Streitpunkte 

Warum Lenins „letzter Kampf” gegen den linken Sozialimperialismus nicht zu gewinnen war

Den ganzen Text als PDF-Datei laden.

Inhalt

In diesem Streitpunkt wird von Moshe Lewins Hypothese ausgegangen, daß die spätere Sowjetunion anders ausgesehen hätte, wenn Lenin im März 1923 nicht endgültig aus dem Gefecht geschieden wäre, sodaß Stalin langfristig den Sieg davontragen konnte. Letzterer hatte anläßlich der zum Jahreswechsel 1922/23 bevorstehenden Gründung der UdSSR dafür gesorgt, daß Georgien nur als Teil eines eigens zu gründenden transkaukasischen Staatenbundes der Union beitreten sollte, während Lenin gegenüber der von Stalin geführten Fraktion linker Sozialimperialisten schließlich zu der Auffassung gelangt war, daß der Beitritt Georgiens in die Föderation souveräner Sowjetrepubliken nur als einzelner Gliedstaat der Union erfolgen durfte. In diesem Kampf zwischen Stalins großrussischem Zentralismus, der hinter seinen „Autonomisierung“svorschlägen steckte und dem von Lenin verteidigten Selbstbestimmungsrecht der Nationen – und damit der Voraussetzunn des proletarischen Internationalismus – wurde auch die Nachfolgefrage entschieden, für deren „Lösung“ Stalin mehr als 10 Jahre benötigen sollte, um sich sowohl gegen seinen unmittelbaren Konkurrenten Trotzki als auch seine bisherigen Verbündeten Sinowjew, Bucharin e.a. endgültig durchzusetzen.

Mit der Liquidierung des von Lenin verteidigten Selbstbestimmungsrechts der Nation wurden die Ergebnisse der Oktoberrevolution schrittweise von „links“ revidiert und (nach dem 1934 durch den Mord an Kirow ausgelösten Putsch Stalins gegen das ZK) die junge Sowjetunion auf den abschüssigen Pfad eines sozialistisch maskierten neuen moskowitischen Zarentums getrieben. Damit bekamen die von Marx und Engels ausgesprochenen Warnungen vor den Weltherrschaftsambitionen des alten Zarentums eine ungeahnte Aktualität, die durch Stalins Kritik an Friedrich Engels‘ Aufsatz über Die auswärtige Politik des russischen Zarentums bestätigt wurde. So gesehen erweist sich der Widerstand von seiten des linken Sozialimperialismus gegen Lenins Verteidigung des Selbstbestimmungsrechts der Nation zugleich als die Fortsetzung des Kampfes des kleinbürgerlichen Antikapitalismus Proudhons, Bakunins, Luxemburgs und schließlich Stalins gegen die „Partei Marx“, der sich der „Marxist“ Lenin ideell zugehörig betrachtete. In der Stalinschen Sowjetunion verschmolzen der kleinbürgerliche Antikapitalismus und der großrussische Hegemonismus schließlich zu einem alle bisherigen Vorstellungen der Marx-Parteigänger übersteigenden Konglomerat aus zaristischen Weltherrschaftsstrategie und sozialer Demagogie.

Daher wird zunächst der Stellenwert des proletarischen Internationalismus innerhalb der Strategie der „Partei Marx“ ausgehend von einem Vergleich des Marxschen Entfremdungsbegriffs mit Fichtes Überlegungen zur Überwindung der „gallischen“ Fremdherrschaft über die deutsche Nation zu überprüfen sein. Nach der Ansicht von Marx mußte die deutsche Emanzipation nicht in den teutonischen Urwäldern, sondern im Krieg gegen die deutschen Zustände gesucht werden, wozu auch der Kampf gegen die von den europäischen Großmächten nach ihrem Sieg über Napoleon auf dem Wiener Kongreß 1815 vollzogene Zersplitterung der historischen Nationen Europas in der Revolution von 1848 gehörte.

Diese Verbindung der sozialen mit der politischen Revolution stieß in der aufkommenden Arbeiterbewegung von seiten des „linken“ Antinationalismus auf erbitterten Widerstand, von dessen Hauptvertretern die soziale Revolution gegen die politische Revolution ausgespielt und verabsolutiert wurde. Darin zeigte sich, daß die Verfechter des radikalen Gleichheitskommunismus die Fichtesche Verabsolutierung des Deutschseins in ihren eigenen Köpfen noch nicht überwunden hatten. Das geschah zum ersten Mal in der im Manifest der kommunistischen Partei (KM) geübten Kritik an der Verabsolutierung der politischen Revolution durch das deutsche revolutionäre Kleinbürgertum (das zu jener Zeit als neuesten politischen Schrei den Sozialismus für sich entdeckt hatte) und an dessen gleichzeitig bewiesener politischer Unfähigkeit, die mit dem „Schmettern des gallischen Hahns“ eröffneten politischen Revolutionen gegen die europäischen Feudalmächte und gegen die mit diesen verbündete reaktionäre Bourgeoisie radikal zu Ende zu führen. Daher war nur das Proletariat bereit und in der Lage, die Aufhebung des Fichteschen Entfremdungszusammenhangs und die des entfremdeten Proletarierdaseins mit einem Schlag durchzusetzen und zu Ende zu führen, wozu eine Permananzerklärung der Revolution erforderlich war.

Diese Auseinandersetzung mußte mit wechselnden Gegnern Jahr für Jahr von der „Partei Marx“ immer wieder durchgefochten werden. So in der Grußadresse, die Marx 1880 an den Arbeiterkongreß in Genf gerichtet hatte, worin der Befreiungskampf der Polen gegen das russische Zarentum als integraler Bestandteil der Strategie der Internationalen Arbeiterassoziation gewürdigt wird. Nicht zufällig habe, wie Marx bemerkt, die Gründung der Internationale im Jahr des polnischen Aufstands 1864 stattgefunden und nicht zufällig habe die Pariser Commune 1871 in den polnischen Flüchtlingen ihre aufrichtigsten Verteidiger gefunden. Außerdem hätten sich die Revolution in Deutschland und die polnische Unabhängigkeit mit der Fortexistenz des unter der moskowitischen Hegemonie stehenden Staats der Hohenzollern (Preußen) als unvereinbar erwiesen. In diesem Kampf kam es nach Marx und Engels darauf an, daß die europäischen Arbeiterparteien nicht auf die wachsende Ausbreitung des Panslawismus, gegen den, wie es schien, sich nur die polnischen Revolutionäre als immun erwiesen, hereinfielen.

Auch bei Kautsky findet sich die Tendenz, die Klassenwidersprüche gegenüber dem ins östliche Mitteleuropa eindringenden deutschen Kapital zu ethnisieren und die tschechische Bourgeoisie als Verbündete des Proletariats zu idealisieren. Auf dem entgegengesetzten Extrem geht Rosa Luxemburg so weit, jegliche Forderung nach Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit im Programm der polnischen Arbeiterpartei strikt abzulehnen, wobei sie ihre Differenz zur Position der „Partei Marx“ abzumildern sucht, indem sie den Marx von 1848 in einen bürgerlichen Demokraten einschrumpft. Letzten Endes wiederholte sich hier der Konflikt zwischen der Marxschen Partei und den absoluten Gleichheitskommunisten, wenn Rosa Luxemburg die Wiederherstellung Polens zu einem »Dogma des Sozialismus« erklärte.

Mit ihrer unverhüllten Distanzierung von Marx und Engels wurde Rosa Luxemburg keineswegs zufällig beim rechten, sozialchauvinistischen Parteiflügel der SPD Mitte der 90er Jahre zu einer gesuchten Gesprächspartnerin. Dessen Vertreter wußten die Annexion Elsaß-Lothringens mit der großdeutschen Polen-Politik und Luxemburgs strikter Ablehnung jeglichen polnischen Patriotismus, die sie mit ihr teilten, geschickt zu kombinieren. Auf dem Kongreß der II. Internationale 1896 in London reichte es bei Kautsky dann auch nur noch zu einer matten „Sympathieerklärung“ für die unterdrückten Nationen von Irland bis Polen, während sich seiner Ansicht nach Engels‘ Theorie vom Panslawismus als »Weltherschaftsschwindel« endgültig überlebt hatte. Rosa Luxemburg erklärte ihrerseits die o.g. Marxsche Grußadresse von 1880 an den Arbeiterkongreß in Genf zum Gedenken an den polnischen Aufstand von 1830 für eindeutig veraltet und mit dem »Wesen des Marxismus« für unvereinbar. Die Verschmelzung Polens mit dem zaristischen Imperium sei inzwischen eine vollendete Tatsache, die nicht nur im Interesse der polnischen Bourgeoisie, sondern auch dem des Proletariats liege. Was die Wiederherstellung Polens betraf, würde sich diese auf die Verteidigung der »national-kulturellen Identität« des Polentums beschränken können.

Die in dieser Formel vorgenommene Ersetzung des Selbstbestimmungsrechts der Nation durch ethnizistischen Sozialkitsch war zugleich die Geburtsstunde des „linken Sozialimperialismus“, der bis zum heutigen Tag an der von Marx und Engels bekämpften „reinen“ proletarischen Revolution festhält und regelmäßig in „linken“ Ethnizismus umschlägt. Lenin hatte sich damit während des Ersten Weltkriegs innerhalb seiner Partei und mit der europäischen Linken herumzuschlagen. Eine Auseinandersetzung, die bereits 1903 in der Programmdebatte der SDAPR eine Rolle spielte, weil Lenin die Verabsolutierung der Ablehnung der Wiederherstellung Polens, wie sie von Rosa Luxemburg vertreten wurde, nicht teilte, was zur Beendigung des Vereinigungsversuchs der polnischen und russischen Sozialdemokratie führte. Auf der anderen Seite waren Lenins Konzessionen an Luxemburgs „reinen“ Arbeiterstandpunkt aber doch so weitgehend, daß die Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht der vom großrussischen Imperium unterdrückten Nationen im Programm der SDAPR nur als die Ausnahme von der Regel erscheint. Das bedeutete, daß sich diese Frage mit dem Sturz der Bourgeoisie durch das Proletariat in Verbindung mit dessen proletarischem Internationalismus von selbst erledigen, bzw. die nationale Spaltung der russischen Arbeiterklasse durch den innerparteilichen demokratischen Zentralismus überwunden werde. Der von Engels verwendete Begriff der »historischen Nationen« fand bei den Bolschewiki für die vom großrussischen Zarentum eingesammelten Nationen folglich keine Anwendung. Statt dessen ist bei Lenin nur von einem abstrakten »Demokratismus«, für den gleichermaßen abstrakte Massen kämpfen, die Rede.

Fazit: die entscheidende Bedeutung, die die sog. „nationale Frage“ in der Strategie der Marxschen Partei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingenommen hatte, fand im Programm der Bolschewiki vor dem Ersten Weltkrieg keine Fortsetzung, was der inneren Verfaßtheit des großrussischen Zarenreiches in keiner Weise entsprach. Rosa Luxemburgs ethnizistischer Sozialkitsch wurde durch Lenins abstrakten »Demokratismus« ergänzt, aber nicht überwunden.

Die Einheit des Deutschseins, die Fichte in den teutonischen Urwäldern sucht, setzt bei der Überwindung der nationalen Entfremdung der russischen Proletarier voneinander nach wie vor die reaktionäre Einheit des großrussischen Imperiums voraus, die zur Verwirklichung des proletarischen Internationalismus eigentlich hätte zerstört werden müssen, um auf revolutionärer Grundlage wieder errichtet zu werden, während nach Lenin die nationale Entfremdung der Proletarier voneinander durch den demokratischen Zentralismus innerhalb der Partei überwunden werden konnte. Dieses Konzept lief im Prinzip auf eine Verschmelzung der politischen mit der sozialen Revolution hinaus, die Lenin aber eigentlich nicht hatte wünschen können, was ihn in der Folgezeit bei seiner Auseinandersetzung mit dem „linken Sozialimperialismus“ über die „Nationale Frage“ vor große Probleme stellte.

(Vgl. die Zusammenfassung im letzten Kapitel des Textes)

Den ganzen Text als PDF-Datei laden.


2 Kommentare

  1. Oscar alias xpenguin
    Erstellt am 31. Juli 2012 um 19:42 | Permanent-Link

    Vor etwa 1800 gab es in Europa keine Nationen. Am wenigsten in Deutschland. Man war Untertan eines Fürsten. Deutsch war man nicht, weil man in ein bestimmtes Volk hineingeboren worden war, sondern ausschließlich der Sprache wegen. Aber auch in Zentralstaaten wie Frankreich war es bis dahin nicht viel anders. Selbst der Beginn der französischen Revolution war noch ein Aufstand einer verelendeten Masse gegen ihre „hohen Herren“, bei dem die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk quasi durch Geburt noch keine oder zumindest noch keine nennenswerte Rolle spielte. Erst in den wenigen Jahren der antirevolutionären Kriege unter Führung Österreichs kam es sehr schnell zu einem von Anfang an zur Überhöhung neigenden Nationalbewußtsein. Auch Napoleon selbst schürte den Nationalismus, denn er brauchte schließlich eine moralische Rechtfertigung für seine Expansions- und Hegemonialpolitik. Nach innen mimte er den nationalen „Führer“, welcher der Nation zur Größe verhalf ( Man darf dabei nicht vergessen, daß Frankreich kein halbes Jahrhundert zuvor von England besiegt und gedemütigt worden war!), nach außen den bürgerlichen Befreier. Letzteres zwang ihn allerdings dazu, auch in die anderen Länder den Begriff der Nation als sozialen Kitt einzusäen. Ob er bereits am Anfang seiner expansiven Politik erkannte, daß gerade das zum Untergang seines Imperiums führen werde, muß wohl bezweifelt werden, denn noch 1812 schürte er im Baltikum den Nationalismus gegen den Zaren.
    Während der entstehende Nationalismus bis 1815 noch eine einigende Kraft in Europa war, wandelte er sich in den Folgejahren des abhanden gekommenen gemeinsamen Feindes wegen recht schnell in eine spaltende Kraft um. Bis etwa 1850 war es aber eher der Separatismus, den man als Emanzipation verklärte, der das Betätigungsfeld des Nationalismus ausmachte. Noch richteten sich die entstehenden Einzel-Nationalsimen nicht gegeneinander, auch wenn es kein Miteinander mehr gab. Dieses verlorene Miteinander flammte mit den zum Scheitern verurteilten Revolutionsversuchen von 1848/49 noch einmal kurz auf. Nicht nur, aber AUCH weil der eine Teil der internationalistischen Demokraten getötet oder eingekerkert wurde und der andere in andere Länder, vor allem nach Amerika, auswanderte, war dieses Miteinader in Europas Bürgertum sehr schnell Geschichte und wurde ebenso schnell von einem aggressiven Gegeneinander abgelöst. Mit dazu beigetragen hatte wohl die Umstellung der Wirtschaft auf eine Konkurrenz-Wirtschaft, die so richtig erst zwischen 1850 und 1880 stattfand (wenn man von England und Holland einmal absieht). Die Verknüpfung des allgegenwärtigen Konkurrenzdenkens mit dem zur Überhöhung neigenden Nationalismus führte eigentlich zwangsläufig zu einer ganzen Reihe nationalistischer Kriege. Eine Art Höhepunkt vor dem Ersten Weltkrieg bildeten dabei wohl der Preußisch-Österreichische Krieg, der von wahren Patrioten als verabscheuungswürdiger Bruderkrieg angesehen wurde (selbst in Preußen!), und noch mehr der Deutsch-Französische Krieg, bei dem erstmals mit voller Absicht der Nationalismus eines Volkes propagandistisch übersteigert und gegen ein anderes Volk gerichtet wurde.
    Es ist daher Rosa Luxemburg nicht zu verdenken, daß sie Gefühle des Abscheues gegen Nationalismus allgemein hegte. Sie war eine politisch gebildete und bereits in jungen Jahren erfahrene Persönlichkeit, die wußte, wie leicht sich ein „gesundes“ Nationalbewußtsein in blindwütigen Haß verwandeln läßt. Ich glaube also nicht, daß ihre Gegnerschaft gegen die Neugründung eines polnischen Staates aus einer Nichtachtung entweder des polnischen Volkes oder auch der Nationen als solche an sich geboren wurde, sondern eher aus der Erfahrung mit dem Mißbrauch des Nationalbegriffes. Dazu kommt allerdings auch noch eine ganz gehörige Portion Ideologie. Der „proletarische Internationalismus“ der nach-marxschen Propagandisten verträgt sich nun einmal schlecht mit der Förderung der Renationalisierung Polens. Ob Lenin aus Überzeugung am „Selbstbestimmungsrecht“ der einzelnen Völker Sowjet-Rußlands (erst nach seinem Tode wurde es zur Sowjet-Union) festhielt, oder einfach nur aus dem Wissen, daß Nationen, die sich gerade erst als solche zu begreifen gelernt haben, sich dieses erhebende Gefühl nicht wieder nehmen lassen werden und daher zur Opposition gegen die „Moskowiter“ neigen, entzieht sich meiner Kenntnis. Da ich aber weiß, welch „linker Strick“ Lenin war, neige ich eher dazu, ihm Opportunismus zu unterstellen. Damit wollte er verhindern, daß sich die in Wahrheit unterworfenen Völker als solche fühlten. Vor allem die Völker des Kaukasus, deren Nationalbewußtsein nicht erst im 19. Jahrhundert aufkam, sondern teilweise bereits in der Antike existierte. Dieses nicht zu beachten und so zu tun, als würde der Nationalismus relativ schnell von selbst wieder verschwinden, wenn man die Ursache des Nationalismus, nämlich die bürgerliche Gesellschaftsordnung (nicht die kapitalistische, wie Marx sie nannte. Kapitalistisch ist die Wirtschaft und das Finanzwesen, die Gesellschaftsordnung aber bürgerlich.) beseitige, ist einer der großen Fehler der extremen Linken bis heute! Diesem Irrtum waren leider auch gebildete Menschen wie Rosa Luxemburg ebenso aufgesessen wie spätere Machtmenschen. Die chinesische Führung scheint bis heute zu glauben, den Nationalismus, z.B. der Tibeter, aus der Welt schaffen zu können.
    Lenin kämpfte meines Erachtens nicht wirklich gegen „linke Sozial-Imperialisten“, denn dann hätte er seinen Handlanger für das Grobe, nämlich Trotzki, ebenso bekämpfen müssen. Lenin war ein Machtmensch, dem es in erster Linie darum ging, möglichst schnell und effektiv die absolute Macht eines kleinen Kreises von Personen über das riesige ehemalige Zarenteich auszudehnen und zu festigen. Deshalb ließ er ja auch die Arbeiter-und-Soldatenräte beseitigen, um sich mit ihnen die Macht nicht teilen zu müssen. Deshalb ging er auch ein Scheinbündnis mit Deutschland ein und unterzeichnete den Brester Raubfrieden (Außerdem schuldete er dem Kaiser einen Gefallen, war er doch mit dessen massiver Hilfe an die Macht gekommen!). Besser 80 % des Landes ganz kontrollieren als 100 % nur halb! Der Nationalismus der unterworfenen Völker stand ihm zwar eigentlich im Wege, er ließe sich aber ganz gut mit Hilfe von Marionettenregierungen unterwandern. Das hätte besser geklappt, als wenn man diese Völker wissen ließe, daß sie Unterworfene waren. Ergo: Die heutige Führung Chinas könnte in dieser Hinsicht vom alten Fuchs Lenin noch eine ganze Menge lernen! Man weiß allerdings nicht, ob diese Methode gut gegangen wäre, denn schon wenige Jahre später machte Stalin diesem Experiment bekanntlich ein Ende und schaffte die Nationen innerhalb seines Reiches paraktisch wieder ab.

    • Erstellt am 21. November 2012 um 01:50 | Permanent-Link

      Tut mir leid, daß ich erst jetzt Deine Anmerkungen zu „Warum Lenins ‚letzter Kampf’…“ beantworten kann:

      Wenn der proletarische Internationalismus keine hohle Phrase sein soll, wozu er speziell im 20. Jahrhundert geworden ist, sollten wir sehr genau unterscheiden, wo die Grenze zum Nationalchauvinismus überschritten wird und wann und wo es Gemeinsamkeiten mit der revolutionären Demokratie gibt, die es auch heute zu verteidigen gilt.

      So stelle ich mir die Position von Marx und Engels in der Revolution von 1848 vor und wie sich diese in der Arbeit an ihrem gemeinsamen Projekt, der Neuen Rheinischen Zeitung (NRhZ) niedergeschlagen hat. In diesem „Organ der Demokratie“ haben sie sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln an der europäischen Revolution beteiligt, aber dabei ihr ureigenes kommunistisches Programm, das sie Anfang 1848 veröffentlicht hatten, beibehalten. Die demokratische Revolution in Europa als Bedingung der Möglicheit/Wirklichkeit der proletarischen Revolution. (Beim Verleich beider fällt übrigens auf, daß im Manifest der Kommunistischen Partei (KM) so gut wie nichts über die sog. ’nationale Frage‘ gesagt wird mit Ausnahme der berühmten Formulierung, daß das Proletariat kein Vaterland habe. Das hat die Marx-Leser schon immer irritiert und sie daraus ableiten lassen, daß die ’nationale Frage‘ eigentlich in der gesamten Strategie der ‚Marxschen Partei‘ keine Rolle spielt.) Rosa Luxemburgs Fehler besteht, wie gesagt, darin, daß sie das Verhältnis zwischen der demokratischen und der proletarischen Revolution auseinanderreißt und den Marx von 1848 zu einem Dutzend-Demokraten erklärt – ein fataler Fehler, wie es auch immer um ihr Verhältnis zu Polen einerseits und Rußland andererseits bestellt gewesen sein mag!

      Die Zeit zwischen 1789 (wobei Nordamerika 1776 nicht aus den Augen zu verlieren ist) und 1848 würde ich charakterisieren als eine Epoche zwischen Revolution und Konterrevolution. Napoleons Niederlage in Rußland schließt die erste revolutionäre Phase ab. Auf dem Wiener Kongreß 1815 beginnt mit der Neuaufteilung Europas zwischen den feudalen Siegermächten die konterrevolutionäre Phase, unterbrochen zwischenzeitlich von Aufständen in Griechenland und Polen und einer bürgerlichen Revolution in Frankreich, die in einem schlechten Kompromiß mit der Restauration endet, während die historischen Nationen Europas von England, Frankreich und den drei Teilungsmächten Polens (Rußland, Preußen, Österreich) in Schach gehalten werden: Deutschland besteht aus 26 Kleinstaaten, Polen und Italien sind ohne eigene staatliche Existenz usw. Der politische Inhalt der Revolution von 1848 besteht daher im Sturz der Feudalmächte und der Wiederherstellung der historischen Nationen Europas.

      Anläßlich des Krakauer Aufstands 1846 halten Marx und Engels auf einem Polen-Meeting in London jeweils eine Rede. In der seinen vertritt Marx die These, daß die polnische Freiheit nicht ohne eine proletarische Revolution in England (Chartisten) errungen werden wird; Engels erinnert in der anderen Rede an die Aufgaben der revolutionären Demokratie in Europa, die sich, was speziell die Deutschen betrifft, ihrer besonderen Verpflichtung gegenüber der polnischen Nation bewußt sein sollte und das gegenüber Polen begangene Unrecht durch revolutionäre Taten zu ’sühnen‘ habe. Diese ‚Arbeitsteilung‘ haben Marx und Engels auch als Redakteure der NRhZ beibehalten. Das kann aber nicht heißen, daß Engels ausschließlich für die Demokratie und Marx nur für den Kommunismus zuständig gewesen wären.

      Darauf läuft leider das Buch von Roman Rosdolsky (Die nationale Frage) hinaus, dessen einseitige Sichtweise gegenüber dieser angeblichen Arbeitsteilung als Engels-bashing bis zum heutigen Tag wirkungsmächtig geblieben ist. Rosa Luxemburg begeht einen ähnlichen Fehler, wenn sie behauptet, 1848 wäre Marx noch ein bürgerlicher Demokrat gewesen und angeblich erst danach zum proletarischen Revolutionär und Theoretiker, wie wir ihn alle kennen, herangereift. Wer eine solche Trennung zwischen Marx und Engels einerseits oder zwischen dem demokratischen und dem proletarischen Marx andererseits zu konstruieren versucht, mißversteht die Politik und Strategie der Marxschen ‚Partei‘ vollkommen.

      Lenin hat sich während des 1. Weltkriegs mit diesem Problem endlos rumgeschlagen, mußte aber gegenüber seinem radikalsten Schüler das Handtuch werfen, nachdem dieser auf der Schwelle zum Jahr 1923 anstelle eines Bundesstaates, wie ihn Lenin forderte, einen zentralistischen Staat à la Iwan Grozny hatte gründen lassen im Zusammenspiel mit der von Stalin im Verlauf seines Krieges gegen die russischen Bauern während des Bürgerkrieges auf ihn eingeschworenen ‚Opritschnina‘. Wenn Lenin einen jakobinischen Zentralismus vertreten hat, dann Stalin den Zentralismus des alten Zarentums im Gewand der proletarischen Revolution…

      Diese Fragen harren noch der weiteren Aufarbeitung – jedenfalls jenseits eines pro-stalinschen oder anti-stalinistischen Geschichtsbildes und vor allem, wenn man von dem ursprünglichen Verhältnis zwischen revolutionärer Demokratie und proletarischer Revolution, zwischen demokratischem und proletarischem Internationalismus, wie dieses bei Marx und Engels meiner Ansicht nach mustergültig verwirklicht wurde, ausgeht. Dazu empfehle ich den Neujahrsleitartikel, den Marx in der NRhZ veröffentlicht hat, der die Synthese aus der Verwirklichung der revolutionären Strategie im KM mit der Erkämpfung der revolutionären Demokratie programmatisch darstellt. Diese Aufgabe ist in „Warum Lenins ‚Letzter Kampf’…“ noch äußerst unzureichend theoretisch gelöst, und daher ist es notwendig, diese Frage an ihrer Quelle zu studieren.

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt.

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>