An Django (25.04.2000):
Herzlichen Dank für
die ausführliche Literaturliste mit den dazugehörigen Bezugsquellen. Das Buch,
über das wir neulich sprachen, habe ich noch antiquarisch für einen
entsprechenden Preis erwerben können.[1] [...] Außerdem ist in der aktuellen
Nummer von Lettre International (Heft 48) 1/2000 ein Aufsatz zum selben Thema erschienen.
Slavoy Žižek: Selbstmord der Partei. Stalinismus – Zur Logik
einer pervertierten Revolution. Der Aufsatz ist politisch nicht ergiebig, weil
darin sehr stark tiefenpsychologisch argumentiert wird; er enthält aber die
neueste historische Literatur zu diesem Thema.
Die Eigenarten der menschewistischen bis sozialdemokratischen Stalinismuskritik
(incl. Claussens Einleitung) einmal beiseite gelassen, fasziniert mich an dem Brief
eines alten Bolschewiken, daß der Kirow-Mord nicht nur als gezielter Auslöser für die
nachfolgenden „Säuberungen“ sichtbar wird (dies die durchgängige Darstellung),
sondern daß das ZK durch die Lancierung Kirows ins Politbüro Stalin so weit in
die Enge getrieben hatte, daß er seine weitere politische Karriere nur noch
durch die Inszenierung eines Staatsstreichs retten konnte.
Nach der Liquidierung der linken (Sinowjew, Trotzki) und Kaltstellung der
rechten ‚Leninisten’ (Bucharin) mußte sich Stalin 1934 offensichtlich mit den
stalinistischen ‚Leninisten’ auseinandersetzen, die ihn bis dahin als
Speerspitze gegen die rechten und linken ‚Leninisten’ glaubten verwenden und
kontrollieren zu können (womit ich nicht sagen will, daß sie die besseren
‚Leninisten’ gewesen wären). Ihre Galionsfigur Kirow – das wird aus dem
Dokument ziemlich klar – scheint ja immerhin versucht zu haben, die
Partei an einigen längst über Bord geworfenen Prinzipien Leninscher Politik neu
zu orientieren. Seinem Eintritt ins Politbüro wären weitere Schritte des ZK
gegen Stalin gefolgt. Daher durfte Kirow seinen neuen Posten erst gar nicht
antreten. Der Rest der Geschichte geht bekanntlich nach der Melodie Zehn
kleine Negerlein...
Wenn dieses Dokument echt ist, bzw. die darin dargestellten Zusammenhänge nicht
reine Erfindung sind, dann handelt es sich bei Stalins Machtergreifung um einen
konterrevolutionären Staatsstreich, durch den er sich zum
national-bolschewistischen Zaren aller Reußen an die Spitze der SU
katapultieren wollte und sollte. Diese Schlußfolgerung klingt zwar nicht
besonders originell, sie ist aber nie, nicht einmal von den Trotzkisten,
geschweige denn den Maoisten, bis zu der Konsequenz gezogen worden, daß dieser
durch Stalins Staatsstreich etablierte neue Zarismus nicht nur das Ende der
Leninschen Weltrevolution, sondern auch des internationalen Proletariats, als
zu jener Zeit [noch] revolutionären Klasse, bedeuten mußte und jede
revolutionäre Bewegung automatisch für großrussische Weltmachtinteressen
instrumentalisiert wurde. Die aktuelle Bedeutung dieser Einschätzung für das
gegenwärtige roll-back, das die verschiedenen kommunistischen bis
sozialistischen Gruppen [gegenwärtig] versuchen, liegt auf der Hand... Dazu
näheres ein andermal.
Dabei möchte ich vermuten, daß Du hinsichtlich meiner zuletzt angestellten
Schlußfolgerungen ganz anderer Ansicht bist. Übrigens, in der UZ vom 24.03.
wird ein Kongreß in Berlin Jahrhundertbilanz des Kommunismus für Ende Mai angekündigt.
Vielleicht ganz interessant... Das war’s erst einmal.
Mit freundlichen Grüßen
Ernst-Ulrich
1) Boris
Nikolajewski: Brief eines alten Bolschewiken. Mit einem Essay von Detlef
Claussen, Frankfurt 1992.
An Django (06.11.2000):
[...]
Meine Antwort erfolgt per Dampfpost, weil ich einige UZ-Artikel kopiert habe,
die meiner Meinung nach Deine Unterschätzung der DKP widerlegen.
[...]
Zu den UZ-Artikeln:
Ohne daß ich die Entwicklung in der Hamburger PDS weiterverfolgen konnte (Linke
und Wahlpolitik 2001 [1]), scheint die DKP – was aus
ähnlichen Artikeln hervorgeht – vorzuhaben, die PDS in eine von ihr
dominierte „breite Bündnispolitik“ integrieren zu wollen, sodaß diese als
politische Partei schließlich darin verschwindet und mit wachsender
politischer Konturlosigkeit zum Spaltungsobjekt wird. Die Kaderpartei seid
nicht Ihr!
Daß die Distanzierung von der Hochschulgruppe LINKS nur taktischer Natur war,
zeigt die Glosse vom 1. September Sozialismus in Hamburg [2]), die in dem Satz gipfelt: „Die PDS hat im Osten Verdienste, sonst
fände sie dort nicht so viele Wähler. Aber für den Westwähler ist sie erst
attraktiv, wenn sie sich nicht nur sozialistisch nennt, sondern auch ein
sozialistisches Profil hat.“ ...Und dafür werden wir sorgen, könnte man
ergänzen: Sozialismus in den Farben der DKP, sprich DDR!
Damit sind wir beim letzten Artikel (Braune Gefahr aus dem Osten [3]), der die anderen um einiges an Offenheit überbietet. Das DDR-Bild des
Herrn Czichon ausführlich zu diskutieren, würde den Rahmen dieser knappen
Bemerkung sprengen. Unter der Überschrift „Radikaler Antikommunismus“ geht es
zur Sache:
„Schon vor 1933, weiß er („der PDS-Mann Brie“) zu berichten, habe die kommunistische Bewegung spätestens (!) mit
ihrer Stalinisierung »Demokratie und Emanzipation abgelegt«. Und es kommt noch dramatischer: Sie – die KPD – hat
ebenfalls vor 1933 »Konzepte verfolgt, der gleiche oder
ähnliche Symbole wie der NS-Bewegung zugrunde lagen. Hier gibt es«, so der dieser neue Wahrheitsmonopolinhaber weiter – eine »fatale Kontinuität«. Warum erzählt der PDS-Abgeordnete
einen solchen Schwachsinn?“
Natürlich hat Brie recht! Leider beschränkt er sich bei den Gemeinsamkeiten
KPD-NSDAP auf die Oberfläche (»Symbole«), wie sie auf dem ausgetretenen Pfad sozialdemokratischer
NS-Aufarbeitung seit langem ausgebreitet werden. Abgesehen davon verwechselt er
die Kopie mit dem ohne Schwierigkeiten übernommenen national-bolschewistischen
Original: die Nazis haben ursprünglich bei der viel einflußreicheren KPD
abgekupfert. Der umgekehrte Fall trat erst Ende der 20er Jahre ein. Dabei sind
die politischen Gemeinsamkeiten das Entscheidende: Stalins Schwenk um
hundertachtzig Grad von Lenins proletarischem Internationalismus zum National-Bolschewismus
mit seinem Sieg über die ‚Opposition’ (vgl. meinen Brief vom 25.04. d. J.)
bedeutete, daß die sowjetische Außenpolitik sich nicht mehr an der Ausbreitung
der proletarischen Weltrevolution mit der SU als Gravitationszentrum orientieren sollte,
sondern die ‚Weltrevolution’ an der Ausbreitung der SU, wobei diese ‚Weltrevolution’ zu
einer propagandistischen Begleitmusik der großrussischen Außenpolitik
herabsank. Also entweder: Fort- (und Eigen-)entwicklung der Weltrevolution als condition sine qua non für die
Fortentwicklung ihres Gravitationszentrums UdSSR. Oder: Eigenentwicklung der UdSSR (‚Sozialismus in einem Land’) als
Voraussetzung der ‚Weltrevolution’ [Stalinscher Prägung], das waren die
Alternativen. An letzterer können die Nähe und die Berührungspunkte zwischen NS
und KP historisch demonstriert werden. Und davon gab es genug – wie schon
Anfang der 30er Jahre nicht wenige Kommunisten feststellen mußten. (In Stalins
eigener Entwicklung ist dieser National-Bolschewismus kontinuierlich zu verzeichnen;
man nehme nur seinen Aufsatz über die Nationale Frage (1913) oder seine Festrede vom
06.11.1920 vor dem Bakuer Sowjet Drei Jahre proletarische Diktatur (SW 4, 336), wo es unter anderem
heißt, daß die Ententemächte Rußland 1918 hindern wollten, „sich wirtschaftlich
zu festigen und zur stärksten Weltmacht zu werden“. Das könnte heute von Putin
stammen... Nicht zu vergessen Stalins Auseinandersetzung mit Lenin über die SU-Verfassung, wo Stalin einen strammen
sozialpatriotischen Kurs vertritt, den Lenin gerade noch bremsen kann, usw.).
M.a.W. der von der ‚Linken’ beschworene ‚Antifaschismus’
der SU ist ein Mythos zur Verschleierung ihres seit Mitte der 20er Jahre
zunehmenden großrussischen Expansionismus. Warum wollte Stalin keine
antifaschistische Einheitsfront, als der Faschismus in Deutschland politisch
noch zu verhindern war? Dazu ein Zitat aus einem Buch, das ich gerade gelesen
habe (R.C. Tucker: Stalin in Power, N.Y., London 1990):
“An SPD leader, Friedrich Stampfer, obtained an interview with the Soviet Envoy
in Berlin, Lev Kinchuk, himself a former Russian Menshevik, »Would
it be possible to expect the cooperation of Communism in the struggle against
National Socialism?«” Nach mehreren Gesprächen [Stampfers] mit dem sowjetischen Botschafter Winogradow
beendete dieser jene mit den Worten: »Moscow
is convinced that the road to Soviet Germany leads through Hitler« (Seite 230). Das heißt, für Stalin war Hitler ein Geschenk des Himmels!
Weiter unten lesen wir bei Tucker: “A former German Communist
writes that a saying was current in antifascist German circles at that time, »Without
Stalin, no Hitler«, and that Zinoviev said to him in early 1933: »Apart
from German Social Democrats, Stalin bears the main responsibility for Hitler’s
victory.«” (Seite 232) Der “former
German Communist“ war der ehemalige Redakteur R[oten]. F[ahne]. Wollenberg.
Es ist eben ein Unterschied, ob man, wie Lenin dies tat, die Widersprüche
zwischen den Imperialisten für die Revolution auszunutzen versuchte (z.B.
Frieden von Brest-Litowsk), oder ob man sich mit einer Fraktion derselben
verbündete und (unter dem Aushängeschild des ‚Sozialismus in einem Land’) eine
eigene imperialistische Großmachtpolitik zur Expansion Groß-Rußlands betrieb.
Diesen Großmachtinteressen hätte ein, zwangsläufig westlich orientiertes,
antifa Deutschland zu jener Zeit (interessante Parallele zum Kosovo-Krieg!)
einfach im Wege gestanden. (Ob auf der anderen Seite dem Westen ein solches
Deutschland in den Kram gepaßt hätte, steht auf einem anderen Blatt und
interessiert hier nicht).
Aber der tiefere Grund, warum Stalin vor 1933 keinen antifa Kampf in
Deutschland haben wollte, war die Krise, in die er die SU mit der
Zwangskollektivierung und der überforcierten Industrialisierung gesteuert
hatte. Die Erdrosselung der russischen Arbeiterklasse und die Verjagung der
Mittelbauern von ihrem Stück Land (‚Dekulakisierung’) benötigten gleichzeitig
eine friedliche imperialistische Umgebung, aber keine antifaschistische
Einheitsfront; als diese dann schließlich 1935 proklamiert wurde, was das Ding
schon gelaufen, wobei sich nun in Spanien zeigen sollte, was Stalin und die GPU
inzwischen darunter verstanden...: daß der Weg nach Sowjetdeutschland
tatsächlich nur »through Hitler« führen würde. Der Sieg der ‚antifa Einheitsfront’ über Hitler wurde
folglich zum Sieg des national-bolschewistischen Sozialismus über den
völkischen Sozialismus, im Bündnis mit dem Westen, dem – an der Spitze
die USA – die Völker der von Hitler besetzen Länder Europas eine konkurrierende
Weltmacht vom Halse schafften.
Genau das ist es, was die DKP uns heute als ‚Antifaschismus’ verkaufen will.
Diesen beschwört Czichon auf eine, man muß schon sagen, unappetitliche Weise im
Stil altgeübter DDR-Propagandablasen, unfähig, auch nur einen [einzigen] nicht-schablonenhaften
Gedanken hervorzubringen. Vor lauter Anti-Anti-Kommunismus ist ihm letzterer [d.h. der Kommunismus] schon längst abhanden
gekommen.
„Denn Brie weiß“, heißt es pathetisch zum Schluß, „daß die Kommunisten im Kampf
gegen den Faschismus den größten Blutzoll zahlen mußten.“ (Er meint natürlich
nicht die von Stalin umgebrachten...) Ein „Blutzoll“, der in jeder Beziehung
ohne die institutionelle Konterrevolution Stalins in dieser gewaltigen
Dimension zu vermeiden gewesen wäre!
Alles andere sind abgeleitete Phänomene, auch die [von Czichon] erneut
beschworene angebliche „braune Gefahr“, die, verglichen mit 1933 nur ein Popanz
sein kann, durch dessen Beschwörung die abgehalfterte ‚Linke’ wieder Boden
unter den Füßen bekommen will, während die SPD hofft, daß den ‚bürgerlichen
Parteien’ das rechte Wählerpotential dadurch abhanden kommen wird. Wer, wie
Brie, diesen Popanz relativiert und historisiert und diesen auf seine
politische Unbedeutendheit zurechtzustutzen versucht, ist unseren ‚Antifaschisten’
zutiefst verhaßt. Denn was vertreten sie sonst außer Beton!?
Der UZ entnahm ich nun, daß der DKP-Vorsitzende [auf dem 7. Parteitag der PDS]
in Cottbus nicht habe reden dürfen und seine Partei dort offiziell nicht
erwähnt worden ist. [4] So weit so gut. Wenn der von Dir
zitierte Bisky [5] mit seiner Charakterisierung
bestimmter sozialistischer Gedanken als realitätsfern den ‚Antifaschismus’ der
DKP gemeint haben sollte, würde ich dem zustimmen. Nur werden sich die dahinter
steckenden politischen Absichten mit der Beschwörung frühmarxistischer
Sinnlichkeit wohl kaum durchschauen, geschweige denn vereiteln lassen. Oder, um
die von Bisky gewünschte Sinnlichkeit zu entwickeln, müßte man sich die
Subtilitäten der Konterrevolution in all ihren Varianten, einschließlich jene
der DKP, erst einmal angeeignet haben. Um wütend zu sein, muß man geliebt haben
und umgekehrt. Hier schließe ich mich ganz Biermann in seinem Deutsche Welle- Interview an.
Es grüßt Dich
[Ernst-Ulrich Knaudt]
P.S. Die PDS hat eine Doku zur NPD rausgebracht. Falls es Dir möglich ist,
teile mir bitte mit, wo ich die herbekommen kann.
1) Unsere Zeit 21.07.2000.
2) Unsere Zeit 01.09.2000.
3) Unsere Zeit 15.09.2000.
4) Unsere Zeit 20.10.2000: „Für die DKP nahm Heins Stehr, Vorsitzender
der DKP, am Parteitag teil. In einem kurzen Gespräch mit Gabi Zimmer wurde eine »faire, offene Zusammenarbeit« (Gabi Zimmer) verabredet. So soll jetzt eine schon lange
geplante Diskussion im Rahmen der Programmkommissionen beider Parteien
stattfinden. ... Während der Oberbürgermeister von Cottbus eine Begrüßung
vortragen konnte, wurde dem DKP-Vorsitzenden eine solche Bitte verwehrt; es
blieb während des Parteitages unerwähnt, daß die DKP eingeladen war und
teilnahm.“
5) Lothar Bisky in: DISPUT 9/2000, 24: „Denn dem sozialistischen Gedanken in Deutschland hat es immer gefehlt, daß
wir nicht sinnlich waren. Daß er immer theoretisch gekommen ist. Immer über den
Wolken von deutschen Philosophen ausgedacht. Und diesen Sozialismus sinnlich
darzustellen wird eine große Aufgabe sein, aber wird auch eine große Chance
sein, weil ihm dann Menschen folgen werden.“
An Partei
Marx (01.2001):
Hallo genosse
MARX-parteigänger, vielen dank für den text „parteiMARX“,
[...]
was unsereins bei Deinem text und projektvorschlag fasziniert, ist das
wohlüberlegte aktuelle „zurück zu MARX!“ (wie der späte LUKÁCS wohl nannte, was
Du back-to-the-roots nennst) in der konzeption des parteibildungsprozesses des
proletariats und zwar als LENIN-aufhebung auf der höhe der zeit. ich finde
diese initiative mutig und angemessen, ja dringlichst in der gegenwärtigen
situation, in der zumal äusserst wenige „interessierte laien“ ausserhalb der
politpartei- und sekten-bindungen sich an diesen gordischen knoten heranwagen:
Deine formulierung, zwischen diesen eine art wissenschaftlichem brainstorming
herzustellen, trifft denke ich die gegenwärtige aufgabenstellung für eine
assoziation wissenschaftlich-communistischer gesellschaftsindividuen ziemlich genau.
den abstand - bei aller naturwüchsig-notwendigen nähe - zur akademie sehe ich
in deinen überlegungen ebenso hinreichend gewahrt bzw. eingeklagt wie die
distanz zur überkommenen problem-eliminierung der historisch-konkret
prozessierenden dialektik von klasse-an-sich / klasse-an-und-für-sich, der
sowohl die spontaneistisch/attentistische wie spiegelverkehrt dazu die
voluntaristisch-pseudo-avantgardistische linke bisher je länger je mehr
vorschub geleistet hat. das dialektische tertium datur (um hier wieder mit dem
alten LUKÁCS zu sprechen), das wir aus dem bestehenden dualismus der
organisationslage zu entwickeln haben, kann in der tat nur von einer neubestimmung/konkretisierung des
heutigen, globalen aggregatzustands des „proletariats als prozess der negation“
ausgehen, einer theoretischen praxis eines transnationalen „kollektiven
organisators“, den die wissenschaftlichen communistInnen erst erneut bilden
müssen auf diesem neuartigen terrain, um das ferment im sinne der historischen
aufgabenstellung MEW 4:474f, 492f zu werden und damit die leider nun einmal
entscheidende ideelle bedingung zu produzieren für die communistische
negation-der-negation als wirklich-praktischem werk-der-arbeiterklasse-selbst.
erst die offene debatte der organisationsfrage – die doch längst wieder
allen ernsthaften revolutionären individuen, gerade den notgedrungen
„unorganisierten“ wie meinesgleichen, jeden monat schmerzlicher auf den nägeln
brennt, gerade weil wir uns bürokratischen und sektiererischen apparaten und
strömungen kompromisslos zu verweigern, haben ohne uns der kontemplation und
ohnmacht anheimgeben zu können! -, erst die organisierung des streits um
strategie, organisation und mögliche praxisformen des historisch gegebenen
subjekt/objekt, wie das kapital es jetzt weiter herausglobalisiert und
-individuiert, kann unsereins heute an den archimedischen punkt „der in diesem
jahrhundert zu erwartenden klassenkämpfe“ heranbringen. sich vor dieser offenen
debatte um „revolutionäre realpolitik“ (LUKÁCS) länger zu drücken wäre
zumindest für unsereins verspielte lebenszeit. es wäre vor allem
verantwortungslos-unhistorisch und attentistisch-abstrakt, angesichts dessen
dass, wie Du sehr gut in den mittelpunkt stellst: „die modernste form des
rassismus“ (und weitere fetischgestalten, die wie ich es sehe die
kapitalistische hydra für jeden einmal abgeschlagenen kopf der
bürgergesellschaft vielfach hervortreibt – wir sind hier in den
nebelregionen der subjektivität und des vormodernen bis postmodernen usw.usf.
überbaus) als letzte reserve und „volkssturm“ gegen den parteibildungsprozess
(in) der klasse „naturwüchsig“ mobilisiert wird. deshalb duldet die aufhebung
unserer theorie/praxis-paralyse keinen weiteren aufschub mehr; und wie Du
dieses problembewusstsein zum ausdruck bringst, scheint mir auf den ersten
blick kein panischer voluntarismus sondern durchaus ein funken historischer
materialismus hinsichtlich unserer situation zu sein.
soviel auf den ersten eindruck Deines textes; kritische einwände erstmal
zurückgestellt. [...]
peter christoph zwi.
An Django (10.01.2002):
An der Art Deiner
Einwände ist mir aufgefallen, daß Du sehr abstrakt argumentierst oder, wie es
mal früher hieß, 'formalistisch' (ein Ausdruck, den ich nicht gerne benutze,
weil derjenige, der ihn als Waffe gegen seine Feinde verwendet hatte, selbst
der größte Formalist war - Du weißt, wen ich meine: unsern guten Jossip...).
All diese Kosten-Nutzen-Kalküle zeichnen sich doch dadurch aus, daß sie mit dem
Menschen und der menschlichen Gesellschaft sehr oberflächlich umgehen oder
besser: beides dichotomisch zu einander in Beziehung setzen.
Bei meiner Beschäftigung mit K[arl]. M[arx].s Kapital ist mir an mir selbst aufgefallen,
daß ich bestimmte Überlegungen einfach deshalb zunächst nicht verstanden hatte,
weil ich von dem Marxschen Argumentationsstil abweichend die Sache mit Hilfe
eines erlernten Schematismus zu verstehen hoffte. (Wir sind ja damit
aufgewachsen, mit gegebenen Begriffen und Schemata zu argumentieren, deren
Ursprünge und Voraussetzungen nicht hinterfragt wurden oder werden sollten) Was
diesen Argumentationsstil auszeichnet ist, daß K.M. seine Darstellung Schritt
für Schritt so entwickelt als bewege er sich durch ein Minenfeld, also nicht
stur geradeaus auf sein ins Auge gefaßtes Ziel zugehend, sondern immer wieder
zurückblickend und die ganze Sache noch einmal bedenkend nach allen Seiten
Ausschau haltend. Dadurch dient auch jeder Rückgriff auf schon Gesagtes als
Ausgangspunkt des nächsten Argumentationsschrittes. Der Formalist, der ohne
Zögern nach Mitteln und Wegen sucht, die Sache ökonomisch, also zeit- und
kraftsparend hinter sich zu bringen, marschiert ohne nach links, rechts oder
hinten zu schauen, auf sein Ziel zu.
Der Kommunismus, um auf den Kern Deines Einwandes zu kommen, als
„Problemlösungskonzept“ wäre in der Tat ein ziemlich abstraktes Ding nach einem
dualistischen Schema: hier haben wir also das Problem und da, schaut her, das
„Problemlösungskonzept“, und zwar das von K.M., der den Anspruch hatte, „die
neue Welt aus der Analyse der alten zu entwickeln“. (Hat er wirklich
positivistisch die „alte Welt“ zuerst „analysiert“, um sie dann zu verändern
oder impliziert die – dialektische – Methode seiner Kritik und die
damit verbundene politischen Absicht seines theoretischen Hauptwerks nicht
bereits die Möglichkeit der Veränderung der Welt? Vielleicht erinnerst Du Dich aus
ganz alter Zeit an die „Hauptseite Theorie“: im Widerspruch zwischen Theorie
und Praxis stellt die Theorie (oder je nach Fraktion die Praxis) die
„Hauptseite“ dar... Das war ein totes Rennen, weil beide Fraktionen in der
Frage des „Parteiaufbaus“ nach einem formalistischen Schema vorgehen wollten,
egal ob zuerst die Theorie oder die Praxis angesetzt werden sollte) Hier stellt
sich nun die Gretchenfrage nach dem „Realität“sgehalt dieser Analyse und dem
„Realität“shaltigkeit der Welt, mit der der Theoretiker konfrontiert ist. [...]
(Die Philosophie nach Nietzsche und Wittgenstein würde derartige
Realitäts-Ansprüche schlichtweg leugnen).
Der Kommunismus ist, seinen theoretischen Realitäts-Anspruch vorausgesetzt,
keine Wunschprojektion, keine Erlösungsphantasie („Paradies auf Erden!?“),
sondern zu begreifen als eine unbedingt notwendige Konsequenz, die aus den
Widersprüchen, den antagonistisch werdenden Konflikten, die die bürgerliche
Gesellschaft in sich selber entwickelt und aus sich selbst hervorbringt,
zwangsläufig folgt. Diese Widersprüche, die innerhalb der bürgerlichen
Gesellschaft so wenig aufzuheben sind, wie die Gravitationskraft auf der Erde,
hat K.M. „analysiert“ – nicht „die Welt“ – und dabei zu fast
hundert Prozent offengelassen, welche Schlußfolgerungen jeweils 'die
Betroffenen' daraus zu ziehen haben. In diesem Sinne ist „für Marx die
Geschichte offen“ und, so würde ich fortfahren, auf welchem Weg die Menschen
zum Kommunismus gelangen werden. Alles andere wäre Utopismus, sozialistisches
'Opium für das Volk'; und davon hat es verständlicherweise heute einen Kater,
weil in den letzten Jahrzehnten allzu penetrant mit den sozialistischen
Weihrauchfässern herumgewedelt worden ist.
Das meine vorläufige Antwort auf Deine Frage, ob es sich bei dem, „was wir
'Marxisten' denken ... um Hoffen, Träumerei ... Religion, wenn auch hier
säkularisiert...“ handelt. Religion wurde daraus entweder durch diejenigen, die
aus K.M. einen Utopisten machen wollten oder die den Realitätsgehalt seiner
Analyse nur sehr schematisch nachvollzogen und, auf unmittelbar umsetzbare
Effekte zielend, den 'Marxismus' als Dogma gepredigt haben. Wissenschaft
unterscheidet sich bekanntlich von Religion dadurch, daß ihre Ergebnisse
vielfältig interpretierbar und fortzuentwickeln sind; nur, daß es sich bei
dieser Wissenschaft von der Gesellschaft (oder wie gesagt, von den immanent
unüberwindlichen Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft, es sei denn durch
eine soziale Revolution) um eine besondere Wissenschaft handelt, die sich in
einem Punkt von allen anderen Wissenschaften dadurch unterscheidet, daß der
Experimentator selbst Teil des „Experiments“ ist und daß sich dieses nicht
wiederholen läßt, weil die Menschen ihre eigene Geschichte... aber nicht aus
freien Stücken (machen), d.h. Geschichte sich nicht wiederholt.
Worin ich demnach nicht mit Deinen Schlußfolgerungen (die Punkte 1 und 2)
übereinstimmen würde, wäre, daß Du die „Analyse der Realität“ und die
„Befragung ... von Marx“ getrennt von einander durchführen willst, während
meiner Ansicht nach die „Befragung“ von Marx und „die Analyse der Realität“,
wenn der wissenschaftliche Charakter und der Realitätsgehalt seiner „Analysen“
nicht in Frage steht, ein und dasselbe Ding sind. Die marxsche Befragung der
Realität ist die Analyse der bürgerlichen Gesellschaft „ohne Flausen“. Und alle
Individuen, die über den Guerillakampf gegen ihre Lohnsklaverei hinausgehend,
sich fragen, wohin diese Auseinandersetzung eigentlich führen soll, werden
früher oder später auf diese Wissenschaft zurückgreifen müssen wie der künftige
Physiker auf die Newtonschen Gesetze, weil darin sein Konflikt als
Wesenselement des Kapitalismus in seiner Gesetzmäßigkeit analysiert ist und
damit die Möglichkeit, ihn im Sinne der „Emanzipation des Individuums“
aufzuheben. Wie er dagegen die gewonnene Erkenntnis in die gesellschaftliche
Praxis umsetzen wird, ist eine 'Parteifrage', d.h. wie es ihm gelingt, das
Wesen von der Erscheinung, die echten von den falschen Kommunisten zu
unterscheiden und zugleich eine Klassenfrage. Denn jeder Klassenkampf ist ein
politischer Kampf und die Organisation der Proletarier zur Klasse eine zur
politischen Partei... (MEW 4, 471).
Daß Du, wie auch ich, ein „Nicht-Proletarier“ bist, will, zumindest in unseren
Breiten, nur noch wenig besagen, oder wer ist hier noch einer? Wenn der
Kapitalismus für den Weltmarkt produziert und sich über den Weltmarkt
reproduziert, dann läßt sich dessen Bestimmung auch nur über den Weltmarkt
herstellen (MEW 6, 539). Gemessen an der Ausbeutung der chinesischen
Zwangsarbeiter und mexikanischen Fließbandarbeiterinnen in den Freien
Produktionszonen, sind hier fast alle produktiven Arbeiter an der „Veredelung“
vorproduzierter Halbwaren beteiligt. Der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts
beruht also nach wie vor auf „frühkapitalistischen“ Zuständen – nur, daß
sich diese von England aus woanders hin verzogen haben... (Was auf der andern
Seite natürlich nicht heißt, daß hier überhaupt kein Mehrwert mehr produziert
wird).
[...]
Es grüßt herzlich
Ernst-Ulrich
An Partei
Marx (31.07.2002):
Ich habe soeben über die Sozialistische Studienvereinigung Deine Website erfahren! Sieht gut
aus! Der Zeilenabstand müßte ein bißchen größer sein, denn so ist der Text sehr
ermüdend zu lesen. Ich wünsche Dir für den morgigen Tag eine interessante
Diskussion.
Ebenso etwas weniger Voreingenommenheit gegenüber dem globalisierten
Kapitalismus und seinen von ihm selbst erzeugten Kritikern – es sind
übrigens keine Globalisierungsgegner, sondern –kritiker.
Sie sind auch – ich übertreibe – das Einzige, was wir haben und
vielleicht seine zukünftigen Totengräber. Mit diesen sollte man pfleglich
umgehen und d.h. kritisch, aber nicht verachtend. Das können wir uns nicht
leisten und ist auch von der Sache her falsch, denn es ist höchst albern, davon
auszugehen, daß die Menschen bereits als Kommunisten geboren werden. Wenn das
„linke Krisenmanagement“ die kapitalistische Krise so managt, daß es am Ende
vielen Menschen besser geht als heute, dann war es Schweißes der edlen Verräter
wert. Und der Kapitalismus hätte wieder einmal seinen Fundamentalkritikern und
Katastrophenpropheten den Spiegel ihres Dogmatismus vorgehalten.
Hast Du einmal über die einfache Wahrheit nachgedacht, daß ein System nur
verwerflich und aufgrund seiner Widersprüche verwerfbar ist, wenn es den
Menschen ein Leben in Menschenwürde verwehrt – dies aber eine ganz
konkrete Frage ist! Philosophen neigen von Berufs wegen dazu, von den konkreten
Lebensumständen der Menschen zu abstrahieren und sich an ausgedachten Idealen,
Überzeugungen und Prinzipien zu berauschen. Für den Slumbewohner in Rio de
Janeiro aber ist es schon ein Fortschritt, wenn er fließend Wasser bekommt. Er
wird die revisionistische Hilfsorganisation loben und preisen dafür.
Demgegenüber wird er von den literarischen Handreichungen der partei Marx nicht
satt: Er wäre verhungert, bevor er überhaupt zum Buch greifen könnte. An
Revolution gar nicht zu denken.
Vor diesem Hintergrund ist eine Verächtlichmachung des „Überredens zur
vernünftigen Regulierung des Elends auf dieser Welt“ eine politische Dummheit
und blanker Zynismus zudem; abgesehen davon, daß es sich hierbei um ganz
handfeste Kämpfe und mitnichten um Überredungsillusionen handelt, wie jeder
sehen kann, der sehen will. Es ist aber auch in der Sache schlicht falsch. Denn
das Elend wird ja nicht reguliert, sondern, wenn – so lehrt die historische
Erfahrung – der Druck groß genug ist, reduziert.
Und möglicherweise schafft sich der Kapitalismus damit wieder – indem
z.B. die konsumtive Nachfrage entgegen der eigentlichen Kapitallogik der
Überproduktion (aufgrund des im kurzsichtigen einzelkapitalistischen
Profitstrebens liegenden Widerspruchs zwischen Interesse an erweitertem Absatz
einerseits und Interesse an Lohndrückerei, also Schwächung der Nachfrage
andererseits) gestärkt würde – eine erweiterte Reproduktionsbasis, wie es
bereits die englische Arbeiterklasse im 19. Jahrhundert mit ihrem Kampf um
bessere Arbeits- und Lebensbedingungen – im Resultat die
Fabrikgesetzgebung – in ihrer völligen Theorieferne und
Geschichtsblindheit und ohne irgend einen Philosophen zu fragen, getan hat.
Auf Grund solcher Äußerungen ist es für mich ganz offensichtlich, daß es Dir
gar nicht um die konkreten Menschen in ihren elenden Verhältnissen geht,
sondern um diese „Spukgesellschaft“, die für den philosophierenden kritischen
Kritiker an und für sich des Teufels ist. Jedwede Reform erscheint in diesem
Licht zwangsläufig als der hinterhältige Versuch des Systems, sich durch
Scheinzugeständnisse zu retten. Interessant und entlarvend dabei ist, daß das
tatsächliche Zugeständnis, das konkreten Menschen das Leben etwas erleichtert,
nur als Täuschung wahrgenommen werden kann – eben weil der Maßstab nur
die Totalität des in der abstrakten Analyse alles für sich, selbst die
Menschlichkeit für seine Zwecke letztlich instrumentalisierenden verhaßten
Systems ist, nicht das Individuum!
Im Grunde handelt es sich dabei um die negative Anbetung des Systems als dem
Subjekt der Geschichte.
Machen die Menschen nicht mehr ihre Geschichte selber?
Wenn sich unter dem Druck einer mächtigen weltweiten Reformbewegung die Dinge
zum Besseren wenden lassen, sollten wir das ablehnen? Mit welchem Recht? Welche
Gesetzmäßigkeit ist es, die uns dazu ermächtigt? Die, daß der Kommunismus mit
Notwendigkeit kommen wird? Also wir in Kenntnis des objektiven
Geschichtsverlaufs das arme Arschloch belehren und sagen müssen, daß es
gefälligst noch ein paar Jährchen die Zähne zusammenbeißen muß, bevor er nach
dem völligen Zusammenbruch der alten (also um den Preis unendlichen Leidens)
und dem Aufstieg der Neuen Gesellschaft wie der Phoenix aus deren Trümmern
schließlich in das kommunistische Paradies eintreten darf. Welche Beweise gibt
es denn für einen solchen Geschichtsdeterminismus?
Historische Tatsache ist, daß der Kapitalismus z.B. der BRD sozialstaatlich
reguliert ist, d.h. das Kapital ist nicht völlig frei, seiner ihm inhärenten
Logik entsprechend zu agieren. Dies ist u.a. ein Ergebnis reformistischer
Kämpfe. Seine Reformfähigkeit ist damit prinzipiell bewiesen. Nicht aber, wie
weit er für Reformen in einem emanzipatorischen Sinne ist.
Wenn es im reinen Kapitalismus nur um die Kapitalverwertung geht – also
dieser jede Menschlichkeit zum Opfer fällt bzw. untergeordnet ist, dann haben
wir es realiter mit einer schmutzigen Version zu tun, in der in einem gewissen
Maße Ressourcen via Staat und den Klassenkompromiß zwischen Kapital und Arbeit
(Sozialpartnerschaft, Tarifautonomie) zum Zwecke eines gewissen Wohlstands und
einer gewissen sozialen Sicherheit, also der Stabilität des Systems, aber eben
auch zum Nutzen vieler Menschen umgelenkt werden. Von den politischen
Freiheitsrechten will ich hier nicht reden.
Im Grunde ist die Sache ganz einfach. Wenn die von Dir wegen ihres fehlenden
Einblicks in den wahren Geschichtsverlauf verachteten Reformisten Erfolg haben
über diese historische Tatsache hinaus (Ich sehe einmal davon ab, daß die Linke
sich ja derzeit in der Defensive befindet), dann hat sich der Kapitalismus als
weiterhin reformfähig erwiesen – und das solange und soweit, solange und
soweit er sich reformieren läßt. Vielleicht schlägt er ja auch erst auf diesem
Weg ab einem gewissen Punkt in eine neue Qualität um? Dann wäre er erst ab
einem gewissen Punkt antagonistisch, d.h. innerhalb seiner Grenze ein ganz
schönes Stück reformierbar, darüber hinaus aber nicht.
Wie dem auch sei: Wir werden es erst wissen, wenn wir es probieren.
Letztlich entschieden wird die Frage von der politisch-gesellschaftlichen
Praxis.
„...man sieht, wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine
praktische Art, nur durch die praktische Energie des Menschen möglich ist und
ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine
wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben
weil sie dieselbe als nur theoretische Aufgabe faßte.“ (Karl Marx:
Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW, EB Erster Teil, Seite 542).
Und ebenso albern ist es – und völlig unmarxistisch – zu glauben,
daß man durch das Studium des Kommunistischen Manifestes allein zum
marxistischen Kommunisten wird. Das kann man bekanntlich aus den unterschiedlichsten
Interessen und Motiven lesen! Der kommunistische Erfolg auf der Grundlage des
Kommunistischen Manifestes – was immer man darunter versteht –
tritt aber erst dann ein, wenn sich die Ausgebeuteten und Unterdrückten darin
wieder finden, es als Orientierung zu begreifen, danach handeln und diese
Orientierung auch noch eine richtige, d.h. realistische ist, d.h. Marx, Engels
und ihre Gefolgsleute sich nicht irren in ihrer Analyse. Denn die Elenden auf
dieser Welt sind schon oft falschen Propheten auf den Leim gegangen, weil sie
in ihrer Verzweiflung für heroische Illusionen anfällig sind.
Übrigens: Wie sieht der Kommunismus eigentlich aus? Das müßtest Du beschreiben
können, wenn Du doch davon sprichst, daß er eine unbedingt notwendige
Konsequenz ist.
Sei weiterhin herzlich gegrüßt
Django
An Django (03.09.2002):
Leider mußtest Du
Dich mit meiner Antwort auf Deine ausführliche Kritik an dem Projekt Partei
Marx etwas gedulden. Da Du in Deinem Brief dieses grundsätzlich infrage
stellst, war ich meinerseits herausgefordert, eine entsprechende Antwort zu
finden, was einige Zeit in Anspruch genommen hat. Daher fange ich auch gleich
mit den prinzipiellen Überlegungen an:
Die in Deiner Kritik vertretene Position erinnert stark an den in den 80er
Jahren in ganz Westeuropa aufgekommenen Euro-Kommunismus. Die Euro-Kommunisten
standen links von der S[ozialistischen] I[nternationale] und verstanden sich
als Sozialisten bei gleichzeitiger Kritik an den pro-sowjetischen
Beton-Kommunisten. Daß der Euro-Kommunismus in der damaligen Bundesrepublik
nicht heimisch werden konnte, hatte unter anderen darin seinen Grund, daß an
der Schnittstelle des Kalten Krieges der westdeutsche Kommunismus nur unter der
direkten militärischen und geheimdienstlichen Direktive der Sowjetunion agieren
sollte. Die in Reaktion darauf in den 70-er Jahren wie Pilze aus dem Boden
schießenden ML-Parteien stellten dagegen keine wirkliche Alternative dar, schon
weil deren Führungspositionen in den meisten Fällen ebenfalls von ehemaligen
Beton-Kommunisten besetzt worden waren (einen neolithischen Rest aus dieser
Zeit findest Du heute noch in der MLPD vor).
Der moderne Euro-Kommunismus, den Du in Deiner Kritik an der Partei Marx
vertrittst, hat sich nach 1989 aus der Umklammerung der Beton-Kommunisten
befreit, allerdings unter Duldung der unter diesem Banner in dieser Strömung
überwinternden beton-kommunistischen 'Einzelpersönlichkeiten' und Fraktiönchen,
deren Bedeutung mit den Jahren, so rechnet man, naturbedingt abnehmen wird.
Als modernen Euro-Kommunismus würde ich Deine Position aber vor allem deshalb
bezeichnen, weil sie mit der modernen Strömung der europäischen radikalen
Linken korrespondiert, die zu charakterisieren auf Anhieb nicht so einfach ist.
Daraus resultieren meine Schwierigkeiten bei meiner Antwort auf Deine Kritik.
Die europäische radikale Linke setzt sich zusammen aus einerseits den modernen
Euro-Kommunisten, die eine Reformpolitik links von den Sozialdemokraten gegen
die Auswirkungen des „neoliberalen“ Kapitalismus betreiben, d.h. diesem seine
asozialen Allüren austreiben, dessen gewaltiges Modernitätspotential aber
(woran es dem Beton-Kommunismus sowjetischer Provenienz immer grundlegend
gemangelt hatte) im Interesse der werktätigen Bevölkerung, der künstlerischen
und technischen Intelligenz „sozialistisch“ umfunktionieren wollen. Dieser
moderne Reformismus, wovon der Tenor Deiner Kritik an dem Projekt Partei Marx
bestimmt ist, wird von den übriggebliebenen Vertretern eines scheinbar
kompromißlosen Beton-Kommunismus (DKP und Konsorten) verbal in Abrede gestellt,
aber als Mittel zum Stimmen- und Dummenfang durchaus in Anspruch genommen.
Insofern hattest Du mit Deiner gelegentlich geäußerten Einschätzung recht, daß
die politischen Wirkungsmöglichkeiten dieser Fraktion des Kommunismus
(zunächst) begrenzt sind. Nun scheinen sich bei ihnen die orthodoxe
beton-kommunistische Fraktion mit einer anderen, die sich an den europäischen
radikalen Linken orientiert und damit eine moderne Variante des
Beton-Kommunismus darstellt, im Clinch zu liegen („Programmdebatte“).
Die Denkweise dieses modernen Beton-Kommunismus basiert (im Gegensatz zu
derjenigen der orthodoxen Kommunisten, die als traditionelle Breshnewisten
formal am XX. PT der KPdSU als Trennlinie festhalten) unmittelbar auf Stalins
institutioneller Konterrevolution von 1934 (die Kinder von Stalin und
Milosevic) und könnte (vielleicht gerade deshalb), wenn es ihm gelingt, sich
(mit den wachsenden Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise) zu konsolidieren,
zunehmenden Einfluß auf die europäische radikale Linke einschließlich der
modernen Euro-Kommunisten nehmen, wodurch dieses historische „Erbe“ entgegen
Deiner in dieser Beziehung reduzierten Wahrnehmung durchaus noch nicht zu den
Akten zu legen ist.
Das entscheidende Kennzeichen dieses Pseudo-Kommunismus ist, daß seine
'Revolution von oben' (nicht wie zu Lenins Zeiten revolutionär, sondern)
konterrevolutionär durchgesetzt wird. Oder anders gesagt: war Stalins Putsch
von 1934 eine Konterrevolution in der Revolution, so hätten wir von dem
modernen Pseudo-Kommunismus eine Revolution in der Konterrevolution zu erwarten
nach dem bekannten Muster, wonach mit dem Export der Revolution die
Konterrevolution gleich mitgeliefert wird. (Einiges dazu könntest Du, wenn Dein
Interesse für solche historischen Klamotten nicht so gering wäre, der home-page entnehmen).
Ich habe nun bei meinen Versuchen, mich mit Deiner Kritik auseinanderzusetzen,
feststellen müssen, daß ich, entgegen meinen ursprünglichen politischen
Überlegungen, wonach der moderne Euro-Kommunismus weit weniger
konterrevolutionär (weil nur im üblichen bürgerlichen Sinn anti-kommunistisch)
ist als der Pseudokommunismus, nicht darüber hinaus kam, die von Dir vertretene
Reformpolitik (die nichts desto trotz bürgerliche caritas bleibt) anders als
mit pseudokommunistischen Argumenten (seien sie auch mit Lenin und Mao
unterfüttert) zu kritisieren.
In dem gleichen Dilemma, das nach Engels nur aufzulösen ist, wenn man es
verläßt, verharrt in ständig bewegtem Stillstand die europäische Linke, ohne
dieses allerdings als Manko zu empfinden: die modernen Euro-Kommunisten nicht,
die nichts dagegen haben, daß sich ihre pseudokommunistischen
Reformismus-Kritiker in ihren Selbstwidersprüchen totlaufen; die
Pseudo-Kommunisten ebensowenig, die den Reformismus, den sie bei den
Euro-Kommunisten kritisieren selbst als Taktik anwenden, um die Akzeptanz ihrer
mit revolutionären Mitteln betriebenen Konterrevolution in der widerstrebenden
Bevölkerung nach dem Muster der DDR zu erhöhen. Nur die Globalisierungsgegner
verleihen diesem bewegten Stillstand mit einer aus den 60er Jahren entlehnten
revolutionären Folklore scheinrevolutionäre Bewegtheit (wobei der bei jungen
Leuten noch als authentisch, weil spontan in Erscheinung tretende
Philanthropismus von den Altlinken für ihre Zwecke instrumentalisiert wird;
vgl. die peinliche Unterhaltung des Trotzkisten Alex Callinicos mit
Funktionären von Tute Bianchi auf einer der von Dir empfohlenen Websites). So
bleibt nur noch die Frage spannend, wann die modernen Beton-Kommunisten, das
beschriebene Reformismus-Dilemma verlassen werden, nachdem die Richtung durch
ihre offene Sympathie für das anti-amerikanische Polit-Gangstertum von Leuten
wie Milosevic, Kutschma, Lukaschenka, Mugabe, Chavez, etc seit langem
entschieden ist.
Einen ersten Schritt auf dem langen Marsch, das besagte Dilemma auf
revolutionäre Weise zu verlassen, findest Du [in folgendem]: Wenn, wie Lenin
vielleicht heute sagen müßte, der Opportunismus in der revolutionären
Arbeiterbewegung so tief in ihrer eigenen unbewältigten Historie verankert ist,
dann hat jeder ernsthafte Versuch zu ihrer Reorganisation zu allererst darin zu
bestehen, sich darüber Klarheit zu verschaffen, wie es zu dieser in ihrer
Abgefeimtheit historisch unüberbotenen und damit auch neuen Form des
'Opportunismus' in Gestalt der von Stalin zuerst verwirklichten revolutionären
Konterrevolution kommen konnte, die sich gegenwärtig der europäischen Linken
als Taktik zum Ausstieg aus ihrem eigenen Dilemma perspektivisch anbietet. Den
alten dereinst von Lenin kritisierten Opportunismus zu durchschauen, ist
inzwischen zur Volksweisheit abgesunken, die die Pseudokommunisten wortradikal
wiederkäuen, ohne dem einen neuen Gedanken hinzufügen zu können. Den neuen
Opportunismus durchschaubar zu machen, scheint nur den Allerwenigsten zu
gelingen. Und zwar nur dann, wenn sie nach der Empfehlung von Friedrich Engels
das besagte Dilemma und mit diesem die Linke, die es hegt und pflegt,
verlassen.
Da Du Dich zu dem Projekt Partei Marx 'in der Hauptsache' nicht geäußert,
sondern Dich an einem Epiphänomen, der Kritik an den Anti-Globalisierern,
hochgezogen hast, weiß ich leider nicht, in welcher Richtung Du das Dilemma, in
dem Dein Euro-Kommunismus steckt, verlassen wirst.
Denn zu erwarten ist, daß mit der Verschärfung der globalen Krise des
Kapitalismus und der akut drohenden Verwandlung des anti-islamistischen
Verteidigungskriegs der 'westlichen Welt' in einen Rassenkrieg der moderne
Euro-Kommunismus zwischen Pseudokommunismus und Welt-Kapitalismus zerrieben
wird, weil er nicht in der Lage ist, das Dilemma, zwischen Reformillusionen und
Polit-Gangstertum hin- und hergerissen zu werden, zu beseitigen. Vielleicht
wirst Du Dich dann an das Projekt Partei Marx erinnern.
Sei ebenfalls weiterhin gegrüßt [...]!
Ulrich
Anmerkung zum
kommentierten Veranstaltungs-Protokoll
[„Bericht 'Partei
Marx'...“ [1]] (10.11.2002):
Lieber Peter
Christoph,
vielen Dank für die heutige E-Mail
und das Protokoll!
Zunächst zum Protokoll: ich finde es sehr gut und bemerke, daß es auf eine
Seite der Partei Marx eingeht, die Du als „Parteibildungsprozeß“ (wie bereits
auf der Veranstaltung) bezeichnest. Diese Frage stand in der später zurückgestellten
Urfassung dieses Projekts stärker im Vordergrund. Aber inzwischen, bin ich
selbst darauf gekommen, sie nicht völlig außen vor lassen zu können.
Andererseits liegt es nun einmal in der Natur der Sache, daß dazu noch vieles
unentschieden bleiben muß, zumal der „Parteibildungsprozeß“ nicht an meinem
oder Deinem Schreibtisch entschieden wird.
[So] ... zielt die Neuschreibung der Geschichte der Partei Marx auf eine sich
durch die Weltwirtschaftskrise mit einer gewissen Zwangsläufigkeit ergebende neue
Formierung der Arbeiterbewegung jenseits der tradierten Formationen. Dabei
würde sich die deutsche Arbeiterbewegung mit gutem Gewissen so nur nennen
dürfen, wenn sie sich positiv auf das über den Weltmarkt erzeugte (Welt-)
Proletariat bezieht, genauer: wenn sie sich als der privilegierter Teil der im
Weltmaßstab von der Welt-Bourgeoisie erzeugten Klasse begreift und nur dann!
Das setzt eine Menge proletarischer Bewußtseinsbildung (eine Menge „Kritik am
Gothaer Programm“) voraus, und wie wir sehen, agieren die in der Tradition der
Dritten (und Vierten) Internationale 'real existierenden' Arbeiterparteien
genau entgegengesetzt dazu.
Bei aller Borniertheit, in der die deutsche/(n) Arbeiter/(klasse) von den
'Arbeiterparteien' gehätschelt werden/(wird), muß der erste Schritt zu einer
solchen Bewußtseinsbildung bei der Beantwortung der einen Frage ansetzen: was
machen die Kommunisten anders als was in der DDR (SU o. ä.) gemacht worden ist
und zum Beispiel am 17. Juni (der von der Bourgeoisie weidlich ausgeschlachtet
worden ist) zur Entscheidung gestanden hat? Dazu müssen die Parteigänger der
Partei Marx notgedrungen tief in die historische Kiste greifen, weil durch die
üblichen linken Erklärungen die Fragenden entweder mit klassischer
DDR-Propaganda („Konterrevolution“) oder mit sozialdemokratischen
Trauergesängen abgespeist werden. Wenn Du so etwas als „theoriepraxis“
bezeichnest, o.k.! Darüber hinaus bleibt dieser Begriff mir noch reichlich
unklar.
Der Abstieg der (klein-)bürgerlichen Intelligenz in das 'Proletariat' war ohne
Zweifel politisch eine Katastrophe: wie dereinst die russischen Bauern haben
sich die deutschen Arbeiter an die Birne gepackt und die Absteiger gefragt, wie
man so blöd sein kann und darauf verzichtet, seine Qualifikation als
bürgerlicher Intellektueller nicht entsprechend zu versilbern. Während der
Ausstieg aus dem Proletariat wiederum besonders zielstrebige (Polit-)manager
hervorgebracht hat, die, weil sie mit allen Wassern in der Parteiintrige und
der Propaganda gewaschen sind, die üblichen Aufsteiger um Längen überragen.
Sonst ist dabei nichts herausgekommen. Den Universalgelehrten, der für die
selbst denkenden Arbeiter eine wissenschaftliche Erklärung des Kapitalismus in
radikaler Abgrenzung zu den gängigen Gebrauchsanweisungen der Profitmaximierung
liefert und als solcher von der Arbeiterbewegung kooptiert wird, gibt es nicht
mehr, kann es wahrscheinlich nicht mehr geben. Wenn solche Seitenwechsel
vorkommen, landen diese Intellektuellen bei einer der traditionellen
Arbeiterparteien, schon um 'links' und bürgerlicher Intellektueller bleiben zu
können.
Wir können die „Parteibildung“ nur mit dem 'Kadermaterial' (ein wunderschöner
Ausdruck!) bestreiten, das historisch/biographisch aus dem Umschmelzungsprozeß
des „kurzen Jahrhunderts“ von Revolution und Konterrevolution als
widerständiger Bodensatz übrig geblieben ist...
Wenn vom „Parteibildungsprozeß“ zu reden ist, dann in diesem konkreten Sinn,
wobei er sich wohl komplizierter gestalten wird als diejenigen sich das
vorstellen, die sich vor die Tore des Opelwerks stellen und der Arbeiterklasse
den 'Sozialismus' durch das Auslegen von ökonomistischen Leimruten schmackhaft
machen wollen. Mit all unseren kleinbürgerlichen Krämpfen und Traumata sind wir
schon mitten drin in diesem „Parteibildungsprozeß“, wenn wir aufhören, uns über
uns selbst wie über diese äußerst 'schwierige Abteilung' des Welt-Proletariats
irgendwelchen Illusionen hinzugeben...
Abgesehen von diesen näher zu bestimmenden Begriffen habe ich keine Probleme
mit Deinem Protokoll; im Gegenteil: es ergänzt ein wichtiges von mir mehr oder
weniger absichtlich beiseite gelassenes Problem.
[...]
Herzliche Grüße
Ernst-Ulrich
1)Text des Vortrags siehe: KRITIK 1, ANHANG 2
An Django (09.12.2002):
Vielen Dank für die freundliche
Einladung [nach Porto Alegre]. Abgesehen von den finanziellen
(Weihnachtsurlaub) sind Dir meine politischen Erwägungen hinlänglich bekannt,
sodaß ich meine Absage nicht näher begründen muß.
Die gelegentlichen E-Mails habe ich erhalten und mir die j[unge] W[elt] einige
Male gekauft. Abgesehen davon, daß sie als Sprachrohr der PDS-Minderheit ganz
informativ ist, hat mich das Niveau ein wenig enttäuscht. So lese ich am
Wochenende abwechseln ND und jW.
Vielleicht noch ein Hinweis: ein Brief von K[arl]. M[arx]. aus dem Jahre 1881
an Nieuwenhuis, auf den ich gerade gestoßen bin und [der] mir, was Deinen
Vorschlag betrifft, sehr aus der Seele spricht (MEW 35, 160f.) [1]
Herzliche Grüße
Ulrich
1) »Die Frage des bevorstehenden Züricher Kongresses [Sozialistischer Weltkongreß vom
02.-04.10.1881 in Chur], die Sie mir mitteilen, scheint mir – ein
Fehlgriff. Was in einem bestimmten gegebnen Zeitmoment der Zukunft zu tun ist, unmittelbar zu tun ist, hängt natürlich ganz
von den gegebnen historischen Umständen ab, worin zu handeln ist. Jene Frage
aber stellt sich im Nebelland, stellt also in der Tat ein Phantomproblem, worauf die
einzige Antwort – die Kritik der Frage selbst sein muß. [...] Nach meiner Überzeugung ist
die kritische Konjunktur einer neuen internationalen Arbeiterassoziation
noch nicht da; ich halte daher alle Arbeiterkongresse, resp.
Sozialistenkongresse, soweit sie nicht auf unmittelbare, gegebne Verhältnisse
in dieser oder jener bestimmten Nation beziehn, nicht nur für nutzlos, sondern
für schädlich. Sie werden stets verpuffen in unzählig wiedergekäuten
allgemeinen Banalitäten.«
An Partei
Marx (01.04.2003):
Das Weltsozialforum
3 und Porto Alegre waren eine faszinierende Erfahrung. Überall nur bürgerliche
Idioten, die glauben, ohne ein Vorabstudium marxistischer Dogmatik die Welt
grundlegend verändern zu können. Du fehltest eigentlich an allen Ecken und
Enden! Als Orientierer! Schade, daß das aber mit Dir gar nicht geht, weil Deine
„politischen“ Erwägungen Dich zuerst über die jahrzehntelange theoretische
Analyse zur kommunistischen Zielbestimmung führen und dann zum praktischen
Start. Unter strenger Beachtung der persönlichen Anonymität, versteht sich.
Das wird die Proletarier bestimmt zu revolutionären Begeisterungsstürmen
hinreißen, wenn sie das subjektlose Konzept dann nachlesen können bzw. gesagt
bekommen, wo es langgeht.
Wie man die Dinge doch auf den Kopf stellen kann, wenn man mißachtet, daß jeder
praktische Schritt der Veränderung wichtiger ist als 10 Programme. Auch das
eine marxsche Erkenntnis, daß der Treibstoff wirklicher revolutionärer
Veränderung primär nicht die geistige Trockennahrung ist, sondern das Erleben
elender Verhältnisse. Gesellschaftskritische Theoretiker sollten dann
Erklärungshilfe leisten.
Im Anhang sende ich Dir einen Text über die Entwicklung der kriminellen
Vereinigung Partido dos Trabalhadores. [1]
Übrigens: Ich vermisse immer noch Deine Begründung dafür, daß der
Sozialismus/Kommunismus das gesetzmäßige Ergebnis der Geschichte sein wird.
Mit freundlichem Gruß
Django
1) Brasilien
2002: Wie der Sieg der Arbeiterpartei PT erreicht wurde (Paper).
An Django (14.04.2003):
Ich habe mich
gefreut, wieder von Dir zu hören. … Ich werde Deinen Reisebericht studieren und
so bald wie möglich darauf antworten. Dazu ist mir eine programmatischen
Broschüre von ‚attac’ in die Hände gefallen, die ich in meine Antwort
einbeziehen werde. [1] … Wieso sollen wir so anmaßend sein
und künftigen Generationen zu empfehlen haben, wie eine Gesellschaft mit
gemeinschaftlicher Produktion konkret auszusehen hat? Sollte man ihnen nicht
selber überlassen, wie sie die Widersprüche in ihrer Gesellschaft konkret
lösen? Was ihnen vielleicht dabei helfen wird, ist die schonungslose Kritik der
Fehler, die u.a. auch wir uns ‚geleistet’ haben. Deinen aktionistischen Elan in
allen Ehren! Aber so handeln halt Leute, die aus der Geschichte nichts gelernt
haben, weil sie nichts haben lernen wollen. Das Nicht-Gelernte wird ihnen dann
fehlen, wenn es wirklich mal hart auf hart kommt. Dann wird die alte Sch.
wieder aufgewärmt – ohne mich…Also bis bald!
Es grüßt herzlich Ulrich
1) SoZ (Hg.): 2. Forum von Porto Alegre. Dokumente, Berichte,
Materialien, Köln
2002.
An Django (03.06.2003):
Es ist jedes Mal dasselbe: immer, wenn ich meinen Antwort-Brief an Dich fast
beendet habe, befallen mich Zweifel, ob ich ihn so abschicken kann, und dann
fange ich wieder von vorne an. Denn ich bemerke dann an meinem Entwurf die
häufig an mir beobachtete Unsitte, nach politischen Gemeinsamkeiten zu suchen,
ohne daß wir uns zuvor über deren Inhalte gefetzt haben. Also beginne ich mit
Deiner Mail vom 01.04. Du stellst meine Haltung so dar, als sei ich mir zu
schade, um mich in den politischen Nahkampf zu begeben. Das ist natürlich
Unsinn. Es hat Zeiten gegeben, da habe ich mich an jedem sich bietenden politischen
Nahkampf und jeder von irgendwelchen Leuten herausposaunten Kampagne beteiligt.
Daß ich das nicht mehr so unbefangen betreibe, hat einfach seinen Grund darin,
daß mir die Diskussionsgrundlage abhanden gekommen ist, von der ich früher
naiverweise angenehmen konnte, daß sie elementar existiert: Wir sind doch alle
Linke... Wenn das nicht jedem, zumal auch Dir nicht, einzuleuchten scheint: der
tiefere Sinn des pM-Projekts besteht u.a. darin, das politische Minimum zu
erarbeiten, auf dessen Grundlage es sich überhaupt noch lohnt, mit einander zu
reden, wenn man sich nicht hinter irgendeinen selbst gebastelten Dogmatismus
zurückziehen will.
Woraus, frage ich Dich, sollen denn die „bürgerlichen Idioten“ ihre
theoretischen Kenntnisse beziehen (die Einsicht in die Notwendigkeit einmal
vorausgesetzt)? Ein „Vorabstudium marxistischer Dogmatik“ wird weder ihnen noch
irgendwelchen zukünftigen sich revolutionär orientierenden Proletariern
weiterhelfen, wenn deren Erwerb nicht verbunden ist mit einer nun mal bei den
'Klassikern' natürlicherweise nicht mehr zu findenden Analyse der Geschichte
der Klassenkämpfe des vorigen Jahrhunderts (warum all die vielen bereits
existierenden, und in der Mehrzahl akademischen, Bemühungen nichts taugen,
liegt erstens daran, daß es sich um sozialwissenschaftliche Untersuchungen oder
traditionelle Geschichtsschreibung handelt, deren Fragestellung einfach nicht
über den eigenen bürgerlichen Schatten springt und zweitens an der
Jahrzehntelang von angeblich sozialistischer Seite betriebenen Dogmatisierung
der Geschichte, durch die die darauf beruhenden Untersuchungen zu Makulatur
geworden sind, weil sie einfach niemandem den Eindruck vermitteln können: tua fabula narratur).
Ich habe in der letzten Zeit viel Stalin gelesen. Und ich finde, daß wir ihm
alle sehr viel 'verdanken', so auch die von Dir gemachte Trennung von erst mal
'rin in de Praxis' und dann „Erklärungshilfe leisten“. Eine echte Stalinscher
Dichotomie mit zwei kontrapositionierten Seiten, die sich polar
gegenüberstehen, aber ohne „das geistige Band“ (Goethe). Wenn es gelänge, diese
schon fast über mehrere Generationen hinweg eingeübte Denkweise abzulegen, dann
wäre das bedeutsamer als 10 antikapitalistische Kampagnen auf einmal. Dann wäre
auch Deine Frage (zum ‚Klein-Papier’) beantwortet: „Kann der Kapitalismus
evolutionär transformiert werden?“ [1] Vielleicht kann er (siehe Marxens
IAA-Rede in Den Haag, MEW 18,160), aber nicht auf der Grundlage der aktuellen
Denkweise seiner vorgeblichen Veränderer! Ich würde sogar noch weiter gehen: je
subtiler ein solcher Reformismus agiert, desto notwendiger wird die Verbreitung
revolutionärer Dialektik und proletarischer Bewußtheit über die Resultate der
vergangenen Klassenkämpfe. Die Dialektik bewährt sich immer nur am konkreten
(historischen oder politischen) corpus delicti und nicht in theoretischen Trockenübungen,
welche Du vorschlägst.
Zu dem Klein fällt mir nicht viel ein... Bei Licht betrachtet habe ich ein
gespaltenes Verhältnis zur PDS. Politisch sind mir die Reformisten lieber als
die Beton-Kommunisten in ihren Reihen. Auf der anderen Seite weiß ich mit dem
von der Partei-Mehrheit praktizierten Antikapitalismus rein gar nichts
anzufangen, weil diesem, wie gesagt, jede revolutionäre Dialektik ausgetrieben
wurde und ein Antikapitalismus ohne dieselbe mich einfach anödet. Ihre
Historiker schreiben ganz brauchbares bürgerliches Zeug zu meinen
Lieblingsthemen; die Konsequenzen, die sie daraus ziehen, sind, wenn es
geschieht, allerdings fade, weil ohne revolutionäre Perspektive. So schreibt,
um ein Beispiel zu zitieren, Helmut Bock, in: Die Russische Revolution im Jahrbuch für Forschungen zur
Geschichte der Arbeiterbewegung (3) 2002, 22: „Mit dem Zerfall der Sowjetunion
jedoch rückte zuletzt eine Bourgeoisie an die Macht, die ausgerechnet [?] aus
den staatsmonopolistischen Strukturen des vermeintlichen Sozialismus hervorkam
– ... Durch ursprüngliche Akkumulation des Kapitals, rigide
Industrialisierung und Agrarrevolution hat der von Lenin inaugurierte, von
Stalin durchgepeitschte, vorzeitige [?] 'Sozialismus' soziale, technologische,
infrastrukturelle Voraussetzungen geschaffen, worüber die neue Bourgeoisie in
Rußland und weiteren Ländern heute verfügt. Für jeden, der den 'Roten Oktober'
als seine politische Geburtsurkunde begriff [!], muß ein solches Ergebnis
enttäuschend sein. Und doch scheint jetzt die Einsicht veranlaßt, trotz aller
Mühen und Kämpfe gegen kapitalistische Ausbeutung und Krieg, setzt man den
Terminus 'Revolution' nicht für temporäre Versuche, sondern universell, d.h. streng
welthistorisch, so bezeichnet er in der ganzen Geschichte der Neuzeit bislang
ausschließlich bürgerliche, den Kapitalismus begünstigende Endresultate.“
Für solcherart durch ein zweckentfremdetes Engels-Zitat erzeugten 'Realismus'
werden die zukünftigen Lokomotivführer der Geschichte wenig Verständnis haben,
vor allem nicht dafür, daß die »demokratischen Kleinbürger, weit
entfernt, für die revolutionären Proletarier die ganze Gesellschaft umwälzen zu
wollen, ...eine Änderung der gesellschaftlichen Zustände (erstreben), wodurch
ihnen die bestehende Gesellschaft möglichst erträglich und bequem wird« (MEW 7, 244 f.). Es ist nicht die Frage, daß die Reformen, die ein
revolutionäres Proletariat zu fordern hätte, „zugleich“, wie es bei Klein
heißt, „über den Kapitalismus hinausweis(en)“ (Seite 3), sondern wie das
geschieht: in dem Sinne, daß die revolutionäre Klasse für die demokratischen
Kleinbürger Änderungen im von Marx und Engels kritisierten Sinn erkämpfen und
dann leer ausgeht oder so, daß sich die an den Kämpfen Beteiligten in den
Gesetzen des Klassenkampfes schulen, indem sie von vornherein »als Klasse den herrschenden Klassen gegenüber(treten)« und allein darin ihre eigene zukünftige Klassenherrschaft antizipieren
lernen. (Die Bourgeoisie konnte auch unter der Hegemonie ihres politischen
Gegners, der Feudalklasse, kapitalistisch produzieren, das Proletariat kann die
ihm entsprechende Produktionsweise nur unter der eigenen Hegemonie
praktizieren) Es geht also nicht darum, wie die Parteilinke das tut, den Reformismus
der PDS als solchen zu bekämpfen und ihr statt dessen den 'Kampf für den
Sozialismus' nahezulegen, sondern zu kritisieren ist, wie sie mit diesem
umgeht.
Schon vor längerer Zeit schrieb ich Dir, daß sich die Partei wahrscheinlich in
am bundesdeutschen Standard orientierte Reformisten und in Beton-Kommunisten
spalten wird, und daß die DKP hocherfreut auf eine solche Spaltung wartet. Dazu
erinnere ich an meine Email vom 06.03.2001, wo es am Schluß heißt: „Dazu wird
dann eine Wähler-Partei links von der Sozialdemokratie als geeignetes Gefäß
benötigt ... Wovor mir graust, ist, daß da möglicherweise 'zusammenkommt', was
(aus DKP-Sicht) zusammengehört.“ Nach dem Studium einiger Papers, in denen die
aktuellen Querelen in der PDS ausgetragen werden, drängt sich dieser Schluß
unverändert auf, und in der Perspektive von 2001 (sicherlich ein wenig
überspitzt, aber darum nicht falsch: denn natürlich wurden in der Zwischenzeit
einige harte Kanten abgewetzt) ist mir, wie gesagt, politisch der
Reformer-Flügel dreimal sympathischer als seine (real-) sozialistischen
Kontrahenten, obgleich dessen politische Hilflosigkeit nicht erwarten läßt, daß
er mit diesen anders fertig werden wird denn durch die übliche bürokratische
Lösung: Ausschluß, Spaltung oder so was in der Art. Eine solche Entwicklung
wäre ebenso unerfreulich wie ärgerlich, wo dabei nur die Stärkung eines Typus
von Kommunisten herauskäme (die mit der Faust, die den alten Stalin umklammert
hält, in der Tasche...), von der wenig Gutes zu erwarten ist.
Nun zu Deinem überaus interessanten Brasilien-Bericht: Ich habe mich nicht
systematisch mit Brasilien befaßt, und daher werde ich vielleicht mit dem
Folgenden teilweise daneben liegen, aber dann kannst Du mich auf Grund Deiner
nun dort gemachten Erfahrung korrigieren... Das Grundproblem scheint mir darin
zu liegen, daß Brasilien von einer grundbesitzenden Oligarchie mit
weitestgehender Rückendeckung durch die USA beherrscht wird. Damit sage ich
über ein lateinamerikanisches Land nichts umwerfend Neues. Dadurch haben wir
aber eine seit Generationen ungelöste Bauernfrage. Darüber erhebt sich ein
industrieller Überbau, durch den aber Brasilien nicht schon zu einem
Industrieland nach europäischem Muster wird. Der Grund ist auch bekannt: die
industrielle Entwicklung ist eine weitgehend durch europäische Multis
importierte, die aber - und das ist jetzt entscheidend - eine moderne
Arbeiterklasse hervorgebracht hat. Aus Deinem Bericht über den PT folgere ich,
daß die Existenz der Lula-Regierung Ausdruck eines Waffenstillstands der
brasilianischen Arbeiterklasse und Teilen des Kleinbürgertums mit der
Oligarchie ist, die, gezwungen durch die Weltwirtschaftskrise, die ja auch eine
Finanzkrise (250 Mrd. $ Schulden; Le Monde Diplomatique, Mai 03, 17) und eine Exportkrise
ist, vorsichtiger taktieren muß, um soziale Unruhen größeren Umfangs vorerst zu
vermeiden.
Lula scheint also einen politischen und ökonomischen Klassenkampf nach echt
Marxschen Vorstellungen geführt zu haben. (Vgl. den Brief von Karl Marx an
Friedrich Bolte vom 23. November 1871 [MEW 33, 332]: »Notabene ad Political Movement: Das political
movement der
Arbeiterklasse hat natürlich zum Endzweck die Eroberung der political
power für sie, und dazu
ist natürlich eine bis zu einem gewissen Punkt entwickelte previous
organisation der
working class nötig, die aus ihren ökonomischen Kämpfen selbst erwächst. Andrerseits
ist aber jede Bewegung, worin die Arbeiterklasse als Klasse den herrschenden
Klassen gegenübertritt und sie durch pressure from without zu zwingen sucht, ein political
movement. Z.B. der
Versuch, in einer einzelnen Fabrik oder in einem einzelnen Gewerk durch strikes etc von den einzelnen Kapitalisten
eine Beschränkung der Arbeitszeit zu erzwingen, ist eine rein ökonomische
Bewegung; dagegen die Bewegung, ein Achtstunden- etc. Gesetz zu erzwingen, ist
eine politische Bewegung. Und in dieser Weise wächst überall aus den
vereinzelten ökonomischen Bewegungen der Arbeiter eine politische Bewegung
hervor, d.h. eine Bewegung der Klasse, um ihre Interessen durchzusetzen in
allgemeiner Form, in einer Form, die allgemeine gesellschaftlich zwingende
Kraft besitzt. Wenn diese Bewegungen eine gewisse previous Organisation unterstellen, sind sie
ihrerseits ebensosehr Mittel der Entwicklung dieser Organisation«). Von daher macht die Tatsache, daß der PT den politischen Klassenkampf
im von Marx verstandenen Sinn nun auch vom Amt des Regierungschefs aus führt,
keinen Unterschied zu seinen bisher angewendeten Formen des Klassenkampfes. Die
spannende Frage wird sein, ob die brasilianische Arbeiterklasse das »political movement ... zum Endzweck der Eroberung der political
power« keinen Tag aus den Augen verliert,
d.h. den Sturz der Oligarchie mit ihrem Bourgeois-Anhang. Sonst hätten wir es
schlicht mit einer neuen Variante des Menschewismus zu tun, mit Lula als
Kerenski.
Wie überhaupt in dem Papier das Vorbild der Bolschewiki in den Erörterungen
über die Parteigeschichte leider eine untergeordnete Rolle spielt. Das ist
bedauerlich. (Das Zarenreich war zwar im Gegensatz zu Brasilien eine – europäische
– Großmacht, aber auch in Rußland war der Sturz der grundbesitzenden
Oligarchie mit ihrem bürgerlichen Anhang und die Lösung der Bauernfrage
Voraussetzung für jede weitere revolutionäre Veränderung, worin der
Arbeiterklasse eine Schlüsselfunktion zukam). Aber entweder, so entnehme ich
dem Bericht, haben wir es in Brasilien mit Beton-Kommunisten zu tun, die das
Manna der Kontinuität ihres ML aus ihren 'bolschewistischen' oder
'maoistischen' Dogmen saugen oder da, wo in dem Papier einige mutige Ansätze
zur Kritik am 'Realen Sozialismus' (Polen, Cuba) referiert werden, bleiben
diese letztlich prinzipienlos und taktisch zurückhaltend (um nicht zu sagen,
opportunistisch). Voraussetzung für einen tatsächlichen Fortschritt in der in
dem Bericht übervorsichtig angedeuteten Richtung wäre eine brasilianische pM,
die auf revolutionäre Weise (Reformisten gibt es wie Sand am Meer!) radikale
Konsequenzen aus unserer gemeinsamen historischen Tragödie zieht und sich auf
dieser Grundlage ein revolutionäres Programm gibt:
■ Enteignung der Oligarchie.
■ Lösung der Bauernfrage. Aber
anders als in Rußland in einer Kombination von selbst verwalteten
landwirtschaftlichen Großbetrieben (auf der Basis der Latifundien) und
Verteilung von Bauern-Land auf der Grundlage der Reaktivierung des
kleinbäuerlichen Kollektivismus (Genossenschaften), um die Versklavung der
Bauernschaft durch eine neue Monokultur betreibende rot geschminkte
(cubanische, nicaraguensische usw.) Oligarchie oder – als
entgegengesetztes – einen kleinbäuerlichen Ethnizismus (Subcomandante
Marcos) zu verhindern.
■ Verstaatlichung der
Industrie und Angliederung der Staatsbetriebe an die kleinbäuerlichen und
industriellen landwirtschaftlichen Kollektivwirtschaften, (und zwar so, daß
'Große Sprünge nach vorn' vermieden werden!): Brasilien ist kein europäisches
Industrieland, weil seine industrielle Entwicklung eine im Interesse des
ausländischen Kapitals aufoktroyierte ist. Dadurch Vermeidung des Peronismus
(Autarkie) oder einer von Dependencia-Theoretikern ausgeklügelten
'autozentrierten Entwicklung' der Bourgeoisie, die beide direkt oder indirekt
zu einer neuen oligarchischen Herrschaft führen müßten.
Fazit: das nach Brasilien importierte ausländische Kapital hat eine
Arbeiterklasse hervorgebracht, die gelernt hat, den ökonomischen und
politischen Klassenkampf zu führen und sich darin als Klasse gegenüber der
Bourgeoisie zu konstituieren, die aber den Klassenkampf noch nicht politisch
führt bezogen auf den »Endzweck« ihres »political
movement«, die »Eroberung der political
power« zum Sturz der Oligarchie und ihres bürgerlichen Anhangs,
der Kompradoren-Bourgeoisie. Dein mir übermittelter Bericht enthält einige
ermutigende Ansätze im Sinne der pM, die sich notwendigerweise im Kampf gegen
diejenigen herausbilden müßte, die aus der Tragödie der Oktoberrevolution
nichts lernen wollen: die MLer, Beton-Kommunisten, Trotzkisten, Castristen,
Pol-Potisten usw. Die weitere Entwicklung des Klassenkampfes in Brasilien wird
davon abhängen, wie weit dies gelingen wird.
Ich hatte ja noch was zu einer attac-Broschüre angekündigt, verschiebe das aber
auf das nächste Mal.
Es grüßt herzlich
Ulrich
1) http://www.pds-online.de/politik/themen/vorstandsdebatte2003/view_html?zid=33&bs1&n=11
Dieter Klein: Streit um Grundrichtung und Verantwortung (03.05.2003)
An Django (06.08.2003):
Ich hatte auf eine
persönliche Antwort auf meinen letzten Brief gehofft und daher Deine
Rundschreiben zunächst nur zur Kenntnis genommen; trotzdem hatte ich eine
Antwort auf die „Kritik des Neides“ überlegt. [1] Auch zu
Thalheimers Bonapartismus[-Theorie] hätte ich einiges zu sagen, habe aber nicht
den Eindruck, daß Dir das Thema sehr auf den Nägeln brennt. [2] Was für Dich - und vermutlich alle Keynesianer gilt, ist, daß sich ihre
Überlegungen hauptsächlich in der Sphäre der Warenzirkulation bewegen, wozu
auch die Produzenten als Konsumenten gehören. Der Kern des Problems ist aber
die Akkumulationskrise; diese kann zwar innerhalb der Zirkulationssphäre bis zu
einem gewissen Grad reguliert werden, aber an ihrer prinzipiellen
Nichtüberwindbarkeit, außer durch Kapitalvernichtung (beliebte Methode: Krieg),
ändert das nichts. Das ist der Grund, warum ich es sinnvoll finde, auf einen
‚Punkt’ perspektivisch ‚zuzusteuern’ (was den Kampf um Reformen nicht
ausschließt). Dazu sind die bisher gemachten Erfahrungen elementar, und um
deren Ausarbeitung kümmere ich mich (hauptsächlich am Schreibtisch!) … Unsere
Reformdebatte bewegt sich also weiterhin im Kreis.
Gruß Ulrich
1) Von: django.schins@comlink.org
Gesendet: Sonntag, 29. Juni 2003.
Betreff: Im Glashaus – Das Philosophische Quartett: Die Kritik
des Neides als Apologetik des Sozialraubs.
2) Peter
Ruben: Anfänge der Faschismustheorie. Eine Erinnerung an August Thalheimer (Teil I), in: junge Welt 13.07.2003.
An Partei Marx (07.08.2003):
Lieber Ulrich
Ich danke Dir für Deine prompte Antwort. Deinen Text vom 3. 6. 2003 habe ich am
11. 6. 2003 erhalten.
Deine Enttäuschung kann ich gut verstehen! Und Du hast auch völlig recht. Ich
hätte schon längst antworten sollen. […]
Damit komme ich vielleicht zum Kern unserer Auseinandersetzung:
Während Du glaubst, daß die kapitalistische Akkumulationskrise unter
kapitalistischen Bedingungen prinzipiell unüberwindbar ist, will ich wissen, ob
das stimmt.
Dazu sind umfängliche Studien und Untersuchungen erforderlich.
Solches bloß zu denken, ist abwegig. Und ich habe den Eindruck, daß Du genau
das tust!
Ich bin also weder ein Keynesianer noch ein Marxist, sondern bloß ein
Lernender, aber kein Gläubiger.
Übrigens: ich vermisse immer noch Deine Begründung dafür, daß der Kommunismus
das gesetzmäßige Ergebnis der Geschichte sein wird.
Ich halte es nicht für zweckmäßig, mit Behauptungen um sich zu werfen, die man
nicht beweisen kann. (Jetzt antworte nicht – spitzfindig – daß Behauptungen eben nur Behauptungen
sind!)
Und der Satz „Der Kommunismus ist ... keine Wunschprojektion ..., sondern zu
begreifen als eine unbedingt notwendige Konsequenz, die aus den Widersprüchen ..., die
die bürgerliche Gesellschaft ... hervorbringt“ (Dein Schreiben vom 10.01.2002,
Seite 1), ist eine solche Behauptung, die allerdings im Gewand eines
Naturgesetzes daherkommt.
Angesichts der Komplexität von Gesellschaft und Geschichte ist es unmöglich
solches vorherzusagen, richtiger: Vorhersagen kann man es, wie Du ja beweist,
aber eine wissenschaftliche, d.h. beweisbare, Prognose, ist es nicht.
Da Du Dich schon Jahrzehnte mit dem Thema beschäftigst und mir dennoch keine
Antwort gibst, obwohl Du zu anderen Fragen antwortest, sehe ich mich in diesem
Urteil ein weiteres Mal bestätigt.
Warum gibst Du die Unbeweisbarkeit nicht einfach zu? Ich bin grausam, ich
weiß... aber die Dekonstruktion alter Glaubenssätze muß sein. Billiger ist die
neue Welt nicht zu haben!
[Django]
An Django (06.10.2003):
[...]
In unserer Diskussion kommen wir [...] wie es scheint, auch deshalb nicht
weiter, gerade weil dieser das historische und politische Salz in der Suppe
fehlt. Außerdem kann ich Dir die Unüberwindbarkeit der Akkumulationskrise nicht
„beweisen“ (das versuchen gegenwärtig ohne Erfolg viel kompetentere Leute),
weil sie rein theoretisch gar nicht zu „beweisen“ ist. Und es geht auch nicht
um irgendwelche Wettervorhersagen, sondern schlicht um Theorie einerseits (d.h.
im Prinzip ist die bürgerliche Gesellschaft nicht überlebensfähig, was im [Marxschen] Kapital „bewiesen“ wird) und um Politik andererseits (also darum, wie sich dieses
Prinzip in den Tatsachen widerspiegelt, die den Klassenkampf – auf der
Welt! – ausmachen, wobei Deutschland aus bestimmten Gründen das
Schlußlicht bildet). Sowohl bei Marx wie bei Lenin findet sich das Weltprinzip
des Klassenkampfes, insofern ist die Imperialismustheorie bei all ihren
sonstigen Mängeln in dieser Beziehung korrekt. Globalisierung ist bei beiden
[Theoretikern] Voraussetzung der Klassenkämpfe und muß nicht erst politisch
erfunden werden...
Setz Dich mit den entsprechenden Texten auseinander, und wenn die „Beweise“
Dich darin nicht überzeugen, dann überzeuge die Welt vom Gegenteil, oder
zunächst nur mich! Auf meinen schmalen Schultern werde ich die Beweislast nur
für das tragen, was ich selbst verzapft habe; das findest Du in meinen Texten.
[...]
Mit herzlichen Grüßen Ulrich
An Django (28.10.2003):
Ich finde es wirklich
sehr aufmerksam von Dir, daß Du bei dieser Veranstaltung an mich gedacht hast.
Als ich zunächst nur den Aufmacher [1] zu lesen bekommen hatte, mutmaßte
ich zuerst, daß sich einige Anti-Globalisierer spontan über das revolutionäre
Subjekt Gedanken machen wollen mit dem Ziel, von der
kleinbürgerlich-romantischen ‚multitude’ wegzukommen... Aber dann las ich das
Programm und finde nun, daß die Richtung, auf die sich die Veranstaltung
festgelegt hat, alles andere als „indeterminate“ ist. Vielmehr handelt es sich um
das Konzentrat einer nicht bewältigten Vergangenheit der real-existierenden
europäischen Linken vorgetragen durch ihre akademischen Autoritäten in
‚Marxismus’. [...] Im Gegensatz zur klar erkennbaren Richtung des Programms ist
der Aufmacher ausgesprochen „indeterminate“ formuliert: Welcher ernst zu
nehmende Parteigänger von Marx und Engels würde sich auf eine
„nicht-terroristische Revolution“ festlegen und wieso wird der Begriff
‚Terrorismus’ „kategorial“ überhaupt akzeptiert? Heißt das nicht, daß einerseits
der menschenfeindliche Charakter des Islamismus relativiert und andererseits
der Kommunismus zur Freude der Weltbourgeoisie auf die Polarität Terrorismus
– Nicht-Terrorismus reduziert wird? Und wo bitte paßt in diesen
kategorial falsch gesetzten Gegensatz die „Mehrheit ... innerhalb der
werktätigen Massen“ hinein? Will sich da nicht wieder eine bestimmte
Minderheit, die Situation ausnutzend, auf deren Rücken setzen und sich von
diesen „Massen“ zur nächsten Weltrevolution tragen lassen? Oder was bedeutet:
„The revolutionary subject you are calling is temporarily not available (wörtlich: „verfügbar“!!!)? Verfügbar im Sinne der
abgedankten Nomenklatura? Weiter: was habe ich mir unter einem “theoretisch zu
konstituierenden … politischen Subjekt” vorzustellen? Horst Mahler und den
Kalifen von Köln würde ich auch als „politisches Subjekt“ bezeichnen, die Frage
ist nur, Subjekt welcher Politik? Oder meinte man statt dessen das
revolutionäre Subjekt? Ein solches quid pro quo hätte ich der ursprünglich von mir als Autoren
angenommenen Anti-Globalisierer-Gruppe zugetraut, aber nicht der dort auftreten
werdenden ‚Marxisten’-Schar... Trotzdem vielen Dank für die Information.
[...]
Herzliche Grüße Ulrich
1) Internetrepräsentation des internationalen Kulturkongresses “Indeterminate!
Kommunismus”, 7. - 9. 11.2003 in Frankfurt am Main. „The
revolutionary subject you are calling is temporarily not available“.
Darin war u.a. zu lesen:
Multitudes und Proletariat
Proletariat und Multitudes
Die Erkenntnis, daß eine nicht-terroristische Revolution
nicht zu machen ist ohne die Unterstützung mindestens einer Mehrheit innerhalb
der werktätigen Massen – Resümee, Klage oder Forderung – wirft die
Frage auf, wie der kategoriale Rahmen beschaffen sein müßte, der ein politisches
Subjekt theoretisch konstituieren könnte. Erstens die Isolierung von den
Menschen, die so oft das Schlechte wollen, zweitens der Versuch ihrer Bildung
und Organisierung und drittens die Ablehnung jeglicher definitorischer
Soziologie über die Praxis der Menge, die in Experiment und Erfahrung zu sich
schon kommen wird, sind die in der radikalen Linken zur Zeit verbreitesten drei
Optionen des Umgangs mit den lohnabhängigen Beschäftigten. Um diese Frage soll
es hier gehen, inwiefern die Kategorie des Proletariats als Katalysator
gesellschaftlicher Veränderung für eine emanzipatorische Praxis unverzichtbar
ist und ob diese Kategorie in einem postoperaistischen Sinn erweitert werden
kann.
An Django (12.01.2004):
Hab vielen Dank für
Deine Neujahrs-Mail, die ich mit einiger Verzögerung, die Du entschuldigen
mögest, beantworte.
[...]
Du siehst die Dinge zu schwer (oder wie man hier sagt, nicht locker genug). Das
betrifft auch die Sache mit dem „Proletariat“: Ich gehe zwar davon aus, daß es
damit genauso steht, wie zu Marxens Zeiten, nur daß sich das ganze Phänomen
global auseinandergezogen hat und zwar gerade so, daß die deutsche
Arbeiterklasse auseinanderdividiert werden müßte in eine, gemessen am Weltmaßstab,
hoch qualifizierte und entsprechend bezahlte 'Arbeiteraristokratie' und eine
wachsende Schicht von prekären Arbeitern und Nicht-Mehr-Arbeitern, die aber
alle irgendwie 'sozial abgesichert' sind. Die deutsche Arbeiterklasse
produziert zweifellos weiterhin 'ihren' Mehrwert für das Kapital (oder ist an
dessen Realisierung beteiligt), aber verglichen mit dem übrigen Proletariat,
das im Weltmaßstab über die sog. Niedrig- und Niedrigstlohnländer verteilt ist,
fällt es schwer, hier noch von einem Proletariat im ursprünglichen Sinn zu
sprechen (obwohl die deutsche Arbeiterklasse Teil der weltweit sich
herausbildenden Klasse an sich ist). Die Sache ist also höchst verwickelt, und,
bevor diese Klasse an sich nicht einmal ansatzweise existiert, scheint es
geradezu utopisch zu sein, heute einfach so von „dem Proletariat“ zu sprechen.
Wenn ich dieser Ansicht wäre, müßte das zu Recht kritisiert werden.
Wenn in Zukunft überhaupt von „dem Proletariat“ die Rede sein wird, müßten wir
heute von vornherein von dem Weltproletariat ausgehen, allein schon, weil sich
die Weltbourgeoisie, um zu überleben, am Weltmarkt orientieren muß und ihr
Kapital (mit oder ohne linke Moralpredigten) dort entsprechend profitabel
'disloziert' hat, und daher sollten wir die 'nationale' Arbeiterklasse in
Relation zu dem sich real herausbildenden Welt-Proletariat in China, Indien
oder Brasilien (?) bestimmen. Was dann noch an der deutschen Arbeiterklasse als
revolutionär übrigbleibt, wird wahrscheinlich 'nicht die Welt sein', auch wenn
diese bittere Wahrheit den politisch auf Dummenfang ausgehenden
'Arbeiter'parteien links von SPD und PDS vermutlich nicht in den Kram paßt,
weil der Glaube an die Existenz eines 'revolutionären deutschen Proletariats'
nun einmal zu ihrer raison d'être gehört, während auf der anderen (mehr oder weniger
sozialdemokratischen) Seite der „Abschied vom Proletariat“ schon lange eine
vollendete Tatsache ist, an dessen Stelle das neue kosmopolitische
Kleinbürgertum (im Gegensatz zum untergehenden alten bildungsbürgerlich-handwerklich-großbäuerlichen,
das keinen Anschluß an den Weltmarkt findet) getreten ist (die bürgerliche
Linke jenseits der Arbeiter-Partei-'Kommunisten': PDS, Grüne, Jusos, Julis und
wie sie alle heißen), die sich und ihren globalisierungskritischen Anhang zum neuesten
Antipoden der Weltbourgeoisie erklären... Die Frage nach dem „Proletariat“
sollte niemandem einen schweren Kopf machen, weil einfach niemand die Antwort
wissen kann, es sei denn, er hält sich für einen Propheten. Sie wird ganz
konkret beantwortet werden, wenn es soweit ist.
Aber vielleicht reden wir schon wieder aneinander vorbei; denn für den Fall,
daß Deine Probleme mit dem „Proletariat“ eher prinzipieller Natur sind, müßte
ich mich für nicht zuständig erklären und wie ich in einem meiner letzten
Briefe erwidert habe, Dich auffordern, Deine prinzipiellen Bedenken an die
Gründungsväter der „Partei Marx“ zu richten und Dich in die lange Reihe der
(zumeist akademischen) Marx-Kritiker einzuordnen in der Hoffnung vor der dort
versammelten Öffentlichkeit Deine Kritik plazieren zu dürfen. Aber das lassen
wir einmal dahingestellt...
Nächster Punkt: ich halte Deine ironische Schreibweise nicht für einen
Nachteil. Unsere „Mißverständnisse“ sind eher politischer Natur, genauer, sie
beruhen darauf, daß wir unsere sehr unterschiedlichen politischen Sichtweisen
aus unserem Diskurs vorerst ausgeklammert haben. Und daher treten wir auch auf
der Stelle. Um in unserer Diskussion weiter zu kommen, müßten wir versuchen,
unsere politischen Differenzen konkret zu bestimmen. Ich erinnere mich, daß Du
anläßlich meiner Überlegungen zum Kirow-Attentat sinngemäß schriebst: das wäre
eine Angelegenheit für die Historiker, zu der Du Dich nicht konkret äußern
wolltest. Das finde ich ganz und gar nicht: wo es um die Rekonstruktion des
Verlaufs einer weltrevolutionären Bewegung geht (und nicht nur um die
„Stalinfrage“ als solche), besteht für jeden daran direkt oder indirekt
Beteiligten die unbedingte Notwendigkeit, sich darüber seine eigenen Gedanken
zu machen und diese zu diskutieren, weil das nicht nur für die Einschätzung der
damaligen Entwicklung der UdSSR und der zukünftigen Entwicklung des
Weltproletariats von entscheidender Bedeutung ist. Den bürgerlichen Historikern
ist dieser Gesichtspunkt natürlich 'Schnuppe', die Arbeiter-'Kommunisten' reden
häufig salopp von gewissen „Fehlentwicklungen“, während sie aus demselben
„fehlentwickelten“ Irgendwie-Sozialismus in der SU (DDR) die
Existenzberechtigung ihrer eigenen Partei ableiten. Eine Frau ist bekanntlich
nicht irgendwie schwanger... Um unsere Differenzen konkret zu bestimmen, müßten
wir uns von all diesen Irgendwie's verabschieden.
Davon abgesehen habe ich generell den Eindruck, daß ich mit meinem Anspruch an
eine konkret bestimmte Redeweise in meinem Umfeld, das ich auf meine Texte
aufmerksam gemacht habe, eher lähmendes Entsetzen auslöse. Es ist als ob in
einem großen Kreis von Gesprächsteilnehmern jemand eine Peinlichkeit von sich
gegeben hat, zu der sich niemand konkret äußert, um nicht in das Schwarze Loch,
das durch die angebliche Peinlichkeit aufgerissen worden ist, selbst mit
hineingezogen zu werden. Oder es ist wie mit des Kaisers neuen Kleidern, wo nur
die Nichteingeweihten noch ihren Realitätssinn bewahrt haben! Die deutsche
Linke geht nackt (oder in Bourgeois-Klamotten!) und alle Welt hat sich über die
Jahre an den Gedanken gewöhnt: es muß doch noch irgendwas Kommunistisches an
ihr dran sein. – Die Wahrheit ist konkret, also laß uns konkret werden
und unsere politischen Einschätzungen zusammenrasseln lassen. Entweder bricht
dann unsere Diskussion zusammen oder wir schaffen uns eine Grundlage für eine
zukunftsgerichtete Fortsetzung derselben.
[...]
Hier beende ich erst mal meinen Monolog und hoffe für uns auf baldige
„Konkretisierungen“...
Ulrich
An Partei Marx (21.08.2005):
Hallo Ernst Ulrich
Knaudt,
habe deine schöne Parteikritik erst gerade zur Kenntnis
genommen (Referat in Frankfurt) [1] und muß mir in den nächsten Tagen
deine Ausführungen auf der Webseite genauer zu Gemüte führen.
Ich bin ja immer wieder neu überrascht, wenn bei allen möglichen sogenannten
RevolutionärInnen – die sich untereinander bekanntlich überhaupt nicht
grün sind – der positive Bezug auf das Gespenst aus dem K[ommunistischen]
M[anifest] als einzigartiger, gemeinsamer Nenner sichtbar wird. Es ist ja
geradezu ein Manko in ihrem Selbstbewußtsein, dieses Gespenst nicht selbst
darstellen zu können. Ein kritischer Bezug auf die Bewegungsgeschichte, die die
Umkehrung der wirklichen Gespenstbedeutung ermöglicht, ist aus meiner Sicht
kaum vorhanden. Mich interessiert daher, ob Du beim Vorstellen deines Referates
in Frankfurt damit bei diesen anecktest.
Es ist ja in der Tat so – wenn man die marxschen Veränderungsbestimmungen
von ihrem Ende her begreift (Aufhebung der Wertvergesellschaftung mit Aufhebung
des Geldes bei gleichzeitiger Vergesellschaftung ohne äußeren Zwang), daß der
Leninsche Revolutionsweg gar nicht funktionieren kann – oder?
so weit erstmal und beste Grüße
Hubert
1)KRITIK 1, ANHANG 2
An Hubert (01.09.2005):
[...]
Ein positiver Bezug auf das K[ommunistische] M[anifest] ist recht einfach
herzustellen und zugleich sehr kompliziert. Es ist immer relativ einfach
gewesen, den darin entwickelten Anspruch deklamatorisch in die Welt hinaus zu
posaunen, wie etwa aus Anlaß des 150. Jahrestages in Paris. Da es sich um die
Programmatik einer ganzen Menschheitsepoche handelt, wird der Zitatensucher
kaum das nötige Kleingeld für seine Tagespolitik darin finden. Ihre Vermittlung
durch den politischen Klassenkampf hat Marx in Form der 'Partei Marx'
exemplarisch vorgeführt. Dies wird in den STREITPUNKTEN auf der Homepage gleichen
Namens an bestimmten Beispielen vorgeführt. Dort geht es vor allem um die
Beziehung Lenin-Marx, die für die Bewältigung unserer 'Bewegungsgeschichte' von
entscheidender Bedeutung ist. Was von dem 'Leninschen Revolutionsweg' dann
übrig bleiben wird, und zwar ohne der Sozialdemokratie und dem linken
Sozialimperialismus Konzessionen zu machen, wird sich dabei herausstellen. Das
Verhältnis zwischen Werttheorie und politischem Klassenkampf ist dabei neu zu
bestimmen, weil weitgehend unterbestimmt.
Falls Du Dich mit den STREITPUNKTEN auseinandersetzen willst, wäre Deine Kritik
sehr willkommen.
[...]
Was Deine Frage zu der Frankfurter Veranstaltung betrifft, so kann ich mich an
keine ernstzunehmenden Einwände erinnern. Dazu waren die wenigen Zuhörer politisch
zu heterogen, bzw. das Thema scheinbar zu theoretisch. (Siehe auch: Wozu die
Auseinandersetzung über die elementaren Streitpunkte?)
Es grüßt herzlich Ernst-Ulrich Knaudt
An Partei
Marx (07.09.2005):
Hallo und vielen Dank
Ernst Ullrich,
für deine Antwort und die Einladung zur Kritik, ich werde
gerne darauf zurückkommen. Wie angekündigt habe ich mir ja inzwischen die
Webseite näher angesehen und finde die Betonung der Marxschen Position zu Rußland
in Diskrepanz zu Lenin aber auch zu Engels sehr interessant. Ich kannte die
Briefe zwar, aber bis zu dieser grundsätzlichen Bedeutung habe ich die Sache
nicht zu Ende gedacht. Unabhängig von der Richtigkeit der Position im engen
Sinn, etwa bezogen auf die Jahre 1917 ff, kommt hier m. E. aber auch ein
Problemzugang zum Ausdruck, der quer zu den Ambitionen der Bolschewiki steht,
die mit ihrem Minderheitenkonzept über gar keinen wirklichen
Problemlösungsansatz verfügten, weil die Gesellschaft als Akteur, d.h. die
vielen Individuen die die Gesellschaft im Zusammenhang bilden, gar nicht
handlungsrelevant war. Marx dagegen versuchte die von ihm gesehene
Gesellschaftlichkeit des russischen Dorfes sozusagen als Keimform der
sozialistischen Gesellschaftlichkeit zu nutzen, die damit definitiv in der
Handlungshoheit der direkt betroffenen Menschen gelegen hätte. Vielmehr mußte
ja alles durch das Revolutionaritätsfilter der Partei: was hier nicht in den
Kram paßte wurde ausgeschlossen. M. E. ist deine positive Affinität zu Lenin
(meine eigene Abkehr hier ist noch nicht sehr alt) überholt. Die Beurteilung
der Realitäten gelingt schwerlich vor dem isolierten Hintergrund der Leninwerke
und fängt man erstmal an, die Realitäten in den Blick zu nehmen, wird man von
den Diskrepanzen erschlagen.
M. E. ist hier aber auch immer der Widerspruch in der Parteikonzeption zwischen
Marx und Lenin übersehen oder als Weiterentwicklung verstanden worden, was sie
m. E. sicherlich genau nicht ist. Die marxsche Warnung vor der Modelung ist vielmehr
im Leninschen Konzept das eigentliche Programm (insbesondere real, die
Formulierungen sind dagegen zweitrangig). Für Marx ist die Partei der
Kommunisten (in deinem Sinn die Partei Marx) in der Gesellschaft für die
Gesellschaft als eine unter vielen tätig, als militärische Kampforganisation
aus meiner heutigen ! Sicht völlig untauglich. Die andere Bestimmung der
Gesellschaft durch die Partei ist hinreichend bekannt. Denkt man diese
Zusammenhänge von ihrem Ziel her an (Vergesellschaftung ohne Geld und ohne
Zwang) so erledigt sich das Minderheitskonzept aus meiner Sicht per se, weil
der Zwang nur durch die Eigenmotivation der vielen, vielen Individuen zu
umgehen ist. Steht die Frage erst mal auf dem Tablett, wie die "ungeheure
Mehrzahl" (K[ommunistisches] M[anifest]) sich die dazu notwendige
Gesellschaftlichkeit aneignen soll, so bleibt i. A. offensichtlich nur die
Feststellung übrig, daß die bisherige revolutionäre Bewegung nicht das war, was
sie bis heute vorgibt zu sein. Ein Lösungszugang ist hier weit und breit nicht
mal im Ansatz zu sehen.
So weit erst mal auf die Schnelle.
[...]
Hubert
PS selbstverständlich beinhaltet diese Sicht "Konzessionen" an die
Sozialdemokratie: Sie waren und sind nicht das konterrevolutionäre Element,
wozu der Leninismus sie gemacht hat. Unter dem Stichwort "trial and
error" muß der gesamten Gesellschaft materialistisch die
Entwicklungsmöglichkeit offen gehalten werden, anstatt eine scheinbare Wahrheit
zu monopolisieren. Nur unter dem Vorbehalt der Nichtberücksichtigung des
voluntaristischen Revolutionarismus dieser Bewegung kann dieser Vorwurf bis
heute einen 'Sinn' machen. Sobald der Voluntarismus hier ins Blickfeld und in
die Kritik gerät, müssen diese Vorwürfe fallen.
Als Grundlage oder Medium einer weiteren Diskussion über diese historischen
Zusammenhänge könnte vielleicht die Schrift von Gerd Koenen "Utopie der
Säuberungen" dienen?!
An Hubert (14.09.2005):
Lieber Hubert,
Du assoziierst Bolschewiki
('Mehrheitler') mit "Minderheitskonzept". Das ist nicht unbedingt
zwingend. Im Oktober 1917 besaßen sie auf dem Sowjetkongreß durchaus eine
Mehrheit. Das änderte sich erst Anfang Januar 1918, als die 'Minderheitler' und
die rechten Sozialrevolutionäre die Konstituierende Versammlung einberufen und
die Bolschewiki diese auseinander gejagt hatten. Aber auch das hätte kein
Fehler sein müssen, wenn Lenin sich am Marxschen 'Programm' zur Bauernfrage
orientiert hätte, was die Masse der russischen Bauern zuvor handgreiflich vollzogen
hatten: Verjagung der Profiteure von 1861 und den Stolypinschen Reformen, die
nach der Bauernrevolution von 1905 in Rußland ein westeuropäisches
Einzelbauerntum hervorbringen sollten, worauf sich nur die Allerwenigsten
einlassen wollten, und Rückkehr zur Wirtschaft der alten Bauerngemeinde.
[...]
Was die Bolschewiki auf dem Land zustande gebracht haben, war durchweg
Stückwerk. Die Nationalisierung des Bodens war für die Bauern kein Problem, da
sie Privatbesitz gar nicht kannten. Diese hätte also ergänzt werden müssen
durch Investitionen in den archaischen Bauernkommunismus. Dazu war die Mehrheit
der Sozialrevolutionäre und schon gar nicht der 'Minderheitler' bereit. Damit
aber hätten sie in die Enge getrieben und an ihrem Fall klar gemacht werden können,
daß die K[onstituierende] V[ersammlung] nur diese Tatsache verschleiern sollte.
Gleichzeitig wären die Sowjets aufgewertet worden und durch Neuwahlen die
aktivsten Bauernelemente hätten kooptiert werden müssen. Stalins (und nicht nur
Stalins) Kollektivierung ist eine demagogisch aufgezogene Veranstaltung ganz im
Sinne der Menschewiki und Sozialrevolutionäre vom Januar 1918, nur, anstelle
des Parlamentarismus eine neue Autokratie. In dieses Bild paßt die von Dir
benutzte Gegenüberstellung von "Individuum" und
"Gesellschaft" nicht so recht. Das wäre nur der Fall, wenn die
Stolypinschen Reformen nicht gescheitert wären. "Handlungshoheit der
direkt betroffenen Menschen" stimmt bis zu einem gewissen Grad, aber
gerade in dem angesprochenen Konflikt standen sich eindeutig Klassen gegenüber
(einmal beiseite gelassen, woraus sich die russische Arbeiterklasse zu jenem
Zeitpunkt konstituiert haben konnte). Meine "positive Affinität zu
Lenin" halte ich insofern aufrecht, weil Lenin glaubte, den Lassalleanismus
seiner Zeit und den linken Sozialimperialismus im Sinne der 'Partei Marx' zu
bekämpfen, mit der er auf der anderen Seite wegen der Bauernfrage und, wie ich
gezeigt habe, der nationalen Frage seine eigenen Probleme hatte. (Die
Menschewiki hatten dagegen keine Probleme mit derselben, weil die Bauernfrage
für sie gar nicht existierte) Insofern ist meine "Affinität zu Lenin"
durchwachsen und nicht endgültig geklärt. (Das wird sich mit der Fortsetzung
des STREITPUNKTs zur 'Nationalen Frage' vielleicht ändern). Grundsätzlich
abzulehnen ist der Lenin-Kult, den die DDR-Wurmfortsatz-Parteien und
Publikationsorgane veranstalten. Aber auch diese haben ihre Probleme mit Lenins
Imperialismus-Theorie, die sich weder mit den sonnigen Vorstellungen der
anti-globals noch dem Sozialdemokratismus der PDS vereinbaren läßt. Du
schreibst, Konzessionen an denselben seien notwendig. Es mag Situationen geben,
wo Konzessionen an die Bourgeoisie notwendig sind, aber dazu ist eine
Vermittlungsinstanz wie die Sozialdemokratie überflüssig, weil die, wie ein
Rechtsanwalt von seinen Klienten, von ihren eigenen Konzessionen lebt. Deinen
Literaturhinweis nehme ich dankend zur Kenntnis. Das Buch habe ich noch nicht
in meiner Sammlung. Beim Durchblättern von "Das rote Jahrzehnt" fiel
mit spontan ein: ach wenn doch dieser geistreiche Autor seinen Sarkasmus und
seine Ironie schon zu Zeiten des KBW so entwickelt hätte, wie er das jetzt tut.
Was für interessante Diskussionen hätten wir schon damals führen können anstatt
uns ständig bei der Lektüre des Sozialistischen Einheitsbreis der
"Kommunistischen Volkszeitung" den Magen zu verderben...
In diesem Sinne grüßt herzlich
Ernst-Ulrich Knaudt
Von: "Django Schins" django.schins@comlink.org
Datum: 4.
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