An Django (31.12.2006):
Lieber Django,
nachdem
wir uns vereinbarungsgemäß seit dem letzten Spätsommer angeschwiegen haben,
präsentiere ich Dir in Erfüllung unserer Vereinbarung die Texte, von denen ich
hoffe, daß sie dazu beitragen werden, unser gegenseitiges Beschweigen zu
beenden.
[...]
Ich werde, gravierende Einwände Deinerseits ausgeschlossen, alle 5 Texte in den
nächsten Tagen ins Netz stellen.
Da ich davon ausgehe, daß Du zu Deiner Kritik an der pM nach wie vor stehst,
und ich bei aller Polemik in meinen Texten glaube die Grenze zur persönlichen
Diffamierung nicht überschritten zu haben, spricht auch nichts dagegen
(vorbehaltlich einzelner stilistischer Änderungen oder solche am Layout) diese
Texte alle ins Netz zu stellen.
Mit den besten Wünschen für das Neue Jahr und herzlichen Grüßen
Ulrich
An Partei Marx (01.01.2007)
Lieber Ulrich
Ich danke Dir herzlich für Deine u. a. Mail.
Leider kann ich Dir auf Deinen Text jetzt nicht gründlich antworten [...]
Beim Überfliegen von KRITIK 1 Antwort an DS ist mir aber folgendes aufgefallen:
„Die ‚sozialstaatlichen Institutionen’ sind als staatliche Institutionen
Überbau-‚Superstrukturen’, wenn sie sich auch noch so basis-orientiert geben
mögen. Sie wirken langfristig nicht ‚zivilisierend’, sondern entzivilisierend,
weil sie die Wirksamkeit der größten Produktivkraft der bürgerlichen
Gesellschaft – die revolutionäre Klasse selbst – aushebeln und
neutralisieren und das Ende des Kapitalismus in einen langandauernden Prozeß
des Siechtums, in regelmäßigen Abständen unterbrochen von
Zivilisationskatastrophen, überführen.“[1]
Bitte, erkläre mir, wer die „revolutionäre Klasse“ ist, deren „Wirksamkeit als größte Produktivkraft
der bürgerlichen Gesellschaft“ hier
neutralisiert worden sein soll. Die Produktivkraft der in der Produktion
produzierenden Arbeiter kann ja wohl nicht gemeint sein, denn die produzieren
ja realiter Tag für Tag mit immer HÖHERER Produktivität. Das wäre Dir ja auch
viel zu ökonomisch. Du bist ja politischer Revolutionär. Also: Sind sie doch
gemeint, aber als REVOLUTIONÄRE KLASSE? Wenn letzteres zutrifft, bitte ich um
Nachricht wie, wo und wann diese Klasse real revolutionär agiert. Ich erinnere
mich lebhaft daran, daß Du seinerzeit [...] bedauernd eingestanden hast, diese
nicht konkret real bestimmen zu können. (heute: wofür wie gesagt momentan recht
wenig spricht)
Es ist immer dasselbe Elend mit Dir: Durch Deine gesamte Argumentation zieht
sich wie ein roter Faden implizite das blasse, imaginierte revolutionäre
Subjekt ‚Arbeiterklasse’. Dieses existiert aber nur in Deinem Kopf. Es ist
geradezu faszinierend für mich, wie Du aus diesem Hirngespinst alles andere
deduzier[s]t, genauer gesagt, die Bewertung aller anderen Kräfte vornimmst: Der
Betonkommunisten, Versicherungsvertreter, Spießer etc. Da ist natürlich etwas
dran, denn man braucht ja einen Maßstab, um zu messen. Aber der von Dir
gewählte ist eben eine FIKTION!
Deshalb sind mir die vielen kleinen realen ‚Versager’ lieber als die
eingebildete Superkraft.
Es ist doch im Grunde ganz einfach: Wie haben nur das, was wir haben. Und damit
müssen [wir] arbeiten. Der Rest ist Spinnerei.
Dein theoretisches und praktisches Problem ist, daß Du nicht ad hominem
operierst, sondern aus der Abstraktion heraus, richtiger: Wunschdenken. Das
Bisky-Zitat, das ich Dir seinerzeit wunschgemäß geliefert habe,[2] hast Du
nicht ernst genommen. Wir müssen vom realen Menschen ausgehen, nicht davon wie
wir uns ihn wünschen. Analog: Arbeiterklasse. Dein Wunschdenken ist gescheitert
und wird immer wieder scheitern, weil es gegen die Realität der Menschen, des
Lebens gerichtet ist. Faktisch argumentierst Du beständig gegen die Mehrheit,
was Dir als echter kommunistischer Revolutionär natürlich am Arsch vorbeigeht.
So stimmt bspw. eine überwältigende stabile Mehrheit der Bundesbürger dem
Sozialstaat grundsätzlich zu – West 86%, Ost 95% im Schnitt der Jahre
1991-2004 (Datenreport 2006, 649). Was glaubst Du, würden diese Leute sagen,
wenn Du ihnen sagen würdest, daß sie sich dabei entzivilisieren, ihre
revolutionäre Produktivkraft einbüßen. Lautes Gelächter! Zu Recht! Warum
sollten sie auch REVOLUTION machen, wenn sie mit dem Sozialstaat zufrieden
sind, folglich seinen Abbau kritisieren bzw. ihn (durch ‚bürgerlichen’
Oppositionsdruck bewirkt bzw. Regierungsübernahme durch Reformisten) ausgebaut
wissen wollen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Die revolutionäre
Produktivkraft wird in dem Maße wieder NOTWENDIG (und damit auch
nachvollziehbar für die Menschen), in dem Maße er abgebaut wird. Aber über
Montagsdemonstranten wirst Du doch nur lachen, weil sie (zunächst) nicht (oder
nie) den höchsten kommunistischen Ansprüchen genügen, oder?
Kurzum: Deine Argumentation ist also deshalb völlig weltfremd und völlig
verkehrt, weil Du die (für die realen Menschen und den gesellschaftlichen
Fortschritt) positive Funktion des Sozialstaates negierend, sie ins negative
verkehrst, und folglich auch nicht seinen Abbau kritisieren kannst, denn wenn
das Negative ja reduziert wird, kann das ja nur gut sein (für den abstrakten
Kommunismus). Trotzdem mokierst Du Dich aber darüber, daß ich Dir vorwerfe,
millionenfaches Elend billigend in Kauf zu nehmen. Exakt das tust Du aber
faktisch!
Deine Argumentation ist ja auch deshalb unsinnig, weil man es ja gar nicht beim
‚Sozialstaat’ belassen muß, man kann ja weitergehen, über den Kapitalismus
hinaus.
Lieber Ulrich: Ich bin der Sohn eines Musikers und einer Hausfrau, beide
Anti-Faschisten mit Neigung zur Sozialdemokratie. Es ist doch ein riesiger
Krampf jetzt hier eine ‚Klassenanalyse’ vorzunehmen nach dem Muster: Arbeiterklassenkind
= revolutionär, Musikerkind = Kleinbürger, Spießer. Wie die Realität zeigt (und
mit der stehst Du prinzipiell auf Kriegsfuß) bin ich um einiges revolutionärer
als weit über 90% aller ‚Real-Proletarier’ in der BRD. Analog: Engels, der Kapitalist!
Natürlich stehe ich damit weit unter dem Scheffel der von Dir halluzinierten
revolutionären Arbeiterklasse, von der Du zwar einerseits einsichtsvoll
realistisch, wenn auch dennoch ein wenig euphemistisch, schreibst, daß für sie
momentan recht wenig spricht, von der Du aber andererseits permanent so
schreibst, als wären sie eine real-gesellschaftliche bzw. -historische
revolutionäre Kraft. Warum fällt Dir dieser Widerspruch nicht auf? Natürlich
weißt Du, daß Deine gesamte Argumentation mit dieser Fiktion steht und fällt…
Daraus muß der Schluß gezogen werden, daß die Dinge sehr viel komplizierter
sind, als daß es wissenschaftlich gestattet wäre, sie aus „der Perspektive
der historisch begründeten Berufung des Proletariats zum Totengräber des
Kapitalismus (wofür wie gesagt momentan recht wenig spricht)“[3] (was im übrigen eine Erfindung von Marx ist, die
sich historisch NICHT bestätigt hat), zu deduzieren. Du bist ein wahrhaftiger
Dogmatiker und (zugegebenermaßen [...]) Purist.
Zum Schluß eine Bitte: Beantworte mir doch (möglichst schnell) folgende Frage
[...]:
Wenn
selbst die radikalste Demokratie eine Form der bürgerlichen Demokratie ist,
welche Staatsform schlägst Du dann vor. Ich beziehe mich hiermit auf folgenden
Satz von Dir: „Auch die radikalste Demokratie ist eine Form der bürgerlichen
Demokratie.“[4]
Ich wünsche Dir Gesundheit, ungebrochenen, aber belehrten revolutionären Geist,
Arbeitswut und auch alles Gute für Deine Familie im Neuen Jahr.
Django
1) [KRITIK
1 An Django Schins: Zur Kritik am Projekt Partei Marx], 11. [= Antwort, 11]
2) An Django (06.11.2000),
Anm. 5.
3) Antwort, 5.
4) Antwort, 6.
An Django (01.01.2007):
Lieber Django,
herzlichen Dank für Deine
postwendende Antwort.
[...]
Es handelt sich, um es in der Boxersprache auszudrücken, um einen fairen
Schlagabtausch, obwohl ich einige Deiner Aussagen am Rande des Tiefschlages
empfinde, aber versucht habe, diese sachlich zu parieren.
Da wir ja die ‚Schilderung eines Kampfes’ ins Netz stellen wollen, wäre jeder
Versuch eines inhaltlichen Abgleichs der doch sehr grundlegend einander widersprechenden
Texte meiner Meinung nach ein sinnloses Unterfangen. (Vielleicht ist es Dir ja möglich, wenigstens die
Kurzfassung Zur Kritik... zu lesen, in der meine Auffassung in konzentrierter und
zugespitzter Form zusammengefaßt ist.)[1]
Das Zitat, das ich paraphrasiere, lautet dem Gehalt nach: die größte
Produktivkraft ist die revolutionäre Klasse selbst. Da ich ein sehr schlechtes
Zitate-Gedächtnis habe, kann ich Dir nicht auf Anhieb sagen, wo es bei Marx
herstammt. Da ich es in meinen Texten schon mal wörtlich verwendet habe, werde
ich sie daraufhin durchsuchen und Dir das Ergebnis so bald wie möglich
mitteilen.[2]
Außerdem will ich mich in dem Text, der noch in Arbeit ist, mit der von Dir
angeschnittenen Frage befassen, so daß ich auch ein Interesse habe, einen Beleg
für das Zitat zu finden.
Viel Erfolg bei Deiner Arbeit und herzliche Grüße
Ulrich
1) KRITIK 1 Zur
Kritik am Projekt Partei Marx. Zusammenfassung.
2) Karl Marx: Das
Elend der Philosophie, MEW 4,
(65-182), 181: „Eine unterdrückte Klasse ist die Lebensbedingung jeder auf
dem Klassengegensatz begründeten Gesellschaft. Die Befreiung der unterdrückten
Klasse schließt also notwendigerweise die Schaffung einer neuen Gesellschaft
ein. Soll die unterdrückte Klasse sich befreien können, so muß eine Stufe
erreicht sein, auf der die die bereits erworbenen Produktivkräfte und die
geltenden gesellschaftlichen Einrichtungen nicht mehr nebeneinander bestehen
können. Von allen Produktionsinstrumenten ist die größte Produktivkraft die
revolutionäre Klasse selbst. Die Organisation der revolutionären Elemente als
Klasse setzt die fertige Existenz aller Produktivkräfte voraus, die sich
überhaupt im Schoß der alten Gesellschaft entfalten konnten.“
An Partei Marx (02.01.2007)
Lieber Ulrich
Zu Deiner u.a. Mail nehme ich wie folgt Stellungen:
1. Wie ich Dir bereits bezüglich eines anderen Falls früher geschrieben habe,
verfährst Du auch in diesem Fall nach dem Muster: Ich mache mir zwar die
Position eines anderen Autoren (Marx) zu eigen, aber wenn ich dann darin
kritisiert werde, ziehe ich mich aus der Affäre, in dem ich lediglich auf
diesen Autor verweise.
Es geht nicht darum, daß Du mir die Stelle nachweist, an der das Original zur
Paraphrase steht, sondern um ihre inhaltliche Richtigkeit in dem Kontext in den
DU sie gestellt hast. Es geht darum, daß DU diese Meinung vertrittst, die in
diesem Zitat zum Ausdruck kommt. Es geht um die Sonne, um die sich bei Dir
alles dreht: Die ‚revolutionäre Arbeiterklasse’!
Hier nochmals diese Passage aus meiner letzten Mail:
„Die ‚sozialstaatlichen Institutionen’ sind als staatliche Institutionen Überbau-‚Superstrukturen’,
wenn sie sich auch noch so basis-orientiert geben mögen. Sie wirken
langfristig nicht ‚zivilisierend’, sondern entzivilisierend, weil sie die
Wirksamkeit der größten Produktivkraft der bürgerlichen Gesellschaft –
die revolutionäre Klasse selbst – aushebeln und neutralisieren und das
Ende des Kapitalismus in einen langandauernden Prozeß des Siechtums, in
regelmäßigen Abständen unterbrochen von Zivilisationskatastrophen, überführen.“
Bitte, erkläre mir, wer die „revolutionäre Klasse“ ist, deren „Wirksamkeit als größte Produktivkraft
der bürgerlichen Gesellschaft“ hier
neutralisiert worden sein soll. Die Produktivkraft der in der Produktion
produzierenden Arbeiter kann ja wohl nicht gemeint sein, denn die produzieren
ja realiter Tag für Tag mit immer HÖHERER Produktivität. Das wäre Dir ja auch
viel zu ökonomisch. Du bist ja politischer Revolutionär. Also: Sind sie doch
gemeint, aber als REVOLUTIONÄRE KLASSE? Wenn letzteres zutrifft, bitte ich um
Nachricht wie, wo und wann diese Klasse real revolutionär agiert. Ich erinnere
mich lebhaft daran, daß Du seinerzeit [...] bedauernd eingestanden hast, diese
nicht konkret real bestimmen zu können. (heute: wofür wie gesagt momentan recht
wenig spricht)
Ende der Passage.
Mit ist es völlig unbegreiflich wie Du aus den o. a. Worten den Schluß ziehen
kannst, mir die Fundstelle nennen zu sollen. Beantworte doch bitte NUR einfach
meine Frage mit Deinen Worten!!!!!!!!!
[...]
Ich bin verärgert ob dieser unnützen Scheiße.
Django
An Django (26.01.2007):
Lieber Django,
Du glaubst, die Bourgeoisie würde den Sozialstaat
auf- und abbauen, gerade so wie es ihr paßt und nicht wie der Abgleich der
gewünschten Profitrate mit der politischen und ökonomischen Situation etc. es ihr
gebietet. Der Sozialstaat ist nur gesellschaftliches Resultat einer bestimmten
historischen (politischen + ökonomischen) ‚Konjunktur’.
Wer kam nach 1945 in England an die Regierung: nicht der ruhmreiche Sieger über
Nazi-Deutschland, sondern Labour.
Warum Labour?
1. weil erschwingliche und willige Arbeitskräfte für den Wiederaufbau benötigt
wurden, denen ‚man’ nur Hungerlöhne zahlen konnte und wollte.
2. weil eine aus dem Krieg zurückgekehrte Arbeiterklasse bestimmte bürgerliche
Rücksichten verlernt hatte und daher gegen die herrschende Klasse leicht
reizbar war. Mit deren Beschwichtigung hatte sich Labour zu befassen.
Heute kann der Sozialstaat abgebaut werden,
1. weil das Kapital nur Arbeitskraft von einer bestimmten Qualität und in
begrenzter Menge benötigt und auf den Rest verzichten kann.
2. weil die Extraprofite, deren Abfallprodukt der Sozialstaat des „Rheinischen
Kapitalismus“ war, mit wachsender
Konkurrenz auf dem Weltmarkt tendenziell im Sinkflug begriffen sind.
3. weil die industrielle Reservearmee im Weltmaßstab in einem nie gekannten
Ausmaß zugenommen hat, so daß dasselbe Zeug, das hier jahrelang ‚erschwinglich’
produziert werden konnte, woanders viel billiger produziert wird. (So wie der
englische Webstuhl im 19. Jht. den indischen Weber an den Bettelstab gebracht
hat, auf dieselbe Weise machen die nach China oder Indien exportierten u.a.
deutschen Maschinen nun die einfach qualifizierten deutschen Arbeiter
arbeitslos. Sie landen aber nicht am Bettelstab sondern bei Hartz IV).
Und welche Macht der Welt kann das verhindern? Dein ‚Prekariat’ oder die ‚Proletarität’
Karl-Heinz Roths? Der Sozialstaat ist dazu da, Schlimmeres zu verhüten. Worin
das bestehen könnte, wird von der herrschenden Klasse und ihren Regierungen von
Fall zu Fall abgecheckt. Ein nicht zu vernachlässigender Nebeneffekt ist die
Erzeugung zusätzlicher Kontrollmöglichkeiten über die Gesellschaft durch den
Staat (die in dem Maße wachsen, wie bestimmte Schlaumeier meinen, das
Bescheißen des Staates als revolutionäre oder individuelle
Bereicherungs-Strategie ausgeben zu können).
Lieber Django, Du kennst mich zu wenig: sonst wüßtest, daß ich derartige
mechanistische Klassenanalysen, wie Du sie mir unterstellst, mit Leib und Seele
bekämpfe und immer bekämpft habe! In der billigen Denunziation der
Klassenherkunft ohne Ansehen der Person waren sich DKPisten und Maoisten
ausnahmsweise einig!
Dein Problem (wie auch das Deiner Partei) ist bei aller ‚Globalisierungskritik’
(+ Fidel Castro + Hugo Chavez + Ahmadineschad) Euer verdammter Provinzialismus,
den Ihr von Euren Vorgängern geerbt habt. Ihr seht den Kapitalismus nur so, wie
er Euch erscheint, wenn Ihr täglich vor die Haustür tretet. Das war schon immer
das Problem der deutschen Linken, weder in historischen noch in weltrevolutionären
Zusammenhängen die Dinge zu sehen, sondern immer nur auf das ‚Hinterland’, das
man sich für seine Revolution auserkoren hatte, zu starren und dieses für
Weltrevolutionäres zuständig zu erklären. Dabei war den wenigsten aufgefallen,
daß sich der Sozialismus unter der Hand in Sozialimperialismus verwandelt hatte
und die Revolution, die er bei sich zu Hause abgebaut hatte, munter
exportierte...
Vom wirklichen Kapitalismus habt Ihr nichts begriffen! Wo Weltmarkt draufsteht,
ist auch Weltproletariat drin! Man muß das Paket nur richtig aufschnüren.
Es grüßt herzlich
Ulrich
P.S. Wirf mal einen Blick auf die home page. Sie hat ein neues Gewand.
An Django (04.02.2007):
Lieber Django,
ich werde mich meinerseits nicht an die von Dir
letzten Sommer angekündigten Prinzipien halten, die da besagten, daß Du mit mir
wieder Kontakt aufnehmen werdest, wenn ich Deine Einwände beantwortet hätte,
sondern einige Überlegungen zu den mir übersandten Dokumenten, die ich mit
großem Interesse gelesen habe, zum besten geben. Dabei werde ich mich vor allem
auf den Bericht über das Sao Paulo Forum aus dem Jahr 2000, „Die Hoffnungen eines Kontinents“, beziehen:[1]
1. „Das Forum der lateinamerikanischen Linken widerspiegelt die Kraft der
größten Gruppierungen linker Parteien in der Welt, einer Kampfgemeinschaft von
einer beispiellosen Breite in Hinblick auf Entwicklungsgeschichte und
Traditionen, Kampfformen und ideologische Standorte.“
Da die lateinamerikanische Linke uns leider nicht erklärt, wie sich dieser
Phönix aus der Asche zu einer solchen „Kampfgemeinschaft“ in Lateinamerika entfalten konnte, muß ich im
Gegenteil daraus schließen, daß sie bezogen auf die Kämpfe des letzten
Jahrhunderts ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat, sodaß es sich dabei um einen
prinzipienlosen Zusammenschluß handelt, der nur durch den gemeinsamen
kleinbürgerlichen Anti-Amerikanismus zusammengehalten zu werden scheint. In dem
mir seinerzeit von Dir zugesandten Papier („Brasilien 2002: Wie der Sieg der
Arbeiterpartei PT erreicht wurde“)[2]
machte sich die Linke immerhin noch Gedanken über die Weltlage, die über den
lateinamerikanischen Tellerrand hinausreichten und beispielsweise kritisch mit der „Annahme einer sozialistischen Position, die nicht mit dem sterbenden Modell
des ‚realen Sozialismus’ verbunden ist“, verknüpft waren. Darüber ist die o.g. „Kampfgemeinschaft“, wie es scheint, hinweg, man hätte allerdings gerne
gewußt, wie sie das geschafft hat. Wie sich an den folgenden Punkten zeigen
wird, nur, indem sich das Problem, das die brasilianische PT nicht lösen
konnte, ihr erst gar nicht stellt.
2. „...die ‚Deklaration von Niquinonhomo’ ...bezeichnet als gemeinsamen
Nenner den ‚Kampf gegen den Imperialismus, der in den letzten Jahrzehnten des
20. Jahrhunderts die Form des neoliberalen Kapitalismus angenommen hat’“
Auch hier würde man gerne genauer erfahren, auf welchem Wege das in
Lateinamerika passiert ist; aber unabhängig davon stellt sich folgendes
Problem: wenn für den Kampf gegen den Imperialismus in Lateinamerika keine
demokratische Revolution unter der Diktatur des Proletariats und der
revolutionären Bauern (vgl. Lenin 1905-1923, Mao 1927-1976) auf der
Tagesordnung steht, d.h. eine Strategie obsolet geworden ist, von der die Linke
bis Ende der 80er Jahre mehr oder weniger ausgegangen ist (die Problematik der
Stadtguerilla einmal beiseite gelassen), dann müßte der so bezeichnete Einbruch
des Kapitalismus in Lateinamerika (ob wir ihn liberal, neoliberal
sozial-liberal oder sonstwie bezeichnen) auch einen vollständigen Wechsel in
der revolutionären Strategie erforderlich machen, durch die der
Antiimperialismus in den Kampf des Welt-Proletariats gegen die Welt-Bourgeoisie
einzuordnen, wenn nicht gar [dieser] unterzuordnen wäre. Eine solche Konsequenz
wird aber von der lateinamerikanischen Linken in besagter Erklärung nicht
gezogen, sondern einerseits verharrt sie auf dem Antiimperialismus des 20.
Jahrhunderts, andererseits wird der Kapitalismus in Gestalt des „Neoliberalismus“ zum Hauptfeind erklärt, ohne uns mitzuteilen, was
(in einer noch wenig differenzierten Annahme meinerseits) an diesem „Neoliberalismus“ am meisten zu bekämpfen ist: entweder, daß es sich
um Kapitalismus überhaupt handelt (dann richtete sich dieser Kampf gegen
die gesamte Bourgeoisie, die einheimische eingeschlossen) oder allein um
den nordamerikanischen Kapitalismus im besonderen (dann wäre weiter eine
Einheitsfront angesagt zusammen mit dem antiimperialistischen Flügel der
heimischen Bourgeoisie). Ohne Unterscheidung zwischen diesen beiden sich
teilweise ausschließenden Strategien bleibt auch die Frage nach dem
revolutionären Subjekt ungeklärt. Solange eine solche Klärung nicht erfolgt
ist, gelangt die lateinamerikanische Linke zu Menschheitsphrasen wie der
folgenden:
3 „Der Kampf gegen den Neoliberalismus für eine Gesellschaft, in der der
Mensch und nicht der Profit im Mittelpunkt steht, wird als eine Aufgabe zur
Verhinderung der Selbstvernichtung der Menschheit bezeichnet.“
Der Kampf gegen den Profit und für die Menschheit lassen sich nicht so einfach
und unvermittelt in Übereinstimmung bringen, es sei denn als Phrase, zumal das
Kleinbürgertum nicht den Profit als solchen, sondern immer nur den Profit eines
bestimmten (hier: ‚neoliberalen’) Kapitalismus infragestellt, von dem sich der
Kleinbürger in seiner Existenz bedroht sieht. Diese Einseitigkeit wurde von
Marx zum ersten Mal in seiner Auseinandersetzung mit Proudhon entlarvt, sie
liegt auch dem Kampf der lateinamerikanischen „Kampfgemeinschaft“ gegen den (us-amerikanischen „Neoliberalismus“) zugrunde. Wohl nicht ganz zufällig hat die
lateinamerikanische Hitler/Stalin-Karikatur, Chávez, nach Verkündung seines ‚Ermächtigungsgesetzes’ (ley de habilitación) anläßlich der Enteignungsdrohung gegen die
‚westlichen’ imperialistischen Multis angekündigt, das argentinische Kapital
davon auszunehmen.
4. „In der Linken Lateinamerikas, die mit Militärinterventionen der USA
einschlägige Erfahrungen gemacht hat, ist die Empörung über den
Aggressionskrieg der NATO gegen Jugoslawien einhellig.“
Auch in ihren besten Zeiten, hat die Linke Lateinamerikas es nicht verstanden,
auch nur ansatzweise eine proletarische Außenpolitik zu formulieren. Folglich
ist es ihr auch nicht gelungen, sich aus dem Windschatten ihrer nationalen
Bourgeoisien hervorzuwagen, deren Strategie sich bekanntlich darauf beschränkt,
den Feind ihres Feindes als ihren Freund zu behandeln. (Klassisches Beispiel:
der Onkel Arafats verbündete sich im Kampf gegen die koloniale britische
Mandatsmacht mit Hitler; ähnlich verhielt es sich zu jener Zeit mit den
indischen Kommunisten hinsichtlich der britischen Kolonialmacht, oder denken
wir an die engen Beziehungen Perons zu Hitler-Deutschland.) Auf ähnliche Weise
war die sozialimperialistische Weltmachtpolitik der Sowjetunion für (nicht
allein) die lateinamerikanische Linke auch dann noch sakrosankt, als es die
Sowjetunion gar nicht mehr gab, was sie in den 90er Jahren dazu bewogen haben
mag, den Völkermord der Milosevic-Banditen an den nicht-serbischen Völkern
Jugoslawiens als Widerstand gegen die unter der Führung der USA stehenden Nato
zu rechtfertigen und Wort für Wort die großserbische Propaganda nachzubeten.
5. Für die lateinamerikanische Linke ist das Eingreifen der USA und der Nato
gegen einen Völkermord (oder bist Du der Ansicht, das Haager
Kriegsverbrecher-Tribunal sei ein Schauprozeß gegen einen verdienten und
hochgeachteten Revolutionär gewesen?), der bei einer frühzeitigen
diplomatischen Reaktion der westeuropäischen Staaten hätte verhindert werden
können, aber nur das Vorspiel dafür, „daß der (lateinamerikanische)
Kontinent in der Gegenwart und nahen Zukunft Schauplatz besonders zugespitzter
gesellschaftlicher Auseinandersetzungen bleibt. Kolumbien, Venezuela, Ekuador,
nicht zuletzt Kuba können die nächsten Ziele des ‚Großen Knüppels’ sein.“ Mag sein! Aber bei dieser Einschätzung drängt sich
der Verdacht auf, daß die lateinamerikanischen Linken weder im Falle
Jugoslawiens noch in einem solchen Fall zu einer eigenständigen Einschätzung
der bevorstehenden Konflikte in der Lage sein werden, sondern wie so häufig nur
die politischen Phrasen der ‚antiimperialistischen’ Fraktion der nationalen
Bourgeoisien Lateinamerikas nachbeten. Geht es nach jenen, haben die Völker
Lateinamerikas die Wahl, sich [entweder] gehorsam unter den ‚Großen Knüppel’ aus dem Norden zu ducken oder, falls sie es wagen,
soziale und politische Revolutionen zu machen, die kleinen Knüppel, die ihnen
von der nationalen Bourgeoisie zwischen die Beine geworfen werden, untätig
hinzunehmen. Wo finden sich in dieser Erklärung auch nur Andeutungen zur den
Gründen für die Niederlagen der nationalen Befreiungsbewegungen in Nicaragua
und El Salvador u.a.m.? Wo eine Kritik an der revolutionären Demagogie des linken
Sozialimperialismus innerhalb der lateinamerikanischen Linken, die für diese
Niederlagen mit verantwortlich ist, ganz zu schweigen von den ‚Freunden’ im
‚sozialistischen’ ‚Hinterland’ und ihrer absurden Propaganda, an die sie wohl
selbst kaum [noch] geglaubt haben? Wenn es solche Kritiker wirklich noch geben
sollte, dann wahrscheinlich in den kubanischen Gefängnissen, wo sie die
orientalische Despotie des kubanischen Links-Peronismus stellvertretend für die
Völker Lateinamerikas eingehend studieren können! Nichts davon in dieser
Erklärung; denn das „Forum von Sao Paulo will keine ‚Lateinamerikanische
Internationale’ sein. Es versteht sich in erster Linie als Diskussionspodium
für Vertreter unterschiedlicher politischer Stile und Sektoren (bis hin zur ‚Mitte
der Gesellschaft’), die ein anderes Gesellschaftsprojekt als das gegenwärtig
praktizierte anstreben.“ D.h. diese
meiner Ansicht nach elementar notwendige Kritik (man hätte sich zumindest
darüber einigen können, worüber man sich nicht einigen kann) wird als „politische
Stil“-Frage verharmlost und
gemeinsam unter den Teppich gekehrt und statt dessen „ein anderes
Gesellschaftsprojekt“ aus dem Hut
gezaubert, aus dem man, weil darüber keine konkret faßbaren Angaben gemacht
werden, außer, daß es „anders“ als
alle bisherigen „andere(n) Gesellschaftsprojekt(e)“ sein soll, zwangsläufig schließen muß, daß sich
dahinter das ewig gleiche „Gesellschaftsprojekt“ verbirgt, das eines nach dem anderen im 20.
Jahrhundert gescheitert ist und unter diesen Voraussetzungen immer wieder
scheitern muß! Daher kann ich dieser lateinamerikanischen Linken nur
unterstellen, sie wolle Lateinamerika ganz einfach kubanisieren, was für die
Völker Lateinamerikas um keinen Deut besser wäre wie die Serbisierung des
ehemaligen Jugoslawien für dessen Völker war, wobei hinzukommt, daß eine solche
Politik (wie der Fall Milosevic zeigt) nicht ohne einen linken Weltpolizisten
im Rücken zu veranstalten ist. Für den Austausch von Erfahrungen dieser Art
sind in der Tat „Kontakte mit Gleichgesinnten in Europa“ besonders hilfreich, besonders mit denjenigen, die
dem Milosevic-Regime über seinen Sturz hinaus die Stange gehalten haben.
6. „Von unschätzbarem Wert sind das gemeinsame analytische Bemühen um die
Auseinandersetzung mit Grundproblemen des neoliberalen Modells und um die
Klärung von Fragen der Globalisierung, die Auseinandersetzung mit der
neoliberalen Ideologie und die Ansätze eines alternativen
gesellschaftspolitischen Denkens.“
Anstelle einer selbstkritischen Analyse der bisherigen revolutionären
Entwicklung Lateinamerikas (deren Verweigerung durch die hier versammelte Linke
die völlige Prinzipienlosigkeit dieses Forums charakterisiert), scheint man
desto eher in der Lage zu sein, sich „mit Grundproblemen des neoliberalen
Modells“ und „der neoliberalen
Ideologie“ auseinanderzusetzen, also
den Leuten schon mal zu sagen, wo es lang geht. Nämlich in Richtung Kuba, das „als
eine Stütze für jene Kräfte der Linken betrachtet (wird),
die Regierungsverantwortung (auf lokaler, Provinz-, bundesstaatlicher oder
zentraler Ebene) übernehmen und ihrerseits Erfahrungen daraus mitteilen können,
zum Beispiel bei der Verwirklichung partizipativer Demokratie.“ Damit sind wir ohne Verzug bei der Gegenwart
angekommen: was man sich, speziell mit dem kubanischen ‚Vorbild’ im Hinterkopf
in Lateinamerika unter „partizipativer Demokratie“ vorzustellen hat, ist sehr einleuchtend: einerseits
Schein-Demokratie bis zum Abwinken, andererseits Korruption, Denunziation,
Einschüchterung, Repression bis zum Erbrechen, kurz alle Charakteristika der
‚Revolutionen von oben’ des 20. Jahrhunderts, von denen die revolutionären
Völker zu Recht, jedenfalls diejenigen, die nicht völlig naiv oder korrupt
sind, die Nase voll haben; denn gestützt auf solche ‚Revolutionsmodelle’ ist
schon alles mögliche umgestaltet worden, nur nicht die ökonomische Basis der
Gesellschaft im Interesse der betroffenen Völker selbst. Es wurden nur ein
anderes Kommando, eine andere Klasse von Befehlshabern eingeführt, verbunden
mit einer weniger anarchischen, aber dafür rigider organisierten Verteilung des
gesellschaftlichen Mehrprodukts zugunsten der neuen Bourgeoisie und ihrer
Satrapen einerseits und des Mangels für den nicht bevorrechtigten Rest der
Gesellschaft und auf Kosten der Masse der produktiv tätigen Bevölkerung
andererseits.
7. Daß seit Anfang des neuen Jahrhunderts der halbkoloniale Kapitalismus in
Lateinamerika in voller Blüte steht, ist auch das Ergebnis der gescheiterten
Revolutionen des 20. Jahrhunderts und nicht zu verwundern. Es ließe sich aber
auch bei oberflächlicher Betrachtung der dortigen Verhältnisse der Schluß
ziehen, daß Lateinamerika mit zunehmendem Kapitalimport kein reiner
Rohstoffexporteur (wie von der Dependencia-Theorie unterstellt) bleiben wird
und daher das Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital zu untersuchen und neu zu bewerten wäre. Mit derartigen Banalitäten
geben sich die „Parteien des Forums“ aber nicht ab, sondern beklagen wie eh und je mit Galeano die „’offenen
Adern’ Lateinamerikas“ und den „Ausverkauf
der natürlichen Ressourcen des Kontinents“ und die Aufteilung der Ergebnisse des bescheidenen Wirtschaftswachstums
unter einen „immer geringeren Teil der Gesellschaften“. Es ließe sich leicht zeigen, daß die
lateinamerikanischen linken Parteien nicht anders wie ihre westlichen Pendants,
die die soziale Frage auf eine reine Verteilungsfrage reduzieren, hierin eher
der Smithschen anstelle der Marxschen Interpretation der ‚Trinitarischen
Formel’ folgen. Auf der Grundlage der Marxschen Kritik an Smith wäre dagegen
die Rolle der riesigen Reservearmeen in Betracht zu ziehen, durch die der Preis
der Arbeitskraft von der Bourgeoisie auf Tiefstständen gehalten wird,
jedenfalls soweit es sich um einfache Arbeit handelt, die zugleich das
Reservoir für die fortlaufende Proletarisierung der landlosen Bauern abgibt.
Die Bauernfrage, die im 20. Jahrhundert von entscheidender revolutionärer
Bedeutung war, stellt sich wahrscheinlich auf diese Weise nicht mehr in dieser
Form. In Kuba waren mit Beginn der Revolution die Bauern in ihrer Mehrzahl
bereits Landarbeiter; in dieser Beziehung wird Lateinamerika wahrscheinlich,
soweit Kapital in die Landwirtschaft (und nicht in die Drogenproduktion)
strömt, der ursprünglichen kubanischen Entwicklung folgen. Dann sind die
Bauern, ob in der Stadt oder auf dem Land (wie in Preußen in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts) so oder so Proletarier geworden.
8. Statt mit solchen Problemen beschäftigen sich die linken Parteien
Lateinamerikas lieber damit, den ausgeklügelten nord-amerikanischen
Wahlkampfstrategien ein alternatives Konzept beim Kampf um die Parlamentssitze
entgegenzusetzen. Auf diesem Terrain haben sie allerdings nur die Alternative,
sich entweder nach [erfolgversprechenden] Werbepsychologen, die ihren Wahlkampf
noch wählerwirksamer stylen, umzusehen oder, falls dafür nicht die Kohle da ist
(was bisher in der Regel der Fall war, sich aber nach Chávez’ ‚Ermächtigungsgesetz’ schlagartig ändern könnte), ihre soziale Demagogie
gegenüber den bisher in „Lähmung und Verzweiflung“ verharrenden Ghettobewohnern, deren Verhaltensweisen „sich nicht immer in Widerstand um(setzen) [lassen], sondern zu Lähmung und Apathie führen“, beachtlich zu steigern, um ähnlich wie in Venezuela
(oder im alten Rom?) „einen dem Volke verpflichteten Mann mit ins höchste
Staatsamt“ zu bringen. Das ist
‚Revolution von oben’ pur oder nach Marx: Bonapartismus à la Louis Napoleon
reinsten Wassers (MEW 8, 160ff.)! Dabei werden wahrscheinlich die „in den
großen sozialen Bewegungen präsent(en) ... Linken“ mit dem sozialistischen Kuba im Rücken die Aufgabe übernehmen, aus den
Ghettobewohnern eine lateinamerikanische ‚Gesellschaft des 10. Dezember’ zu
formieren und zu befehligen (welche Bedeutung übrigens so ein ‚Hinterland’
bekommen kann, erleben wir gegenwärtig am Beispiel Syriens und des Iran im
Irak).
9. Wenn die europäischen Arbeiterklassen nicht bereits ihre eigenen Erfahrungen
mit solchen ‚Revolutionen von oben’, speziell in den 50er Jahren [in Berlin,
Posen, Budapest u.a.] gemacht hätten, müßten diese verstärkt vor dem Import eines
solchen ‚Revolutionsmodells’ gewarnt werden. Das wird aber schon deshalb nicht nötig sein, weil sich diese
Abenteuerpolitik oder das Bündnis mit politischen Abenteurern dieser Art (deren
aus den 50er und 60er Jahren stammendes Charisma wohl endgültig verraucht ist),
wahrscheinlich selbst ad absurdum führen wird. (Aber ähnliches wurde auch
einmal der Hitler-Episode vorausgesagt.) Wenn allerdings die europäische Linke
lauter als bisher davon zu träumen begänne: was denn wäre, wenn ‚wir hier auch
so einen Chávez hätten’, der für sie mit den radikalisierten Massen die
Kastanien aus dem Feuer holte, hätte diese Linke meiner Meinung nach ein
Problem und der Widerstand gegen den Faschismus einen neuen Feind bekommen. Das
aber wollen wir nicht hoffen – oder?
Soweit mein Kommentar zu den „Hoffnungen eines Kontinents“. Die übrigen Artikel lasse ich unkommentiert,
teilweise, weil sie im Vergleich zu dem Bericht über das 13. Sao-Paolo-Forum aus 2006 nichts Neues enthalten (ein zusätzliches
Indiz für den stationären und leeren propagandistischen Charakter der linken
Schreibe); der Bericht der kolumbianischen Blumenarbeiter ist Eulen nach Athen
tragen:[3] wie naiv muß man sein, in Afrika etwas anderes zu erwarten als die
lächerlichsten Karikaturen unserer europäischen Verhältnisse, einschließlich
der Korruptheit der Gewerkschaften! Diese Reise hätten sie sich, [wenn] rechtzeitig
von ihren Linken Sponsoren gewarnt, sparen können, [und] wenn sie von diesen
wirklich ernst genommen und nicht nur als Basis-Maskottchen oder Stimmvieh
behandelt würden, das mit dem Stimmzettel lauter Chávez-Kopien aus dem Boden
zaubern soll. Daß das Weltsozialforum 2007 auch zum Irak Stellung genommen hat, ist ja sehr schön; nur gelingt es
diesem, wie seit Jahren der europäischen Linken, nicht, dort zwischen Freund
und Feind zu unterscheiden, woran der lautstarke Wunsch nach Frieden auch
nichts ändert. War es denn allein die Gier nach dem Erdöl, die die
amerikanische Truppen dort zu Besatzungstruppen gemacht hat oder bestand für
die USA nicht auch das Problem darin, daß eine ehemalige CIA-Marionette ihrer
hegemonialen Kolonialpolitik (man staune: Noriega wurde gerade aus seiner
luxuriösen Ehrenhaft in einem amerikanischen Gefängnis entlassen) den
amerikanischen Interessen (Iran-Irak-Krieg) aus dem Ruder gelaufen war und
früher oder später liquidiert werden mußte? Vielleicht, wenn sich Saddam des
sozialistischen ‚Hinterlands’ (und seiner Gönner in den europäischen
Regierungen) nicht so sicher gewesen wäre, das sich aber zu seinem Entsetzen
plötzlich in Luft aufgelöst hatte, vielleicht könnte er sich jetzt auch in
einem amerikanischen Goldenen Käfig statt im Himmel mit den schönsten
Jungfrauen vergnügen. Die Irak-Friedenspolitik der NGOs ist nicht nur
fürchterlich eindimensional, sie scheinen für den Irak wie schon für
Jugoslawien auch nur über ein revisionistisches Konzept zu verfügen, das aber
nur funktionieren wird, wenn sich für die mutigen Friedenskämpfer ein neues
‚Hinterland’ findet, in dessen Schutz ein neuer Saddam oder Milo aufgebaut
werden können. Dafür scheinen sie dann auch bereit zu sein,
Geheimdienst-Kreaturen vom Schlage eines Bin Ladin oder Zarkawi einen
antiamerikanischen Widerstandscharakter anzudichten, vom Export der iranischen
Revolution ganz zu schweigen. Sehr zukunftsträchtig!
Hierbei will ich es erst mal bewenden lassen und verabschiede mich für 14 Tage [...].
Du hast also eine Menge Zeit über meine kritischen Einwände nachzudenken.
Herzliche Grüße
Ulrich
1) Das Sao-Paulo-Forum der lateinamerikanischen Linken: Brückenschlag nach Europa. Die Hoffnungen eines Kontinents, in: Neues Deutschland 15./16.04.2000.
2) Vgl. An Partei Marx (01.04.2003) und An Django (03.03.2003).
3) „Blumenarbeiter sollten sich unabhängig organisieren“. Kolumbianische Gewerkschafter diskutieren bei Weltsozialforum
mit Beschäftigten aus Kenia (Interview), in: Neues Deutschland 23.01.2007.
An Partei Marx (11. 02 2007)
Betreff: DIKTATUR DES PROLETARIATS – NEIN
DANKE!
Lieber Ulrich
Zu Deinen u. a. Überlegungen heute nur soviel:
Ich fasse es nicht!!!:
Ungeachtet meiner Kritik und Deines eigenen Eingeständnisses, daß Du das
revolutionäre Proletariat selbst nicht praktisch bestimmen kannst [...] muß ich
folgendes lesen:
„…aber unabhängig davon stellt sich folgendes Problem: wenn für den Kampf
gegen den Imperialismus in Lateinamerika keine demokratische Revolution unter
der Diktatur des Proletariats und der revolutionären Bauern…auf der Tagesordnung
steht…, dann müßte der so bezeichnete Einbruch des Kapitalismus in
Lateinamerika …auch einen vollständigen Wechsel in der revolutionären Strategie
erforderlich machen, durch die der Antiimperialismus in den Kampf des
Welt-Proletariats gegen die Welt-Bourgeoisie einzuordnen, wenn nicht gar
unterzuordnen wäre.“
Wo zum Teufel findet der „Kampf des Welt-Proletariat[s]“ real denn statt, in den Du irgendetwas einzuordnen
gedenkst? Außer in Deinem Kopf?
Das Welt-Proletariat als revolutionäres Subjekt existiert objektiv nicht!
Lieber Ulrich, ich muß Dir leider sagen, daß ich unsere Diskussion inzwischen
für völlig zwecklos erachte, weil Du hartnäckig an dieser Fiktion festhältst
und im Grunde unausgesetzt alles andere von ihr ableitest, d.h. praktisch (wenn
sie denn Wirklichkeit würde, was ich für völlig ausgeschlossen halte): Weil die
Voraussetzung – das revolutionäre Proletariat – fehlt, würde die
Diktatur des Proletariats tatsächlich nur von solchen Leuten wie Dir ausgeübt,
jenen Figuren, die sich das zuvor – aus persönlichen Machtambitionen
– aus den Fingern gesaugt haben. Und das wäre dann notwendig die Diktatur
von wenigen, die ich kategorisch ablehne! (Außerdem bin ich auch kein Freund
einer echten Diktatur des Proletariats!) Mir scheint, daß ausgerechnet Du, der
vehemente Stalin-Kritiker das Wesentliche aus der Kritik des Stalinismus nicht
kapiert hast.
Demgegenüber ist es die wirkliche Aufgabe der Linken, das wirkliche „neue
revolutionäre Subjekt“ überhaupt
erst zu finden. Diese Versuche werden von Dir permanent mit mehr oder weniger
haltlosen Verdächtigungen überzogen und schlecht gemacht. (Womit ich natürlich
nicht sagen will, daß jedes Detail Deiner Kritik falsch ist.) Ich finde das
unsachlich, unfruchtbar und nicht ziel führend.
Ulrich, Hand aufs Herz: Was macht meine Kritik noch für einen Sinn, wenn Du
keinerlei Konsequenzen daraus ziehst?
Das einzige was mich in diesem Zusammenhang noch interessiert ist: Gibt es auf
diesem Globus eigentlich irgend eine linke Kraft, Person etc., die Deinen Ansprüchen
genügt? Außer der Partei Marx, versteht sich?
Im übrigen möchte ich Dir sagen: Wenn ich mich recht erinnere, hast Du in einem
Deiner letzten Texte geschrieben, daß vom Tisch der Chavez etc. nicht einmal
ein Krümel für den armen Bauern abfällt. Selbst der oberflächliche
Zeitungsleser weiß aber, daß jede Menge „Krümel“ abfallen! Es gibt eine Fülle von Sozialprogrammen!
Du schreibst da also die Unwahrheit. Ich empfehle Dir deshalb, bevor Du bei
anderen mangelnde Kritik kritisierst (s. Text vom 4.1.2007) Dich bei der
eigenen Nase zu packen.
Gruß
Django
An Django (11.03.2007):
...Was ich am meisten und abgrundtief hasse, ist angewandte Pädagogik in
politischen Auseinandersetzungen, lieber Django
Schins!
Aus Mangel an Argumenten versuchst Du mich in unserer Korrespondenz in die
Rolle des abgestraften Schülers zu versetzen („Ulrich, Hand aufs Herz: Was
macht meine Kritik noch für einen Sinn, wenn Du keinerlei Konsequenzen daraus
ziehst“), während in
einem auf dem heutigen Stand der (‚poststalinistischen’) Zivilisation
befindlichen Dialog beide Seiten davon ausgehen sollten, daß jede bereit ist,
aus der Debatte ihre eigenen Konsequenzen zu ziehen. Zur Begehung eines solchen
‚Zivilisationsbruchs’ bin ich nicht bereit. Davon abgesehen ist mir diese
psychologische Masche aus langjähriger Erfahrung mit der deutschen Linken nur
allzu bekannt.
An Stelle einer Antwort auf meine detaillierte Kritik an Deinem „Determinismus“-Papier gegen die Partei Marx („Marx als Gott oder was?“) schmeißt Du mir ein paar jW-Artikel vor
die Füße, wovon ich den meiner Ansicht nach wichtigsten in der völlig
illusionären Annahme, dies wäre ein Beitrag zu unserer bisher geführten
Diskussion, detailliert zu kritisieren versucht habe.[1] In Deiner Antwort
darauf klaubst Du Dir einen Satz aus meiner Kritik heraus, den Du durch
entsprechende Auslassungen des historischen Zusammenhangs, in dem sich
dieser und das darin benannte „Proletariat“ eindeutig befinden, völlig entkleidest
und legst zum x-ten Mal die alte Platte auf: „Wo zum Teufel findet der
‚Kampf des Weltproletariats’ real denn statt...?“ Wenn eine Beantwortung dieser wohl eher
rhetorisch gestellten Frage noch irgendeinen Sinn ergäbe, würde ich sagen:
Überall da, wo sich das Kapital etabliert hat (Marx: sich als
Produktionsverhältnis selbst gesetzt hat und für alles weitere vorauszusetzen
ist). Aber diese Antwort kann ich mir allem Anschein nach schenken.
Mit Deiner rhetorischen Frage möchtest Du meiner Kritik an der im Jahre 2000 in
Sao Paulo versammelten Linken aus dem Wege gehen, deren Erklärung, wie ich [dort]
detailliert ausführe, auf folgende strategische Alternative hinausläuft: „...einerseits verharrt sie auf dem Antiimperialismus
des 20. Jahrhunderts, andererseits wird der
Kapitalismus in Gestalt des ‚Neoliberalismus’ zum Hauptfeind erklärt, ohne uns
mitzuteilen, was (in einer noch wenig differenzierten Annahme meinerseits) an
diesem ‚Neoliberalismus’ am meisten zu bekämpfen ist: entweder, daß es sich um Kapitalismus
überhaupt handelt (dann richtete sich dieser Kampf gegen die gesamte Bourgeoisie, die einheimische eingeschlossen) oder allein um den
nordamerikanischen Kapitalismus im besonderen (dann wäre weiter eine
Einheitsfront angesagt zusammen mit dem antiimperialistischen Flügel der
heimischen Bourgeoisie). Ohne Unterscheidung zwischen diesen beiden sich
teilweise ausschließenden Strategien bleibt auch die Frage nach dem
revolutionären Subjekt ungeklärt.“ Anstatt sich über diese strategischen Alternativen rational
Gedanken zu machen, reduzierst Du das in der Erklärung des Forums von Sao
Paulo aufgeworfene
Problem, auf die „wirkliche Aufgabe der Linken, das wirkliche ‚neue
revolutionäre Subjekt’“ (wie die blaue Blume der Romantik) „überhaupt erst zu finden“. Diese Suche haben Dir inzwischen die
linken lateinamerikanischen caudillos in den Ghettos von Caracas bis Rio längst abgenommen...
Du hast Recht: auch ich bin nicht weniger als Du zu der Ansicht gelangt, „unsere
Diskussion inzwischen für völlig zwecklos“ zu erachten, wenn ich sehe, wie das „wirkliche ‚neue
revolutionäre Subjekt’“,
auf dessen Suche Du die „Linke“ bei uns und in Lateinamerika wähnst, zunehmend seine verborgenen
faschistischen Potenzen entfaltet. Und zwar als Ausdruck der sich nach den
Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus vor unseren Augen abspielenden Proletarisierung der Welt, der Du und Deinesgleichen sich mit proudhonistischen Rezepten meinen
entgegenstemmen zu müssen, um die bürgerliche Gesellschaft vor dem Kapitalismus
zu retten und diese Welt (mit dem Segen der laut der Erklärung des Forums
von Sao Paulo „dem
Volke verpflichteten“ und von diesem „ins höchste Staatsamt“ gebrachten Männern) in das antifaschistisch und politisch
korrekt zurechtgetrimmte, klimageschonte Reich der ‚Globalisierungskritiker’ zu
befördern.
Das allerdings ist keine Fiktion mehr, sondern die traurige Realität, die
hinter der Suche der Linken nach der Blauen Blumen mit Namen „neues
revolutionäres Subjekt“ zunehmend hervortritt: nützliche Idioten in einem globalen Machtkampf der
verschiedenartigsten aufstrebenden Weltmächte (und antiamerikanischen
Möchtegern-Weltherrscher wie Ahmadineschad und Chavez) mit der Weltmacht USA
und den etablierten westlichen Großmächten, die sich hinter dieser verschanzt
haben...
Welche Konsequenz sollte ich, „Hand aufs Herz“, aus Deiner Kritik ziehen, wenn Du Dich
nicht einmal ansatzweise bemüßigt fühlst, mich in der Sache zu
widerlegen?
Ob es auf diesem Globus jemanden geben wird, der den „Ansprüchen ...der
Partei Marx ...genügt“,
wird sich hoffentlich nicht erst zeigen, wenn der Hund nach dem chinesischen
Essayisten Lu Xün zum zweiten Mal ins Wasser gefallen ist. Ein solcher Hund hat
erst recht Prügel verdient. Ich jedenfalls habe nicht vor, zu den geprügelten
Hunden zu gehören, während Du Dich auf dem besten Weg befindest, Dir diesen
Titel zu verdienen.
Vielleicht überlegst Du Dir die Sache noch einmal und ergreifst
freundlicherweise die Gelegenheit, meine Kritik im o.g. Sinn zu beantworten.
Wenn nicht, verabschiede ich mich vorsorglich schon einmal aus Deiner heilen
Welt mit dem Chor der Delphine:
…so long, so long, and thanks
for all the fish!
1) Der genannte Artikel war nicht in der Jungen Welt,
sondern dem Neuen Deutschland erschienen (siehe An Django (04.02.2007), Anm. 1
An Partei Marx (13.03. 2007):
Betreff: DIE HUNDE BELLEN, ABER DIE KARAWANE ZIEHT
WEITER
Lieber Ulrich
Leider ist Dein Text ein weiterer Beweis dafür, daß eine weitere Diskussion
zwischen uns nutzlos ist.
Auf meine Aussage, daß ein kämpfendes revolutionäres Weltproletariat EMPIRISCH
nicht beobachtbar ist („Das Welt-Proletariat als revolutionäres Subjekt
existiert objektiv nicht!“ ist
keineswegs rhetorisch, vielmehr sehr konkret, gemeint.) bzw. die entsprechende
Frage nach seinem realem revolutionärem Kampf (auch diese ist folglich höchst
konkret gemeint), antwortest Du – wie könnte es anders sein – THEORETISCH
mit Marx: „Überall da, wo sich das Kapital etabliert hat (Marx: sich als
Produktionsverhältnis selbst gesetzt hat und für alles weitere vorauszusetzen
ist).“ „Revolutionär“ schreibst Du hier zwar nicht, aber nur, wenn man das
meint, macht es ja Sinn, von der Einordnung in den Kampf des Welt-Proletariats
gegen die Welt-Bourgeoisie zu sprechen oder geht es bei Deiner Revolution nur
um höhere Löhne?
Dort aber, im Produktionsverhältnis, – ich wiederhole – ist ein
solcher REVOLUTIONÄRER Kampf eben NICHT zu beobachten!
Daß Du diese Einordnung im übrigen keineswegs historisch, wie Du fälschlich
behauptest, sondern vielmehr perspektivisch meinst, geht aus folgendem Zitat
hervor, in dem Du ja gerade die lateinamerikanische Linke ob des Mangels „vollständig“ neuer strategischer Überlegungen für die Zukunft
rügst:
„wenn für den Kampf gegen den Imperialismus in Lateinamerika keine
demokratische Revolution unter der Diktatur des Proletariats und der
revolutionären Bauern… auf der Tagesordnung steht, d.h. eine Strategie obsolet
geworden ist…, dann müßte der so bezeichnete Einbruch des Kapitalismus … auch
einen vollständigen Wechsel in der revolutionären Strategie erforderlich
machen, durch die der Antiimperialismus in den Kampf des Welt-Proletariats
gegen die Welt-Bourgeoisie einzuordnen, wenn nicht gar unterzuordnen wäre.“
Deiner Argumentation fehlt also mit dem real fehlenden revolutionären
Proletariat der Sache nach ihr material-inhaltlicher Kern, den Du aber
nichtsdestotrotz ständig im Munde herumführst – ein Ausdruck dieses
eingebildeten Kerns ist bspw. „proletarische Außenpolitik“, die Du bei der lateinamerikanischen Linken immer
schon als fehlend bemängelst.
Um die Realität des fehlenden revolutionären Weltproletariates vor Dir zu
verstecken, steckst Du Deinen Kopf umso tiefer in die Blauen Bände (BB), wo Du
dieses zu Deinem großen Glück immer wieder findest – in der einen oder
anderen Formulierung, so z.B. sie oben.
Du bist es, der hier auf diese meine Einwände inhaltlich überhaupt nicht eingeht.
Und deshalb – und weil Du Deinen Standpunkt auch nicht änderst – lege
ich auch immer wieder dieselbe alte Platte auf! Was ist denn nun jetzt Deine
Meinung: Gibt es dieses „Proletariat“ nun oder nicht?
Ich gebe zu, daß ich Deine letzten Texte nicht gründlich gelesen habe. Ich
hatte andere Arbeiten zu erledigen. Ich habe das auch angedeutet (s. „Zu
Deinen u. a. Überlegungen heute nur soviel:“, So 11.02.2007 11:47). Ich bin mir aber sicher, daß Du Deine
strategischen politischen Überzeugungen prinzipiell und permanent von einer
(fiktiven) Menschengruppe, daß Du aus dem von DIR „philosophisch“ gesetzten „revolutionären Weltproletariat“ grosso mode Deine Position ableitest, genauer, aus
den vermeintlich revolutionären Eigenschaften und Fähigkeiten der Arbeiterschaft,
die „Welt-Bourgeoisie“ konsequent
zu bekämpfen und schließlich zu besiegen (als Beleg dafür sollen hier die
beiden o.g. Beispiele, Einordnung und Außenpolitik, genügen).Wenn aber nüchtern
zu konstatieren ist, daß dieses Subjekt überhaupt nicht existiert, weil ein
entsprechendes Agieren nicht feststellbar ist, dann sind auch Deine Ableitungen
falsch. Stattdessen verhöhnst Du die Suche nach einem wirklichen revolutionären
Subjekt als romantische Sehnsucht nach der Blaue[n] Blume. Das ist absurd:
Derjenige, der nur Spinnerei aufzubieten hat, denunziert den realistischen
Sucher als verhuschten Romantiker!
Ich habe mit dieser Kritik also den wesentlichen inneren Zusammenhang Deiner
Position und die objektive und subjektive Realität des nicht vorhandenen „revolutionären
Klassenkampfes“ richtig erfaßt und
– wie gesagt aus Zeitmangel – meine Kritik darauf fokussiert. Das
scheint mir doch sehr realistisch, rational und kohärent zu sein.
Für Dogmatiker ist es allerdings typisch, daß sie realitätsresistent sind.
Für einen weiteren Kritikpunkt fand ich dann doch noch kurz Zeit, weil er mir
sehr wichtig ist: Daß Du mit Deinem Plädoyer für eine Diktatur des Proletariats
die wesentliche Lehre aus dem Stalinismus nicht gezogen hast. Auch dazu von Dir
kein(e) (Ant-)Wort. Allerdings ist es hier nicht ganz klar, ob Du diese nun
endgültig als obsolet oder nur zur Zeit nicht auf der Tagesordnung stehend
ansiehst bzw. bis auf weiteres im Weltenkampf der Klassen verstecken willst?
Wer also selbst immer noch den Argumenten ausweicht (wie z.B. dem, daß sehr
viele „Krümel“ vom Tisch des Hugo
Chavez für die Armen abfallen) sollte den Mund nicht so voll nehmen mit seiner
Kritik, daß ich die Dinge aus dem Zusammenhang reiße.
Es ist z.B. eine vielfach belegbare Tatsache, daß die von Dir verunglimpften
Chavez & Co. schon eine Menge für die kleinen Leute getan haben. Mindestens
genau so wichtig und real ist die schrittweise Formierung[en] eines neuen
lateinamerikanischen Selbstbewußtseins und anti-usa-imperialistischen Blocks.
Zu ersterem behauptest Du aber gar das genaue Gegenteil – entgegen den
Tatsachen! Eine Korrektur ist offensichtlich von Dir nicht zu erwarten.
Um sich aber ernsthaft und produktiv argumentativ auseinanderzusetzen, ist es
notwendig, sich auf elementare methodische Kriterien zu verständigen. Ein
solches Kriterium ist für mich z.B. die unvoreingenommene Feststellung von
Tatsachen und logisches Schließen daraus. Materialismus eben – die Dinge
so zu sehen, wie sie sind! Nicht, sie sich ausdenken! Dieses Verfahren schließt
auch ein, theoretische Positionen an den Tatsachen zu messen und im Falle der
Nichtübereinstimmung der Theorie mit den Tatsachen, erstere zu verwerfen. Du
verfährst offenkundig genau umgekehrt! Daß unserer Diskussion dieses
methodische Fundament mangels diesbezüglichem Konsens fehlt, hat mindestens
Aneinandervorreden und – so lange dieser Konsens nicht hergestellt ist
– einen antagonistischen Gegensatz zwischen unseren Argumentationen zur
logischen Konsequenz. Also: Diese Diskussion ist auf dieser Grundlage sinnlos!
Wir würden uns nur noch bis zum jüngsten Gericht – in einem positiven
Sinne – ergebnislos streiten, wie es bisher ja auch für die Linke sehr
oft typisch war. Onanistische Selbstzerfleischung. Und ich habe exakt den
Eindruck, daß Du diese ALLES VERNICHTENDE KRITIK mit Lust betreibst. Meines
Erachtens ist das nur noch psychologisch zu erklären. Daraus kann nichts
Konstruktives im Sinne einer grundlegenden emanzipatorischen Veränderung
erwachsen.
Problematische Tendenzen bei Chavez übersehe ich bei alledem nicht – z.B.
sein regieren per Dekret für 18 Monate. Der Prozeß ist selbstverständlich
widersprüchlich. Wie könnte es anders sein. Was Du aber anzubieten hast, ist
nicht anderes als erstens widersprüchliches WUNSCHDENKEN (einerseits ist
demokratische Revolution unter der Diktatur des Proletariats obsolet,
andererseits redest Du vom Kampf des Welt-Proletariats), zweitens TOTALNEGATION
und drittens eine merkwürdig verkehrte Autoritätsfixiertheit. Merkwürdig
deshalb, weil sie sich zwar negativ gebärdet, aber nicht auf die Idee kommt, daß
es ja an der (lateinamerikanischen) Linken selbst liegt, ob sich aus dem
Caudillo (?) Chavez ein Diktator entwickelt. Die Befreiung des „Proletariats“ kann eben nur die Sache des „Proletariats“ selbst sein. Emanzipation bekommt man per
definitionem nicht geschenkt und man darf auch LETZTLICH nicht Chavez dafür
verantwortlich machen, wenn man sich von ihm unterdrücken läßt, sondern sich
selbst! Also „wir“ (ich setze das
in Anführungszeichen, weil wir ja nicht alle von Chavez unterdrückt würden),
die Du Besitzer absoluter Wahrheit und unendlicher Voraussicht, jetzt schon
vorsorglich als nützliche Idioten bezeichnest.
Typisch für Deinen Standpunkt überhaupt ist, daß für Dich auch hier das ABSOLUT
NEGATIVE dieses Prozesses in Südamerika schon längst ausgemachte Sache zu sein
scheint – bevor er überhaupt schon richtig in Fahrt gekommen ist. Du
saugst eben alles nur aus Deinem TOTAL DOGMATISIERTEN Gehirn! Hat etwa Marx
dazu seinerzeit schon „Wegweisendes“ gesagt, was ich übersehen habe und was Du nun nur noch nachbetest?
Vollends absurd ist aber folgender Satz, von dem ich leider sagen muß, daß sein
Irrsinn alles bisher von mir Gelesene übertrifft:
„…wenn ich sehe, wie das ‚wirkliche >neue revolutionäre Subjekt<“…zunehmend
seine verborgenen faschistischen Potenzen entfaltet. Und zwar als Ausdruck der
sich nach den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus vor unseren Augen abspielenden Proletarisierung der Welt...“
Bei den schließlich in der suchenden praktischen und theoretischen
Selbstbewegung der Linken zu findenden, sich schon in ersten Zügen
herausbildenden neuen Subjekten reformerischer und vielleicht schließlich sogar
revolutionärer (das muß dialektisch gesehen werden) Veränderung, von in ihnen
verborgenen faschistischen Potenzen zu reden, ist jenseits jeder realistischen
und rationalen Betrachtung, weil Chavez – einmal unterstellt, er wäre ein
solch schlimmer Finger (ich übersehe hier einmal freundlicherweise, daß es sich
im Grunde um eine schlimme Verharmlosung des Faschismus durch Dich handelt)
– zwar ein sehr starkes und führendes, aber bei weitem nicht das einzige
Subjekt der vor unseren Augen vor sich gehenden dramatischen Veränderung in
Richtung Sozialismus des 21. Jahrhunderts in Lateinamerika ist. Die anderen
finden sich realiter nicht in der knechtenden Unterordnung unter Chavez.
Allerdings befinden sich nicht alle auf der Höhe des Bochumer Weltphilosophen,
der die Welt wieder einmal mit der reinen Lehre überzieht. Es ist immer wieder
dasselbe Spiel: Vor dem Richterstuhl des Absoluten Ideals kann das Reale immer
nur scheitern. Daß das Forum von Sao Paulo mit seiner von Dir inkriminierten
Erklärung möglicherweise nicht hinreichend Selbstkritik übt, mag sein. Ich
nehme das als Ausdruck der Vielfalt der dort versammelten Gruppen etc., die zu
Recht wohl primär an der Herausarbeitung des Gemeinsamen statt des Trennenden
interessiert waren. Ganz im Gegensatz zu besagtem Philosophen, der sich stets
immer wieder erfolgreich einen darauf runterholt, daß er stets und ständig die
ganze Welt in Grund und Boden verkritisiert. Die Verfassung der Bolivarischen
Republik Venezuela, die ich Dir dringend zur Lektüre empfehle, ist übrigens ein
Musterbeispiel demokratischer Ordnung!
Und dann – des Wahnsinns gänzlich fette Beute – entfalten sie auch
noch „faschistische Potenzen…als Ausdruck der“, ja, natürlich, „sich nach den Gesetzmäßigkeiten
des Kapitalismus vor unseren Augen abspielenden Proletarisierung der
Welt“! Wenn die Proletarisierung
eine Gesetzmäßigkeit des Kapitalismus ist und wenn diese Basis und Nährboden
des Faschismus ist und wenn die Suche nach einem neuen revolutionären Subjekt
romantische Spinnerei ist, dann ist ja weder das eine (proletarische) noch die
anderen (neuen) Subjekte fähig und in der Lage Deine kommunistischen Gewißheiten
zu realisieren, oder? Wie aber kommen wir dann zum Kommunismus, der doch Deines
Erachtens mit Notwendigkeit kommen wird? Führt Proletarisierung notwendig zum
Faschismus oder zum Kommunismus?
Bis zur unappetitlichen Lektüre dieses Satzes dachte ich noch, daß es gerade
die Proletarisierung ist, der Du frönst, weil sie das Heil der Menschheit
verspräche. Oder habe ich da etwas falsch verstanden: Bist Du an dieser Stelle
plötzlich nicht mehr der Verfechter der historischen Mission des revolutionären
Welt-Proletariats? Ist es nun hier zum bösen faschistischen Subjekt mutiert?
Ich ahne bereits die Antwort: Hier kann nur das Heil aus Bochum kommen. Vom
Avantgardisten, der seine Absolute Wahrheit in das Proletariat hineinträgt, um
es auf den rechten Pfad der revolutionären Tugend zu lenken.
Offenbar spielst Du mit den „faschistischen Potenzen“ auf die „Freundschaft“ von Chavez mit Ahmadinedschad an, genauer auf die
Holocaust-Leugnung von letzterem. Solche diplomatischen Praktiken nennt man wohl
Realpolitik und sie machen mich auch mißtrauisch. Deshalb ist Vorsicht und
Kritik geboten. Ich erinnere daran, daß Mao mit dem Kommunistenschlächter
Chiang Kai-scheck freundlich lächelnd Reiswein getrunken hat, als es um das
Bündnis gegen den japanischen Aggressor ging. Ich könnte so etwas nicht. Aber
Politiker müssen wohl so sein…
Deshalb aber gleich von faschistischen Potenzen zu sprechen, ist abwegig, weil
Chavez mit absoluter Sicherheit nicht so dämlich ist, sich damit seine großen
Sympathien weit über die Linke hinaus zu verscherzen.
Ich will hiermit die politische Sache zwischen uns endgültig (wie
undialektisch) auf den Punkt bringen: Wenn Du die Welt primär aus den BB
ableitest und nicht aus sich selbst, dann hat es diesbezüglich keinen Zweck mehr
mit uns. Ohne das Marxsche und Engelssche Werk wirklich umfassend zu kennen,
denke ich dennoch, schon jetzt sagen zu können, daß sie eben diese Methode
auszeichnet – die Welt aus sich selbst heraus zu erklären! Das schließt
allerdings nicht aus, daß sie dabei auch Fehler gemacht haben. Außerdem hat
sich die Welt dramatisch verändert. Es gilt aber weiterhin grundsätzlich:
“Wenn wir jetzt die Verhältnisse, unter denen die englische Arbeiterklasse
der Städte lebt, in ziemlicher Ausführlichkeit betrachtet haben, so wird es nun
an der Zeit sein, aus diesen Tatsachen weitere Schlüsse zu ziehen und diese
wiederum mit dem Tatbestande zu vergleichen.“
MEW, 2, 324.
„Die Tatsache ist also die: bestimmte Individuen, die auf bestimmte Weise
produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten gesellschaftlichen und politischen
Verhältnisse ein. Die empirische Beobachtung muß in jedem einzelnen Fall den
Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der
Produktion empirisch und ohne alle Mystifikation und Spekulation aufweisen. Die
gesellschaftliche Gliederung und der Staat gehen beständig aus dem Lebensprozeß
bestimmter Individuen hervor; aber dieser Individuen, nicht wie sie in der
eignen oder fremden Vorstellung erscheinen mögen, sondern wie sie wirklich
sind, d.h. wie sie wirken, materiell produzieren, also wie sie unter bestimmten
materiellen und von ihrer Willkür unabhängigen Schranken, Voraussetzungen und
Bedingungen tätig sind.“
MEW 3, 25.
EGAL wie es kommt, es tröstet mich eine Gewißheit. Dort in Bochum, in seiner
Studierstube, saß einer, der alles schon im voraus wußte, unser
Totaldeterminist, der Elfenbeinturmbewohner Ernst-Ulrich Knaudt, der sich
Marxist zu sein dünkte.
In diesem Sinne grüßt
Django
1) Sao-Paulo Forum sucht Alternativen, in Neues Deutschland
(14.06.1995), 7.
An Partei Marx (19.03.
2007):
Methode + Weltpolitik
Lieber Ulrich
Ich wollte Dir ja eigentlich nicht mehr schreiben, aber na ja, die Hoffnung
stirbt eben zuletzt...
Im Anhang findest Du, neben einem Redetext zum modernen Sozialismus ein
Interview mit Gysi, aus dem man immerhin lernen kann, daß man auch anders mit
der lateinamerikanischen Situation umgegehen kann als Du.
Es fällt mir dabei auf, daß Gysi von den realen Menschen ausgeht. Und dies
scheint mir – gelinde gesagt – ein sehr viel fruchtbarerer Ansatz
zu sein, als Deiner, der des Schriftgelehrten.
Hierzu fand ich folgende Aussage von Marx und Engels,
mit der sie die materialistische Methode auf den Punkt bringen und die ich Dir
bisher vergeblich versucht habe nahe zu bringen:
„Ganz im Gegensatz zur deutschen Philosophie,
welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt, wir hier von der Erde zum Himmel
gestiegen. D.h., es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen,
sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht von den gesagten, gedachten,
eingebildeten, vorgestellten Menschen, um davon aus bei den leibhaftigen
Menschen anzukommen; es wird von den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und
aus ihrem wirklichen Lebensprozeß auch die Entwicklung der ideologischen
Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt.“ Die Deutsche Ideologie, MEW 3, 25-40.[1]
Mit freundlichem Gruß
Django
PS: So ganz nebenbei ist auch Dein Vorwurf des
Provinzialismus an die Adresse meiner Partei widerlegt, die übrigens
Gründungsmitglied der EL ist – ein Zusammenschluß von über 20 Parteien in
Europa. Siehe Deine Mail vom 26.01.2007:
„Dein Problem (wie auch das Deiner Partei) ist bei
aller ‚Globalisierungskritik’ (+ Fidel Castro + Hugo Chavez + Ahmadineschad)
Euer verdammter Provinzialismus, den Ihr von Euren Vorgängern geerbt habt. Ihr
seht den Kapitalismus nur so, wie er Euch erscheint, wenn Ihr täglich vor die Haustür
tretet. Das war schon immer das Problem der deutschen Linken, weder in
historischen noch in weltrevolutionären Zusammenhängen die Dinge zu sehen,
sondern immer nur auf das ‚Hinterland’, das man sich für seine Revolution
auserkoren hatte, zu starren und dieses für Weltrevolutionäres zuständig zu
erklären.“
1) Karl Marx; Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, MEW 25, 26.
An Django (23.03.2007):
Betreff: America Latina
Lieber Django,
... kurz das Wichtigste: vielen Dank für die Texte.
Das Interview hatte ich zuvor schon gelesen und mir überlegt, vielleicht darauf
zu reagieren. Der mir von Dir zugesandte zusätzliche Rede-Text hat mich in
diesen Überlegungen bestärkt. Alles weitere wirst Du unter REFLEXIONEN 2 zu
lesen bekommen.
Unsere Diskussion war ein großes Mißverständnis! Wir
gehen von unterschiedlichen Voraussetzungen aus. Ihr redet von Sozialismus,
ohne Eure historischen Hausaufgaben gemacht zu haben. Daran ist Trotzki ebenso
gescheitert wie Gorbatschow und eine ganze Generation subjektiv ehrlicher
Genossen, weil eine institutionelle Konterrevolution (obwohl Trotzki
unmittelbar zu einem ihrer Leidtragenden wurde) durch eine Revolution 'von
oben' nicht aus der Welt zu schaffen ist, es sei denn, auf ihre 'demokratische'
Weise, durch die 'westliche' Bourgeoisie gemeinsam mit der 'westlich'
orientierten Nomenklatura. Wer jedoch meint, an irgendeiner Kontinuität, in
welcher Form auch immer, bezogen auf den von Stalin geschaffenen
konterrevolutionären Sozialismus (= Lenin: "Sozialimperialismus") festhalten zu können (die einen mehr, wie die
PDS-Minderheit, die anderen weniger, wie die PDS-Mehrheit), wird nur
Bonapartismus zustande bringen. Keinen objektiv revolutionären (= Bonaparte I),
sondern den präventiv konterrevolutionären (= Bonaparte II), in seinen
verschiedensten Gestalten vom Amerika-Befreier bis zum 'demokratisch' getarnten
Arbeiter-Diktator à la Lafontaine (und vielleicht eines Tages noch mal
Gasprom-Schröder). Was Dir als Idealismus erscheint (daran ändert auch das
schöne Marx-Zitat nichts; denn es ist allein die Frage, unter welchem Aspekt
oder Vorzeichen wir heute als
Parteigänger der 'Partei Marx', um nicht zu sagen, was leider zu viel zu vielen
Verwechslungen führt: Kommunisten, angesichts der Stalinschen institutionellen
Konterrevolution auf die Feuerbachschen "leibhaftigen Menschen" einzugehen haben), gründet meinerseits auf der
Notwendigkeit, die revolutionären Bewegungen des XX. Jhts daraufhin zu
untersuchen, was im XXI. aus ihrem Scheitern zu lernen ist; erst dann läßt sich
überhaupt von einer Kontinuität nicht nur als Wunschvorstellung reden. Der
Sozialismus als Wunschvorstellung aber ist entweder Utopismus oder christlicher
Illusionismus. Wenn deren Verbreitung gesellschaftlich irrelevant wäre, könnte
der "demokratische Sozialismus" à la G.G. als eines von vielen Sektenphänomenen abgebucht werden. Aber
da sind wir zufällig mal der gleichen Ansicht, daß dem nicht so ist...
Mit herzlichen Grüßen
Ulrich
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