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Anhang 3

J.W. Stalin:
Über Engels Artikel ‚Die auswärtige Politik des russischen Zarentums’

Die PDF-Datei enthält detailierte Angaben über die Herkunft der Quellen und die verschiedenen Übersetzungen von Teilen des Textes:

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Mit Zusendung des Artikels von Engels ‚Die auswärtige Politik des russischen Zarentums’ an die Mitglieder des Politbüros des ZK halte ich es für erforderlich, diesem folgende Bemerkungen voranzuschicken.

Genosse Adoratski schlägt vor, in der nächsten, dem zwanzigsten Jahrestag des imperialistischen Weltkriegs gewidmeten Nummer des Bolschewik den bekannten im Jahre 1890 zum ersten Mal im Ausland veröffentlichten Artikel von Engels ‚Die auswärtige Politik des russischen Zarentums’ abzudrucken. Ich würde es für durchaus normal halten, wenn man vorschlüge, diesen Aufsatz in einem Sammelband der Schriften von Engels oder in einer der historischen Zeitschriften abzudrucken. Man schlägt uns aber vor, ihn in unserer Kampfzeitschrift, im Bolschewik in einer Nummer abzudrucken, die dem zwanzigsten Jahrestag des imperialistischen Weltkriegs gewidmet ist. Folglich ist man der Meinung, daß dieser Artikel als ein richtunggebender oder jedenfalls als ein Aufsatz zu betrachten sei, der für unsere Parteiarbeiter vom Standpunkt der Klärung der Probleme des Imperialismus und der imperialistischen Kriege außerordentlich lehrreich sei. Ungeachtet seiner Vorzüge hat jedoch Engels’ Artikel, wie aus seinem Inhalt ersichtlich ist, diese Qualitäten leider nicht. Mehr noch, er weist eine Reihe von Mängeln auf, die den Leser, wenn der Artikel ohne kritische Bemerkungen veröffentlicht wird, verwirren können.

Darum halte ich es für unzweckmäßig, den Artikel von Engels in der nächsten Nummer des Bolschewik zu veröffentlichen.

Aber um welche Mängel handelt sich?

1. Nachdem Engels die expansionistische Politik des russischen Zarentums kritisiert und das Verabscheuenswürdige dieser Politik gebührend gewürdigt hat, erklärt er diese nicht nur mit dem ‚Drang’ einer kriegerisch-feudalistisch-kaufmännischen Elite Rußlands nach Zugängen zum Meer, nach Seehäfen, nach der Erweiterung des Außenhandels und der Einnahme strategischer Stützpunkte, sondern vor allem damit, daß angeblich an der Spitze der russischen Außenpolitik eine äußerst einflußreiche und talentierte Clique ausländischer Abenteurer stehe, die aus unerfindlichen Gründen immer und überall mit Erfolg operiert, der es auf wundersame Weise gelingt, jedes beliebige Hindernis auf dem Weg zu ihren abenteuerlichen Zielen zu beseitigen und alle europäischen Regierungen geschickt an der Nase herumzuführen und die es schließlich erreicht hat, daß Rußland in militärischer Hinsicht zum mächtigsten Staat geworden ist.

Eine solche Behandlung dieser Frage mag aus dem Mund von Engels mehr als unwahrscheinlich erscheinen, aber sie ist leider eine Tatsache.

Hier die entsprechenden Zitate aus dem Aufsatz von Engels:

»Die auswärtige Politik ist unbedingt die Seite, wo das Zarentum stark, sehr stark ist. Die russische Diplomatie bildet gewissermaßen einen modernen Jesuitenorden, mächtig genug, im Notfall selbst zarische Launen zu überwinden und der Korruption in seinem eignen Innern Herr zu werden, um sie desto reichlicher nach außen auszustreuen; einen Jesuitenorden, rekrutiert ursprünglich und vorzugsweise aus Fremden, Korsen wie Pozzo di Borgo, Deutschen wie Nesselrode, Ostseedeutschen wie Lieven, wie seine Stifterin Katharina II. eine Fremde war.

Bis jetzt hat nur ein Vollrusse, Gortschakow, die höchste Stelle in diesem Orden bekleidet, und sein Nachfolger, von Giers, trägt wieder fremden Namen. Es ist diese ursprünglich aus fremden Abenteurern rekrutierte geheime Gesellschaft, die das Russische Reich auf seine gegenwärtige Machtfülle gehoben hat. Mit eiserner Ausdauer, unverrückt den Blick auf das Ziel geheftet, vor keinem Treubruch, keinem Verrat, keinem Meuchelmord, keiner Kriecherei zurückschreckend, Bestechungsgelder mit vollen Händen austeilend, durch keinen Sieg übermütig, durch keine Niederlage verzagt gemacht, über die Leichen von Millionen Soldaten und wenigstens eines Zaren hinweg, hat diese talentvolle Bande mehr als alle russischen Armeen dazu beigetragen, die Grenzen Rußlands vom Dnepr und der Dwina bis über die Weichsel, bis an den Pruth, die Donau und das Schwarze Meer, vom Don und der Wolga bis über den Kaukasus und zu den Quellgebieten des Oxus und Jaxartes vorzuschieben, Rußland groß, gewaltig, gefürchtet zu machen und ihm den Weg zur Weltherrschaft zu eröffnen.«.

Man könnte meinen, daß in der Geschichte Rußlands – in seiner Außen-Geschichte – die Diplomatie alles, die Zaren, Feudalherren, Kaufleute und all die anderen sozialen Gruppen dagegen – nichts oder so gut wie gar nichts bedeutet haben.

Man könnte meinen, daß, wenn an der Spitze der russischen Außenpolitik keine ausländischen Abenteurer wie Nesselrode oder Giers gestanden hätten, sondern russische Abenteurer wie Gortschakow und andere, daß dann auch die russische Außenpolitik einen anderen Weg eingeschlagen hätte.

Ich spreche schon gar nicht davon, daß diese expansionistische Politik mit all ihrer Verabscheuenswürdigkeit und all ihrem Schmutz keineswegs ein Monopol der russischen Zaren darstellte. Jeder weiß, daß diese expansionistische Politik – in geringerem, wenn nicht größerem Umfang – Königen und Diplomaten aller europäischen Staaten zu eigen war, einschließlich der bürgerlichen Ausgabe eines Kaisers wie Napoleon, der, ungeachtet seiner nicht-kaiserlichen Abstammung in seiner Außenpolitik Intrigen, Betrug, Verrat, Schmeichelei, Greueltaten, Bestechung, Mord, Brandstiftung problemlos praktiziert hat.

Nun ja, es konnte auch nicht anders sein.

Offenbar hat sich Engels in seinem Pamphlet gegen das russische Zarentum (und der Artikel von Engels – ist ein gutes polemisches Pamphlet) ein wenig hinreißen lassen und für einen winzigen Augenblick einige grundlegende, ihm aber wohlbekannte Dinge vergessen.]

2. Engels charakterisiert die Lage in Europa und legt die Ursachen und Perspektiven des herannahenden Weltkriegs dar; er schreibt:

»Die heutige europäische Lage wird beherrscht von drei Tatsachen: 1. der Annexion von Elsaß-Lothringen an Deutschland, 2. dem Drang des zaristischen Rußlands nach Konstantinopel, 3. dem in allen Ländern immer heißer entbrennenden Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie, dessen Thermometer die überall im Aufschwung begriffene sozialistische Bewegung ist.

Die ersten beiden bedingen die heutige Gruppierung Europas in zwei große Heerlager. Die deutsche Annexion macht Frankreich zum Bundesgenossen von Rußland gegen Deutschland, die zarische Bedrohung Konstantinopels macht Österreich, selbst Italien zu Bundesgenossen Deutschlands. Beide Lager rüsten für einen Entscheidungskampf, für einen Krieg, wie ihn die Welt noch keinen gesehn, wo zehn bis fünfzehn Millionen Kämpfer einander in Waffen gegenüberstehen werden. Nur zwei Umstände haben bis heute den Ausbruch dieses furchtbaren Krieges verhindert: erstens der unerhört rasche Fortschritt der Waffentechnik, der jedes neuerfundene Gewehrmodell durch neue Erfindungen überflügelt, ehe es nur bei einer Armee eingeführt werden kann, und zweitens die absolute Unberechenbarkeit der Chancen, die totale Ungewißheit, wer aus diesem Riesenkampf schließlich als Sieger hervorgehen wird.

Diese ganze Gefahr eines Weltkriegs verschwindet an dem Tag, wo eine Wendung der Dinge in Rußland dem russischen Volk erlaubt, durch die traditionelle Eroberungspolitik seiner Zaren einen dicken Strich zu machen und sich mit seinen eignen, aufs äußerste gefährdeten innern Lebensinteressen zu beschäftigen, statt mit Weltherrschaftsphantasien.

…daß eine russische Nationalversammlung, um nur die dringendsten inneren Schwierigkeiten zu überwinden, sehr bald allem Drängen nach neuen Eroberungen einen entscheidenden Riegel vorschieben muß.

Europa gleitet wie auf einer schiefen Ebene mit wachsender Geschwindigkeit abwärts, dem Abgrund des Weltkriegs von bisher unerhörter Ausdehnung und Heftigkeit entgegen. Nur eins kann hier Halt gebieten: ein Systemwechsel in Rußland. Daß er binnen wenig Jahren kommen muß, daran kann kein Zweifel sein.«

Man kann nicht umhin zu bemerken, daß in dieser Charakteristik der Lage Europas und in der Aufzählung der Ursachen, die zum Weltkrieg führen, ein wichtiges Moment außer acht gelassen wurde, das dann eine entscheidende Rolle gespielt hat, und zwar das Moment des imperialistischen Kampfes um Kolonien, um Absatzmärkte, um Rohstoffquellen, das schon damals von sehr ernster Bedeutung war; es wurde außer acht gelassen die Rolle Englands als eines Faktors des kommenden Weltkriegs, das Moment der Widersprüche zwischen Deutschland und England, der Widersprüche, die schon damals von ernster Bedeutung waren und dann eine fast bestimmende Rolle in der Entstehung und Entwicklung des Weltkriegs spielten.

Ich glaube, daß dieses Versäumnis den Hauptmangel des Engelsschen Artikels darstellt.

Aus diesem Mangel entspringen die übrigen Mängel, unter denen die folgenden hervorzuheben nötig wäre:

a) Die Überschätzung der Rolle des Dranges des zaristischen Rußlands nach Konstantinopel im Heranreifen des Weltkriegs. Wohl hat Engels als Kriegsfaktor anfangs die Annexion von Elsaß-Lothringen an Deutschland an die erste Stelle gesetzt, aber dann schiebt er dieses Moment in den Hintergrund und die Eroberungsbestrebungen des russischen Zarismus in den Vordergrund, wobei er behauptet, daß die »ganze Gefahr eines Weltkriegs an dem Tag verschwindet, wo eine Wendung der Dinge in Rußland dem russischen Volk erlaubt, durch die traditionelle Eroberungspolitik seiner Zaren einen dicken Strich zu machen«.

Das ist natürlich eine Übertreibung.

b) Die Überschätzung der Rolle der bürgerlichen Revolution in Rußland, die Rolle der »russischen Nationalversammlung« (bürgerliches Parlament) bei der Verhütung des herannahenden Weltkrieges. Engels behauptet, der Sturz des Zarismus sei das einzige Mittel zur Verhütung des Weltkriegs. Das ist eine offensichtliche Übertreibung. Eine neue, | bürgerliche Ordnung

in Rußland mit ihrer »Nationalversammlung« hätte den Krieg schon deswegen nicht verhüten können, weil die Haupttriebfedern des Krieges in der Ebene des imperialistischen Kampfes zwischen den entscheidenden imperialistischen Mächten lagen. Es handelt sich darum, daß seit der Niederlage Rußlands in der Krim (in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts) die selbständige Rolle des Zarismus auf dem Gebiet der Außenpolitik Europas bedeutend zu sinken begann, und kurz vor dem imperialistischen Weltkrieg spielte das zaristische Rußland im wesentlichen die Rolle einer Hilfsreserve für die Hauptmächte Europas.

c) Die Überschätzung der Rolle der zaristischen Macht als der »letzten starken Festung der gesamteuropäischen Reaktion« (Engels’ Worte). Daß die zaristische Macht in Rußland eine starke Festung der gesamteuropäischen (und auch der asiatischen) Reaktion war – darüber kann es keinen Zweifel geben. Aber daß sie die letzte Festung dieser Reaktion war – das ist mit Verlaub zu bezweifeln.

Es ist notwendig festzustellen, daß diese Mängel des Engelsschen Artikels nicht nur „historischen Wert“ haben. Sie haben auch eine sehr wichtige praktische Bedeutung oder mußten sie haben. In der Tat: Wenn der imperialistische Kampf um Kolonien und Einflußsphären als Faktor des herannahenden Weltkriegs außer acht gelassen wird, wenn die imperialistischen Widersprüche zwischen England und Deutschland ebenfalls außer acht gelassen werden, wenn die Annexion Elsaß-Lothringens an Deutschland als Kriegsfaktor in den Hintergrund, der Drang des russischen Zarismus nach Konstantinopel als der wichtigste und sogar bestimmendste Kriegsfaktor aber in den Vordergrund geschoben wird, wenn schließlich der russische Zarismus die letzte Stütze der gesamteuropäischen Reaktion ist – ist es dann nicht klar, daß ein Krieg – sagen wir – des bürgerlichen Deutschlands gegen das zaristische Rußland kein imperialistischer, kein räuberischer, kein volksfeindlicher Krieg, sondern ein Befreiungskrieg oder fast ein Befreiungskrieg ist?

Es ist kaum zu bezweifeln, daß ein analoger Gedankengang den Sündenfall der deutschen Sozialdemokratie am 4. August erleichtern mußte, als sie beschloß, für die Kriegskredite zu stimmen und die Losung der Verteidigung des bürgerlichen Vaterlandes gegen das zaristische Rußland, gegen die „russische Barbarei“ usw. verkündete.

Es ist charakteristisch, daß Engels in seinen 1891 geschriebenen Briefen an Bebel (ein Jahr nach der Veröffentlichung seines Artikels), in | denen er die Perspektiven des herannahenden Krieges behandelt, direkt sagt, daß »der Sieg Deutschlands also der Sieg der Revolution ist«, daß er schreibt, »wenn Rußland Krieg anfängt, druf auf die Russen und ihre Bundesgenossen, wer sie auch seien«.

Es ist verständlich, daß bei einem solchen Gedankengang kein Raum ist für den revolutionären Defätismus, für die Leninsche Politik der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg.

So steht es mit den Mängeln des Engelsschen Artikels.

Offenbar war Engels von dem damals (1890/91) sich anbahnenden französisch-russischen Bündnis, das seine Spitze gegen die österreichisch-deutsche Koalition richtete, beunruhigt und steckte sich das Ziel, in seinem Artikel die Außenpolitik des russischen Zarismus zu attackieren und der öffentlichen Meinung Europas und vor allem Englands jedes Vertrauen zu ihr zu nehmen. Aber bei der Verfolgung dieses Ziels ließ er eine Reihe anderer wichtiger und sogar bestimmender Momente außer acht, was eine Einseitigkeit des Artikels zur Folge hatte. Lohnt es sich nach all dem Gesagten, Engels’ Artikel in unserem Kampforgan, dem Bolschewik, als einen richtunggebenden oder jedenfalls höchst lehrreichen Artikel abzudrucken? Denn es ist doch klar, daß eine Veröffentlichung im Bolschewik bedeuten würde, ihn stillschweigend gerade als solchen zu empfehlen.

Ich denke, es lohnt sich nicht.

19. Juli 1934

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