind paar Gedanken anvisiert, Versatzstücke, an deren Vermittlung ich wieder mal wie schon so oft scheitere.

Aber, ich komm dadurch doch meist paar Millimeter weiter, und auch damit wieder. Heut Nacht aber nicht, nicht wieder.

Nur kurz Folgendes:

Im Mail vom 23.5. konnte ich die Einheit der Bewegung / Entwicklung von Klassenkampf- und Gattungslogik insoweit auf den Punkt bringen, als ich ausdrückte,

‒ daß das »eine nicht gegen das andere zu verabsolutieren / zu negieren« ist und

‒ [daß] »das Zugleich beider weder das eine noch das andre so wenig [widerlegt] wie es den Widerspruch zwischen beiden aufhebt.«

Damit handelt es sich aber um eine nur negative Bestimmung deren Verhältnisses, Beziehung zu einander.

Und hab weiter gefolgert:

»Und nur in Hinsicht auf die Antizipation des eigentlichen (positiven) Ziels hin kommt beiden in ihrer gegenseitigen Ausschließung zugleich auch ein wesentlich positives Moment zu, das beiden eigen, inhärent, immanent ist, das beide zusammenkommen läßt, das „zugleich ihre beide vereinigende Wahrheit ist“ (…).«

Um die weitere eigentlich positive Bestimmung dieses Verhältnis[ses], um Vertiefung, Vermittlung, soweit möglich, geht’s mir vor allem, um es in der »wirklichen Bewegung« zu erfassen, und damit und dadurch bewußtes Handeln in ihr logisch und historisch vermittelt begründen und ableiten zu können. Ich halte das für möglich, für unbedingt notwendig (warum Marx übrigens ausdrücklich nicht von „Ziel“ spricht ‒ wie ich an dieser Stelle, dazu ein ander mal).

Zunächst also nur die Frage, lieber Ulrich, inwieweit es Dir möglich ist, diesen vorerst drei Bestimmungen zuzustimmen? ‒ wenn nicht, inwieweit bzw. warum nicht. Übereinstimmungen sollten wir festhalten, um nicht immer wieder dahinter zurückzufallen und wenn, dann mit weiterem guten Grund bzw. Argument. Einverstanden?
Bis bald wieder, ich bleib dran, bohr weiter, mit Dir, dank Dir,

H.
PS: Fulda und [von Karl Marx] die Judenfrage geh ich am Wochenende an. [1]

[1] H.F. Fulda: Dialektik als Darstellungsmethode im „Kapital“ von Marx; in: Ajatus, Helsinki 1978 (H. 37); Karl Marx: Zur Judenfrage MEW 1 (347-377).


Ulrich Knaudt an H.B. (04.07.2011)

Betreff: NICHTS ODER ALLES

Lieber H., gestern war ich auf Einladung des aus max. 4 Leuten bestehenden „Gesellschaftswissenschaftlichen Instituts in Bochum“ (GiB) bei einem Vortrag von M. Clemens (siehe die an Dich weiter geleitete Mail [1]). Der Referent bewegt sich (wie Du den beiden Heften, die ich Dir schicken will, entnehmen kannst) in etwa auf der Wellenlänge unserer Diskussion. In einem Nebensatz erwähnte er auch Debatten, die er mit R. Kurz und D. Wolf über die Werttheorie geführt hat. Vielleicht kennst Du ihn ja.

Die Zuhörer bestanden aus den mir bekannten „üblichen Verdächtigen“ o.g. Instituts (bei C. Bauer hatte ich […] 2 Semester lang ein wenig Marx studiert) und dem Anhang, den der Referent aus Duisburg mitgebracht hatte: einer fragte mich gleich, ob ich denn vor einer Woche beim Pressefest der UZ war, was ich brüsk verneinte ‒ also alles DKP und [die Partei] Die Linke jenseits der Pensionsgrenze. Mir ist noch nie so klar geworden, weil ich mit diesen Leuten sonst nichts zu tun habe, auf welch niedrigem theoretischen und politischen Niveau diese ‚Marxisten‘ meinen, die Welt verändern zu sollen. […] Das klingt arrogant, ist aber die traurige Wahrheit.

Der Vortrag basierte auf einem „Thesenpapier“ (s.o., das man bei dem Referenten anfordern konnte), auf das er aber gar nicht mehr zurückkam, und einer überaus detaillierten Schilderung des gesellschaftlichen und politischen ‚Milieus‘ aus dem heraus Feuerbach, die Junghegelianer und M.[arx]u.E.[ngels] vor 1848 zu verstehen sind (s. „Materialien“). Im Grunde handelte es sich um zwei Vorträge (wobei der historische Teil als einzelner Vortrag nicht besonders interessant gewesen wäre).

Zu den „Materialien“ und dem „Thesen-Papier“: Viele Zitate werden Dir daraus sehr bekannt vorkommen, gehen aber in ihrer Interpretation nicht über das hinaus, worüber wir schon seit längerer Zeit debattieren. Den Kern soll Feuerbachs Hegel-Kritik bilden, der sich der Referent mit einigen kritischen Anmerkungen im großen und ganzen anschließt und dabei das Vorhandensein eines Geist-Materie-Dualismus bei Feuerbach behauptet. (Ich habe zu wenig Feuerbach gelesen, um das bestätigen oder das Gegenteil behaupten zu können.) Dabei blieb unterbelichtet, welche Stellung Feuerbach zum französischen Materialismus und englischen Empirismus einnimmt und damit die Hegelsche Empirismus-Kritik z.B. in der Ph[änomenologie des] G[eistes] und auch die der Frankfurter Schule (Positivismus-Streit), die diese Position (wenn auch einseitig, aber zu Recht) stark gemacht hat, auf der Strecke.

Das war auch der Punkt, über den die anschließende Debatte nicht hinauskam. Einziger Lichtblick: eine gesalzene Kritik des Referenten an H.H. Holz‘ neo-scholastischer Position zum mittelalterlichen Universalienstreit (die Kategorien sind [danach] genauso real wie die Sachen), dem er „Neo-Stalinismus“ bescheinigte (was ihm einige Buh-rufe einbrachte), so daß er sich daraufhin leider später wieder von seiner angeblich überzogenen Kritik an Holz distanzierte. Man einigte sich auf Sohn-Rethels „Realabstraktionen“ sozusagen als goldenen Mittelweg aus diesem Dualismus.

Zwei Dinge haben die meisten überhaupt nicht verstanden: zum einen, daß Marx in den Ersten drei Kapiteln des KAP I diesen Streit mit dem Fetischcharakter der Ware durch das Ad-absurdum-Führen der Hegelschen Kategorien erfolgreich beendet, wobei er sich der bei Hegel vorgefundenen „Verselbständigung“ bedient (durch ihre gesellschaftliche Bedeutung werden die sich verselbständigenden Paradoxien real, und daher bleiben [sie] nicht nur schlichte Realabstraktionen!). Das zu erkennen, erfordert allerdings einen Restbestand an Dialektik, der aber wegen der ‚Ebenen‘-Konstruktionen in der linken Logik nicht verfügbar ist. Zweitens zitiert der Referent in dem Materialband (S. 32) zwar die von Dir gerühmte Stelle aus [der Marxschen Kritik am Hegelschen …] „Staatsrecht“ , aber als ich die Zuhörer auf die Bedeutung des »wesentlichen Widerspruchs« aufmerksam machte, war das Echo = 0. Sie haben diese Dialektik entweder nicht kapiert oder zumindest nicht zur Kenntnis nehmen wollen. (Kann auch sein, daß ich sie nicht überzeugend dargestellt habe.) Man einigte sich statt dessen darauf, das ganze als Problem der Unterscheidung zwischen „antagonistischen“ und „nicht-antagonistischen Widersprüchen“ abzuhaken, wobei derjenige, der deren Vorhandensein feststellt, entscheiden kann, um welche Sorte Widersprüche es sich im konkreten Fall gerade handelt. Also der Idealfall des DeKaPistischen Dezisionismus!

Zu guter Letzt habe ich dem Auditorium nahegelegt, die Marxsche Hegel-Kritik am Ende der ÖkphilMan noch einmal aufmerksam zu studieren, weil dort die Hegelsche Empirismus-Kritik nicht einfach [von Marx] liquidiert, sondern „aufgehoben“ wird ‒ womit wir bei unserer Debatte angelangt sind und ihrem letzten Stand ausgelöst durch Deine Mails vom 30.06 und 01.07.!

(Ich muß mich erst mal sammeln, um den politischen und theoretische Sumpf, in den ich gestern gestiegen bin, wieder aus den Kleidern zu schütteln oder wie die Anthroposophen sagen, meine arg zerknautschte Geistseele wieder glatt zu bügeln ‒ deshalb schlafen sie nicht auf dem Boden, weil sie dabei ihre Seele zerdrücken könnten…)

Im Gegensatz zu Dir finde ich Deine erste Mail sehr gut, weil darin der Widerspruch, mit dem wir es zu tun haben, klar zum Ausdruck kommt, während der Versuch in Deiner zweiten Mail, mir einen Handel vorzuschlagen, der auf den darin aufgezählten 3 Essentials (1. Klassenkampf vs. Gattungslogik; 2. ihrer Gleichwertigkeit; 3. daher ihrer Nicht-Aufhebbarkeit) gegründet werden soll, uns wahrscheinlich nicht weiterbringen wird…

Ich schicke Dir als Anhang meine spontanen Überlegungen zu Deiner ersten Mail, worin der Widerspruch, den wir zu lösen haben, klar ausgesprochen ist. Diesen würde ich folgendermaßen zusammenfassen:

Es ist hinreichend, daß wir uns über Marx und Engels verständigen, (da es sich bei dem unsrigen nicht um einen akademischen Disput handelt, worin das KM [Manifest der kommunistischen Partei] naturgemäß nur als historisches Dokument verstanden wird), und gleichzeitig für die (Anerkennung und) Positionierung der ‚Partei Marx‘ (die wir gleichfalls nicht, wie im ‚akademischen Diskurs‘ üblich, als historisches Detail auffassen) kämpfen als notwendige Voraussetzung und Ausgangspunkt künftiger Klassenkämpfe. Ob das unmittelbare Resultat dieser Auseinandersetzung (kleingeschrieben!) ‚partei Marx‘ heißen wird, ist völlig sekundär. Ich klebe nicht an diesem Projekt, werde es aber, solange es nichts Vergleichbare gibt, weiter betreiben.

Für uns kommt es darauf an, die in Deiner ersten Mail zum Ausdruck kommende Entgegensetzung unserer Positionen in eine kontrollierte Kernspaltung zu überführen, woraus sich die notwendige Energie für die Erneuerung der Politik einer neuen Marxschen Partei gewinnen ließe.

Der Kern unseres Streits ist, wie es in Deiner ersten Mail heißt, der Dualismus „Nichts oder Alles“. Darin wird das Subjekt entweder zum Weltgeist (U.K. = „Nichts“) oder zur Menschheit (H.B. = „Alles“) aufgeblasen. Die Aufhebung dieses Widerstreits findest Du in der Einl[eitung zur]Kr[itikder]Heg[elschen]R[echts]ph[ilosophie] ([MEW] 1,390), worin die Antwort auf die Frage nach der »positiven Möglichkeit der deutschen Emanzipation? … In der Bildung einer Klasse mit  radikalen Ketten« usw. gesehen wird, »…welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat

Ich denke, daß in dieser Auflösung auch das mögliche Ergebnis unserer kontrollierten Kernspaltung steckt. Nicht allein zwecks Energiegewinnung für die Fortsetzung unserer Debatte, sondern im Sinne der Verteidigung der Zukunft der Menschheit auf diesem Planeten, deren Lebenskräfte und diejenigen der Natur durch die kapitalistische Produktionsweise langfristig zugrunde gerichtet werden.

Viele herzliche Grüße

Ulli

Anhang:
Wissenschaft vom Kommunismus [01.07.]

 „Ein Nichts zu sein tragt es nicht länger…“

H.B.s entscheidender Fehler besteht darin, daß er der Ansicht ist, die Menschheit werde qua Menschheit die Welt vom Kapitalismus befreien können. Dies zu versuchen, hätte eine terroristische Diktatur zur Folge, gegen die die stalinsche ein wahres Paradies gewesen ist.

H.B. übersieht auf der von ihm angeführten Stelle in den ÖkphilMan die Arbeiter, in denen die Entfremdung des Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft wesentlich in Erscheinung tritt und nicht im Menschen überhaupt. Wenn er an die Stelle des Arbeiters »den Menschen« stellt, wird überhaupt nicht einsichtig, warum sich K.M.[arx] mit der trockenen Materie der politischen Ökonomie herumgeschlagen hat. Aus seinen Zitaten [aus den Werken bürgerlicher Ökonomen] wird ersichtlich, daß es ihm beim Studium der Nationalökonomie zentral um die Stellung des Arbeiters zum Kapital geht. Das führt zu dem entscheidenden Satz in der KrHeRphil, daß im Dasein des Proletariers (und nicht des Menschen) die Menschheit vernichtet ist. Menschheit muß man aber naturalistisch lesen: des Menschen als natürlichem Wesen, also auch der Natur im Menschen. Davon wird sich der Mensch nur qua Arbeiter befreien können. Davon kann ihn, wie es in Marxens Auseinandersetzung mit [Arnold] Ruge heißt, auch nicht die Bourgeoisie befreien. Die politische Emanzipation ist die Bedingung für die Emanzipation als Klasse. Aber auf der anderen Seite wird sich die Klasse nicht emanzipieren, ohne die politische Emanzipation bis zu dem Punkt voranzutreiben, (zuzuspitzen! Revolution in Permanenz), der ihr die Emanzipation als Klasse ermöglicht. F.E.[ngels] (in den 80er Jahren): Ohne politische Emanzipation der europäischer Nationen qua Nationen kein proletarischer Internationalismus! [2] H.B. macht also den entscheidenden Schritt, den Marx in den ÖkphilMan vom gesellschaftlichen Ur-Verhältnis zweier sich liebender Menschen (James Mill [3]) zu den Ursachen für die unmenschlichen Verhältnisse in der bürgerlichen Gesellschaft macht, indem er den wesentlichen Widerspruch in dem Verhältnis des Arbeiters zum Kapitalisten in den Theorien der bürgerlichen Ökonomen analysiert, nicht mit. Er bleibt bei Arnold Ruge stehen. (Siehe Ökphil Man: die Gemeinschaft der Pariser Arbeiter als proletarischer Adel.[4])

Das, was Marx schließlich im Hegelschen Weltgeist vorfindet, daß dieser, um zu sich selbst zu kommen, die Gegenstände wissenschaftlich in Nichts verwandeln muß, kippt bei H.B. in eine All-Bestimmung um. Die Menschheit als universale Allheit wird die Menschheit befreien, indem sie die große Dichotomie (Diss: Diremtion [5]) in der allmenschheitlichen Gattenliebe aufgehoben sehen will. Das führt politisch bestenfalls zum kommunistischen Tugendterror aber nicht zum Kommunismus. Wie die O[ktober]R[evolution] zeigt, liegt auch hier der Teufel im Detail: wie en détail das Proletariat als sich emanzipierende Klasse zu begreifen ist und sich selbst begreift (Pariser Kommune, O[]ktober]R[evolution]). In letzterer gab es in der Tat eine große Diremtion, eine Spaltung des Proletariats in die Verteidiger und die Angreifer von Kronstadt, wodurch die Menschheit um Jahrhunderte zurückgeworfen worden ist. Eine proletarische Staatsmacht, die sich und ihren Staat aus Gründen der Staatsraison vor dem Proletariat schützen muß, hat von der Pariser Kommune Entscheidendes nicht mitbekommen.

Alles oder Nichts ist nicht mal ein guter Tip in einer Spielbank, genauso wenig wie im Börsenspiel, wie jeder Zocker weiß. Also sollten wir uns über diese Dichotomie nicht streiten wie um des Kaisers Bart, sondern den Schritt, den Marx gemacht hat, an diesem entscheidenden Punkt nachvollziehen.

[1] Thema des von Martin Clemens am 02.07.2011 gehaltenen Vortrags: Rolle und Bedeutung der Feuerbachschen Philosophie für die Herausbildung des Materialismus von Karl Marx und Friedrich Engels in den Jahren 1841 bis 1845. www.gi-bochum.de
[2] STREITPUNKT 2 Warum Lenins letzter Kampf gegen den linken Sozialimperialismus nicht zu gewinnen war, 23ff.

[3] Karl Marx: Auszüge aus James Mills Buch „Élémens d‘économie politique“ MEW EB 1 I (445-463).

[4] Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte MEW EB 1 I (467-588), 554: »Die Gesellschaft, der Verein, die Unterhaltung, die wieder die Gesellschaft zum Zweck hat, reicht ihnen hin, die Brüderlichkeit der Menschen ist keine Phrase, sondern Wahrheit bei ihnen, und der Adel der Menschheit leuchtet uns aus den von der Arbeit verhärteten Gestalten entgegen.« [5] Karl Marx: Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie MEW EB 1 I (259-375), 215,217.


Ulrich Knaudt an H.B. (26.07.2011)

Betreff: GRUNDRISSE

Lieber H., […] Mir ist aufgefallen, daß K.M.[arx] hinsichtlich der Bestimmung des Kapitals als aufgehäufter Arbeit eine kritische Korrektur zu den Ök[onomisch-] phil[osophischen] Man[uskripten] vornimmt, worin er den Arbeitsbegriff, wenn auch in Konfrontation mit den bürgerlichen Ökonomen, noch eindeutig anthropologisch bestimmt [hat]: [d.h.] durch die entfremdete Arbeit entfernt sich der Mensch von seinen noch nicht entfremdeten Ursprüngen, was sein Verhältnis zur Natur und dem Menschen betrifft usw. Aber gleichzeitig ist [dort] die Arbeit bereits die »Substanz des Privateigentums«. In den GR[undrissen der Kritik der politischen Ökonomie] sind dagegen Arbeit und Kapital vom Wertgesetz bestimmt. Gemessen am KAP[ital] bleibt das aber noch in einer erst später endgültig zugespitzten Bestimmung stehen. Dennoch muß man wohl von einem Sprung von der (anthropologisch bestimmten) entfremdeten zu der durch den Wert bestimmten Arbeit sprechen (K.M.s Selbstkritik in den GR: nicht jede Arbeit ist per se Kapital [1]). Diesen Sprung bezeichnet Althusser als epistemische Wende, [2] wodurch der frühe vom späteren Marx dichotomisch getrennt wird. (Den Stalinfreunden war der frühe Marx immer ein Klotz am Bein…) Außerdem findet sich hier ein weiteres Indiz für das Vorgehen der ‚marxistischen‘ Steinbrucharbeiter, die ihre Zitate unabhängig von der Entwicklung der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie (in den [Ökonomisch-philosophischen] Manuskripten findet sich diese in ihrer Urform) ohne inneren Zusammenhang neu kombinieren, um damit eine eigene Kritik der politischen Ökonomie in den Stil zu stoßen, die mit der Marxschen nur noch dem Namen nach etwas zu tun hat. Dazu gehört auch unser gemeinsamer Freund D.W.[olf], der wegen seiner enormen Belesenheit weiß, wo er Passendes findet, das er dann, nicht immer mit den erforderlichen Gänsefüßchen versehen, als eigene Thesen vertritt…

Mich hätte sehr interessiert, worin Du bezogen auf die genannte Textpassage Hinweise auf die Vorgehensweise D.W.s konkret vorfindest. Einige Sätze habe ich jedenfalls mit einem gewissen Schmunzeln gelesen, in denen gewisse Mißverständnisse, die bei D.W. auftauchen, bereits kritisch vorweggenommen zu sein scheinen. [3] Das werden wir hoffentlich Gelegenheit haben, uns noch genauer anzuschauen.

[…]

Herzlich Ulli

[1] Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie:,168 ff: »Wenn gesagt wird, daß das Kapital „aufgehäufte (eigentlich vergegenständliche Arbeit) ist, die als Mittel zu neuer  Arbeit (Produktion) dient“, so wird die einfache Materie des Kapitals betrachtet, abgesehn von der Formbestimmung, ohne die es nicht Kapital ist. Es heißt weiter nichts als Kapital ist – Produktionsinstrument, denn im weitesten Sinn muß jeder, auch der rein von Natur gelieferte Gegenstand, wie Steine z.B. durch irgendeine Tätigkeit erst angeeignet werden, eh es als Instrument, als Produktionsmittel dienen kann. … Wird so von der bestimmten Form des Kapitals abstrahiert, und nur der Inhalt betont, als welcher es ein notwendiges Moment aller Arbeit ist, so ist natürlich nichts leichter als zu beweisen, als daß das Kapital eine notwendige Bedingung aller menschlichen Produktion ist. … Der Witz ist, daß wenn alles Kapital vergegenständlichte Arbeit ist, die als Mittel zu neuer Produktion dient, nicht alle vergegenständlichte Arbeit, die als Mittel zu neuer Produktion dient, Kapital ist. Das Kapital wird als Sache gefaßt, nicht als Verhältnis
[2] Louis Althusser: Für Marx, Frankfurt M. 2011, 34 f. Dort wird dieser Begriff als »epistomologischer Einschnitt« übersetzt.

[3]Karl Marx: Grundrisse, 169;170: »Wird andrerseits gesagt, Kapital ist eine Summe von Werten, angewandt zur Produktion von Werten, so heißt das, Kapital ist der der sich selbst reproduzierende Tauschwert. Aber formell reproduziert sich der Tauschwert auch in der einfachen Zirkulation. In dieser Erklärung ist zwar die Form festgehalten, wodurch der Tauschwert der Ausgangspunkt ist, aber die Beziehung zum Inhalt (die beim Kapital nicht wie beim einfachen Tauschwert gleichgültig ist), fallen gelassen. … Um den Begriff des Kapitals zu entwickeln, ist es nötig, nicht von der Arbeit, sondern vom Wert auszugehn und zwar von dem schon in der Bewegung der Zirkulation entwickelten Tauschwert.«


Ulrich Knaudt an H.B. (03.08.2011)

Betreff: NÄCHSTE „SITZUNG“

Lieber H., […] Zusätzlich zu unserer Korrespondenz würde ich Dich bitten, Dir das letzte BLogbuch [1-2011] anzuschauen (zumindest [darin] die Monate Mai und Juni, das davor kennst Du schon aus meinem Vortrag [1]). Ich würde gerne über meine These von den drei Bourgeoisien diskutieren, weil ich denke, daß daran auch unsere ungelöste Klassenfrage und die Faschismusfrage hängt.

Zur Anthropologie: die [Ökonomisch-philosophischen] Manuskripte bilden die Grundlage für die spätere Formulierung des Manifests [der kommunistischen Partei], eine Auftragsarbeit, worin die Klassenfrage zum ersten Mal politisch entwickelt wird (politischer Klassenkampf). Selbstverständlich betreibt Marx in den [Ökonomisch-philosophischen] Manuskripten keine reine Anthropologie, wogegen schon seine Kritik an den zeitgenössischen bürgerlichen Ökonomen spricht. Die Manuskripte sind der erste Schritt aus dem junghegelianischen Sumpf durch seine Kritik an der bürgerliche[n] Ökonomie; die weiteren Etappen sind die Feuerbach-Thesen und die Auseinandersetzung mit Arnold Ruge über den Weber-Aufstand sowie die Einleitung zur Rechtsphilosophie: die Menschheit ist im Proletarierdasein vernichtet… (Hinzu kommt die Kritik an Proudhon zwecks Ausrichtung der praktischen Arbeit im Brüsseler Korrespondenz-Komitee.) Diese Entwicklung begreife ich als eine vom naturalistisch und humanistisch definierten entfremdeten Menschsein im Sinne Feuerbachs zum Proletarierdasein, in dem das Menschsein konkret negiert ist. Insofern würde ich stark vergröbernd von einem anthropologischen Ausgangspunkt sprechen im Gegensatz zu dem sich daraufhin entwickelnden (politischen) ‚Klassenstandpunkt‘ (eigentlich ein Unwort, das durch etwas Präziseres zu ersetzen und zu aktualisieren wäre!) Wie man es auch immer formuliert, würde ich auf dieser Differenz: Humanum – Klasse (– politischer Klassenkampf) in der fortschreitenden Marxschen Entwicklung bestehen!

Gruß Ulli

[1] DEBATTE 4 Das Marxsche „Kapital“ und Marxsche Parteilichkeit.


Ulrich Knaudt an H.B. (24.08.2011)

Betreff: REAKTIONEN 2010 2011

Lieber H., ich schicke Dir die REAKTIONEN 2010 noch einmal, weil mein Bericht über die Sommerschule im letzten Jahr noch nicht darin enthalten war. [1] Zu unserer abgebrochenen Diskussion über Ök[onomisch-]Phil[osophischen]Man[uskripte] solltest Du vielleicht noch mal reinschauen, wegen der Architektonik. REAKTIONEN 2011 geht [bisher] bis Anfang Juni. Nach meiner redaktionellen Arbeit daran ist mir klar geworden, daß wir auf diesem Terrain mächtig aneinander vorbei diskutieren. Damit das anders wird, müßte ich mir den Colletti noch mal ranholen, weil ich schon an seiner Realrepugnanz einiges auszusetzen hatte. [2] Ich bin aber mit Dieter [Wolf]s Reichelt/Knaudt-Kritik [3] beschäftigt, wobei ich davon ausgehe, daß D.W. gegenüber K.M.[arx] ein ganz neues System errichtet hat, das mit dem Marxschen Ausgangspunkt nichts mehr zu tun hat, weil es wieder zu den Klassikern zurückführt. In den ÖkPhilMan bestimmt Marx die Arbeit zum Wesen des Privateigentums als Ausgangspunkt der Bestimmung des Verhältnisses von Arbeiter und Kapitalist. Diese Bestimmung findest Du auch bei Smith und Ricardo. Sie wird aber in dieser Form mit der Formulierung des Wertgesetzes aufgehoben. Das Wertgesetz das in der Gesellschaft wie ein Naturgesetz wirkt (REFLEXIONEN 1). Um den Prozeß der Ausformung des Wertgesetzes über die GR[undrisse] bis zu den beiden Auflagen des KAP und bis zu [den Randglossen zu Adolf] Wagner zu verfolgen, mag Deine "Trinitarische Formel" eine wichtige Grundlage sein, aber sie hilft mir nicht weiter, um die wissenschaftliche Bedeutung des Wertgesetzes als Blaupause für den Aufbau des Sozialismus vollständig zu erfassen. Stalin hatte recht: es spielt zwar für den Aufbau des Sozialismus eine bestimmte Rolle; nur wurde da leider kein Sozialismus aufgebaut, was erst klar wird, wenn man die Geschichte dieser Konterrevolution studiert und mit Stalins ‚Anwendung‘ des Wertgesetzes vergleicht. Da es seiner Ansicht nach in der SU seine Wirkung verloren haben soll, kann Stalin auf Marx verzichten (die Eigentumsfrage ausgenommen, zur theoretischer Legitimierung des Stalinschen Gangster-Sozialismus). Darum geht es mir. Und darin unterscheiden sich unsere verschiedenen Ansätze. Das Einzige, worauf wir uns bisher tatsächlich geeinigt haben, ist, daß wir beide unsere Diskussion für äußerst fruchtbar halten und sie daher unbedingt fortsetzen wollen.

Gruß Ulli

[1] REAKTIONEN 2010 Ulrich Knaudt an H.B. (29.10.-31.10.2010).
[2] Lucio Colletti: Marxismus und Dialektik, Frankfurt M. Berlin. Wien 1977.

[3] REAKTIONEN 2010 Ulrich Knaudt an H.B. (25.07.2010).


H.B. an Ulrich Knaudt (25.08.2011)

Betreff: Nachtrag

Unser »aneinander vorbei diskutieren« liegt – und das muß uns unbedingt klar sein, in der Natur der Sache, wenn wir das (verdoppelte) Verhältnis des Menschen zur Natur und zu seinesgleichen in seiner untrennbaren Einheit begreifen und darüber und nur darüber quasi eine Meta-Erkennntis-Position (Hegel spricht spekulativ von den Gedanken Gottes, als Mensch allerdings auch immer nur relativ, als endliche Wesen/Wissenschaft, Marx‘s. St[aats]R[echt]!) einnehmen, um [uns] als (menschheitliches) Subjekt in diesen seinen Widersprüchen zu »bewähren« , was ohne Aufhebung sowohl der Wertformen-Logik als auch der Klassen schlechterdings unmöglich zu bewerkstelligen ist. Das »aneinander Vorbei« läßt uns, so paradox es scheinen mag, zusammenrücken, wahrhaft.


H.B an Ulrich Knaudt (25.08.2011)

Lieber Ulrich, hab soeben Dein Mail gesehen, gelesen – nur ganz kurz, grundlegend, was Dir auf[fällt]: auch mein Eindruck, »daß wir … mächtig aneinander vorbei diskutieren« – immer wieder, von Anfang an! natürlich muß Colletti’s Sicht auf Kant’s »Realrepugnanz« kritisiert werden, erfaßt sie doch ganz schlicht und einfach nicht das »Ausgangs«-/Grund- »Verhältnis« als privateigentümliches »von Arbeiter und Kapitalist« gleichermaßen, des einen wie des anderen, je an und für sich, »abstrakt«, eben auch als Klassen ! – als solches eben unvereinbar mit/zu Kommunismus !völlig richtig, in der Logik  des Werts sowie an dessen »Substanz«, der (abstrakten) Arbeit, ist es konkret allemal ausgeblendet, annihiliert, »aufgehoben« – allerdings i.S. ihrer praktisch realen (Fort-) Existenz, als real fortexistierendes! ebenso in der „Vaterländischen Volksgemeinschaft“ Stalins – ein Rückfall hinter die Warenproduktion, hinter »bei mir ist das Subjekt die Ware« (K. Marx, [Randglossen zu Adolf] Wagner-Kritik), das Subjekt selbst nicht in seinem Warenstatus (Eigentümer seines Arbeitsvermögens als Zivilisationsfortschritt und notwendig naturwüchsige Bedingung, als Durchgangsstadium seines gemeinschaftlichen Subjekt(bewußt)seins!

die eigentliche „Eigentumsfrage“ – des Menschen an sich und seiner selbst, im bürgerlichen Sinne, geschweige denn der Befreiung von jeglicher bornierten – scheint mir bei Stalin noch gar nicht mal angekommen. 
die daraus folgende »Paradoxie« (Schein) ist Folge der »Antinomie« als Widerspruch innerhalb der Erscheinungsformen, diese wiederum Folge des »Antagonismus« zwischen dem privateigentümlichen Verhältnis einerseits und dem gemeineigentümlichen andererseits als einander ausschließende, unvermittelbare Seiten, ohne die Antizipation des einen in und durch die andre Seite (siehe S. 292 Marx:
Kritik des H.[egelschen] St[aats]R[echts], der H.[egelschen] Dialektik, deren »Grenzen« (Marx, GR[undrisse])!

»darin unterscheiden sich unsere verschiedenen Ansätze« deshalb, weil sie zu unterscheidende, verschiedene Gegensätze der widersprüchlichen Wirklichkeit selbst widerspiegeln, reflektieren!

Deshalb: »unsere Diskussion … äußerst fruchtbar …. unbedingt fortsetzen«, um der Erfassung unserer Wirklichkeit willen, ihrer Widersprüche an, in und durch uns selber, und das ist gut so.

Einfach Schluss; bis dann, bis bald wieder herzlichst,

H.


Ulrich Knaudt an H.B. (28.09.2011)

Betreff:ABSTRACTS

Tja lieber H., den Brief wollte ich Dir bereits gestern schicken. Ich hatte ihn schon fertig geschrieben und wollte noch den Anhang dranhängen, da hab‘ ich durch irgendeinen Blödsinn den gesamten Mail-account gelöscht und natürlich auch meinen Brief an Dich. Also versuch ich es noch mal von vorn. Ich habe Kronstadt bestellt [1] und Deine Mails dankend erhalten. Im Anhang befinden sich die ABSTRACTs, die ich möglich bald ins Netz stellen will.[2] Es wäre schön, wenn ich auch Dein O.K. für die REAKTIONEN [2011] bekäme, damit ich mich danach intensiver auf meinen Vortrag vorbereiten kann.

Im Zug nach hause saß, wie gesagt, Manfred Lauermann. […]. Wir unterhielten uns dann noch über seine These, daß es doch einen Unterschied zwischen Hitler und Stalin gebe. Letzterer habe, [so M.L.], nachdem er seine halbe Armee hat über die Klinge springen lassen, die militärische Befehlsgewalt wieder an die Generäle abgegeben. Ich meinte, daß das daran liege, daß [auch] die alten Zaren durchaus zu gewissen Reflexionen und zur Selbstkritik fähig gewesen seien, warum dann nicht auch der Neue Zar…?

Er mußte mir schließlich noch mitteilen, daß er für die j[unge]W[elt] ("pfui, wie kann man nur…"!) einen Bericht über die Konferenz schreiben muß.[3] Warum er mir das erzählt hat, weiß ich nicht. Ich erzählte ihm auch, daß ich mit einigen Vorträgen und Diskussionsbeiträgen Probleme gehabt hätte, so auch mit seinen Einlassungen zu Marxens Russophobie.

Weiter ging unsere Diskussion leider nicht. Ich hatte ein ähnliches Gefühl wie damals mit Christoph Lieber.[4] Ich finde ja beide ganz sympathisch, aber mit dem, was sie politisch draufhaben, kann ich überhaupt nicht sympathisieren…

Ich hoffe, mir ist alles wieder eingefallen, was gestern im elektronischen Nichts zerronnen ist. Ach ja, ich habe mit dem gemeinsam diskutierten Text angefangen und hoffe, daß die Musen mir weiterhin hold sind. Und noch was, weil ich bei unserem Abschiedstrubel, den die DB verschuldet hat, vergessen hatte, mir ‘ne Zeitung zu kaufen, las ich den Harbach weiter.[5] Die Affinitäten zu D.W[olf]. betreffen nicht nur ein paar Seiten, sie durchziehen offenbar das ganze Buch. Was das bedeutet, ist mir für beide Seiten noch nicht klar: möglicherweise dient D.W.s System der politischen Argumentation Harbachs, daß der Reale Sozialismus irgendwie doch noch reformierbar gewesen sein könnte. Dann hätte dieses System plötzlich eine wichtige politische Bedeutung bekommen. Das ist meine Vermutung, die sich erst nach der vollständigen Lektüre bestätigen wird oder nicht.

So, das war’s jetzt aber, viele herzliche Grüße

Ulli

[1] Klaus Gietinger: Die Kommune von Kronstadt, Berlin 2011.
[2] Im Zusammenhang mit der Überarbeitung von parteimarx.org.
[3] junge Welt 29.09.2011 Marx in Rußland: Eine Wiederkehr. Kein orthodoxer Retrosalat: Eine Tagung in Berlin verhandelte die Sicht von Marx und Engels auf die russische Entwicklung. Siehe auch Neues Deutschland 27.09.2011 Mr. Marx brillant und bissig. Marx-Engels-Forscher feierten in Berlin nicht nur neuen MEGA-Band.
[4] REAKTIONEN 10.12.2010.
[5] Heinrich Harbach: Wirtschaft ohne Markt. Transformationsbedingungen für ein neues System der gesellschaftlichen Arbeit, Berlin 2011.


Ulrich Knaudt an H.B. (19.10.2011)

Betreff: PANSLAWISMUS

Lieber H., […] Zu dieser Veranstaltung [1] ist mir, leider erst nachträglich, noch ein wichtiger Punkt eingefallen: der Panslawismus. F[riedrich].E[ngels]. bezeichnet ihn als einen großen Betrug. Vor allem aber spielt der Panslawismus in der Auseinandersetzung zwischen K[arl].M[arx]. und der russischen Emigration eine zentrale Rolle. Tschernyschewski ist ein ausgesprochener Gegner der Slawophilen, was ihm in den Augen von K.M. große Hochschätzung einträgt. Wie kann man über K.M. und Rußland sprechen, ohne den Panslawismus, soweit ich mich erinnern kann, auch nur zu erwähnen…!?

Ich habe D.W[olf].s Reichelt/Knaudt-Papier über die Hälfte studiert und frage mich inzwischen, ob sich die Mühe gelohnt hat.[2] D.W. wiederholt seine 2, 3 Fehlinterpretation in -zig Variationen und gibt dabei gleichzeitig den ‚Marxismus‘-Papst. Er hat etwas Querulatorisches an sich. Solche Typen gibt es überall in der scientific community. Dort werden sie als Luft behandelt. Gibt es außer dem guten Harbach, der uns D.W. als einen wichtigen Theoretiker verkaufen will, irgendjemanden, der eine ernstzunehmende Kritik an ihm geübt hat? Auch nicht in der MG (Knaudt ausgenommen [3])? Vielleicht sollte ich ihn einfach ignorieren unterstützt durch die Tatsache, daß er an Knaudt nichts konkret zu kritisieren hat, es sei denn, daß dieser seine "bedeutsame" Autorität nicht anerkennt.

Ich habe meine Herbstgrippe und schaue mir jetzt Borussia im Fernsehen an.

Herzliche Grüße

Ulli

[1] REAKTIONEN 28.09.2011.
[2] Dieter Wolf: Qualität und Quantität des Werts. Makroökonomischer Ausblick auf den Zusammenhang von Warenzirkulation und Produktion. (Bemerkungen zu Ulrich Knaudts Papier „Unter Einäugigen ist der Blinde König“, zu Helmut Reichelts Papier über seine Geltungstheorie und wie darüber in einer Sitzung der Marx-Gesellschaft diskutiert wurde.) www.marx-gesellschaft.de
[3] Ulrich Knaudt: Zwischen zwei Einäugigen kann nur der Blinde König sein. Nachtrag und Ergänzungen zur Wolf-Reichelt-Kontroverse. www.marx-gesellschaft.de


Ulrich Knaudt an GdS (28.10.2011)

Hallo Buchladenkollektiv,

vielen herzlichen Dank für die mir zugesandten verschiedenen Materialien, darunter schon vor längerer Zeit die GdS mit den 4 Sarrazin-Artikeln.[1] Nun ist ja seit dem Norwegischen Una-Bomber Breivik und dem nicht stattgefundenen Rausschmiß von Sarrazin aus seiner Partei zu diesem Thema im Blätterwald Ruhe eingetreten. Politiker und Presse sind mit der der Weltwirtschaftskrise Zweiter Teil ausreichend in Atem gehalten.

Das soll mich aber nicht daran hindern, nachdem ich Sarrazins Buch und Eure Artikelsammlung gelesen habe, dazu einiges anzumerken […]:

Es ist Euch nicht gelungen, den von Sarrazin aufgestellten Dualismus zwischen ‚uns‘ hier oben und ‚denen‘ da unten zu durchbrechen und diesen mit Hilfe einer Klassenanalyse der Verhältnisse im heutigen Kapitalismus bezogen auf den Antagonismus zwischen Lohnarbeit und Kapital aufzuheben. Ihr habt den Sarrazinschen Dualismus einfach nur umgedreht, sodaß ‚die‘ da unten (oder ‚die‘ Moslems) ‚die Guten‘ und ‚die‘ da oben (‚die‘ deutschen »Herrenmenschen«) als die Bösen dabei herauskommen. Dieses Schema wird auch von der Partei Die Linke gerne verwendet, wenn auch verbunden mit einer weniger drastischen Ausdrucksweise (gegen deren sachbezogene Verwendung ich grundsätzlich nichts einzuwenden hätte).

Wenn Ihr Euch auf einen solchen Dualismus einlaßt, verfehlt ihr die Dialektik des Klassenkampfes und begebt Euch auf das Niveau des globalen Rassenkrieges, wie wir ihn seit dem 11.09.2001 erleben, der   als Ausdruck der Konkurrenzkämpfe innerhalb der Weltbourgeoisie zu interpretieren ist. Dadurch seid Ihr nicht in der Lage, zwischen dem Proletariat und seiner Reservearmee auf der einen Seite und dem Lumpenproletariat und dem muslimischen Großstadtmob auf der anderen eine klare Unterscheidung zu treffen. In Ermangelung dessen versucht Ihr Euch auf der gegen Sarrazin bezogenen Position bei dem Großstadtmob anzubiedern und scheint gar nicht zu merken, daß Ihr von Eurer Gegenposition aus ähnlichen Vereinfachungen erliegt, wie Sarrazin sie betreibt.

Der Niedergang der westdeutschen Linken ist von derartigen politischen Scheingefechten ständig begleitet gewesen, die das Fehlen einer auch nur andeutungsweise versuchten dialektischen Aufhebung derartiger Dualismen und der Herausarbeitung ihres materiellen Kerns bezeugen. Solange davon die wirklichen Klassengegensätze überdeckt bleiben, kann sich das Kapital in Scheinwidersprüchen sonnen, wie sie im Dualismus zwischen dem türkisch-libanesischen Großstadtmob und der Ohrläppchen angelegt habenden Arbeiteraristokratie zutage treten; wie also in den Augen dieses Mobs alle Deutschen christliche Herrenmenschen und Rassisten und in den Augen der Arbeiteraristokratie alle türkisch-arabischen Immigranten Schmarotzer sind, deren Unterhalt hauptsächlich von ihren Steuergroschen bestritten wird. ‚Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil‘, sagt Sarrazin, das ist aber auch der Grundtenor Eurer 4 Sarrazin-Kritiken.
Wenn aber darin der Begriff der »Herrenmenschen« eine derartig pauschale und inflationäre Verwendung findet, frage ich mich, warum diese Charakterisierung nicht auch für den großstädtischen türkischen Mob gelten soll?

Die Türkei, der die meisten Angehörigen dieser »Herrenmenschen« sich verpflichtet fühlen, hat als ehemalige Weltmacht im Nahen Osten und auf dem Balkan einen ähnlichen Schrumpfungsprozeß hinter sich gebracht wie das ehemalige Deutsche Reich. Zur Herrenmenschen-Mentalität der Türken schreiben Marx und Engels zur Zeit des Krimkriegs:

»Wir können die Türken schwerlich als die herrschende Klasse in der Türkei bezeichnen, da die Beziehungen der verschiedenen Gesellschaftsklassen daselbst ebenso verwirrte sind wie die verschiedenen Rassen. [Gemeint sind damit zur damaligen Zeit die Angehörigen verschiedener Völker.] Der Türke ist je nach Umständen und Örtlichkeit, Arbeiter, Landmann, kleiner Pächter, Handelsmann, feudaler Gutsbesitzer in dem niedersten und barbarischsten Stadium des Feudalismus, Zivilbeamter und Soldat; aber welche soziale Stellung er auch einnehmen mag, er gehört der bevorrechteten Religion und Nation an – er allein hat das Recht, Waffen zu tragen, und der höchstgestellte Christ muß dem niedrigsten Moslem den Weg freigeben, wenn er ihm begegnet.«

Daran scheint sich bis heute wenig geändert zu haben, auch wenn Kapital und Lohnarbeit in der türkischen Gesellschaft inzwischen eine dominierende Position einnehmen und die feudalen Gutsbesitzer sich dem englischen Typ des gutsbesitzenden Kapitalisten angeglichen haben. Die Denkweise, »einer bevorrechteten Religion und Nation« anzugehören, scheint sich aber gerade seit der Reislamisierung der Türkei durch Erdogan nicht geändert zu haben und gerade im heutigen islamischen Großstadt-Mob verstärkt in Erscheinung zu treten. Von dessen »eingebildeter Überlegenheit« wußten schon Marx und Engels in demselben Aufsatz zu berichten, zu einer Zeit, als der Balkan noch ganz unter osmanischer Herrschaft stand:

»Die Hauptstütze der türkischen Bevölkerung in Europa ist – abgesehen von der stets bereiten Reserve in Asien – der Mob Konstantinopels und einiger anderer großer Städte. Er ist vorwiegend türkischer Abkunft, und obgleich er seinen Unterhalt hauptsächlich durch die Beschäftigung bei christlichen Kapitalisten verdient, hält er doch eifersüchtig an der eingebildeten Überlegenheit und an der tatsächlichen Straflosigkeit für alle Exzesse fest, die ihm der privilegierte Islam gegenüber den Christen verleiht. Es ist wohl bekannt, daß dieser Mob bei jedem wichtigen Coup d‘état durch Bestechung und Schmeichelei gewonnen werden muß. Dieser Mob ist es, der, abgesehen von einigen kolonisierten Distrikten, die Hauptmasse der türkischen Bevölkerung in Europa bildet. Und sicherlich wird sich früher oder später die absolute Möglichkeit herausstellen, einen der schönsten Teile des europäischen Kontinents von der Herrschaft eines Mobs zu befreien, mit dem verglichen der Mob des römischen Kaiserreichs eine Versammlung von Weisen und Helden war.«[2]

Wie ein solcher Mob von der herrschenden Oligarchie gegen Revolutionäre eingesetzt wird, ließ sich anläßlich der Angriffe desselben auf die Besetzer des Tahrir-Platzes in Kairo oder ein anderes Mal auf Gemeindemitglieder der koptische Kirche eindringlich beobachten.

Selbstverständlich lassen sich die von Marx und Engels geschilderten Einschätzungen nicht 1:1 auf unsere Großstädte übertragen, zumal der Kapitalismus in der Türkei inzwischen ein zahlreiches Proletariat hervorgebracht hat, das mit jenem Großstadtmob nicht identisch ist. Auf der anderen Seite ist die oben beschriebene Mentalität des »bevorrechteten« Muslims aber durchaus auch in den Köpfen bestimmter Angehöriger heutiger türkischer, kurdischer, libanesischer ‚Einwanderer‘ in Deutschland und der EU hängengeblieben, sodaß die in den 4 Sarrazin-Artikeln aufgemachte Gegenüberstellung von Hie der christliche deutsche Herrenmensch und Da der diskriminierte und unterdrückte Moslem allein schon deshalb nicht paßt, weil ein Angehöriger des moslemischen Großstadt-Mobs kaum eine Gelegenheit vorübergehen läßt, den christlichen deutschen ‚Schwuchteln‘ mal zu zeigen, wer hier das Sagen hat.

Beschränken wir uns auf einen derartig engen Argumentationszusammenhang, dann sind schematische Gegenüberstellungen wie: Arbeiteraristokratie – Lumpenproletariat, christliche ‚Herrenrasse‘ – islamische Herrenmenschen, Faschismus – Antifa, Zionismus – Antisemitismus usw. innerhalb eines solchen Dualismus nicht aufzulösen. Wir begeben uns zur Freude der (alten und neuen) Bourgeoisie und des imperialistischen Kleinbürgertums (Grüne und sonstige Gutmenschen), die in diesen Dualismen genußvoll leben und weben und sich dabei äußerst wohlfühlen, auf eine schiefe Ebene, auf der wir uns immer weiter von dem uns selbst gesetzten Anspruch entfernen, dazu eine revolutionäre Position zu beziehen. Als rettendes Ufer zeigt sich dann für gewöhnlich entweder die Philanthropie oder die wundersame Entdeckung eines neuen revolutionäres Subjekts, in diesem Fall des islamischen Großstadtmobs, dessen fragwürdiger Befreiungsanspruch dann noch ein wenig antifaschistisch aufgemotzt werden muß. Das ist eine prima Falle, die es den Kapitalisten erleichtert, von den wirklichen Klassenwidersprüchen abzulenken und sich diese auf höchst billige Art vom Halse zu schaffen.

Das kommt dabei heraus, wenn in einem Widerspruch die Extreme voneinander getrennt und verabsolutiert werden und jedes Extrem losgelöst (als Abstraktum) von dem ihm zugrunde liegenden Widerspruch, in diesem Fall der Trennung der unmittelbaren Produzenten von ihren Produktionsmitteln in Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht, für sich betrachtet wird.

Ihr habt die von Sarrazin herausgestellten Dualismen (z.B. die Extreme der Stereotype ‚fleißiger Deutscher‘ – ‚fauler Türke‘) nicht aufgelöst, indem Ihr ihnen auf den Grund gegangen wäret, sondern Ihr nehmt diese Dualismen zum Nennwert und kehrt die Extreme einfach in ihr Gegenteil um: christlicher deutscher »Herrenmensch«– türkischer, wegen seines Glaubens unterdrückter Moslem. Was dabei völlig unter den Tisch fällt, ist sowohl das Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital, das in dem Import türkischer ‚Gastarbeiter‘ in Erscheinung tritt, als auch das Verhältnis des ‚Immigranten‘ zum türkischen Staat.

Und was das deutsche Kapital betrifft, wäre in erster Linie von dessen ‚Wachstumswünschen‘ (Akkumulation) auszugehen, die nicht erst durch die türkischen ‚Gastarbeiter‘, sondern in den Jahrzehnten davor von 15 Millionen ‚Heimatvertriebenen‘ aus Osteuropa und von den sog. DDR-Flüchtlingen aus der ‚Sowjetzone‘ befriedigt wurden. Und nicht zufällig wurde im selben Jahr, als der Flüchtlingsstrom aus der DDR abbrach, in aller Stille das Abkommen der BRD mit der Türkei unterzeichnet (dessen Abschluß sich gerade zum 50. Mal jährt), mit dem das deutsche Kapital den Rahm auf dem türkischen Arbeitskräftepotential für sich abzuschöpfen verstand, wovon, wie wir nun erfahren, ein nicht geringer Teil in der süddeutschen Autoindustrie ‚Verwendung‘ fand und nicht etwa hauptsächlich als Müllwerker oder in anderen Jobs dieser Art. (Siehe die beiliegenden FAZ-Artikel [3]). Nicht zuletzt dadurch wurde die alte Hierarchie zwischen den Facharbeitern und den Zwangsarbeitern aus den 40er Jahren in abgewandelter Form wiederhergestellt, worin die Wurzeln für die Entstehung unserer heutigen Arbeiteraristokratie zu suchen sind. Ganz nebenbei konnte durch den kostengünstigen Import der ‚Gastarbeiter‘ für das Kapital die eigentlich fällige, aber auch teure Rationalisierung in der Autoindustrie um mehrere Jahre hinausschoben werden.

Als Anfang der 70er Jahre zum ersten Mal wieder eine deutlich wahrnehmbare Konjunkturkrise ausbrach, wurde von der sozialliberalen Regierung ein Anwerbestopp verhängt, der u.a. bewirkte, daß die ursprüngliche Zweckbestimmung der importierten Arbeitskräfte in den Hintergrund trat und aus den ‚Gastarbeitern‘ zunächst ‚Asylanten‘ und danach ‚Einwanderer‘ und ‚Immigranten‘ wurden.

Allerdings war Deutschland bis dahin kein ‚Einwanderungs-‘, sondern vom 13. Jahrhundert bis zu Hitlers faschistischem Weltkrieg ganz im Gegenteil ein ‚Auswanderungsland‘ gewesen. (Siehe z.B. Einleitung zur 2. Auflage der russischen Übersetzung des Manifests der kommunistischen Partei.[4]) Ein entscheidender Grund dafür, daß die verschiedenen Nachkriegs-Regierungen des deutschen Kapitals über kein den nächsten Tag überdauerndes politisches Konzept verfügten, was denn nach den 2 Jahren vertraglich vereinbarter ‚Gastarbeit‘ mit diesem Arbeitskräftepotential zu geschehen hatte, das dann planlos und sukzessive von ‚Gastarbeitern‘ zu ‚Ausländern‘, ‚Einwanderern‘, ‚Migranten‘ und schließlich zu ‚Mitbürgern‘ umgewidmet wurde. Die westdeutsche Linke hatte übrigens auch keins, höchstens, daß sie in den ‚Migranten‘ ein geeignetes Potential erkannt zu haben glaubte, um dem angeblich faschistischen deutschen Volkscharakter ein, wie sie glaubte, ‚anti-rassistisches‘ Pendant demographisch entgegenzusetzen…

Dies nur einige vorläufige Überlegungen, wie mit Sarrazins Muslim-Schelte historisch und materialistisch umzugehen wäre. (Seine Hartz-Vierer-Schelte müßte auf ähnliche Weise analysiert werden, was ich mir aber zunächst erspare. Dazu verweise ich auf BLogbuch 1 2010 und 3 2010, wo ich mich mit der Stellung der Linken u.a. zu Hartz IV beschäftige.[5] Die beiliegenden FAZ-Artikel zu dem Thema ‚Gastarbeiter‘ erklären dieses keineswegs sehr tiefschürfend, es lassen sich aber, wenn man das Kapitalverhältnis zugrunde legt, daraus gewisse Zusammenhänge entnehmen, die in Euren 4 Artikeln zu Sarrazins Buch kaum Erwähnung finden und woran auch der völlig abstrakt bleibende kommunistische ‚Schwanz‘ am Schluß des 4. Artikels nicht mehr viel ändert.

Abschließend möchte ich versuchen, bezogen auf die oben genannten methodischen Einwände die Ergebnisse  meiner Sarrazin-Lektüre zusammenzufassen:

Sarrazin betrachtet die muslimischen Einwanderer aus der Perspektive des deutschen Arbeiteraristokraten und Kleinbürgers (Wut- und Gutmenschen), der sich von ‚den‘ Türken – gemeint ist wohl eher die türkische Regierung, was er aber für sich behält – über den Tisch gezogen fühlt, weil diese über ‚uns‘ Deutsche den Bodensatz ihrer Gecekondus ausgeschüttet und sich dadurch eines drängenden Problems entledigt haben. Er betrachtet die muslimischen Einwanderer aber auch aus der Perspektive des deutschen Kapitals, dessen Regierung die Lieferung von gesunden möglichst nicht fortpflanzungswilligen Junggesellen (im produktivsten Lebensalter zwischen 20 und 30 Jahren) mit der Türkei vereinbart hatte, aber sehr bald einsehen mußte, daß es sich nicht rechnet, wenn man die gerade frisch eingearbeiteten ‚Gastarbeiter‘ nach 2 Jahren wieder in die Türkei zurückschicken soll. Also blieben ‚die Türken‘ hier, wogegen wiederum die Massenpresse ihre Hetztiraden losließ, obwohl durch einen hektisch verabschiedeten Einwanderungsstopp der Hauptzufluß der ‚Gastarbeiter‘ bereits wieder abgestellt worden war, diese jedoch eine durch den Familiennachzug eintretende Türkisierung Deutschlands drohen sah.

Im Zentrum von Sarrazins nicht enden wollender Frustration steht die von ihm ständig wiederholte Befürchtung, die er mit den verschiedensten Erklärungsversuchen und Statistiken zu untermauern sucht, daß sich ‚Deutschland‘ durch die Folgewirkung der allzu starken Fortpflanzungswilligkeit türkischer Familien zunehmend ‚entdeutschen‘ und seiner ethnischen Konsistenz berauben werde. Nun fragt sich nach fast tausend Jahren deutscher Auswanderung seit der Zeit der Ostkolonisation und der Rückkehr eines nicht geringen Teils der Nachkommen dieser Auswanderer in das Nachkriegsrestdeutschland nach 1945, was denn, rein ethnisch betrachtet, das typisch Deutsche an der autochthonen deutschen Bevölkerung ausmachen soll? Aber Sarrazin ist nicht so dumm, daß er diese Frage beantworten würde. Ihm geht es ausschließlich darum zu zeigen, das das moslemische »Herrenvolk« schrittweise von Deutschland Besitz ergreifen werde, wobei er verschweigt, daß dadurch lediglich das eine durch ein anderes »Herrenvolk« ausgetauscht würde.

Gegen dieses Argument wird in den 4 Aufsätzen nur linkes antifaschistisches und antirassistisches Geschimpfe losgelassen, ohne folgenden Trick in Sarrazins Argumentation wahrzunehmen, geschweige denn zu durchschauen:

1. Sarrazin unterschlägt die schlichte Tatsache, daß der Islam in der von ihm angestrebten politischen Form einen theokratischen Staat verlangt, in dem Religion und Politik zur despotischen Herrschaft verschmelzen müssen, daß aber ein solcher Staat mit der kapitalistischen Produktionsweise, die sich in den letzten zwei Jahrhunderten über die ganze Welt verbreitet hat, die islamischen Länder eingeschlossen, prinzipiell unvereinbar ist. Ausdruck dieser Unvereinbarkeit ist die Unmenge an islamischen Sekten, die der Islamismus, wenn es nach ihm ginge, zu einer einzigen ‚Staatskirche‘ vereinigen würde, wenn er denn könnte. Dagegen steht neben der Unvereinbarkeit der islamischen Theokratie mit dem Kapitalismus die Unterwanderung des Islam durch jene säkularen Lebensformen, die sich seit den Kulturrevolutionen der 70er Jahre über die Welt verbreitet haben und die, soweit sie mit den Interessen des Kapitals vereinbar sind, von der Bourgeoisie eingemeindet wurden. Der Islam liegt daher in einem Existenzkampf mit der, soweit mit den Bedürfnissen des Kapitals vereinbar, sich säkularisierenden bürgerlichen Gesellschaft, wie die Revolutionen in der arabischen Welt gegenwärtig eindringlich demonstrieren.

2. Sarrazin suggeriert aber seinen Lesern, ‚die Moslems‘ hätten sich dazu verschworen, die ‚deutsche Zivilisation‘ zu zerstören. Aber dies einmal unterstellt, wären als erste Adresse nicht ‚die Moslems‘, sondern die Staaten anzusehen, die ihre islamischen Gemeinden als ‚Staatskirche‘ zu organisieren und zu  beherrschen versuchen (z.B. die türkische Religionsbehörde Ditib im Auftrag der türkischen Regierung). Wenn aber letztlich eine ‚Staatskirche‘ hinter der von Sarrazin beschworenen islamischen ‚Invasion‘ steht, dann handelt es sich um höchst offizielle Politik, die wiederum Ausdruck der Konkurrenz zwischen den als Staaten organisierten Kapitalisten ist, d.h. der Konkurrenzkämpfe innerhalb der Weltbourgeoisie um einen der obersten Plätze in der Weltliga des Kapitalismus.

3. Ich muß nicht ausdrücklich hinzufügen, daß der staatlich betriebene Islamismus zugleich Ausdruck der Politik bestimmter Staaten und ihrer herrschenden Klassen ist (herausragendes Beispiel: Pakistan), um das Elend des Volkes mit dem Opium der Religion zu betäuben, bzw. die Ursachen der sozialen Widersprüche in diesen Ländern auf einen äußeren Feind zu projizieren, gegen den dann die Koranschüler (taliban) losgelassen werden. Wer heute von Faschismus redet, durch den die verelendeten Massen betäubt und ihre Empörung über die herrschenden Verhältnisse von den herrschenden Klassen abgelenkt werden soll, der kann diesen in seiner aktuellen Form in Südasien studieren.

4. Der Weltmarkt ist der Kampfplatz, auf dem die erbitterte Konkurrenz der Weltbourgeoisie ausgetragen wird, ein Kampf, der über das Gewicht, das die einzelnen Staaten einnehmen und deren Rangfolge momentan (noch) auf friedliche Weise entschieden wird. Werkzeuge in diesem Kampf sind die islamischen Gotteskrieger, die von der Weltpolizei des ‚Westens‘ in Gestalt ganzer Armeen (einschließlich Marines, GSG 9 usw.) in Schach gehalten werden. Sarrazin sieht in dieser globalen Auseinandersetzung ausschließlich eine gegen ‚die Deutschen‘ gerichtete Bedrohung, deren Überleben, folgt man seiner Darstellung, wie eine in ihrem Ökotop bedrohte Tierart zu verteidigen sei (nicht zufällig bezieht er den Kernbestand seiner Argumente aus Darwins On Man). Das demographische Gleichgewicht in diesem Ökotop mit Namen ‚Deutschland‘ droht durch das Übergewicht einer ständig von außen in dieses eindringenden Spezies, die sich wie ein Virus extrem schnell vermehrt, zerstört zu werden. Die eine Alternative zur Wiederherstellung des ursprünglichen Gleichgewichtes wäre ein Rassenkrieg, die andere, zur Herstellung eines neuen Gleichgewichts, die Förderung der Vermehrung der nicht mehr dominanten Spezies, um die rapide Vermehrung der Zuwanderer in diesem Ökotop auszugleichen. Sarrazins Buch ist ein flammende Aufruf an ‚die Deutschen‘, ihre Anstrengungen in diesem Sinne zu vergrößern, damit ihr Erbmaterial in dem deutschen Genpool qualitativ und quantitativ wieder zunimmt und dadurch verhindert wird, daß ‚Deutschland‘ sich selbst ‚abschafft‘.

5. Seit Hitlers hegemonistischem Rassenkrieg gegen den Rest der Welt ist die Lage der deutschen Bourgeoisie auf dem Weltmarkt noch immer ziemlich prekär. Der ‚rassenreine‘ Staat (die völkische Biokratie!) ist die ethnizistische Variante all jener von der Bourgeoisie unternommenen Anstrengungen zur (letzten Endes vergeblichen) Bewältigung der Widersprüche, von denen die kapitalistische Produktionsweise beherrscht wird, einschließlich des Widerspruchs zwischen der Lohnarbeit und dem Kapital. All jene zu diesem Zweck etablierten Staatsformen dienen in ihrer nicht erreichbaren Idealform dem Aufbau einer widerspruchsfreien kapitalistischen Gesellschaft. Jedoch ist die biokratische Idealform  nicht weniger als die theokratische mit den Widersprüchen, die der kapitalistischen Produktionsweise innewohnen, auf die Dauer nicht zu vereinbaren, weil die menschliche Gesellschaft sich nicht auf ein Ökotop reduzieren läßt.

An dieser Stelle beende ich vorerst meine Überlegungen zu Eurer Kritik an Sarrazins Buch. Fortsetzung folgt nach einer Antwort von Eurer Seite. (Es steht von meiner Seite eine Kritik u.a. an GdS 06-07 und 08/2011 aus, wozu einiges anzumerken wäre.) Nur noch eine Bemerkung zum Schluß, die ich für unaufschiebbar halte: nämlich Eure für mich äußerst ärgerliche Forderung, Sarrazins Buch auf den Index zu setzen. (Diese Forderung äußert Ihr auf S. 29 [6] zwar nicht explizit, aber wenn dort auf »verbrecherische Passagen« hingewiesen wird und Ihr Euch fragt, »wie weit ein Bundesbanker und SPD-Mitglied gehen kann, um Elemente rassistischer Ideologie und Nazi-Ideologie als öffentlich diskutierbare Ansichten in Massenmedien und politischen Parteien aller Art einzuführen – von „Bild“ bis Maischberger, von SPD bis NPD«, dann liegt eigentlich der Schluß nahe, daß ein solches Buch verboten werden muß.) Mit solchen unterschwellig geäußerten Verbotsforderungen, die sich letztlich an den bürgerlichen Staat richten, wird der ohnehin in Deutschland herrschende Mainstream bestätigt, alles, was in der öffentlichen Debatte diesem nicht in den Kram paßt, zu reglementieren, auszugrenzen und notfalls aus dem Weg zu räumen. Dahinter steht in Eurem Fall die Strategie des Stalinschen Antifa, d.h. die Anpassung des Kommunismus an das Harmoniestreben der Bourgeoisie und die Harmoniebedürfnisse der bürgerlichen Gesellschaft, die in der Selbstzensur ihren höchsten Ausdruck finden. Im Gegensatz dazu sollte unsere Aufgabe darin bestehen, das Proletariat in die Lage zu versetzen, solche Bücher in ihrem historischen Zusammenhang zu kritisieren und die darin herrschenden Gedanken als die Gedanken der herrschenden Klasse zu verstehen und zu entlarven, anstatt sich darauf zu beschränken, über ihren reaktionären Charakter laut zu schimpfen. Wer schimpft und nur laut schreit, hat Unrecht…!

Viele Grüße

[1] Gegen die Strömung November 2010 (Teill 1): Es geht nicht nur um Sarrazin; Dezember 2010 (Teil 2): Sarrazins Programm: „Konsequent durchgesetzter Arbeitszwang“; März 2011 (Teil 3): Sarrazins antiislamische und antimuslimische Hetze in der Pose des deutschen Herrenmenschen; Mai 2011 (Teill 4): Eugenik, Herrenmenschenideologie und Antikommunismus.

[2] Karl Marx; Friedrich Engels: Britische Politik – Disraeli – Die Flüchtlinge – Mazzini in London – Türkei, in: MEW 9, 8; (erschienen in der NYDT am 07.04.1853).

[3] FAZ 26.10.2011: Amerikanischer Druck und türkische Interessen. Deutschland schloß das Anwerbeabkommen nur zögerlich. FAZ 29.10.2011: Gastarbeiter. Die Kunst des Mißverstehens. Sie haben nicht Deutschland, sondern die Türkei gerettet. Warum vor 50 Jahren die ersten türkischen Gastarbeiter kamen und sie keine Opfer waren. FAZ 31.10.2011: Ganz unten. Vor fünfzig Jahren eröffnete die Bundesregierung türkischen Arbeitssuchenden die Möglichkeit, in Deutschland eine Beschäftigung aufzunehmen. Eine Bilanz.

[4] Karl Marx; Friedrich Engels: [Vorrede zur zweiten russischen Ausgabe des „Manifests der Kommunistischen Partei“] MEW 19 (295-305).
[5] BLogbuch 1 2010: Von Petrograd nach Heiligendamm – Zum Programmentwurf der Partei Die Linke; BLogbuch 3 2010: De Fall ‚Emmely‘: Ein Sieg der Linken über die Bourgeoisie – ein Pyrrhus-Sieg über das Kapital.

[6] Siehe die Broschüre von GdS: Es geht nicht nur um Sarrazin.


Ulrich Knaudt an H.B. (11.12.2011)

Betreff: INFIGHT

Lieber H., ich schicke Dir eine interessante Debatte zwischen Django Schins und mir. Nach unserer Diskussion im Herbst in Berlin über ähnliche Fragen hätte ich gern Dein Urteil über diese Debatte (wenn Dich auch Parteien nicht interessieren – aber es geht nicht nur um Parteien). Wie Du aus den E-Mails ersiehst, hat D.S. das Kriegsbeil zwischen uns begraben (KRITIK 1 und REAKTIONEN 2009), um einen neuen Anfang zu machen. Ich bin ohnehin nicht nachtragend. […] [1]

Außerdem bin ich mit D.W. so gut wie durch und wollte Dir einen Auszug aus meinen Exzerpten schicken; darin wird in nuce deutlich werden, worin sein Marx-Revisionismus, an einem exemplarischen Fall betrachtet, besteht. Ich habe [der Marx-Gesellschaft] angeboten, auf dem übernächsten Kolloquium, das sich mit dem Fetischcharakter [der Ware] beschäftigen wird, einen Vortrag über das Fehlen des Kapitalfetischs bei D.W. zu halten.

Gruß Ulli

[1] {Django Schins hatte nach längerer Unterbrechung wieder Kontakt zu mir aufgenommen, ohne daß sich im Verlauf unserer neuen Korrespondenz die bis dahin bestehenden Differenzen hätten klären lassen. Ganz im Gegenteil haben sich diese so weit zugespitzt, daß er es mir ausdrücklich untersagt hat, unsere E-Mails zu veröffentlichen. Was ihn nicht daran gehindert hat, mir gleichzeitig in regelmäßigen Abständen Bulletins über meinen geistigen Gesundheitszustand zuzusenden. EUK}


H.B an Ulrich Knaudt (24.12.2011)

Betr.: WG: NACHTRAG

Lies im K[APITAL Bd.] 1 (von S. 557) auch 563 und 564.

s. übrigens auch (noch mal) 527 ff., 529, 530.

Sind das nicht Grund-Quintessenzen der Kritik der politischen Ök. d. Kap. Schlechthin ? !

Gut Nacht.


Ulrich Knaudt an H.B. (25.12.2011)

Betr: RE: NACHTRAG

Hab ich gelesen. Sehr instruktiv und erhellend. Aber zuvor ist zu sagen, daß unsere Debatte, die erneut durch ihre Einheit in ihrer radikalen politischen Gegensätzlichkeit glänzte, mehr als erhellend war. Vielleicht haben wir es endlich auf den Punkt gebracht: Rettung der Menschheit durch diese selbst oder Rettung der Menschheit durch proletarische Revolution (wobei Rettung der Menschheit als Abfallprodukt der proletarischen Revolution als Haupt- und Staatsaktion in dieser Abstraktheit endgültig dem vorigen Jahrhundert angehört!).

Die proletarische Revolution als (Neben-)produkt der Haupt- und Staatsaktion aller Retter der Menschheit (O[ccupy] W[all] S[treet]-Bewegung bis Stuttgart 21) halte ich auf der anderen Seite für abgeschmackt und tendenziell sozialfaschistisch (leider eine Kategorie Stalins, obwohl passend) = salatgrüne und wutbürgerliche Kriminalisierung all dessen, was die Weltmarktinteressen des deutschen Kapitals und dessen Maximalprofit potentiell schädigen könnte (ionisierende Strahlung bis Tabakdampf).

Also kann die Befreiung der Menschheit von all dieser Sch… nur ein Nebenprodukt der proletarischen Weltrevolution sein. Aber halt! Es bleibt noch eine dritte Möglichkeit zu überlegen, nämlich daß in diesem Klassenkampf nach Marx (vielleicht kennst Du die Stelle) beide (!) miteinander kämpfende Seiten untergehen. Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Aber um eine solche Katastrophe zu vermeiden, ist erst recht eine proletarische Revolution angesagt, weil ‚die Menschheit‘ keine Klasse, sondern eine Totalität ist, in der sich verschiedene Klassen befinden, während sich das Kapital ‚nur‘ aus verschiedenen Kapitalisten zusammensetzt, die trotz ihrer Konkurrenz in konkreten Situationen diese vergessen (siehe P[ariser]K[ommune] oder Bürgerkrieg gegen Sowjetmacht).

Diesen qualitativen Unterschied im Klassencharakter beider Seiten kannst Du nicht einfach so vom Tisch wischen. Die Befreiung der Menschheit vom Kapital muß aus zwei entscheidenden Gründen durch eine revolutionäre Klasse erfolgen. Überleg‘ mal, ob du den spezifischen Zustand der deutschen Arbeiter als Nicht-Klasse (Klassenkonglomerat) nicht zum Maßstab für die heutige Bestimmung des Proletariats machst, was den üblichen Ökonomismus der deutschen Linken zwar negiert, aber nicht aufhebt.

Große Industrie und Agrikultur: Interessant, daß [Seite] 528 der gute Urquhart zitiert wird, den M[arx].u.E[ngels]. vor allem als Verbündeten gegen das russische Zarentum hochschätzten.[1] Seine Schwäche charakterisiert die gesamte heutige Umweltbewegung, die nicht über die Trennung der landwirtschaftlichen und Handelsinteressen hinauskommt, worin K.M. die »Stärken und Schwächen einer Art von Kritik« erkennt, »welche die Gegenwart zu be- und verurteilen, aber nicht zu begreifen weiß«. Wichtig ist auch noch der von K.M. festgestellte enge Zusammenhang von bäuerlicher Agrikultur und Manufaktur.

Diesen Zusammenhang nicht entdeckt und fruchtbar gemacht zu haben (bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Errungenschaften der Großindustrie, soweit vorhanden), ist eines der Hauptprobleme der Transformationsfrage in der S[owjet]U[nion] gewesen.[2] Die russischen Manufakturbetriebe sind jedenfalls aus der bäuerlichen Hauswirtschaft hervorgegangen und haben diesen Boden, wie sich historisch zeigen läßt, nie endgültig verlassen, woran die Großindustrie auf diesen Gebieten wie Textilindustrie häufig gescheitert ist. Das hat erst das sowjetische Staatskapital zwangsweise vollzogen. (Müßte bei Fortsetzung meiner Vortragsreihe als Grundlage behandelt werden.)

Verwandlung von Wert resp. Preis der Arbeitskraft in Arbeitslohn: hier stellt K.M. die Frage zum Wertgesetz, die D.W[olf]. uns immer so gerne stellt und beantwortet sie mit einem Satz (557): der Wert der Ware ist gegenständliche Form (!!!!) der in ihrer Produktion verausgabten gesellschaftlichen Arbeit.[3] Ich werden diesen Satz jetzt nicht interpretieren. Eine weitere Wichtige Bestimmung zum WG (559): die Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werte, aber sie selbst hat keinen Wert (sondern die Arbeitskraft).[4] Der nächste Absatz ist besonders wichtig für mich und meine These von der bewußten Verwendung von Paradoxien in den ersten Drei Kapiteln von KAP I. Der Ausdruck „Wert der Arbeit“ ist ein imaginärer Ausdruck (weil nur die Arbeitskraft einen Wert hat). Dann der entscheidende Satz, der meine Behandlung von [Das] KAP[ital] [Bd.]I. [Abschnitt]I direkt unterstützt: »Diese imaginären Kategorien entspringen jedoch aus den Produktionsverhältnissen selbst. (!) Sie sind Kategorien für Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse. Daß in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen, ist ziemlich in allen Wissenschaften bekannt, außer in der politischen Ökonomie.« Und bei D.W[olf].! Die Fußnote 26 [S. 559] wäre eine interessante Kritik an D.W.s Behauptung, die Paradoxien seien einfach nur ‚Metaphern‘…[5]

Ich muß hier leider Schluß machen, weil die Weihnachtsgans verspeist werden muß. Ich werde wohl doch eine Zusammenfassung meiner Erkenntnisse über D.W.s wert-lose Werttheorie zusammenbasteln.

Tschüß Ulli

[1] Karl Marx: Das Kapital I, MEW 23, 528: »Mit dem stets wachsenden Übergewicht der städtischen Bevölkerung, die sie in die großen Zentren zusammenhäuft, häuft die kapitalistische Produktion einerseits die geschichtliche Bewegungskraft der Gesellschaft, stört sie andrerseits den Stoffwechsel zwischen Mensch und Erde, d.h. die Rückkehr der vom Menschen in der Form von Nahrungs- und Kleidungsmitteln vernutzten Bodenbestandteile zum Boden, also die ewigen Naturbedingungen dauernder Bodenfruchtbarkeit. Sie zerstört damit zugleich die physische Gesundheit der Stadtarbeiter und das geistige Leben der Landarbeiter. [Fn.] Aber sie zwingt zugleich durch die Zerstörung der bloß naturwüchsig entstandenen Umstände jenes Stoffwechsels ihn systematisch als regelndes Gesetz der gesellschaftlichen Produktion und in einer der vollen menschlichen Entwicklung adäquaten Form herzustellen.«

[Fn.:] »„Ihr teilt das Volk in zwei feindliche Lager, plumpe Bauern und verweichlichte Zwerge Lieber Himmel! Eine Nation, zerspalten in landwirtschaftliche und Handelsinteressen, nennt sich gesund, ja hält sich für aufgeklärt und zivilisiert, nicht nur trotz, sondern gerade zufolge dieser ungeheuerlichen Trennung“. (David Urquhart: Familiar Words, London 1855, S. 119). Diese Stelle zeigt zugleich die Stärke und Schwäche einer Kritik, welche die Gegenwart zu be- und verurteilen, aber nicht zu begreifen weiß.«

[2] DEBATTE 3 Vortrag und Nachtrag.
[3] Karl Marx: Das Kapital I, MEW 23, 559: »Aber was ist der Wert einer Ware? Gegenständliche Form der in ihrer Produktion verausgabten gesellschaftlichen Arbeit. Und wodurch messen wir die Größe ihres Werts? Durch die Größe der in ihr enthaltnen Arbeit. Wodurch wäre also der Wert z.B. eines zwölfstündigen Arbeitstags bestimmt? Durch die in einem Arbeitstag von 12 Stunden enthaltnen 12 Arbeitsstunden, was eine abgeschmackte Tautologie ist. Um als Ware auf dem Markt verkauft zu werden, müßte die Arbeit jedenfalls existieren, bevor sie verkauft wird. Könnte der Arbeiter ihr aber eine selbständige Existenz geben, so würde er Ware verkaufen und nicht Arbeit.«

[4] Ebenda: »Was dem Geldbesitzer auf dem Warenmarkt direkt gegenübertritt, ist in der Tat nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. Was letztrer verkauft, ist seine Arbeitskraft. Sobald seine Arbeit wirklich beginnt, hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören, kann also nicht von ihm verkauft werden. Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werte, aber sie hat keinen Wert. Im Ausdruck „Wert der Arbeit“ ist der Wertbegriff nicht nur völlig ausgelöscht, sondern in sein Gegenteil verkehrt. Es ist ein imaginärer Ausdruck, wie etwa der Wert der Erde. Diese imaginären Ausdrücke entspringen jedoch aus den Produktionsverhältnissen selbst. Sie sind Kategorien für Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse. Daß in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen, ist ziemlich in allen Wissenschaften bekannt, außer in der politischen Ökonomie.«
[5] Ebenda, Fn. 26: »Solche Ausdrücke dagegen für bloße licentia poetica [dichterische Freiheit] zu erklären, zeigt nur die Ohnmacht der Analyse. Gegen Proudhons Phrase: „…der Wert der Ware ist ein figürlicher Ausdruck etc.“ bemerke ich [in ders.: Misère de la philosophie] daher: „Er sieht in der Ware Arbeit, die eine furchtbare Realität ist, nur eine grammatische Ellipse…“«.


H.B an Ulrich Knaudt (26.12.2011)

Betr.: AW: NACHTRAG

Lieber Ulrich,

[…]
 – nur ganz ganz kurz:

in Deinem ersten Absatz finde ich mich in keinem Satz wieder. Ich frage mich, mit wem du überhaupt die nächtliche ‚Debatte‘ geführt hast, wenn nur derart hinlänglich Abgeschmacktes verblieben sein sollte. Obendrein ein arger Rückfall in die unsinnige Gegenüberstellung der Interessen von „(proletarischem) Klassenkampf versus Gattung …

»Das Zugleich beider widerlegt weder das eine noch das andre so wenig wie es den Widerspruch zwischen beiden aufhebt …« (mein Mail v. 23.05.11, S. 2). [1] Hätte doch Unser ‚Brennglas‘ – für die verschiedenen Ebenen und ihren Sphären – den Punkt ihrer notwendigen Verbindung zu fokussieren!

Zu Deinem zweiten Absatz: »Diese imaginären Kategorien …«; sie beginnen schon auf der ersten Seite des [Marxschen] Kapitals mit dem »Übersinnlichen« als der »Form« bzw. den »Formen« des Werts bzw. Tauschwerts als »Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse«, der »Produktionsverhältnisse selbst«. Das ganze Kapital ist eine Explikation, eine Abhandlung derselben. Jene Verhältnisse bedingen die Existenz der Gattung in Widerspruch zu ihrem eigentlichen Wesen – idealiter, nach bürgerlicher Lesart, und ebenso nach revisionistischer, stalinistischer, objektiv allerdings, nach Marx!  – der eigentliche antagonistische, nichtdialektische Widerspruch: eine »gesellschaftliche Teilung der Arbeit … ist Existenzbedingung der Warenproduktion, obgleich Warenproduktion nicht (Herv. v. mir) umgekehrt die Existenzbedingung gesellschaftlicher Arbeitsteilung ist« (K[apital], S. 56) – in einem künftig möglichen Kommunismus, wo der »Widerspruch«, jener Antagonismus zwischen der Daseinsweise, der »Existenz« der Gattung und ihrem »Wesen« aufgehoben ist.

Nur so lässt sich ‚Kommunismus‘, mit Marx, als die »objektive Bewegung« begreifen und praktisch dafür eintreten. Ansatzpunkte, an allen Ecken und Enden, gibt’s mittlerweile, heutzutage, zu Hauf, allerdings mit ein wenig ‚Phantasie‘, die jenen, was ihn ausmacht, antizipiert, und davon ausgehend die empirische Wirklichkeit analysiert.

Inhallier doch mal [MEW] EB I, S. 533 – 546 »Privateigentum und Kommunismus«, zum »Widerspruch« zwischen »Existenz«/»Wesen« oder nochmal [MEW ]Bd. 2, [Die] Hl.Fam[ilie]., S. 32 ff., 36-38, demgegenüber zur Hegelschen Ein-Wesens-Logik am Beispiel »Frucht« S. 59 ff. oder oder…

Bis ein ander Mal,

H.

[1]  Im Mail vom 23.5. konnte ich die Einheit der Bewegung / Entwicklung von Klassenkampf- und Gattungslogik insoweit auf den Punkt bringen, als ich ausdrückte,
‒ daß das »eine nicht gegen das andere zu verabsolutieren / zu negieren« ist und
‒ [daß] »das Zugleich beider weder das eine noch das andre so wenig [widerlegt] wie es den Widerspruch zwischen beiden aufhebt.«


Ulrich Knaudt an H.B. (27.12.2011)

Lieber H.,

höchst bedauerlich, daß ich aus Deiner Mail den gleichen entrüstet belehrenden Tonfall heraushöre, mit dem der linke Oberlehrer für gewöhnlich seinem Gesprächspartner klarzumachen versucht, daß hier die Grenze zwischen dem, was gut für ihn sei und dem, was es nicht mehr sein soll, überschritten wurde. (Ich hatte Dir den Schriftwechsel zum Thema ‚Proletariat‘ eigentlich nicht in der Absicht geschickt, daß Du von D.S. lernen mögest, wie man sein Gegenüber am besten in die Pfanne haut, sondern ganz bestimmt aus anderen Gründen…) Auch habe ich von unserer nächtlichen Debatte kein Gesprächsprotokoll angefertigt, sondern unseren Dissens auf den Punkt zu bringen versucht, an welchem wir politisch auseinanderstreben – oder -liegen – wie Du willst, verbunden mit der Frage, wohin die gemeinsame Reise gehen sollte.

Wenn Du Dich in meinem „ersten Absatz in keinem Satz“ wiederfindest, tut es mir herzlich leid. Das einzig Positive, was an der ‚Volksfront‘ des deutschen Wutbürgers gegen das Kapital als positiv zu vermerken wäre, ist vielleicht, daß diesem ad hominem ein wenig Ökonomie beigebracht werden wird, woraus er lernen könnte, daß es eine Bank war, der er seine Ersparnisse ‚anvertraut‘ hat und keiner Wohltätigkeitsorganisation. Als Sozialfaschismus würde ich eine Politik bezeichnen, die darauf aus ist, aus der Summe der Wutbürger eine Allianz gegen ‚das Kapital‘ zu schmieden. Heute sind für den Sozialfaschisten ‚die Reichen‘ das, was Anfang der 30er Jahre das ‚jüdische Kapital‘ war.

Wenn für Dich der Widerspruch zwischen Wesen und Existenz der Gattung eine entscheidende Rolle spielt, dann solltest Du auch die politischen Formen mitbuchstabieren, worin dieser Widerspruch von Auschwitz bis GuLag zum Ausdruck gekommen ist und heute in den chinesischen und nordkoreanischen Straflagern und den Containern der Gangsterregimes von Gaddafi bis Assad seine Fortsetzung gefunden hat. Die bürgerliche (früher: revisionistische – wenn Dir das noch ein Begriff ist…) Linke interpretiert diesen Widerspruch nicht nur unpolitisch, indem sie ihn auf die Verbrechen der Nazis reduziert, sie hat es auch sehr gut verstanden, ihn jeglichen Klassencharakters zu berauben. Und wenn Du die Gattungsfrage auf ihre rein philosophische Bedeutung beschränkst, ohne diese, so sie jedem ins Auge sticht (stechen müßte!) politisch zu konkretisieren, betreibst Du deren Entpolitisierung ebenfalls voran.

Das Marxsche KAP ist kein politisches Pamphlet, aber auch keine „Erklärung“ (D.W[olf].) des Kapitalismus, sondern eine wissenschaftliche Arbeit, die die Etikette der bürgerlichen Wissenschaft dadurch durchbricht, daß sie darin als Wissenschaft beim Wort genommen wird in dem vollen Bewußtsein, daß sie getrieben von dem Zwang der Verhältnisse immer weiter von ihren wissenschaftlichen Grundsätzen abdriften und sich dabei in unlösbare Widersprüche verstricken mußte, die Marx ihr mit aller logischen Konsequenz vor die Nase hält und ihre geheiligten Prinzipien dabei ad absurdum führt. Der Kapitalismus wird darin nicht, wie viele glauben, widerlegt, sondern vorgeführt. Das ist es auch, was Gemütssozialisten auf den Spuren Proudhons oder Bakunins nicht in den Kopf geht und was die revolutionäre Benutzung dieses großen wissenschaftlichen Werks (wofür es letztlich geschrieben wurde!) von seiner philosophischen oder vulgärökonomischen Interpretation unterscheidet. Das bedeutet, daß sich daraus nicht, wie vielleicht noch aus den Frühschriften, der Kommunismus unmittelbar ableiten läßt. Dazu bedarf es der politischen Vermittlung (durch die Marxsche Partei zu Marxens Lebzeiten, die danach keine adäquate Fortsetzung mehr gefunden hat). Indem Du daraus aber so etwas wie eine direkte Ableitung des Kommunismus versuchst, verharrst Du in den alten Fehlern der westdeutschen Linken, die die Ersten Drei Kapitel [des I. Bandes des Kapital] nie anders begriffen hat denn als bereits in diesem Stadium der Argumentation völlig ausgefeilte Kapitalismuskritik. Übrigens benutzt Du den Begriff des „Übersinnlichen“ genauso undialektisch wie D.W. Sowohl in Zur Kritik [der politischen Ökonomie] als auch im Ersten Kapitel [von Kapital I] spricht Marx vom „sinnlich Übersinnlichen“ bei der Verwandlung des G[ebrauchs]werts in den T[ausch]wert im Wechsel aus der Hand des Bäckers in die des hungrigen Käufers und nicht nur vom „Übersinnlichen“ als solchem. Damit gelangst Du auf direktem Weg in »die Nebelwelt« der Religion, [1] d.h. Du fügst Dich gemeinsam mit D.W. willig dem Warenfetisch.

Ich begreife die [Marxschen] Frühschriften als Ausdruck einer philosophischen Revolution, die mit den Feuerbachthesen auf den Begriff und zu Ende gebracht worden ist. In Paris wird Marx zum ersten Mal mit dem Proletariat als Alltagserscheinung der bürgerlichen Gesellschaft konfrontiert, das in Deutschland noch in seinem äußersten Extrem in Gestalt der aufständischen Weber vorzufinden war. Dieses Umschlagen von der Philosophie in die Politik, von einer philosophischen zur proletarischen Revolution, vom Gefühlssozialismus zur bewußt und politisch gewollten Parteilichkeit drückt sich auch in unserem Dissens aus, also darin, ob die Rettung der Menschheit als ein Abfallprodukt der proletarischen Revolution (oder umgekehrt) zu bestimmen sei bzw. ob die Bourgeoisie als Klasse (von Washington über Moskau bis Peking) vielleicht auch durch eine pseudo-proletarische Revolution vor den Widersprüchen, in die das Kapital unlösbar verstrickt ist, möglicherweise durch ein linkes Projekt errettet wird (die anderen Formen des Faschismus sind uns bestens bekannt – eine solche Form noch nicht!).

Ich habe die Anregungen aus unserer gemeinsamen Lektüre von Teilen der Frühschriften immer als mehr denn nur ‚anregend‘ empfunden; aber wir gehen, wie es scheint, immer noch aus einander entgegengesetzten Himmelsrichtungen an diese heran. Für mich befestigen die Frühschriften das Terrain, auf dem man einen großen Schritt zurück machen muß, um die Bedeutung der Marxschen Partei zukünftig in ein neues Licht zu stellen. Für Dich sind sie Dein Ein und Alles, was aber verhindert, den Sprung vom philosophischen zum politischen Marx zu vollziehen.

(Lenin schrieb in seinem „Testament“ Ende 1922 bis Anfang 1923, daß die Partei der Bolschewiki große Schuld auf sich geladen habe, weil sie den proletarischen Internationalismus so geringschätzig behandelte, was dazu führen werde, daß sie ihren proletarischen Charakter verliert. Übrigens erinnert man sich heute in der FAZ auf den Tag genau der Gründung der SU vor 90 und ihrer Auflösung vor 20 Jahren.[2] Etwas Vergleichbares wie zu den klassenbewußtlosen Bolschewiki ließe sich über die westdeutsche Linke sagen, die es allerdings nie auch nur in die Nähe des Leninschen proletarischen Internationalismus gebracht hat, da sie erstens nicht begriff, was das überhaupt ist, und zweitens seine Bedeutung in ihren Augen immer nur ein kümmerlicher Abklatsch dessen war, was die Nachfolger Lenins unter der ‚Wahrnehmung der historischen Rolle der Arbeiterklasse‘ verbreitet haben, um ein günstiges Klima für den großrussischen Großmachtchauvinismus und Welthegemonismus zu erzeugen. Da diese Bastardform des proletarischen Internationalismus bei ihr nicht über den Antiamerikanismus hinausgekommen ist, werden kluge Historiker ihr vielleicht eines Tages ins Stammbuch schreiben, daß sie vor dem internationalen Proletariat und der deutschen Arbeiterklasse ebenfalls große Schuld auf sich geladen hat, weil sie den internationalen Klassenkampf mit klassischem Antiamerikanismus und Anti-Okzidentalismus verwechselt habe. Dieser Verrat würde aber nicht nur das internationale Proletariat, sondern die ganze Menschheit betreffen und dazu führen, daß diese unter Beteiligung der inzwischen gesamtdeutschen Linken in eine asiatische Form der Sklaverei geführt wird, die sich von der faschistischen Sklaverei nicht wesentlich unterscheiden würde.

Wenn Du schon den Widerspruch zwischen Wesen und Existenz der Gattung an die Stelle des Widerspruchs zwischen dem Kapital und den unmittelbaren Produzenten setzt, solltest Du auch die politischen Formen mitbuchstabieren, in denen dieser von Auschwitz bis Sibirien und heutzutage in den chinesischen und nord-koreanischen Straflagern und unter den gangsteristischen Mörderregimes in Gaddafis Libyen und Assads Syrien zum Ausdruck gekommen ist oder gerade zum Ausdruck kommt.)

Diese Absätze wollte ich eigentlich streichen, aber inzwischen denke ich, daß sie sehr gut den Inhalt unseres Gesprächs von neulich Nacht zum Ausdruck bringt, das bei Dir soviel Unbehagen ausgelöst hat. Wie weiter?

Wir haben einen großen Fehler gemacht (teilweise aus Zeitmangel), daß wir die Widersprüche z.B. in der Nationalen Frage oder zum Antiimperialismus der 70er Jahre oder zu Coletti haben stehen lassen. Das rächt sich nun, da ich hoffte, in Berlin einigermaßen kompakt der geballten Front des ‚Revisionismus‘, vertreten durch Harbach und D.W., gegenübertreten zu können. Es bleiben nur noch die Spontaneität und wechselnde Koalitionen, und das ist als Basis eher wie eine Wanderdüne.

Marx bezeichnete das von den reaktionären Teilungsmächten des Wiener Kongresses politisch vernichtete Polen als eine notwendige Nation; in Analogie dazu würde ich Lenin als einen ‚notwendigen Revolutionär‘ bezeichnen.

Damit wünsche ich Dir alles Gute für das Neue Jahr.

Ulli

[1] Karl Marx: Das Kapital I, MEW 23, 86: »Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelwelt der Religion flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit Leben begabte, untereinander und mit dem Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten.«
[2] Da die Sowjetunion am 30. Dezember 1922 gegründet wurde, liegt dieses Ereignis Ende 2011 nicht 90, sondern 89 Jahre zurück.

3 Kommentare

  1. Erstellt am 24. Dezember 2016 um 03:38 | Permanent-Link

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  2. Erstellt am 11. Februar 2017 um 19:58 | Permanent-Link

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  3. Erstellt am 13. Februar 2017 um 20:00 | Permanent-Link

    Sziasztok!Örülök, ha a videó élményt nyújtott! Ez volt vele a cél, ha már nem tudtatok ott lenni.Évi!A "szerkezet" erre a célra készített eszköz, ami lényegében a hagyományos pásztorbothoz hasonló funkciót látot el, csak itt nem a birka lábát kaptuk el vele, hanem a gólyafiókákét. ;-)Kedves Irénke!Jövőre még nagy valószínűséggel nem jönnek vissza. Majd 2-3 év múlva, s utána várható, hogy valahol fészkelni kezdenek. De addig még sok veszély leselkedik rájuk.Reméljük, hogy szerencsések lesznek az életük során!

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