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Moshé Lewin bemerkt
in seinem ‚Klassiker’ Lenins letzter Kampf, daß die endgültige Struktur der Sowjetunion sehr
anders ausgesehen hätte als die, welche Stalin ihr später geben sollte, wenn
Lenin im März 1923 nicht endgültig aus dem Gefecht geschieden wäre. Wir wollen
uns anstelle derartiger Spekulationen fragen, ob Lenins Scheitern vielleicht
schon in seinen von Marx abweichenden Lösungsversuchen der nationalen Frage und seiner viel zu spät erfolgten
endgültigen Distanzierung von den entsprechenden Konzeptionen des linken
Sozialimperialismus vorprogrammiert war.
Mit diesem 2.
Streitpunkt wird
ein weiterer Versuch zur Wiederaneignung der Geschichte der Partei Marx [Wozu die Auseinandersetzung über die elementaren Streitpunkte?] gemacht. Darin soll gezeigt werden,
wie die gegensätzlichen und zunehmend unvereinbar werdenden Auffassungen zur nationalen
Frage, die im
Vorfeld der Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken in einem politischen Kampf auf
Leben und Tod zwischen Lenin und den linken Sozialimperialisten, angeführt von
Stalin, kulminiert sind und warum dieser Kampf als einer jener entscheidenden „Wendepunkte“ zu bezeichnen ist, wie sie in den
„Klassenkämpfen seit dem Kommunistischen Manifest aufgetreten sind“ und in diesem Fall vom „proletarischen
Internationalismus in den großrussischen Nationalchauvinismus“ geführt haben.
Unmittelbarer Anlaß dieses Streits ist die Frage des Beitritts Georgiens in die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, welcher entweder, nach dem Vorschlag Stalins, nur
im Verbund der „Teil-Republiken Transkaukasiens“ (Georgien, Armenien und
Aserbeidshan) oder nach den Wünschen seiner Gegner in eine aus
gleichberechtigten Gliedstaaten gebildete Föderation erfolgen sollte. Im Laufe
dieser Auseinandersetzung wechselt Lenin auf die Seite der georgischen KP über,
nachdem „die Georgier“ unter Anwendung von physischer Gewalt und schmutzigen Tricks von
seiten der „Zentrale“ (d.h. der Mitglieder des Politbüros: Stalin, Dsershinski,
Ordshonikidse, u.a.) gefügig gemacht und zur Annahme des Stalinschen Plans
gezwungen werden sollen.
Bei dieser Auseinandersetzung um die Lösung der nationalen Frage handelt es sich im Grunde um die
Fortsetzung des Kampfes des kleinbürgerlichen Antikapitalismus, in der
Tradition Proudhons, Bakunins, Luxemburgs und jetzt Stalins, gegen die ‚Partei
Marx’, der sich der ‚Marxist’ Lenin (subjektiv) verpflichtet sieht und der mit
Stalins 18. Brumaire, d.h. seinem Putsch gegen die eigene Partei im Dezember 1934 aus Anlaß
der Ermordung Kirows seinen vorläufigen Abschluß findet. Mit diesem Putsch
verschmelzen der kleinbürgerliche Antikapitalismus und der großrussische
Hegemonismus zu einem die Vorstellungskraft aller Marx-Parteigänger bisher
übersteigendes Konglomerat aus Weltherrschaftsstrategie und sozialer Demagogie.
Im 1. Teil des 2.
Streitpunkts soll
zunächst gezeigt werden, auf welche Weise die dem Stalinschen
Sozialimperialismus zugrunde liegenden Anschauungen bereits in Rosa Luxemburgs
Marx-Revision von links und im (noch in Arbeit befindlichen) 3. Teil, auf welche Weise diese in Stalins theoretischen
Auffassungen zur ‚nationalen Frage’ antizipiert werden, wodurch die von
ziemlich allen ‚Marxisten’ um die Wende zum 20. Jahrhundert als erledigt
betrachtete Ausrichtung der Marxschen Außenpolitik an der konterrevolutionären
Strategie der moskowitischen Zarentums gegenüber Westeuropa auf ungeahnte Weise
bestätigt wird.
Denn wie zu Marx’ Zeiten die alten Zaren die europäischen Höfe und Regierungen
gekauft, durch die Androhung von ‚Klassenkämpfen’ und die Verkündung des ‚Rechts
auf Revolution’ (überall, nur nicht in Rußland selbst) für eine künftige
Invasion weichgeklopft hatten in der Absicht, die politische Entwicklung in
Europa (im Zusammenspiel mit der britischen Diplomatie, Louis-Napoleon oder
Bismarck) zu beherrschen, um ein Übergreifen der bürgerlichen Revolution auf
Rußland zu verhindern, besteht die Pointe der Stalinschen Konterrevolution in
einer Umkehrung der Zweck-Mittel-Relation der alten zaristischen Strategie,
d.h. darin, die revolutionären Bewegungen in Europa und Asien (den Befreiungskampf
Rußlands gegen den Rassenkrieg des pangermanischen deutschen
Nationalsozialismus eingeschlossen) politisch an die ‚weltrevolutionären’
Expansionsziele des großrussischen Sozialimperialismus anzupassen und jene
moralisch zu zerstören.
Der von Stalin 1934 erlassene Ukas, Friedrich Engels’ Aufsatz Die auswärtige
Politik des russischen Zarentums aus dem Jahre 1889 im theoretischen Organ der KP, Bolschewik nicht nachzudrucken, richtet sich
nun ganz offen gegen die ‚Partei’ Marx als dem eigentlichen „Zentrum“ der
Kritik an Stalins neuem Zarentum.
Unter den Texten,
die der todkranke Lenin seit dem 23. Dezember 1922 bis Anfang März 1924
diktiert, nimmt Über die Frage der Nationalitäten oder der Autonomisierung auch dadurch einen besonderen Platz
ein, weil dieses Fragment erst auf Veranlassung des XX. Parteitags der KPdSU(B)
1956 in Lenins Werke aufgenommen wurde. In seiner berühmten „Geheimrede“ zitiert Nikita Chruschtschow zwar
mehrfach Lenins Letzte Briefe und Aufsätze und rühmt dabei dessen Scharfblick, der Lenin „beizeiten
jene negativen Charaktereigenschaften Stalins“ aufdecken ließ, „die später so ernst zu nehmende
Konsequenzen zeitigten“ (Crusius; Wilke, 488), erwähnt aber diesen Text mit keiner Silbe. Den
praktischen Beweis für die Einseitigkeit, mit der er Stalins neuen Zarismus auf
dessen persönliche Verfehlungen und Despotismus reduziert, lieferte
Chruschtschow schon bald darauf mit dem Überfall der Sowjetischen Armee auf die
Volksrepublik Ungarn im Herbst des Jahres 1956, der die Kontinuität jenes
(real-)sozialistischen Imperialismus, der den Hauptangriffspunkt in Lenins
Fragment Über die Frage der Nationalitäten... bildet, demonstriert. Gleichzeitig aber wurde ein seines
proletarischen Internationalismus ‚entkernter’ Lenin zum Gegenstand eines neuen
Lenin-Kults gemacht, dessen eigentlicher Begründer wiederum niemand anderes als
Stalin selbst gewesen ist.
Auch war der Mitte der 60er Jahre in den westlichen Metropolen ausbrechenden
kulturrevolutionären Bewegung die Tragweite von Lenins „letztem Kampf“, trotz (oder vielleicht gerade
wegen) ihres emphatischen Antiimperialismus weitgehend verborgen geblieben;
denn sonst hätten ihre (u.a. bewaffneten) Protagonisten kaum auf die Idee
kommen können, wie es in einem Brief von Andreas Bader an seine Mitgefangenen
heißt, den „sozialistischen block“ als Teil „einer front des klassenkampfes im
befreiungskrieg“ der
antiimperialistischen Befreiungsbewegungen auszugeben und dabei zu übersehen,
daß dieser Teil der „front“ zu rein sozialimperialistischen Konditionen daran
beteiligt war. Damit war auch die Avantgarde der deutschen Antiimperialisten
bereits frühzeitig jenem linken Sozialimperialismus zum Opfer gefallen, der der
Stalinschen Auffassung von der Lösung der nationalen Frage zugrunde liegt.
In seinen
Diktaten vom 30. und 31. Dezember 1922 bekennt Lenin, sich „vor den
Arbeitern Rußlands sehr schuldig gemacht“ zu haben, weil er sich „nicht mit genügender Energie
und Schärfe in die ominöse Frage der Autonomisierung“ eingemischt habe, „die
offiziell, glaube ich, als Frage der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken
bezeichnet wird“. (Über
die Frage der Nationalitäten oder der ‚Autonomisierung’, 590). Lenin richtet an die Partei
der Bolschewiki die Warnung, daß „wir selbst, sei es auch nur in
Kleinigkeiten in imperialistische Beziehungen hineinschlittern und dadurch
unsere ganze prinzipielle Aufrichtigkeit des Kampfes gegen den Imperialismus völlig
untergraben“ (Über
die Frage, 596).
Der sogenannte „georgische Zwischenfall“ zeige, „in welchem Sumpf wir gelandet sind.
Offenbar war dieses ganze Unterfangen der Autonomisierung von Grund auf falsch und
unzeitgemäß“ (Über
die Frage, 590).
Damit wird die exakt zum selben Zeitpunkt stattfindende Gründung der Union
der sozialistischen Sowjetrepubliken ebenso infragegestellt wie die politische Konzeption ihres
Initiators, Stalin.
Für den politischen Pragmatiker Lenin war das aber kein Beinbruch. Zwar hatte
Stalin als Volkskommissar für Nationalitätenfragen (Narkomnac) mit der übereilten Verschmelzung
der drei Gliedstaaten zu einem künstlichen kaukasischen Staatsgebilde, das nun
der UdSSR beitrat, vollendete Tatsachen geschaffen, diese konnten aber nach Lenins
Vorstellungen auf einem neu zusammenzurufenden Sowjetkongreß leicht revidiert
werden, wobei die Union nur auf diplomatischem und militärischem Gebiet
bestehen bleiben sollte. Denn diese „brauchen (wir) ebenso wie das kommunistische
Weltproletariat für den Kampf gegen die Weltbourgeoisie und für die
Verteidigung gegen ihre Intrigen“ (Über die Frage, 594). Außerdem sollte die weithin befürchtete „Zersplitterung
der Volkskommissariate“ durch die „Autorität der Partei ausreichend wettgemacht werden“ (Über die Frage, 596).
Stalins voreiliges Autonomisierungs-Projekt wäre damit leicht vom Tisch gewesen, nicht aber
der linke Sozialimperialismus, wie er mehrheitlich im Politbüro und von den
zwischenzeitlich auf Stalins Veranlassung rekrutierten Kadern vertreten wurde. Dieser stellt
Lenin vor die „prinzipielle Frage..., wie der Internationalismus zu
verstehen“ sei und
drängt ihn zu dem diplomatisch formulierten Schluß (der im Originaltext
gestrichen ist): „Ich bin der Meinung, daß unsere Genossen in diese wichtige
prinzipielle Frage nicht genügend eingedrungen sind“ (Über die Frage, 392). Offenbar sollte damit eine
systematische theoretische Auseinandersetzung über die nationale Frage eingeleitet werden, auf die Lenin
jedoch nun aus gesundheitlichen Gründen verzichten mußte. Richard Pipes hat
darauf hingewiesen, daß Lenin in den Kriegsjahren Material für eine größere
systematische Arbeit zur nationalen Frage gesammelt haben soll (Pipes, The Formation, 49). Darauf deutet auch Lenins
Brief an Kamenew hin, worin er Anfang Dezember 1922 kurz vor seinem zweiten
Anfall auf die Notwendigkeit einer solchen Arbeit hinweist.
Nach seinem zweiten Anfall Mitte Dezember bleibt Lenin nur noch übrig, auf seine verschiedenen „Schriften
über die nationale Frage“ und die daraus zu ziehenden Erkenntnisse mit einer deutlichen Spitze
gegen Stalin und die linken Sozialimperialisten zu verweisen, „...daß es
nicht angeht, abstrakt die Frage des Nationalismus im allgemeinen zu stellen“, sondern daß die Genossen
Proletarier „zwischen dem Nationalismus einer unterdrückenden Nation und dem
Nationalismus einer unterdrückten Nation“ unterscheiden lernen müssen (Über die Frage, 292; 293). Der Nationalismus der
unterdrückten Nationen werde erst durch die Gewalttaten und die
Verächtlichmachung von Vertretern der unterdrückten Nationen durch die
Großrussen erzeugt. „Deshalb muß der Internationalismus seitens der
unterdrückenden oder sogenannten großen Nation (obzwar groß nur durch
ihre Gewalttaten, groß nur im Sinne, wie ein Dershimorda2 groß ist) darin bestehen, nicht
nur die formale Gleichheit der Nationen zu beachten, sondern auch solch eine
Ungleichheit anzuerkennen, die seitens der unterdrückenden Nation ...jene
Ungleichheit aufwiegt, die sich faktisch im Leben ergibt.“ Daraus entstehe für den Proletarier
die Notwendigkeit, „durch sein Verhalten oder durch seine Zugeständnisse
gegenüber dem Nichtrussen so oder anders das Mißtrauen, den Argwohn zu
beseitigen, jene Kränkungen aufzuwiegen, die ihm in der geschichtlichen
Vergangenheit von der Regierung der Großmachtnation zugefügt worden sind“ (Über die Frage, 593). Eine solche „wahrhaft
proletarische Einstellung“ (Ebenda) hätten einige Georgier (damit sind ohne Zweifel Stalin und
Ordshonikidse gemeint) unter den „russifizierten Nichtrussen“ (zu denen Lenin u.a. Dsershinski
zählt), die bekanntlich stets „zur Übertreibung neigen, was die echt russische
Gesinnung betrifft“ (Über die Frage, 592), mißachtet: „Ein Georgier, der sich geringschätzig
zu dieser Seite der Sache verhält, der leichtfertig mit der Beschuldigung des Sozialnationalismus um sich wirft (während er selbst
ein wahrer und echter Sozialnationalist, ja mehr noch, ein brutaler
großrussischer Dershimorda ist), ein solcher Georgier verletzt im Grunde
genommen die Interessen der proletarischen Klassensolidarität...“ (Über die Frage, 594). Mit dieser wütenden und
leidenschaftlichen Anklage erklärt Lenin den Waffenstillstand mit dem linken
Sozialimperialismus für beendet. Aber anstatt eine neue Runde im theoretischen
Kampf einleiten zu können, muß er sich allein auf seine moralische Autorität in
der Partei der Bolschewiki und die gründliche Vorbereitung eines
Parteiausschlußverfahrens gegen die Verursacher des „Georgien-Zwischenfalls“ auf dem bevorstehenden 12.
Parteitag beschränken.
Zum tieferen Verständnis dieses entscheidenden Wendepunkts in der russischen
Revolution wird nun zu klären sein, ob die von Lenin erlittene Niederlage im
Kampf gegen den linken Sozialimperialismus nicht durch eine Reihe von
Differenzen mit Marx’ Ansichten zur nationalen Frage (bzw. durch gewisse
Übereinstimmungen mit den Marx-Kritikern Karl Kautsky und Rosa Luxemburg)
vorprogrammiert war. Wenn sich dabei herausstellt, daß der sogenannte
Stalinismus, d.h. das Umschlagen des linken Sozialimperialismus in eine moderne
zaristische Weltherrschaftsstrategie, nicht zuletzt auf den theoretischen
Differenzen zwischen Lenin und Marx in der nationalen Frage beruht, dann wäre der Stalinismus wortwörtlich als die konsequente
Weiterentwicklung des Leninismus zu interpretieren; d.h. gerade so, wie Stalin den Leninismus als die Anwendung des Marxismus auf die russischen Verhältnisse
bezeichnet. Das heißt, damit bestünden die Grundlagen des Stalinismus in der konsequenten Umsetzung der
Leninschen Differenzen mit Marx in die Realität der Stalinschen
Konterrevolution.
Lenin hat sich in seinem Kampf gegen den linken Sozialimperialismus wiederholt
auf Marx berufen. Dazu soll der Stellenwert, den die nationale Frage in der weltrevolutionären Strategie
der ‚Partei Marx’ eingenommen hat, grob skizziert werden (wobei dieser Begriff
erst Ende des 19. Jahrhunderts auftaucht).
In Johann Gottlieb Fichtes Reden an die deutsche Nation beruht die nationale Identität der
Deutschen auf dem Verharren in ihrer ursprünglichen Daseinsweise, welche politisch und kulturell bestimmt ist durch die Bewußtwerdung des eigenen Deutschseins auf
kulturellem (Sprache), staatlichem (Verfassung) und gesellschaftlichem Gebiet
(Gemeinschaft aller Deutschen) in Abgrenzung zu allen Nicht-Deutschen, die
wegen ihrer verloren gegangenen nationalen Authentizität und ihrer Anpassung an
Sprache, Kultur und Institutionen der Eroberervölker (z.B. die Franzosen durch
die Römer) fortan in einer entfremdeten Lebensweise existieren müssen.
Während Fichte das Entfremdetsein des Menschen nationalisiert und das
platonische Eine Sein des deutschen Idealismus zum Einzigartigsein der
Deutschen singularisiert, befreit Marx genau umgekehrt das entfremdete
menschliche Sein aus seinem Reduziertsein auf einen emphatischen und
universalistischen Menschheitsbegriff, indem er das nach Ansicht Feuerbachs
durch die Hegelschen Abstraktionen sich selbst entfremdet habende Menschsein
auf das Proletarierdasein zuspitzt. Letzteres stelle, wie es in Zur Kritik
der Hegelschen Rechtsphilosophie heißt, dessen reine Negation dar und zwar in der „Bildung
einer Klasse mit radikalen Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft,
die keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist“ und die sich „nicht
emanzipieren kann, ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft und
damit alle übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren, welche mit einem
Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige
Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann.“ In der „Auflösung der
Gesellschaft als besonderer Stand“ in Gestalt des „Proletariats“ ist daher nach Marx auch die Möglichkeit der Aufhebung des
Entfremdetseins des Menschen ausgesprochen (Zur Kritik der Hegelschen
Rechtsphilosophie,
391).
In der Herleitung dieser brisanten Schlußfolgerung wird die Frage nach der „positive(n) Möglichkeit der deutschen
Emanzipation“ (Zur Kritik, 390) zwar von Marx nicht anders
formuliert als von Fichte; jedoch wird dabei von Marx „unsere Geschichte der
Freiheit“ in der
zukünftigen Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und nicht „jenseits
unserer Geschichte in den teutonischen Urwäldern“ gesucht. Diese mögen in Frieden in
sich ruhen, den „deutschen Zuständen“ müsse jedoch der „Krieg“ erklärt werden! Diese seien unter
aller Kritik und müßten zum Gegenstand der Kritik werden, wie der Verbrecher
zum Gegenstand des Scharfrichters! (Zur Kritik, 380)
Das Bemerkenswerte an dieser dialektischen Lösung der nationalen Frage besteht darin, daß Marx mit seinem
aus dem aktuellen Zustand der menschlichen Gesellschaft abgeleiteten Entfremdungsbegriff die Frage nach der „Möglichkeit
der deutschen Emanzipation ... positiv“ (Zur Kritik, 390) stellt, ohne dabei die nationale Frage der sozialen Frage abstrakt entgegenzustellen.
Dagegen ist der heutige kleinbürgerliche Anti-Nationalismus mit seinem Marxismus bei Wilhelm Weitlings Bauern- und
Handwerker-Sozialismus aus dem Jahre 1842 stehengeblieben.
Und nicht nur das. Es läßt sich dabei leicht nachweisen, daß der Entfremdungsbegriff in Weitlings Garantien
der Harmonie und Freiheit dem Fichteschen darin völlig gleicht, daß in Weitlings
Gleichheitskommunismus die Klassenherrschaft in Fichtescher Terminologie
als Fremdherrschaft und umgekehrt die politische Fremdherrschaft
als verschleierte Klassenherrschaft dargestellt wird, mit dem einzigen
Unterschied, daß Fichtes Reduktion der Deutschen auf ihr singuläres Deutschsein
bei Weitling in einer einfachen Negation als Rückzug auf die proletarische
Klassenidentität wieder zum Vorschein kommt, so daß der politische mit dem sozialen Gegensatz verschmilzt: „Solange
die Gesellschaft in Ungleichheit lebt, solange ein Volk aus Herren und Knechten
besteht, solange ist es auch völlig gleich, wer die Herrschaft ausübt, ob Hinz
oder Kunz, ob Napoleon, Friedrich Wilhelm oder Nikolaus; wir Arbeiter müssen
unter dem einen Herrscher den Esel machen wie unter dem andern“ (Garantien der Harmonie und
Freiheit, 90). So
wie der Kapitalismus die Bauern und Handwerker vom Besitz von ihren
Produktionsmitteln „befreit“ hat, haben diese auch kein Vaterland mehr; denn ein
solches zu haben, habe ursprünglich bedeutet, den väterlichen Besitz vererbt zu
bekommen, der aber längst in fremde Hände gefallen ist. Die von Weitling
konstatierte Vaterlandslosigkeit des Proletariats wird hier nicht, wie von
Fichte und auch von Marx politisch, sondern, reduziert auf den
Erfahrungshorizont in der sich abrupt und gewaltsam entfaltenden
kapitalistischen Gesellschaft unhistorisch-materialistisch begründet.
Weitling gehört nach Marx damit zu jenen „Schriftstellern“ des „kleinbürgerlichen
Sozialismus“, die,
wie es im Kommunistischen Manifest von 1847 heißt, in Ländern, „wo die Bauernklasse weit
mehr als die Hälfte der Bevölkerung“ ausmachte, „für das Proletariat gegen die Bourgeoisie
auftraten“ und dabei „an ihre Kritik des
Bourgeoisregimes den kleinbäuerlichen und kleinbürgerlichen Maßstab anlegten“, d.h. „die Partei der Arbeiter
vom Standpunkt des Kleinbürgers ergriffen“ (Manifest der Kommunistischen Partei, 484).
Jene Marxisten aber, die den berühmten an Weitling erinnernden Satz aus dem Kommunistischen
Manifest „Die
Arbeiter haben kein Vaterland“ wie ein Fanal vor sich hertragen, mißverstehen Weitlings
Bedauern darüber, daß die Arbeiter kein Vaterland mehr [!] haben,
offenbar dahingehend, daß die Arbeiter kein Vaterland mehr brauchen. Wer
dieses Mißverständnis aber gemeinsam mit Rosa Luxemburg zum Hauptinhalt des Kommunistischen
Manifests erklärt,
müßte auch erklären können, wieso darin die Kommunistische Partei diejenige Partei „unter den
Polen“ unterstützen
sollte, „welche eine agrarische Revolution zur Bedingung der nationalen
Befreiung“ macht (Manifest, 492), oder wieso die Kommunistische
Partei in
Deutschland, „sobald die Bourgeoisie revolutionär auftritt, gemeinsam mit
der Bourgeoisie gegen die absolute Monarchie, das feudale Grundeigentum und die
Kleinbürgerei“ kämpfen sollte –
selbstverständlich, ohne zu vergessen, daß bei den Arbeitern gleichzeitig ein
klares Bewußtsein über den „feindlichen Gegensatz zwischen Bourgeoisie und
Proletariat“
herauszuarbeiten (Manifest, 493) war.
Diesen Marxisten ist bis zum heutigen Tag die durch die Marxsche Einschränkung komplizierte
Beziehung der politischen und der sozialen Revolution verschlossen geblieben: daß „die nur politische Revolution ... die Pfeiler des Hauses
stehenläßt“, wenn „eine
bestimmte Klasse von ihrer besondern Situation aus die allgemeine Emanzipation
der Gesellschaft unternimmt“. (Zur Kritik, 388). Denn diese „Klasse befreit die ganze Gesellschaft ... nur
unter der Voraussetzung, daß die ganze Gesellschaft sich in der Situation
dieser Klasse befindet, also z.B. Geld und Bildung besitzt oder beliebig
erwerben kann.“
Aber gerade weil in Deutschland im Gegensatz zu Frankreich „keine Klasse der
bürgerlichen Gesellschaft das Bedürfnis und die Fähigkeit der allgemeinen
Emanzipation“ mehr
besaß (Zur Kritik,
390), ist jenen Marxisten verborgen geblieben, daß Marx die Fichtesche nationale
Entfremdung nicht, wie Weitling, einfach negiert, sondern mit seiner
Bestimmung der „Emanzipation des Deutschen“ zur „Emanzipation des
Menschen“ die politische in der sozialen Revolution aufhebt, wobei er
die Philosophie zum Kopf und das Proletariat zum Herzen dieser Emanzipation
erklärt, so daß die Philosophie sich nicht verwirklichen kann „ohne die
Aufhebung des Proletariats“ und das
Proletariat sich nicht
aufheben kann „ohne die Verwirklichung der Philosophie. ... Wenn alle innern
Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden“, und beide Strömungen werden
zueinander finden „durch das Schmettern des gallischen Hahns“ (Zur Kritik, 391), d.h. durch die proletarische
Revolution in Frankreich.
Auf Grund von dessen besonderer politischer Rückständigkeit müssen in
Deutschland also beide Revolutionen auf einen Streich erledigt werden geleitet von einer revolutionären
Theorie – und keineswegs einer besonderen revolutionären Klasse (!)
–, die in der Aufhebung des Proletarierseins ihre eigene Verwirklichung erfährt. Von dieser revolutionären Dialektik haben unsere Marxisten keinen Deut verstanden (einmal
abgesehen davon, daß die Deutschen diese Emanzipation immer noch vor sich
haben!)
In Karl Marx’ und Friedrich Engels’ Ansprache der Zentralbehörde an den Bund der Kommunisten wird die Erprobung
dieser Dialektik in der Revolution von 1848 durch die ‚Partei Marx’
rückblickend analysiert. Dabei habe sich herausgestellt, daß die
kleinbürgerlichen Demokraten die Revolution möglichst rasch hinter sich bringen
wollten, während „es unser Interesse und unsere Aufgabe (ist), die Revolution permanent zu
machen, so lange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der
Herrschaft verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die
Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern in allen
herrschenden Ländern der ganzen Welt so weit vorgeschritten ist, daß die
Konkurrenz der Proletarier in diesen Ländern aufgehört hat und daß wenigstens
die entscheidenden produktiven Kräfte in den Händen der Proletarier
konzentriert sind“ (Ansprache, 247). Die nicht nur unter
Historikern verbreitete Ansicht, diese Taktik der ‚Partei Marx’ sei
ausschließlich der revolutionären Situation von 1848 vorbehalten gewesen, ist
nicht haltbar, da sich der Kapitalismus in Westeuropa dadurch, daß die
Bourgeoisie die Feudalklasse nicht gestürzt, sondern ganz im Gegenteil, den
Staatsapparat in ihren Händen belassen hatte, um die europäischen
Arbeiterklassen billiger ausbeuten zu können, auf äußerst reaktionäre Weise
und, wie es im 1. Band des Kapital heißt, mit einer „ganzen Reihe vererbter Notstände, entspringend aus der
Fortvegetation altertümlicher, überlebter Produktionsweisen, mit ihrem Gefolg
von zeitwidrigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen“ (Kapital I, 14), entwickelt hat.
Für die Theoretiker der ‚Partei Marx’ verschob sich bei der Formulierung der
künftigen Strategie daher lediglich der Schwerpunkt innerhalb des Verhältnisses
der politischen und der sozialen Revolution, nicht aber die Notwendigkeit der politischen Revolution selbst, da mit der
Rückkehr der feudalen Konterrevolution auf die europäische Bühne eine Reihe nationaler
Fragen fortbestanden. Diese konnten aber nur, da die europäischen Arbeiterklassen nun
nicht mehr ohne weiteres mit der sich auf die reaktionären Mächte Europas
stützenden Bourgeoisie verbünden konnten, durch die Taktik der Revolution in
Permanenz gelöst werden.
Dabei mußten Marx und Engels in ihren publizistischen Arbeiten ihr
Hauptaugenmerk darauf richten, daß die historischen Nationen Europas nicht
durch die ‚Nationalitätenpolitik’ der Zaren und Louis Bonapartes dekonstruiert wurden,
bzw. die Nationalitäten-Splitter zum Baumaterial der Zaristischen und
Bonapartistischen Hegemonie in Europa Verwendung fanden - wofür der
Panslawismus ein eindeutiges Zeugnis ablegt –, die der gewünschten
Nationenbildung der historischen Nationen diametral entgegengesetzt war. Damit
aber die Verteidigung der historischen Nationen nicht zur Vaterlandsverteidigung, wie sie die europäischen
Arbeiterklassen 1914 erleben mußten, degenerierte, war die Permanenzerklärung
der Revolution weiterhin unabdingbar. Bei den rechten Marxisten ernteten Marx und Engels dafür den
Vorwurf des Anarchismus, bei den linken den der Russenfeindschaft.
Durch ihre Hinnahme der polnischen Teilungen, an denen beide deutsche Staaten
sich in ihrer Vergangenheit beteiligt hatten, wurde der kleinbürgerlichen
Demokratie 1848 in Deutschland das revolutionäre Genick gebrochen. Die
Wiederherstellung des polnischen Staates blieb daher auf der Tagesordnung der
europäischen Arbeiterklassen. Allerdings meldeten sich zunehmend auch in der
deutschen Sozialdemokratie Zweifel an der Notwendigkeit dieser Forderung, nicht
zuletzt unter den im Exil lebenden Vertretern der sich nach der Niederschlagung
des letzten polnischen Aufstandes 1864 konstituierenden polnischen Arbeiterklasse
selbst. Zu diesen Zweiflern gehört in Deutschland auch der junge Karl Kautsky,
der Anfang der 80er Jahre in seinem Bericht über den Sozialistenkongreß in Chur
an Friedrich Engels davon Abstand nimmt, die polnische Frage weiterhin zu einem Problem der
europäischen Arbeiterklassen zu machen, da diese allein die Bourgeoisie etwas
anginge und der polnische Staat unter den Trümmern des zusammenstürzenden
Zarenreiches von selbst wiederauferstehen würde. Außerdem interessiere ihn der
polnische Staat, wie schon Louis Bonaparte, ausschließlich „als Schutzwehr
gegen den Zarismus“ (Benedikt Kautsky
(Hg.), Friedrich Engels Briefwechsel mit Karl Kautsky, 47). In seiner Antwort erläutert
Friedrich Engels noch einmal beredt die Strategie der ‚Partei Marx’, in der die
polnische Unabhängigkeit schon immer einen bevorzugten Platz eingenommen habe
und erklärt abschließend: „Wir speziell haben gar keinen Grund, den Polen in
ihrem unumgänglichen Streben nach Unabhängigkeit in den Weg zu treten“ (Engels an Kautsky, MEW 35, 271). Obwohl Engels verbal
keinen Millimeter von der Strategie der ‚Partei Marx’ abweicht, ergeben sich
doch einige Probleme aus seiner der Konfliktlage wenig angepaßten Deutlichkeit
in seiner Ausdrucksweise. Denn wer war mit „wir“ gemeint? „Wir“ Deutschen und/oder „wir“ Parteigänger der ‚Partei Marx’?
Und wo blieb dabei die „Permanenz der Revolution“, die Kautsky gegenüber der
bürgerlichen polnischen Unabhängigkeitspartei aufzugeben bereit war?
Die Antwort darauf findet sich in der Grußadresse der ehemaligen Mitbegründer der Internationalen
Arbeiterassoziation an besagten Kongreß, deren Formulierung mit ziemlicher Sicherheit von Marx
selbst stammt. Darin finden wir erstens die Integration des polnischen Befreiungskampfes in
die europäische Revolution von 1848 und in die während des polnischen
Aufstandes von 1863-1864 stattgefundene Konstituierung der internationalen
Arbeiterbewegung (in Gestalt der IAA) und vice versa zweitens, die strategische Orientierung der Partei der Arbeiter auf den Kampf gegen „die Heilige
Allianz, die als Tarnung der Hegemonie des Zaren über alle Regierungen Europas“ dient (Grußadresse, 239). D.h. obwohl „die
sozialistischen Strömungen dieser Epoche im Blutbad der Junitage [von Paris 1848] ertränkt wurden“, habe „die Revolution von 1848 dennoch
für einen Augenblick Europa – dies darf man nicht vergessen – zu einer Gemeinde
gemacht“ und
dadurch den Boden für die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation bereitet. Schließlich genügte es
unter den Verteidigern der Pariser Kommune „Pole zu sein, um von den Kriegsgerichten in
Versailles erschossen zu werden“ (Grußadresse, 240).
Für Marx war die polnische Frage also in doppelter Hinsicht mit der Revolution in
Deutschland verknüpft; sowohl mit der politischen Revolution gegen Preußen als
anti-deutscher Agentur des moskowitischen Hegemonismus als auch mit der sozialen Revolution der europäischen
Arbeiterklassen gegen die europäische Bourgeoisie, die sich das mit der
kapitalistischen Produktionsweise einhergehende Ausbeutungsverhältnis zwischen
Lohnarbeit und Kapital von den reaktionären Mächten Europas – äußerst
kostengünstig – garantieren ließ. Weil aber Engels zur polnischen
Frage nur eine
äußerliche Beziehung herstellt, verpuffen die an Kautsky gerichteten
politischen Warnungen vor dem Panslawismus ziemlich wirkungslos, trotz der
unübertroffenen politischen Weitsicht in seinen politischen Einschätzungen, die durch
die historischen Ereignisse früher oder später bestätigt wurde. Daher sieht er
auch in der auf dem Sozialistenkongreß zutage getretenen allgemeinen Abneigung
gegen die polnische Frage lediglich „Emigrationsstreitigkeiten“, in denen sich die Polen in der
Schweiz „von den radikal klingenden Phrasen der Genfer Russen“ hätten „imponieren lassen und nun auch
beweisen (wollen), daß der Vorwurf des nationalen
Chauvinismus sie nicht trifft. Diese auf bloß lokalen und vorübergehenden
Ursachen beruhende Abirrung wird ohne viel Einfluß auf Polen vorübergehn, und
ist nicht der Mühe wert, im einzelnen widerlegt zu werden“ (Engels an Kautsky, 273).
Karl Kautsky hat in der Vorrede zu Karl Marx, Revolution und Kontre-Revolution in
Deutschland aus dem
Jahre 1896, seine Einwände von 1880 fortspinnend, erklärt, daß mit der
Entwicklung des Kapitalismus im tschechischen Teil Österreich-Ungarns eine
tschechische Bourgeoisie und folglich eine tschechische Nation entstanden sei,
wodurch „die Wiederkehr einer Haltung, wie sie die Tschechen 1848 und 1849
eingenommen hatten, und von Marx für die Zukunft befürchtet wurde, unmöglich“ geworden sei, und daß alles, was
Marx 1848 darüber gesagt habe, „heute gegenstandslos, nur noch eine Sache
historischer Erinnerung ist“ (Kautsky: Vorrede, XXIX).
Damit war der Boden bereitet für den, von Rosa Luxemburg unternommenen nächsten
Schritt bei der Marx-Revision, nämlich Polen überhaupt den Status einer historischen
Nation zu
abzuerkennen und auf dieser Grundlage eine eigene Arbeiterpartei als
Konkurrenzunternehmen zur damals angeblich sozialchauvinistischen PPS, die die
Wiedererlangung der Staatlichkeit Polens anstrebte, zu gründen. Erst in einem
zweiten Anlauf gelingt es ihr, auf dem Kongreß der 2. Internationale 1896 in
London die internationale Anerkennung ihrer SDKP durchzusetzen und gleichzeitig
eine Resolution zu verhindern, in der die Forderung der PPS nach der
Unabhängigkeit Polens durch die europäischen Arbeiterklassen bestätigt werden
sollte. Bei dieser Kampagne leistet ihr Karl Kautsky durch die Öffnung des
theoretischen Organs der SPD, Die Neue Zeit, wertvolle Dienste.
In den dort veröffentlichten Aufsätzen versucht Rosa Luxemburg eine Begründung
für ihre These zu liefern, daß Polen schon vollständig in das russische
Imperium integriert sei und daß die Bourgeoisie, die in Rußland glänzende
Geschäfte macht, ihr Interesse an der nationalen Unabhängigkeit verloren habe.
Daher seien die Äußerungen von Marx und Engels, in denen diese, wie sie
verharmlosend schreibt, in der Vergangenheit ihre Sympathie „für die Idee
der Wiederherstellung Polens ausgedrückt haben“ (Strömungen, 30) nicht mehr up to date.
Außerdem habe es sich dabei um Äußerungen zu „Fragen der europäischen
Diplomatie“
gehandelt, die mit dem alltäglichen Klassenkampf des polnischen Proletariats
nicht das geringste zu tun hätten (Strömungen, 32). Mit ihrer rigiden Trennung
der sozialen von
der politischen Revolution und der Reduktion des Klassenkampfes auf ökonomistische
Gewerkschaftsarbeit, zeigt sich bei Rosa Luxemburg ein Provinzialismus, der in
einem seltsamen Kontrast zu ihrem Wirken auf den internationalen Podien der
europäischen Arbeiterparteien steht.
Damit ist die von Marx stets vorausgesetzte Einheit des Klassenkampfes der „europäischen
Arbeiterklassen“
zerstört und die ihnen auferlegte Pflicht, „in die Geheimnisse der
internationalen Politik einzudringen“, gegenstandslos geworden (Inauguraladresse, 13). Neben dem Bernsteinschen
rechten Revisionismus, der bis heute das Urgestein der deutschen
Sozialdemokratie bildet, haben wir es also hier mit einer von Kautsky
theoretisch vorbereiteten „Revision“ der Strategie der ‚Partei Marx’ zu tun, aus der Polen und
Deutschland ebenso wie die für Polens politischen Zustand verantwortlichen
Teilungsmächte herausfallen. Wie stark der rechte und der linke Revisionismus
mit einander korrespondieren, zeigt die von rechten Revisionisten gleichermaßen
vertretene Prellbock-Theorie, mit der Rosa Luxemburg den europäischen Arbeiterklassen
unterstellt, sie würden für die „Wiederherstellung Polens“ (Strömungen, 32) nur aus dem Grunde eintreten,
um Europa vor einem drohenden „Einfall“ Rußlands „durch eine physische Mauer zu schützen“ (Strömungen, 31). Diese Konvergenz findet ihre
Entsprechung in den praktischen Vereinbarungen zwischen Rosa Luxemburg und dem
rechten Parteivorstand der SPD mit dem gemeinsamen Ziel, dem Wirken der PPS in
Preußisch-Polen das Wasser abzugraben.
In dem kurz vor dem Londoner Kongreß veröffentlichten Neue-Zeit-Aufsatz unter dem Titel Finis
Poloniae? gießt
Karl Kautsky abschließend sein Vermittlungs-Öl auf die über der
Polen-Resolution in den europäischen Arbeiterparteien hochgehenden Wogen, indem
er dieser – nur aus reiner „Sympathie“ – in einer Fassung zustimmt,
worin die russische Hegemonialmacht als Hauptnutznießer der polnischen
Teilungen nicht vorkommt und gleichzeitig dafür plädiert wird, ähnlichen
Resolutionen zugunsten irgendwelcher anderer Nationalitäten, der Iren z.B. (!)
– „Wo käme man da hin!“ (Finis Poloniae?, 524) – einen Riegel vorzuschieben. Außerdem habe der
Panslawismus die ihm vom Marx und Engels zugeschriebene Gefährlichkeit längst
eingebüßt. Von daher habe auch Polen als „Bollwerk [!] gegen den Panslawismus“ seine Bedeutung verloren (Finis
Poloniae?, 489). „Der
Niedergang des Panslawismus ebenso wie das Erstehen einer starken
revolutionären Bewegung in Rußland bewirken, daß das Eintreten für die
Wiederherstellung Polens ebenso wie das für die Integrität der Türkei aufhören,
eine dringenden Notwendigkeit für die westeuropäische Demokratie zu bilden. Die
eine wie die andere dieser Forderungen verliert die große internationale
Bedeutung, die sie, wie die Demokratie im Allgemeinen, so auch für das
revolutionäre Proletariat Europas besessen, und es wäre ganz verkehrt, wollte
man die alte Schablone wiederbeleben und der neuen Internationale zumuten, in
der polnischen Frage genau die Haltung einzunehmen, die die erste
Internationale eingenommen“ (Finis
Poloniae?, 491).
Diese Einschätzung hätte auch von Rosa Luxemburg stammen können. Kautskys
Kritik an ihren Ansichten ist dementsprechend marginal. Er hält Rosa Luxemburgs
Theorie der „organischen Verbindung“ (Finis Poloniae?, 521) Kongreß-Polens mit Rußland,
durch die die Bereitschaft der polnischen Bourgeoisie und des Kleinbürgertums
für die Staatlichkeit Polens einzutreten, geschwunden sei, in ihrer
Einseitigkeit für übertrieben. Die polnische Bourgeoisie werde auf den Markt
der drei polnischen Teilstaaten zurückkehren; dann werde sich auch eine Chance
ergeben, gemeinsam mit der Bourgeoisie und dem von Rosa Luxemburg gröblich
unterschätzten Kleinbürgertum die Unabhängigkeit Polens zu erkämpfen.
Mit dieser Einschätzung der polnischen Frage ist Karl Kautsky der Linie in
seinem Brief an Friedrich Engels Anfang der 80er Jahre treu geblieben, wo er es
ja dem polnischen Adel überlassen hatte, die politischen Voraussetzungen für
die soziale Revolution in Polen herzustellen – nur, daß an dessen Stelle
nun die Bourgeoisie getreten ist. Die gemeinsam mit Rosa Luxemburg vollzogene
Revision der weltrevolutionären Strategie der ‚Partei Marx’ beinhaltet, daß das
als in sich gegensätzlich zu begreifende Verhältnis zwischen der politischen und sozialen Revolution nicht mehr dialektisch
aufgehoben, sondern nun dadurch „gelöst“ wird, daß von den beiden Theoretikern die politische Revolution entweder ganz liquidiert
oder der Bourgeoisie überlassen wird!
Im Vorwort zu dem 1906 in polnischer Sprache
herausgegebenen Sammelband ihrer in den 90er Jahren erschienenen Aufsätze, Die
polnische Frage,
argumentiert Rosa Luxemburg offener und klarer als zehn Jahre zuvor in der Neuen
Zeit gegen die von
Marx und Engels zeitlebens vertretene Auffassung von der Notwendigkeit der
Wiederherstellung Polens, indem sie diese ohne Scheu eindeutig für veraltet und
revisionsbedürftig erklärt und damit, was die polnische Arbeiterbewegung
betrifft, unversehens zum Frühkommunismus Wilhelm Weitlings zurückkehrt, wie er
in den 80er Jahre des 19. Jahrhunderts dort im Schwange war. Das wird vor allem
an ihrem Verständnis für das Desinteresse deutlich, das die Vertreter Polens
auf der Sozialisten-Konferenz Anfang 1880 in Chur gegenüber der Grußadresse der Internationalen
Arbeiterassoziation und
den Ansichten ihres Mitbegründers Karl Marx zur Wiederherstellung Polens gezeigt hatten: „Die
Meinung von Marx und Engels über die polnische Frage war keineswegs ein
Geheimnis für die Gründer und die theoretischen Führer des Proletariat3, jedoch waren sie dadurch nicht
im geringsten verwirrt, sondern betrachteten sie eher als Überbleibsel alter
Anschauungen, die auf Unkenntnis des gesellschaftlichen Inhalts der nationalen
Bewegungen innerhalb Polens und der seit dem letzten Aufstand in Polen
eingetretenen gesellschaftlichen Veränderungen beruhten“ (Vorwort: Sammelband, 183). Marx und Engels werden von
Rosa Luxemburg rückblickend zum „radikalsten linken Flügels der damaligen
revolutionären Demokratie“ der Revolution von 1848, d.h. zu radikalen kleinbürgerlichen
Demokraten erklärt, die auch entsprechende Ansichten in ihrem Verhältnis zu
Rußland entwickelt hätten, die mit dem „Wesen des Marxismus“ nichts zu tun haben, das sie auf
zwei grundlegende Prinzipien reduziert: die „dialektisch-materialistischen
Methode der Geschichtsforschung – eine ihrer Hauptforderungen ist die
Theorie des Klassenkampfes – und auf Marxens Grundsatzanalyse der
Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft“ (Vorwort: Sammelband, 197).
Mit dieser rabiaten Trennung Theorie der Partei der Arbeiter von der Politik
der revolutionären Bewegung der europäischen Arbeiterklassen hat Rosa Luxemburg
die entscheidenden Grundlagen für ihren Revisionismus gelegt. Da, wie es in dem Vorwort (211)
weiter heißt, die „ökonomische Verschmelzung Polens
mit Rußland zu einem Wirtschaftsmechanismus ...die materielle Grundlage der
separatistisch-nationalistischen Bestrebungen in unserer Gesellschaft“ beseitigt habe, beschränke sich
die nationale Frage auf „die Verteidigung der Nationalität als einer besonderen geistigen Kultur“, denn die „reine Klassenbewegung des polnischen
Proletariats“ sei „die beste und gleichzeitig einzige Bürgschaft
dafür, zugleich mit der politischen auch national-kulturelle Freiheit,
bürgerliche Gleichheit und Selbstverwaltung für unser Land zu erreichen“ (Vorwort: Sammelband, 218). Stalin hat das später
nicht besser formulieren können, während die Anleihen, die unsere heutigen Anhänger
der Cultural Studies hier machen können, kaum zu übersehen sind.
Die These Rosa Luxemburgs, die von Marx und Engels wahrscheinlich als
anarchistisch eingestuft worden wäre, daß mit dem Voranschreiten des
Kapitalismus alle Voraussetzungen für eine reine proletarischen Revolution gegeben seien, daß somit die „reine Klassenbewegung des polnischen
Proletariats“ (ebenda) jene von den europäischen Großmächten in ihrem jahrhundertelangen
territorialen Konkurrenzkampf hinterlassenen „Nationalitätenfragen“ automatisch
mitliquidieren werde, setzte das Bestehen eines reinen Kapitalismus und
mit diesem eine Bourgeoisie voraus, die es nicht mehr als vorteilhaft erachtete,
sich die bestehenden Ausbeutungsverhältnisse von den bewährten Gewaltmaschinen
der europäischen Feudalmächte garantieren zu lassen. Diese Voraussetzung
existierte zumindest bis zum Ende des 1. Weltkriegs in keinem Staat des preußisch-habsburgisch-russischen
Drei-Kaiser-Bundes!
Mit großer Genugtuung blickt Rosa Luxemburg in ihrem Vorwort abschließend darauf
zurück, daß es ihr 1896 gelungen war, in der auf dem Londoner
Sozialisten-Kongreß verabschiedeten Resolution zur polnischen Frage jeglichen konkreten
Bezug zu Polen und dessen Teilungsmächte zu streichen, so daß darin nur noch
vom „Joche eines militärischen, nationalen oder sonstigen Absolutismus“ die Rede ist, unter
dem die „Arbeiter eines jeden Landes“ zu leiden haben (Haustein: Sozialismus und ‚nationale Frage’
in Polen,
233). Dementsprechend werden allein die Arbeiter der ihres Selbstbestimmungsrechts
beraubten Länder politisch korrekt dazu aufgerufen, „sich in die Reihen der
klassenbewußten Arbeiter der ganzen Welt zu stellen, um mit ihnen gemeinsam
gegen den internationalen Kapitalismus und für die Verwirklichung der Ziele der
internationalen Sozialdemokratie zu kämpfen“ (ebenda), und nicht etwa auch umgekehrt,
wie es in entsprechenden Erklärungen von Marx und Engels gelautet hatte, daß die
„klassenbewußten Arbeiter (aller Länder!) ...für die
Verwirklichung“ der Befreiung Polens einzutreten hatten!
Der von Friedrich
Engels noch als Emigrantengezänk bezeichnete neue Trend in den europäischen Arbeiterparteien
hatte in Rosa Luxemburg und Karl Kautsky inzwischen nicht nur prominente marxistische Fürsprecher gefunden,
sondern auch dazu geführt, daß mit der abstrakten Formel des „Selbstbestimmungsrechts
aller Nationen“ von dem gemeinsamen Kampfziel der europäischen Arbeiterklassen und
deren proletarischem Internationalismus nur noch dessen bürgerlich-liberale
Version übrigblieb.
Diese
Formel findet sie daher auch nicht zufällig in dem berühmten Punkt 9 des auf
dem 2. Parteitag der SDAPR beratenen Programms wieder. Die zu Beginn unserer
Untersuchung gestellte Frage, ob „Lenins letzter Kampf“ überhaupt zu gewinnen
war, muß nach ihrem jetzigen Stand um die Frage erweitert werden, ob der Bruch,
den der linke Sozialimperialismus mit der weltrevolutionären Strategie der ‚Partei
Marx’ Mitte der 90er Jahre vollzogen hatte, von Lenin überhaupt wahrgenommen wurde
und wenn ja, welche Konsequenzen er als erklärter Parteigänger der ‚Partei Marx’
daraus gezogen hat.
In einem der ersten Aufätze Lenins zu diesem Thema, Die nationale Frage in
unserem Programm, ist von einem solchen Problembewußtsein wenig zu entdecken, ja,
man könnte den Verfasser unmittelbar für einen Anhänger Rosa Luxemburgs halten,
was vor allem an der Übernahme wichtiger Schlüsselbegriffe und -zitate deutlich
wird. Auch hier ist von „alten Lösungen des Marxismus“, vom Buchstaben und
Geist der Marxschen Lehre und den ewig gültigen Methoden der marxistischen
Forschung die Rede. (Die nationale Frage, 456). Nur in der Einschätzung der
jüngsten polnischen Geschichte tendiert Lenin eher zu Kautsky und zu Franz
Mehring, dessen Vorwort zu einer Marx-Ausgabe Lenin ausführlich zitiert, ohne daß
ihm allerdings klar sein konnte, daß dieses Vorwort unter dem
entscheidenden Einfluß Rosa Luxemburgs entstanden war: „Wollte das polnische
Proletariat die Wiederherstellung eines polnischen Klassenstaats [!] auf seine Fahne
schreiben, eines Klassenstaates, von dem die herrschenden Klassen selbst nichts
wissen wollen [!], so würde es ein historisches Fastnachtsspiel aufführen,
was wohl den besitzenden Klassen passieren mag, wie dem polnischen Adel 1791,
aber der arbeitenden Klasse nie passieren darf. (...) Die Zeiten
sind vorüber, wo eine bürgerliche Revolution ein freies Polen schaffen konnte;
heute ist die Wiedergeburt Polens nur möglich durch die soziale Revolution, in
der das Proletariat seine Ketten bricht“ (Mehring: Vorwort, 457). Von Kautsky
übernimmt er – sehr zum Ärger Rosa Luxemburgs, die aus diesem Grund die
Vereinigungsgespräche der SDKPiL mit der SDAPR 1903 abrupt beendet – die
Überlegung, daß die Bourgeoisie eines Tages doch noch für die Unabhängigkeit
Polens eintreten könnte. Daher binde die russische Sozialdemokratie sich
keinesfalls die Hände. „Sie rechnet mit allen möglichen und mit
allen überhaupt denkbaren Wechselfällen, wenn sie in ihrem Programm
die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Nationen verkündet. Dieses
Programm schließt keineswegs aus, daß das polnische Proletariat die freie und
unabhängige polnische Republik zu seiner Losung macht, selbst wenn die
Wahrscheinlichkeit ihrer Verwirklichung vor dem Sozialismus verschwindend
gering sein sollte“ (Die nationale Frage, 458). In dieser bunten Mischung einander
widerstreitender Stellungnahmen, die nur mit Hilfe der Leninschen
Wahrscheinlichkeitsrechnung zusammengehalten werden, tritt die nationale
Frage in ihrer ganzen – um einen später von Lenin selbst verwendeten Ausdruck
zu bemühen – eklektizistischen Gegensätzlichkeit in Erscheinung.
Was aber Lenin vor allem in einem entscheidenden Punkt mit Rosa Luxemburgs
Ansichten zur nationalen Frage vereint, ist die Annahme, daß das russische
Imperium als staatliche Grundeinheit vorausgesetzt wird, auf deren Boden, sich
die russische Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie vereinigen und am Sturz des
Zarismus beteiligen wird. Daher kritisiert er an der PPS auch hauptsächlich,
daß der von dieser für den Sozialismus in Polen zur Voraussetzung gemachte Zerfall
Rußlands „ein leeres Wort“ bleibe, „solange die wirtschaftliche
Entwicklung [!] die verschiedenen Teile eines politischen Ganzen [!!!] immer enger
zusammenschmiedet [!], solange die Bourgeoisie aller Länder sich immer
einmütiger gegen ihren gemeinsamen Feind, das Proletariat, und für ihren
gemeinsamen Verbündeten, den Zaren, zusammenschließt“ (Die nationale Frage, 459).
Davon ausgehend läßt sich also bereits feststellen, daß Lenin den Bruch des
linken Sozialimperialismus mit der weltrevolutionären Strategie der ‚Partei
Marx’ nicht nur adäquat wahrgenommen, sondern abzüglich einiger marxistischer Reserven (dem
eigentlichen Ausgangspunkt seines späteren Grabenkrieges mit dem linken Sozialimperialismus)
auch selbst mitvollzogen hatte (was auch ein Grund für die Schwierigkeit sein
wird, aus seinem Grabenkrieg zum offenen Angriff überzugehen). Und wenn wir
an dieser Stelle auf unseren Ausgangspunkt, die Einheit des Gegensatzes
zwischen der politischen und der sozialen Revolution in der revolutionären Strategie der ‚Partei
Marx’ zurückblicken, so zeigt sich, daß die nationale Frage nur mehr einen
unwahrscheinlich eintretenden „Ausnahmefall“ darstellt (worin die
Bourgeoisie gegen alle sonst üblichen Regeln des Klassenkampfes noch einmal als
revolutionäre Klasse auftreten kann), die aber nicht mehr in einem konsistenten
Zusammenhang innerhalb dieses Gegensatzes selbst steht. Das heißt,
Lenins Stellungnahmen zur nationalen Frage laufen ursprünglich auf eine reine Vermeidungsstrategie
hinaus, nämlich darauf, „daß eine wirkliche sozialistische Partei das
proletarische Klassenbewußtsein nicht trübe, den Klassenkampf nicht verdunkle,
die Arbeiterklasse nicht durch bürgerlich-demokratische Phrasen betöre und die
Einheit des heutigen politischen Kampfes des Proletariats nicht störe. Und
gerade diese Bedingung, unter der allein wir die Selbstbestimmung anerkennen,
ist der Kern des Ganzen“ (Die nationale Frage, 458). So etwas gerät dann wohl oder
übel zu einem pädagogischen Programm zur Aufhellung des proletarischen
Klassenbewußtseins.
In einem derartigen pädagogischen Konzept wird die nationale Frage nicht mehr politisch formuliert (oder politisch, wie sich bei der PPS
zeigt und Kautsky folgend, nur noch im Sinne der Bourgeoisie), sondern in einem
lediglich bewußtseinssanitären Sinn aufgefaßt: das „Recht jeder
Nationalität, ihr Schicksal selbst zu bestimmen“, wird zwar formell anerkannt, materiell aber (und wie wir noch
sehen werden: zur nicht enden werdenden Freude Stalins) „den Erfordernissen
des proletarischen Kampfes“ von vornherein untergeordnet (Die nationale Frage, 459).
Nach der ‚Entpolitisierung’ der nationalen Frage und ihrer schematischen
Unterordnung unter die „Erfordernisse des proletarischen Kampfes“ greift Lenin, um dem Leser den
Skandal der nationalen Unterdrückung in Rußland zumindest emotional vor Augen
zu führen, auf den Fichteschen Entfremdungsbegriff zurück: „Das, was wir
über die polnische Frage gesagt haben, läßt sich voll und ganz auf jede andere
nationale Frage anwenden. Die fluchwürdige Geschichte der Selbstherrschaft hat
uns eine sehr große Entfremdung der Arbeiterklassen der von dieser
Selbstherrschaft unterdrückten verschiedenen Völkerschaften als Erbe
hinterlassen. Diese Entfremdung ist das größte Übel, das größte Hindernis im
Kampf gegen die Selbstherrschaft und wir dürfen dieses Übel nicht zum Gesetz
erheben, dürfen dieser Schmach nicht die Weihe geben durch irgendwelche Prinzipien von getrennten
Parteien oder einer föderativen Partei“ (Die nationale Frage, 460). Die
organisatorische Einheit der russischen „Arbeiterklassen“ (die in Übertragung
des Fichteschen Schemas hier an die Stelle der stammesmäßigen Einheit des
deutschen Volkes tritt) wird durch die nationale Unterdrückung, die die „Arbeiterklassen“ einander entfremdet,
zutiefst beeinträchtigt.
Dabei geht es Lenin vor allem um die Verteidigung des organisatorischen Unitarismus des russischen
Proletariats, der durch den politischen Unitarismus der großrussischen Bourgeoisie
und des Zarentums und die dadurch hervorgerufene „Entfremdung der
Arbeiterklassen der von dieser Selbstherrschaft unterdrückten verschiedenen
Völkerschaften“ infrage gestellt ist und nicht um den proletarischen
Internationalismus zwischen den Proletariern dieser „Völkerschaften“. Diese politische
Entfremdung soll aber nicht durch eine politische, sondern, Rosa
Luxemburg folgend, allein durch eine soziale Revolution beseitigt
werden. Damit ist auch in der Leninschen Strategie die Unterscheidung zwischen der politischen und der sozialen Revolution verschwunden. An die Stelle der
Beseitigung der politischen Ursachen für die nationale „Entfremdung“ der Arbeiterklassen
Rußlands durch eine politische Revolution setzt Lenin „die vollständige
Einheit“ der
Arbeiterklassen Rußlands in „einer zentralistischen Organisation des Kampfes“. Das heißt, er setzt
etwas voraus, was eigentlich erst im Prozeß der „Revolution in Permanenz“ zur Aufhebung des
Widerspruchs der politischen und der sozialen Revolution führen
müßte, was nicht nur eine logische , sondern auch historische Unmöglichkeit darstellt.
Da auf diese Weise die politischen Ursachen dieser „Entfremdung“ unverstanden bleiben,
kann diese nur durch einen geistigen Gewaltakt beseitigt werden: „Wenn die
Schädlichkeit der Entfremdung nicht erkannt wird, wenn der Wunsch [!] nicht vorhanden
ist, im Lager der proletarischen Partei um jeden Preis und radikal mit dieser
Entfremdung Schluß zu machen – dann sind auch die Feigenblätter der Föderation nicht notwendig
– ...dann überläßt man es besser den Lehren der lebendigen Erfahrung und
der wirklichen Bewegung, die von der Selbstherrschaft unterdrückten Proletarier
aller Nationalitäten zu überzeugen, daß der Zentralismus notwendig ist zum
erfolgreichen Kampf gegen diese Selbstherrschaft und gegen die sich immer enger
zusammenschließende internationale Bourgeoisie“ (Die nationale
Frage,
461).
Dieser auf den ersten Blick vernünftig erscheinende Rückzug auf den Empirismus
ist aber zum Scheitern verurteilt, weil er der Rückwärtsgewandtheit des
Fichteschen Entfremdungsbegriffs nicht entgeht: denn die nationale „Entfremdung“ der Proletarier
Rußlands setzt ja eine ursprünglich bestehende nationale Gemeinsamkeit
miteinander voraus, die historisch für die unterdrückten und ihrer politischen
Selbständigkeit beraubten Nationen nie bestanden hat. Eine solche Rückkehr in
eine ursprünglich bestehende nationale Einheit liegt selbstverständlich nicht
in Lenins Absicht – dann wäre er ein Nationalsozialist! Als einziger
Ausweg aus dem selbst erzeugten Dilemma verbleibt folglich, ein Pendant zum
zaristischen Zentralismus in Gestalt des proletarischen „Zentralismus“ zu schaffen: die auf
ihrem 2. Parteitag heiß diskutierte organische Einheit der SDARP. Dabei spielt Lenins
theoretische Auseinandersetzung mit der nationalen Frage noch eine – wenn
auch nicht unbedeutende – Nebenrolle, da der ‚Grabenkrieg’, der ihm mit
dem linken Sozialimperialismus bevorsteht, nach dem Rückzug Rosa Luxemburgs aus
den Vereinigungsgesprächen beider Parteien, zwar nur inoffiziell, aber de facto
eröffnet ist und Lenin die zweifelhafte Ehre zuteil werden wird, als neues
Haßobjekt der anti-nationalen Linken die Rolle der PPS übernehmen zu dürfen.
Die auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung mit dem linken Sozialimperialismus
voller Polemik und Besorgnis kurz vor dem Ende seines Politikerlebens von Lenin
gestellte Frage: „wie ist der proletarische Internationalismus zu verstehen?“, versteht sich am
Beginn seiner theoretischen Beschäftigung mit dieser Problematik durchaus nicht
von selbst, da der Paradigmenwechsel, den Luxemburg und Kautsky nach dem Tod von
Engels in der nationalen Frage vollzogen haben, zunächst von Lenin mit einigen
wenigen Abstrichen vollauf geteilt wird. Insofern richtet sich Lenins Frage
auch an die eigene politische Vergangenheit.
Worin besteht nun aber diese erneut zu konstatierende Differenz [STREITPUNKT 1] zwischen Lenin und Marx?
Zunächst einmal darin, daß die von ihren marxistischen Nachfolgern aufgeworfene nationale Frage in dieser Form für Marx und Engels nicht existiert hat,
weil in ihrer Strategie der Einheit des Klassenkampfes der europäischen
Arbeiterklassen eine solche separat existierende, Frage nicht vorkam, deren Erfindung sie höchstens den Ideologen
Louis Napoleons und dem moskowitischen Zarentum unterstellt hätten. Für Marx
und – wenn auch verbunden mit einigen Problemen, für Engels – steht
die soziale Emanzipation der europäischen Arbeiterklassen in einem
konfliktreichen, aber unlösbaren Zusammenhang mit der politischen Emanzipation
der europäischen Völker in ihrem Kampf um die Herstellung und Verteidigung der
historischen Nationen Europas, die ihnen von den Mächten der Heiligen
Allianz und der mit diesen verbündeten liberalen
Bourgeois-Nationen England und Frankreich, streitig gemacht wurden. Ohne
historische Nationen kein proletarischer Internationalismus, und wie sich an
der Revolution von 1848 gezeigt hatte, ohne proletarischen Internationalismus
keine historischen Nationen! Das war der Inhalt dessen, was Engels im Rückblick
auf die Revolution von 1848 als die sogenannten „auswärtigen Beziehungen der
deutschen Revolution“ bezeichnet (Revolution
und Konterrevolution in Deutschland, 49). Und
daher war in Deutschland die demokratische Republik politisch, militärisch und
moralisch von der Wiederherstellung Polens abhängig, wie wiederum der polnische
Aufstand 1863 unmittelbar zur Gründung der I. Internationale führen sollte.
Etwas, was die kleinfürstentümlichen Honoratioren in der Paulskirche
ebensowenig begreifen wollten wie der kleinbürgerlich radikale Kommunismus in
der Nachfolge Wilhelm Weitlings. Oder, wenn sie sich notgedrungen der polnischen
Frage zuwandten, dann im Verständnis der
europäischen Großmächte, die, wie schon der Begründer Kongreß-Polens, Napoleon,
Polen als Prellbock gegen den
übermächtigen Zaren zu instrumentalisieren trachteten.
Mit der Revision der revolutionären Strategie der ‚Partei Marx’ und der polnischen
Frage zerstört Rosa Luxemburg beides in ihrem
Kern. Sie kann dabei nahtlos an die Polemiken des kleinbürgerlichen Kommunismus
anknüpfen, mit denen sich Marx und Engels in der Ersten Internationale auseinanderzusetzen hatten. Mit der Zerstörung der
Wechselwirkung zwischen der politischen und der sozialen Revolution und der
dadurch hervorgerufenen Reprovinzialisierung der europäischen Arbeiterbewegung
verschwinden die historischen Nationen und der proletarische Internationalismus
aus deren Blickfeld, so daß der proletarische Internationalismus zu einem
abstrakten Glaubensakt und zu einer kleinbürgerlichen Schimäre werden muß und
der Sozialimperialismus der zunehmend verbürgerlichenden Sozialdemokratie nicht
ernsthaft bekämpft werden kann. Diese Konvergenz des Revisionismus von links
mit den rechten Erzrevisionisten in der Deutschen Sozialdemokratie bestand
nicht nur objektiv, sondern wurde, wie wir gesehen haben, von den linken
Revisionisten fleißig gepflegt. Der Mythos von Rosa Luxemburg als der
fundamentalen Kritikerin der bürgerlichen Entartung der SPD ist schon aus
diesem Grund nicht aufrechtzuerhalten. Und was für die weitere Entwicklung in
Rußland entscheidend sein wird, ist der zwangsläufige Automatismus, mit dem der
linke Revisionismus in den (linken) Sozialimperialismus mit all seinen Konsequenzen
umkippt.
Die linken Sozialimperialisten konnten zwar das Argument für sich ins Feld
führen, daß das alte System der europäischen Großmächte, von dem Marx und
Engels ausgegangen waren, kaum mehr existierte und dadurch eine neue
Konstellation entstanden sei, die allein den politischen Klassenkampf zwischen
Proletariat und Bourgeoisie auf die Tagesordnung gesetzt habe, sie übersahen
dabei völlig, daß die konterrevolutionären Mächte des alten Europa weiterhin
die politischen Geschäfte der Bourgeoisie besorgten, weil sich durch diese Zusammenarbeit
den europäischen Arbeiterklassen so viele politische Hindernisse in den Weg
stellten, daß diese erst gar nicht auf die Idee des politischen Klassenkampfes
kamen.
Das war auch Marx und Engels durchaus klar, und daher gab es an ihren Ansichten
nichts zu revidieren (woran sich bis heute nichts geändert hat): den reinen
Kapitalismus, worin es zu der Entscheidungsschlacht kommen wird, gibt es
nicht und wird es nie geben! Und da sich die nationale Frage als eines der wichtigsten
Hindernisse für den politischen Klassenkampf erwiesen hatte (woran sich
ebenfalls bis heute nichts geändert hat), lag es im unmittelbaren Interesse der
europäischen Arbeiterklassen, diese auf revolutionärem Wege aus der Welt zu
schaffen. Dazu waren aus scheinbar einander entgegengesetzten Gründen die
rechten wie die linken Sozialimperialisten nicht mehr oder erst gar nicht
bereit. Damit verbauten beide den europäischen Arbeiterklassen 1914 die
Möglichkeit, gegenüber dem alten europäischen System, dessen Gleichgewicht
durch die unterschiedliche Entwicklung des Kapitalismus innerhalb der
europäischen Großmächte entscheidend gestört war und von dem sich die
Bourgeoisie, anstatt den Feudalismus zum Teufel zu jagen, bis dahin politisch
abhängig gemacht hatte, zum Zünglein an der Waage zu werden und dabei nicht nur
den Krieg zu verhindern, sondern die Bourgeoisie gleich mit zum Teufel zu
jagen.
Lenin übrigens hat nach den Erfahrungen der Revolution von 1905, wie schon in
der Bauernfrage seinen Luxemburgismus abgelegt und den Ausnahmefall, in dem das
Proletariat die Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit gefordert
hätte, zum elementaren „Recht auf Lostrennung“ erklärt. Im 2. Teil
wird zu untersuchen sein, ob und wie weit er sich dabei der Position der ‚Partei
Marx’ angenähert hat.
1 Inhaltlich reduzierte und im Layout
vereinfachte Fassung des Originals. Dieses liegt als PDF-Datei vor. Darin befinden sich auch die Verweise auf die benutzte Literatur und
weitere Bemerkungen und Hinweise. Seitenangaben daraus werden hier (in Klammern) im Text vermerkt.
2 Wörtlich: Halt die Schnauze! = Ausspruch des Polizeibüttels in Gogols Revisor.
3 Name der Zeitschrift der in den 80er Jahren führenden sozialistischen Gruppe in Polen und in der Schweiz, die synonym als Parteinahme verwendet und geführt wurde.
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