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VORTRAG Das Wertgesetz und der Sozialismus des 20. Jahrhunderts (Ulrich Knaudt)

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DEBATTE 3 Wertgesetz und Sozialismus Vortrag
DEBATTE 3 Zusammenfassung
DEBATTE 3 Nachtrag
DEBATTE 3 Anhang 1
DEBATTE 3 Anhang 2
DEBATTE 3 Anhang 3
DEBATTE 3 Anhang 4

Inhalt

Das Marxsche Kapital wurde letztlich für die unmittelbaren Produzenten geschrieben und wird diesen zur Verfügung stehen, wenn sie früher oder später die gesellschaftliche Produktion selbst in die Hand nehmen; denn es enthält entscheidende Hinweise darauf, wie Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht, im Prinzip funktionieren und sich historisch entwickelt haben.

In Evgenii Preobraženskijs Buch aus den 20er Jahren Die neue Ökonomik wird ein solcher Versuch theoretisch durchgespielt, der deshalb von größtem Interesse ist, weil sich darin die Borniertheit, mit der die Bolschewiki an der gesellschaftlichen Produktion gescheitert sind, getreulich widerspiegelt. Denn im Zentrum seines Buches steht die Frage, wie für die industriell zu entwickelnde Sowjet-Wirtschaft im Ringen mit und im Kampf gegen die Bauern, vom Autor als »ursprüngliche sozialistische Akkumulation« bezeichnet, die Voraussetzungen für die Akkumulation in der sowjetischen Industrie – ebenfalls auf Kosten der Bauern – geschaffen werden können. Dabei bleibt die andere mögliche Überlegung, wie dieser Krieg gegen die Bauern durch Kooperation mit ihnen hätte vermieden werden können, von vornherein außer Betracht.

Im 24. Kapitel des Ersten Bandes des Kapital wird der Prozeß der Enteignung der westeuropäischen Bauern durch Kapitalisten und kapitalistische Grundbesitzer von Marx analysiert. Nachdem diese gestürzt wurden, muß die Sowjetmacht den Kampf gegen das Wertgesetz durchführen, das Preobraženskij in der (a)sozialen Existenz des russischen Bauern verkörpert sieht. Diese Einschätzung der Bauern(frage) befindet sich im Widerspruch zu den Marxschen Briefentwürfen an Vera Zasulič, in denen die russische Dorfgemeinde zum Kernelement der sozialistischen Entwicklung in Rußland erklärt wird. Geht man von dieser Analyse aus, steht Preobraženskijs Vorhaben von vornherein vor unlösbaren Problemen…

Die Untersuchung über das Wertgesetz und den Sozialismus ist in 4 Abschnitte gegliedert:

  • die Entwicklung der russischen Dorfgemeinde (commune rurale) vor 1917
  • der Krieg gegen das Wertgesetz als Krieg gegen die russische Dorfgemeinde
  • die russische Dorfgemeinde als Kernelement des Sozialismus in Rußland
  • die Behandlung des Widerspruchs zwischen Wertgesetz und Sozialismus durch die Bolschewiki in den 20er Jahren.

 

1. Wie von Orlando Figes in seinem Buch Die Tragödie eines Volkes eindringlich beschrieben, gelang den Bolschewiki im Bürgerkrieg (1918-1921) gegen die Weißen nur in Ausnahmefällen die Bauern auf ihre Seite zu bringen. Hauptgrund war die Fortsetzung der Requisitionen, die sich kaum von denen des Zarentums im 1. Weltkrieg unterschieden oder sogar noch brutaler und radikaler durchgeführt wurden. Das Ergebnis war die große Hungersnot 1921/22. Daher hatte die Reaktion gestützt auf die Kulaken im russischen Dorf leichtes Spiel, den Bauern das Gesetz des Handelns zu diktieren.

2. Preobraženskijs Wirtschaftskonzept ist eine Fortsetzung der Politik der Bolschewiki gegenüber den Bauern, die den beschönigenden Namen Kriegskommunismus erhielt; nur, daß der Raub an den Bauern danach nicht mehr durch außerökonomische Gewalt, sondern mithilfe ökonomischer ‚Hebel‘ erfolgen sollte. Als Repräsentanten des Wertgesetzes vertreten nach Preobraženskij die Bauern, die auf Kosten der Maschinen im Sozialismus fortexistieren, das mittelalterliche Asiatentum und die Barbarei; reaktionäre Überbleibsel, die durch die Ökonomie des ungleichen Tausches aus der Sowjetwirtschaft eliminiert werden sollen. Dieses Konzept erweist sich als Vorbote der als Zweite Revolution euphemistisch bezeichneten wenige Jahre später stattfindenden Zwangskollektivierung der Bauern durch Stalin.

Wie das Instrument des ungleichen Tausches funktioniert, das, wie sich sehr bald zeigen sollte, zwangsläufig zur Verelendung der Bauernbevölkerung führen mußte, wird in Preobraženskijs Buch, in all seinen Konsequenzen, zu denen der Autor allerdings unfreiwillig gelangt, vorgeführt. Seine Behauptung, mit der Zerschlagung des Wertgesetzes höre auch die Arbeitskraft auf, eine Ware zu sein, ist, von einem zynischen Standpunkt aus betrachtet, durchaus zutreffend, weil die Bauern nun nicht einmal mehr ihre Arbeitskraft, sondern nur noch sich selbst in die Schuldknechtschaft der Kulaken und Großbauern (die, wenn es nach Bucharin ging, sich so schnell als möglich hätten bereichern sollen) verkaufen können, um das Saatgetreide für das nächste Frühjahr zu erbetteln.

Preobraženskij setzt alles auf die eine Karte der Entwicklung der Großíndustrie, die, sobald sie erst einmal akkumulieren würde, auch die nötigen Sickereffekte erzeugen werde, die schließlich im russischen Dorf hätten ankommen müssen. Die angebliche Konfrontation des »16. bis 18. Jahrhunderts mit den höchsten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts«, die durch die Liquidierung des Wertgesetzes zugunsten des 20. Jahrhunderts entschieden werden soll, erweist sich als Scheinwiderspruch, da diese Konfrontation nur durch die schrittweise Verwandlung des wiedererstarkten archaischen Kommunismus der Dorfgemeinde (in der das Wertgesetz bisher nur an der Oberfläche wirksam gewesen war) in eine moderne genossenschaftliche Produktion unter der Diktatur des Proletariats überwunden werden konnte.

3. Die Motive, die Marx zu den Briefentwürfen seiner Antwort an Vera Zasulič veranlaßt haben, sind zunächst äußerst rätselhaft. Es könnte vermutet werden, daß Marx nach der Niederschlagung der Pariser Commune von der russischen commune rurale das Signal für eine Revolution in Westeuropa und in Rußland erwartete, wobei »das jetzige russische Gemeineigentum am Boden zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung« hätte werden können. Diese Überlegung gründet aber auf einer Lesart des 24. Kapitels des Kapital, die sich im Gegensatz zu derjenigen Preobraženskijs gerade nicht auf die russische Dorfgemeinde anwenden läßt. In Rußland habe, schreibt Marx in seiner Antwort an Zasulič, anders als im 24. Kapitel beschrieben, keine ursprüngliche Akkumulation durch Enteignung von Privateigentümern durch Privateigentümer stattgefunden. In Rußland soll vielmehr das Gemeineigentum in Privateigentum umgewandelt werden. Auf der Grundlage ihres Gemeineigentums könne daher die commune rurale zum »Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Rußlands« werden.

Anstatt sich dieses Stützpunktes zu bedienen, wurde die seit der Februarrevolution 1917 aus den Resten der russischen Dorfgemeinde allmählich wieder aufgeblühte commune rurale von den Bolschewiki zerschlagen und statt dessen die Errichtung von Produktionsgenossenschaften dekretiert, die, weil sie sich hauptsächlich aus vom Hunger auf das Land getriebenen Angehörigen der städtischen Mittelschichten rekrutierten, sehr schnell wieder eingingen. In den Wäldern an der Mittleren Wolga und in Kronstadt mußte schließlich die Diktatur des Proletariats oder was davon übrigblieb vor dem Proletariat gerettet werden.

4. Preobraženski gerät aber nicht nur mit Marx und der russischen Dorfgemeinde, sondern zu guter Letzt mit der Marxschen Kritik am Gothaer Programm in Konflikt, wenn er zwischen dem Kapitalismus und der ersten Stufe des Kommunismus eine weitere Zwischenstufe meint einfügen zu müssen, die als nicht-mehr-kapitalistisch, aber noch-nicht-sozialistisch zu bezeichnen wäre. Nun hat Marx in jener Kritik… für die erste Stufe des Kommunismus die Überlegung angestellt, daß gerade weil die Arbeitskraft keine Ware mehr ist, dort die Verteilung der genossenschaftlich produzierten Konsumtionsmittel unter den Genossen entsprechend der geleisteten Arbeitsmenge nach dem Äquivalenzprinzip (des Warentauschs) erfolgen werde.

Dieses Paradox weiß Lenin nicht anders als unter Zuhilfenahme der alttestamentarischen Formel zu beseitigen: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, woraus folgt, daß die Verteilung der Konsumtionsmittel unter den Genossen nicht nach dem Äquivalenzprinzip selbsttätig geregelt werden kann, sondern der allgewaltige Staatsapparat diese Aufgabe übernehmen muß, was der Leninschen Deutung der Pariser Commune in Staat und Revolution als »Übergang vom Staat zum Nichtstaat« direkt widerspricht.

Der Weg, der, wenn vielleicht auch ungewollt, von Preobraženskij zu Stalin geführt hat, wird, immer wieder eingeschlagen werden, solange über die Differenz der Beziehung Preobraženskijs, Bucharins und auch Lenins zu Marx keine hinreichende Klarheit geschaffen wird. Gerade das müßte die eigentliche Bestimmung der ‚neuen Marx-Lektüre’ ausmachen und darin sollte die revolutionäre Lesart des Marxschen Kapital bestehen: in der kritischen Einübung seiner Verwendungsmöglichkeit als ‚Blaupause’ für den Kommunismus.

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