{"id":1664,"date":"2015-07-05T14:01:03","date_gmt":"2015-07-05T12:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.parteimarx.org\/?p=1664"},"modified":"2016-03-05T15:22:35","modified_gmt":"2016-03-05T13:22:35","slug":"tsipras-und-die-russische-aussenpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.parteimarx.org\/?p=1664","title":{"rendered":"01.07.2015"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.parteimarx.org\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/pM-160201-EINspruch-010715-2.pdf\">Diesen Beitrag als PDF-Datei herunterladen.<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr den 19. Juni melden die Nachrichtenagenturen, da\u00df der griechische Ministerpr\u00e4sident Alexander Tsipras anl\u00e4\u00dflich seines Besuchs des Wirtschaftsforums in St. Petersburg [1] am Denkmal von Ioannis Kapodistrias einen Blumenstrau\u00df niedergelegt und sich dabei mit in Ru\u00dfland lebenden Griechen hat ablichten lassen. [2]<\/p>\n<p>Wer war dieser Kapodistrias? Und welche Verdienste haben ihm die Ehre verschafft, in St. Petersburg ein Denkmal errichtet zu bekommen?<\/p>\n<p>Ionnis Kapodistrias war w\u00e4hrend der Regierungszeit Alexander I. politischer Berater und zeitweise Au\u00dfenminister des russischen Zaren. Er hatte, wie Friedrich Engels 1890 schrieb, [3] jenem <b>\u00bb<\/b><b>Jesuitenorden<\/b><b>\u00ab<\/b> der russischen Diplomatie angeh\u00f6rt, der <b>\u00bburspr\u00fcnglich und vorzugsweise aus Fremden, Korsen wie Pozzo di Borgo, Deutschen wie Nesselrode, Ostseedeutschen wie Lieven\u00ab <\/b>rekrutiert wurde, die wie die Stifterin dieses Ordens, Katharina II, in Ru\u00dfland auch Fremde waren. [4]<\/p>\n<p>Was aber veranla\u00dft einen erkl\u00e4rterma\u00dfen linken griechischen Politiker heute dazu, dieses griechischen Diplomaten in russischen Diensten \u00f6ffentlichkeitswirksam zu gedenken? Wie wir die Regierung Tsipras inzwischen kennengelernt haben, vermutlich dies, da\u00df diese politischen Berater des Zaren die ihnen verliehene Machtstellung und ihren Einflu\u00df, wie Engels schreibt, auch dazu verwendet haben, sich an den Befreiungsk\u00e4mpfen gegen die fremden Unterdr\u00fccker ihrer Heimatl\u00e4nder zu beteiligen oder gar wie Kapodistrias sich an deren Spitze zu stellen. Diese Unterdr\u00fccker waren in Griechenland wie auch auf der \u00fcbrigen Balkanhalbinsel die Osmanen, die gleichzeitig den Weltherrschaftsambitionen Alexanders I. im Wege standen. Denn wer den Bosporus beherrschte, kontrollierte auch den Weg des russischen Getreides nach Westeuropa und die Durchfahrt russischer Kriegsschiffe ins \u00f6stliche Mittelmeer. Das war damals nicht anders als es dies heute immer noch ist.<\/p>\n<p>Nach dem Ausbruch des Griechischen Aufstands (1822-1832) quittierte Kapodistrias seinen Dienst, um den Aufstand zu unterst\u00fctzen und sich schlie\u00dflich an dessen Spitze zu stellen, wor\u00fcber Alexander I. nicht besonders traurig gewesen sein wird. 1827 wurde Kapodistrias Pr\u00e4sident in der auf dem Peloponnes gebildeten provisorischen Regierung und noch vor der Niederschlagung des Aufstandes durch die Osmanen von dem Anf\u00fchrer eines rivalisierenden griechischen Clans 1831 ermordet.<\/p>\n<p>In Friedrich Engels\u2018 Aufsatz finden wir, nachdem die heutige russische Au\u00dfenpolitik f\u00fcr jeden erkennbar in die alten Geleise einer Hegemonialmacht des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts zur\u00fcckgekehrt ist, d.h. seit der Annexion der Krim 2014, viele \u00c4hnlichkeiten und Gemeinsamkeiten mit heutigen politischen Verh\u00e4ltnissen. So brauchte Ru\u00dfland gegen\u00fcber den Balkanv\u00f6lkern, die mit den Russen religions- oder stammesverwandt sind, damals nur <b>\u00bbseinen Beruf zum Schutz der unterdr\u00fcckten Kirche und des gefesselten Slawentums zu proklamieren\u00ab<\/b>, und schon war <b>\u00bbdas Terrain f\u00fcr die Eroberung \u2013 unter dem Deckmantel der Befreiung \u2013 &#8230; hier vorbereitet.\u00ab <\/b>[5]<b> <\/b>So ist auch der Rassenkrieg, der in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts von panslawistischen Serben im auseinanderbrechenden Jugoslawien mit russischer Unterst\u00fctzung unter \u00e4hnlichen Auspizien losgetreten wurde, den meisten Europ\u00e4ern gleichfalls in schlechter Erinnerung geblieben.<\/p>\n<p>Und daher pa\u00dft sehr vieles, was man \u00fcber die ausw\u00e4rtige Politik des russischen Zarentums bei Engels nachlesen kann, bis aufs i-T\u00fcpfelchen auf die heutige russische Geheimdiplomatie, deren Kontinuit\u00e4t, kurzzeitig unterbrochen durch die Oktoberrevolution, sp\u00e4testens mit dem 18. Brumaire des Joseph Stalin im Jahre 1932, wiederhergestellt wurde. Nicht umsonst wird der im Krieg der V\u00f6lker der Sowjetunion gegen den deutschen Faschismus errungenen und 1990 verlustig gegangenen hegemonialen Weltmachtstellung Ru\u00dflands von Putin so laut und vernehmlich als der gr\u00f6\u00dften <b>\u00bb<\/b><b>geopolitischen <\/b><b>Katastrophe des 20. Jahrhunderts<\/b><b>\u00ab<\/b> hinterhergeweint.<\/p>\n<p>F\u00fcr die russische Geheimdiplomatie bildet die europ\u00e4ische Bourgeoisie, vorneweg die deutsche, auch heute das geeignete Objekt ihrer Korruptions- und Manipulationsversuche, mit dem Ziel, die \u00f6ffentliche Meinung in Europa f\u00fcr russophile Vern\u00fcnfteleien empf\u00e4nglicher zu machen. Dazu geh\u00f6ren auch Putins Versuche, sowohl linke wie rechte politische Parteien und Bewegungen gegen ihre Regierungen zu mobilisieren und gleichzeitig diese Regierungen zu ermuntern, im eigenen Hause Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Auch dieses Manipulationsmuster wird bereits von Engels beschrieben: <b>\u00bbDie russische Diplomatie hat es fertiggebracht, beide gro\u00dfe b\u00fcrgerlichen Parteien Europas einzuseifen. Ihr und nur ihr erlaubt man, legitimistisch und revolution\u00e4r, konservativ und liberal, orthodox und aufgekl\u00e4rt in einem Atemzug zu sein.\u00ab<\/b> [6] Die Reihe der hier aufgez\u00e4hlten Gemeinsamkeiten zwischen der russischen Au\u00dfenpolitik im fr\u00fchen neunzehnten und einundzwanzigsten Jahrhundert lie\u00dfe sich beliebig fortsetzen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund steht Tsipras\u2018 symboltr\u00e4chtige Erinnerung an einen gro\u00dfen Griechen in den Diensten Moskaus durchaus nicht im Widerspruch zu der erkl\u00e4rt linken anti-kapitalistischen und anti-westlichen Politik der von Syriza und ihrem national-chauvinistischem Koalitionspartner Anel gebildeten griechischen Regierung. Schon bereitet sich deren spanischer Ableger Podemos auf den auch von der deutschen Linken mit hei\u00dfem Herzen herbeigew\u00fcnschten n\u00e4chsten gro\u00dfen Wahlsieg vor, durch den ein weitere Dominostein des sog. \u201aNeoliberalismus\u2018 in Europa zum Kippen gebracht werden w\u00fcrde. Durch das Doppelspiel des Putinschen neuen Zarentums soll die unter ihren inneren Widerspr\u00fcchen \u00e4chzende EU langfristig von dem Gro\u00dfraum des stetig wachsenden eurasischen Imperiums angezogen werden, was den W\u00fcnschen der deutschen Bourgeoisie und ihrer Kanzlerin durchaus entgegenkommt. Dazu ben\u00f6tigt Putin, wie schon Alexander I., rechte und linke, rebellische und gewiefte Politiker und Manager der politischen Desinformation an seiner Seite, treue Diener seines neuen Zarentums, genau solche, wie bereits Kapodistrias einer war.<\/p>\n<p>Da\u00df sie dieser Rolle und ihren Anforderungen durchaus in der Lage ist gerecht zu werden, hat die griechische Regierung bei der Urauff\u00fchrung ihres Narrenspiels vor den Gl\u00e4ubigern des bankrotten griechischen Staates bereits in Br\u00fcssel hinreichend bewiesen. Ob es ihr dabei aber auch weiterhin gelingen wird, die europ\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit und die Masse der lohnabh\u00e4ngigen europ\u00e4ischen Steuerzahler zum Narren zu halten und Europa im Interesse russischer und griechischer Oligarchen und der Wallstreet auseinanderzudividieren, um die Europ\u00e4er nach der Devise \u201abeggar thy neighbor\u2018 um weitere Milliarden zu erleichtern, soda\u00df die \u201aneoliberale\u2018 EU schlie\u00dflich an die Wand f\u00e4hrt, das wird letztlich das griechische Volk als die Hauptleidtragenden der linken Possenrei\u00dfereien seiner Regierung selbst zu entscheiden haben.<\/p>\n<p align=\"RIGHT\">-euk<\/p>\n<p align=\"LEFT\">[1] FAZ 19.06.<br \/>\n[2] Foto WIKIPEDIA s.v. Kapodistrias.<br \/>\n[3] <b>Friedrich Engels:<\/b> <i><b>Die ausw\u00e4rtige Politik des russischen Zarentums<\/b><\/i>, MEW 22 (13-48), 14.<br \/>\n[4] Diese illustre Reihe w\u00e4re noch durch den \u201agro\u00dfen Reformer\u2018 Freiherr vom Stein zu erg\u00e4nzen.<br \/>\n[5] Friedrich Engels, a.a.O., 17.<br \/>\n[6] Friedrich Engels, a.a.O., 23.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr den 19. Juni melden die Nachrichtenagenturen, da\u00df der griechische Ministerpr\u00e4sident Alexander Tsipras anl\u00e4\u00dflich seines Besuchs des Wirtschaftsforums in St. Petersburg am Denkmal von Ioannis Kapodistrias einen Blumenstrau\u00df niedergelegt und sich dabei mit in Ru\u00dfland lebenden Griechen hat ablichten lassen. Wer war dieser Kapodistrias? Und welche Verdienste haben ihm die Ehre verschafft, in St. Petersburg ein Denkmal errichtet zu bekommen?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[28],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.parteimarx.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1664"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.parteimarx.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.parteimarx.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.parteimarx.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.parteimarx.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1664"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.parteimarx.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1664\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.parteimarx.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1664"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.parteimarx.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1664"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.parteimarx.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1664"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}