banner
       
 
 
 
 
STREITPUNKTE

STREITPUNKT1

Über die folgenschwere Folgenlosigkeit der Einschätzung der russischen Bauerngemeinde und ihres Verhältnisses zur Revolution in Westeuropa durch Karl Marx.
(Die Differenz zwischen Lenin und Marx über die Revolution in Rußland)

Diesen Text als PDF-Datei laden

Vorbemerkung

Bei diesem ersten Beitrag zur näheren Bestimmung der „entscheidenden politischen Kontroversen, die an den Wendepunkten der Klassenkämpfe seit dem Kommunistischen Manifest aufgetreten sind“ [Kein Schritt vorwärts ohne zwei Schritte zurück] soll es hier, in Abwandlung zur ursprünglichen Formulierung des 1. Streitpunkts um Marx' Positionsänderung in der Einschätzung der revolutionären Rolle der russischen Bauerngemeinde Ende der 70-er Jahre des 19. Jahrhunderts gehen. Und zwar an Hand der Briefe, in denen Marx 1877 und 1881 diese Einschätzung gegenüber seinen russischen Adressaten begründet hat, deren Nichtbeachtung durch die späteren (sich selbst so bezeichnenden) russischen 'Marxisten' schwerwiegende Folgen für den Ausgang der proletarischen Revolution in Rußland haben sollte.

Außer acht bleiben wird dabei vorerst eine nähere Untersuchung der Differenz zwischen Marx und Engels hinsichtlich dieser Einschätzung, der Engels zu Lebzeiten seines Freundes offensichtlich sehr reserviert gegenübergestanden hat, während er nach dessen Tod die russischen 'Marxisten', an erster Stelle V. Sassulitsch und G. Plechanow, in der Ansicht bestärkt hat, daß die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland die russische Bauerngemeinde endgültig zerstört und die Proletarisierung bzw. Kulakisierung der russischen Bauern, nicht anders als in Westeuropa, das Zerstörungswerk vollendet habe. Eben hieran hat Lenin bei der theoretischen Bekämpfung der russischen Volkstümler positiv anknüpfen können, wobei seine Differenzen zur Marxschen Position hier ebenfalls nicht systematisch analysiert werden können.

Auch wird auf den größeren Zusammenhang, in dem die veränderte Einschätzung der russischen Bauerngemeinde stand, nämlich Marx' Studien zum archaischen Kommunismus der frühen menschlichen Gemeinschaften1, die sich u.a. in einem noch weitgehend unveröffentlichten Konvolut von ca 30.000 Blättern niedergeschlagen haben, nicht näher eingegangen werden2 und schon gar nicht darauf, ob und auf welche Weise Friedrich Engels' Ursprung der Familie... mit den Marxschen Überlegungen übereinstimmt.

Schließlich sei noch bemerkt, daß jede Verallgemeinerung der Marxschen Analyse des russischen Bauern-Kommunismus in Richtung auf Kampuchea (Pol Pot), Peru (Sendero Luminoso) oder Chiapas (Comandante Marcos) nur dann möglich (gewesen) wäre, wenn gezeigt werden kann, daß es sich bei diesen Formen des Bauern-Kommunismus (a) um ein im nationalen Maßstab existierendes isoliertes Phänomen handelt, das (b) nicht bereits, wie z.B. die indische Bauerngemeinde, durch fremde Eroberer oder den Kolonialismus bis zur Unkenntlichkeit modifiziert worden ist, was im Rußland in der Zeit von Marx durchaus noch nicht der Fall gewesen ist.

Der Ausgangspunkt

Die Positionsänderung, von der die Rede sein soll, wird in Marx' Brief an die Zeitschrift Otetschestwennyje Sapiski [Vaterländische Annalen] (1877) und den 3 Entwürfen zu einem Brief an Vera Sassulitsch (1881) deutlich. Die beiden Briefe und die 3 Briefentwürfe wurden erst nach Marx' Tod veröffentlicht. Aus dem ersten Brief (1877) stammt die berühmte Prognose zu den zwei möglichen Entwicklungswegen Rußlands:

„Fährt Rußland fort, den Weg zu verfolgen, den es seit 1861 eingeschlagen hat, so wird es die schönste Chance verlieren, die die Geschichte jemals einem Volk dargeboten hat, um dafür alle verhängnisvollen Wechselfälle des kapitalistischen Systems durchzumachen.3

Eine radikale Positionsänderung ist das insofern, weil Rußland in der revolutionären Strategie von Marx und Engels ursprünglich die Rolle des Hinterlandes der europäischen Konterrevolution gespielt hatte, das von außen auf die revolutionären Kämpfe in Westeuropa einzuwirken versucht habe, um im Zusammenspiel mit England oder Frankreich den kontinentalen status quo zu erhalten; denn „...während der Revolution von 1848 fanden nicht nur die europäischen Fürsten, auch die europäischen Bourgeois in der russischen Einmischung die einzige Rettung vor dem eben erwachenden Proletariat.“ Aus diesem Grund hatte sich Marx in diesen Jahren vor allem mit der russischen Diplomatie und der versuchten Einflußnahme des Zaren „als Chef der europäischen Reaktion“ auf die Verhältnisse in Westeuropa befaßt.4 Dementsprechend hatte er die ’Bauernemanzipation’ von 1861 ausschließlich unter dem Aspekt einer weiteren „Stärkung der Aggressionskraft Rußlands“ betrachtet, wobei in der Dreierkonstellation von Zar, Grundbesitzern und den „sich selbst verwaltenden bäuerlichen Gemeinwesen“ jede Seite gegen die beiden anderen konkurrierende Eigeninteressen vertrat, aus deren Zusammenspiel die Autokratie nach Marx' Ansicht „um das Hundertfache“ gestärkt hervorging.5

Mit dieser 'Bedrohungsanalyse' haben sich Marx und Engels bis heute bei vielen 'Marxisten' dem Verdacht einer quasi 'antisowjetischen Betätigung' und 'anti-marxistischer Auffassungen' ausgesetzt6; ein Verdacht, der wahrscheinlich mit Stalins Weigerung, 1934 Friedrich Engels' Artikel Die auswärtige Politik des russischen Zarentums in der theoretischen Zeitschrift Bolschewik wieder abzudrucken, seinen Ausgang nimmt und der seitdem nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist.7 In diesen Zusammenhang gehört auch, daß Marx' Untersuchungen zum asiatischen Ursprung des russischen Staates nicht in die Marx-Engels-Werke (MEW) aufgenommen worden sind.8 Solange also dieser vermeintlich 'antisowjetische' Marx aus der Marx-Rezeption ausgegrenzt bleibt, werden die Neokonservativen ihn weiterhin dankbar für sich in Beschlag nehmen können...

Rußland habe, so bemerkt Engels in seinem Vorwort zum 3. Band des Kapital eine ähnliche Bedeutung erhalten wie sie England im 1. Band besitzt.9 D.h. je tiefer Marx seit Anfang der 70-er Jahre analytisch in die ökonomischen Verhältnisse Rußlands eindrang,10 desto stärker scheint sich bei ihm die abstrakte Vorstellung von einem Rußland, das seinen bestimmenden Einfluß auf Europa allein auf Grund seiner reaktionären Masse ausübt, zugunsten der Erkenntnis aufgelöst zu haben, daß die durch einen historischen Zufall über viele Jahrtausende intakt gebliebene archaisch-kommunistische Bauerngemeinde zum Sprengsatz einer sozialen Revolution in Rußland und (unter bestimmten Voraussetzungen) zum Kern einer kommunistischen Gesellschaft werden könnte. Dadurch wäre die kommunistische Bauerngemeinde zu einem revolutionären Subjekt geworden und hätte dem Zarismus nicht mehr wie bisher als bewußtloses Instrument seiner Weltherrschaftsbestrebungen zur Verfügung gestanden. Dennoch war Marx, wie der Briefwechsel von Anfang der siebziger Jahre zeigt, von einer so weit gehenden Bestimmung der russischen Bauerngemeinde noch weit entfernt.

In der von Marx und Engels 1882 gemeinsam verfaßten Vorrede zur russischen Ausgabe des Kommunistischen Manifests heißt es dazu in immer noch hypothetischer Form:

„Es fragt sich nun: Kann die russische Obschtschina, eine wenn auch stark untergrabene Form des uralten Gemeinbesitzes am Boden, unmittelbar in die höhere des kommunistischen Gemeinbesitzes übergehn? Oder muß sie umgekehrt vorher denselben Auflösungsprozeß durchlaufen, der die geschichtliche Entwicklung des Westens ausmacht? Die einzige Antwort hierauf, die heutzutage möglich, ist die: Wird die russische Revolution das Signal einer proletarischen Revolution im Westen, so daß beide einander ergänzen, so kann das jetzige russische Gemeineigentum am Boden zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung dienen11 [Eigene Unterstr.].

Wenn ausgehend von diesen theoretischen Überlegungen mit der von Marx erwarteten russischen Revolution nicht nur das traditionelle Hinterland der europäischen Konterrevolution hätte zerstört, sondern diese ganz im Gegenteil zum Vorreiter der Weltrevolution hätte werden können, wäre dem westeuropäischen Proletariat durch eine solche Demonstration in Kommunismus live der Ausweg auf die in seinen kleinbürgerlichen Utopien ersehnte Wiederherstellung der längst untergegangenen westeuropäischen Gentilgesellschaft (genau das wurde später zum programmatische Kern der nationalsozialistischen sozialen Demagogie) versperrt worden. Dadurch hätte dieses endgültig zu der Einsicht gelangen können, daß in Westeuropa der Kommunismus allein auf der Grundlage der revolutionären Aufhebung der modernen kapitalistischen Produktionsweise zu errichten war.12

In dem Zweiten der drei Entwürfe für den Brief an Vera Sassulitsch versucht nun Marx der russischen Revolutionärin13 zu verdeutlichen, daß die Völker in Europa und Amerika auch nichts anderes wollten als das kapitalistische Eigentum wegen seiner katastrophalen Auswirkungen durch eine höhere Form des archaischen Eigentums (wie Rußland dieses noch besaß) zu ersetzen. Zwar habe die kapitalistische Produktionsweise „die gesellschaftlichen Produktivkräfte hervorragend entwickelt, andererseits aber hat sie ihre eigene Unvereinbarkeit mit den von ihr selbst hervorgebrachten Kräften gezeigt. Ihre Geschichte ist nichts weiter als eine Geschichte von Antagonismen, Krisen, Konflikten und Katastrophen. Schließlich hat sie aller Welt, mit Ausnahme derer, die auf Grund ihrer Interessen blind sind, ihren reinen Übergangscharakter offenbart. Die Völker, bei denen sie in Europa und in Amerika den größten Aufschwung genommen hat, streben nur danach, ihre Ketten zu sprengen, indem sie die kapitalistische Produktion durch die genossenschaftliche Produktion und das kapitalistische Eigentum durch eine höhere Form des archaischen Eigentumstyps, d.h. durch das kommunistische Eigentum, ersetzen wollen.“14

Die drei Briefentwürfe von 1881

In der Summe ergibt sich aus den drei Brief-Entwürfen15, worin die Marxsche Position zunehmend deutlicher hervortritt, folgendes Bild:

In Rußland hat sich „im nationalen Maßstab“ (385, 389, 397) durch besondere historische Umstände eine Gesellschaftsform in Gestalt der „'Ackerbaugemeinde'“ (403) als letzte Ausformung des archaischen Kommunismus konserviert, die in den westlichen Gesellschaften längst untergegangen ist. Daher lassen sich Marx' Aussagen im 24. Kapitel von Band 1 des Kapital über „Die sogenannte ursprünglichen Akkumulation“ nicht mechanisch auf Rußland übertragen.

Für die russischen Revolutionäre ergab sich ausgehend davon die Alternativen:
entweder
(a) sie übernahmen die von Marx' in der deutschen Ausgabe des Kapital Band 1 gemachten Aussagen über die „sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ schematisch auch für Rußland und gingen dabei mit den „'neuen Stützen der Gesellschaft'“, d.h. der liberalen Bourgeoisie, davon aus, daß sich „die mehr oder weniger begüterte Minderheit der Bauern zu einer ländlichen Mittelklasse konstituieren und die Mehrheit der Bauern in Proletarier verwandeln“ würde; (394)
oder
(b) sie wiesen alle Angriffe auf die „im nationalen Maßstab“ unter Abstrichen noch funktionierende Form des 'archaischen' Kommunismus zurück und waren bereit, der russischen Bauerngemeinde „die normalen Bedingungen einer natürlichen Entwicklung (zu) zu sichern“.16 Dazu wäre eine „Revolution nötig“ gewesen, die, wenn sie „zur rechten Zeit erfolgt, wenn sie alle ihre Kräfte konzentriert, um den freien Aufschwung der Dorfgemeinde zu sichern, ... sich bald als ein Element der Regeneration der russischen Gesellschaft und als ein Element der Überlegenheit über die vom kapitalistischen Regime versklavten Länder entwickeln würde (395) [Eigene Unterstreichung].

Wenn man Marx' Brief von 1877 an die Redaktion der Zeitschrift Otetschestwennyje Sapiski (Vaterländische Annalen) mit den Entwürfen für den Brief an V. Sassulitsch von 1882 vergleicht, zeigt sich, daß der Brief von 1877 noch ein gewisses Gleichgewicht hält zwischen der Annahme (a), d.h. der Unvermeidlichkeit einer Proletarisierung und Kulakisierung der russischen Bauern und der Ansicht (b), daß es richtig sei, die Bauernkommune unter gewissen Voraussetzungen am Leben zu erhalten.

Zur ersten Alternative stelle sich allerdings die Frage, so Marx schon 1877, ob die schematisch als unvermeidlich angenommene Proletarisierung der russischen Bauern unter allen Umständen zur Bildung einer Klasse von Lohnarbeitern nach westeuropäischem Muster hätte führen müssen; denn dies lasse sich nicht aus „meiner Darstellung der ursprünglichen Akkumulation“17 (107) oder aber nur „übergeschichtlich“ aus einer idealistischen Geschichtsphilosophie ableiten (112). Auch im alten Rom seien die Bauern von ihren Äckern vertrieben worden, aber anstelle eines Proletariats habe sich dort nur „ein faulenzender Mob, noch verächtlicher als die sog. 'poor whites' der Südstaaten der Vereinigten Staaten“ entwickelt und anstelle des Kapitalismus „eine auf Sklavenarbeit beruhende Produktionsweise“ (111). Derartige, wenn auch noch so schlagende Analogien würden niemanden von der Aufgabe entbinden, die sozialen Entwicklungen eines Landes jeweils für sich zu studieren und mit anderen zu vergleichen. Nur so werde man den Schlüssel für die betreffende Erscheinung finden, aber niemals „mit dem Universalschlüssel einer allgemeinen geschichtsphilosophischen Theorie, deren größter Vorzug darin besteht, übergeschichtlich zu sein“ (112).

Lenin und die russische Bauerngemeinde

Der Brief aus aus dem Jahre 1877 wurde 1887 in einer Zeitschrift der Volkstümler veröffentlicht,18 die 3 Brief-Entwürfe an V. Sassulitsch wurden erst 1924 von D. Rjasanov herausgebracht.19 Der junge Lenin, der sich um die Jahrhundertwende in diese Debatte einschaltete, kannte also nur die zurückhaltendere und hauptsächlich methodisch argumentierende Version der Marxschen Stellungnahme. Für ihn gibt es von Anfang an keinen Zweifel, mit der Entscheidung für die Alternative (a), 'marxistisch' betrachtet, richtig zu liegen: die Proletarisierung der russischen Bauern und damit die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals sei in Rußland in vollem Gange; alle „Versuche, diesen Prozeß aufzuhalten“, seien zum gegenwärtigen Zeitpunkt seiner Ansicht nach „reaktionär und schädlich.“20

Sein kategorisches Urteil stützt Lenin auf die Autorität Karl Kautskys, dessen Agrarfrage er zur „hervorragendsten Erscheinung der neuesten ökonomischen Literatur“ nach dem 3. Band des Kapital erklärt.21 Darin heißt es zur russischen Dorfgemeinde: „In Rußland, wo der Dorfkommunismus noch vor kurzem sehr stark war, lebte in der Tat eine mächtige Richtung der sozialistischen Bewegung in der Überzeugung, durch diesen Kommunismus stehe Rußland der sozialistischen Gesellschaft näher als Westeuropa. ... Neuerdings haben auch Sozialdemokraten bei ihrem Suchen nach einem Agrarprogramm für die Stärkung und Ausdehnung dieses Kommunismus sich ausgesprochen, um die selbe Zeit, in der die russische Sozialdemokratie, durch die Erfahrung belehrt, völlig mit der Anschauung gebrochen hat, als könne der aus dem Mittelalter [sic!] überlieferte Dorfkommunismus ein Element des modernen Sozialismus werden. Kommunismus und Kommunismus ist eben zweierlei ...“22

In seiner Auseinandersetzung mit den Volkstümlern und den Legalen Marxisten und gestützt auf die Autorität Kautskys war der junge Lenin also von einer 'preußischen Entwicklung' der russischen Gesellschaft, worin die Lösung der Bauernfrage im Sinne der Volkstümler als erledigt betrachtet werden konnte, vollständig überzeugt.

Die Kenntnis der Marxschen 3 Briefentwürfe an V. Sassulitsch, in denen Marx eindeutig für den archaischen „Dorfkommunismus“ Stellung nimmt, hätten Lenin vielleicht eines besseren belehrt, vor allem die eindeutigen Schlußfolgerungen, die nach Marx aus dem 24. Kapitel des I. Bandes des Kapital zu ziehen waren: Bei der „Behandlung der Genesis der Kapitalistischen Produktion“ habe sich gezeigt, wie Marx aus der französichen Übersetzung des 24. Kapitels zitiert, daß dieser „’die radikale Trennung des Produzenten von den Produktionsmitteln zugrunde liegt‘ (Le Capital, 315)“23. Die Trennung der Produzenten von ihren Produktionsmitteln sei in England und ganz Westeuropa auf diese Weise erfolgt. Aber nur auf diese Länder beziehe sich die „historische Unvermeidlichkeit“ dieser Bewegung, wobei das „... ’Privateigentum, das auf persönlicher Arbeit gegründet ist‘, verdrängt wird durch das kapitalistische Privateigentum, das auf der Ausbeutung der Arbeit andrer, der Lohnarbeit gegründet ist‘ (Le Capital, 341)“.24

Und jetzt der entscheidende Satz aus dem Ersten Brief-Entwurf, der dem jungen Lenin möglicherweise viel Schweiß erspart hätte: „Auf diese Weise erfolgt hier in letzter Instanz die Verwandlung einer Form des Privateigentums in eine andere Form des Privateigentums. Da aber das in den Händen der russischen Bauern befindliche Land niemals ihr Privateigentum gewesen ist, wie läßt sich diese Entwicklung auf sie anwenden?“ (384).

Ähnlich heißt es im Zweiten Brief-Entwurf : „In Rußland würde es sich im Gegenteil darum handeln, das kapitalistische Eigentum an die Stelle des kommunistischen Eigentums zu setzen“ (397).

Diese „in letzter Instanz“ gezogene eindeutige Schlußfolgerung bedeutet, daß die sowohl von den Liberalen erwartete als auch die durch Lenin als unumkehrbar erachtete kapitalistische Entwicklung Rußlands für Marx grundsätzlich nicht als ein gesellschaftlicher Fortschritt, sondern als das genaue Gegenteil dessen zu verbuchen war - ein schlechtes Omen für die Behandlung der Bauernfrage durch die Bolschewiki 25 Jahre später!

Außerdem hätte der junge Lenin, wenn ihm die 3 Brief-Entwürfe bekannt gewesen wären, entweder auf die Autorität Kautskys verzichten oder aber gemeinsam mit diesem gegen den alten Marx zu Felde ziehen und den Beweis führen müssen, daß „Kommunismus (à la Kautsky) und Kommunismus (à la Marx) eben zweierlei“ ist. Das, so muß man zu Lenins Ehrenrettung einmal annehmen, wäre ihm wahrscheinlich schwerer gefallen als 1899 die dicke sozialwissenschaftliche Schwarte über die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland zu verfassen. Aber im Gegensatz zu seinen 'marxistischen' Zeitgenossen und erst recht zu den späteren 'Leninisten' war Lenin ein im Klassenkampf lernender und sich verändernder Revolutionär, während seine Lehrautorität Kautsky ein Doktrinär bleiben sollte.25 Dem Paradoxon aber, daß in Rußland der Kommunismus auf den Trümmern des Kommunismus errichtet werden sollte, konnten die Bolschewiki letztlich nicht entgehen.

Im Kriegsjahr 1916, so B. Rabehl in seiner Dissertation Marx und Lenin, seien die Bauern zur Naturalwirtschaft zurückgekehrt und hätten mit der Wiederherstellung der Bauerngemeinde begonnen.26 Weiter heißt es bei Rabehl: „Die Rückkehr zur Naturalwirtschaft und die Ausbreitung des Schwarzmarkts signalisierten den Übergangscharakter der russischen Landwirtschaft zwischen vorkapitalistischen und kapitalistischen Formen.“27

Was aber meint Rabehl mit „vorkapitalistischen Formen“? Den archaischen Bauern-Kommunismus oder einen westeuropäischen Feudalismus? Allein die Tatsache dieser „Rückkehr“, signalisiert doch wohl, daß der russische „Dorfkommunismus“, wenn wir von der Marxschen Analyse ausgehen, offenbar nicht totzukriegen war, und das, obwohl die Bauern allen Grund gehabt hätten, das Prokrustesbett, worin sie seit Alters her von der Regierung des Zaren als Steuereintreiber und Polizisten eingespannt waren, zu sprengen und dieser ihrer Dorfgemeinde den Rücken zu kehren.

Als Reaktion auf die Resistenz der russischen Dorfgemeinde bildete die zaristische Regierung einen Außerordentlichen Erfassungsrat, der die Bauern zur Zwangswirtschaft verpflichten, die Getreideüberschüsse registrieren und das Getreidemonopol einführen sollte, was, wie Rabehl feststellt, „vollends den inneren Getreidemarkt“ zerstörte28 - und, wie hinzugefügt werden könnte, damit auch die Leninsche Theorie von der Entwicklung des Kapitalismus in Rußland. Dieser Kapitalismus war, wie Rabehl schreibt, nur durch despotische Staatseingriffe und den Import ausländischen Kapitals aufrecht zu erhalten gewesen, worin im übrigen die politische Labilität und Impotenz der liberalen Bourgeoisie gegenüber der zaristischen Autokratie begründet war. Die russischen Staatsanleihen waren allein durch die hungrigen Mägen der russischen Bauernfamilien gedeckt, die ihre Überschüsse in Form der auf 49 Jahre gestreckten Ablösung für die 1861 'befreiten' Parzellen, die sie offensichtlich weiterhin als ihren kollektiven Besitz betrachteten, zu entrichten hatten. Der 1916 von der Russischen Regierung gebildete Außerordentliche Erfassungsrat sollte nach der Oktoberrevolution nur seinen Namen ändern, nicht aber seine Funktion und in Stalins Außerordentlichen Maßnahmen zur zwangsweisen Eintreibung des Getreides durch eine Außerordentliche Kommission (Tsche Ka) 1928 wiederauferstehen...

Wie die Entwicklung des Kapitalismus kam auch Lenins Proletarische Revolution in Rußland, wie gesagt, 'von oben'; und sie hatte daher mit genau denselben Beharrungselementen zu kämpfen, an denen die zaristische Autokratie mit den Stolypinschen Reformen 1906 gescheitert war. Schien die Oktoberrevolution anfangs noch an den bäuerlichen Charakter der Revolution von 1905 anzuknüpfen,29 durch die die Regierung gezwungen worden war, u.a. die Ablösungsverpflichtungen der Bauern 5 Jahre früher als vorgesehen für beendet zu erklären, so gelang es den Bolschewiki nach ihrer Revolution von 1917 letztenendes nicht, im Sinne der Marxschen Analyse den modernen Kommunismus mit demjenigen der archaischen Dorfgemeinde zu verbinden.

Dazu hätte die Etablierung der Diktatur des Proletariats die durchaus einmalige Gelegenheit geboten, um die von Marx im Potentialis formulierten Voraussetzungen für die Weiterentwicklung der Dorfgemeinde“ Wirklichkeit werden zu lassen und diese, wie es im Erste(n) Briefentwurf heißt,30 in „normale Umstände (zurück zu) versetzen“, eben jene, die ihr seit 1861 von der russischen Gesellschaft systematisch verweigert worden waren und sie dafür zu entschädigen, daß sie über mehr als zwei Generationen hinweg für die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland zu bluten gehabt hatte: „wenn die Dorfgemeinde im Augenblick der Bauernemanzipation von vornherein in normale Umstände versetzt worden wäre; wenn ferner die ungeheure Staatsschuld, die zum großen Teil auf Kosten und zu Lasten der Bauern abgetragen wird, mit den anderen Riesensummen, die vom Staat (und immer auf Kosten und zu Lasten der Bauern) den 'neuen Stützen der Gesellschaft' gewährt werden, die sich in Kapitalisten verwandelt haben; wenn alle diese Aufwendungen der Weiterentwicklung der Dorfgemeinde gedient hätten, dann würde heute niemand über die 'historische Unvermeidlichkeit' der Vernichtung der Gemeinde grübeln“ (385). Dazu bestand im Oktober 1917 die sich nicht wiederholende Gelegenheit und dafür schuldete ihr „die russische Gesellschaft, die so lange auf seine“, des Bauern, „Kosten gelebt hat, die notwendigen Vorschüsse für einen solchen Übergang“ (389).

Dazu allerdings hätten sich die Bolschewiki von Reformen à la Stolypin, auch in dem von Lenin und danach Bucharin unter der Bezeichnung Neue Ökonomische Politik (NEP) umgeschneiderten sozialistischen Mäntelchen, trennen und akzeptieren müssen, daß Marx Recht gehabt hatte mit der Feststellung, daß diese Art von Reformen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für Rußland ungeeignet waren: denn „... sogar vom rein ökonomischen Gesichtspunkt aus kann Rußland aus der Sackgasse, in der sich seine Landwirtschaft befindet, nur durch die Entwicklung der Dorfgemeinde herauskommen; es würde ein vergebliches Bemühen sein, ihr durch das englische kapitalistische Pachtverhältnis zu entkommen, alle landwirtschaftlichen Bedingungen des Landes widersprechen dem“ (391).

Die gegen Ende seines Lebens von Lenin angestellten Überlegungen zum Genossenschaftswesen basieren, trotz der damit verbundenen scharfen Selbstkritik, nach wie vor auf der Grundlage solcher für russische Verhältnisse „vergeblichen Bemühungen“. Das Genossenschaftswesen, das Lenin schließlich, Eulen nach Athen tragend, aus dem Westen nach Rußland importieren wollte, existierte in Rußland bereits in einer viel höher entwickelten Form in Gestalt des archaischen Bauern-Kommunismus. Was die Bolschewiki demselben im Oktober 1917 hätten hinzufügen müssen, hätte sich zunächst darauf beschränken können, den Schwarzen Umverteilungen, die seit dem Sommer 1917 unter Mißbilligung der Provisorischen Regierung von Seiten der Bauerngemeinden gegen die Gutsherren spontan in Gang gesetzt worden waren und auch die Stolypinschen Privatisierungen erfaßt hatten, das Placet der Diktatur des Proletariats zu geben.31

Es blieb Lenin keine Zeit mehr, seine Differenz mit Marx über die russische Dorfgemeinde, erneut belehrt durch die eigene revolutionäre Erfahrung, aus der Welt zu schaffen32 und zu akzeptieren, daß ohne die Wiederherstellung und Modernisierung der Bauerngemeinde der Kommunismus in Rußland eine Schimäre blieb; denn, wie es in dem Ersten Briefentwurf über deren Perspektiven heißt:

“Wenn sie im Gemeindeeigentum am Boden die Grundlage für die kollektive Aneignung besitzt, so bietet ihr das historische Milieu, die Gleichzeitigkeit mit der kapitalistischen Produktion, alle fertigen Bedingungen der gemeinsamen Arbeit im großen Maßstab. Sie ist daher imstande, sich die positiven Errungenschaften des kapitalistischen Systems anzueignen, ohne durch dessen kaudinisches Joch gehen zu müssen. Sie kann den Parzellenackerbau allmählich durch eine mit Hilfe von Maschinen betriebene Großflächenwirtschaft ersetzen, zu der die physische Beschaffenheit des russischen Bodens geradezu einlädt. Sie kann also der unmittelbare Ausgangspunkt des ökonomischen Systems werden, zu dem die moderne Gesellschaft hinneigt, und ein neues Leben anfangen, ohne sich selbst umzubringen“ (390).

Daß der Kapitalismus, der mit allen Mitteln an ihrem Untergang arbeitet, der Bauerngemeinde dieses „historische Milieu“ nicht liefern konnte und die liberale Bourgeoisie diese nicht liefern wollte, ist unmittelbar einzusehen; um so eher hätte Lenins Diktatur des Proletariats dieses Manko in ausreichendem Maße ausgleichen können. Statt dessen wurde die Zwangskollektivierung der russischen Dorfgemeinde Ende der 20er Jahre zum Ausgangspunkt ihrer endgültigen Vernichtung, die wiederum mit dem Schlußakkord eines konterrevolutionären Putsches (in Gestalt des von Stalin eigenhändig inszenierten Kirow-Mordes) gekrönt wurde, der sich nun nicht mehr nur gegen Lenins Proletarische Revolution und deren Träger, die Leninsche Garde, nicht mehr nur gegen diesen oder jenen Kommunismus, sondern im Namen des Kommunismus gegen den Kommunismus überhaupt richten sollte. In der Vernichtung der russischen Dorfgemeinde mit ihrem nicht tot zu kriegenden archaischen Kommunismus - und vor allem darin - besteht das Wesen dieser Konterrevolution und vor allem daraus leitet sich der Niedergang des Kommunismus ab, von dem er sich bis heute nicht wieder erholt hat.

Erste mögliche Konsequenzen...
(Kein Beitrag zur virtuellen Geschichtsschreibung)

Welche Folgen hätten sich aus der Lösung der Bauernfrage nach dem Marxschen 'Programm' für die Revolution in Rußland und im Westen ergeben können?

Nach Marx' Untersuchungen aus den 80er Jahren gehörte ein Drittel des Landbesitzes in Rußland der Bauerngemeinde, das bessere zweite Drittel den adligen Grundbesitzern; das letzte Drittel war Domäne des Zaren.33 Wenn die Bolschewiki sich 1917 an Marx' 'Programm' gehalten und dieses eine Drittel der Dorfgemeinde als Kollektiv (und nicht, wie geschehen, individuell an die Gemeindemitglieder reduziert auf den armen Parzellenbauern) zurückgegeben und gleichzeitig einen beträchtlichen Teil des gesellschaftlichen Akkumulationsfonds in deren Modernisierung gesteckt hätten, wäre diese aus der ihr aufgezwungenen Parzellenwirtschaft erlöst worden, während sich ihre Produktivität schlagartig erhöht hätte (wovon der Aufschwung in der NEP-Periode, wenn diese auch auf die Vernichtung der Bauerngemeinde im Stil Stolypins ausgerichtet aber wenig wirksam war, dennoch einen annähernden Eindruck verschafft). Infolgedessen hätte sich die Naturalsteuer auf einem Niveau halten können, das die Dorfgemeinde nicht ruiniert und die Städte vor der chronischen Unterversorgung bewahrt hätte. (Die riesigen Bauernaufstände in der Region von Tambow während des Bürgerkrieges und der Aufstand von Kronstadt wären mit ziemlicher Sicherheit vermieden worden.) Auf dem letzten Drittel, den staatlichen Domänen, das zum größten Teil aus Wald und zu einem geringeren Teil aus Ackerfläche bestand, hätten die Bolschewiki moderne Musterbetriebe kollektiver industrieller Landwirtschaft, Holzwirtschaft etc. errichten können, als praktisches Anschauungsmaterial für die sich zunehmend miteinander assoziierenden Dorfgemeinden. Der russischen Arbeiterklasse wäre, wenn sie sich an den Bedürfnissen der Dorfgemeinde, deren Mitglieder 90 Prozent der Bevölkerung ausmachten, orientiert hätte, der bürokratisch organisierte Staatsmonopolismus erspart geblieben, von der Gulag-Wirtschaft ganz zu schweigen. Die Sowjetwirtschaft hätte nicht nur dem Namen nach, sondern (und nicht nur dem theoretischem Anspruch nach) in der Kontinuität zur Pariser Kommune Realität werden können, ohne dem Chaos, das der kleinbürgerliche Syndikalismus verursacht hatte und der, um eine wirtschaftliche Katastrophe zu verhindern, im Namen des Kommunismus von Lenin hatte zerschlagen werden müssen, anheimzufallen.

Die Befolgung des Marxschen 'Programms' hätte im übrigen ein sehr viel entkrampfteres Verhältnis zu den revolutionären Bewegungen im Westen und viel eher die Spaltung der dortigen Reformisten zugunsten der Kommunisten bewirken können. Die Kleinbürger (einschließlich der dem Kleinbürgertum verhafteten Schichten der Arbeiterklasse und der kleinen und mittleren Bauern) hätten gesehen, daß Kommunismus nicht bedeutet, wie die bürgerliche Propaganda tönt, von diesem das letzte Hemd ausgezogen zu bekommen. Folglich wären durch die Neutralisierung des Kleinbürgertums die National-'Sozialisten' die minoritäre Sekte geblieben, als die sie dereinst angetreten waren...

Schließlich hätte die bürgerliche Konterrevolution auf andere Mittel und Wege sinnen müssen, um diesen elementar in der russischen Gesellschaft verwurzelten Kommunismus mit seiner immensen Ausstrahlung zu bekämpfen; d.h. die zwangsläufig zu erwartende Konterrevolution wäre eine 'reine' Konterrevolution geblieben ohne den geringsten Anflug national-'sozialistischer' Schein-Legitimität.

Mit der Verwirklichung des Marxschen 'Programms' wäre der europäischen Kontinent nicht auf jene barbarische Weise, wie dann geschehen, sondern zutiefst revolutionär umgepflügt worden. Die Revolution in Rußland hätte wirklich zum Hinterland für die Revolution im 'Westen' und zum Fanal der anti-kolonialen Bauernrevolutionen in Asien, Afrika und Lateinamerika werden können und nicht zu einer tödlichen Falle für diejenigen, die in der UdSSR vor der politischen Verfolgung und vor dem Faschismus Asyl suchen mußten...

Doch das Marxsche 'Programm' für die Russische Revolution scheint so tot zu sein wie Lenins tote Hülle im Kreml und wie der mit dieser verwesende Kommunismus, den die zurückgebliebene Trauergemeinde einer sich (zähneknirschend) von der Macht verabschiedet habenden Nomenklatura - denn aufgehoben ist für sie nur aufgeschoben ­ konserviert hat für den historischen Augenblick, da ein deus ex machina die Verdammten dieser Erde zu neuen 'revolutionären' Ufern führen wird; je nach Fraktion unterschiedlich intensiv beklagend, daß das Weltproletariat durch den Zusammenbruch des 'Realen Sozialismus' 'realpolitisch' um sein 'Hinterland' gebracht und nun dem 'neoliberalen' Kapitalismus und dem 'erstarkenden' Faschismus schutzlos ausgeliefert sei. (Daher sucht sie emsig nach neuen 'Schutzmächten', die die Weltbourgeoisie im Namen der Ausgebeuteten und Unterdrückten oder, wen sie dafür halten, das Fürchten lehren sollen).34

Wer sich dagegen die Wiederentdeckung des Welt-Proletariats durch sich selbst als revolutionäre Klasse, d.h. als Klasse für sich und die Wiederherstellung einer revolutionären deutschen Arbeiterbewegung zur Aufgabe macht, wird auf den Mythos des Realen Sozialismus als verloren gegangene Schutzmacht der Errungenschaften der Arbeiterbewegung verzichten und sich um eine Umdatierung der Konterrevolution, durch die die Sozialistische Sowjetunion ihre Farbe gewechselt hat, Gedanken machen müssen. (Die Datierung liegt, nach politischer Fraktionszugehörigkeit gestaffelt, um 20 bis 50 Jahre daneben.) Für eine zunehmende Anzahl von Beton-Kommunisten hat inzwischen diese Konterrevolution niemals stattgefunden, während auf der anderen Seite die Notwendigkeit der sozialen Revolution von vornherein historisch geleugnet und Lenin zu einem machtbesessenen Usurpator gemacht wird.35

Zur Entscheidung der Frage, ob es sich bei der durch die Oktoberrevolution ausgelösten Weltrevolution im 20. Jahrhundert um einen Mythos handelt, an den man nur fest glauben muß, damit er erneut Wirklichkeit wird oder um eine weltrevolutionäre Inszenierung, die die individuellen Machtgelüste eines Lenin befriedigen sollte oder tatsächlich um eine soziale Revolution, die durch die aus ihr selbst hervorgekrochene Konterrevolution in ihrem eigenen Blut erstickt wurde, wird das bürgerliche Recht wenig hergeben, schon weil es an den eigenen Mythos von der Ewigkeit der bürgerlichen Gesellschaft gekettet ist. Dagegen halten wir es für unbedingt erforderlich, sich nicht nur von diesem, sondern auch von jenen Mythen zu trennen, die in der Sowjetunion (und anderswo) erdacht wurden, um das Umkippen dieser sozialen Revolution in ihr Gegenteil zu verschleiern. Eine solche Trennung mag schmerzlich sein - wie bei jeder Geburt von etwas Neuem; Wissenschaftshistoriker nennen das einen ’Paradigmenwechsel’, wir würden darin eher die notwendige theoretische Voraussetzung der sozialen Revolution erkennen wollen, die uns in absehbarer Zeit bevorsteht.

Wir haben gesehen und werden noch an anderer Stelle beobachten, wie eng verschlungen die soziale Revolution mit ihrer institutionellen Konterrevolution einhergeht. Um beides frühzeitig voneinander zu trennen, ist so etwas wie eine ’Revolution der Denkart’ erforderlich. Wer heute verbal die Notwendigkeit der sozialen Revolution heraustrompetet, ohne andererseits erkennbar an dem erforderlichen ’Paradigmenwechsel’ zu arbeiten, ist nicht nur ein Betrüger, sondern er arbeitetet der Konterrevolution vor, noch ehe diese überhaupt und möglicherweise stattfinden konnte.

 

Anmerkungen:

1Vor allem angeregt durch Maurer, Einleitung zur Geschichte der Mark-, Hof-, Dorf- und Stadtverfassung (1854) und Morgan, Ancient Society (1877).

2 Laut Auskunft von Rolf Hecker, Berlin, sollen diese 30.000 Blätter im Rahmen der zweiten Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2) der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.
Vgl. Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA). Vierte Abteilung. Exzerpte, Notizen, Marginalien: Allgemeiner Prospekt der Bände 13 bis 32 (Neufassung). Überarbeitete Fassung im Ergebnis der Beratung der Unterkommission IV. Abteilung Anfang März 1995. Bestätigt durch den IMES-Vorstand in seiner Sitzung vom 15. September 1995.

3 K. Marx, [Brief an die Redaktion der „Otetschestwennyje Sapiski“] MEW 19 (107-112), 108.

4 K. Marx/F. Engels, [Vorrede zur russischen Ausgabe des „Manifests der Kommunistischen Partei“] MEW 19 (295-296), 296.

5 K. Marx, Herr Vogt, MEW 14 (385-686), 497: „Bekanntlich erscholl der Ruf nach Emanzipation der Leibeignen zuerst laut und nachhaltig unter Alexander I. Der Zar Nikolaus beschäftige sich während seines ganzen Lebens mit der Leibeignenemanzipation, schuf 1838 zu diesem Behuf ein eigenes Ministerium der Domänen, ließ dieses Ministerium ein 1843 vorbereitete Schritte tun und erließ 1847 sogar über die Veräußerung adliger Ländereien bauernfreundliche Gesetze, zu deren Rücknahme ihn 1848 die Furcht vor der Revolution trieb. Wenn die Frage der Leibeignenemanzipation daher ... gewaltigere Dimensionen angenommen hat, scheint dies einer Entwicklung ökonomischer Zustände geschuldet, die selbst ein Zar nicht niederherrschen kann. Übrigens würde die Leibeignenemanzipation im Sinne der russischen Regierung die Aggressionskraft Rußlands um das Hundertfache steigern. Sie bezweckt einfach die Vollendung der Autokratie, durch Niederreißung der Schranken, die der große Autokrat bisher an den vielen auf die kleine Leibeigenschaft gestützten kleinen Autokraten des russischen Adels fand, sowie an den sich selbst verwaltenden bäuerlichen Gemeinwesen, deren materielle Grundlage, das Gemeineigentum, durch die sogenannte Emanzipation vernichtet werden soll.“

6 Vgl. etwa das Vorwort des Herausgebers in: M. Rubel, Karl Marx und Friedrich Engels zur russischen Revolution. Kritik eines Mythos, Frankfurt. Berlin. Wien 1984 [München. Wien 1972] 9, worin er sich „eine vorwegnehmende Replik auf den Vorwurf der gut- und schlechtgläubigen Kommunisten aller Spielarten (gestattet): hinter dieser Schriftenauslese verberge sich die Absicht, dem 'Klassenfeind' die Sache der Arbeiter in die Hände zu spielen. Dieses Argument läuft darauf hinaus, den Arbeitern der Welt den Mythos vom Sowjetsozialismus als Erfüllung des Marxschen Vorbildes aufzwingen zu wollen. Nochmals sei daran erinnert, daß dieses Buch Marx und Engels zu Verfassern hat, die hier als Mythostöter auftreten...“

7 Zu den näheren Umständen dieses zunächst gescheiterten Wiederabdruckversuchs vgl. M. Rubel (Anm. 6), 139.
Stalins Brief an die Mitglieder des Politbüros der WSKP(B) vom 19.07.1934 wurde erstmals im Mai 1941 in Bolschewik Nr. 9 abgedruckt. Auszugsweise in Marx-Engels-Lenin-Stalin, Zur Deutschen Geschichte Bd. 2.2, Stuttgart 1954, 1210.

8 Vgl. U. Wolter (Hg.), Karl Marx, Die Geschichte der Geheimdiplomatie des 18. Jahrhunderts. Über den asiatischen Ursprung der russischen Despotie. (Mit Kommentaren von B. Rabehl und D. B. Rjasanov), Berlin 1977. Das Moskauer Institut für Marxismus-Leninismus (IML) lehnte 1960 den Vorschlag des Berliner IML ab, diesen Text in die MEW aufzunehmen, der als „verfälschende Darstellung der russischen Geschichte ... zurückgewiesen wurde“, heißt es bei G. Hubmann/H. Münkler/M. Neuhaus: Zur Wiederaufnahme der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA), in: DZPhil (49. Jg.) 2001 (299-311). Ähnliches habe sich bei dem Versuch, Marx-Manuskripte zur Geschichte der polnischen Frage (1863/1864), nachdem sie auf polnisch und russisch erschienen waren, auch in einer deutschen Ausgabe herauszubringen, zugetragen. Dazu heißt es bei G. Hubmann a.a.O., 305: „Als Anfang der achtziger Jahre die Drucklegung der deutschen Ausgabe bevorstand, wurde der Leitung der IML Berlin durch das IML Moskau kundgetan, daß es strikt abzulehnen sei, diese Materialien, deren Inhalt der marxistisch-leninistischen Geschichtsschreibung widersprechen, in deutscher Sprache zu publizieren. ... So konnte gleich der erste Satz von Marx höchste politische Bedenklichkeiten hervorrufen: 'Die Wiederherstellung Polens ist die Vernichtung Rußlands, Rußlands Absetzung von seiner Kandidatur zur Weltherrschaft.' Die Drucklegung des MEW-Ergänzungsbandes mußte daraufhin eingestellt werden.“

9 F. Engels, [Vorwort zu Karl Marx, Das Kapital. Dritter Band] [1894] MEW 25 (7-30), 14.

10 Diese Entwicklung läßt sich an Hand seines Briefwechsels aus den Jahren 1869 und 1870 nachvollziehen; [Band und Seitenzahl in den MEW in Klammern]:
Im Oktober 1869 schreibt er an Engels (32, 377): „Von Petersburg hat man mir 500
Seiten dicken Band über die Lage der russischen Bauern und Arbeiter geschickt, von Flerowski.
[Die Lage der Arbeiterklasse in Rußland, Petersburg 1869] Leider russisch. Der Mann hat 15 Jahre an dem Buch gearbeitet.“ Die Büchersendung stammte von N. F. Danielson, dem Übersetzer der russischen Ausgabe des 1. Bandes des Kapital, mit dem Marx in ständigem Briefwechsel stand. Als sich niemand Verläßliches findet, das Buch zu übersetzen - Engels, der Russisch kann, arbeitet gerade an seinem Buch über Irland - fängt Marx selbst an, Russisch zu lernen. In einem Brief an Engels schreibt Marx’ Ehefrau, er lerne Russisch als ginge es um Leben und Tod. Vgl. T. Shanin (Hg.), Late Marx and the Russian Road. Marx and the 'periferies of capitalism', London. Melbourne 1983, 7. Im Februar 1870 teilt Marx Engels mit (32, 436 f.), er habe von Flerowskis Buch schon 150 Seiten gelesen. Dies sei das erste Buch, „worin die Wahrheit über die ökonomischen russischen Zustände gesagt ist“. Flerowski sei ein Feind des wohlbekannten „'russischen Optimismus'“. Von diesem „kommunistischen Eldorado“, d.h. dem von den russischen Slawophilen wie A. Herzen gepriesenen Bauern-Kommunismus, habe er (Marx) „noch nie viel gehalten, aber Fl[erowski] übertrifft doch alle Erwartungen.“ Er sei zwar für das Gemeindeeigentum, predige aber keine „sozialistische Doktrin, kein[en] Landmystizismus, keine nihilistische Überschwenglichkeit.“ Im Gegenteil: die untragbaren paternalistischen Verhältnisse in den bäuerlichen Familien werden nicht ausgespart, „...mit der scheußlichen Zu-Tode-Prügelei ihrer Weiber, Schnaps und Kebsweiber.“ Dies sei „das wichtigste Buch, was seit Deiner Schrift 'Die Lage der arbeitenden Klasse in England' erschienen ist.“ Zwei Tage später schreibt Marx (32, 443): „Aus seinem [Flerowskis] Buch geht unwiderleglich hervor, daß die jetzigen Zustände in Rußland nicht mehr haltbar sind, daß die Leibeigenenemanzipation, of course, nur den Auflösungsprozeß beschleunigt hat und daß eine furchtbare soziale Revolution bevorsteht. Man sieht hier auch die reale Basis des Schuljungen-Nihilismus, der jetzt unter russischen Studenten usw. Mode ist.“ Im März 1870 heißt es in einem Brief an Laura und Paul Lafargue (32, 655 f.), Flerowski liebäugele zwar mit dem Singularitätsprinzip („le principe providentiel“) des Gemeineigentums in seiner russischen Form, aber sein Buch zeige auch, daß „eine äußerst schreckliche soziale Revolution - natürlich in den niederen Formen, wie sie dem gegenwärtigen moskowiter Entwicklungsstand entsprechen - in Rußland unvermeidlich ist und nahe bevorsteht. Das sind die guten Nachrichten. Rußland und England sind die beiden großen Eckpfeiler des gegenwärtigen europäischen Systems. Alles andere ist von zweitrangiger Bedeutung, sogar la belle France et la savante Allemagne.“ Übrigens wurde Flerowski noch im selben Jahr wegen seines Buches nach Sibirien verbannt. Der Deutsch-Französische Krieg hielt Marx zunächst davon ab, seine Rußland-Studien fortzusetzen.

11 K. Marx/F. Engels, [Vorrede zur zweiten russischen Ausgabe des Manifests der Kommunistischen Partei] MEW 19 (295-296), 296. Diese Passage zeigt, daß Marx' Einschätzung der Bauerngemeinde seit den 70-er Jahren einen gewaltigen Sprung gemacht hat. Denn gerade die zweite Frage setzt die inzwischen gewonnene Ansicht (die F. Engels augenscheinlich nicht mit ihm teilt) voraus, daß das russische Gemeineigentum als Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung in Europa ernst zu nehmen war. Engels, der seinem Freund in diesem Vorwort durch das Zugeständnis maximal entgegenzukommen scheint, daß noch nicht entschieden sei, welchen der beiden Entwicklungswege die russische Bauerngemeinde gehen und welche Rolle sie dabei für die westeuropäische Revolution spielen werde, konnte der Marx'schen Einschätzung, wie seine spätere Korrespondenz mit den russischen 'Marxisten' (Plechanow, Sassulitsch u.a.) aus den 80-er und 90-er Jahren zeigt, letztlich nicht folgen; Engels verharrt auf der von den beiden bis in die 70-er Jahre gemeinsam vertretenen Ansicht von der äußeren Gefährdung der revolutionären Entwicklung Westeuropas durch die russische Weltmacht, die in erster Linie durch eine bürgerlich-demokratische Revolution zu neutralisieren sei. Darauf wird an anderer Stelle im Zusammenhang mit Stalins Engels-Kritik aus dem Jahre 1934 näher einzugehen sein. [STREITPUNKTE 2: Lenin und der linke Sozialimperialismus], 39 f.

12 Mit der Entdeckung der Vorreiterrolle des russischen Bauern-Kommunismus für die Revolution in Westeuropa hat sich Marx aber durchaus nicht, wie ihm vielleicht unterstellt werden könnte, auf seine alten Tage zum Slawophilen oder Bakunisten zurückentwickelt. Ganz im im Gegenteil liegt seiner Position der Jahrzehnte lang geführter Kampf gegen den kleinbürgerlichen Sozialismus Proudhons, Bakunins u.a.m. zugrunde, der gegen die europäischen Großmächte und deren Weltherrschaftsbestrebungen gerichtet ist, den kleinbürgerlichen Sozialismus gegen die ‚Partei Marx’ einzuspannen und die rückständigen gegen die in ihrer Nationenwerdung begriffenen revolutionären Völker auszuspielen.
Diese Verquickung von kleinbürgerlichem Sozialismus und Weltmachtpolitik sah Marx Ende der 50-er Jahre vor allem in Karl Vogt personifiziert, einem Veteranen von 1848, der nachweislich in den Diensten Louis Bonapartes stand und gegen den er einen Verleumdungsprozeß zu führen gezwungen war, worin er darlegte, daß hinter Vogts Behauptung, Marx sei, modern gesprochen, in den 'Terrorismus' verstrickt gewesen, der Versuch des Bonapartismus und des Zarismus steckte, den wichtigsten Theoretiker der europäischen Arbeiterbewegung publizistisch zu vernichten. Gegen den von Karl Vogt vertretenen kleinbürgerlichen Sozialismus, den dieser unter einem Kondominium Rußlands und Frankreichs über Europa in Erfüllung gehen sah, weist Karl Marx u.a. auf die Unhaltbarkeit seiner Illusionen über die angeblich so völkerbefreiende Bedeutung der 'Bauernbefreiung' durch den „wohlwollenden Zaren“ hin. So heißt es in Herr Vogt (Anm. 5), 497: „Wenn die Frage der Leibeignenemanzipation daher unter dem 'wohlwollenden Zar', wie Vogt Alexander II. gemütlich bezeichnet, gewaltigere Dimensionen angenommen hat, scheint dies einer Entwicklung ökonomischer Zustände geschuldet, die selbst ein Zar nicht niederherrschen kann. ...Der 'wohlwollende Zar' entdeckte daher, daß eine wirkliche Leibeignenemanzipation unvereinbar mit seiner Autokratie, ganz wie der wohlwollende Papst Pius IX. zur Zeit entdeckt hat, daß die italienische Emanzipation unvereinbar mit den Existenzbedingungen des Papsttums ist. Der 'wohlwollende Zar' erblickt daher im Eroberungskrieg und in der Ausführung der traditionellen auswärtigen Politik Rußlands, die, wie der russische Geschichtsschreiber Karamsin bemerkt, 'unveränderlich' ist, das einzige Mittel, die Revolution im Innern zu vertagen. Fürst Dolgorukow [emigrierter russischer Liberaler], in seinem Werk 'La vérité sur la Russie' [Die Wahrheit über Rußland], 1860, hat die von bezahlten russischen Federn durch ganz Europa seit 1856 emsig verbreiteten, von den Dezembristen [Parteigängern Louis Bonapartes] laut proklamierten und von Vogt in seinen 'Studien' [...zur gegenwärtigen Lage Europas, Genf 1859] nachgebeteten Lügenmärchen über das unter Alexander II. eingebrochene Millenium kritisch vernichtet.“

13 T. Shanin (Hg.), Late Marx... (Anm. 10), 13:
„In 1881 Marx spent three weeks contemplating, one can say struggling with, an answer to a letter concerning the Russian peasant commune. It came from Vera Zasulitch, made famous by her earlier attempt on the life of a particular vicious tsarist dignitary, currently of the Black Repartition group and the future co-editor of the marxist Iskra. The four drafts of the reply Marx wrote testify to the immensity of work and thought which underlay it - as if the whole last decade of Marx's studies with its 30.000 pages of notes but no new major text finalised, came together.“

14 K. Marx, [Entwürfe einer Antwort auf den Brief von Vera Sassulitsch] [Zweiter Entwurf] MEW 19 (396-400), 397.

15 K. Marx, [Entwürfe einer Antwort auf einen Brief von V. I. Sassulitsch] MEW 19 (384-406). [Erster Entwurf] 384-395; [Zweiter Entwurf] 396-400; [Dritter Entwurf] 401-406 [Nachweise in Klammern im Text].

16 K. Marx, [Brief an V. I. Sassulitsch] MEW 19 (243-243), 243.

17 K. Marx, [Brief an die Redaktion ...] (Anm. 3) [Nachweise in Klammern im Text]

18 Eine russische Übersetzung des Briefes erschien 1886 in Nr. 5 der Zeitschrift der Volkstümler Westnik Narodnoj Woli [Bote der Narodnaja Wolja]; vgl. T. Shanin, Late Marx... (Anm. 10), 18.

19 D. Rjasanov, Briefwechsel zwischen Vera Zasulic´ und Marx. Herausgegeben von D. Rjasanov, in: Marx-Engels-Archiv, Band 1 [1928] Frankfurt 1969 (309-342), 316.

20 W. I. Lenin, [Rezension: Karl Kautsky, Die Agrarfrage ...] LW 4 (84-89), 89.

21 A.a.O., 84.

22 K. Kautsky, Die Agrarfrage. Eine Übersicht über die Tendenzen der modernen Landwirtschaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie, Stuttgart 1899, 333. Dazu bemerkt Lenin im Vorwort zu Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland, LW 3, 14: „Kautsky stellt kategorisch fest, daß an einen Übergang der Dorfgemeinde zu einem genossenschaftlich betriebenen modernen landwirtschaftlichen Großbetrieb 'nicht zu denken sei' (S. 338)“.

23 MEGA2II/7, 632.

24 MEGA2II/7, 678.

25 So schreibt J. Martow in der Geschichte der russischen Sozialdemokratie [1926], Erlangen 1973, 118 f. über die Anpassung der Linie der Bolschewiki in der Revolution von 1905 an das (eigentlich gar nicht so) neue revolutionäre Subjekt:
„Hieraus ergab sich in der gekennzeichneten Periode [Frühjahr 1905] die charakteristische Tendenz der Bolschewiki, eine Annäherung an die Sozialrevolutionäre Partei herbeizuführen und einen energischen Kampf gegen alle Schichten der bürgerlichen Demokratie zu führen, die nicht sofort und entschieden auf den Standpunkt einer radikalen politischen Umwälzung traten und in den Augen der Bolschewiki als politischer Stützpunkt ihres wichtigsten Gegners, der ‚liberal-monarchistischen Bourgeoisie’ galten. ... Gleichzeitig rollten sie die Frage einer Revision des Agrarprogramms der Partei auf, das in seiner vorliegenden Fassung die in Bewegung geratenen bäuerlichen Massen nicht zu befriedigen vermochte.“

26 B. Rabehl, Marx und Lenin. Widersprüche einer ideologischen Konstruktion des „Marxismus-Leninismus“, Berlin 1973, 166.

27 A.a.O.,167.

28 Ebenda. Vgl. M. Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917-1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München 1998, 61.

29 Bäuerlich insofern, als das Muster der Selbstorganisation der revolutionären Arbeiter von 1905 „wohl nicht ganz zufällig dem traditionellen Muster bäuerlicher Interessenorganisation im Rahmen des sel'skij schod, der Dorfversammlung (entsprach)“, so Bernd Bonwetsch, Die Revolution von 1917. Eine Sozialgeschichte von der Bauernbefreiung 1861 bis zum Oktoberumsturz, Darmstadt 1991, 81.
Der Autor weist an anderer Stelle überzeugend nach, daß von einer scharfen Trennung zwischen der Lage des Arbeiters und des Bauern in Rußland vor 1917 nicht gesprochen werden kann: „Der russische Arbeiter stand vielmehr noch ebenso 'zwischen Feld und Fabrik' ... wie umgekehrt der Bauer zwischen Fabrik und Feld stand. (54) Angesichts der Bevölkerungsstruktur Rußlands mit einem Anteil von über 80% Angehörigen des Bauernstandes ist es selbstverständlich, daß das einzig nennenswerte Reservoir für die Rekrutierung von Industrie- und Lohnarbeitern überhaupt nur das Dorf sein konnte.“ (71) Nach einer vom Autor zitierten Erhebung in der Moskauer Baumwollspinnerei Emil Zindel um 1900 hatten nur 5 % der Arbeiter kein Eigentum im Dorf. 90 % verfügten über Anteilland (!). Davon bearbeiteten 4/5 ihr Land mit Hilfe der Familie, 14 % hatten es verpachtet, 7 % ließen es durch Bauern im Nebenerwerb bestellen. (73) Daran lasse sich zeigen, „daß das Nebeneinander von Dorf- und Fabrikexistenz über Generationen hinweg ein komplementärer Normal- und kein Übergangszustand auf dem Weg vom Feld zur Fabrik war.“ (74).

30 Siehe K. Marx, [Brief an V. I. Sassulitsch] (Anm. 15)[ Nachweise im Text in Klammern].

31 Daß damit die Probleme eigentlich erst anfingen, zeigt sich daran, daß sich die bäuerlichen Anbauflächen in ihrer Mehrzahl verkleinerten, was einzelwirtschaftlich betrachtet - und nur so betrachtet z.B. B. Bonwetsch (Anm. 29), 186, die Folgen der „Besitzumverteilung 1917/1918“ - ein Sinken der Produktivität bedeutet hätte. Diese negativen Folgen, von denen vor allem die sowjetische Industrialisierung so sehr in Mitleidenschaft gezogen wurde, daß die Zwangskollektivierung schließlich als einziger Ausweg erscheinen mußte, hätte unter den Marxschen Voraussetzungen leicht durch die 'von unten' betriebene (und nicht 'von oben' erzwungene!) und gesellschaftlich eingeübte kollektive Wirtschaftsweise der bäuerlichen Wirtschaft kompensiert werden können, insbesondere dann, wenn die Bauerngemeinden mit der Industrialisierung der Sowjetunion sich ihrerseits hätten modernisieren und dabei allmählich zu größeren Produktionseinheiten hätten verschmelzen können.

32 In einer seiner letzten Aufzeichnungen, Über unsere Revolution. (Aus Anlaß der Aufzeichnungen N. Suchanows) LW 33 (462-465), 462, wirft Lenin den russischen 'Marxisten' vor, sie hätten die revolutionäre Dialektik des Marxismus nicht begriffen, die in Marx' Bemerkung aus dem Jahre 1856 zum Ausdruck komme, „ein Bauernkrieg in Deutschland, der eine revolutionäre Situation herbeiführe, werde sich mit der Arbeiterbewegung vereinigen“ (MEW 29, 47). Lenin ist der Wahrheit dicht auf den Fersen, ohne den Marx von 1881 je eingeholt zu haben.

33 K. Marx, [Notizen zur Reform von 1861 und der damit verbundenen Entwicklung in Rußland] MEW 19 (407-424), 416.

34 Ganz unverblümt stellt J. Elsässer unter der Überschrift Roll over Iljitsch in: Junge Welt, Nr. 9, 2003, 13, die Frage: „Müßte es nicht darum gehen, die Zusammenarbeit mit den Nationalisten ­besser Souveränisten - der bedrohten Staaten zu suchen, jedenfalls mit den Antikapitalisten unter ihnen?“ Gegen dieses roll-back des linken Sozialimperialismus stehen auf der anderen Seite Autoren, die die Notwendigkeit einer sozialen Revolution im Rußland des XX. Jahrhunderts generell leugnen und die durch die Oktoberrevolution ausgelöste Weltrevolution ausschließlich nach den Kriterien des bürgerlichen Rechts beurteilt wissen wollen. So heißt es bei S. Courtois u.a. im Vorwort zu Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 1998, 42: „Trotzdem kann sich diese Kenntnisnahme historischer Fakten nicht eines Urteils enthalten, das auf Grundwerte Bezug nimmt: auf die Einhaltung der Regeln der repräsentativen Demokratie und vor allem auf die Achtung vor dem Leben und der Würde des Menschen. An diesem Maßstab mißt der Historiker die Handelnden in der Geschichte.“

35 Auf seiner Suche nach einer „Kraft, die den Kampf gegen den Krieg und die soziale Verelendung verbindet“, schlägt J. Elsässer (Anm. 34), ebenda, im übrigen vor, diese Kraft „auch zur guten Erinnerung an die DDR, Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“ zu nennen, die die „Einheit von Sozialisten, Kommunisten und Antikapitalisten aller Couleur...“ herstellt.
Auf der anderen Seite habe nach S. Courtois u.a., im Nachwort zu Das Schwarzbuch des Kommunismus... (Anm. 34), 805, Lenins vorrangiges Ziel darin bestanden, „sich möglichst lange an der Macht zu halten. Nach zehn Wochen, als die Dauer der Pariser Kommune überschritten war, fing er [Lenin] an, von mehr zu träumen. Seine Entschlossenheit, an der Macht zu bleiben, wuchs ins Ungeheure...“ Und weiter unten (806) heißt es: „In der Zwickmühle zwischen seiner Entschlossenheit, seine Lehre anzuwenden, und der Notwendigkeit, an der Macht zu bleiben, erfand Lenin den Mythos der bolschewistischen Weltrevolution.“