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Wenn uns die Untersuchung der
revolutionären Strategie der ‚Partei Marx’ bisher etwas gelehrt hat, dann zum
einen, daß diese Strategie eine Kontinuität aufweist, die keineswegs, wie die
‚marxistischen’ Marx-Kritiker behaupten, mit dem Jahr 1848 endet und der
Revolutionär durch den politischen Ökonomen abgelöst wird und zum anderen, daß
sich ihre Parteigänger wie auch Marx selbst zu seinen Lebzeiten niemals als
‚Marxisten’ bezeichnet hätten. Das haben sie Marxschülern wie Bernstein,
Kautsky oder Luxemburg überlassen, die durch ihren klassischen ‚Vatermord’ den
Kopf der ‚Partei Marx’ meinten, zu Grabe getragen zu haben.2
In der zuletzt genannten Traditionslinie bewegt sich auch Uwe-Jens Heuer3 mit seiner Definition des „Marxismus“ und dessen „gültiger Lehre“, die er auf die Bände des Kapital reduziert sieht, während eine „konsistente
Gesamttheorie der Politik, die der Wissenschaft der politischen Ökonomie des
Kapitalismus gleichwertig an die Seite gestellt werden“ kann, dagegen bei Marx nicht
vorliege (Heuer, 75). Damit verkümmert, wie schon bei den frühen ‚Marxisten’,
auch in diesem Fall die weltrevolutionäre Strategie der ‚Partei Marx’
bestenfalls zu einer Art Politologie4 und Marx zu einem linken Ökonomen von der Sorte, wie ihn sich der heutige
Wissenschaftsbetrieb ohne Gewissenskonflikte für alle Beteiligten leisten kann.
Und wie auch schon Rosa Luxemburg befunden hat, endete für den „radikalen
Demokraten“ Marx
die „Politik“ in
der Niederlage der Revolution von 18485,
aus der sich dieser, nun zum ‚Marxisten’ gemausert, zwecks Verfertigung der Kapital-Bände nach London zurückzog,
nachdem sein „politischer Kampf als radikaler Demokrat“ .... ihn zu der
Einsicht“ geführt
habe, „daß nicht eine nur politische Revolution, sondern eine soziale
Revolution notwendig sei“. (Heuer, 27).
Marx hat also, folgt man Uwe-Jens Heuer, „als radikaler Demokrat“ zunächst eine rein „politische
Revolution“ propagiert und erst dann - warum auch immer! - „eine soziale
Revolution“ für
notwendig gehalten usw. In dieser, ‚leninistisch’ gesprochen, eklektizistischen
Entgegensetzung („nicht eine nur politische Revolution, sondern eine soziale Revolution“) erstarrt
die „revolutionäre Dialektik ... im Verhältnis zwischen der politischen und der sozialen Revolution“6 in einem Dualismus, der die
revolutionäre Strategie der ‚Partei Marx’ zu einem Anhängsel der für Marx nun
angesagten Hauptbeschäftigung mit den „Entwicklungsgesetzmäßigkeiten des
Kapitalismus“ und
zu einem „sich daraus ergebenden Raum für Politik“ verkümmern läßt (Heuer, 28). In
dieser schwammigen Formulierung („Raum für Politik“) bleibt überdies völlig unklar, in
welchem Verhältnis die revolutionäre Theorie zur „Politik“ stehen soll: „Die Ursache des
Übergangs auf neue theoretische Positionen, die von bestimmten Hypothesen
ausgingen und dann immer weiter ausgebaut wurden, war selbst nicht
theoretischer, sondern moralischer, politisch-sozialer Natur“ (Heuer, 27). Das verstehe, wer will!
Das Wischiwaschi-Kompositum („politisch-sozialer Natur“) beläßt besagtes Verhältnis erst
recht im Unklaren. Denn letztlich waren es, wie uns der Autor nahelegen will,
offensichtlich philanthropische Motive, die Marx zum allseits gefürchteten
Kritiker der kapitalistischen Produktionsweise gemacht haben!7 Bei alledem stellt sich die Frage, wie dieser „radikale Demokrat“ unmittelbar vor Ausbruch der
Revolution von 1848 ein kommunistisches Pamphlet in die Welt gesetzt haben
konnte, worin er gemeinsam mit seinem Freund Friedrich Engels der seichten
Philanthropie und dem Sozialismus der deutschen Mittelklassen einschließlich
ihres „radikalsten linken Flügels“ (Rosa Luxemburg) den Kampf ansagt!8
Mit dem „radikalen Demokraten“ Karl Marx stimmt bei Uwe-Jens Heuer
also alles hinten und vorne nicht; das Verhältnis der politischen zur sozialen
Revolution schwankt zwischen Eklektizismus („nicht eine nur politische Revolution, sondern eine soziale Revolution“) und Monismus („politisch-sozialer
Natur“), ganz zu
schweigen von demVerhältnis zwischen der politischen Revolution und dem
politischen Klassenkampf.9 Jedoch gerade der Marx-Text aus dem Jahre 1844, auf den sich Uwe-Jens Heuer zur
Bestätigung des von ihm behaupteten Marxschen Wandlungsprozesses vom „radikalen
Demokraten“ zum
reinen ‚marxistischen’ Theoretiker beruft, enthält bei näherem Hinsehen eine
vollständige Widerlegung der Ansichten des Autors von Marxismus und
Politik.10
In diesem Text kritisiert Marx die radikale Demokratie als das von Arnold Ruge
gepriesene Allheilmittel gegen die deutsche vormärzliche Feudalgesellschaft und
hebt, im Gegensatz zu Ruges Einschätzung des schlesischen Weberaufstandes als
eines unpolitischen Lokalereignisses dessen weltgeschichtliche Bedeutung als
politischen Klassenkampf hervor (obgleich dieser Begriff hier noch nicht
explizit verwendet wird11); nicht anders übrigens, als dieser Aufstand auch auf der anderen Seite der
Barrikade von der universalistisch denkenden deutschen Bourgeoisie aufgegriffen
und verstanden worden sei. In dieser Bedeutung liege für Marx dessen
eigentliche Qualität; nicht jedoch, wie es bei Arnold Ruge heißt, in der
Unfähigkeit der preußischen Monarchie, eine dem bürgerlichen Standard
entsprechende Armenpflege auf die Beine zu stellen, die für Marx selbst in den
politisch und ökonomisch am weitesten entwickelten bürgerlichen Gesellschaften
aus Prinzip nicht funktionieren kann.
Ein weiterer qualitativer Unterschied, der von Uwe-Jens Heuer ebenfalls
ignoriert wird, besteht für Marx in der Verschiedenartigkeit der Stellung, die
der Bürger und der Arbeiter zu ihrem Gemeinwesen einnehmen; denn während 1789
die „heillose Isolierung der französischen Bürger vom Gemeinwesen“ (Marx, 407) durch die politische
Revolution bis zu einem gewissen Grade aufgehoben wurde, sei das „Gemeinwesen“, von dem „der Arbeiter isoliert
ist, ein Gemeinwesen von ganz andrer Realität und ganz andrem Umfang als das
politische Gemeinwesen“ (Marx, 408). Dieses Gemeinwesen, von dem der Arbeiter „durch seine
eigene Arbeit“ getrennt werde, sei „das Leben selbst, ...das physische und
geistige Leben, die menschliche Sittlichkeit, die menschliche Tätigkeit“ und der „menschliche Genuß“, d.h. „das menschliche Wesen“ als „...das wahre Gemeinwesen des Menschen“ (Marx, 408). Die Isolierung des
Arbeiters „von diesem Wesen“ sei „unverhältnismäßig allseitiger, unerträglicher,
fürchterlicher und widerspruchsvoller als die Isolierung vom politischen
Gemeinwesen“, und
dementsprechend sei die „Aufhebung dieser Isolierung“, selbst wenn sie als eine nur „partielle
Reaktion“ stattfinde, „...um so viel unendlicher, wie der Mensch unendlicher ist als der Staatsbürger, und das menschliche Leben“ unendlicher ist „als das politische
Leben“. Daraus leitet Marx eine weitere
Schlußfolgerung aus dem schlesischen Aufstand ab: mag der industrielle Aufstand „daher noch so partiell“ und lokal borniert sein, „er verschließt in sich eine universelle Seele“, während der politische Aufstand,
mag er „noch so universell“ daherkommen, unter „der kolossalsten Form einen engherzigen Geist“ verbirgt (Marx, 408).
Der links-hegelianische Universalismus und der Feuerbachsche Humanismus werden
hier von Marx radikal umgestülpt, deren innerer Widerspruch, der soziale Antagonismus,
von innen nach außen gekehrt und dessen politische Form auf den politischen
Klassenkampf zugespitzt, wodurch das „wahre Gemeinwesen des Menschen“, von dem der Arbeiter „durch seine
eigene Arbeit“
isoliert ist (Marx, 408), als Sozialismus zum Vorschein kommt. Mit dieser revolutionären Tat hat sich
Marx endgültig vom humanistischen Materialismus und der kleinbürgerlichen
Philanthropie getrennt. Diese liest sich unter unseren heutigen Verhältnissen
wie ein Menetekel gegen den politischen Ökonomismus der europäischen Linken,
dem auch Uwe-Jens Heuer, zumal durch seine Verwechslung des politischen
Klassenkampfs mit den gängigen „politischen Auseinandersetzungen“, die ein PDS-Politiker tagaus
tagein parlamentarisch und außerparlamentarisch zu bewältigen hat, kräftig
Vorschub leistet (Heuer, 11; 56). Dafür hat Arnold Ruge die durchaus heute noch
gültige Formel gefunden, daß eine „Sozialrevolution ohne politische Seele
(d.h. ohne die organisierende Einsicht vom Standpunkt des Ganzen aus)
unmöglich“ sei (Ruge, zit. bei Marx, 408).12
Bei dieser von Marx entlarvten „Tendenz der politisch einflußlosen
Klassen, ihre Isolierung vom Staatswesen und von der Herrschaft aufzuheben“ und „der beschränkten und zwiespältigen Natur dieser Seele gemäß ...
einen herrschenden Kreis in der Gesellschaft auf Kosten der Gesellschaft“ zu organisieren (Marx, 408), mit
der nach Arnold Ruge und Uwe-Jens Heuer die „Sozialrevolution“ verschmilzt, handelt es sich
ebenfalls um einen wahrlich aktuellen Befund! Denn diese „Sozialrevolution“ mit ihrer politischen Seele ist für
Marx „entweder ein zusammengesetzter Unsinn“ oder die banale Umschreibung der
Tatsache, daß „jede Revolution“, die „die alte Gesellschaft“ auflöst, „sozial“ und die „die alte Gewalt stürzt, ...politisch“ ist. Ruge habe folglich die Wahl
zwischen dieser banalen Umschreibung und dem Unsinn. Bei dieser absurden
Alternative bleibt aber Marx nicht stehen, sondern stellt diesen
Pseudogegensatz vom Kopf auf die Füße, so daß daraus ein dialektisch zu
bewältigender Widerspruch, der Hand und Fuß hat, wird: „So paraphrastisch
oder sinnlos aber eine soziale Revolution mit einer politischen Seele, ebenso vernünftig ist eine politische
Revolution mit einer sozialen Seele.“ (Marx, 408; 409).
Hierin besteht die eigentliche Pointe der Marxschen Kritik an Arnold Ruges
Aufsatz, die unserem Autor ebenfalls entgangen ist, und in der bereits die
Hauptrichtung des Programms der ‚Partei Marx’ in der Revolution von 1848 und
der späteren Permanenzerklärung der Revolution vorweggenommen sind.13 Der Weg also, den Karl Marx angeblich „vom radikalen Demokraten zum
revolutionären Sozialisten“ (Heuer, 40) durchlaufen haben soll, ist in Wirklichkeit der Weg von
Arnold Ruge zu Uwe-Jens Heuer oder zum „revolutionären Sozialisten“ als Phrase.
Daher verwundert es kaum noch, wenn unserem Autor auch der tiefere Sinn der
abschließenden Passage aus dem genannten Marx-Text verborgen geblieben ist,
worin das Verhältnis zwischen der politisch umstürzenden und der
organisierenden Seite des Sozialismus (seiner „Seele“, seinem „Selbstzweck“) von Marx zu zwei Seiten eines
einzigen selbsttätigen Prozesses erklärt wird, mit dessen Voranschreiten der
Sozialismus zwangsläufig seine politische Hülle wegsprengt14,
eine Metapher, auf die Uwe-Jens Heuer zwecks selbstkritischer Reflexion der Oktoberrevolution besonderen Wert legt und davon
ausgehend auf den ersten Blick zutreffend resümiert: „Die Geschichte hat
sich nicht so vollzogen, konnte sich wohl auch nicht so vollziehen. Im ersten
sozialistischen Staat wurde die politische Hülle keineswegs abgeworfen. Im
Gegenteil, die Macht des Staates wuchs ungeheuerlich, die politische Hülle
drohte die Gesellschaft zu ersticken“ (Heuer, 25). Aber dann muß sich unser Autor, wenn dem so
war, fragen lassen, um welcher Art Sozialismus es sich dabei gehandelt hat: um
einen Sozialismus als Mittel zum Zweck „der politisch einflußlosen Klassen,
ihre Isolierung vom Staatswesen und von der Herrschaft aufzuheben“ (Marx, 408) und, als höchster
Ausdruck des politischen Ökonomismus, „die Eigentumsverhältnisse
umzustürzen“ (Heuer, 26) oder den Sozialismus als „Selbstzweck“, in dessen „organisierende(r) Tätigkeit“ die Trennung der Arbeiter (und in
Rußland: der Bauerngemeinde!) vom „wahre(n) Gemeinwesen des Menschen“ aufgehoben wird! Einmal davon
abgesehen, daß der Leninsche Sozialismus nicht an dem Gegensatz Individuum
– Staat15, sondern an
einem zum Staat gewordenen Individuum als personifizierter Konterrevolution
gescheitert ist (und nicht „zu ersticken ...drohte“)! Ebensowenig kann Heuers rückwärts
gewandter Fatalismus („konnte sich wohl auch nicht so vollziehen“) sowie seine Ansicht geteilt
werden, daß „man die Ergebnisse dieser Staatswerdung auch dem Marxismus
anrechnen“ müsse
(Heuer, 28). Das zu tun, sei den ‚Marxisten’ unbenommen; der ‚Partei Marx’ können „die Ergebnisse dieser Staatswerdung“ dagegen nicht zugerechnet werden; weder, was, wie wir
sahen, den Marxschen Sozialismus noch, was die Marxsche Kritik am politischen
Ökonomismus der „radikalen Demokraten“ betrifft. Verglichen damit ist dem „Marxismus“ über ein paar ständig wiederholte
Verlegenheitsfloskeln hinaus bisher wenig Überzeugendes dazu eingefallen, warum
der erste Sozialismus unter seiner politischen Hülle begraben wurde –
dieser Job wurde vielmehr denjenigen überlassen, die von Anfang an prophezeit
hatten, daß aus diesem Sozialismus nichts werden kann.16
Auch der Sozialismus auf den restlichen Seiten von Uwe-Jens Heuers Marxismus
und Politik ist
ein Sozialismus ohne Proletariat und ohne Klassenkampf: ein Staat gewordener
Sozialismus oder das Sozialistischwerden des Staates. Diese „Staatswerdung
der sozialistischen Bewegung“ (Heuer, 28) in der „Nachfolge des bestehenden Staates“ (Heuer, 29) hat bekanntlich eine
lange sozialdemokratische Tradition, die von Karl Marx in seinen Randglossen zum
Programm der deutschen Arbeiterpartei, dem Programm des Vereinigungsparteitags der
Eisenacher und Lassalleaner von 1875, beißend kritisiert und verworfen wurde
und worin der ‚Diktatur des Proletariats’ die komplizierte Aufgabe zugedacht
ist, den Abbau „des bestehenden Staates“ bei der Verteidigung des
Sozialismus gegen die Konterrevolution zu verwirklichen.17 Von einer so beschaffenen dialektischen Lösung der ‚Staatsfrage’ ist unser
Autor nicht weniger weit entfernt als die damalige Sozialdemokratie.18
In der „Staatswerdung der sozialistischen Bewegung“ (Heuer, 28) äußert sich hingegen
der klassische deutsche „Aberglaube an den Staat“, an dem schon Friedrich Engels zu
verzweifeln meinte.19 Die „Staatswerdung der sozialistischen Bewegung“ erinnert demnach ebenso an die
präventive Konterrevolution des Nationalsozialismus wie an die im Stalinschen
Sozialismus personifizierte Konterrevolution, nur mit dem Unterschied, daß in
Uwe-Jens Heuers Sozialismus Sozialrevolution und Konterrevolution von
vornherein als Paketlösung angeboten werden. Dagegen mit Marx-Zitaten
anzurennen, ist wahrscheinlich ebenso ‚sinnvoll’, wie Jungnazis mit
Schiller-Gedichten zu attackieren!
Obwohl er die Marxsche These, daß „mit dem Privateigentum auch der Staat
verschwinde“ (Heuer, 66) als widerlegt ansieht,20 verkauft Uwe-Jens Heuer den eigenen zur blutleeren Abstraktion geronnenen
Sozialismus, unter der die Stalinschen ‚Konkretisierungen’ entsprechend den „Gesetzmäßigkeiten“ des „Historischen Materialismus“ unübersehbar hindurchschimmern,
d.h. die „Staatswerdung der sozialistischen Bewegung“, unbeirrt als Marxschen
Sozialismus. So auch den ‚marxistischen’ Gemeinplatz, „daß es, wenn denn die
Verhältnisse grundlegend geändert werden sollen, dazu eines Umsturzes der
Eigentumsverhältnisse bedürfe“, was von Marx als „revolutionäre(m) Sozialisten“ (Heuer, 40) nun theoretisch „auf doppelte Weise
untersetzt werden (sollte); einmal durch das Studium der
kapitalistischen Eigentumsverhältnisse, ihrer inneren Gesetzmäßigkeiten, und
zum anderen durch die Ausdehnung der Überlegungen zur Struktur menschlicher
Gesellschaften auf andere Gesellschaftsordnungen.“ (Heuer, 30). Es gibt inzwischen
genügend historische Beispiele, die belegen, daß damit („Umsturz der Eigentumsverhältnisse“) z.B. auch die Enteignung des aufständischen polnischen Adels durch den
russischen Zaren1864 oder des ‚jüdischen Kapitals’ durch den deutschen
Nationalsozialismus zugunsten der deutschen Bourgeoisie 1933 ff. u.a.m.
begründet und legitimiert werden konnten.21 Und bei den „andere(n) Gesellschaftsordnungen“, die wir uns heute als Folge der „Staatswerdung
der sozialistischen Bewegung“ vorzustellen haben, fallen uns spontan nur die Staaten der
südlichen antiamerikanischen ‚Achse’ von Nordkorea, China und Vietnam über
Iran, Syrien, Zimbabwe und Kuba bis Venezuela usw., usf. ein, die sich bei der
westeuropäischen Linken großer Beliebtheit als Verbündete in ihrem
‚anti-kapitalistischen’ Kampf gegen den ‚Neoliberalismus’ und das amerikanische
Kapital erfreut.22
Wie also, um auf unseren Ausgangspunkt zurückzukommen, der „radikale
Demokrat“ à la
Arnold Ruge die Beseitigung seines Getrenntseins vom politischen Gemeinwesen
durch die Eroberung der Staatsmacht aufheben will, geht es unserer heutigen
Arbeiter-Interessenvertreter-Klasse und unserem Autor mit der „Ausdehnung“ der Marx unterstellten „Überlegungen zur Struktur menschlicher
Gesellschaften auf andere Gesellschaftsordnungen“ um die Beseitigung ihrer eigenen
spezifischen Getrenntheit vom bürgerlichen Staat und von den bestehenden „Eigentumsverhältnissen“; das heißt, in der Marx
unterschobenen edlen Absicht, „mit seinem Werk den Ausgebeuteten (zu) helfen, ihre Lage zu verändern“ (Heuer, 31), ohne
daß diese selbst getrennt von ihrem „wahren Gemeinwesen“ als dem „menschlichen Wesen“ in Erscheinung treten, sind einzig
und allein die Machtergreifungssehnsüchte dieser neuen Bourgeoisie im
gegenwärtigen politischen Gemeinwesen widergespiegelt. Mit dem auf einen linken
Philanthropen und ‚marxistischen’ Sozialwissenschaftler reduzierten Marx
verwandelt sich dessen wissenschaftliches Hauptwerk in eine von jeder
revolutionären Strategie der ‚Partei Marx’ vollständig getrennte Theorie, worin
es allein um die „Aufdeckung der ‚Naturgesetzlichkeit’ der Entwicklung der
kapitalistischen Produktionsweise“ und die Analyse ihrer „widersprüchlichen Wirkungen, die
bis heute andauern“ (Heuer,
31) geht.23 Dadurch sei „die Politik als der eigentliche Beweger der Weltgeschichte“ von Marx „entthront“ und „die ‚Naturgesetzlichkeit’
des Kapitalismus an ihre Stelle“ gesetzt worden (Heuer, 33).
Uwe-Jens Heuer ist überhaupt nicht aufgefallen, daß die „Politik als der
eigentliche Beweger der Weltgeschichte“ bereits in dem Text aus dem Jahre 1844 von Marx „entthront“ wird, was jedoch keineswegs
bedeutet hat, daß Marx die weltrevolutionäre Strategie der ‚Partei Marx’ in der
Folgezeit unter wissenschaftlichen Folianten begraben und sich mit der „Aufdeckung
der ‚Naturgesetzlichkeit’ der Entwicklung der kapitalistischen
Produktionsweise“ der
positivistischen oder sonst einer Soziologie zugewandt hätte. In dem von
unserem Autor konstruierten Dualismus – entweder Politiker oder
Sozialwissenschaftler – ist es letzten Endes die ‚Partei Marx’, die
politisch „entthront“ werden soll.
Der politische Ökonomismus, der nach Arnold Ruge der sozialen Revolution „die
organisierende Einsicht vom Standpunkt des Ganzen“ (Ruge, zit. bei Marx, 408)
einpflanzen will, kippt in diesem Marx-Bild unversehens um in den reinen
Ökonomismus, der gewöhnlich jeglicher Politik entsagt, um den politischen
Klassenkampf der Bourgeoisie zu überlassen. In seiner Rezension zu diesem Buch
hat Michael Brie diesen Dualismus daran festgemacht, daß Uwe-Jens Heuer, „ausgehend
von seiner Grundannahme einer nicht gestaltbaren Naturwüchsigkeit des
Kapitalismus, für sozialistische Politik nur wenig Platz“ einräume.24 Abgesehen davon, daß Michael Bries „sozialistische Politik“ mit dem politischen Ökonomismus
Arnold Ruges vollkommen deckungsgleich ist, ist diese Feststellung aber
durchaus zutreffend – wir müssen nur „sozialistische Politik“ durch den politischen Klassenkampf
und die weltrevolutionäre Strategie der ‚Partei Marx’ ersetzen.
Was hat es nun mit dieser „’Naturgesetzlichkeit’ der Entwicklung der
kapitalistischen Produktionsweise“ auf sich? In einer ebenfalls aus dem Jahre 1844 stammenden
frühen Skizze zur Krisentheorie des Kapitalismus25 schreibt Friedrich Engels, daß die bürgerlichen Ökonomen die zyklischen Krisen auf
das von ihnen entdeckte Gesetz der Konkurrenz zurückführen, das sie, weil „mit
seiner steten Ausgleichung, wo, was hier verloren, dort wieder gewonnen wird“, wunderschön fänden. „Und doch
liegt auf der Hand, daß dieses Gesetz ein reines Naturgesetz, kein Gesetz des
Geistes ist. Ein Gesetz, das die Revolution erzeugt.“ Damit sind sowohl die soziale und
die politische Revolution, als auch die „regelmäßig..., wie die Kometen“ oder „Seuchen“ wiederkehrenden Handelskrisen
gemeint, die dieses Gesetz, aber anders, „als der Ökonom uns glauben machen
möchte“,
bestätigen. Denn, so fragt sich Friedrich Engels, „Was soll man von einem
Gesetz denken, das sich nur durch periodische Revolutionen durchsetzen kann? Es
ist ein Naturgesetz, das auf der Bewußtlosigkeit der Beteiligten beruht. Wüßten
die Produzenten als solche, wieviel die Konsumenten bedürften, organisierten
sie die Produktion, verteilten sie sie unter sich, so wäre die Schwankung der
Konkurrenz und ihre Neigung zur Krisis unmöglich“ (Engels, 514; 515). Von daher geht
sein Appell an die Kapitalisten, als „Menschen“ und nicht als „Atome ohne
Gattungsbewußtsein“ produzieren zu lassen; nur dann ließen sich diese „künstlichen und
unhaltbaren Gegensätze“ vermeiden. Solange aber auf die jetzige „unbewußte, gedankenlose,
der Herrschaft des Zufalls überlassene Art“ produziert werde, gäbe es auch Handelskrisen, eine
schlimmer als die andere, durch die „eine größere Menge kleiner Kapitalisten
verarmen“ und sich
die Anzahl „der bloß von der Arbeit lebenden Klasse in steigendem Verhältnis
vermehren“ müsse,
was letztlich eine „soziale Revolution herbeiführen“ werde, „wie sie sich die
Schulweisheit der Ökonomen nicht träumen läßt“ (Engels, 515).
Diesen Widerspruch, den Engels zwischen den fatalen Folgen, die die ungezügelte
Konkurrenz der Kapitalisten untereinander mit der Zwangsläufigkeit eines
Naturgesetzes hervorruft und der Notwendigkeit, das Verhältnis von Angebot und
Nachfrage auf der Höhe des menschlichen „Gattungsbewußtseins“ so zu regulieren, daß diese fatalen
Konsequenzen vermieden werden, wirken sieht – also im Grunde den
Widerspruch zwischen ‚Spontaneität und Bewußtheit’ in Lenins Was tun?
– diesen Widerspruch erklärt Uwe-Jens
Heuer zum Grundwiderspruch des Kapitalismus und die sich mit naturgesetzlicher
Zwangsläufigkeit daraus ergebenden Krisen und Revolutionen als dessen „’Naturgesetzlichkeit’“ zum eigentlichen Motor dieser
Produktionsweise, der, darin folgt er wörtlich dem jungen Engels, offenbar auch
seiner Ansicht nach durch einen Willensakt der Vernunft außer Funktion gesetzt
werden könne.
Ob es allein die Entdeckung dieser „’Naturgesetzlichkeit’ des Kapitalismus“ (Heuer, 33) gewesen ist, die Marx in
seinem Rückblick auf den Beginn seiner Freundschaft und Zusammenarbeit mit
Friedrich Engels dazu veranlaßt hat, von einer „genialen Skizze zur Kritik
der ökonomischen Kategorien“ zu sprechen, ist allerdings zu bezweifeln.26 Diese Einschätzung wird sich gleichermaßen, wenn nicht hauptsächlich, auf die
von Engels entdeckte Paradoxie bezogen haben, daß es in der von Menschen gemachten Gesellschaft Gesetze gibt, die nicht der menschlichen Gesellschaft entsprechend wie ein „Gesetz des Geistes“, sondern wie „ein reines
Naturgesetz“ (Engels, 515), das der Mensch bekanntlich nicht verändern, sondern nur anwenden
kann, mit den genannten Folgen wirken. Außerdem ist gerade das, was von
Uwe-Jens Heuer als „’Naturgesetzlichkeit’ des Kapitalismus“ (Heuer, 33) isoliert und
verabsolutiert wird, in der Engelsschen Dialektik nur ein Moment in diesem
Widerspruch, der weder logisch noch ethisch, sondern allein durch die
Beseitigung seiner sozialen Voraussetzungen aus der Welt zu schaffen ist.
Hätte sich Marx’ Wertschätzung der „genialen Skizze“ des jungen Engels zur Krisentheorie
allein darauf bezogen, was Uwe-Jens Heuer als die Entdeckung der „’Naturgesetzlichkeit’
des Kapitalismus“ bezeichnet
(Heuer, 33), hätten wir es bei Engels vielleicht mit einem verfrühten
Sozialdarwinisten zu tun. Der ins Auge springende Idealismus, der hinter
Engels’ Hoffnung steckt, diese Paradoxie durch einen reinen Willensakt der
Vernunft von seiten der Bourgeoisie zu beseitigen, dieser Idealismus ist bei
der gemeinsamen Abrechnung der beiden Freunde „mit unserm ehemaligen
philosophischen Gewissen“ wohl sehr bald auf der Strecke geblieben, nicht jedoch die von Engels
festgestellte Paradoxie selbst, die 1867 im berühmten ‚Fetisch-Kapitel’ im
Ersten Band des Kapital von Marx zugespitzt und endgültig ad absurdum geführt wird.27 Bezeichnenderweise spielt ja auch das ‚Fetisch-Kapitel’ in Marxismus und
Politik,
angeblich mit Rücksicht auf die Benutzerfreundlichkeit des Ersten Bandes des Kapital, eine nur untergeordnete Rolle.
Dessen Lektüre sollte nach Ansicht des Autors besser mit dem 24. Kapitel, worin
die sogenannte ursprüngliche Akkumulation des Kapitals behandelt wird, begonnen werden.28
Ohne uns weiter auf seine Kapital-Exegese einzulassen, die sich ohnehin nicht auf den
neuesten Stand der akademischen Marxologie einläßt, bleibt festzuhalten, daß
Uwe-Jens Heuer, auch wenn er diesen Begriff in Parenthese setzt und beteuert,
daß diese „’Naturgesetzlichkeit’“ nur wie ein Naturgesetz wirke, die auf diese Weise
isolierte und verabsolutierte „’Naturgesetzlichkeit’ des Kapitalismus“ zum Nennwert nehmen muß.29 Er bezeichnet die „’Naturgesetzlichkeit’ und Unausweichlichkeit“, womit Marx und Engels „diese
Prozesse“, d.h. die
Krisen des Kapitalismus, „schildern“ (Heuer, 49), als „naturgesetzliche(n) Gesamtprozeß“, mit dessen „Herausarbeitung“ Marx „sein Vorhaben einer
Wissenschaft der politischen Ökonomie des Kapitalismus verwirklicht“ habe, aus dem „sich dann
notwendig die Frage nach einem Ende dieses Prozesses“, auf die hin das Marxsche „Werk
angelegt“ sei,
ergebe (Heuer, 53). Dieser eher in Begriffen einer, wahrscheinlich nicht mehr
ganz modernen, Prozeßtechnologie beschriebene Kapitalismus, ähnelt einer sich
selbst steuernden technischen Apparatur (man denke an die frühen Tage der
Kybernetik und die letzten Tage von Tschernobyl!), bei deren Entgleisung nur
noch der Notschalter zu bedienen und der sozialistische Katastrophenschutz auf
den Weg zu schicken ist.30 „Folgt man einer solchen Vorstellung“, so Michael Brie als Vertreter der Mehrheitsmeinung in der PDS gegen den
‚Linksabweichler’ Heuer, „dann besitzt Politik im Rahmen des Kapitalismus
nur die Macht über ein Gaspedal (durch die herrschenden Klassen) oder eine
Bremse (durch die Unterdrückten), aber auf keinen Fall ein Steuerrad, das
Richtungsänderungen ermöglichen würde.“31 So gesehen wäre die Debatte
zwischen dem ‚reformorientierten’ und dem ‚real-sozialistischen’ Flügel in der
PDS auf die Differenz zwischen den ‚Bremsern’ des Kapitalismus und den
‚Aussteigern’ aus demselben zu reduzieren!
Dieser Unterschied erweist sich allerdings als ein nur taktischer, weil beide
Autoren grundsätzlich von dem positiven Einfluß ausgehen, den das
‚Sozialistische Lager’ im verflossenen Jahrhundert auf die Entfaltung und
Gestaltung der Klassenkämpfe im westlichen Europa ausgeübt haben soll. Dadurch
sei nach Michael Brie dem westlichen Kapitalismus ein „Akkumulationsregime“ 32 aufgezwungen worden, wodurch die
‚westdeutsche Bourgeoisie’ auf die Erwirtschaftung des Maximalprofits und die
ungehemmte Akkumulation des Kapitals ‚in der Tendenz’ habe verzichten müssen.
Mit dieser These spricht Michael Brie nicht nur die Lebenslüge der
westeuropäischen Linken aus, die ihr Konstrukt des ‚Neoliberalismus’ ebenfalls
auf das Verschwinden des entsprechenden ‚real-sozialistischen’ Drucks auf die
westdeutsche Bourgeoisie zurückführt, sondern teilt auch deren Ansicht, daß die
‚sozialen Bewegungen’ in ihrem Kampf gegen den ‚Neoliberalismus’ auch weiterhin
auf Druckmittel dieser Art nicht verzichten können und sollen. Als neuester
Kandidat für das ‚Hinterland’ der ‚antikapitalistischen’ Front in Westeuropa
wird China gehandelt, das stärkste Stück in der über Moskau, Berlin, Paris,
nach Madrid reichenden anti-amerikanischen ‚Achse’.
Der Trick in Michael Bries Argumentation besteht also, wenn wir die Marxsche
Krisentheorie in sehr verkürzter Form zu Rate ziehen, darin, daß er die
Kompensationsmöglichkeiten, über die das Kapital bei dem sich historisch durchsetzenden tendenziellen Fall der Profitrate verfügt, auch auf die Akkumulationskrisen des Kapitals für anwendbar hält, um
deren Folgen durch ein „Akkumulationsregime“ wie es der ‚rheinische
Kapitalismus’ z.B. dargestellt hat, zu kompensieren, wodurch deren
Unausweichlichkeit ‚in der Tendenz’ aufgehoben werden könne. Das ist natürlich
eine Illusion, - oder wiederum keine Illusion, wenn wir diese Überlegung durch
Uwe-Jens Heuers Vorschlag zum Ausstieg aus dem Kapitalismus und Umsteigen in
einen Sozialismus Heuerscher Prägung ergänzen und uns vergegenwärtigen, worauf
die von diesem Marx unterstellte „wissenschaftliche Darstellung des
‚naturgesetzlichen Gesamtprozesses’“ (Heuer, 41) politisch hinausläuft. In seiner Entgegnung auf
die Ansichten der Mehrheitsfraktion der PDS heißt es dazu lapidar: „Lehnt
man die Möglichkeit grundlegender Verbesserungen des Kapitalismus innerhalb
dessen Rahmen ab, so bleibt als einzige Antwort die Revolution.“ (Heuer, 37). Wir haben inzwischen
bei der Überprüfung ihrer Voraussetzungen erfahren, um was für eine Revolution
es sich dabei handelt.
Denn es sind, wie wir inzwischen wissen, nicht die Paradoxien der
Warengesellschaft, von denen im Marxschen Kapital der Antagonismus von Lohnarbeit und
Kapital seinen Ausgang nimmt – und die Michael Brie von seinem Standpunkt
im Auge des Tornados aus betrachtet als bereits „überwunden“ ansieht33 – ebensowenig die aus der Entstehung und Entfaltung der Lohnarbeit
hervorgehenden politischen Klassenkämpfe um das Gemeinwesen des Proletariats,
das zu seiner Selbstverteidigung staatliche Gewalt einsetzen muß, gerade weil
es selbst bereits aufgehört hat, Staat zu sein; all das ist bei Uwe-Jens Heuer
mit dem Proletariat als revolutionärem Subjekt des politischen Klassenkampfes
auf der Strecke geblieben. Statt dessen schwebt ihm nun vor, den „‚naturgesetzlichen
Gesamtprozeß’ des Kapitalismus“ wie eine technische Apparatur einfach abzuschalten, um an
dessen Stelle seinen als „Staatswerdung der sozialistischen Bewegung“ (Heuer, 28) bezeichneten
Sozialismus zu installieren. Dieser Sozialismus resultiert dann, wie bei einer
Gefängnismeuterei, aus einem „Ausbruch aus dem ‚naturgesetzlichen’
Gesamtprozeß des Kapitalismus“ (Heuer, 123), dem „mit der sozialistischen Revolution“ durch einen „politischen Eingriff
... ein Ende
gesetzt“ wird
(Heuer, 122).
Wenn aber aus „der Darstellung dieses Gesamtprozesses, seiner einzelnen auch
einander zuwiderlaufenden Gesetzmäßigkeiten sich dann notwendig die Frage nach
einem Ende dieses Prozesses“ (Heuer, 53) bei Marx ergeben soll, d.h. der Kapitalismus
wie eine technische Apparatur von Staats wegen einfach ab- und der Sozialismus
angeschaltet wird, dann muß diese, folgt man dieser Logik, irgendwann einmal
von irgend einem Demiurgen als Schöpfer dieser Apparatur durch außerökonomische
Gewalt in gang gesetzt worden sein. Dies geschieht bei Uwe-Jens Heuer durch das
Wörtlichnehmen der von Marx als „sogenannte“ bezeichneten „’ursprüngliche(n)’ Akkumulation“ des Kapitals, die nach Marx „in der politischen
Ökonomie ungefähr dieselbe Rolle wie der Sündenfall in der Theologie“ spiele; „eine Akkumulation,
welche nicht das Resultat der kapitalistischen Produktionsweise ist, sondern
ihr Ausgangspunkt“
sein soll.34. Von den
damit einhergehenden Gewaltaktionen leitet Uwe-Jens Heuer die ‚dualektische’ „Einheit
von zivilisatorischer Errungenschaft und Barbarei, die Marx und Engels in Bezug
auf den Kapitalismus“ herausarbeitet hätten, ab (Heuer, 53) und bezeichnet diese als „Januskopf“ des Kapitalismus. „Dieses
Doppelantlitz also, zivilisatorischen Fortschritt und Barbarei gleichermaßen
verkörpernd, wird von Marx dem ‚naturgesetzlichen’ Prozeß des Kapitalismus
zugeschrieben“ (Heuer, 51). Anstelle der Sprengkraft, die die in der kapitalistischen
Produktionsweise angelegten Widersprüche entwickeln und im Kapital von Marx in ihrer Entfaltung
analysiert werden, stellt der Autor mit dem „Januskopf“, der nach vorne auf den„Fortschritt“ und nach hinten auf die „Barbarei“ weist, zwei Momente des
Kapitalismus, die auf sehr komplizierte Weise mit einander verschränkt und
nicht auf Anhieb zu entwirren sind, einander statisch gegenüber und leitet
daraus ab, daß diese Gesellschaftsformation durch dieselbe außerökonomische
Gewalt demontiert werden wird, durch die sie vor mehr als 500 Jahren in
Westeuropa geschaffen worden ist.
Aus dieser ‚dualektischen’ „Einheit“ des Kapitalismus resultiert auf den nachfolgenden Seiten
des Buches die ‚Freiheit’ des Staat gewordenen Sozialismus, bei seinem „Ausbruch
aus dem ‚naturgesetzlichen’ Gesamtprozeß des Kapitalismus“ (Heuer, 123) nicht weniger gewaltsam
als einst der westeuropäische Kapitalismus gegen seine Bevölkerung vorzugehen.
Der Autor hat nur nicht bemerkt, daß die westeuropäischen Arbeiterklassen ihre
Proletarisierung schon mehr als 500 Jahre hinter sich haben und keine Sehnsucht
nach einer erneuten als Sozialismus daherkommenden ‚ursprünglichen
Akkumulation’ verspüren, was sie immer wieder, in Deutschland zuletzt am 17.
Juni 1953, auf die Seite des auf ‚normale’ Weise akkumulierenden Kapitals (wie
es sich nun auch in ganz Osteuropa etabliert) getrieben hat.35 Ganz anders dagegen die Arbeiterklassen der ‚Dritten Welt’ und Chinas, die
diese zum großen Teil noch vor sich haben oder mitten darin stecken, wie die
Entvölkerung der städtischen Slums von Zimbabwe durch den Heros der
globalisierungskritischen europäischen Linken,
Mugabe, oder die Landflucht der chinesischen Bauern bezeugen.
In diesem Sinne ist für Uwe-Jens Heuer die „barbarische Seite der
sozialistischen Produktionsweise“ als ebenso unvermeidlich in Betracht zu ziehen, wie beim take-off des westeuropäischen Kapitalismus vor
mehr als 500 Jahren (Heuer, 53)! Die theoretische Rechtfertigung dafür sucht
er, was den ersten Sozialismus betrifft, in der von Preobrashenski Ende der
20er Jahre propagierten „Enteignung eines Teils des Mehrprodukts der
vorsozialistischen Wirtschaftsformen“, d.h. der Vernichtung der russischen Dorfgemeinde durch die
‚Sowjetmacht’ (eine Wortbildung, die ironischerweise genau in jenen
archaisch-kommunistischen Eigentumsformen der russischen Dorfgemeinde, die dem take
off des ersten
Sozialismus geopfert wurde, ihren Ursprung hat), in deren Verlauf Stalin unter
Düpierung der mit ihm verbündeten linken Sozialimperialisten zur
Alleinherrschaft aufgestiegen war. Diesen politischen „Sündenfall“, der an der ‚marxistischen’ europäischen Linken bis heute nagt und woraus letztlich
ihre politische Agonie herrührt, verteidigt der Autor mit der schon klassisch
zu nennenden Ausrede, daß auf andere Weise die Sowjetunion nicht hätte gegen
den Faschismus verteidigt werden können.36 Wir werden uns an anderer Stelle näher dazu einlassen, ob die Sowjetunion unter
der Leninschen Roten Fahne, die Stalin in den Dreck geworfen hatte, um daraus
den ‚Leninismus’ hervorzuzaubern, gegen den Angriff des deutschen
Hitler-Regimes mit verhältnismäßige weniger Opfern und erfolgreicher, d.h. ohne
Liquidierung der russischen Revolution als Hinterland der Weltrevolution, hätte
verteidigt werden können als unter der Knute des Stalinschen GuLag-Regimes.
Dessen Entstehung sei zwar auch für Uwe-Jens Heuer „nicht schicksalhaft
unvermeidlich“ gewesen.37 Gleichzeitig müsse aber auch „das tatsächlich Unvermeidliche benannt werden“, in diesem Fall durch die Blume einer Brecht-Notiz
aus dem Jahre 1937, worin die Unvermeidlichkeit der Vernichtung der russischen
Bauerngemeinde durch Stalins (i.e. Preobrashenskis) ‚ursprüngliche
Akkumulation’ unverblümt zum Ausdruck gebracht wird: „...Es müssen jene
Diktaturen unterstützt und ertragen werden, welche gegen diese Zustände der
ökonomischen Art vorgehen. Das sind nämlich jene Diktaturen, welche ihre eigene
Wurzel ausreißen... Ohne die Unterdrückung jener Bauernmassen, welche den
Aufbau einer mächtigen Industrie in Rußland nicht unterstützen wollen, kann
nicht ein Zustand eintreten, d.h. geschaffen werden, in dem Diktaturen
überflüssig werden.“ (Brecht,
zit. bei Heuer, 120).
Das ist es, worauf die vom Autor als „unvermeidlich“ angesehene Verknüpfung von
Sozialismus und Barbarei als „’naturgesetzlicher’ Gesamtprozeß“ hinausläuft, und wenn diese Ansicht
Schule macht, den Kommunismus zum
Schreckgespenst werden läßt, nicht, wie dereinst vor 150 Jahren für die um ihre
Privilegien fürchtenden herrschenden Klassen Europas – sie haben längst
gelernt, mit dem Kommunismus dieser Art
umzugehen und, wenn dieser es nicht zu weit treibt, mit ihm friedlich zu
koexistieren – sondern die von der Weltbourgeoisie ausgebeutete Mehrwert
produzierende Klasse auf diesem Erdball.
Um zum Schluß zu kommen: wir haben es dem Autor von Marxismus und Politik nicht negativ angerechnet, daß er
sich weder mit der akademischen Marxologie auseinandersetzt‚ die Marx zum
bürgerlichen Politiker oder zu einem gewöhnlichen Staatstheoretiker machen
möchte noch mit der leidigen ‚marxistischen’ Staatsableitungs-Debatte, wie sie Anfang der 70er Jahre in
der ‚westdeutschen’ Linken tobte und sang und klanglos aus der Szene
verschwunden ist. Auch hat er der Versuchung widerstanden, wie üblich, die
Leninsche Staatsauffassung herunterzuleiern, obwohl er mit seinen
Zugeständnissen an Bakunin und Rosa Luxemburg zu Lasten von Marx und Engels vom
Regen in die Traufe gelangt. Um so erstaunlicher ist allerdings, daß er mit
keinem Satz auf das Verhältnis von Marx und Engels zu Rußland eingeht, von dem
beider Politik nicht unbeträchtlich bestimmt war, und wozu sich übrigens auch
die ‚marxistischen’ Staatsableiter nur sehr wortkarg äußern mochten.
Das wirft die Frage auf, ob eine Untersuchung über Marxismus und Politik, die darauf verzichtet, dieses
Verhältnis zu analysieren, nicht selbst Gefahr läuft, in jene Grauzone
verschlagen zu werden, die Marx und Engels ihrerseits als Feld großrussischer
Einflußnahme auf die Politik der europäischen
Arbeiterklassen wahrgenommen und denunziert haben?
Daß Rosa Luxemburg z.B. von solcher Art Voreingenommenheit nicht frei war, ist
schon dem alten Wilhelm Liebknecht aufgefallen, einem von Rosa Luxemburg als
naiv belächelten Parteigänger der ‚Partei Marx’, der in einem Brief an den Vorwärts vom 11.11.1896 bemängelt, daß Rosa Luxemburg über die
Türkei im Stile der Propaganda Gladstones und Rußlands urteile, ohne über die
Sache genauere Untersuchungen angestellt zu haben.38 In diesen Grauzonen weht, wie der nur wenig später von der jungtürkischen
Generalität befohlene Völkermord an den Armeniern bezeugt, ein scharfer Wind;
desto schärfer muß das Urteil ausfallen, das alle Einflußnahmen, die darin
herrschen, in Rechnung stellt. Marx und Engels hatten im Gegensatz zu ihrem
allzu gemütlich urteilenden Parteigänger sehr präzise Kriterien, um Fisch von
Fleisch zu unterscheiden. Sie hätten weder Liebknechts Gemütssozialismus noch
Luxemburgs einseitige Beurteilung der russischen Nahost-Politik, mit der sie
sich seit dem Krim-Krieg intensiv publizistisch auseinandergesetzt haben,
akzeptiert.
Ebensowenig ist eine Untersuchung über Marxismus und Politik zu akzeptieren, die den
Einfluß einer der bestimmenden Weltmächte auf die Politik und Strategie der
europäischen Arbeiterklassen schlichtweg ignoriert. Dieser blinde Fleck beruht
auf Uwe-Jens Heuers, auch von manch anderen ‚marxistischen’ Zeitgenossen
geteilten, Fehlurteil, daß man „generell... in Anbetracht des
Gesamtwerkes von Marx und Engels einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der
Analyse der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise (und nur dieser
Produktionsweise) und ihren Aussagen zur politischen Entwicklung machen“ müsse (Heuer, 56). Dieser
blinde Fleck hat wahrscheinlich zur Vergrößerung jener inneren Barriere
beigetragen, die Uwe-Jens Heuer daran hindert, die Politik des Marxismus als revolutionäre
Strategie der ‚Partei Marx’ zur Kenntnis zu nehmen. Das Buch jedenfalls, das
diese Politik als Politik der ‚Partei Marx’ korrekt darstellt, bleibt
weiterhin ungeschrieben.
In einigen Fällen konnten die Versuche des Autors von Marxismus und
Politik, Marx in diesem Sinne unter der Hand zu ‚korrigieren’ oder in der
Tradition von Bakunin, Luxemburg und Kautsky zu beweisen, daß die Marxsche
Politik in vieler Hinsicht als ‚veraltet’ anzusehen sei, widerlegt werden. Sie
ist aktueller denn je!
1 Uwe-Jens Heuer, Marxismus und Politik, Hamburg 2004 [VSA-Verlag Hamburg].
2 Vgl. STREITPUNKT 2: Warum Lenins ‚letzter Kampf’ gegen den linken Sozialimperialismus
nicht zu gewinnen war, 39 ff [PDF/HTML].
3 Uwe-Jens Heuer, Marxismus und Politik, (Anm. 1), 97: „Bernstein, Kautsky, Luxemburg und
Lenin standen für verschiedene Richtungen. Es ging um das Verständnis der
grundlegenden Veränderungen, um eine neue Praxis, neue Theorie, neue Begriffe.“ [Die weiteren Nachweise im Text in Klammern].
4 Ebenda: „Die Arbeiten von Marx und Engels auf
politischem Gebiet hatten eine Fülle wissenschaftlicher Erkenntnisse gebracht.
Die neue Methodologie hatte viele Einsichten in zeitgeschichtliche Prozesse
befördert, aber auch in historische Abläufe von der Entstehung des Staats und
des Privateigentums bis zur preußisch-deutschen Geschichte. Der neue ‚rote
Faden’ hatte es ermöglicht, vieles neu zu sehen. Eine konsistente Gesamttheorie
der Politik aber, die der Wissenschaft der politischen Ökonomie des
Kapitalismus gleichwertig an die Seite gestellt werden konnte, lag nicht vor.“
5 STREITPUNKT 2 (Anm. 2), 51: nach Rosa Luxemburg haben Marx und Engels den „radikalsten
linken Flügel der damaligen revolutionären Demokratie“ gebildet.
6 STREITPUNKT 2 (Anm. 2), 20.
7 Uwe-Jens Heuer, Marxismus und Politik (Anm. 1), 31: „Kein Zweifel, er wollte mit seinem
Werk den Ausgebeuteten helfen, ihre Lage zu verändern.“
8 Karl Marx; Friedrich Engels, Manifest der
Kommunistischen Partei, MEW 4
(459-493), 484. Darin wird der Sozialismus des neuen Kleinbürgertums, das sich
in der modernen Zivilisation als ein zwischen Proletariat und Bourgeoisie
schwebender und ergänzender Teil der bürgerlichen Gesellschaft gebildet hat und
deren Mitglieder „ständig in das Proletariat hinabgeschleudert werden“, als „reaktionär und utopisch zugleich“ dargestellt. Diese prinzipielle Absage an den
kleinbürgerlichen „Sozialismus“ schließt aus, daß sich Marx und Engels als dessen ‚linker Flügel’ betrachtet
hätten. Stellenweise liest sich ihre Kritik an diesem “Sozialismus“ als höchst aktuelle Polemik gegen den
kleinbürgerlichen ‚Antikapitalismus’ der europäischen Linken unserer Tage: „Dieser
Sozialismus zergliederte höchst scharfsinnig die Widersprüche in den modernen
Produktionsverhältnissen. Er enthüllte die gleisnerischen Beschönigungen der
Ökonomen. Er wies unwiderleglich die zerstörende Wirkung der Maschinerie und
der Teilung der Arbeit nach, die Konzentration der Kapitalien und des
Grundbesitzes, die Überproduktion, die Krisen, den notwendigen Untergang der
kleinen Bürger und Bauern, das Elend des Proletariats, die Anarchie der
Produktion, die schreienden Mißverhältnisse in der Verteilung des Reichtums,
den industriellen Vernichtungskrieg der Nationen untereinander, die Auflösung
der alten Sitten, der alten Familienverhältnisse, der alten Nationalitäten.
Seinem positiven Gehalte nach will jedoch dieser Sozialismus entweder die alten
Produktions- und Verkehrsmittel wiederherstellen und mit ihnen die alten
Eigentumsverhältnisse und die alte Gesellschaft, oder er will die modernen
Produktions- und Verkehrsmittel in den Rahmen der alten Eigentumsverhältnisse,
die von ihnen gesprengt wurden, gesprengt werden mußten, gewaltsam wieder
einsperren.“ Man denke nur an den
von bestimmten deutschen Kapitalismus-Analytikern allseits herbeigewünschten
‚rheinischen Kapitalismus’ der Nachkriegszeit!
9 Dazu möge die Frage erlaubt sein, ob Uwe-Jens
Heuer diese Marxsche Unterscheidung
wirklich geläufig ist, wenn es in Marxismus und Politik (Anm.1), 56, heißt: „Die politischen
Auseinandersetzungen, der politische Klassenkampf sind abgeleiteter Natur, hier
ist viel mehr Zufälligkeit am Werke, hängt viel mehr von subjektiven Faktoren,
selbst von einzelnen Persönlichkeiten ab.“ Wie es scheint, sind für ihn „politische Auseinandersetzungen“ (zwischen wem auch immer) und der „politische
Klassenkampf“ (bei Marx zwischen der
Klasse des Proletariats und der Bourgeoisie) ein und dasselbe!
10 Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel „Der König von Preußen und die
Sozialreform. Von einem Preußen“ (Vorwärts! Nr. 60) MEW 1 (392-409) [Nachweise im Text in Klammern]. Marx’ Kritik richtet sich
gegen einen Artikel Arnold Ruges in derselben Zeitung: »Ein Preuße« (i.e. Arnold Ruge), Der König von Preußen und die Socialreform, Vorwärts! Nr. 60 (27.07.1844) [Reprint: Leipzig 1975].
11 Erst im Manifest der Kommunistischen Partei (Anm. 7), 471, haben Karl Marx und Friedrich Engels explizit formuliert, was sie unter dem politischen
Klassenkampf verstehen: „Es bedarf aber bloß der Verbindung, um die vielen
Lokalkämpfe von überall gleichem Charakter zu einem nationalen, zu einem
Klassenkampfe zu zentralisieren. Jeder Klassenkampf aber ist ein politischer
Kampf“, wobei die „Organisation
der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei jeden Augenblick
gesprengt (wird) durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst“. Zur Begründung hieß es schon weiter oben: „Das
eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern
die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter“, die diese Konkurrenz im politischen Klassenkampf
zeitweise aufhebt, ohne sie, solange der Kapitalismus besteht, beiseitigen zu
können.
12 Während Karl Marx, Kritische Randglossen (Anm. 9), 408, auf die von Arnold Ruge beschworene
Unmöglichkeit einer „Sozialrevolution ohne politische Seele (d.h. ohne die
organisierende Einsicht vom Standpunkt des Ganzen)“ unmittelbar antwortet: „Man hat gesehn. Eine soziale Revolution befindet sich deswegen auf dem Standpunkt
des Ganzen, weil sie – fände sie auch nur in einem Fabrikdistrikt statt – weil sie eine Protestation des
Menschen gegen das entmenschte Leben ist, weil sie vom Standpunkt des einzelnen wirklichen Individuums ausgeht, weil sie das Gemeinwesen, gegen dessen Trennung von sich das Individuum
reagiert, das wahre Gemeinwesen des Menschen ist, das menschliche Wesen“, wird von Uwe-Jens Heuer, Marxismus und Politik (Anm.1), 24,aus dieser Passage nur der von mir nicht unterstrichene
Halbsatz übernommen, jedoch die von Marx hinzugefügten Bestimmungen der
Getrenntheit des proletarischen Individuums vom menschlichen Gemeinwesen und deren Aufhebung durch eine soziale Revolution dagegen weggelassen.
Das liest sich bei Heuer, ebenda,
dann so: „Ruges Forderung nach einer politischen Seele der sozialen
Revolution hält Marx entgegen: ‚Eine soziale Revolution befindet sich deswegen auf dem Standpunkt des Ganzen, weil sie ... vom Standpunkt des einzelnen wirklichen Individuums ausgeht’, nicht vom Standpunkt des
abstrakten Staates.“ Es bleibt also
in dem vom Autor zitierten (und von mir [E.-U.K.] unterstrichenen) Ausschnitt
aus dem Marx-Text unklar, um welches Individuum es sich bei dem von Marx charakterisierten „wirklichen
Individuum“ handelt: das bürgerliche oder das proletarische. Für das bürgerliche Individuum besteht nach Marx die „politische Seele einer Revolution ... in der Tendenz der politisch einflußlosen Klassen, ihre Isolierung vom Staatswesen und von der Herrschaft aufzuheben. Ihr Standpunkt ist der des Staats, eines abstrakten Ganzen, das nur durch die Trennung vom wirklichen Leben besteht,
das undenkbar ist ohne den organisierten Gegensatz
zwischen der allgemeinen Idee und der individuellen Existenz des Menschen.“ Genau darum handelt es sich bei Uwe-Jens Heuers aus
dem Zusammenhang gerissenen „»wirklichen Individuum«“ und seiner Trennung vom bürgerlichen Gemeinwesen.
13 Was hier als das ‚Programm’ der ‚Partei Marx’
bezeichnet wird, findet sich angedeutet in: Karl Marx, Lohnarbeit und
Kapital, MEW 6 (397-423), 397: „...daß
jede revolutionäre Erhebung, mag ihr Ziel noch so fernliegend dem Klassenkampf
scheinen, scheitern muß, bis die revolutionäre Arbeiterklasse siegt, daß jede
soziale Revolution eine Utopie bleibt, bis die proletarische Revolution und die
feudalistische Konterrevolution sich in einem Weltkrieg mit den Waffen messen.“ Zur Revolution in Permanenz vgl. STREITPUNKT 2 (Anm.
2), 20: „II. 2. Die Permanenz
der Revolution und die Einheit des Gegensatzes zwischen politischer und
sozialer Revolution.“
14 Karl Marx, Kritische Randglossen (Anm. 9), 409: „Die Revolution überhaupt - der Umsturz der bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse - ist ein politischer Akt. Ohne Revolution kann sich aber der Sozialismus nicht ausführen. Es bedarf dieses politischen Aktes, soweit er der Zerstörung und er der Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck, seine Seele, hervortritt, da schleudert der Sozialismus die politische Hülle weg.“
16 Auch Uwe-Jens Heuer, Marxismus und Politik (Anm. 1), 9, kommt über eine Retourkutsche an die
Adresse der bürgerlichen Sozialismus-Kritiker nicht hinaus: „Da war die DDR
ein Unrechtsstaat, bestimmte schwerwiegende Vorgänge wie der 17. Juni 1953 oder
der Mauerbau von 1961 werden aus dem geschichtlichen Zusammenhang gerissen und
moralisch verurteilt, Gleichartiges oder viel Schlimmeres von Seiten des [bundesdeutschen, E.-U.K.] Rechtsstaates dagegen
verschwiegen oder als durch die jeweilige Lage gerechtfertigt dargestellt.
Dabei erwächst die Wirkungskraft solcher Darstellungen aus ihrer unablässigen
Wiederholung, ohne jede Vertiefung.“
17 Karl Marx, Randglossen zum Programm der
deutschen Arbeiterpartei (MEW
19, 15-32), 29: „Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen
Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die
andre. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts
andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“
18 In dem von Heuer zitierten Konspekt zu Michael Bakunins ‚Staatlichkeit und Anarchie’ antwortet Karl Marx, MEW 18 (599-642), 634,
auf die von Bakunin gestellte Frage, ob dann, wenn sich das Proletariat als
herrschende Klasse organisiere, 40 Millionen Deutsche an der Regierung teilhaben? „Certainly! Da die Sache mit der Selbstregierung der Gemeine [!!!] anfängt.“ Das Proletariat könne „nur ökonomische Mittel anwenden, die seinen
eignen Charakter als salariat“, d.h.
als Lohnarbeiter und „daher als Klasse aufheben“. Mit seinem völligen Sieg sei daher auch „seine
Herrschaft zu Ende, weil sein Klassencharakter“ dann aufgehoben sei [!]. Die Marxsche Vorstellung
vom Sozialismus als „Selbstregierung der Gemein[d]e“,
eine wörtliche Übertragung des französischen commune ins Deutsche, ist die konkrete Form des „Gemeinwesens“ des Proletariats aus dem Jahre 1844, in einem um die
Klassenfrage erweiterten Zusammenhang! Uwe-Jens Heuer, Marxismus und
Politik (Anm. 1), 66, teilt dagegen Bakunins Ansicht, daß die
Selbstregierung der 40 Millionen Deutsche entweder ‚von unten’, d.h. von 40
Millionen ‚Freiheitskämpfern’ zu erringen sei oder auf die Diktatur einer
Minderheit verbeamteter ‚marxistischer’ Arbeiter hinauslaufen werde, wogegen es
bei Marx, a.a.O., 635, heißt, daß „das Phantasma“ des „Volkswillen(s)“ verschwinden und durch den „Willen des
Kooperativs“ auf der Grundlage des „Kollektiveigentums“ ersetzt werden
würde. „Wäre Herr Bakunin bekannt auch nur mit der Stellung eines Managers
in einer Arbeiter-Kooperativ-Fabrik, alle seine herrschaftlichen Träume [wären] zum Teufel. [Er] Hätte sich fragen sollen: welche Form können
Verwaltungsfunktionen auf Grundlage dieses Arbeiterstaats, wenn er es so nennen
will [!], annehmen!“ Heuers
Kommentar, ebenda: „Und das alles bei 40 Millionen Menschen? Ein tieferes
Eindringen in das widersprüchliche Verhältnis von Arbeitern und ‚eigenem Staat’ [sic!] war Marx vielleicht nicht
möglich, aber er verweigerte es auch. Er begnügte sich damit, eine mögliche
Antwort auf diese Zukunftsfrage, die dann nach 1917 über die Arbeiterbewegung
nicht nur in Rußland hereinbrach, gegeben zu haben.“ Diese „mögliche Antwort“ ist in Wirklichkeit die Bakuninsche, wenn auch
versteckt unter einer ‚marxistisch’ klingenden „historisch-materialistische(n) Grunderkenntnis: ...Während die
These Bakunins, daß mit dem Staat auch das Kapital fiele, von Marx und Engels
zutreffend bekämpft wurde – sie widersprach ihrer
historisch-materialistischen Grunderkenntnis [!] –, stand ihre Gegenbehauptung, daß mit dem Privateigentum
auch der Staat verschwinde, schon damals auf schwachen Füßen – inzwischen
ist sie ja eindeutig widerlegt. Marx duldete aber nicht den leisesten Zweifel
an dieser These.“ Durch wen auch
immer die Marxsche „Gegenbehauptung“ widerlegt worden sein mag, feststeht, daß die auf „die These
Bakunins“ zurückreichende Antwort
des linken Sozialimperialismus auf die „Zukunftsfrage“ von 1917 schließlich jene Katastrophe hervorgerufen
hat, die Heuer wegen dessen angeblicher Uneinsichtigkeit und mangelnder
Flexibilität auf Marx zurückrechnet.
19 Friedrich Engels bemerkt in der Einleitung [zu Karl Marx’ ‚Bürgerkrieg in Frankreich’], MEW 22 (188-199), 198; daß sich „gerade in
Deutschland der Aberglaube an den Staat aus der Philosophie in das allgemeine
Bewußtsein der Bourgeoisie und selbst vieler Arbeiter übertragen“ habe. Nach Hegels Rechtsphilosophie sei der Staat die „»Verwirklichung der Idee« oder
das ins Philosophische übersetzte Reich Gottes auf Erden, das Gebiet, worauf
die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit sich verwirklicht. Und daraus folgt dann
eine abergläubische Verehrung des Staats und alles dessen, was mit dem Staat
zusammenhängt... In Wirklichkeit aber ist der Staat nichts als eine Maschine
zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andre, und zwar in der demokratischen
Republik nicht minder als in der Monarchie; und im besten Fall ein Übel, das
dem im Kampf um die Klassenherrschaft siegreichen Proletariat vererbt wird und
dessen schlimmste Seiten es ebensowenig wie die Kommune umhin können wird,
sofort möglichst zu beschneiden, bis ein in neuen, freien
Gesellschaftszuständen heranwachsendes Geschlecht imstande sein wird, den
ganzen Staatsplunder von sich abzutun.“
21 Das ist auch Michael Brie aufgefallen, der in seiner ausführlichen Rezension Welcher
Marxismus und welche Politik? Uwe-Jens Heuers Buch ‚Marxismus und Politik’ kritisch gelesen in: UTOPIE kreativ (165/166) 07/08 2004, (648-661), 659, bemerkt: „Die
bloße ‚Beseitigung der Herrschaft des Privateigentums’ ist meines Erachtens
nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts unzureichend, um von Sozialismus in
Marxens emanzipatorischen Sinne zu sprechen. Es kann rückschrittliche und
fortschrittliche Formen der Beseitigung des Privateigentums geben und bedarf
Kriterien, die gesellschaftliche Macht- und Eigentumsverhältnisse an
Emanzipationskriterien zu messen.“ Wir
wollen vorerst dahingestellt sein lassen, was Michael Brie unter diesen so
klassenneutral formulierten „Emanzipationskriterien“ versteht...
22 Siehe Uwe-Jens Heuer, Marxismus und Politik (Anm. 1), 217 f., wo er uns pragmatisch vorrechnet: „Jede
Opposition gegen den global aktiven Imperialismus, wenn sie ein ganzes Land
erfaßt, muß sich, wenn sie dauerhaft bleiben soll, auf die Staatsmacht stützen.
Gerade deshalb ist der Kampf gegen die ‚Schurkenstaaten’ ein zentraler
Bestandteil der imperialistischen Strategie“ Und deshalb, so lautet Heuers Umkehrschluß müsse sich der Kampf gegen
den Imperialismus auch auf jene ‚Schurkenstaaten’ stützen. „Das allgemeine
Wahlrecht dient dabei der eigenen [i.e.
(us-) imperialistischen] Legitimation, sein Fehlen der Delegitimation des
Opfers [z.B. Kubas]. Die
ungeheure ökonomische und ideologische Dominanz des Imperialismus kann
tatsächlich dazu führen, daß der ‚Schurkenstaat’ eine solche Selbstlegitimation
scheuen muß. ... Ein imperialistischer Staat mit freien Wahlen ist nicht
demokratischer als ein Staat, der sich seiner Übermacht durch bestimmte
diktatorische Maßnahmen erwehrt und in dem der reale Einfluß der Massen
keineswegs geringer ist.“ [!!!] Mit
dieser politischen Aufrechung von „demokratischeren“ oder weniger demokratischen Staaten demonstriert
unser Autor nicht nur sein tiefes Verhaftetsein im Staats-Fetischismus, seine
fragwürdigen Kosten-Nutzenrechnungen nach dem Gesichtspunkt des kleineren Übels
verhindert auch, sich über die wirklichen Verhältnisse in diesen Gesellschaften
und die Verwobenheit aller dieser Staaten in den Weltmarkt und die darin
operierende Weltbourgeoisie den Kopf zu zerbrechen! Vor dieser sind alle
Castros und Milosevics wie alle Katzen grau, solange sie Mäuse fangen,
d.h. die Menschheit und die Natur auf gemeinsame Rechnung ausbeuten.
Wieso sollten sie, wenn sie sich aus ‚persönlichen’, häufig mafiosen, Gründen
diesem Geschäft verweigern, als deren Befreier gelten?
23 Reduziert auf seine Tätigkeit als reiner
Wissenschaftler sind es nach Uwe-Jens Heuer, a.a.O., 40, nicht nur die verschiedenen
Erkrankungen, die Marx zeitweise von der theoretischen Arbeit abhalten, sondern
auch seine unverändert fortgesetzten politischen Aktivitäten: „Die [theoretische, E.-U.K.] Arbeit wurde immer wieder
durch Krankheiten unterbrochen. Auch politische Auseinandersetzungen lenkten
Marx ab.“
24 Michael Brie, Welcher Marxismus... (Anm. 19), 656.
25 Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der
Nationalökonomie, MEW 1
(499-524) [Nachweise im Text in Klammern].
26 Karl Marx, im Vorwort Zur Kritik der Politischen Ökonomie, MEW 13, (7-160), 10: „Friedrich Engels, mit dem
ich seit dem Erscheinen seiner genialen Skizze zur Kritik der ökonomischen
Kategorien ... einen steten schriftlichen Ideenaustausch unterhielt, war auf
anderm Wege ... mit mir zu demselben Resultat gelangt, und als er sich im
Frühling 1845 ebenfalls in Brüssel niederließ, beschlossen wir, den Gegensatz
unserer Ansicht gegen die ideologische der deutschen Philosophie gemeinschaftlich
auszuarbeiten, in der Tat mit unserem ehemaligen philosophischen Gewissen
abzurechnen.“
27 Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, MEW 23, 85: „4. Der Fetischcharakter der Ware
und sein Geheimnis“. Daraus läßt
sich ablesen, daß es Marx in
diesem Kapitel wohl kaum um die Dichotomie Natur - Gesellschaft geht, sondern
um die Selbstentlarvung des Fetischs, der auf der Hinnahme des
Auf-den-Kopf-gestellt-Seins der gesellschaftlichen Beziehungen der
Privatproduzenten als ‚naturgegeben’ beruht, die, um sich fremde Gebrauchswerte
anzueignen, eigene Gebrauchswerte in Waren verwandeln müssen. Die von Heuer
konstruierte „’Naturgesetzlichkeit’“ hat für Engels und Marx also keine eigenständige Bedeutung, sondern
findet als Quasi-Naturgesetzlichkeit von gesellschaftlichen
Verhältnissen nur metaphorische Verwendung, die wegen der Art, wie die
Privatproduzenten ihre gesellschaftlichen Beziehungen wider die Natur des
Menschen als zoon politikon, als
Gemeinschaftswesen, regeln, wie ein Naturgesetz wirkt, ohne für sich
genommen eine Erklärung dieser Verhältnisse liefern zu können, wie
positivistische Gesellschafts-Theorien, z.B. die Systemtheorie, uns weismachen wollen. Heuers „’Naturgesetzlichkeit’“ der gesellschaftlichen Beziehungen in der Warengesellschaft
wirkt also nur in Abhängigkeit von der „Bewußtlosigkeit“, mit der nach Friedrich Engels „die Beteiligen“ diese
Beziehungen eingehen; diese „Bewußtlosigkeit“ erklärt aber nicht, warum die Gesetzmäßigkeit, mit
der das erfolgt, „wie ein reines Naturgesetz“ wirkt. Aber genau darin sucht Uwe-Jens Heuer eine
erschöpfende Erklärung der Gesetze des Kapitalismus, die diese Metapher aber
nicht liefern kann.
28 A.a.O., 741: „ 24. Kapitel. Die sogenannte
ursprüngliche Akkumulation“. Nach Uwe-Jens
Heuer, Marxismus und Politik (Anm.
1), 41, habe der artistische Charakter, mit dem Marx den Aufbau des Gesamtwerks
geplant habe, bewirkt, „daß der Ausgangspunkt ausgesprochen theoretische
Überlegungen waren und zwar nicht einmal Überlegungen zum Kapital, sondern
zuerst zu Ware und Geld und dann zur Verwandlung von Geld in Kapital. Sie haben
sicher manchen Leser abgeschreckt. Marx wollte aber das innere Wesen des
Kapitalismus darstellen und begann deshalb nicht mit der unzweifelhaft dem
Leser leichter zugänglichen Herstellung der historischen Voraussetzungen des
Kapitalismus. Sie werden erst im 24. Kapitel des ersten Bandes behandelt.“ Wahrscheinlich nicht der letzte in der langen Reihe
von vergeblichen Versuchen, das Kapital ‚popularisieren’ zu wollen, ohne es selbst verstanden zu haben!
29 Uwe-Jens Heuer, Marxismus und Politik (Anm. 1), 32: „Wenn hier von Naturgesetzen die
Rede ist, so sind nicht buchstäblich Gesetze der Natur gemeint, sondern
gesellschaftliche Gesetze, die wie Naturgesetze wirken, sich hinter dem Rücken
der Menschen durchsetzen, Resultate hervorbringen, die von den Individuen, die
nur ihre Interessen verfolgen, nicht gewollt sind.“ Bemerkenswert übrigens, daß sich die Gesetze der
kapitalistischen Konkurrenz, also ökonomische Gesetze, unter der Hand in „gesellschaftliche
Gesetze“ verwandelt haben. Nicht
Friedrich Engels, sondern Uwe-Jens Heuer nähert sich auf diese Weise mit
rasanter Geschwindigkeit dem Sozialdarwinismus!
30 A.a.O., 43: „Der Kapitalismus muß also aus einer
vorhergehenden Gesellschaftsordnung nicht unbedingt hervorgehen, wenn alle
Voraussetzungen gegeben sind, dann setzt ein unaufhaltsamer Prozeß ein. Er kann
dann nur noch gebremst oder durch politische Gewalt beendet werden.“ Das ist Fukuyamas ‚Ende der Geschichte’ übertragen
auf Marx’ Kapital.
31 Michael Brie, Welcher Marxismus... (Anm. 19), 650.
33 Michael Brie, Welcher Marxismus... (Anm. 19), 653: „Was bei Uwe-Jens Heuer als faktisch unverändertes Wirken
kapitalistischer Naturgesetzlichkeit erscheint, erweist sich vom Standpunkt
einer Analyse, die den Kern des ersten Bandes des Kapital ins Zentrum stellt,
als Nebeneinander und Abfolge sehr unterschiedlicher Akkumulationsregimes, in
denen es unter sehr bestimmten Bedingungen und im Gefolge großer sozialer
Kämpfe auch gelingen kann, jene Faktoren, die das Wirken des Gesetzes der
kapitalistischen Akkumulation bestimmen, auf Zeit stärkeren Gegenfaktoren
gegenüber zur Geltung zu bringen und die reale Unterordnung der Arbeit unter
das Kapital zu relativieren, wenn auch bisher nicht aufzuheben. Eine der
wichtigsten Bedingungen dafür ist, daß Marx’ Ausgangsannahme, nämlich die
Tatsache, daß der Reichtum der Gesellschaften nur als Ware erscheint, als
Privateigentum, relativiert und überwunden wird.“ Gerade weil Michael Brie im Gegensatz zu Uwe-Jens
Heuer „den Kern des ersten Bandes des Kapital ins Zentrum stellt“, bleibt er uns die Antwort schuldig, wie die
Tatsache, daß der „Reichtum der Gesellschaften nur als Ware erscheint“, dieser nervus
rerum des Kapitalismus, innerhalb des Kapitalverhältnisses, zumal ohne politischen Klassenkampf, auch nur
zeitweise „überwunden“ werden
kann, wo dieses Verhältnis noch nicht einmal unter den Bedingungen der
Leninschen Diktatur des Proletariats überwunden werden konnte, bzw. gerade dadurch überwunden werden sollte,
daß das Kapitalverhältnis gegen die ökonomisch selbstmörderischen Folgen des Kriegskommunismus wieder aus dem Giftschrank des Sozialismus
hervorgeholt werden mußte, um dessen materielle Voraussetzungen überhaupt erst
wieder herzustellen. [Siehe STREITPUNKT 1 Über die folgenschwere
Folgenlosigkeit der Einschätzung der russischen Bauerngemeinde und ihres
Verhältnisses zur Revolution in Westeuropa durch Karl Marx. (Die Differenz
zwischen Lenin und Marx über die Revolution in Rußland)], 11: „Lenin und die russische Bauerngemeinde“. Dort wird ein erster Rekonstruktionsversuch des von
Marx der russischen Revolution gewiesen Weges gemacht, auf dem die
Wiederherstellung des Kapitalverhältnisses durch die NEP nicht erforderlich
gewesen wäre. Michael Bries Vorschlag, sich ohne Diktatur des Proletariats auf dem Weg über „unterschiedliche
Akkumulationsregimes“ salami-scheibchen-weise in den Sozialismus hinüberzuschleichen, erzeugt nicht
nur falsche Hoffnungen, er lenkt auch davon ab, daß die von ihm gepriesenen „Akkumulationsregimes“ bestenfalls dafür taugen, wie es im Manifest
der Kommunistischen Partei (Anm.
7), 471, heißt, „die Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur
politischen Partei“ voranzutreiben,
die „jeden Augenblick gesprengt (wird) durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst“ und in den „Kollisionen der alten Gesellschaft“ den „Entwicklungsgang des Proletariats“ zu fördern, ohne sich dabei, was eine bisher nur
selten verstandene politische Kunst ist, den Interessen der Bourgeoise
unterzuordnen. Mehr – und das wäre eine ganze Menge! – ist auf
diesem Weg ‚nicht drin’! Alles andere wäre reiner (Selbst-) Betrug.
34 Karl Marx, Das Kapital (Anm. 25), 741.
35 Gegen die Ansicht der Mehrheitsfraktion in der PDS,
die diese akkumulierende Gesellschaftsformation in ihrem Programm aus dem Jahre
1996 als ‚modern und kapitalistisch’ bezeichnet hat, setzt sich Uwe-Jens
Heuer, Marxismus und Politik (Anm.
1), 52, mit dem ironischen Argument spöttisch zur Wehr: „Konsequent war dann
die Beseitigung der DDR eine der zivilisatorischen Leistungen dieses
Jahrhunderts, ‚ein Sieg von Moderne und Aufklärung’“ – Zweifellos war sie das! ‚Modern’ im Sinne
einer Produktionsweise, in der das Kapital auf klassische Weise akkumuliert,
indem der Wert verwertet und das Kapital seiner ureigenen Bestimmung zugeführt
wird! Diese stellt gegenüber einem sozialistischen ‚Akkumulationsregime’
– was ja wohl ein Widerspruch in sich ist – einen gewaltigen
Fortschritt dar, einem Sozialismus, der historisch in einer Verewigung der „sogenannte(n) ’ursprüngliche(n)’
Akkumulation“ bestanden hat oder der „’ursprünglichen’ Akkumulation“ als einem immer wieder zurückgespulten Film, d.h. ’ursprüngliche’
Akkumulation“ in Permanenz!
36 Uwe-Jens Heuer, Marxismus und Politik (Anm. 1), 112: „Innere und äußere Widersprüche
waren eng miteinander verflochten. Würde die internationale Stabilisierung des
Kapitalismus andauern oder aber eine Krise heranreifen und die Kriegsgefahr
zunehmen? Bestand dauerhaft die Möglichkeit, genügend Marktgetreide von den
Bauern zu erhalten [sic!], waren
die kleinen Parzellen tragfähig und drohte die Gefahr eines Streiks der Bauern,
vor allem der sich herausbildenden Großbauern, war die Kollektivierung der
Landwirtschaft unvermeidlich? Die grundlegende Kursänderung 1928/29 ist
offenbar nicht auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen.“ Das ist sie durchaus! Nämlich auf die Torpedierung
der Leninschen Politik in der ‚nationalen Frage’ und der ‚Bauernfrage’
durch die linken Sozialimperialisten, die in der Vernichtung der Bauerngemeinde
und Stalins großrussischem Sozialimperialismus enden sollte. Die ach so
demokratische NÖP, deren Fortsetzung, wie der Autor meint, den Weg in den
Abgrund der Zwangskollektivierung hätte verhindern können, war nicht mehr als
eine Karikatur auf das Marxsche ‚Programm’ der russischen Revolution, worin die
Bauerngemeinde als Basis des russischen Wegs zum Kommunismus unter der Diktatur
des Proletariats eine zentrale Rolle hätte spielen sollen. Siehe STREITPUNKT
1 (Anm. 33), 11: „Lenin und die russische Bauerngemeinde“.
37 Domenico Losurdo hat den Rubicon, an dessen Ufer Uwe-Jens Heuer noch
mit der Unvermeidlichkeit der Barbarei im Sozialismus der Sowjetunion hin- und
herhadert, bereits entschlossen überschritten. In einem Aufsatz unter dem
epischen Titel Scheitern - Verrat - Lernprozeß. Drei Ansätze zur Interpretation der Geschichte
der kommunistischen Bewegung. Wie können wir eine historische Bilanz der
kommunistischen Bewegung des 20. Jahrhunderts ziehen? Welche Kategorien müssen
wir in erster Linie besitzen? In: Domenico
Losurdo/Erwin Marquit: Zur Geschichte der kommunistischen Bewegung, Essen o.J. (Marxistische Blätter: Flugschriften 20)
will er in der neu entstandenen weltgeschichtlichen Lage, „die sich in dem
großen asiatischen Land“, d.h. in
China, „herausgebildet hat“ (8),
zu neuen Ufern vorrücken, indem er als erstes die Frage nach dem angeblichen „’Scheitern’“ des Sozialismus neu aufrollt und sich fragt, welchen
Sinn es haben kann, „die Geschichte des ‚Sozialistischen Lagers’ in eine
ununterbrochene Reihe von Momenten des ‚Verrats’ verwandeln zu wollen, für die
auch die Protagonisten großer Emanzipationskämpfe verantwortlich gemacht
werden?.(10). Daß der „Staatsanwalt im Prozeß gegen Stalin für ‚Verrat des Sozialismus’ jetzt
gezwungen (ist), selber auf der Anklagebank zu sitzen“ (11), mag zwar von Losurdo als ausgleichende
Gerechtigkeit betrachtet werden, macht aber aus Stalin keinen Leninschen
Bolschewik. Losurdo verharrt in den Kategorien des bürgerlichen Rechts, worin
es nicht darum geht, nach dem sozialen Inhalt der gegen die Leninsche
Oktoberrevolution gerichteten Konterrevolution zu fragen, an der im übrigen
auch Chruschtschow beteiligt war, und die mit den Kategorien des ‚Verrats’ in
der Tat nur sehr oberflächlich umschrieben wäre. Aber anstatt hier in die Tiefe
zu gehen, sieht er in der bei Stalin beginnenden Verabschiedung vom angeblichen
Leninschen Utopismus und der Versöhnung des sozialistischen Staatsterrorismus,
wie er in China vorzufinden ist, mit den Gesetzen der Marktwirtschaft („rule
of law“) eine zukunftsträchtige
sozialistische Synthese heraufdämmern, mit der „sich eine neue Phase mit vielen unvorhersehbaren
Aspekten ... eröffnet“ (24). Wir
können gespannt sein!
38 Wilhelm Liebknecht, zitiert bei Ulrich Haustein: Sozialismus
und ‚nationale Frage’ in Polen,
Köln; Wien, 1969, 204: „Es fällt mir nicht ein, meine Auffassung der
orientalischen Frage als die allein richtige darstellen zu wollen. ... Aber die
Türken, gegen die von russischer Seite ein Vernichtungskampf geführt wird,
haben doch dasselbe ‚Menschenrecht’ des Daseins und Lebens wie die Armenier und
andere Völkerschaften.“ Daher diene „jeder
Aufstand in der Türkei nur der russisch-zaristischen Eroberungspolitik.
...Fräulein Luxemburg, die ja Polin ist, fände vielleicht ein fruchtbareres
Feld, wenn sie sich mit den russischen Greueln in Polen und in Rußland selbst beschäftigte. Dann liefe sie nicht Gefahr, dem
‚Hort des europäischen Absolutismus’ einen Dienst wider Willen zu leisten.“ Siehe auch STREITPUNKT 2 (Anm. 2), 39f.
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