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BLogbuch 1 2009: Was haben die Arbeiterklassen mit dem Iran zu tun?

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Inhalt

1863 gab es in Polen einen Aufstand gegen das russische Zarentum, das dieses Land nach dem Sieg der Heiligen Allianz über Napoleon 1815 bis auf einige schmale Happen, die an die Komplicen Österreich und Preußen gingen, komplett dem großrussischen Imperium einverleibt hatte. Es war nicht der erste, es sollte aber für längere Zeit der letzte Aufstand dieser Art gewesen sein.


Rußland grenzte damit direkt an Deutschland. Dort hatte der Zar in Preußen einen verläßlichen Haushund gefunden, der ihm die revolutionären Bestrebungen, die von Deutschland hätten ausgehen können, vom Leib hielt.


Marx und Engels hatten frühzeitig erkannt, daß der Sieg der
Heiligen Allianz unter Führung des russischen Zarentums über Napoleon ohne die Beherrschung Polens nur die Hälfte wert gewesen wäre. Für sie war damit die sog. Polenfrage von vornherein mit der revolutionären Situation in Deutschland und Europa verkoppelt. Anläßlich der 20. Wiederkehr des Aufstandes von Krakau (gegen die Teilungsmacht Österreich) hielt Friedrich Engels 1867 auf einer Solidaritätsveranstaltung in London einen Vortrag unter der Überschrift: »Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun?«.


Ließe sich die gleiche Frage nicht auch in Bezug auf die gegenwärtigen Demonstrationen im Iran stellen?


Ein Unterschied zu damals besteht im positiven Sinne darin, daß der Iran heute kein von einer fremden Macht besetztes Land ist, ein anderer dagegen, daß es in Europa keine revolutionäre Arbeiterbewegung gibt, die sich mit der während des polnischen Aufstands 1864 gegründeten und von Marx und Engels entscheidend mit vorangetriebenen
Internationalen Arbeiterassoziation vergleichen ließe.


Eine Gemeinsamkeit gibt es dennoch: wie schon das russische Zarentum seit Peter I. seine sozialen Widersprüche (Leibeigenschaft der Bauern) durch den Export von ‚Revolutionen’ nach Westeuropa zu kompensieren hoffte, versucht auf ähnliche Weise das heutige Regime im Iran wegen der unaufhebbaren politischen und gesellschaftlichen Rückständigkeit dieses Landes die Flucht nach vorn in eine islamistische soziale Revolution anzutreten und diese in die Nachbarländer zu exportieren. In dem ‚neuen kalten Krieg’ zwischen der angeblich anti-kapitalistischen ‚Dritten Welt’ und dem kapitalistischen ‚Westen’ setzt die iranische Führung auf eine Konfrontation mit der westlichen Zivilisation Europas und den USA, die wegen der mit der kapitalistischen Produktionsweise einhergehenden Widersprüche bei den rückständigsten Massen im Iran und der muslimischen Welt bisher auf gewisse Sympathien treffen konnte.


Dieser ‚neue kalte Krieg’ wurde 2001 durch den Angriff von wahabitischen Gotteskriegern auf ein Symbol des Kapitalismus in den USA eingeleitet. Die Wahabiten eint mit dem Führer der iranischen Massenarmut, Ahmadineschad trotz der erbitterten Gegnerschaft ihrer Sekten zueinander der gemeinsame Wunsch, die bürgerliche Gesellschaft von der Erdoberfläche zu tilgen und an deren Stelle die Weltherrschaft des Islam zu setzen.


Als Vorwand für den von beiden Regimes praktizierten Staatsterrorismus dient der Kampf gegen das hauptsächlich von den USA finanzierte kolonialistische Projekt Israel, dem jedoch diese Barbaren trotz aller verurteilenswerten Verbrechen, die der Zionismus gegen das arabische Volk der Palästinenser begangen hat, in zivilisatorischer Hinsicht nicht das Wasser reichen können. Für diese islamistischen Regimes sind die Völker, denen sie sich in den Nacken gesetzt haben und aus denen heraus einzelnen Privilegierten die hohe Gnade zuteil wird, als Kamikaze ihr Leben zu opfern, nicht mal den Dreck wert, den sie sich nach der Verwirklichung ihrer Welteroberungspläne von der Chalaba klopfen würden.


Dagegen ist die Mehrheit der iranischen
Bevölkerung, die sich um den Wahlsieg ihrer Kandidaten betrogen sieht, aufgestanden. Sie haben meine Stimme gestohlen! rufen die Demonstranten. Und einer erzählt einem westlichen Korrespondenten: Und Ahmadineschad kanzelte uns alle als unbedeutende Staubkörner ab, (aber) heute sind wir so viele Staubkörner, daß wir einen Berg bilden.


Da die Propheten nicht zum Berg kommen wollen, kommt jetzt der Berg zu den Propheten: Die iranischen Studenten, die Intelligenz und nicht Wenige aus den südlichen Armenvierteln Teherans sowie Teile des westlich orientierten Klerus sind nicht mehr bereit, unter einem System Ahmadineschad weiterzuleben. Sie verlangen, und das nicht zum ersten Mal in der iranischen Geschichte, ein an westlichen Maßstäben orientiertes politisches System und darüber hinaus, daß die orientalische Erdöl-Despotie einer winzigen Clique, die den Reichtum des Landes unter sich aufgeteilt hat und die sich von ihren Wachhunden, den Pasdaran und der Basidsch-Miliz
gegen das Volk schützen läßt, beendet wird.


Die in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegen das Schah-Regime wirksame Parole ‚Allahu akbar‘ wird heute erneut des Nachts von den Dächern gerufen. Das erinnert an das Revolutionsjahr 1905, als sich vor dem Zarenpalast in St. Petersburg die Rufe der dort zusammengeströmten russischen Bauern ‚Gott schütze den Zaren!‘ für selbigen Zaren so bedrohlich anhörten, daß er befahl, auf die Bauern zu schießen. Leider wird die Ironie, die sich mit den Lobpreisungen Allahs in den nächtlichen iranischen Städten verbindet, nicht ständig vorhalten; das ist bedauerlich, weil sich dabei häufig die Gelegenheit bietet, das Übermaß an religiöser Wohlgefälligkeit mit dem Ruf: ‚Tod dem Diktator!‘ zu verbinden…


Von den im Iran noch verbliebenen westlichen Journalisten wurde übrigens noch eine weitere nächtliche Parole registriert: ‚Tod Rußland!‘

Quellen: FAZ 15.06. und 16.06.2009.

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