Reaktionen 

Reaktionen (2012)

Der Charakter der an dieser Stelle wiedergegebenen Feedbacks hat sich stark verändert. Im Mittelpunkt stehen seit längerem Überlegungen zum Marxschen Kapital, die mit Interessierten ausgetauscht wurden.

Es gibt auch vereinzelte Politische Statements, die einen zumeist beiläufigen Charakter tragen. Systematische Überlegungen politischer Natur haben sich ins BLogbuch verlagert.

[In eckigen Klammern: Korrekturen sinnentstellender Fehler und der Hinweis auf Kürzungen im Originaltext.]

REAKTIONEN 2012 [PDF]
ANHANG 1: Werner Imhof: Nachtrag [PDF]
ANHANG 2: Ulrich Knaudt: Sozialismus versus Marxismus [PDF]
ANHANG 3: Ulrich Knaudt: An Alle! [PDF]


Ulrich Knaudt an H.B. (04.02.2012)
Betreff: WANDERDÜNE

Lieber H.,

[…] Deine Frage zu D.[ieter] W.[olf]: Ich habe […] vorgeschlagen, auf dem übernächsten Kolloquium meine Kritik an D.W. vorzutragen. Dann kann ich auch ein wenig weiter in Richtung Arbeit, Wertgesetz bei den Klassikern ausholen.

Ein wenig tue ich das auch jetzt schon, indem ich im März auf Tschernyschewskis Kommentar zur Übersetzung von J.S. Mills Principles ins Russische eingehen werden. Eine Werttheorie, die den Wert nach dem (gesellschaftlichen) Nutzen bestimmt.[1]

Da steckt viel drin, was ich auch bei D.W. gefunden habe.

Schick mir ruhig den Harbach.[2] Mal sehen, ob ich ihn noch schaffe zu lesen.

Gruß Ulrich

[1] DEBATTE 5 Marx und Černyševskij – die revolutionäre Bewegung in Rußland und die commune rurale.
[2] Heinrich Harbach: Wirtschaft ohne Markt. Transformationsbedingungen für ein neues System der gesellschaftlichen Arbeit, Berlin 2011.


H.H. an Ulrich Knaudt (05.02.2012)
Betreff: Anfrage ‚Kaffe trinken‘: Einstellung der partei Marx Webseite

Hallo Ernst Ulrich Knaudt,

[…] deine Einwände in Richtung Koryphäen haben uns so gut gefallen, dass wir uns gerne mit dir zu einem Plausch zusammen setzen würden. Außerdem hast Du deine Seite ‚parteiMarx‘ eingestellt, was bestimmt Konsequenzen in der politischen Sichtweise für dich hat, worüber wir ebenfalls gerne mehr erfahren würden. Deine Stellungnahmen zur Oktoberrevolution fand ich hauptseitig sehr gut, konnte aber nie ausmachen, inwieweit die leninistische Methode noch aktuell für dich ist. 

Wir heißt hier W. I. und meine Wenigkeit.

beste Grüße

H. H.


Ulrich Knaudt an H.H. (02.02.2012)
Betreff: Anfrage ‚Kaffe trinken‘: Einstellung der partei Marx Webseite

Hallo Ihr, bin, obwohl unter Termindruck stehend, zu einem Plausch nicht abgeneigt […]

Die Seite pM habe ich nicht eingestellt, sondern das BLogbuch zurückgestellt, weil das Konzept überholt ist. An den REAKTIONEN könnt Ihr erkennen, daß an derselben weiter gearbeitet wird.

[…]

Wie lange sich doch solche Begriffe wie die "Hauptseite" gehalten haben…

Meine Kritik an Lenin erstreckt sich ‚hauptseitig‘ auf die Bauernfrage. (DEBATTE 4). Nicht von dieser betroffen war bisher die ‚Nationale Frage‘. Wenn man aber beides im Zusammenhang sieht, könnte sich auch das ändern ‒ allerdings dann auch nicht zugunsten von Rosa Luxemburg, Lenins Hauptgegnerin in puncto ‚Nationale Frage‘.

[…]

Viele Grüße

Ulrich Knaudt


H.H. an Ulrich Knaudt (06.02.2012)
Betreff: Anfrage ‚Kaffe trinken‘: Einstellung der partei Marx Webseite

Danke für die schnelle Antwort Ulrich Knaudt!

Wunderbar dass Du Interesse hast, mit uns zu plauschen. […] Zur Zeit beschäftigen wir uns mit dem Harbach Buch […]

Lustig, dass mir der Begriff ‚Hauptseite‘ gar nicht mehr als politisch belastet in Erinnerung ist, schon so verdammt lang her das Ganze….

Gruß H.


Ulrich Knaudt an H.H. (06.02.2012)
Betreff: Anfrage ‚Kaffe trinken‘: Einstellung der partei Marx Webseite

Hallo H.H.,

[…] Ich habe das Buch bis jetzt nur überflogen, aber dabei an dem Ansatz, soweit er mir verständlich war, einiges Grundsätzliches auszusetzen. Darüber könnten wir reden. Zu mehr reicht es bei mir, da ich mitten in der Vorbereitung zu meinem Referat stecke, erst mal nicht. […]

Ulrich Knaudt


H.H. an Ulrich Knaudt (07.02.2012)
Betreff: Anfrage ‚Kaffe trinken‘: Einstellung der partei Marx Webseite

[…] Beim buch sprichst Du uns aus der Seele. Weder stimmt die Kapitalismusanalyse (insbesondere beim Geld) noch der Zugang zum Sozialismus. Diesem nachzuweisen, dass er kein richtiger Kapitalismus war und keinerlei Versuch zu wagen, die praktischen Huerden zum richtigen oder sagen wir richtigeren Sozialismus zu analysieren, ist schon ein toller Marxismus. Auch die Anforderung an die (konkrete) Arbeit, als allgemeine von vornherein gesetzt zu sein bleibt total abstrakt, als liessen sich hier keine Bedingungen nennen, die diese Setzung notwendig voraussetzen. Hier fehlt jeder praktische Zugang (es liesse sich auch von Vorstellung sprechen) auf eine Gesellschaftlichkeit, die eine ‚Abschaffung‘ des Geldes erlauben koennte.

So weit mal meine Kurzzusammenfassung

Gruss H.


Ulrich Knaudt an H.H. (08.02.2012)
Betreff: Anfrage ‚Kaffe trinken‘: Einstellung der partei Marx Webseite

Deine Einschätzung teile ich in groben Zügen. Enthält erst mal das Wesentliche, dem ich mich anschließe. Zwei Dinge auf historischem und auf theoretischem Gebiet kämen hinzu. 

Historisch: Soweit ich mit der Lektüre gekommen bin, stellt sich unmittelbar die Frage, 1. ob der Reale Sozialismus überhaupt anders als kapitalistisch reformierbar gewesen ist, 2. ob sich, wenn er nicht anders reformierbar war, an diesen dann anders denn (sozial)’demokratisch‘ anknüpfen läßt. Ich vermute, daß nur das geht! Harbach scheint aber zu unterstellen, es ginge auch anders. Sozialistisch? Kommunistisch?

Theoretisch: Harbach macht Dieter Wolf zu seinem Cheftheoretiker und knüpft direkt an dessen KAPITAL-Analyse an. Nun gibt es einige schwerwiegende Einwände gegen diese. Meine findet Ihr auf der Home Page der Marx-Gesellschaft – und die sind bisher noch recht harmlos.[1] Wenn Harbach sich in dem Maße, wie es den Anschein hat, theoretisch auf Wolf stützt, ist sein Konzept entgegen seinem Anspruch von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Fazit: Harbachs Buch zu kritisieren, ist ein Politikum ersten Ranges. Schön, wenn es gelänge, diese Kritik im Chor oder Wechselgesang rüberzubringen.

Zu Lenin: Ich halte Lenin bei aller Kritik für unverzichtbar. Da haben wir wohl eine Differenz. So wie ich Gietingers Einschätzung nicht teile (Kronstadt) und auch nicht die von Celiga (obwohl die als zeitbedingt bis zu einem gewissen Grad verzeihlich ist).[2] Lenin war einer der letzten großen Marx-Getreuen, wenn auch verbunden mit einer Menge von Mißverständnissen. Davon habe ich einige versucht aufzuklären, worüber Ihr Euch auf meiner Home Page informiert zu haben scheint.

Also genug für einen Plausch…

Ulrich Knaudt

[1] Dieser Text in Zukunft auf dieser Web Site unter ‚Das Kapital‘: Zwischen zwei Einäugigen kann nur der Blinde König werden.
[2] Klaus Gietinger: Die Kommune von Kronstadt, Berlin 2011; Anté Ciliga: Im Land der verwirrenden Lüge, Berlin 2010 (1938; 1953).


Ulrich Knaudt an H.B. (23.03.2012)
Betreff: VERSPROCHEN

Lieber H., wie versprochen schicke ich Dir die Vorbemerkung und die Schlußfolgerungen zu meinem Vortrag. Ich habe sie stilistisch geglättet, wo es nötig war, ansonsten so belassen.[1]

In einem FAZ-Artikel wurde D.W. namentlich erwähnt. Wenn ich ihn finde, schicke ich ihn Dir. Jetzt kennen wir gemeinsam noch einen Promi.

Viele Grüße

U. [1] DEBATTE 5 Marx und Černyševskij…


H.H. an Ulrich Knaudt (28.03.2012)
Betreff: Anfrage ‚Kaffe trinken‘: Einstellung der partei Marx Webseite

Lieber Ulrich,

noch mal herzlichen Dank für den total ’netten‘ und vor allem sehr vielversprechenden Plausch gestern Nachmittag! […]


Ulrich Knaudt an H.B. (30.03.2012)
Betreff: DEBATTE 5

Lieber H., die DEBATTE 5 ist gepostet und Du kannst sie als pdf runterladen.

[…]

Noch eine Überlegung zu Harbach. D.W.[olf] hat irgendwann zu einem meiner Vorträge gemeint, es wäre sehr gut, daß sich mal jemand der Geschichte der Arbeiterbewegung (oder so ähnlich) angenommen habe… Nachdem ich eine systematische Lektüre seines [Harbachs] Buches begonnen habe, ist mir der Gedanke gekommen, daß es sich dabei um die direkte Umsetzung des Systems W.[olf] in Richtung Wissenschaftlicher Sozialismus handeln könnte, mit der der Knaudtschen Befassung mit diesem Thema, die der Theorie D.W.s letztlich zuwiderläuft, auch von dieser Seite her das Wasser abgegraben werden soll, anstatt sich offen damit auseinanderzusetzen. (Naiv betrachtet wären meine Papiere dann die Anregung dafür gewesen, sich selber, d.h. vertreten durch Harbach, der Sache anzunehmen.) Das würde bedeuten, daß er in seinem damaligen Statement stark untertrieben hat und dem Wissenschaftlichen Sozialismus im Sinne des ‚Systems W.‘ eine sehr viel größere Bedeutung bemißt als er darin zum Ausdruck brachte.

[…]

Gruß U.


H.B. an Ulrich Knaudt (30.03.2012)
Betreff: DEBATTE 5

[…]

Gegenüber Dieter [Wolf] hab ich immer und immer wieder betont, für wie wertvoll ich Deine Geschichtsforschungen halte – ‚commune rurale‘ quasi zum Prinzip, zum Forschungsprinzip generell zu erheben wäre … – und wir eigentlich dazu kommen müssten, unsere Kräfte und Fähigkeiten zu bündeln. Es sind die Widersprüche zwischen uns, die uns daran hindern. Wir müssen sie in Griff kriegen, unter uns lösen. Es muss verdammt noch mal möglich sein.

Versteh nicht ganz den Abs., was Du mit der "Knaudtschen Befassung … der Th. D.W.’s letztlich zuwiderläuft" und den folgenden Sätzen meinst. Erklär’s mit bitte noch mal.

[…]

Bis bald wieder,

H.


Ulrich Knaudt an H.B. (04.04.2012)
Betreff: NOCH MAL HARBACH

Lieber H., ich habe das dritte Mal damit begonnen, das Buch zu lesen, diesmal systematischer […]. Dadurch ist mir einiges klarer geworden. Fakt ist, daß ich das Thema der Transformation ebenso wie Harbach [1] zur Diskussion stelle, und zwar in Verbindung mit den Sassulitsch-Briefen [2] und der Dorfgemeinde, wofür ich keinerlei Urheberrechtsanspruch stelle (was lächerlich wäre). Es ging in meinem Fall jedoch nie ausschließlich um die commune rurale! Das zu meinem Hinweis auf D.W.[olf]s Gegenstrategie, die, wie ich meine, darin besteht, mit dem Harbach ein Pendant zu meinen Überlegungen zum Thema Transformation zu fördern, die ich jedoch nicht als, wie Du es nennst, D.W.s Auffassungen zur Werttheorie ergänzende "Geschichtsforschungen" bezeichnen würde.

Wenn Harbach dieses Thema seinerseits aufgreift, so ist das für die Debatte in unserer ’scientific community‘ durchaus als positiv zu bewerten. Soweit d’accord. Er scheint aber in seinem Buch das Pferd vom Schwanz aufzuzäumen, wenn er in erster Linie davon ausgeht, woran denn der Realsozialismus im Endeffekt den Bach runter gegangen sein könnte. Obwohl es sich dabei durchaus um eine legitime Frage handelt, ist es jedoch meiner Ansicht nach falsch, diese ausschließlich werttheoretisch zu behandeln, ohne von vornherein die Frage nach der Formation dieser Gesellschaft aufzuwerfen. Und das heißt, diese nicht nur nach ihrem Manko ("Dysfunktionalität" usw.), sondern nach ihrem ‚Plus‘ hin zu analysieren: zum entscheidenden ‚Plus‘ dieses Sozialismus gehört aber nun mal seine Staatssklaverei![3] Und ohne die Gesellschaftsformation zu analysieren, spielt sich die Transformation, die Harbach zu seinem Thema macht, im historisch luftleeren Raum ab. (Lenin: wir haben den zaristischen Staatsapparat nur leicht mit Sowjetöl gesalbt übernommen…! Was heißt das?)

Mit anderen Worten: Transformation ohne Revolution = Reaktion! Dieses Konzept vertraten z.B. die rechten Sozialrevolutionäre, wodurch sie zwangsläufig zur Konterrevolution, d.h. auf die Seite der Weißen gegen die Roten (im Bürgerkrieg) übergehen mußten. Der Transformation in den 20er Jahren ging zwar die Oktober-Revolution voraus. Aber als die Transformation aus bestimmten Gründen, wovon ich einige (siehe DEBATTE 3) genannt habe, gescheitert war, entstand aus deren Scheitern die Stalinsche Konterrevolution (von C. Lieber naiverweise "zweite Revolution" genannt).[4] Diese Konterrevolution wurde (so absurd es klingt), durch den Sieg der Völker der SU und der slawischen Völker Osteuropas über den deutsch-germanischen NS für eine gewisse Zeitspanne vor sich selbst gerettet. Ein Wunder, daß sie sich danach noch so lange auf den Beinen gehalten hat! (Berlin 1953, Polen, Ungarn 1956, CSSR 1968)

Also, hier wäre primär die Analyse der stalinschen und post-stalinschen Staatssklaverei angesagt, bei der es sich in erster Linie um eine Untersuchung der Gesellschaftsformation und auf dieser Grundlage um das richtige oder falsche Verständnis der politischen Ökonomie von derselben zu handeln hätte. Harbachs Vorgehensweise läuft dagegen auf die politische Ökonomie einer reformierten Staatssklaverei hinaus, weil ihn in erster Linie die immanenten Ursachen für deren „Dysfunktionalität“ interessieren und nicht die historischen Gründe für die Entstehung einer gegenüber dem Kapitalismus historisch rückschrittlichen Gesellschaft. Gorbatschow ist damit politisch gescheitert. Harbach wird es nicht besser ergehen.

Seine politische Ökonomie erinnert doch sehr an die vergeblichen Versuche jener Sowjetökonomen, die das System der sozialistischen Staatssklaverei, ähnlich wie die bürgerlichen Ökonomen die kapitalistische Produktionsweise, versucht haben "marxistisch-leninistisch" gesundzubeten.

Wie das mit dem System der Wolfschen Werttheorie zusammenhängt, kann ich erst endgültig sagen, wenn ich den Harbach ganz zu Ende studiert habe. Das Wolfsche System bietet auf jeden Fall beste Voraussetzungen für eine reformierte und theoretisch verbesserte politische Ökonomie der sozialistischen Staatssklaverei, wie sie heute noch in China vorherrscht. Die westlichen Ökonomen haben dazu in der Vergangenheit, wie sich historisch beobachten läßt, jeweils ein entsprechendes theoretisches Pendant hervorgebracht: in den 30er Jahren den Keynesianismus, heute wird wahrscheinlich (beginnend mit der ‚Abwrackprämie‘) eine modernisierte Form des ‚Staatsmonopolistischen Kapitalismus‘ diese Rolle spielen. Letzterer ist in seinen bisherigen Ausprägungen leider ein wenig in Vergessenheit geraten. Das sollten wir schleunigst ändern.

Gruß U.

[1] Siehe REAKTIONEN 04.02.2012.
[2] Karl Marx: [Entwürfe einer Antwort auf den V.I. Sassulitsch] MEW 19 (384-406).
[3] Harbach: Wirtschaft ohne Macht…, 13: »Im Realsozialismus ist es bis zu seinem Zerfall nicht gelungen, die Wert- und Warenformen in das ökonomische System funktionsfähig einzugliedern. Um in einem neuen Transformationsprozeß die Funktionen dieser sachlich-gegenständlichen Gesellschaftsformen sachlich richtiger einordnen zu können, müßten die Deformationen und Dysfunktionen, die sich im realsozialistischen Reproduktionsprozeß aus der unzulänglichen und unbeholfenen Einbeziehung der Wert- und Warenformen ergaben, herausgeschält werden.«
[4] DEBATTE 3 NACHTRAG, 3 Fn. 7.


Ulrich Knaudt an H.H. (22.04.2012)
Betreff: WIE WEITER?

Lieber H.,

[…] Wenn ich von Euren Texten ausgehe […] habe ich den Eindruck, daß diese bei mir offene Türen einrennen, ich aber nicht weiß, zu welchem Projekt ich sie in Beziehung setzen soll? […] Wir haben viele schöne Baupläne, nur mit dem Grundstückskauf und der Finanzierung des Bauprojekts hapert es noch…

Ohne Verbindung zu einem entsprechenden Bauprojekt bleiben Eure Texte eigenartig abstrakt, nicht etwa, was den Inhalt betrifft oder weil ich dagegen inhaltliche Einwände hätte (selbstverständlich gibt es diesen oder jenen), sondern weil ich überhaupt nicht weiß, wo ich diese politisch hinstecken soll! Dies ist eine Kritik vor aller Kritik, aber nicht eine Kritik a priori.

Da ich auf der anderen Seite nicht zum Nihilismus neige, mache ich in dieser verfahrenen Situation den Versuch, ein vielleicht geeignetes Projekt vorzuschlagen.

Ich bin bei meiner Lektüre von Harbach zu folgender Überlegung gekommen. Die Tatsache, daß er sich überhaupt, wenn auch ausschließlich werttheoretisch, mit der politischen Ökonomie des Realen Sozialismus befaßt, werte ich inzwischen […] als Positivum. Die Kritiken der früheren westdeutschen Werttheoretiker haben an der Grenze zum Realen Sozialismus einfach kritisch halt gemacht und hätten Harbachs Kritik gewiß als Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines ‚Bruderstaats‘ o.ä. und als ‚Antikommunismus‘ zurückgewiesen oder ignoriert. Ob das an dem akademischen Charakter der westdeutschen Werttheorie gelegen hat, ist dagegen zweitrangig.

Als Pendant zu Harbachs gelungenem, oder wahrscheinlich nicht gelungenem Nachweis, daß und warum dieser Sozialismus nicht hat funktionieren können, halte ich unsererseits eine Kritik an der allein auf Westdeutschland bezogenen und bis zur Wiedervereinigung gültigen Stamokap-Theorie für notwendig und erforderlich, gegen die der (auch werttheoretische) Nachweis zu führen wäre, daß und warum ihre Verwirklichung nicht nur nicht zum Sozialismus, sondern zu einer bestimmten Form der bürgerlichen Gesellschaft führen wird, in der zwar einzelne Ausformungen des Kapitalismus eingeschränkt oder sogar beseitigt werden, der Kapitalismus selbst aber etwa, wie das Beispiel Chinas zeigt, weiterexistieren wird. Analog zu Harbach mit dem Realen Sozialismus sind wir mit dem Stamokap politisch aufgewachsen und sehen bestimmte Dinge darin wahrscheinlich mit unseren besonderen, westdeutschen Augen.

Wenn wir von unserem ge- und erlebten westdeutschen Standpunkt aus als Pendant zur Kritik am Realen Sozialismus der DDR einen Gleichstand durch einen solchen verspäteten Beitrag des westdeutschen Kommunismus an der Stamokap-Theorie beizusteuern versuchten, erhielte unsere mögliche Kritik an Harbach eine andere Wendung oder Färbung oder wie man das auch immer bezeichnen mag. Das wäre wichtig, damit diese nicht mit dem Argument, es handele sich bei der unsrigen um eine bürgerliche Kritik am Realen Sozialismus, abgebügelt werden kann. Je eindeutiger und radikaler unsere Kritik am Stamokap ausfällt, desto klarer wird sich diese Kritik an Harbachs vergeblichem Versuch, den Realen Sozialismus nachträglich als reformierbar darzustellen, herauskristallisieren.

Und die politische Pointe wäre, daß sich die westdeutsche Bourgeoisie seit Schröder in einem Maße dem Stamokap zugewandt hat, je virulenter sich die Folgen der Weltwirtschaftskrise bemerkbar gemacht haben, so daß von heute aus betrachtet die Wiedervereinigung zu einer Vereinigung des Realen Sozialismus mit dem Stamokap zu werden droht.

Was hältst Du davon?

[…]

Viele Grüße

Ulrich


H.B. an Ulrich Knaudt (22.07.2012)
Betreff: http://www.zeit.de/2012/24/Laudatio-Goetz-Aly/komplettansicht?print=true

Schau mal rein, wirklich lesenswert, lieber Ulrich – hat auch was mit Horst Müller’s "Sozialkapitalismus" zu tun.


Ulrich Knaudt an H.H.(07.05.2012)
Betreff: BEMERKUNGEN

Lieber H., dieser Text [1] sollte schon längst fertig sein… Das ganze zog sich aber leider hin, so daß wir darüber wohl nicht werden diskutieren können. Egal, es gibt ja noch andere Punkte, die sicher spannend sein werden.

Ulrich

[1] REAKTIONEN 2012 ANHANG 2.


W.I. an Ulrich Knaudt (07.05.2012)
Betreff: BEMERKUNGEN

Hallo Ulrich,

ich bitte Dich, meine kurze Kritik an D[ieter]W[olf]s Wertbegriff noch einmal gründlich zu lesen.[1] Deine Bemerkungen sind voll von Mißverständnissen, die großenteils auf schlampige Lektüre zurückzuführen sind. Z. B. schreibe ich, daß DWs Feststellung (…) "nicht mehr als eine Tautologie" ist. Du läßt das "nicht" weg und wunderst Dich, daß ich das "mehr als eine Tautologie" nicht näher begründe… Oder: Ich bezeichne als Mangel des ak.[ademischen] M.[arxismus], daß er die Kategorien der b[ür]g[]er]l[ichen] Ökonomie nur in der Form des Objekts betrachtet, nicht auch subjektiv, als gesellschaftliche Praxis (übrigens eine Anleihe bei den Feuerbach-Thesen) – und meine mit der Form des Objekts natürlich die ök[onomischen] Kategorien. Du machst daraus den ak. Marxismus selbst, als könne er "in der Form des Objekts" irgendetwas betrachten – das ist doch Nonsens. Auf solch schludrigem Interpretationsniveau läßt sich nicht sinnvoll diskutieren.

Gruß W.

[1] REAKTIONEN 2012 ANHANG 1.


Ulrich Knaudt an W.I. (07.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIE

Hallo W., ich entschuldige mich für meinen Lesefehler und stelle gleichzeitig fest, daß ich mir selbst die Sache durch das fehlende "nicht" zusätzlich schwer gemacht habe, die sich mit demselben viel einfacher dargestellt hätte. Denn am Inhalt meiner Kritik an D.W., nämlich daß er den Unterschied zwischen der allgemeinen und der abstrakten Eigenschaft der menschlichen Arbeit einfach unter den Tisch fallen läßt, ändert das fehlende "nicht" nichts. Ebenso wenig an meiner Kritik daran, daß Du der Unterschlagung dieser Differenz durch D.W. keine besondere Bedeutung beizumessen scheinst, die jedenfalls über die lapidare Erklärung hinausginge, daß es sich bei der allgemeinen Eigenschaft usw. um "nicht mehr als um eine Tautologie" handle. Daß ich darin anderer Meinung bin, wird in der zweiten Hälfte desselben Absatzes erklärt.

Deine Erwiderung auf meine Kritik am akademischen Marxismus unterliegt nun Deinerseits einem Mißverständnis: Denn gerade weil dieser, wie es in Deinem Papier heißt, die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie unter der Form des Objekts betrachtet, kann er im Prinzip unter seinen bürgerlichen Voraussetzungen keine gesellschaftliche Praxis entwickeln, die die Grenzen der bürgerlichen Ökonomie überschreitet, da das "Ändern der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung … nur als r e v o l u t i o n ä r e Praxis gefaßt und rationell verstanden werden" kann (3. Feuerbachthese).[1] Wenn das unter "subjektiv" verstanden wird, wären wir uns einig. Erschwert wird unser Einverständnis allerdings durch das von Dir verwendete "Ebene"n-Schema, hinter dem sich häufig nur schlichtester Empirismus verbirgt.

Du siehst, Mißverständnisse lassen sich abgleichen, Differenzen nicht. Über die müssen wir uns, was zur Natur der Sache gehört, streiten. Auf sinnvolle Weise, solange wir der Überzeugung sind, in die gleiche Richtung zu marschieren.

[…]

Ulrich

[1] Karl Marx: [Thesen über Feuerbach] MEW 3 (5-7).


H.H. an Ulrich Knaudt (08.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIE

Wird – wenn Du glaubst, Ulrich – nicht mehr in der gleichen Richtung zu marschieren, eine nichtsinnvolle Streitführung möglich bzw. sinnvoll? Deine Zeilen suggerieren hier ein eindeutiges Ja! Ich weiß allerdings nicht so richtig was das soll, allerdings merkt man schon, wie schnell allein dein Vorbehalt "gleiche Richtung" sich im Nebel deiner revollutionaristischen Vorstellungen in die bekannte feindliche Richtung wandeln kann. Aus einem Begriff, gebraucht in einem kurzen Problemaufriss, machst Du gleich ein Schema und verknüpfst damit die wildesten Mutmaßungen. Dein Vorwurf der "schlichtesten Empirie" bewegt sich in ziemlicher Ahnungslosigkeit von der Existenz seines Gegenparts, der schlichten Unkenntnis der Empirie.

Den Streit zu führen um die einzig wahre revolutionäre Vorstellung ideologisiert von vornherein den Streit um richtig und falsch durch eine völlig falsche moralische Zuspitzung. Aus meiner Sicht basieren diese Vorstellungen letztlich auf idealistischen Erkenntnisvorstellungen. Für die Erkenntnis des richtigen ist der Weg über das Falsche, über den Irrtum wohl eher der Normalweg. Die moralische Abwertung des Falschen führt zu einem (ich sag mal) göttlichen Erkenntnisweg, der uns schnöden Menschen aber leider keine wirklich realistische Praxis ist.

In Bezug auf Wolf habe ich den Eindruck, dass Du ihm nicht seinen Irrtum nachweisen (und erklären) willst, sondern dein Anliegen ist mehr, ihn als falschen Revolutionär zu diskreditieren…

Für dieses Anliegen stehe ich prinzipiell nicht zur Verfügung, weil ich dafür als Basis ein ganz schnödes bürgerliches Konkurrenzdenken ausmache – übrigens kein unwichtiges Denken und Verhalten der grandios gescheiterten ‚kommunistischen‘ Bewegung und von allen anderen Inhalten abgesehen für sich schon ganz unrevolutionär…

besten Gruß

H.


W.I. an Ulrich Knaudt (08.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIE

Am 07.05.2012 schrieb Ulrich Knaudt:

Hallo W., ich entschuldige mich für meinen Lesefehler und stelle gleichzeitig fest, daß ich mir selbst die Sache durch das fehlende "nicht" zusätzlich schwer gemacht habe, die sich mit demselben viel einfacher dargestellt hätte. Denn am Inhalt meiner Kritik an D.W., nämlich daß er den Unterschied zwischen der allgemeinen und der abstrakten Eigenschaft der menschlichen Arbeit einfach unter den Tisch fallen läßt, ändert das fehlende "nicht" nichts. Ebenso wenig an meiner Kritik daran, daß Du der Unterschlagung dieser Differenz durch D.W. keine besondere Bedeutung beizumessen scheinst, die jedenfalls über die lapidare Erklärung hinausginge, daß es sich bei der allgemeinen Eigenschaft usw. um "nicht mehr als um eine Tautologie" handle. Daß ich darin anderer Meinung bin, wird in der zweiten Hälfte desselben Absatzes erklärt.

Hallo Ulrich, DWs Gleichsetzung von abstrakter Arbeit mit der "allgemeinen Eigenschaft" menschlicher Arbeit ist doch gerade Gegenstand meiner Kritik. Nochmal der Reihe nach. 1. Daß jede konkrete Arbeit die allgemeine Eigenschaft menschlicher Arbeit besitzt, ist eine Tautologie. Ich kann ihr zuschauen und ihr ansehen, daß sie Äußerung menschlicher (und nicht tierischer oder maschineller) Arbeitskraft ist. 2. DW meint jedoch gar keine sinnlich faßbare Eigenschaft – eine Eigenschaft aber, die nicht in Erscheinung tritt, sondern nur in seinem Kopf "faßbar" ist, ist ein Hirngespinst, das außerhalb seines Kopfes keine "Existenz" besitzt und nicht die geringste Macht hat über die äußere Darstellung(sweise) verbrauchter Arbeitszeit. 3. Die abstrakte Arbeit dagegen "existiert" überhaupt nur in der Wertform der Waren, also in der Darstellung ihres Austauschverhältnisses mit anderen Waren, heutzutage also in der Geldform, dem Preis, und in der entsprechenden Geldsumme, gegen die sich die Waren tauschen. D.h. sie existiert nicht auf der "Ebene" der Arbeit selbst, im Produktionsprozeß, wo DW sie verortet. Nur in der Geldform und im Geld selbst (und das Geld ist nur das entwickelte "Dasein" des Werts, die entwickelte Darstellungsform gesellschaftlicher Arbeit als allgemeiner und gleicher) wird von allen Unterschieden und Besonderheiten der Arbeiten abstrahiert und die Abstraktion zugleich quantifiziert. 4. Mit der Aufhebung der W[aren]P[roduktion] entfällt auch die gesellschaftliche Manier, konkrete Arbeit als abstrakte darzustellen. Bei DW hört sie auf, herrschende Form zu sein, bleibt aber als allgemeine Eigenschaft erhalten. Was das praktisch bedeutet, kann man wahrscheinlich an Harbachs Konzept nachvollziehen.

Deine Erwiderung auf meine Kritik am akademischen Marxismus unterliegt nun Deinerseits einem Mißverständnis: Denn gerade weil dieser, wie es in Deinem Papier heißt, die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie unter der Form des Objekts betrachtet, kann er im Prinzip unter seinen bürgerlichen Voraussetzungen keine gesellschaftliche Praxis entwickeln, die die Grenzen der bürgerlichen Ökonomie überschreitet, da das "Ändern der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung … nur als r e v o l u t i o n ä r e Praxis gefaßt und rationell verstanden werden" kann (3. Feuerbachthese). Wenn das unter "subjektiv" verstanden wird, wären wir uns einig. Erschwert wird unser Einverständnis allerdings durch das von Dir verwendete "Ebene"n-Schema, hinter dem sich häufig nur schlichtester Empirismus verbirgt.

Ok, hier habe ich oberflächlich gelesen. Soweit d’accords.

Du siehst, Mißverständnisse lassen sich abgleichen, Differenzen nicht. Über die müssen wir uns, was zur Natur der Sache gehört, streiten. Auf sinnvolle Weise, solange wir der Überzeugung sind, in die gleiche Richtung zu marschieren.

Über die Richtung hat Hubert gerade das Passende geschrieben. Ich will es etwas konkretisieren: Der "wissenschaftliche Sozialismus", verstanden als theoretische Anleitung des kämpfenden und malochenden Proletariats, ist für mich keine Richtung (mehr), in die ich auch nur einen einzigen Schritt machen würde. Die revolutionäre Praxis, die die kapitalistische Produktionsweise aufheben würde/könnte, bedarf keiner Wissenschaft, keiner separaten Theorie und organisierten Intelligenz, sondern nur der klaren und einfachen Vorstellung selbstbewußter und verantwortungsvoller nützlicher Arbeit für andere als anerkanntes Grundprinzip der gesellschaftlichen Produktion.

[…] W.


Ulrich Knaudt an H.H. (08.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIE

Lieber H., selbstverständlich werfe ich nicht gleich das Handtuch, weil wir uns über die Richtung, in der sich unser Streit bewegt, bzw. nicht bewegen sollte, nicht im Klaren sind. Es wäre in der Tat Idealismus anzunehmen, daß diese Klarheit a priori feststeht. Ansonsten bist Du nicht der Erste, der mir deshalb Idealismus vorwirft. Nachzulesen auf meiner Web Site unter REAKTIONEN.[1] Hier gibt es wirklich elementare Mißverständnisse, über die wir uns nicht mit einem Mal verständigen werden. Was wir machen, ist eine […] Diskussion zu vertiefen, um was daraus zu lernen. Und dabei sollten wir bleiben. Das bedeutet aber nicht, daß diese in einem politisch luftleeren Raum stattfindet. 

[…] Ulrich

[1] Siehe KRITIK 1 Zur Kritik am Projekt partei Marx, 48 (Exkurs).


Ulrich Knaudt an H.B. (08.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIEN

Lieber H., ich wollte Dir kurz berichten, daß unsere kleine ‚Konferenz‘ (wie es scheint) für alle Beteiligten zufriedenstellend abgelaufen ist, jedenfalls friedfertiger als die Mails, die ich Dir gleich weiterschicken werde, vermuten lassen. Wir wollen uns das nächste Mal über "Wissenschaftlicher Sozialismus oder…" näher unterhalten.[1] Mein StamoKap-Vorschlag [2] ist auf keine Gegenliebe getroffen. Man sollte auch nicht zu viele Baustellen eröffnen, für die dann die Kapazität nicht reicht. Ich werde ihn auf jeden Fall nicht aus den Augen verlieren. Wir haben auf jeden Fall einige Traumata und Mißverständnisse abbauen können.

Ich hoffe, Du kommst […]mit Deiner Arbeit voran und verbleibe mit herzlichen Grüßen

U.

[1] Siehe ANHANG 2.
[2] Siehe Ulrich Knaudt an H.H. (22.04.2012).


H.H. an Ulrich Knaudt (10.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIE

Da die Klarheit der Kritik an Wolf, wie sie in deinem Zitat Ulrich, zum Ausdruck kam, aus meiner Sicht nicht aufrechtzuerhalten ist, muss ich doch eine Nachfrage bzw. Klarstellung loswerden:

selbstverständlich werfe ich nicht gleich das Handtuch, weil wir uns über die Richtung, in der sich unser Streit bewegt, bzw. nicht bewegen sollte, nicht im Klaren sind. Es wäre in der Tat Idealismus anzunehmen, daß diese Klarheit a priori feststeht. Ansonsten bist Du nicht der Erste, der mir deshalb Idealismus vorwirft.

Mein Idealismusvorwurf hat mit deinen Ausführungen hier nicht viel gemein. Mir ging es allein um deinen – aus meiner Sicht – seltsamen Umgang mit Richtig und Falsch, weil Du ein weiteres Kriterium einführst ("revolutionär") und damit eine erkenntnistheoretisch völlig falsche Verunglimpfung des Falschen verknüpfst, obwohl dieses Falsche nur zu oft die Voraussetzung des Richtigen im Erkenntnisprozess ist. Im übrigen vermisse ich an deinem Gebrauch des Begriffs "revolutionär" das Gespür für ‚unsere‘ spezifisch historische Situation, die v. a. geprägt ist von dem gesellschaftlichen Desaster, das ‚unsere‘ vermeintlich kommunistische und auch nur vermeintlich revolutionäre Bewegung hier angerichtet hat.

In das Wolf Zitat schiebst Du in der eckigen Klammer einen Halbsatz ein, der die Wolfsche Aussage mehr verfälscht als erhellt, weil Du übersiehst, dass seine weitergehende Erklärung auf der Seite zuvor steht, die deinen eingeschobenen Satz als völlige Fehlinterpretation dastehen lässt:

Vgl. D.W.: Qualität und Quantität des Werts…, 111: Der Wert, der den verschiedenen einzelnen Arbeitsprodukten den Charakter von Waren verleiht, [und nicht etwa umgekehrt: daß ihr Warencharakter den Arbeitsprodukten Wert verleiht] ist diese abstrakte Gegenständlichkeit, die durch das gesellschaftliche Aufeinanderbezogensein der Arbeitsprodukte als Arbeitsprodukte schlechthin eine gesellschaftlich bestimmte Gegenständlichkeit ist, [NB diese Tautologie!] die nur metaphorisch [!] mit »Gallerte«, »Kristall« usf. umschrieben werden kann.[1]

Bei Wolf heißt es unmittelbar vor der von dir zitierten Textstelle

Die so charakterisierte abstrakt allgemeine Eigenschaft wird nicht, was eine irrational mystische Vorstellung ist, durch irgendeine Arbeit geschaffen; sie wird als unsinnliche allgemeine Eigenschaft der Produkte einer jeden konkret nützlichen Arbeit, erst in und durch den Austausch von aus Arbeitsprodukten bestehenden Gegenständen zur gesellschaftlichen Gegenständlichkeit, zu Wert (S. 110).[2]

Liest man hier "Wert" als das vorauszusetzende, spezifische gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten, kann ich da nichts falsches erkennen, worüber eine Polemik lohnte. Im Gegenteil: Wolf setzt sich hier mit seinen Ausführungen zur "Arbeit" z. B. sehr deutlich von den haar[s]träubenden Interpretationen der Krisis bzw. Exit Leuten ab, die die abstrakte Arbeit wirklich mystifizieren und zum Schlüssel einer Art Geheimwissenschaft machen.

Allerdings würde ich aufgrund deiner Interpretation hier nun genauer wissen wollen, was Du meinst, wenn Du ihm vorwirfst

daß D.W. unter Ausschaltung des Fetisch-Kapitels (es existiert für ihn einfach nicht!) von den Arbeitsprodukten (deren Warencharakter für ihn ebenfalls nicht existiert) sehr schnell, d.h. ganz im Sinne einer ‚monetären Werttheorie‘, beim Geld ankommt.[3]

Insbesondere sein Nichtinteresse am Warencharakter der Arbeitsprodukte finde ich erklärungsbedürftig. Wie meinst oder begründest Du das?

besten Gruß
H.

[1] ANHANG 2, 5.
[2] ANHANG 2, Fn. 6.
[3] ANHANG 2, 4.


H.B. an Ulrich Knaudt (10.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIEN

Danke,

lieber Ulrich, für die Information.

Freut mich, dass […] mit einer Verständigung es also voran ging.

Paar Kurzbemerkungen:

1.) s. u., Dein Mail: gerade unter D e i n e r p o l i t i s c h e n Diktion sollte wir an Deinem Vorhaben, Analyse des BRD-Imperialismus/StamoKap, festhalten – würde sich sicherlich deutlich abheben von Heiners Ost-Kapitalismus-Analyse insofern – […] – insbesondere das wesentlich Gemeinsame beider dargestellt sein müsste.

Ich halt’s für eminent wichtig – schon g e s c h i c h t s bedingt, an den geschichtlichen Weichenstellungen, muss man da, D u da unbedingt weiter dranbleiben (bisschen was kann ich ja auch dazu beizutragen; unsere begonnenen Diskussionen müssen wir weiterführen bzw. schon auch mal den Konsens in grundlegenden Positionen z. B. u.a. zweiter Weltkrieg festhalten, um darauf weiter zu arbeiten).

2.) zum Mail von W.[I.] an Dich 7.5.: richtig: "dass er die Kategorien der b[ür]g[er]l.[ichen] Ökonomie nur in der Form des Objekts betrachtet, nicht auch subjektiv, als ges.[ellschaftliche] Praxis" – ja, aber die Form des Objekts, "Ware", bestimmt doch das Subjekt, die Subjektivität des Subjekts – Marx: Randglossen Wagner[1]: bei mir ist das Subjekt die "W a r e"! – Insofern ist es eben nicht falsch, die b ü r g e r l i c h e Ökonomie "unter der Form des Objekts" zu betrachten – kann sie denn als solche anders überhaupt betrachtet werden? Sie erfasst eben nicht den "wirklichen Gegensatz" (vgl. Kritik d. H.[egelschen] St[aats]R.[echts], [MEW 1 (203-333)] S. 293) der Subjekte, der Subjekteinheiten in ihre[m] Widerspruch an sich und durch sich selber; […].

3. zum Mail Ulrich an W.[I.], 7.5.: "wenn das unter ’subjektiv‘ verstanden wird" – ein Problem auch zwischen uns, nicht anders versteh’s auch ich, ‚immer schon‘, darunter – "wären" auch "wir uns einig", zumindest insoweit.

4.) zu Mail von H.[H.] v. 8.5.: ich denke, wir müssen generell vorsichtig sein wie H. richtig sagt mit den "revolutionistischen Vorstellungen … feindliche Richtung… wildesten Mutmaßungen… göttlicher Erkenntnis …". Wir reproduzieren damit, wie ich schon zig mal feststellte, schlicht "bürgerliches Konkurrenz-Denken", Klassenfeind-Haltungen unter uns selber – ver-rückt!

5.) zum Mail von W.[I.] an Ulrich, 8.5., 10,27:

…der Reihe nach.

Zu "1. Dass jede konkrete Arbeit…, ist eine Tautologie… zuschauen … ansehen.." Nein, es ist eine A b s t r a k t i o n als Gemeinsames von den verschiedensten "konkreten", allerdings eine von Sinnlich-Wahrnehmbarem, als einem Gemeinsamen von unterschiedlich Vielem; Marx geht in der Kritik im St[aats]R.[echt] auf die Hegelsche sog. "empirische Allgemeinheit" ein und wie dieser damit umgeht, so dass sich eben die Analogien zwischen dessen "abs. Geist" und Wert / Kapitallogik ergeben; nicht unwesentlich dabei auch der Hinweis auf die Abgrenzung von "tierischer oder maschineller" Arbeit – wichtig bei "Wesens"-Bestimmungen (vgl. Abgrenzungs-Thema v. "genetivus objectivus versus gen. subjectivus, in Zusammenhang mit Marx‘ zig-facher Kritik am berühmt-berüchtigten "Quid pro quo" – s. meine Kritik an Dieters Marx-Interpretation zum Thema "Gattung" […]); warum aber trotzdem der "Tautologie"-Vorwurf nicht unberechtigt – ich sitz da drüber.

Zu "2. D.W. meint…."; wenn "Existenz", "Hirngespinst" nirgends außer i m Kopf, dann ist’s die Folge von V e r h a l t e n der Subjekte a u f g r u n d von Warentausch und hat somit, verhaltensbedingt, gerade d a d u r c h, v e r h ä l t n i s begründend, "Macht", Macht ü b e r sie, und insofern und insoweit eben auch bestimmten, spezifischen Bezug auf "verbrauchte Arbeitszeit" – implizit der Differenz zwischen Produktion von Produkt (Wert/Preis des Produkts) und Produktion der Arbeitskraft (T[ausch]W[ert]/Preis/Lohn d. Arbeitskraft).

Zu "3. Die abstrakte Arbeit existiert ….." – richtig.

Zu "4. Mit der Aufhebung….." – richtig. "Bei D.W. hört sie auf, herrschende Form …"; richtig, insofern er unterscheidet zwischen der "gewöhnlichen" und der "außergewöhnlichen" (W.: "herrschenden"), s. D.W.[olf] in "Der dialektische Wi[derspruch] i.[m] K.[apital]" – sitz drüber.

Letzter Absatz von Dir zu "wissenschaftlicher Soz.", "bedarf keiner Wissenschaft mehr" – da wär ich mir nicht so sicher, vgl. Marx, EB 1, [Pariser] Manuskripte, wo er mal sagt, dass dann einmal Gesellschafts-/Geistes-Wissenschaft in der "Wissenschaft" von der "Natur" aufgeht, vom Menschen als einem Wesen derselben.

Zu: "Am 8.5.2012 schrieb H. H."

"… in Bezug auf Wolf habe ich den Eindruck … seinen Irrtum (!) nicht nachweist (erklärst).."; diese Kritik an Dir teile ich s o nicht, aber zu Recht weist H. darauf hin – bewusst machen wir unsere "Irrtümer" ja wohl nie – sonst wärn‘s ja keine – dass es doch gerade darauf ankommt; ich sitz drüber, versuch’s zumindest "zu erklären", "nachzuweisen", differenziert entsprechend Dieters akribischer Differenzierungen – ist verdammt mühsam.

Lass / lasst mich so wenn auch begrenzt weiter an Eurer Disk. teilhaben.

Bis bald also wieder, herzliche Grüße, […]

H.

PS: Das besondere, auszeichnende an Dieter ist, was sein[e] theoretische Stärke, Konsequenz ausmacht, ist, dass er die Marxschen Widerspruchsbestimmungen des "frühen" insbesondere im St[aats]R.[echt] und insbesondere auf den S. 292 ff. an den Kategorien der politischen Ökonomie in einer Genauigkeit (und mit entsprechenden Kritiken an bekannten Marx-Interpreten (u. a. Helmut R.[eichelt], Göhler, Colletti) abarbeitet, wie’s wohl sonst nirgends so zu finden ist, und ich denke, dass – bei aller Wertschätzung seiner Arbeiten – gerade hierin der Hund, sein "Irrtum" begraben liegt (wenn ich mich nicht selber irre, was ich nicht glaube, weil ich ihn, denk ich, verstehe, ihn mir "erklären" kann) – entsprechend möchte ich Dieter gerecht werden (und wenn ich denn da wirklich nicht richtig liege, dann wird ich mir jedenfalls selber klarer geworden sein). ‚Schaun ma moi" sagt der Beckenbauer – […]

H. [1] Karl Marx: [Randglossen zu Adolph Wagners „Lehrbuch der politischen Ökonomie“] MEW 19 (355-383).


W.I. an H.H. und Ulrich Knaudt (10.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIE

Hallo H., hallo Ulrich,

ich kann Euch beiden nicht folgen. Noch einmal beide Wolf-Zitate:

Vgl. D.W.: Qualität und Quantität des Werts…, 111: Der Wert, der den verschiedenen einzelnen Arbeitsprodukten den Charakter von Waren verleiht, [und nicht etwa umgekehrt: daß ihr Warencharakter den Arbeitsprodukten Wert verleiht] ist diese abstrakte Gegenständlichkeit, die durch das gesellschaftliche Aufeinanderbezogensein der Arbeitsprodukte als Arbeitsprodukte schlechthin eine gesellschaftlich bestimmte Gegenständlichkeit ist, [NB diese Tautologie!] die nur metaphorisch [!] mit »Gallerte«, »Kristall« usf. umschrieben werden kann. Die so charakterisierte abstrakt allgemeine Eigenschaft wird nicht, was eine irrational mystische Vorstellung ist, durch irgendeine Arbeit geschaffen; sie wird als unsinnliche allgemeine Eigenschaft der Produkte einer jeden konkret nützlichen Arbeit, erst in und durch den Austausch von aus Arbeitsprodukten bestehenden Gegenständen zur gesellschaftlichen Gegenständlichkeit, zu Wert (S. 110).[1]

Eine abstrakt allgemeine Eigenschaft, die nirgendwo in Erscheinung tritt, ist ein Schmarren, ein reines Gedankenkonstrukt. Dieses Hirngespinst soll sich durch den Austausch und nicht durch irgendeine Arbeit in eine abstrakte Gegenständlichkeit verwandeln, die ebenfalls nicht in Erscheinung tritt – ein noch größerer Schmarren, ein begriffliches Unding. Es wird nicht sinnvoller dadurch, daß ich den "Wert" als das vorauszusetzende, spezifisch gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten lese. Denn woher weiß ich (bei D.W. oder mit ihm) von diesem Verhältnis? Worin besteht es? Wieso kann man es voraussetzen, wenn es erst im Austausch entsteht? Wieso kann ein Verhältnis zwischen Menschen eine abstrakte Gegenständlichkeit sein, das nirgendwo sinnlich faßbar ist? Fragen über Fragen. D.W. selbst ist es, der mit irrational mystischen Begrifflichkeiten hantiert, weil er – nicht von der wirklichen Erscheinungsform ausgeht, der Wertform der Ware. Und deren entwickelte Gestalt, mit der wir es heute zu tun haben, ist die Geldform, der Preis.

Zu sagen, daß der Warencharakter der Produkte ihnen Wert verleiht, ist nicht viel besser als die umgekehrte Formulierung von DW. Denn woran mache ich den Warencharakter fest? An der Form, in der das Produkt als Ware erscheint. Und das ist ihr Preis. Es ist aber offensichtlich Unsinn, sagen zu wollen, daß der Preis der Produkte ihnen Wert verleiht. Was aber soll gesagt werden? Woher soll der Wert denn nun kommen, und was soll er sein?

Auch Du, Ulrich, gehst nicht von der Erscheinungsform aus und verwechselst deshalb öfter die Ebene der objektiven Erscheinung (und des darin Erscheinenden) mit der der subjektiven Reflexion oder Interpretation dieser Erscheinung. Du stimmst zu, wenn ich sage, der Wert ist … bloße Darstellung verbrauchter Arbeitszeit im Medium der Geldware bzw. ihrer Stellvertreter. Und dann raufst Du Dir die Haare, wenn ich sage, daß nur der Preis, also eben die Darstellung verbrauchter A[rbeits]z[eit] im Medium der Geldware, die konkreten Arbeiten als gleiche quantifiziert, nicht aber D.W.s Hirngespinst, der Begriff der abstrakt allgemeinen Eigenschaft usw. in seinem Kopf. Doch sagst Du, genau das tut er. Nein, er tut es nicht, weil er es nicht kann. Er kann eine Begrifflichkeit konstruieren, die diese Abstraktionsleistung scheinbar simuliert, aber kann sie sich nicht einmal vorstellen! Mach mal die Probe aufs Exempel und stelle Dir verschiedene konkrete Arbeiten in actu vor. Es ist kein Kunststück zu sagen, sie sind alle darin gleich, daß sie menschliche Arbeiten sind. Aber es wäre ein Wunder, wenn Dir damit gelänge, die verschieden konkreten, verschieden komplizierten und verschieden intensiven Arbeiten als eine bestimmte Quantität absolut gleicher Qualität vorzustellen, sie auch nur logisch zu bestimmen. Es geht nicht, in den Preisen aber passiert genau das als Darstellung. D.W. versucht, sich einen Begriff zu machen über die Gesellschaft außerhalb seines Kopfes. Aber er entwickelt den Begriff nicht aus den Erscheinungen, die die Menschen im gesellschaftlichen Verkehr produzieren, indem sie ihren Produkten Preise anhängen und sie gegen Geld tauschen. Er entwickelt den Begriff aus seinem Kopf bzw. aus Gedanken über "die Arbeit", allgemeine Eigenschaften usw., und dieser Begriff bleibt daher inkonsistent, kann weder Wertsubstanz erklären, verwandelte Form verbrauchter Gesamtarbeit, noch Wertgrößen, notwendige Anteile daran (notwendig auch nur in W[aren]P[roduzierenden]-Gesellschaft, nicht überhaupt). Und er kann den Fetischcharakter der Ware nicht begreifen. Denn worin besteht der? Eben in ihrem Wert. Verbrauchte Arbeitszeit wird dargestellt, als wäre sie in bestimmten Portionen vorhandene Substanz, versteckt in den Produkten. Daher die ganze Metaphorik bei Marx. Und für D.W. existiert der Wert tatsächlich, in den Waren. Er betreibt Metaphysik und erklärt die Metaphorik aus der Abstraktheit der Realie Wert, nicht aus seinem Fetischcharakter. Und Du? Du sagst, der Fetisch sei eine reale Fiktion. Ja, aber worin besteht denn nun der Fetisch? Was an ihm ist Fiktion? Und was Realität? Da mußt Du schon etwas präziser werden und Dich entscheiden.

Gruß W.

[1] ANHANG 2, 5.


H.H. an W.I. Kopie an U.K (12.05.2012)
Betreff: TAUTOLOGIE

Na, da bin ich ja mal auf die Endfassung deines Papiers gespannt, W.

Hier scheinen ja doch einige Neuheiten zu kommen, das macht in der Tat neugierig, insbesondere die Aussicht auf eine fundierte Marxkritik.

Unabhängig davon würde mich trotzdem die Antwort Ulrichs auf meine Fragen interessieren.

beste Grüße

H.


Ulrich Knaudt an H.B. (13.05.2012)
Betreff: BORUSSIA

Lieber H., hier im Pott hat vieles einen preußischen Namen, seit sich die Hohenzollern hier im Westen im 18. Jahrhundert eingeheiratet haben. Ham wohl schon die Kohle und den Stahl gerochen. Ein Teil meiner Vorfahren kommt hierher. Ein Urgroßvater war Teilhaber einer großen Stahlfirma in Essen, die dann an Mannesmann verkauft wurde. In Essen gibt es noch eine Schultz-Knaudt-Straße. Wir unterhielten uns mal anläßlich der Weltmeisterschaft über Stolz. Dieser bewegt mich im Angedenken an meine Vorfahren nicht. Ich kann sie auch nicht verachten. Sie sind mir eigentlich nur fremd und egal. Wir haben uns sozusagen auseinandergelebt. Von dem Verkauf der Stahlfirma genehmigte sich mein Großvater um die Jahrhundertwende eine Weltreise, als er als Amtsgerichtsrat in Schlesien sich eine Auszeit nahm. […]

Ich war auch für Dortmund, aber nicht in erster Linie wegen des gemeinsamen Pott-Gefühls, sondern, weil ich ein spannendes Spiel sehen wollte. Aber die Borussen machten dem eine Strich durch die Rechnung. Sie haben die Bayern so verprügelt, daß ich am Schluß hoffte, die würden noch zwei Tore schießen, damit es noch ein wenig spannend wird. Aber sie waren zu ausgelaugt, diese großen Millionäre. Jetzt werden die kleinen auch große werden. Daher haben die Bayern verdient Dresche bekommen. Das ist Klassenkampf heute, die kleinen Millionäre gegen die großen.

Morgen geh ich wählen, auf jeden Fall nicht SPD und schon gar nicht Links-Grün. Die Bürgerlichen haben zumindest noch nen eignen Beruf (meistens RA, Geschäftsleute o.ä.). Für viele Linke ist das Politikersein ihr Beruf. Aber im Grunde wähle ich die andern, weil sie weniger vernagelt sind. Ein magerer Grund. Denk ich an Wissmann oder Koch oder wie sie alle heißen, die vom Kapital aufgesaugt wurden, als sie ihren Politikerjob aufgegeben haben. Dennoch ist es richtig zu wählen, sonst kommen wegen zu geringer Wahlbeteiligung noch größere Idioten ans Ruder, die nicht mal mehr wissen, wie man den Kapitalismus richtig am K… hält, sondern son verblasenes Zeug wie es der Tsipras vorschlägt, betreiben wollen, eben StamoKap. Fatal, aber wahr.

Ich habe mir ein Gläschen genehmigt, will aber noch was zu Deiner Mail sagen, ohne darauf jetzt konkret zu antworten. Ich arbeite an einer Antwort An Alle.[1] Darin will ich zu den Problemen, die wir mit D.W. und untereinander haben, konkret Stellung nehmen. Ich denke, wir sollten die gemeinsame Diskussion in einer Mailingliste fortsetzen, weil sich die Widersprüche, die wir miteinander haben, so schneller auffächern, das heißt aber nicht, abgleichen lassen.

Soweit erst mal. Viele Grüße aus BO-RUS-SIA-Land.

U.

[1] Siehe ANHANG 3.


Ulrich Knaudt an H.H. (16.05.2009)
Betreff: IMAGINÄRE WERTE

Lieber H., als Anhang mein Kommentar [1] zu unseren Mails vom 07.-10.05., den ich an W.I. und H.B. weiterleite.

Viele Grüße Ulrich

[1] Siehe ANHANG 3


H.B. an Ulrich Knaudt (22.07.2012)
Betreff: Laudatio: In Hitlers Gesellschaft | Kultur | ZEIT ONLINE

Schau mal rein, wirklich lesenswert, lieber Ulrich, hat was mit Horst Müller’s “Sozialkapitalismus” zu tun.

http://www.zeit.de/2012/24/Laudatio-Goetz-Aly/komplettansicht?print=true


Ulrich Knaudt an GdS (25.07.2012)

Hallo Buchladenkollektiv,

leider komme ich erst jetzt dazu … zu antworten. Einer der Gründe für diese Verzögerung findet sich auf der Home Page der partei Marx unter BLogbuch 1 2012.

Es ist am sinnvollsten, gleich auf den Kern der Sache zu kommen: die Leninsche Imperialismus-Theorie in der von Euch ausführlich und in zwei Anläufen analysierten und zitierten Schrift Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus.[1] Ausgehend von der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie und der Strategie der Marxschen Partei würde ich jener in unserer heutigen Situation gelesen die Überschrift geben wollen: ‚Der Imperialismus und die Spaltung des Kapitalismus‘, weil sich die Leninsche Unterscheidung zwischen dem »…nichtmonopolistischen Kapitalismus« und dem monopolistischen Kapitalismus nach meinem Dafürhalten nicht aufrechterhalten läßt, da der Weltmarkt zu einer Totalität zusammengewachsen ist, von der bereits Marx ausging, ohne daß der Weltmarkt zu seiner Zeit derart umfassend wie heute entwickelt und organisiert war. Diese Totalität hatte sich Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht durchgesetzt (weil u.a. die Kolonien noch eng mit ihren ‚Mutterländern‘ {England, Frankreich, Portugal, Niederlande usw.} politisch verknüpft waren); heute jedoch, d.h. nach dem Sieg der Anti-Hitler-Koalition über Hitler-Deutschland und der Schaffung eines ‚westlichen‘ Weltmarkts, innerhalb der westlichen Hemisphäre und nach dem Niedergang der Vorherrschaft der SU als Hegemonialmacht über die östliche Hemisphäre (die das post-‘stalinistische‘ heutige Rußland, wenn auch vorerst vergeblich, mit allen Mitteln wieder herzustellen versucht), [heute] muß von einem in dieser Totalität bisher noch nie dagewesenen Weltmarkt ausgegangen werden, der durch die im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ausgebrochene Weltwirtschaftskrise einerseits noch stärker zusammengeschweißt wird, aber gleichzeitig vor seinem Auseinanderfallen in neue hegemoniale Weltmärkte steht (US- + EU-Kapital vs. BRICS-Kapital). Damit ist die Einheit in der Totalität des Kapitalismus, von der das Marxsche KAP[ITAL] ausgeht, konkret Wirklichkeit geworden, eine Einheit, die notwendig das Moment ihrer Spaltung in sich trägt. Diese wird in zwei Richtungen erfolgen: entweder in Richtung Spaltung der Kapitalisten oder Spaltung des Kapitalismus oder beides.

Die Spaltung der Kapitalisten würde, wenn die Weltwirtschaftskrise sich weiter zuspitzt, zu neuen (Teil-) ‚Weltmärkten‘ führen, ähnlich denjenigen der beiden Weltmächte der Anti-Hitler-Koalition nach 1945;[2] die Spaltung des Kapitalismus zur Spaltung der bürgerlichen Gesellschaft in die Weltbourgeoisie und das Weltproletariat. Nach Letzterem sieht es momentan nicht aus, da das Weltproletariat als Klasse bei der Spaltung des Kapitalismus politisch noch nicht präsent ist, oder wenn sich in dieser Richtung etwas regt, dann nur im Schlepptau des imperialistischen Kleinbürgertums (attac, OWM, Rio-Gipfel etc.), das im Interesse einer Fraktion der Kapitalisten gegen die Hegemonie des ‚Westens‘ und für einen separaten ‚sozialistischen Weltmarkt‘ kämpft, der von mehr oder weniger faschistischen ‚linken‘ Polizeistaaten organisiert wird.

Die Spaltung des Kapitalismus wird in der Marxschen Analyse der Ware in KAP I wissenschaftlich untersucht. Allerdings wäre es zu wünschen, daß Ihr bei der Lektüre dieses elementar wichtigen Textes nicht dem »falschen Schein« der Wolfschen Interpretation des KAP erliegt.[3] Im Gegensatz zu Dieter Wolf gehe ich nicht einfach nur von einer, wie Ihr schreibt, »Verschleierung der Realität« und dem durch den Kapitalismus erzeugten »falschen Schein«, sondern von der Verkehrung der Verhältnisse aus, ohne deren Voraussetzung die Bestimmung des Werts der Ware in KAP I nicht möglich ist. Das unterscheidet die Marxsche Bestimmung des Werts von denjenigen der Klassiker und ihrer vulgärökonomischen Nachfolger und stellt eine wissenschaftliche Revolution dar von der gleichen Bedeutung wie derjenigen Keplers, Newtons oder Darwins. Eine wissenschaftliche Revolution, die nicht wenige moderne Ökonomen zähneknirschend anerkennen müssen. Nur auf Grund dieser Verkehrung wird der von Euch festgestellte »falsche Schein« (Die mörderische Realität... S. 2/3) zur unbestrittenen gesellschaftlichen Realität, der zugleich nach seiner gesellschaftlichen Auflösung verlangt, da es sich bei diesem »falsche(n) Schein« nicht etwa nur um eine ausgehend vom Individuum sich philosophisch stellende erkenntnistheoretische Frage handelt. Wenn Ihr Euch also auf den »Warenfetischismus« beruft, so sollte klar sein, daß dieser auf den Verkehrungen der Verhältnisse der einfachen Warenzirkulation und -produktion (einer bewußt von Marx aufgestellten hypothetischen Annahme, da die einfache Warenproduktion für sich genommen nicht existiert) beruht, die als »Verschleierung der Realität« wirken, aber eben nur als Ausdruck der Verkehrung der Verhältnisse in dieser gesellschaftlichen Realität. (Genaueres findet Ihr dazu auf parteimarx.org unter REAKTIONEN Ulrich Knaudt an H.B.: 13.01.2010, 18.06.2010, 12.07.2010, 25.07.2010, 28.07.2010, 13.08.2010, 18.08.2010. Unterstrichen = wer nicht alles lesen will, sollte zumindest diesen Brief lesen.)[4]

Die Spaltung der Totalität des Weltmarktes ist also in der Spaltung des »Konkretums der Ware« (MEW 19,362) in Gebrauchswert und Tauschwert bereits in ihrem Kern angelegt. Dagegen mag die Vorstellung von der Spaltung der kapitalistischen Produktionsweise in einen monopolistischen und einen »nichtmonopolitistischen Kapitalismus« heute vielleicht noch für irgendwelche kleinbürgerliche Kapitalismus-Kritiker wie attac, OWS usw. dazu herhalten, auf ihren ‚anti-kapitalistischen‘ ‚Sonderwegen‘ die Tatsache zu ignorieren (und die Theorie zu bekämpfen), daß die Spaltung dieser Totalität auf der einen Seite in der Spaltung des »Konkretums der Ware« in Gebrauchswert und Wert und auf der anderen Seiten in diejenige der bürgerlichen Gesellschaft in die antagonistischen Klassen, Bourgeoisie und Proletariat hinausläuft, einen Antagonismus, auf den Lenin im Gegensatz zu den heutigen Rettern des »nichtmonopolistischen Kapitalismus« vor dem monopolistischen nicht verzichtet hat und worin nach wie vor sein großes Verdienst liegt.

Die von Euch festgestellte »mörderische Realität des Imperialismus« erweist sich folglich als höchst kompliziert.Das betrifft nicht nur den Klassenantagonismus, sondern auch die Konkurrenzsituation, in der sich die einzelnen Kapitalisten befinden, deren Absolutheit in letzter Instanz nur durch den Krieg zwischen ihren Nationen und Fraktionen aufgehoben werden kann. Es sollte aber der absolute Charakter der Konkurrenz im Kapitalismus nicht mit demjenigen des Krieges als einer, wie von der Kriegspartei für gewöhnlich behauptet, im gegebenen Moment einzig möglichen Lösungsmöglichkeit dieses Widerspruchs verwechselt werden. Der ‚Kalte Krieg‘ hat gezeigt, daß solche Konkurrenzsituationen bis zu einem gewissen Grad und zeitweilig von den Beherrschern der (Teil-)Weltmärkte geregelt und entschärft werden können, sobald beide Seiten Problemen gegenüberstehen, die die Existenz der Kapitalistenklasse als solche betreffen. Das ist jeweils eine Definitionsfrage, wie an der EU leicht zu erkennen ist und keineswegs der Beweis für die Rettung der Menschheit durch den Kautskyschen Super-Imperialismus. Wenn Kautsky recht gehabt hätte, wären die Kernwaffen, von denen die Auslöschung der menschlichen Zivilisation einschließlich der Klasse der Bourgeoisie droht, längst vernichtet worden. Der Pazifismus beschränkt sich auf einen Appell an den Bourgeois, die Bedrohungssituation in Hinblick auf seine individuelle physische Existenz und die seiner Familie zu bedenken. Er soll davon ablenken, daß die Bedrohung der gesamten Menschheit von der Konkurrenz zwischen den Kapitalisten ausgeht und solange bestehen bleiben wird, wie das Kapital selbst.

Der Imperialismus als »sterbender Kapitalismus« ist also nicht gestorben, sondern hat den Sozialismus von 1917 überlebt, während das, was Lenin über den »sterbenden Kapitalismus« gesagt hat, inzwischen auch über den gestorbenen Sozialismus gesagt werden muß. Der Sozialismus war ein sterbender Sozialismus, weil von ihm das Kapital, das wie die Hydra viele Köpfe hat, nicht ins Herz getroffen wurde und ihr statt dessen ein neuer (realsozialistischer) Kopf wachsen konnte. Der von Lenin für die alte Sozialdemokratie entwickelte Begriff des Sozialimperialismus gilt daher immer noch, nun aber auch für jeden Staat gewordenen ‚Sozialismus‘, der die Antwort der neuen Bourgeoisie auf den »sterbenden Kapitalismus« darstellt. Dieser scheinen sich zur Entschärfung ihrer Konkurrenzsituation ‚westliche‘ ‚Entspannungspolitiker‘, an vorderster Front die deutschen, bis zu einem gewissen Grad und nur zu ihrem eigenen Vorteil, anpassen zu wollen. (Die deutsche Außenpolitik als Vermittlerin zwischen China, Rußland, Iran auf der einen und den USA, Israel und Saudi-Arabien auf der anderen Seite in Assads Syrien.)

Der zu Zeiten Lenins in der Sozialdemokratie sich verbreitende Sozialimperialismus sollte die soziale Revolution verhindern. Dieser hat die Extraprofite des Kapitals zur Grundlage, woraus, wie Marx und Engels bereits festgestellt haben, in den Metropolen eine gewisse Arbeiteraristokratie gespeist wird. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Für Lenin war die Arbeiteraristokratie eine Minderheit, die wegen ihres Pakts mit der Bourgeoisie vom revolutionären Weg des Proletariats abwich. Inzwischen stellt diese Minderheit die Mehrheit innerhalb der deutschen Arbeiterklasse dar, die bürgerliche Parteien wählt, während aus der ehemals bürgerlichen Arbeiterpartei eine Intelligenz- und Angestelltenpartei geworden ist, die als Teil des riesigen Wasserkopfes der bürgerlichen Gesellschaft von deren produktiven Teilen – Lohnarbeitern und Kapitalisten – ausgehalten wird. Daher fragt es sich, wenn wir davon ausgehen, daß das Kapital in infinitum akkumulieren muß, ob sich diese Extraprofite nicht mit derselben Zwangsläufigkeit aus der Akkumulation des Kapitals ergeben müssen, wie der Wert aus der Spaltung der Ware in Tauschwert und Gebrauchswert? Wenn dem so wäre, dann erklärte sich daraus auch die Entstehung der Arbeiteraristokratie als einer regulären Entwicklung des Kapitalismus, und nicht nur innerhalb der imperialistischen Metropolen. Die einzige Grenze, von der diese Entwicklung aufgehalten wird, ist dann die ökonomische Krise bzw. (alle 80 Jahre) eine Weltwirtschaftskrise, deren Ursache wiederum in der begrenzten Aufnahmefähigkeit der ‚Märkte‘, also im Widerspruch zwischen der Konsumtion der unmittelbaren Produzenten und dem Zwang des Kapitals zur Akkumulation besteht. (Hier wären dann auch die Ursachen für die Nord-Süd-Konflikt in der EU zu suchen.) Daraus folgt auf theoretischem Gebiet der Scheingegensatz zwischen Luxemburgismus und Keynesianismus auf der einen, Sozialimperialismus und Faschismus auf der anderen Seite, als die ‚friedliche‘ und die militante Form der Lösung der Krisen des Kapitals.

Hier stehen in einer perversen Verkehrung die Leninschen ‚Massen‘ den Klassen der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber. Wenn Ihr schon auf so beckmesserische Weise zeitbedingte Ausdrücke wie ‚parasitär‘ oder ‚Neger‘ bei Lenin aus dem Programm nehmen wollt (was meiner Ansicht nach total überflüssig ist, weil es historisch erklärbar und nur eine überflüssige Konzession an den linken Ethnizismus und die Bakunisten darstellt), müßte diese Sorgfalt gegenüber der political correctness auch und weit eher für Lenins ‚Massen‘-Begriff gelten, in dem die Klassen verschwimmen, nicht nur die Klasse der Lohnarbeiter, sondern vor allem auch die der russischen Bauern (dazu siehe DEBATTE 3 und 4). Nicht zuletzt dadurch ist es den Faschisten leicht gemacht worden, daran mit ihrem ‚Massen‘-Begriff anzuknüpfen.

Ob die Arbeiteraristokratie in der momentanen Krise auf ihre ursprüngliche Existenzweise als Proletariat zurückgeworfen, auch zur Klasse des Proletariats zurückkehren wird, steht in den Sternen. Sie würde dadurch zur modernsten Klasse der bürgerlichen Gesellschaft werden, wovon sie von allen bürgerlichen (Arbeiter-)Parteien, einschließlich denen des imperialistischen Kleinbürgertums mit allen Mitteln abgehalten wird. Wie aber die notwendig radikale Kritik an der Arbeiteraristokratie mit dem Wachrufen des sozialen Verstands bei einzelnen Vertretern dieser Klasse als Bedingung für die ihre künftige Teilnahme an der gesellschaftlichen Produktion im Kommunismus verbunden werden kann, dafür liefert Eure doch reichlich antiquierte Lenin-Rezeption wenig Anhaltspunkte. Hinzu kommt, daß ohne die Einsicht, daß das Proletariat eine von vornherein internationale revolutionäre Klasse ist, wovon sie ohne Lösung der nationalen Fragen ständig abgehalten wird, zu einer solchen niemals werden wird.

Lenin war ein großer Parteigänger der Marxschen Partei und hat für das internationale Proletariat Großes, aber sich selbst auch einige Fehler geleistet, die wir in seiner Situation wahrscheinlich in noch größerem Umfang begangen hätten. Er hatte nicht mehr die Zeit, diese zu analysieren und danach zu korrigieren. Das sollten wir unbedingt nachholen.

Noch eine kurze Anmerkung zu Eurem Gauck-Flugblatt,[5] und zwar zu den Fußnoten 1 und 3: ich kann in den von Gauck getroffenen historischen Urteilen (aus dem Schwarzbuch)[6] nichts mit den historischen Tatsachen nicht Übereinstimmendes entdecken. Der Skandal seiner Ausführungen besteht nicht in diesen historischen Urteilen selbst (mit denen ich grundsätzlich, wenn auch nicht in jeder Formulierung übereinstimme); der Skandal besteht in der Tatsache, daß die revolutionäre Linke nicht in der Lage ist, sich von ihren eigenen sozialimperialistischen Denkgewohnheiten zu trennen, um der bürgerlichen Kritik am ‚Stalinismus‘ eine proletarische entgegenzusetzen.

Mit vielen Grüßen

Ulrich Knaudt.

[1] Siehe die GdS-Broschüre Die mörderische Realität des Imperialismus und die Notwendigkeit des Kommunismus (März 2012), 8 ff.
[2] Exemplarisch dargestellt in J. Stalin: Die ökonomischen Probleme des Sozialismus.
[3] dieterwolf.net
[4] Siehe auch ANHANG 2B.
[5] Gds 3/12 Gauck als Symbol (März 2012).
[6] In: S. Courtois, Nicolas Werth e.a., Das Schwarzbuch des Kommunismus (885-894): Joachim Gauck: Vom schwierigen Umgang mit der Wahrnehmung, München 1998.


Ulrich Knaudt an H.B. (26.07.2012)
Betreff: Laudatio: In Hitlers Gesellschaft | Kultur | ZEIT ONLINE

http://www.zeit.de/2012/24/Laudatio-Goetz-Aly/komplettansicht?print=true

Lieber H., hab mich gefreut, von da draußen mal wieder eine vertraute Stimme zu hören. Ansonsten herrscht Funkstille. Liegen wohl alle in der Toscana oder auf Sylt oder in Heringsdorf auf der Bleiche. Schön, daß Du an mich gedacht hast. In der Tat ein lesenswerter Text, der mich echt zur Weißglut gebracht hat. Eine intelligente Analyse, die den Aly auf den Punkt bringt, sich aber gleichzeitig mit dessen demagogischen Thesen identifiziert. In meinen Mails vom 10. und 12.07.10 an Dich habe ich bereits das Passende dazu gesagt: foreign policy der working class usw.

Laut Aly und Jessen sollen auch alle wackeren Kämpfer gegen den Faschismus von diesem persönlich profitiert haben, einschließlich der Arbeiterklasse. Wir leben, wie es danach den Anschein hat, nach wie vor in einem, nur diesmal post-, faschistischen Zeitalter, und alle bisherigen Theorien über den NS erweisen sich als billige Ablenkungsmanöver, "die allesamt dazu da waren, die deutschen Verbrechen aus ihrer persönlichen Zurechenbarkeit zu lösen und einem überindividuellen System zuzuschieben, das ganz unabhängig vom individuellen Verhalten Schuld produzierte." Ob Kapitalismus-, Totalitarismus-, Singularitätstheorie oder der Historikerstreit. "Tatenlose Reue ist alles, was bleibt." (7) Wie sähe dann im Gegensatz dazu die tätige Reue aus? Vielleicht der nationale Selbstmord?

Laudator wie Laudatus outen sich jeweils als Vertreter der alten Elite, die es, so muß hinzugefügt werden, wie alle anderen versäumt hat, Hitler nicht zu dem werden zu lassen, was aus ihm und dem NS dann wurde und die sich nun darüber beklagt, daß der Pöbel von den Segnungen des NS profitiert hat. Alle anderen dagegen nicht? Im Namen der alten Elite vertreten sie die Furcht dieser Kaste vor der Ochlokratie, der Herrschaft des Pöbels, wie sie schon bei Platon und Aristoteles heraufbeschworen wird, wobei letzten Endes alles, was nicht ihrer Elite zugehört, den nach Posten und persönlicher Bereicherung gierenden Pöbel ausmacht, genannt Otto Normalverbraucher oder der "deutsche Michel"oder der sog. "kleine Mann"…

Unter dem Strich also eine weitere der üblichen Kollektivschuld-Thesen, nachdem wir uns bereits diejenigen der AntiFas und AntiDeutschen haben anhören müssen, und somit ebenso unwissenschaftlich wie diese.

Was darin systematisch ausgeklammert wird, ist neben der foreign policy der working class der Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution, d.h. zwischen präventiver und institutioneller Konterrevolution, zwischen NS und Stalinscher KP. Statt dessen bleibt nur dumpfes moralisches Gesäusel übrig: "Tatsächlich war die Furcht der Nachkriegspolitiker vor dem kleinen Mann, der unter Hitler seinen satanischen Appetit gezeigt hatte, so groß, daß sie ihn augenblicks weiter fütterten und alles unterließen, was ihn irgendwie, und sei es moralisch, reizen und belasten könnte." (5) Das wird sich nach dem Wahlsieg einer Rosa-Rot-Grünen Regierung nachholen lassen…

Es gibt in Wirklichkeit nur eine Kontinuität, die sich von 1933 bis 2012 durch die deutsche Geschichte durchzieht, deren Wurzeln in den Jahren 1848 und 1871 liegen: der bleibende Versuch der herrschenden Eliten (= herrschenden Klasse), die Arbeiterklasse mit Hilfe aller möglicher Formen der Klassenzusammenarbeit, der ‚Solidarität‘ von oben usw. zu ködern und dabei von der schlichten Wahrheit abzulenken, die darin besteht, daß, wie der Berliner sagt, der A… immer hinten ist. Aber nicht darüber zerbrechen sich die Herren Jessen und Aly den Kopf (was ein ernstzunehmender Beitrag zum Thema: Kapital-Sozialismus wäre), sondern darüber, daß, wie jeder weiß, nicht wenige der kleinen Männer genauso korrupt sind wie die großen. Natürlich sind sie das! Aber wieso dann, wie Aly seit Jahr und Tag predigt, ausschließlich Otto Normalverbraucher? Ändert das irgendwas an dem System, aus dem heraus diese Korruption täglich, stündlich entsteht und bewußt erzeugt wird? Dies geschieht doch wohl kaum durch den angeblich immensen Einfluß von Otto Normalverbraucher auf die Wirtschaft und das politische Geschäft der herrschenden Klasse, sondern gesteuert von der einen oder anderen gerade herrschenden Elite! Allerbilligste Bourgeois-Geschichtsschreibung ist das, die dort von einer der Eliten der herrschenden Klasse ausgepreist wird!

Im Anhang findest du zwei Buchbesprechungen, die darauf hinweisen, daß es auch noch wissenschaftliche Bourgeois-Geschichtsschreibung gibt.[1]

Herzliche Grüße

U.

P.S. Vgl. die sich mit dem gleichen Thema befassenden Passagen in BLogbuch 3 2010. Eine Materialistische Geschichte des deutschen NS ist noch nicht geschrieben. Materialistisch im Gegensatz zu: moralisch! Moralische Geschichtsschreibung ist Ideologie!

Das nächste Mal mehr zu Harbach und zum letzten BLogbuch und wie beides miteinander und dem Krim-Krieg zusammenhängt.

[1] FAZ 23.07.2012 Räuber Robert und seine blutigen Laien. Die krakenartige Ausdehnung der Deutschen Arbeitsfront im Zweiten Weltkrieg. Rezension: Rüdiger Hachtmann: Das Wirtschaftsimperium der Deutschen Arbeitsfront 1933-1945, Göttingen 2012. FAZ 23.07.2012 Mobilisierte Kameradinnen. Millionen Frauen waren in das Dritte Reich verstrickt, was nach 1945 wenig Beachtung fand. Rezension: Nicole Kramer: Volksgenossinnen an der Heimatfront. Mobilisierung, Verhalten, Erinnerung, Göttingen 2011.


H.B. an Ulrich Knaudt (04.08.2012)

Lieber Ulrich,

wollte […] mich u.a. für Deine Antwort auf Götz Aly zu bedanken […]

Bis dann, alles Gute

H.


Ulrich Knaudt an H.B. (08.08.2012)

[…] Was sagst Du eigentlich zu den ‚Korrekturen‘ von D.[ieter] W.[olf] an K[arl]M.[arx]?[1] Wenn ich das nicht bereits vor mehr als einem Jahr anläßlich seines Berliner Vortrags hätte feststellen müssen, hätte mich das heute vielleicht noch gewundert.[2] So aber nicht. […]

Viele Grüße U.

[1] Dieter Wolf: Fehlinterpretationen Vorschub leistende Mängel in Marx‘ Darstellung des „Kapitals“ und wie Marx sie hätte vermeiden können. www.dieterwolf.net
[2] Siehe ANHANG 2B (25.07.2010; 28.07.2010).


Ulrich Knaudt an H.B. (31.08.2012)
Betreff: BAKUNISMUS

Lieber H., das Zauberwort heißt "Gallerten".[1]

(59) "Wie die Gebrauchswerte Rock und Leinwand Verbindungen zweckbestimmter, produktiver Tätigkeiten mit Tuch und Garn sind, die Werte Rock und Leinwand dagegen bloße gleichartige Arbeitsgallerten, so gelten auch die in den Werten enthaltenen Arbeiten nicht durch ihr produktives Verhalten zu Tuch und Garn, sondern nur als Verausgabungen menschlicher Arbeitskraft."

(65) "Sagen wir: als Werte sind die Waren bloße Gallerten menschlicher Arbeit, so reduziert (sic!) unsre Analyse dieselben auf Wertabstraktion, gibt ihnen keine von ihrer Naturalform verschiedne Wertform. Anders im Wertverhältnis einer Ware zur andern. Ihr Wertcharakter tritt hier hervor durch ihre eigne Beziehung zu der andern Ware…

(65) Um den Leinwandwert als Gallerte menschlicher Arbeit auszudrücken, muß er als eine ‚Gegenständlichkeit‘ ausgedrückt werden, welche von der Leinwand selbst dinglich verschieden und ihr zugleich mit andrer Ware gemeinsam ist."

Ausgehend vom Gegensatz G[ebrauchs]wert – Wert gelten die Werte als gleichartige Arbeitsgallerten. Aber erst in der Wertgleichung drücken sich die Arbeitsgallerten als Wertgegenständlichkeit aus. Dieser Unterschied war mir auch nicht unbedingt klar.

Nun zu Bakunin: Die Beschreibung der Schwierigkeiten Bakunins mit der Arbeitsgallerte entnehme ich dem Anhang von Fritz Brupbacher: Marx und Bakunin, München 1913, einem Zeitzeugen der Spaltung der Internationale durch die Bakunisten und selbst ein (liberaler) Bakunist. Er zitiert auf S. 194 im Anhang aus einem Brief Ljubavins an Marx, der beim Ausschluß Bakunins aus der Internationale eine wichtige Rolle spielte, weil selbiger Brief zwischen dem Übersetzer des KAP, Bakunin, und dem Vermittler Ljubavin und dem Verleger, der Bakunin 300 Rubel vorgeschossen hatte, Bakunins betrügerische Absichten hatte beweisen sollen. In seinem Bericht an Marx heißt es zu Ljubavins Vorhaltungen Bakunin gegenüber, wo die Übersetzung bleibe, seitens Bakunins wörtlich: "’Wie können Sie sich nur einbilden, daß ich nach Übernahme der Übersetzung und Entgegennahme der Abschlagszahlung von 300 Rubel nun auf einmal von der Arbeit zurücktreten werde‘." (Nicht in seiner Macht liegende Verhältnisse hätten ihn lediglich davon abgehalten.) "Er fügt auch bei, die übernommene Arbeit erweise sich viel schwieriger, als er sich vorstellt. Er spricht dann von den verschiedenen Schwierigkeiten bei der Übersetzung. Ich führe nur eine an, denn ich glaube, Bakunin hat einfach gelogen. Er zitiert folgenden Satz Ihres Buches: ‚Der Wert ist die Arbeitsgallerte‘, und sagt: ‚Hier hat Marx einfach einen Scherz gemacht; er hat mir das selbst eingestanden‘. Er spricht dann die Hoffnung aus, gegen Ende April 1870 würde die Übersetzung fertig sein…"

Wenn ich auch Bakunins Verhalten in der Internationale nur als üble Intrige bezeichnen kann, so hat er hier mein vollstes Verständnis, wenn er offenbar an der ‚Arbeitsgallerte‘ gescheitert ist. Wie wir beide wissen, handelt es sich keineswegs um einen Scherz, sondern um die Behandlung eines der schwierigsten Probleme der Werttheorie, an der ’selbst‘ ein Dieter Wolf immer wieder scheitern wird…

Ich muß an meinen Schreibtisch zurück und grüße Dich herzlich

U.

[1] Die Seitenzahlen am Zeilenanfang in runden Klammern beziehen sich auf Karl Marx: Das Kapital I MEW 23.


H.B an Ulrich Knaudt (08.09.2012)
Betreff: BAKUNISMUS

Ich bin mit Dir,

lieber Ulrich,

am Nachdenken über den von Dir aufgezeigten "Unterschied"

von dem Du sagst, dass er Dir "auch nicht unbedingt klar war" (s.u.).

"Arbeitsgallerte" ? / "Abstrakte Arbeit" –

deren "Behandlung eines der schwierigsten Probleme der Werttheorie …

immer wieder scheitern .." ! Wer nicht ?

Wir müssen dran bleiben.

Deshalb frage ich Dich

1. kannst Du den "Unterschied" noch etwas genauer bestimmen, Dich

zu ihm noch etwas genauer positionieren ?

2. was möchtest Du mit ihm ausdrücken ?

3. welch eine Bedeutung in Bezug auf

a) theoretische (Dieter W.[olf], Helmut R.[eichelt]/Backhaus, Nadja R.[akowitz] u.a.)

b) politische

c) praktische Konsequenz

misst Du diesem bei?

Vielleicht sind diese Fragen nicht einfach zu beantworten,

aber wenn wir uns dadurch den richtigen Fragestellungen nähern,

hätten wir uns schon zumindest halbwegs den richtigen Antworten

genähert – oderrrr ?

Bis bald wieder.

Herzlichen Gruß


Ulrich Knaudt an (09.09.2012)
Betreff: BAKUNISMUS

Lieber H:, ich hätte zwar Lust, um Deine Fragen jetzt und sofort zu beantworten, diesem Unterschied weiter nachzuspüren. Da er sich aber als momentanes Nebenprodukt meiner Untersuchungen zu Tschernyschevski, Marx und Bakunin ergeben hat, muß ich ihre Beantwortung verschieben. Aber sie bleiben im Raum.

Nach wie vor bin ich damit beschäftigt, den politischen mit dem wissenschaftlichen Marx in Übereinstimmung zu bringen oder besser: den Zusammenhang zwischen beiden wiederherzustellen. Daher bleiben Deine Fragen akut, aber ohne Rekonstruktion des politischen Marx nicht lösbar (ein grundlegender Fehler der revolutionären Linken nach 1967, ausgehend allein vom wissenschaftlichen Marx die deutschen Verhältnisse analysieren zu wollen! )

Bei meinen Untersuchungen bin ich auf die nationale Frage in ihrer ursprünglichen, vor-leninschen Fassung gestoßen und würde, was ich bisher zu letzterer in ihrer Leninschen Version geschrieben habe, so nicht mehr aufrechterhalten wollen. Einfach deshalb nicht, weil Lenin dabei keinen Unterschied zwischen dem demokratischen und dem proletarischen Internationalismus gemacht hat. Dieser Unterschied ist in der Auseinandersetzung von Marx und Engels mit dem Bakunismus aber von entscheidender Bedeutung. Und daher muß die Debatte über die NF dort ihren Ausgang nehmen. Daß sie auch heute noch akut ist, ergibt sich täglich bei der Zeitungslektüre über Euro, EZB, BVerfG usw. […]

Viele Grüße

U.


Ulrich Knaudt an H.B. (06.10.2012)

Lieber H.,

[…] Für das Frühjahr habe ich mir vorgenommen, was zu H.H.[arbach] + D.W.[]olf zu machen. Gleichzeitig arbeite ich zu Bakunin und Nationale Frage für pM, eine Endabrechnung mit dem heutigen Bakunismus, wie er im Zusammenhang mit Griechenland und Syrien zum Ausdruck kommt, mit ‚Herr Vogt‘ als Blaupause. Unruhige Zeiten auf der einen, aber wenig Ermunterndes auf der anderen Seite. Die Minenarbeiter in Südafrika das kommende Proletariat? Oder nur eine Intrige von Bergwerkskapitalisten, der Börse und rechten und ‚linken‘ Gewerkschaften? Der subjektive Faktor, der das auf den Punkt brächte = 0. Linkes Geschwätz. Kein Kommunismus weit und breit.

Soviel erst mal. Meld‘ Dich!

Herzliche Grüße

U.


Ulrich Knaudt an H.B. (20.10.2012)

Lieber H.,

[…] Ich habe für mich immer daran herumgerätselt, was Du mit Deiner Kritik an D.[ieter]W.[olf]s ‚abstrakter Arbeit‘ eigentlich gemeint hast. Und wir hatten ja schon telefonisch geklärt, daß damit nicht die Stelle in den GR[rundrissen] [1] gemeint sein kann, wo von der ‚Arbeit sans phrase‘ die Rede ist.[2] Also geht es letztlich um die Wert-Substanz. Auch hier waren wir so weit, daß dieser Substanz-Begriff nicht mit dem in der abendländischen Metaphysik verwendeten Substanz 1:1 übereinstimmt, sondern daß es sich allerhöchstens um ein Zitat, oder wie ich meine, um eine Karikatur, Umstülpung ins Lächerliche und was sich sonst noch so anbieten würde, handelt. Eine solche Überlegung widerspricht natürlich dem ganzen Wolfschen Duktus, der eine schlechte (weil ungewollte) Karikatur Hegelscher Denkfiguren ist. Wenn seiner Ansicht nach alle Arbeit seit Adams und Evas Parad[ies]exit immer schon abstrakt war, weil man sie, ohne eine Abstraktion vorzunehmen, nicht denken kann (und folglich, ohne die Arbeit als Abstraktum gedacht zu haben, sie gar nicht existierte – es sei denn, sie wird von Marx im Ersten Kapitel erdacht!!!), wird im übrigen der Unterschied zwischen der konkret nützlichen und der abstrakt menschlichen Arbeit eingeebnet, also auch der Unterschied zwischen der Arbeit in vor-kapitalistischen Gesellschaften (siehe GR: ‚Vorkapitalistisches‘)[3] und der Waren produzierenden Arbeit. Voilà Stalins These: daß es nicht nur kapitalistische Waren im Kapitalismus, sondern auch ’nicht-kapitalistische Waren‘ (im Stalinschen Sozialismus) geben kann. […] Eben das vertreten im Kern Wolf und Harbach. Und deshalb ist das, was sie vertreten, politisch höchst brisant.

Wenn Du also D.W.s ‚abstrakte Arbeit‘ kritisieren willst, reicht eine solche Herleitung der Genealogie der Ware, um den Wolfschen Revisionismus zu demaskieren (oder, wie er es nennt: um K.M. ‚besser verständlich machen‘), nicht aus.[4] – […] Dazu muß vor allem seine Hauptthese vom Aufstieg vom ‚Abstrakten zum Konkreten‘ zerschlagen werden (klingt sektiererisch – macht nichts: wer Marx offen angreift und behauptet, ihn angeblich zu schützen, findet bei der parteiMarx kein Pardon!) Wie wir doch aus der Wagner-Kritik [5] wissen und des Langen und Breiten diskutiert und uns geeinigt haben, geht K.[arl]M.[arx] in der W[ert]F[orm]A[nalyse], wie er selbst sagt, genau umgekehrt vor: ausgehend vom „Konkretum der Ware“ gelangt er zur Wertform, d.h. zu einem vollkommenen Abstraktum und zwar u.a. durch Reduktion der konkret nützlichen auf abstrakt menschliche Arbeit. AmA ist aber ein Paradox, weil menschliche Arbeit eigentlich immer konkret ist, aber als amA zugleich der Kern der Wertsubstanz. Ohne diesen Abstieg vom Konkretum der Ware zum Wert als Abstraktum (all die Zwischenschritte und Varianten, die Marx im Ersten Kapitel bei der Analyse der Wertform entwickelt, beiseite gelassen), wirst Du dem Wolfschen Revisionismus nicht Paroli bieten können und schon gar nicht den Weiterungen gegenüber, die Harbach zwecks Rehabilitation des Realen Sozialismus daraus ableitet…

Hier also wartet auf uns noch ne Menge Arbeit und wie ich mir wünsche und hoffe, Zusammenarbeit.

[…]

U.

P.S. Im Anhang schicke ich Dir den lustigen FAZ-Artikel über das Geld.[6] Man macht sich ernsthaft Gedanken, ob man es überhaupt noch braucht. Vielleicht landen sie noch alle bei Silvio Gesell, als monetärer Ausdruck des herrschenden Ökofaschismus.

[1] Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Moskau 1939 [=GR]; MEW 42, Berlin 1983.
[2] GR, 25; MEW 42, 39.
[3] GR, 375-415; MEW 42, 383-421: Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehen.
[4] Siehe U.K. an H.B. (08.08.2012) [1].
[5] Siehe H.B. an U.K. (10.05.2012) [1]
[6] FAZ 11.10.2012: Barzahlung. Was kostet das Geld?


Ulrich Knaudt an GdS (14.11.2012)

Hallo Buchladenkollektiv,

leider komme ich erst jetzt dazu, auf die Zusendung der Mai- und Juli/August-Ausgaben von GdS zu reagieren. Die in letzterer angekündigte Broschüre Religion, Opium des Volkes würde ich Euch bitten mir zu schicken, weil mir bei der Lektüre der Juli/August-Nummer erneut die Art und Weise negativ aufgestoßen ist, in der darin das Verhältnis zwischen der deutschen Mehrheitsbevölkerung und den hier lebenden Minderheiten behandelt wird (vgl. mein Brief vom 28.10.11.). Da ich annehme, daß in der Broschüre darauf systematischer als in dem GdS-Artikel aus Juli/August eingegangen wird, werde ich meine Kritik vorläufig zurückstellen.

Grundsätzliche Einwände treffen aber auch GdS 6/12.[1] Obwohl ich den darin angestellten Versuch einer Kritik am linken Reformismus von attac teile, habe ich den Eindruck, daß der Sack geschlagen wird, aber der Esel gemeint ist. Das beginnt mit dem Begriff der »antikapitalistischen Perspektive«, die dem attac-Reformismus als Gegenposition gegenüberstellt wird, der aber in Wirklichkeit aus derselben fragwürdigen Begriffswelt stammt, die damit kritisiert werden soll. Neben linken gibt es bekanntlich auch reaktionäre „Antikapitalisten“, zu denen u.a. die Nazis zu rechnen wären, deren „Antikapitalismus“ sich lediglich völkisch verengt auf das „jüdische“ Kapital beschränkt.

Über das dem attac-Reformismus von GdS entgegengehaltene »Gegenteil von einer antikapapitalistischen Perspektive« ließe sich daher bestenfalls sagen, daß diese »Perspektive« eine schlichte Leerformel darstellt, worin neben attac, die Partei Die Linke, aber auch Islamisten und Nationalsozialisten bequem nebeneinander Platz fänden. Entsprechend erscheinen in diesem Artikel die von Lenin, Stalin und Rosa Luxemburg u.a. entlehnten theoretischen Versatzstücke, die um die »Zerschlagung des bürgerlichen Staats« kreisen, nicht weniger leerformelhaft, da sich das Verhältnis des bürgerlichen Staats und der bürgerlichen Gesellschaft zu den ausgebeuteten und unterdrückten Klassen nach meinem Dafürhalten um einiges komplizierter darstellt als in dieser Formel zum Ausdruck kommt. Der geringe Grad an Reflexion in der Einschätzung dieses Verhältnisses hat viele ‚Marxisten‘ vor die Frage gestellt, ob überhaupt noch von einer Klassengesellschaft gesprochen werden kann oder ob dieses Verhältnis nicht besser durch den Unterschied zwischen Arm und Reich, (der durch den fürsorglichen Sozialstaat ausgeglichen werden soll) zu ersetzen wäre. Das ist natürlich Unsinn. Diesem weit verbreiteten (klein)bürgerlichen Klassen-Skeptizismus wird in dem Artikel einfach unvermittelt und völlig abstrakt die Losung von der »Zerschlagung des bürgerlichen Staates« entgegengehalten, eine Formel, die Lenin mit einer gewissen Berechtigung gegenüber dem Reformismus seiner Zeit verwendet hat.

Um diese Formel mit Inhalt zu füllen in einer Zeit, da die Marxsche Kritik an der bürgerlichen politischen Ökonomie von der heutigen Weltwirtschaftskrise konkreter denn je und in allen Einzelheiten bestätigt wird, müßte zumindest auf die Differenz zwischen der Marxschen und der Leninschen Verarbeitung der Erfahrung der Pariser Kommune eingegangen werden, bei der uns Rosa Luxemburgs Lenin-Kritik und ihre Fehleinschätzung des von Lenin für erforderlich gehaltenen revolutionären Terrorismus nicht wirklich weiterhilft. Es ist schon bemerkenswert, welch großer Wert von GdS in diesem Zusammenhang auf die zur Säulenheiligen der Partei Die Linke erhobene deutsche Revolutionärin gelegt wird, deren Einschätzungen der Bauernfrage oder der sog. nationalen Frage in Rußland kein günstiger Ausgangspunkt wäre, um über die Differenzen zwischen Lenin und Marx in der theoretischen Verarbeitung der Pariser Kommune zu diskutieren.

Dieses ungeklärte Verhältnis hat auch unmittelbare Auswirkungen auf die Art und Weise, wie in GdS über den Minenstreik in Südafrika berichtet wird. Erst in den letzten Zeilen kommt der Artikel auf die politischen Verhältnisse in Südafrika zu sprechen, allerdings in der klassischen Manier der deutschen Linken, die sich in ihrer Kritik an den bürgerlichen Gewerkschaften und linken Parteien einfach auf die Feststellung beschränkt, diese würden die Interessen der Arbeiterklasse nicht ‚radikal genug‘ vertreten. Als ob die Bourgeoisie nicht dazugelernt hätte und es versteht, nicht nur auf seiten des Reformismus, sondern auch des ‚linken‘ Radikalismus mitzumischen und dabei ihre Interessen durchzusetzen. Die mangelnde Einsicht von GdS in diese Seite der ökonomischen Kämpfe in S-Afrika würde ich als ‚linken‘ Ökonomismus bezeichnen, weil darin das üble Spiel des linken Flügels des ANC und der COSATU unterbelichtet bleibt und vermieden wird, diesen als Politik der Neuen Bourgeoisie der sog. ‚Dritten Welt‘ (heute: ‚Schwellenländer‘) zu entlarven, die sich bei genauerer Betrachtung als weitaus gefährlicher und reaktionärer herausstellen könnte als diejenige der ‚alten‘ Bourgeoise (die gelernt hat, vierhändig Klavier zu spielen). Dieser ‚linke‘ Ökonomismus, der davon absieht politisch beim Namen zu nennen, daß Demagogen vom Typ Mugabe für den Klassenkampf weitaus schädlicher und gefährlicher sind als alle rechten Beschwichtigungspolitiker zusammen, wird nicht nur der politischen Situation in S-Afrika nicht gerecht; er ist auch äußerst kontraproduktiv, um jene Demagogen aufs Korn zu nehmen, die die Arbeiter durch radikal klingende Parolen aufputschen, und sich hinter ihrem Rücken nicht nur von den Gewerkschaftsgroschen, sondern den Tantiemen der Bergbaumultis die Taschen füllen. Das wird einem deutschen Linken aber wohl niemals einleuchten.

Über diesen Schatten scheint auch GdS nicht springen zu können (oder zu wollen) trotz vereinzelt auftretenden vernünftigen politischen Einsichten, worin sie sich vom linken Mainstream unterscheidet (siehe z.B. Seite 2: »Das hat die Geschichte des Niedergangs der ehemals sozialistischen Staaten gezeigt« oder ihre berechtige Kritik an den 99% und an der ‚Arbeiteraristokratie‘). Solche ‚Schwalben, die noch keinen Sommer machen‘, ändern aber leider nichts an der gesamten politischen Ausrichtung, die einer grundsätzlichen Kritik zu unterziehen wäre. Allerdings habe ich große Zweifel, ob mir dabei überhaupt jemand zuhören würde. Dies beträfe vor allem die strategische Unterscheidung zwischen dem rechten und dem linken Faschismus, und der taktischen Bestimmung des einen und/oder des anderen als ‚Hauptfeind‘ des Proletariats. Die Bekämpfung des ‚linken‘ Faschismus vom Boden des rechten (Pro NRW usw.) ist nicht weniger reaktionär als die Bekämpfung des rechten Faschismus vom Boden des ‚linken‘ (wohin GdS mit ihrem toleranten Verhältnis zum Islamismus s.o. tendiert).

Durch die Weltwirtschaftskrise wird eine Klärung dieses Verhältnisses erzwungen. Dann wird GdS sich entscheiden müssen, ob sie Teil der Lösung oder des Problems sein wird. Austragungsort für diese Entscheidung ist heute der Nahe Osten und dort gegenwärtig Syrien, wo China, Rußland, Iran und das Assad-Regime mit dem Westen und Saudi-Arabien um die Oberherrschaft ringen. (vgl. BLogbuch 1 2012) Die Lösung der Weltwirtschaftskrise zugunsten der einen oder anderen Bourgeoisie, wird entweder auf dem Wege Roosevelts und Churchills oder Hitlers und Stalins erfolgen. Die Rooseveltsche Lösung bedeutet, wie an der Euro-Krise sichtbar wird, die Verstaatlichung der Linken durch die Aufnahme von linker Programmatik in die Politik des Kapitals. Nach ihrer Verstaatlichung wird sich die Linke noch weniger in der Lage erweisen, die elementaren Gemeinsamkeiten in der ‚Hitlerschen und Stalinschen‘ Lösung richtig einzuschätzen, um ausgehend davon ihre Taktik im Kampf gegen die vierhändig spielende Bourgeoise konkret zu bestimmen und beide Varianten mit der jeweils geeigneten Taktik zu bekämpfen. (vgl. in der FAZ vom 13.11.: Ein Syriza-Abgeordneter drohte den Befürwortern der Regierungspolitik das gleiche Schicksal wie dem amerikanischen Botschafter in Libyen an, während die ‚Goldene Morgenröte‘ nach ihrer Machtergreifung die verräterischen Abgeordneten vor ein Tribunal stellen will.[2])

Dazu gehört auch die von der alten und Neuen Bourgeoisie momentan durchgeführte Kampagne gegen den ‚Rechtsextremismus‘, worin Die Linke mit allen Mitteln versucht, die Gemeinsamkeiten zwischen dem Stasi-Staat und dem NS-Staat zu verwischen, um sich selbst dabei als die vernünftigere Stasi-Partei zu profilieren. Um die Demagogie und Gefährlichkeit dieses Spiels beider Seiten zu durchschauen, davon ist der ‚linke‘ Ökonomismus von GdS, einschließlich ihrer ‚linken‘ Kritik an attac meilenwert entfernt. Ob die GdS-Autoren bereit sind, diese Diskussion fortzusetzen, werde ich daran erkennen, ob mir weiterhin Ausgaben von GdS zugeschickt werden oder nicht. Letzteres wäre, zumindest von meiner Seite aus betrachtet, höchst bedauerlich, aber gegebenenfalls zu verschmerzen.

Mit solidarischen Grüßen

Ulrich Knaudt

[1] Gegen die Strömung: Revolutionäre Positionen contra staatstragenden Attac-Reformismus (Mai 2012).
[2] FAZ 13.11.2011 Auszahlung weiterer Milliarden an Griechenland rückt näher. »Ein Syriza-Abgeordneter stellte den Unterstützern der Reformpolitik die Anklage vor einem „Sondertribunal“ in Aussicht und deutete an, ihnen drohe das Schicksal des (von einem islamistischen Mob ermordeten) ehemaligen amerikanischen Botschafters in Libyen. Ähnlich hatte vor kurzem schon die rechtsextreme „Goldene Morgenröte“ gedroht, im Falle einer Machtergreifung werde man ein Tribunal zur Anklage „verräterischer“ einheimischer Politiker einrichten. Syriza ist in Umfragen seit Wochen stärkste, die „Morgenröte“ drittstärkste politische Kraft des Landes.«


Ulrich Knaudt an P.T. (17.11.2012)
Betreff: SYRIEN-VERANSTALTUNG[1]

Der Vortrag war gemessen daran, was auf diesem Gebiet sonst so geboten wird, sehr gut. Dem Flyer entnehme ich, daß Erik Mohns am Zentrum für Nahoststudien in Dänemark tätig ist. Das Wichtigste in seinem Lebenslauf, daß er zwei Jahre lang Dozent an der Uni von Damaskus war. Realistische Einschätzung der Lage in Syrien ohne vordergründige Ideologie. Ich vermute mal, sein eigentliches Thema ist Aufstandsbekämpfung, und die studiert er anhand dieser Auseinandersetzung, eine Art Studium einer Operation am offenen Herzen. Positiv fiel mir auf: er hält nichts von Todenhöfer und auch nichts davon, einen Zusammenhang zwischen der syrischen Revolution und der Occupy-Bewegung herzustellen. Da hält er sich raus. Auch den vom asta verwendete Begriff ‚Arabischer Winter‘ hält er für nicht zutreffend. Nach jedem Frühling komme nun mal der Winter. Das sei normal.

Referat:

1. Ablauf der arabischen Revolution

2. Strukturelle (ich würde sagen gesellschaftliche) Ursachen des syrischen Aufstands

3. Konfliktpunkte zwischen den verschiedenen Fraktionen

4. Entwicklungsszenarien

5. Warum wurde das Regime noch nicht gestürzt?

zu 1. An der arabischen Revolution in Nordafrika haben alle Schichten der Bevölkerung teilgenommen. Facebook-Revolution ist oberflächlich. Was alle verbindet: Gerechtigkeit, Freiheit, Würde, Respekt. Gemeinsam wird eine Reform des Staatswesens gefordert und die Erringung eines zivilen status für jeden einzelnen (Staatsbürgerschaft). Die typischen Zuschreibungen von seiten der Konterrevolution: Agenten des Westens, Djihadisten. Aber die Djihadisten seien pleite (na ja…).

zu 2. Hauptursache für die Revolution in Syrien: gescheiterte Transformation, ökonomischer Niedergang seit Jahren. Subventions- und Ausgabenkürzungen, Landflucht, Konflikt Stadt-Land, wo korrupte Gouverneure herrschen. Hauptleidtragende: ländliche Bevölkerung, Mittelschichten. Daher Zentren des Aufstands in mittleren Städten und den Vororten von Damaskus etc. Wichtig: Versuche, wie in Kairo den zentralen Platz der großen Städte zu besetzen, werden unter Maschinengewehrfeuer auseinandergejagt. Daher bleiben die Demonstrationen regional begrenzt, dort werden sie von Scharfschützen zusammengeschossen, dagegen formiert sich der bewaffnete Widerstand. Ziel ist der Sturz des Regimes. Die Militarisierung der Bewegung wird durch Deserteure vorangetrieben. Der Referent sieht folgende Eskalationsstufen:

– Bis August 2011: Eine Kombination von Konzessionen (Wahlen, Verfassung usw.) und Repression (Scharfschützen).

– Bis Januar 2012: Dominanz der Sicherheitsapparate und Schlägertrupps.

– Bis November 2012: Rein militärische Lösung.

Die militärische Lösung zeichnet sich aus durch

a. Politik der verbrannten Erde und Propaganda gegen ‚Ausländer‘, ‚Terroristen‘, ‚Djihadisten‘.

b. Der Einsatz der Armee erzeugt: Tote, Verletzte, Vertriebene. Die Armee ist eher ein Netzwerk von bewaffneten Milizen, mit dem Präsidenten als Bandenchef.

c. Politik der verbrannten Erde durch Angriffe vornehmlich auf Kleinstädte, die s.o. vom Widerstand erobert wurden. Das Militär verhält sich wie eine Besatzungsarmee. Hauptziel ist die Entvölkerung ganzer Gebiete.

Die Todesrate sei inzwischen höher als im Irak-Krieg.

zu 3. Die Kräfte gegen das Regime setzen sich zusammen aus

– der ‚zivilgesellschaftlichen‘ Bewegung: der Straße, die sich in Netzwerken organisiert.

– der politischen Opposition, die aus unbewaffneten politischen Dissidenten besteht (siehe BL[ogbuch] 1-2012: das, was das N[eue]D[eutschland] unter syrischer Opposition versteht), spielt keine besondere Rolle.

– dem bewaffneten Widerstand

Zwischen diesen Kräften nennt der Referent folgende Konfliktpunkte:

– Verhandlungsbereitschaft mit dem Regime ja oder nein?

– Militarisierung des Aufstands ja oder nein?

– Befürwortung der Sanktionen?

– Ausländische Intervention?

Der bewaffnete Widerstand besteht aus:

– Der freien Syrischen Armee = Dachverband der lokalen bewaffneten Gruppen an der Peripherie; sie ist der professionellen Armee zahlenmäßig unterlegen, erhält keine systematische Bewaffnung, sondern die Gruppen versorgen sich individuell aus verschiedenen Quellen. Der Westen, speziell die USA, halten sich noch zurück, weil sie verhindern wollen (siehe Afghanistan), daß die Stinger-Raketen den Islamisten in die Hände fallen.

– einer Guerillabewegung auf dem flachen Land

– einer Untergrundarmee, die ganze Stadtteile besetzt hat und dort das Überleben der Zivilbevölkerung organisiert.

Was den Islamismus angeht, ist der Referent skeptisch. Es fände zwar eine gezielte Rekrutierung von Sunniten statt, es handle sich in Syrien aber um keine sunnitisierte Revolte.

Zu 4. Der Referent unterscheidet zwischen verschiedenen Szenarien der Weiterentwicklung der Auseinandersetzung:

– Die Gewinnung von alawitischen Führungskräften für einen Putsch (decaptivation)

– Die somalische Lösung (das Auseinanderbrechen des syrischen Staates)

– Die jemenitische Lösung (scheinbare Machtteilung, die in Wirklichkeit alles beim Alten läßt)

– Regionale Vorherrschaft durch das Regime (kurdische Gebiete haben sich bereits separiert)

zu 5. Insgesamt bescheinigt er diesem Regime eine hohe Lernfähigkeit, die es bisher bewiesen habe, was z.B. an der Verhinderung der Besetzung von symbolisch wichtigen Räumen sichtbar wurde. Es weiß, daß es nicht so einfach gestürzt werden kann. Eine ausländische Intervention ist äußerst kostspielig; wenn, dann müßten dabei vor allem die 10 bis 15 Flughäfen ausgeschaltet werden. Das Hauptproblem mit den Djihadisten bestehe darin, daß Selbstmordanschläge hoch effektiv im Vergleich zu konventionellen Angriffen sind und daß diese daraus ihre Prestige ableiten und auf Dauer an Einfluß gewinnen könnten.

Soweit der Vortrag.

Er enthält eine realistische Einschätzung, was ihm mangelt, ist die Weltpolitik, die man sich dazu denken muß.

Die auswärtigen Mächte, die Einfluß nehmen, bleiben außen vor. Das wäre vielleicht auch ein anderes Thema, das in diesen akademischen Kreisen deplaziert wäre. Ich denke natürlich als erstes an die Rolle Chinas in der ganzen Angelegenheit, von Rußland, Iran, Israel einmal abgesehen. Preisfrage: Will (und soll) Hamas durch Raketen in Gaza, Assad in Syrien aus der Patsche helfen? usw. usf.

Soweit erst mal dieser Vortrag. Ein winziger Lichtblick in dem üblichen Grau in Grau.

[…]

U.

[1] AstA derRuhr-Uni Bochum: Arabischer Winter (15.11.2012).


H.B. an Ulrich Knaudt (22.11.2012)

Danke,

lieber Ulrich, für Deine Zeilen […]

Wir hatten ja auch schon mal einen gewissen Bruch zwischen uns – von Deiner, nicht von meiner Seite aus, da ich Deine Arbeit, wie Du wissen müsstest, Dich, außerordentlich schätze, für wichtig halte. In gewisser Hinsicht geht es mir mit D.[ieter] W.[olf]’s Arbeiten ebenso, angefangen schon, insbesondere mit seiner Arbeit zu "Hegel und Marx, Zur Bewegungsstruktur des abs. Geistes und des Kapitals" v. 1979 …

"Das Konkurrenzverhalten … des Kleinbürgers" sitzt tiefer als wirdenken – wer frei davon sich wähnt, ‚der werfe den ersten Stein!‘ – ist also eigentlich gar nichts Kapitalismustypisches und ich denke weit zurückreichender als die sog. Wert-/Waren-Logik selber, insofern Existenzbehauptung bzw. Anerkennung auf Kosten anderer nicht nur erst seit Menschengedenken, sondern schon im Tierreich (vielleicht auch schon im Pflanzennebeneinander oder womöglich der Entwicklung zellularen Lebens überhaupt eigen?) Gang und Gäbe ist. Im Kapitalismus, angesichts dessen allseitiger Produktivkräfteentwicklung, erreicht Konkurrenz wohl ihren"Kulminationspunkt" (ein Marx-Gedanke).

Wir erleben uns im/als Mittelpunkt der Welt. Wie für das Tier die Welt schlicht "Umwelt", so ebenso noch immer für das Tier Mensch. Insofern, fällt mir gerade auch auf, sind die Marxschen Ph[ilosophisch-]Ök[konomischen]M[anuskripte] wissenschaftlicher und zugleich m e n s c h l i c h e r Durchbruch (Abgrenzung von Tier, Kritik der Entfremdungsbedingungen vom Boden der m e n s c h l i c h e n (Gattungs-) Potentialität aus).

[…]

Ungeachtet dessen gehen mir unsere Besprechungspunkte weiter durch den Kopf, ohnehin wohl täglich die, die mit den "zwei Arten von Widersprüchen" zu tun haben. Einige Zitate muss ich Dir noch nachreichen (stehen in Zusammenhang mit Dieter [Wolf] und Heiner [Harbach], über die ich demnächst wieder sitzen werde).

Ich rühr mich wieder,[…] bis bald,

[…].

Mit herzlichen Gruß

H.


Ulrich Knaudt an H.B. (25.11.2012)
Betreff: BELLUM OMNIUM

Lieber H., Thomas Hobbes verlegt in der Tat den bellum omnium contra omnes in eine vorzivilisatorische, tierische Epoche der Menschheitsentwicklung. So weit will ich nicht gehen. Daher einigen wir uns auf den "Kulminationspunkt". Die Gattungsgeschichte läßt sich, wie wir wissen, erst mit Kenntnis der "Anatomie des Menschen" wissenschaftlich erklären. Diese Marxsche Dialektik, deren Ahnung auch Tschernyschewski besitzt (Die Zuspätgekommenen machen sich nach der Zerschlagung der von ihren Vorläufern übrig gelassenen Knochen über das Köstlichste, das Knochenmark her – sie belohnt das Leben und bestraft es (siehe Gorbi) nicht etwa), fehlt mir in Deiner Herleitung der Konkurrenz. Ist aber nicht so wichtig.

Zu D.[ieter]W.[olf]: ich bin mit ihm persönlich trotz unserer theoretischen Kriegs- (polemos) Zustands immer gut klargekommen, und es gibt durchaus gewisse Sympathien. Mit wem ich überhaupt nicht klar komme, ist sein Schildknappe –

[…] Ich lese grade ein nicht ganz dummes Buch über China, obwohl sehr populär geschrieben. Dort geht es auch um die Vergiftung der Luft und der Gewässer und dabei läßt sich beobachten, daß die Vergiftung des Leitungswassers erst in dem Augenblick zum ‚Umwelt‘-Problem wird, da die middle class in Beijing merkt, daß auch sie von den Folgen des Raubbaus an der Natur mittelbar betroffen ist. Erst in dem Moment wird dieser zu einer ‚Umweltfrage‘. Daß die Ausbeutung des Menschen und der Natur ausschließlich Folge der Kapitalverwertung ist und diese als der dem zugrunde liegende Widerspruch unmittelbar wirksam ist, darauf kommt die middle class weder in China noch in Deutschland. Oder besser, darauf will sie erst gar nicht kommen (sonst dächte sie nicht mehr wie die middle class!).

[…] Denn wie sich nicht verleugnen läßt, ist das Kyoto-Protokoll, über das in den nächsten Tagen neu verhandelt werden soll, eigentlich und in Wahrheit fester Bestandteil der Rettungsversuche des Kapitals vor den Folgen der Weltwirtschaftskrise, eine moderne Variante des NEW DEAL der 30iger Jahre…

In der ‚Neuen Rheinischen Zeitung‘ gibt es Passagen, worin sich Marx und Engels zum revolutionäre[n] Terrorismus bekennen. Das ist der revolutionäre Terrorismus der Jakobiner. Im Kampf der beiden Extreme revolutionäre Demokratie vs. Feudalmächte kann nur die eine über die [andere] Seite dominieren. Der beidem zugrunde liegende Widerspruch ist die Klassengesellschaft in dieser oder jener Form. Wenn also der zugrunde liegende W[ider]S[spruch] nicht gelöst werden kann (von sich aus kann er das nicht), dann ist auch nur ein Wechsel in der jeweiligen Form der Klassengesellschaft möglich. Im Unterschied dazu enthält der Klassenkampf des Proletariats mit der Bourgeoisie zwar auch dieses terroristische Moment (Lenin), aber zugleich das Moment der Aufhebung der Zwangsläufigkeit in der wechselseitigen Vernichtung der Extreme, d.h. im Kommunismus. Jetzt ist mir auch klar geworden, warum in den Debatten über das ‚Staatsrecht‘ diese Passage so wichtig gewesen zu sein scheint: weil die ML-Bewegung in dem Antagonismus der Extreme stecken geblieben ist, was auch in dem Text von Colletti zum Ausdruck kommt. Ohne Aufhebung des Widerspruchs und mit dem Steckenbleiben im Antagonismus der Extreme wird dieser schließlich so abstrakt, daß man sich, wenn man ihn nicht wie Stalin statt ihn aufzuheben, terroristisch löst, sich nach Ersatzlösungen umschauen muß. Und siehe da, eine davon ist die Ökologie, eine andere die Frauenfrage usw. usf. …

Übrigens Dein Ratzinger ist ein Hegelianer. In seinem dritten Jesus-Buch stellt er laut FAZ die These auf, daß Gott (der Weltgeist) sich nicht nur in den Dingen materialisiert hat (Spinoza), sondern die eigene Vermenschlichung in Gestalt des Christus braucht, um seine Distanz zu den Menschen zu reduzieren und sich durch den Akt der Opferung seines Sohnes (Jungfrauengeburt; bei Zeus war immerhin noch die Entjungferung im Spiel) selbst zu verwirklichen und zu sich selbst zu finden. Ist nun Ratzinger ein Hegelianer oder war Hegel ein Ratzinger?

Viele Grüße

[…]

U.


Ulrich Knaudt an H.B. (27.11.2012)
Betreff: DIE SOG. URSPRÜNGLICHE AKKUMULATION

Lieber H., […]

– Sobald ich mit den Arbeiten für meine home page fertig bin, werde ich mir meine Exzerpte zu Colletti noch einmal vorknöpfen und mir dazu abschließend was überlegen. Der ganze ML ist niemals über die ‚Hauptseite‘ von was auch immer und die ‚Ebenen‘, von oder zu denen sich der linke [Dis]Kurs hinauf- und hinabschleppt, hinausgekommen. Wie bescheuert und armselig zugleich.

– Wenn ich mich für die D.[ieter]W.[olf]-Kritik (als Paper ohne Vortrag) entscheide, bedeutet das, daß ich den Vortrag über Marx und Narodniki nicht halten werde. […]

– Vordringlich wäre dann in pM Rosdolsky zur N[]ationalenF.[rage].[1] Da er ein Säulenheiliger der Neuen Marx-Lektüre ist, gäbe es eine ordentliche Staubwolke.

Unsere Debatte hat mich wieder ordentlich aufs Fahrrad gebracht.

Viele Grüße U.

[1] Roman Rosdolsky: Zur nationalen Frage. Friedrich Engels und die geschichtslosen Völker, Berlin 1979.


Ulrich Knaudt an P.T. (02.12.2012)

[…] Ich lese gerade von F. Sieren: Angst vor China. Er schreibt einen schlechten SPIEGEL-Stil, verwendet aber Quellen, die interessant sind. Vor allem ist mir anhand meiner eigenen intensiven Zeitungslektüre deutlich geworden, wie eng China inzwischen mit der Weltwirtschaftskrise verquickt ist und daß die deutsche Außenpolitik dem voll rechnung trägt. […]

Rein ökonomisch betrachtet scheinen beide Weltmächte (der Süd-Ost-Block und der Westen), gerade was China betrifft, ökonomisch wie siamesische Zwillinge miteinander verwachsen zu sein, woraus sie sich eines Tages nur gewaltsam befreien können, um nicht gemeinsam unterzugehen…

Viele Grüße

U.


H.B. an Ulrich Knaudt (25.12.2012)
Betreff: Nachtrag

Ulrich,

schau doch noch mal bei Coletti rein [1] S. 8 bis 12, z.B.

„Die Dinge, die Gegenstände, die Sachverhalte sind immer positiv, d.h. existent und real.“

Und mir kommt’s insbesondere auch auf den Unterschied zwischen „Gegensatz“ und „Gegenverhältnis“ an, sprich i. S. v. „menschliches“/“nicht“ bzw. „unmenschliches Wesen“, „Pol“/“Nichtpol“, siehe S. 293,[2]
entspricht Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, Herrschaft des Menschen über den Menschen/Nicht-Ausb., -Herrschaft = gleich „wirklicher Gegensatz“ S. 292, beruhend auf unvereinbaren, unvermittelbaren „Gegensätzen“ gleich unvereinbarer, unvermittelbarer „Gegenverhältnisse“ ! (Weg des Kommunismus = gleich „menschliches“ = gleich kommunitäres, kommunistisches („Gegen“-) „Verhältnis“ gegenüber schlechthin (!) allen anderen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen, der Widerspruch, der Gegensatz überhaupt(!))

Auf die Schnelle Gute Nacht

[1] Lucio Colletti: Marxismus und Dialektik, Frankfurt M. Berlin. Wien 1977.
[2] Karl Marx: Zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts, MEW 1 (203-333).


Ulrich Knaudt an (27.12.2012)
Betreff: NACHTRAG

Lieber H.,

[…]

Wenn ich meine Exzerpte zum Staatsrecht und zu Colletti noch einmal durchgearbeitet habe, werde ich das, was ich […] nur andeutungsweise rübergebracht habe, auf den Punkt bringen.

By the way, seitdem ich die Marxsche Kritik am Staatsrecht noch einmal durchgearbeitet habe, ist mir einiges zur Hegelschen Dialektik und besonders zu seinen Kategorien klarer geworden.

Aber dazu dann im Zusammenhang.

[…]

U.

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