Die russische Bauerngemeinde und Westeuropa »

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Inhalt

In einem ersten Versuch zur Bestimmung der Wendepunkte, die in den Klassenkämpfen seit dem Manifest der kommunistischen Partei (KM) eingetreten sind, soll die Positionsänderung, die Marx in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts in der Einschätzung der Rolle der russischen Dorfgemeinde vollzogen hat, analysiert werden. Diese Positionsänderung wird in Briefen an die Redaktion einer russischen Zeitschrift und an eine russische Revolutionärin deutlich, die erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden.
In der revolutionären Strategie von Marx und Engels hatten die russischen Bauern bis dahin eher die Rolle eines bewußtlosen Werkzeugs der Außenpolitik des russischen Zarentums eingenommen, das von außen auf die Klassenkämpfe in Westeuropa Einfluß zu nehmen suchte, um im Zusammenspiel mit den europäischen Großmächten, bestochenen deutschen Territorialfürsten und einzelnen Vertretern der deutschen Linken den kontinentalen Status quo aufrechtzuerhalten.
Mit der sog. Bauernemanzipation des Jahres 1861 hatte sich diese Konstellation schlagartig verändert und Marx veranlaßt, sich intensiver mit den Verhältnissen in Rußland zu befassen. Dabei mußte er auch in seiner bisherigen Einschätzung des archaischen Kommunismus der Dorfgemeinde, der von der russischen linken Opposition dem dekadenten Westen als revolutionäre Alternative entgegengehalten wurde, eine Neubewertung vornehmen.
Im Vorwort zur Neuübersetzung des KM wird daher die Frage gestellt, ob das russische Gemeineigentum am Boden zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung in Rußland werden könne. In einem solchen Fall wäre das bisherige Hinterland der europäischen Konterrevolution zum Vorreiter der Weltrevolution geworden. Die Anfrage einer frisch zum „Marxismus“ konvertierten russischen Revolutionärin liefert den Anlaß für die Briefentwürfe, in denen Marx die Quintessenz seiner Forschungen zur russischen Dorfgemeinde als dem letzten noch intakt gebliebenen Überbleibsel einer ursprünglich in ganz Europa und Asien verbreitet gewesenen gemeinschaftlichen Produktionsform, in mehreren Anläufen zu formulieren versucht.
Diese Briefentwürfe sind deshalb von so überragender Bedeutung, weil Marx bis auf das genannte Vorwort zum KM nichts mehr zu diesem Thema veröffentlicht hat. Deren Kernaussage ist, daß im Gegensatz zu der in Westeuropa stattgefundenen sogenannten „ursprünglichen Akkumulation“ nicht eine Form des Privateigentums in eine andere verwandelt wurde, sondern das gemeinschaftliche Eigentum der russischen Bauern in Privateigentum verwandelt werden soll. Um die drohende Vernichtung dieser Produktionsform durch die Liberalen solange wie möglich hinauszuzögern, plädiert Marx für einen russischen Sonderweg zum Sozialismus, den er solange für möglich hielt, wie diese Produktionsform durch den aufkommenden Kapitalismus noch nicht so vollständig zersetzt war, daß sie nach dem zu erwartenden Sturz des Zarentums wiederbelebt werden konnte.
Daraus ergibt sich eine grundlegende Differenz zum jungen Lenin, der als frisch gebackener „Marxist“ in den 90er Jahren alles daransetzt, um die russischen Revolutionäre mit allen Mitteln seiner genialen Überredungskunst von dem Irrtum zu heilen, daß der Kampf für die Aufrechterhaltung der Dorfgemeinde noch irgendeinen Sinn macht. Allerdings kannte Lenin nur die o.g. Einleitung zum KM. Die Briefentwürfe wurden erst Anfang der 20er Jahre veröffentlicht. Ob das an seiner radikalen Ablehnung der Ansichten der Volkstümler in dieser Frage viel geändert hätte, ist aber unwahrscheinlich. Fakt bleibt, daß die russische Dorfgemeinde in der Februarrevolution von 1917 ihre unerwartete Wiederauferstehung erlebte, allen zuvor stattgefundenen Versuchen des Zarentums zum Trotz, die russischen Bauern nach westeuropäischem Muster in Parzellenbauern zu verwandeln. Die von Lenin gegen Ende seines Lebens angestellten Überlegungen zur nachholenden Zivilisierung der russischen Gesellschaft kamen nicht nur zu spät, sie hatten auf seinen Hauptgegenspieler Stalin lediglich die Wirkung, daß dieser mit jenem Überbleibsel des archaischen Kommunismus endgültig kurzen Prozeß machte, indem er das Gemeineigentum der Dorfgemeinde in das kollektive Privateigentum der im Entstehen begriffenen neuen Klasse der Nomenklatura verwandelte.
Daher bleibt es müßig, sich heute vorzustellen, welche Auswirkungen eine andere als die Stalinsche (End-)Lösung der „Bauernfrage“ auf die revolutionäre Entwicklung in der restlichen Welt hätte haben können. Wenn wir uns heute die Zukunft der Menschheit vor Augen führen, haben aber auch die vergeblichen Träume vielleicht doch eine tiefere Bedeutung.

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Wozu die Auseinandersetzung über die elementaren Streitpunkte? »

Bei den folgenden „historisch-materialistischen Momentaufnahmen“[1] handelt es sich im Kern um die Untersuchung der Geschichte der partei Marx – natürlich nur im übertragenen Sinn, da diese keine organisatorische Kontinuität aufweist, wie sie Parteien der bürgerlichen Arbeiterbewegung gewöhnlich für sich in Anspruch nehmen. Dabei wird nicht um die Ergänzung oder Verbesserung der akademischen Geschichtsschreibung angestrebt, sondern das Anbringen von Markierungen für den Weg aus dem Sumpf der Konterrevolution von außen, vor allem aber von innen als historischer Aufriß, der nach Bedarf ergänzt und erweitert werden wird.

Die partei Marx wird sich nur an den Resultaten ihrer eigenen Geschichte (wieder-) erkennen, vor allem an der daraus gewonnenen Klarheit über die historischen Differenzen innerhalb der partei Marx selbst, im scharfen Kontrast sowohl zu den post-’stalinistischen‘ Revisionisten als auch den anti-’stalinistischen‘ Liquidatoren, – den linken Revisionisten, die sich mit dem Untergang ihres rot getünchten zaristischen Imperiums Ende des letzten Jahrhunderts nicht abfinden und als Erfüllung ihrer sozialistischen Sehnsüchte die europäische Arbeiterbewegung auf dessen Wiedererrichtung einschwören wollen; den rechten Liquidatoren, die, wie die Autoren des Schwarzbuchs des Kommunismus, angesichts der angeblich glänzenden Entwicklung des Kapitalismus die Oktoberrevolution schlichtweg für überflüssig erklären, wobei sie deren revolutionären Terrorismus einfach mit dem gegen die sowjetische Gesellschaft und das Leninsche Projekt gerichteten Staatsterrorismus Stalins auf eine Stufe stellen (eine einfachen Negation, mit der sie der Stalinschen Denkweise voll und ganz verhaftet bleiben).

Nur auf der Grundlage von Anatomie-Kursen im historisch-materialistischen „Spatzen-Sezieren“ (Mao Tse-tung) wird eine revolutionäre Strategie, die sich von derjenigen der bürgerlichen Arbeiterbewegung grundsätzlich unterscheidet, erörtert werden können – zumal fast alles, was heute nach Arbeiterbewegung aussieht, bürgerliche Arbeiterbewegung ist, deren Kursprogramme kaum irgendeine Abwechslung im Jahrzehnte lang eingeübten ‚Klassenkampf‘-Curriculum erkennen lassen. Hier gibt es viel zu tun.[2]

Aber das ist nur der eine Teil der Wahrheit. Denn die auf die Selbstreflexion der partei Marx orientierte ‚Geschichtsschreibung‘ wird unbedingt ergänzt werden müssen durch eine Kritik der Politischen Ökonomie des Sozialismus des 20. Jahrhunderts, worin das Marxsche Kapital ausnahmsweise nicht, wie so häufig, als theoretische Grundlage dazu mißbraucht wird, den „feudalen Sozialismus“ als ‚Realen Sozialismus‘ zu legitimieren, sondern ausgehend von den ökonomischen Tatsachen dahin zu gelangen, den spezifischen Ausbeutungscharakter dieser Produktionsform theoretisch zu enthüllen. Ohne eine solche, zumindest in ihren Grundzügen zu leistende Kritik sind alle neuen Träume vom Sozialismus reine Schimären.


[1] Vgl. den eine Diskussions-Veranstaltung der Sozialistischen Studienvereinigung in Frankfurt sehr gut zusammenfassenden Bericht „partei Marx“ (Vortrag und Diskussion) 10.07.2002. Veranstaltung mit E. U. Knaudt (Bochum) über seine Thesen zur Kontroverse: „Von der ‚partei Marx‘ zur internationalen Assoziation“, nachzulesen unter: Kritik 1 Anhang 2

[2] Dies als vorläufige Antwort auf die im Veranstaltungsprotokoll, Bericht „partei Marx“…, aufgeworfenen Fragen: „3. wurde der Bogen zum Projekt „partei Marx“ revolutionstheoretisch nicht immer sichtbar“ und „5. wurde von daher besonders der direkte Aufweis vermißt: welche Bedeutung hat all das … Rekonstruktionswerk in Zuspitzung auf aktuelle Globalkrise und neuen Konstellation für einen Anlauf der neu-proletarischen Weltrevolution.“?

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Keinen Schritt vorwärts ohne zwei Schritte zurück! »

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Ausgehend von dem Sieg der Konterrevolution über die proletarische Revolution in Rußland werden die bisherigen Rekonstruktionsversuche dieser politischen Katastrophe durch den „Marxismus“ für gescheitert erklärt. Dafür stehen die unaufgearbeiteten Streitpunkte, die mit Hilfe des Projekts partei Marx u.a. folgende Fragen zu klären haben:

  • das Fortwirken der „revolutionären Mission“ des zaristischen Rußland in der Stalinschen Konterrevolution;
  • der von Stalin mit der sog. Nationalen Frage verbundene linke Sozialimperialismus;
  • der davon durchdrungene antifaschistische Widerstand, der als Endergebnis zur weiteren Expansion des neuen großrussischen Zarentums geführt hat;
  • der antiimperialistische Befreiungskampf der Völker der „Dritten Welt“, der an der Kontamination der nationalen Bourgeoisie durch den linken Sozialimperialismus scheitern mußte.

In diesem Zusammenhang wäre auch der herrschende Mainstream des rechten und linken Ethnizismus aufzuarbeiten.

Die partei Marx arbeitet nicht an der Gründung einer „marxistischen“ Gegenpartei gegen die Parteigründungsversuche der post-DDR-Nomenklatura oder der politisch Bankrott gegangenen Parteibildungskonzepte der ehemaligen westdeutschen Linken. Dagegen läßt sich nicht bestreiten, daß die kritische Durchdringung des Wesens der kapitalistischen Produktionsweise durch die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie (Das Kapital) nach dem Zusammenbruch des „Realen Sozialismus“ erst heute wirklich wahr und endgültig bestätigt worden ist.

Die Führungsmacht der Weltbourgeoisie versinkt immer tiefer im Sumpf weltweiter Rassenkriege, die sie unter dem Bruch des Völkerrechts gegen Angriffe des islamistischen Ethnizismus (Bin Ladin) und des linken Sozialimperialismus (Milosević u.a.) führt. In der sogenannten „Dritten Welt“ will der „Westen“ nach dem Untergang der der Sowjetunion keine bürgerlichen Nationen neben sich dulden, die sich zu seinen Konkurrenten emporarbeiten könnten. Die Befreiung des Irak von seinem orientalischen Despoten wird daher von ihr als Rassen- und nicht als Befreiungskrieg des irakischen Volkes geführt. Nicht nur, weil die westdeutsche Rest-Linke meint, Bin Ladin als „Antiimperialisten“ feiern zu müssen, haben die Leninsche Imperialismustheorie und seine „Revolution von oben“ jegliche politische Existenzberechtigung verloren.

Dies spätestens seit 1934, als sich mit Stalins Putsch gegen das eigene ZK Lenins Revolution „von oben“ in eine Konterrevolution „von innen“ verwandelt hat. Louis Bonapartes Putsch gegen Proletariat und Bourgeoisie hat in Stalin und Hitler gelehrige Schüler gefunden. Aus diesem tödlichen Zirkel, der sich als Wahl zwischen Pest und Cholera, zwischen der konterrevolutionären („zweiten“) Revolution Stalins und der revolutionären Konterrevolution Hitlers darstellt, werden sich die Parteigänger der Marxschen Partei nur durch eine Revolution in Permanenz und durch „zwei Schritte zurück“ zu Marx und Engels befreien können.

Nicht nur den USA, auch der westdeutschen Rest-Linken ist der Elfte September auf die Füße gefallen. Ihre „geniale Taktik“, den Feind ihres Feindes USA in Gestalt des Islamismus als Freund oder zumindest als taktischen Verbündeten zu betrachten, muß dazu führen, daß die Menschheit sich eines Tages in einer modernen Sklavenhaltergesellschaft wiederfindet, die die sehr viel subtilere kapitalistische Lohnsklaverei an Brutalität um einiges überträfe. In ihrer absoluten Feindschaft gegen die USA macht sich die westdeutsche Rest-Linke zu Feinden der Menschheit.

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Ein Gespenst geht um in Europa! »

… Aber der Kommunismus des XX. Jahrhunderts ist zum Gespenst seiner selbst geworden und was mit ihm seither umgeht, ist einzig sein notorisch schlechter Ruf bei den Proletariern aller Länder.

Der Kapitalismus, zerfressen von seinen inneren Widersprüchen, steht erneut vor einer Menschheitskatastrophe, aber die Totengräber in seinen Hochburgen, die diese verhindern könnten, befinden sich im Streik.

An ihrer Stelle drückt der proletarisierte under dog seinen Protest gegen das regierende linke bürgerliche Establishment in Wählerstimmen für populistische Seelenfänger aus, während von der ‚Peripherie‘ her das panislamistische Mittelalter mit einer tiefreaktionären Kulturrevolution seinen ‚Antikapitalismus‘ als Kampf gegen die ‚westliche Zivilisation‘ zum ‚heiligen‘ Endsieg führen will.

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