|
Partei Marx ist der Name1 für ein theoretisches Projekt, worin vorausgesetzt wird, daß
die Marxsche Theorie auf ihre politische Wirksamkeit hin ausgearbeitet
wurde.
Den rein theoretischen von Akademikern bevorzugten Karl Marx als Vollender
der Hegelschen Metaphysik hat es unter dieser Voraussetzung nie gegeben;
andererseits waren die Hegelianisierenden Wiederbelebungsversuche des
‚Marxismus’, an erster Stelle die der Frankfurter Schule und ihrer
Nachfolger, ein durchaus legitimer Reflex auf die undialektische, sprich
mechanistische Bestimmung des Verhältnisses von Theorie und Praxis
aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Allerdings war dabei von
den Frankfurtern vermieden worden, sich mit den Gründen für
die theoretische Versumpfung des „Sowjetmarxismus“ näher politisch auseinanderzusetzen, d.h. vor allem mit der Frage, ob es sich dabei nur
um die Folgen einer noch korrigierbaren 'Fehlentwicklung' oder das Ergebnis
einer veritablen Konterrevolution, wodurch auch für sie am ‚Marxismus’
(-‚Leninismus’) nichts mehr zu retten gewesen war, gehandelt haben mußte.
Im Verhältnis von Theorie und Praxis liegt seither entweder die Praxis
jenseits der Theorie (Ökonomismus) oder die Theorie jenseits der
Praxis (Akademismus); die Dialektik wird durch die dualistische Behandlung dieses Verhältnisses von der Sache selbst getrennt;
zurück bleibt entweder die akademische Übung im reinen ‚Marxismus’
oder der armselige Pragmatismus, mit dem Stalin 1924 (kurz nach Lenins
Tod) die Dialektik aus dem Widerspruch von Theorie und Praxis ausgetrieben
hat.2
Die Bedeutung der Theorie wurde dabei von der gerade entstehenden neuen
Klasse der Sowjetbourgeoisie darauf reduziert, ihre Herrschaft über
das Proletariat und die Bauern ‚marxistisch-leninistisch’ zu legitimieren
und als Beitrag zum revolutionären Klassenkampf ausgegeben. Aber,
um zu vermeiden, daß diese „zwei Schritte zurück“ zu Marx als
einer jener theoretischen Rekonstruktionsversuche mißverstanden
werden, die einen praxisgereinigten Marx gegen die allein dem Pragmatismus
verpflichteten Vulgarisierer seiner Theorie (Engels, Lenin usw.) ausspielen
wollen3 - um letztlich bei Kautsky zu landen - muß der erste Schritt darin
bestehen, die entscheidenden politischen Kontroversen, die an den
Wendepunkten der Klassenkämpfe seit dem Kommunistischen Manifest aufgetreten sind, näher zu bestimmen und zu analysieren. Dazu
gehören zumindest folgende elementare Streitpunkte.
die, wenn auch mit entgegengesetzten Schlußfolgerungen, von
W. I. Lenin und J. W. Stalin vertretene Auffassung von der revolutionären
Mission Rußlands und die Einschätzung dieser Mission durch K. Marx (Herr Vogt) und F. Engels (Die
auswärtige Politik des russischen Zarentums).
[Streitpunkt 1: Über die folgenschwere Folgelosigkeit
der Einschätzung der russischen Bauerngemeinde und ihres Verhältnisses
zur Revolution in Westeuropa durch Karl Marx]
die einander entgegengesetzten Bestimmungen der ‚Nationalen Frage’ und ihrer Lösungsvorschläge durch J. W. Stalin (als metaphysische)
und W .I. Lenin (als dialektische), die, nach Durchsetzung der Stalinschen
Auffassung, zur Umwandlung des Proletarischen Internationalismus in den großrussischen National-Chauvinismus geführt
haben.
[Streitpunkt 2: Warum Lenins „letzter Kampf“ gegen
den linken Sozialimperialismus nicht zu gewinnen war. A. Die Eröffnung]
die Bestimmung des deutschen Faschismus als nationale Erbkrankheit
des 'ewigen Deutschen' oder als 'von oben' angezettelte
'proletarische' Gegen-Revolution, durch die sich der Großteil
der deutschen Bourgeoisie vor einer von ihr befürchteten proletarischen
Revolution um den Preis einer Menschheitskatastrophe zu retten versucht
hat.
die Bestimmung des 'Stalinismus' als unvermeidliches Resultat
der Oktoberrevolution oder als Gegen-Revolution in der Revolution mit Hilfe eines klassischen Putsches (provoziert
durch den 'von oben' inszenierten Kirow-Mord) in der Tradition der Thronfolgekämpfe
der russischen Zaren.
Bestimmung des Kampfes gegen den deutschen Nationalsozialismus im Sinne der Taktik der Stalinschen UdSSR zur Beseitigung eines konkurrierenden
Weltherrschaftsaspiranten („Antifaschismus“) oder als Verteidigungskampf der vom nationalsozialistischen Deutschland (und dessen Verbündeten)
bedrohten und unterworfenen Völkern und Nationen (einschließlich
des deutschen Volkes und der deutschen Nation) verbunden mit der Alternative:
Führung dieses Kampfes im Korsett preußisch-zaristischer
Traditionen, die diesem von J. W. Stalin aufgezwungen wurden oder als demokratisch-revolutionären Widerstand in der Tradition
der Jakobiner und der europäischen Revolutionen von 1848 im Sinne
von Karl Marx und Friedrich Engels („Revolution in Permanenz“).
Bestimmung des Aufstandes der am Kampf gegen den deutschen Nationalsozialismus
beteiligten Kolonialvölker und Nationen der sog. ‚Dritten Welt’ gegen
ihre ‚Mutterländer’ und die neue Weltmacht USA als Stellvertreterkrieg
zwischen der UdSSR und den USA („Antiimperialismus“) und Führung
des „antiimperialistischen Kampfes“ reduziert auf die Weltmachtkonkurrenz der beiden ‚Supermächte’ und im Korsett groß-russischer Weltmachtinteressen und der Interessen der Nationalen Bourgeoisien der 'Dritten Welt' oder,
in der Kontinuität der Oktober-Revolution und der Chinesischen
Revolution, als Ausgangspunkt für eine weltrevolutionäre Bewegung,
in der sich im (nicht stattgefundenen) Kampf gegen den dahinter versteckten
Sozialimperialismus das neue Weltproletariat zu konstituieren gehabt und
das Scheitern dieses Kampfes verhindert hätte.
Dieser dreht sich um die heute von 'linken' und rechten Ethnizisten von
entgegengesetzt erscheinenden Positionen aus vertretene Auffassung, daß
es sich bei den Konflikten zwischen den verschiedenen 'Rassen', Religionen,
Nationen um antagonistische Gegensätze handele, die nur durch den
Untergang der fremden 'Rasse', Religion, Nation zu beseitigen seien oder um die entgegengesetzte Auffassung, daß diese Konflikte diesen antagonistischen
Charakter durch interessierte Weltherrschaftsaspiranten erhalten, der
mit der Entfaltung der Klassenkämpfe im Kapitalismus ihre dialektische
Aufhebung im Sinne von Karl Marx (Zur Judenfrage) erfahren
wird. Von Ethnizismus ist z.B. dann zu sprechen, wenn vorgegeben
wird, den US-Imperialismus vom Standpunkt des (großrussischen) Panslawismus
oder den Antisemitismus vom Standpunkt des (großisraelischen) Zionismus
oder den angeblich erneut die Welt bedrohenden (großdeutschen) Nationalsozialismus
von Positionen aus zu bekämpfen, die häufig eine Mischung aus
Antiamerikanismus, Panslawismus und Zionismus darstellen, wobei, als bakunistische
Pointe des ganzen, die einfache Negation der deutschen Staatlichkeit,
und nur dieser, bei den („anti-deutschen“) Bakunisten auf einen
Ethnizismus gegenüber dem eigenen Volk hinausläuft, der, wiederum
als einfache Negation, ein gefundenes Fressen für die Neo-Nazis darstellt
und ihnen die Legitimation frei Haus liefert, 'ihr' Toitschland von den
„Zecken“ 'befreien' zu sollen, also in logischer Konsequenz Deutschland
den Nazis ausliefert - eine politisch anheimelnde Bürgerkriegsperspektive,
deren Beobachter nicht weiß, wessen Rassismus und wessen (Anti-)
Deutschtümelei ihn mehr anöden soll, oder ob er das ganze nur
für eine üble Farce halten muß.
Kurzum: je nachdem, wie sie sich zu den oben im groben Umriß angedeuteten Streitfragen verhält, wird die deutsche Arbeiterbewegung als
Teil des Weltproletariats wieder auferstehen oder im Bannkreis pseudo-revolutionärer
Phrasen und ihr fremder Interessen verkümmern.
Partei Marx wird als Verständigungsmittel des politischen
Exils im eigenen Land fungieren müssen und dabei auf wenig Verständnis
hoffen können; weder bei dem Teil der einstigen BRD-Linken, der die
Vereinigung der beiden deutschen Staaten als Signal für ihre Resozialisierung
zu politischen Geschäftsführern der Bourgeoisie mißversteht
noch bei jenem integrationsunwilligen restdeutschen 'linken' Bodensatz,
der, sozusagen auf der Gegenfahrbahn der Geschichte Aufstellung nehmend,
seine Trauer über das Entschwinden seines (doch so wenig) „realen
Sozialismus“ unter lärmender, aber leerer Geschäftigkeit abarbeitet.
Und dabei erzeugen die Abkömmlinge der politisch bankrott gegangenen
Nomenklatura gemeinsam mit ihrem 'westdeutschen' Anhang bei nicht geringem
propagandistischen Geschick den Eindruck, als seien die Ziele ihres (bis
dato noch ungeschriebenen) revisionistischen Programms (Wiederherstellung
der Sowjetunion und DDR incl.) identisch mit der Zukunft der Menschheit,
selbst wenn sie dafür Bündnisse mit nationalistischen Völkermördern
im Namen des Anti-Amerikanismus in Kauf zu nehmen bereit sind.
Partei Marx ist kein Aufruf zu einer der üblichen
Parteigründungen, sondern zur Parteinahme; auch nicht zur Sammlung
einer Herde von Gläubigen um ihren Propheten, sondern die Schaffung
eines Netzwerks von Parteigängern der kommunistischen Sache.
Marx hat als erster revolutionärer Theoretiker dem Kommunismus eine
solide wissenschaftliche Begründung verschafft, die sich bis dato
allen philanthropischen Begründungsversuchen als überlegen erweist.
Allerdings haben Biographen wie z.B. Konrad Löw mit jener in der
deutschen Sozialdemokratie sehr bald nach Marx' Tod einsetzenden Heiligenverehrung
bis hin zum Marx-Kult, wie er in der DDR betrieben worden ist, ausreichend
Material geliefert bekommen, um die Pervertierung des Kommunismus zum
Stalinschen und 'realen' Kasernen-Sozialismus bereits in den angeblichen
oder tatsächlichen Charakterschwächen des Karl Marx vorgeformt
zu finden.4 Oder was hat der 1989 in sich zusammengebrochene staatsterroristische
Spießersozialismus Marke DDR (die gelungene Mischung aus einem Sozialismus
à la Kautsky und Stalin) mit der Person Karl Marx oder gar dem
zu tun, was dieser unter Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft
durch den Kommunismus verstanden hat?
Der hier vorgeschlagene Versuch einer Parteinahme ist daher gegen
die von allen Seiten betriebene Vermischung der Person mit der
Sache und auf eine Versachlichung, Entpersonalisierung, Vergemeinschaftung
der Inhalte gerichtet, die sich seit dem Kommunistischen
Manifest mit dem Namen Marx verbinden. Theorie ohne eine
solche Parteinahme bleibt bestenfalls politisch wirkungslos, schlimmstenfalls
politisch instrumentalisierbar durch ‚Marxisten’ aller Art. Eine solche
Parteinahme muß einhergehen mit der Rückkehr zu einem Parteiverständnis,
worin auf den ganzen partei-bürokratischen Mummenschanz, der die
revolutionäre Klasse nur formell unter einen Hut bringt, zugunsten
eines „einfachen sich von selbst verstehenden Zusammenhangs gleichgesinnter
Klassengenossen“ verzichtet wird.5
Exklusiv verhalten sollte sich die neu zu konstituierende revolutionäre
Klasse einzig und allein zu den Inhalten der Politik des Bürgertums.6 Eine geheime Organisation war demnach nur erforderlich, wenn der Ausnahmezustand
diese gebot7;
aber solche Einschränkungen der bürgerlichen Legalität
mußte die Bourgeoisie im Interesse eines ungehinderten Waren- und
Kapitalverkehrs und der 'Logik des Kapitals' folgend immer wieder aufheben.
Diese Regel war allerdings nicht anwendbar auf das autokratisch beherrschte
Rußland vor 1917 mit seiner 'von oben' lizensierten und eingeschränkten
kapitalistischen Entwicklung und seiner minimalen bürgerlichen Legalität,
das sich im Ausnahmezustand in Permanenz befand und einen proletarischer
Geheimbund in der Tradition der Volkstümler (Bolschewiki) durchaus
erforderlich gemacht hatte.8 Aber gerade weil die historische Notwendigkeit dieser Organisationsform
nicht zu bestreiten ist, kann der Bolschewismus „als Vorbild der
Taktik für alle“ keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit
für sich erheben. Denn nur bezogen auf die konkrete historische Situation
in Rußland war „die Taktik der Bolschewiki richtig“; in dem
Maße jedoch, wie W. I. Lenin losgelöst davon für diese
Taktik, die „durch den gewaltigen Erfolg gerechtfertigt ... zum
Weltbolschewismus geworden“ war, beanspruchte, „die ideologischen
und taktischen Grundlagen für die wirklich proletarische und kommunistische
Internationale geschaffen“9 zu haben, verlor diese ihre Allgemeingültigkeit. Und daher ist
heute jede (z.B. ‚marxistisch-leninistische’) Fortschreibung dieser Taktik,
ohne deren historische Notwendigkeit konkret zu begründen, entweder
ächerlichkeit oder ein schlichtes Betrugsmanöver.
Sowohl der (auf Rußland beschränkt durchaus erforderliche,
aber nicht verallgemeinerbare) proletarisch-revolutionäre
Staats-Terrorismus (Lenin) als auch die (a-) soziale Beamten-Demokratie
(Kautsky), bleiben einem exklusiven Parteiverständnis verpflichtet:
einer Partei von Berufsrevolutionären oder Partei-Berufsbeamten;
beides entspricht einem Kapitalismus, in dem die Lohnarbeit noch nicht
wie heute in den USA als Arbeit schlechthin zur praktischen Realität
geworden ist.10
Es gibt keine wissenschaftliche Analyse der Bürgerlichen
Gesellschaft, die den heutigen Kapitalismus so weitgehend antizipiert,
wie Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie von Karl Marx.
Kennzeichen dieses modernen Kapitalismus ist, daß das Individuum
in den hochkapitalistischen Industrieländern zu seiner entscheidenden
Produktivkraft geworden ist. Der Unterschied zwischen dem Massen-Arbeiter,
der in den 'Niedriglohnländern' gerade in Erscheinung tritt und dem
individualisierten und hoch qualifizierten Produzenten in den alten kapitalistischen
Industrieländern, besteht darin, daß das diesem abverlangte
Arbeitsergebnis auf eine Weise 'internalisiert' werden muß, als
ob es das Ergebnis seiner Arbeit unter eigenen und nicht fremden Arbeitsbedingungen
wäre. Diese Einstellung zur Arbeit wird von den Kapitalisten zur
Voraussetzung für Einstellung der Arbeiter gemacht, eine doppelte
Entfremdung, in die die vollständig unter das Kapital subsumierte
Subjektivität des Lohnarbeiters desto tiefer versinkt, je bereitwilliger
sie sich im Konsumismus der Freizeit-Industrie davon zu befreien glaubt.
Die Frage ist nun, ob es sich bei diesem 'Autonomie'-Gewinn des modernen
Mehrwertproduzenten um den Preis der doppelten Entfremdung, d.h. seiner
in diesem Schein vernichteten, weil unter das Kapital subsumierten Subjektivität,
um einen dem Klassenwiderspruch entsprechenden und vergleichbaren Antagonismus
handelt; bzw. ob die Konflikte, in denen seine doppelte Entfremdung in
der Konsumsphäre, sozusagen an der Oberfläche der bürgerlichen
Gesellschaft, zum Vorschein kommt, d.h. zwischen Konsumwelt und seinen
„realen Bedürfnissen“, den eigentlichen Antagonismus im heutigen
Kapitalismus ausmachen? Letzeres die Antwort der Frankfurter Schule und der Studentenbewegung; wo hingegen in den minimalistisch
geführten Tarifauseinandersetzungen der Gewerkschaftsbehörden
mit den Unternehmern, worin sich Kapital und Arbeit wechselseitig
gegen die Drohung der absoluten Verelendung und des Klassenkampfes
(für beide Seiten mehr oder weniger vorteilhaft) rückversichern,
so gut wie keine Antwort darauf zu finden ist. Die Diskrepanz zwischen
der von der Arbeiterklasse vordergründig erfahrenen Selbstverwirklichung
durch die Individualisierung ihrer produktiven Tätigkeit und der
Subsumierung ihrer individualisierten Arbeit unter das Kapital, erfährt
sie, wiederum individuell, erst bei der Entlassung mit der zwangsläufig
eintretenden Wirtschaftskrise, nun aber als individuelles Versagen, worin
ihr 'Autonomie'-Gewinn als Illusion zerplatzt. Die post-modern (oder nietzeanisch)
als subjektiver Autonomiegewinn begriffene Negation der doppelten Entfremdung
ist wieder auf dem Boden des einfachen Gegensatzes von Lohnarbeit und
Kapital gelandet!
Heute kann das Kapital und der Weltmarkt, für den es produziert
wird und über den es sich reproduziert, nicht mehr als eine nach
irgendwelchen geopolitischen Kriterien (Sozialismus in einem Land versus Weltimperialismus oder Dritte und Zweite Welt gegen die
Supermächte o.ä.) sich separierende, sondern muß als
eine einzige Welt,als ein sich kapitalistisch integrierender
Weltmarkt angesehen werden, dessen regionalen Märkten und Produktionszonen
arbeitsteilige Funktionen für das im Mittelpunkt stehenden Kapitalverwertungsinteresse
diktiert werden. Das ganze funktioniert durch eine von der führenden
Militär- und Wirtschaftsmacht USA dominierte 'internationale Arbeitsteilung'
zwischen weltweit organisierten und operierenden Kapital-Zentren, die
miteineander um den von der Börse geforderten Maximalprofit als Überlebens-benchmark kämpfen.
Die herrschende Klasse der USA, die sichere Siegerin über ihre bisherigen
welthegemonialen Konkurrenten (Hitlers Nazi-Deutschland und Stalins Sowjetunion),
lebte bis zum 11. September 2001 mit der restlichen kapitalistischen Welt
im Zustand der 'friedlichen Koexistenz' und des 'friedlichen Wettbewerbs'.
Die Individualisierung der Arbeit als Produktivkraft war bisher auch Resultat
der friedlichen Verhältnisse in der westlich-östlichen 'Waffenstillstandszone'
gewesen, während jenseits derselben der Kapitalismus abgelebte Produktionsweisen
- von der Sklaverei bis zum Frühkapitalismus - in die internationale
Arbeits-Teilung (auch dies im wörtlichen Sinn!) integriert hat, deren
unbedingt notwendige Konservierung die andere Seite seiner Überlebensbedingungen
darstellt. Im Stil des 19. Jahrhunderts werden von Staaten- und Wirtschaftsgruppen
im Kampf um Einflußzonen in der Dritten Welt, für die Kants von den bürgerlichen Nationen inzwischen aktzeptierter Ewiger Frieden nicht gilt, sondern der Bürgerkrieg,
ethnische Bürgerkriegsarmeen aufeinander gehetzt, die (zur Freude
'westlicher' Waffenexporteure und Rohstoffimporteure) einander in lokalen Rassenkriegen aufreiben und wie eine (teilweise in Kinderarmeen
organisierte) Heuschreckenplage über das Land ziehen - Eine fürwahr
archaische 'Moderne'!
Die herrschende Klasse der USA hat über Jahrzehnte hinweg daran gearbeitet,
die revolutionäre antiimperialistische Welle, von der die Dritte
Welt in der Nachkriegszeit nach 1945 aufgewühlt worden war, an
dieser Politik des Ethnizismus sich brechen und die frisch gegründeten
antiimperialistischen Staaten durch die Förderung interner Stammeskriege
wieder auseinanderfallen zu lassen; dies auch, um zu verhindern, daß
diese Staaten unter die Vorherrschaft ihrer Weltmachtkonkurrentin Sowjetunion
gerieten (die selbst wiederum pseudo-antiimperialistische 'revolutionäre'
Parteien oder Bewegungen, deren 'Nomenklatura' gleichfalls ethnisch dominiert
war, nur zu dem Zweck gefördert hatte, um diese politisch und ökonomisch
an sich zu binden und besser ausbeuten zu können). Nach der Kapitulation
der Sowjetunion als Welthegemonialmacht hat der Ethnizismus seine selbstzerstörerische
Kraft in der von den ehemaligen Kolonialmächten verlassenen Dritten
Welt noch potenziert.
Diese Politik ist den USA am 11. September 2001 auf die Füße
gefallen. Die vielen einzelnen ethnischen Stammeskriege, nach denen im
'Westen' häufig kein Hahn mehr gekräht hatte, haben sich in einen globalen Rassenkrieg11 gegen den langjährigen Sponsor solcher Kriege verwandelt, dessen
neue Dimension nun darin besteht, daß dieser Krieg von den 'gefallenen
Engeln' der amerikanischen Geheimdienste (jener Noriega, Milosevic und
wie sie alle heißen) „in die Metropole getragen“ und zu einem
Fanal der Elenden und Beleidigten aus jenen Weltteilen gemacht wird, die
aus der arbeitsteiligen Weltausbeutungsordnung herausfallen und in ihrem
sozialen Elend nur noch im „Opium des Volks“ ihre Rettung
suchen.12
Zwar hat, wie es im Kommunistischen Manifest13 heißt, die „Bourgeoisie ... in der Geschichte eine höchst
revolutionäre Rolle gespielt“ (464) und spielt diese noch, was
die Revolutionierung der „Produktionsinstrumente, also ... Produktionsverhältnisse,
also sämtliche(r) gesellschaftlichen Verhältnisse...“ (456) in den Ländern angeht, „wo sie zur Herrschaft gekommen“ ist. Dort hat sie „alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse
zerstört.“ (464) Aber eben dieselben Verhältnisse erhält
sie in großen Teilen der Dritten Welt, die als Rohstoff (bzw.
die Ware Arbeitskraft) billig produzierende Länder in die internationale
Arbeitsteilung integriert sind, künstlich am Leben, weil dadurch
die inneren Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise kompensiert
und dieselbe aufrechterhalten werden kann.14
Das heißt also: was ihr politisches Selbstverständnis als bürgerliche
Klasse betrifft, steht die herrschende Klasse der USA zu sich selbst im
Widerspruch, wenn sie als 'Führungsmacht' der Weltbourgeoisie die
Nationen der Dritten Welt heute daran hindert, wie es im Kommunistischen
Manifest heißt, „die Produktionsweise der Bourgeoisie
sich anzueignen... die sogenannte Zivilisation bei sich einzuführen,
d.h. Bourgeois zu werden“ (466). Was sie dort, in den Ländern
des Nahen Ostens, Süd- und Ostasiens oder Lateinamerikas, am Leben
erhält, ist Korruption, Prostitution, Bürgerkrieg und Karikaturen
ihrer eigenen bürgerlichen Institutionen zum höheren Ruhme niedriger
Rohstoff- und Halbfertigwarenpreise. Seit dem 11. September 2001 steht
die herrschende Klasse der USA daher vor der Frage, ob sie den Rassenkrieg,
der ihr und der 'westlichen' Lebensweise erklärt worden ist, als
Krieg zur Verteidigung ihrer ureigenen, d.h. der kapitalistischen Produktionsweise,
d.h. mit den Mitteln des bürgerlichen Rechts führen oder aber
selbst als Rassenkrieg beantworten soll. (Die Antwort, die sie
mit dem militärischen Angriff auf den Irak im Frühjahr 2003
gegeben hat, läuft bis jetzt eher auf einen Rassenkrieg denn
auf die Befreiung einer Nation der Dritten Welt von ihrem orientalischen
Despoten hinaus. In diesem Fall weiß sie aber, daß sie sich
die Völker der Welt oder zumindest der Dritten Welt zu ihren
strategischen Feinden machen wird). Denn es geht für die us-amerikanische
Bourgeoisie vor allem auch darum, wie die Mitte des Jahres 2001 offen
ausgebrochene Akkumulationskrise durch die bewährten Kompensationsmittel
(billige Rohstoffe, billige einfache Arbeit aus und in der Dritten
Welt) im Kampf gegen ihre kapitalistischen Konkurrenten zu bewältigen
sein wird, und welche Auswirkungen im Zweifelsfall davon für den
'sozialen Frieden' in den Zentren der kapitalistischen Welt zu erwarten
sind.15
Bisher hat die Welt-Bourgeoisie die Spaltung der 'westlichen Gesellschaft'
in, wie es im Kommunistischen Manifest heißt, „zwei
große, feindliche Lager, in zwei große einander direkt gegenüberstehende
Klassen...“ (463) durch die arbeiteraristokratische Entproletarisierung
eines Teils der Mehrwert-Produzenten und die Verwandlung eines anderen
Teils zu (im alten römischen Stil) Kostgängern der eigenen Klasse
und der übrigen Gesellschaft zu neutralisieren verstanden. Sie hat
sich „eine Welt nach ihrem Bilde“ (466) geschaffen, aber so, daß
der Rest der Menschheit für Risiken und Nebenwirkungen dieses großen
Schöpfungsprozesses aufzukommen hat. Und den hatte sie bisher voll im Griff. Diese Politik ist durch die Ereignisse des 11. September
2001 von Grund auf infrage gestellt.
In Anbetracht dieser 'Weltlage' muß W. I. Lenins Imperialismustheorie zwar nicht revidiert, wohl aber modifiziert werden, da sie sich ebenso
wie seine Parteitheorie vielleicht als historisch, nicht aber als allgemein gültig erweist; gültig vielleicht nur für
ein 'Entwicklungsstadium' des Kapitalismus, aus dessen feudaler Verstrickung
sich die, im Vergleich zu heute, relativ schwach entwickelte Bourgeoisie
Rußlands und großer Teile Asiens nicht zu befreien in der
Lage war, wohl aber das Proletariat und dessen Kommunistische Partei.
Allerdings um den Preis, daß dieses die Rolle der Bourgeoisie bei
der Entwicklung Rußlands übernehmen mußte, um die von
jener nicht zustande gebrachte Politische Revolution durchzuführen.
W. I. Lenins Imperialismustheorie wurde durch die Reaktion
der kapitalistischen Interventionsstaaten auf die Oktoberrevolution zugleich politisch bestätigt und historisch relativiert.
Auf den europäischen Faschismus als politische Konter-Revolution
gegen das an der Partei Lenins orientierte europäische Proletariat
und die antifaschistische Fraktion seiner Bourgeoisie ließ sie sich
schon nicht mehr anwenden. Diese Diskrepanz hatte sich der offizielle Antifaschismus als sowjetische Staatsdoktrin und verschleierte
Welteroberungstaktik zunutze gemacht, indem er eine entscheidende Schwäche
der Imperialismustheorie systematisch kultivierte: die abstrakte
Entgegensetzung des „...alten Kapitalismus mit der Herrschaft der freien
Konkurrenz“ und des „neuen Kapitalismus mit der Herrschaft des
Monopols“16,
wodurch die Antifaschistische Demokratie von Stalin und seinen
Theoretikern zu einer eigenständigen, vom Kapitalismus losgelösten
Gesellschaftsformation hochstilisiert werden konnte. War der Faschismus
demnach ein Krisenphänomen des 'imperialistisch entarteten'
Kapitalismus oder ist seine 'imperialistische Entartung' nur ein Krisenphänomen der mit Zunahme der Produktivkraft der Arbeit zwangsläufig
'exotischer' werdenden Ausbrüche derartiger Krisen als Zivilisationskrisen?17
Die deutsche Rest-Linke erweckt in ihrem heutigen Zustand nicht den Eindruck,
diese Frage beantworten zu können; statt dessen reduziert sich ihre
Politik zunehmend darauf (nachdem Usama bin Ladin dem ‚Westen’ den ‚Heiligen
Krieg’ erklärt hat), ihrerseits nach einer erneuten Aufspaltung der
Welt in ‚Zwei Lager’ schielend, den Untergang ihrer verlorengegangenen
Nomenklatura-Reiche rückgängig machen zu wollen, um sich perspektivisch
anstelle der Sozialdemokratie als 'kommunistische' Befreier auf dem Rücken
der arbeitenden Bevölkerung aufspielen zu können.18
Das Zeitalter, da Revolutionen 'von oben' eine geschichtlich vorwärtstreibende
Rolle spielen konnten, das mit dem 07. November (26. Oktober) 1917 begann,
ist spätestens am 11. September 2001 endgültig zu Ende gegangen.
Bei dem heute bestehenden Verallgemeinerungsgrad des Kapitalismus sind
Voraussetzungen für die Selbstbewegungskräfte der revolutionären
Klasse entstanden, wie sie in den halbagrarischen Industriegesellschaften
des 19. und bis weit in das 20. Jahrhundert hinein undenkbar waren und
als syndikalistische Utopien gelten mußten.
Die revolutionäre Theorie, die diesem Entwicklungsgrad der kapitalistischen
Produktionsweise entsprechen will, muß eine Analyse der Katastrophen,
in denen all jene Revolutionen 'von oben' letztlich zugrunde gegangen
sind, vornehmen und die vermeidbaren und unvermeidlichen Fehler beim Namen
nennen.
Ursprünglich gehören Revolutionen 'von oben' zu den subtilsten
Taktiken der Bourgeoisie, wenn die Situation eingetreten ist, daß
keine der antagonistischen Klassen mehr in der Lage ist, die elementaren
Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise zu ihren Gunsten
zu lösen und wie K. Marx am Beispiel Louis Napoleons zeigt, Vertreter
der von ihrem Untergang bedrohten Zwischenschichten die Interessen der
zwischenzeitlich politisch ohnmächtigen Bourgeoisie gegen das Proletariat
wahrnehmen und bei dieser Gelegenheit die eigene soziale Zwischenexistenz
(gemeinsam mit einem, wie es Marx nennt, ihm dienstbaren und zu allem
bereitem „Lumpenproletariat“) als neue Klasse zu etablieren versuchen.19
Die Oktoberrevolution war nun nichts anderes als eine solche Revolution
'von oben' - nur mit umgekehrtem, d.h. proletarisch-revolutionärem
Vorzeichen. Die russische Bourgeoisie war weder in der Lage, sich in einer
antifeudalen Revolution an die Spitze der revolutionären Bauernmassen
zu setzen noch hatte sich der Kapitalismus auch nur ansatzweise gesellschaftlich
so stark verallgemeinert, daß das russische Proletariat, das mit
einem Bein noch in der Dorfgemeinde stand, bereits zur Klasse an sich
geworden wäre. Jene führte eine von der Autokratie des Zaren,
als dem staatlich organisierten ('patrimonialen') Gesamtunternehmer,
lizensierte Existenz, die nur durch eine politische Revolution gegen die
Selbstherrschaft des Zaren hätte aufgehoben werden können. Die
Bolschewiki, die die von der Bourgeoisie, weil auf engste mit dem Zarismus
verflochten, nicht mehr wahrgenommene antifeudale Führungsrolle übernehmen
mußten, schwebten daher ständig in der Gefahr, sich in Louis
Bonapartes und die Kommunistische Partei in eine - proletarische - Oligarchie
zu verwandeln. Während Lenin sich nicht gescheut hatte, diese der
russischen Revolution drohende Gefahr beim Namen zu nennen und daher seine
Absichtserklärungen durchaus ernst zu nehmen waren, dieser Gefahr,
gestützt auf die spezifisch russische Diktatur des Proletariats,
entgegenzuarbeiten, war Stalins Putsch von 1934 dieser Politik genau entgegengesetzt:
eine Flucht nach vorn auf den 'festen' Boden einer konterrevolutionären
'kommunistischen' Autokratie, gestützt auf jenes Lumpenproletariat,
das sich während des Bürgerkriegs in der Geheimpolizei und den
Gewalt-Ministerien angesammelt hatte. Stalins Napoleonische Farce wurde
zur Tragödie der Russischen Revolution und des sich mit Sowjetrußland
identifizierenden Weltproletariats.20
Lenins Revolution 'von oben' war die Vollendung des revolutionären
Terrors der Volkstümler mit proletarischen Mitteln, Stalins Putsch
dagegen eine Konterrevolution 'von innen' (d.h. aus dem Parteiapparat
heraus) gegen die Leninsche, aus der Intelligenz und der Arbeiterklasse
gebildete, (Avant-) Garde. Hitlers 'Revolution' von unten war, als eine
vorweggenommene Reaktion der Bourgeoisie auf den von ihr befürchteten
welt-revolutionären Bürgerkrieg, die Mobilisierung der revolutionären
Massen gegen sich selbst. In Stalin und Hitler haben sich also zwei aufmerksame
Schüler Louis Bonapartes (zusammen-)gefunden, die einander bis zum
Untergang bekämpften.
Lenins Revolution 'von oben' unterscheidet sich also von allen ihren reaktionären
Vorläufern und Nachfolgern darin, daß die Leninschen Bolschewiki
jeden ihrer Schritte an dem Menetekel des Bonapartismus des zweiten Napoleon
messen und entsprechend reflektieren mußten, während seine
Nachfolger auf diese Selbstreflexion und -kontrolle aus verständlichen
Gründen verzichtet haben, so daß aus historischer Sicht zwangsläufig
der proletarische in einen national-bolschewistischen Staatsterrorismus
umschlagen mußte, von dessen selbstvernichtenden Wirkungen sich
keine der nachfolgenden revolutionären Bewegungen bis heute hat befreien
können. Uns heutigen Kommunisten bleibt, um aus diesem tödlichen
Zirkel auszusteigen - und alles andere wäre ein Rückschritt
- nichts anderes übrig als „zwei Schritte zurück“ zu
machen und wieder bei Marx und Engels anzufangen, allerdings in Abgrenzung
zu dem gerne gepflegten linken Selbstmitleid nach der Melodie „wir hätten
niemals zu den Waffen greifen sollen“ (Plechanow). Bei diesem Schritt
„back to the roots“ hängen Revolutionskonzept und Parteistruktur
eng mit einander zusammen.21
Der 11. September ist auch der deutschen Rest-Linken politisch auf die
Füße gefallen. Das bislang friedlich miteinander koexistierende
Konglomerat aus konträren ethnizistischen Halbwahrheiten läßt
sich nicht mehr auf einen gemeinsamen ‚antikapitalistischen’ Nenner bringen,
da der Hauptwiderspruch wieder einmal gewechselt hat, ohne daß sie
es, wie schon des öfteren, gemerkt hätte. Denn es geht nicht
darum, ‚keinen Krieg!’ gegen diejenigen zuzulassen, die den kriegerischen
Angriff auf die USA militärisch ermöglicht und durchgeführt
haben, sondern darum zu verhindern, daß der (völkerrechtlich
legitime) Verteidigungskrieg der USA zum Rassenkrieg entartet.22
In ihrer, auch bewußtseinsmäßigen, Gespaltenheit begreift
die deutsche Rest-Linke vor allem nicht, daß die amerikanische Bourgeoisie
selbst gespalten ist zwischen dem Wunsch, ihre ureigenen Weltmacht-Ziele
zu verfolgen und dem Zwang, den Weltmarkt als 'Weltzivilisation' aufrechtzuerhalten
und verteidigen zu lassen, weil ohne dessen Beherrschung sich die us-amerikanische
Bourgeoisie zu dem drohenden Rassenkrieg auch noch einen Klassenkrieg
im eigenen Land einhandeln würde. Dieser heilsame Zwang ist die einzige
Garantie für die 'zivilisierte Welt', daß diese 'Weltzivilisation'
- eine bessere steht momentan nicht zur Verfügung, um von da aus
zum Kommunismus zu gelangen - nicht in dem Chaos untergeht, das die antiamerikanischen,
antiwestlichen, antihäretischen falschen Freunde, d.h. Feinde der
Menschheit, dieser zu bereiten wünschen. Über eine solche Entwicklung,
die die proletarische Revolution ad infinitum vertagen würde, können
gegenwärtig nur Bakunisten frohlocken (zumindest diejenigen, unter
ihnen, die das alte Konzept der 'Revolution von oben' zur 'Revolution'
von außen am konsequentesten weiterentwickelt haben, an vorderster
Front ihre 'anti-deutsche' Avantgarde). Wenn der Weg zum Kommunismus über
das von den ‚heiligen Kriegern’ aller couleur geschaffene Chaos verlaufen
sollte, würden darin sowohl die Bourgeoisie als auch das Proletariat
untergehen und die Menschheit in einer neuen Sklavenhaltergesellschaft
wieder aufwachen, die alle bisherigen 'zivilisierten' Formen der Sklaverei
an raffinierter Brutalität bei weitem übertrifft, die kapitalistische
Lohnsklaverei inklusive.
Daher sei abschließend in Erinnerung gerufen, was Karl Marx über
den Zusammenhang von Klassenkampf und internationaler Politik in der Inauguraladresse
der Internationalen Arbeiter-Assoziation23 1864 formuliert hat, woran sichtbar wird, wie meilenweit entfernt
die in ihren Ethnizismus verstrickte deutsche Rest-Linke von derartigen
Überlegungen ist :
„Wenn die Emanzipation der Arbeiterklassen das Zusammenwirken verschiedener
Nationen erheischt, wie jenes große Ziel erreichen mit einer auswärtigen
Politik, die frevelhafte Zwecke verfolgt, mit Nationalvorurteilen ihr
Spiel treibt und in piratischen Kriegen des Volkes Blut und Gut vergeudet?
Nicht die Weisheit der herrschenden Klassen, sondern der heroische Widerstand
der englischen Arbeiterklasse gegen ihre verbrecherische Torheit bewahrte
den Westen Europas vor einer transatlantischen Kreuzfahrt für die
Verewigung und Propaganda der Sklaverei. Der schamlose Beifall, die Scheinsympathie
oder idiotische Gleichgültigkeit, womit die höheren Klassen
Europas dem Meuchelmord des heroischen Polen und der Erbeutung der Bergveste
des Kaukasus durch Rußland zusahen; die ungeheueren und ohne Widerstand
erlaubten Übergriffe dieser barbarischen Macht, deren Kopf zu St.
Petersburg und deren Hand in jedem Kabinett von Europa, haben den Arbeiterklassen
die Pflicht gelehrt, in die Geheimnisse der internationalen Politik einzudringen,
die diplomatischen Akte ihrer respektiven Regierungen zu überwachen,
ihnen wenn nötig entgegenzuwirken; wenn unfähig zuvorzukommen,
sich zu vereinen in gleichzeitigen Denunziationen und die einfachen Gesetze
der Moral und des Rechts, welche die Beziehungen von Privatpersonen regeln
sollten, als die obersten Gesetze des Verkehrs von Nationen geltend zu
machen.
Der Kampf für solch eine auswärtige Politik ist eingeschlossen
im allgemeinen Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse.
Proletarier aller Länder vereinigt euch!“
1Vgl. u.a die berühmte
Passage aus Marxens Brief vom 12.04.1871 an Kugelmann (MEW 33) 206: „... diese jetzige Erhebung von Paris - wenn auch unterliegend vor den
Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden der alten Gesellschaft -
ist die glorreichste Tat unserer Partei seit der Pariser Juni-Insurrektion.
Man vergleiche mit diesen Himmelstürmern von Paris die Himmelsklaven
des deutsch-preußischen heiligen römischen Reichs mit seinen
posthumen Maskeraden duftend nach Kaserne, Kirche, Krautjunkertum und
vor allem Philistertum.“ (Eigene Unterstr.)
Nach W. Schieder, Karl Marx als Politiker, München
1991, habe sich diese Partei „durch den anmaßenden Anspruch“ konstituiert, „die wenigen zu umfassen, die über die höhere
Einsicht in die historische Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen
Entwicklung verfügten“ (135). Der Autor mißt die Partei
Marx unhistorisch an der sozialdemokratischen Wählermassen-Partei
des 20. Jahrhunderts und reduziert diese letztlich auf Karl Marx und
Friedrich Engels (139). Weiter unten registriert er aber durchaus noch
weitere getreue Paladine, die sich der Person [!] Marx unterworfen hätten: „Daran ist bemerkenswert, daß die Zugehörigkeit zur 'Partei
Marx' offensichtlich die Unterwerfung unter die politischen Direktiven
von Marx voraussetzte“ (140). Ein solches Parteiverständnis
ist, wie noch zu erläutern sein wird, mit der Partei Marx nicht
gemeint, sondern vielmehr die Parteinahme für die Inhalte des Kommunistischen
Manifests.
2 J. W. Stalin, Fragen
des Leninismus. [Repr.] Berlin 1970, 100.:
„Die amerikanische Sachlichkeit ist jene unbezwingliche Kraft , die
keinerlei Schranken kennt oder anerkennt, die mit ihrer sachlichen Beharrlichkeit
alle wie immer gearteten Hindernisse hinwegfegt, die jede einmal begonnene
Sache unbedingt bis zu Ende durchführt, selbst wenn es eine kleine
Sache ist und ohne die eine ernste aufbauende Arbeit unmöglich
ist.“
3 Vgl. Nadja Rakowitz, Einfache Warenproduktion. Ideal
und Ideologie; Freiburg 2000, 14, die Friedrich Engels vorwirft,
abweichend von Karl Marx eine eigenständige Produktionsweise erfunden
zu haben, wodurch „die Proudhonsche Vorstellung der einfachen Warenproduktion
in den Traditionsbestand der meisten sozialistischen Theorien transportiert
worden“ sei. Die Autorin will dagegen zeigen, daß es
hier eine entscheidende Differenz zwischen Marx und Engels gibt.
Ohne hier im einzelnen auf die Begründetheit dieser Herabstufung
von Friedrich Engels auf einen Proudhonisten eingehen zu wollen, kann
man Engels gewiß nicht unterstellen, daß er versucht hätte,
eine mit dem Kapital konkurrierende eigenständige
und von diesem abweichende Politische Ökonomie zu entwerfen. Das
nicht bemerkt zu haben, würde Marx selbst zu einem politischen
Naivling stempeln, dem entgangen wäre, was sein Freund Engels mit
seiner Theorie treibt - woran ja auch der Autorin nicht gelegen sein
kann.
Viel eher ist zu vermuten - und das wird von der großen Schar
der Anti-Engelsianer übersehen -, daß bei der in der Partei
Marx zwischen Marx und Engels eingespielten 'Arbeitsteilung'
letzterer als Popularisator der marxschen Theorie an Vorstellungen vorkapitalistischer
Produktionsformen in den Köpfen der arbeitenden Bevölkerung
anknüpfen sollte, die mit dem Umbruch von der Agrar- zur Industriegesellschaft
in Deutschland zusammenhingen. Dabei mag Engels in seinen populärwissenschaftlichen
Bemühungen gelegentlich über das Ziel hinausgeschossen sein.
Die oben genannte Differenz läßt sich auch schon deshalb
nicht konstruieren, weil es ja völlig müßig wäre,
eine wissenschaftliche Theorie vom Niveau der Populärwissenschaft
her bestätigen oder widerlegen zu wollen - eine Unterstellung,
die auf die Anti-Engelsianer selbst zurückfällt. Aber auch,
wo Engels als Marx-Herausgeber direkt in den Text der zu Marxens Lebzeiten
nicht veröffentlichten Bände (II und III) des Kapital kommentierend
eingegriffen hat, handelt es sich entweder um historische Illustrationen
oder Bezugnahmen auf aktuelle Kontroversen, in der Absicht, die Aktualität
dieses wissenschaftlichen Werks in der internationalen Arbeiterbewegung undgegen die Vulgärökonomie, einschließlich
der Katheder-Sozialisten zu demonstrieren. Engels konnte mit gutem Gewissen
und im Sinne der Partei Marx annehmen, daß die 'Robustheit'
der Marxschen Argumente dadurch kaum in Mitleidenschaft zu ziehen war.
In diesem Zusammenhang wäre auf die Herausgeber der Beiträge
zur Marx-Engels-Forschung einzugehen, die ihre lobenswerten
Bemühungen um eine kritische Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2) seit den 90er Jahren damit verbinden, den Marx-Popularisator Engels
zu einem Marx-Populisten abzustempeln - vielleicht die verspätete
Reaktion auf den Marx-Engels-Kult in der verblichenen DDR, aber die
Rache am falschen Objekt.
4 So heißt es bei K.
Löw, Der Mythos Marx und seine Macher. Wie
aus Geschichten Geschichte wird, München 1996, über den
jungen Marx:
„Schon der Studiosus Marx hatte keine Bedenken, ungeachtet mangelnder
Bonität wie Krösus Aufträge zu erteilen ... Nicht
ihre Unbildung, wie manche vermuten, sondern ihre Weigerung, für
alle finanziellen Exzesse ihres Sohnes zu Lasten der sechs unversorgten
Geschwister einzustehen, hat den Haß auf seine verwitwete Mutter
ausgelöst“ (125). Und diese Maßlosigkeit habe sich bei
dem Familienvater Marx fortgesetzt: „Er hat weder seine kostspieligen
Leidenschaften, wie Rauchen und Trinken, gezügelt, noch einen ernsthaften
Versuch unternommen, zumindest aus Liebe zu Frau und Kindern einen Brotberuf
zu finden. Pilgrim fällt das vernichtende Urteil: 'Keimblatthaft
lebt Marx vor, was alle seine Nachfolgebonzen fortsetzten: kommunistisch
reden und kapitalistisch handeln'“ (126). Und zu Marx' Briefwechsel: „Nirgendwo ist affirmativ und expressis verbis von mitmenschlicher
Liebe, von Mitleid die Rede... Und das, was als solche Liebe gedeutet
werden könnte, versinkt im Meer beleidigender Rundumschläge“ (138) usw., usf.
5 So F. Engels 1885
in seiner Rückschau auf die Geschichte des Bundes der Kommunisten, MEW 21 (206-224), 223: „Damals (d.h. um 1848) mußten
sich die wenigen Leute, die zur Erkenntnis der geschichtlichen Rolle
des Proletariats durchgedrungen, im geheimen zusammentun, in kleinen
Gemeinden von drei bis zwanzig Mann verstohlen sich versammeln. Heute
braucht das deutsche Proletariat keine offizielle Organisation mehr,
weder öffentliche noch geheime; der einfache, sich von selbst verstehende
Zusammenhang gleichgesinnter Klassengenossen reicht hin, um ohne alle
Statuten und Behörden, Beschlüsse und sonstige greifbare Formen
das gesamte Deutsche Reich zu erschüttern. ... Die internationale
Bewegung des europäischen und amerikanischen Proletariats ist jetzt
so erstarkt, daß nicht nur ihre erste Form - der geheime Bund
-, sondern selbst ihre zweite - die öffentliche Internationale
Arbeiterassoziation - eine Fessel für sie geworden, und daß
das einfache, auf der Einsicht in die Diesselbigkeit der Klassenlage
beruhende Gefühl der Solidarität hinreicht, unter den Arbeitern
aller Länder und Zungen eine und dieselbe große Partei des
Proletariats zu schaffen und zusammenzuhalten.“
Ein solcher Idealfall im Selbstverständnis der revolutionären
Klasse ist entgegen Engels' Optimismus, dem man in Bezug auf die deutsche
Sozialdemokratie fast 'liquidatorische' Absichten unterstellen müßte,
nicht eingetreten. Doch ganz offensichtlich beruht dieser Optimismus
auf der von Engels angenommenen Verschmelzung von Kommunismus und Arbeiterbewegung,
wie sie ihm bereits Mitte der 40er des 19. Jahrhunderts vorgeschwebt
war.
In seiner 1845 veröffentlichten Untersuchung Die Lage der
arbeitenden Klasse in England, MEW
2 (229-506), geht Friedrich Engels von der Unvermeidlichkeit „eines Kriegs der Armen gegen die Reichen“ (504) aus und ist
davon überzeugt, daß die Bourgeoisie kaum mehr in der Lage
sei, dessen Ausbruch zu verhindern, sondern nur der Kommunismus: „In
dem selben Verhältnis nämlich, in welchem das Proletariat
sozialistische und kommunistische Elemente in sich aufnimmt, genau in
dem selben Verhältnis wird die Revolution an Blutvergießen,
Rache und Wut abnehmen. Der Kommunismus steht seinem Prinzipe nach über
dem Zwiespalt zwischen Bourgeoisie und Proletariat, er erkennt ihn nur
in seiner historischen Bedeutung für die Gegenwart, nicht aber
als für die Zukunft berechtigt an; er will gerade diesen Zwiespalt
aufheben“ (505). Diesen Zustand hielt Engels 1885 offensichtlich
für erreicht und zwar in dem Maße, wie „sich wenigstens
so viel Klarheit über die soziale Frage im Proletariat“ verbreitet
hatte, daß „die kommunistische Partei imstande“ war, „das
brutale Element der Revolution auf die Dauer zu überwinden und
einem neunten Thermidor vorzubeugen“ (506), (d.h. dem konterrevolutionären
Sturz der französischen Jakobiner am 27. Juni 1797 durch die neue
Bourgeoisie).
Im Gegensatz zu Engels geht Karl Kautsky in Terrorismus
und Kommunismus, [1920] Berlin 1990 (Soziales Denken
des 19. und 20 Jahrhunderts Bd. 1), 288, worin diese Passage eine entscheidende
Rolle spielt, von den „humanisierenden Tendenzen des 19. Jahrhunderts“ (d.h. der Bürgerlichen Gesellschaft) „aus“, von der
er die Zivilisierung des ungeschlachten Pöbels der Ungelernten
erhofft und nicht wie Engels vom Kommunismus.
6 So erklären Karl
Marx und Friedrich Engels als Resultat ihrer Erfahrungen
mit der Revolution von 1848 in der Ansprache der Zentralbehörde
an den Bund vom März 1850, MEW 7 (244-254), 253: „Wenn
die deutschen Arbeiter nicht zur Herrschaft und Durchführung ihrer
Klasseninteressen kommen
können, ... müssen (sie) das meiste zu ihrem endlichen Sieg dadurch tun, daß
sie sich über ihre Klasseninteressen aufklären, ihre selbständige
Parteistellung so bald wie möglich einnehmen, sich durch die heuchlerischen
Phrasen der demokratischen Kleinbürger keinen Augenblick an der
unabhängigen Partei des Proletariats irremachen lassen. Ihr Schlachtruf
muß sein: Die Revolution in Permanenz.“
7 Das war z.B. unmittelbar
nach 1848 der Fall, als die Revolutionen in ganz Europa von der Heiligen
Allianz niedergeworfen worden waren. Siehe F. Engels, Geschichte
des Bundes... (Anm. 5), 219: „Eine Neuorganisation der zersprengten
revolutionären Kräfte war geboten und damit auch die des Bundes (der Kommunisten). Die Verhältnisses verboten wieder, wie
vor 1848, jede öffentliche Organisation des Proletariats; man mußte
sich also von neuem geheim organisieren.“
8 K. Kautsky begreift
diese Notwendigkeit nur teilweise und die historische Dialektik überhaupt
nicht. In Terrorismus und Kommunismus (Anm. 5), 286 „durfte (zwar) kein Einsichtiger daran zweifeln, daß eine
Militärmonarchie, wie die deutsche, österreichische, russische [?!], nur mit Gewaltmitteln zu stürzen sei, aber immer weniger
dachte man dabei an die blutige Gewalttätigkeit der Waffen, immer
mehr an das dem Proletariat eigentümliche Machtmittel der Arbeitsverweigerung,
den Massenstreik“. Die elementaren Unterschiede zwischen
diesen „Militärmonarchien“ werden einfach ignoriert.
9 W. I. Lenin, Die
proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, LW 28 (227-327),
293: „Diese
Taktik ist durch den gewaltigen Erfolg gerechtfertigt worden, denn der
Bolschewismus ist (durchaus nicht wegen der Verdienste der Bolschewiki,
sondern kraft der außerordentlich tiefen Sympathie, die die Massen
allerorts einer wirklich revolutionären Taktik entgegenbringen)
zum Weltbolschewismus geworden, er hat die Idee, die Theorie,
das Programm und die Taktik geliefert, die sich konkret und praktisch
vom Sozialchauvinismus und Sozialpazifismus unterscheiden. ... Der Bolschewismus
hat die ideologischen und taktischen Grundlagen für die III. Internationale,
die wirklich proletarische und kommunistische Internationale, geschaffen,
die sowohl die Errungenschaften der friedlichen Epoche berücksichtigt
als auch die Erfahrungen der bereits angebrochenen Epoche der Revolutionen.“
10 K. Marx, Grundrisse
der Kritik der politischen Ökonomie, Frankfurt; Wien o.J.
[Reprint], 25; bzw. MEW 42, 38: „Die Arbeit ist hier nicht nur in
der Kategorie, sondern in der Wirklichkeit als Mittel zum Schaffen des
Reichtums überhaupt geworden, und hat aufgehört, als Bestimmung
mit den Individuen in einer Besonderheit verwachsen zu sein. Ein solcher
Zustand ist am entwickeltsten in den modernsten Daseinsformen der
bürgerlichen Gesellschaften - den Vereinigten Staaten. Hier
also wird die Abstraktion der Kategorie 'Arbeit', 'Arbeit überhaupt',
Arbeit sans phrase, der Ausgangspunkt der modernen Ökonomie erst
praktisch wahr. ... Man könnte sagen, was in den Vereinigten Staaten
als historisches Produkt, erscheine bei den Russen z.B. - die Gleichgültigkeit
gegen bestimmte Arbeit - als naturwüchsige Anlage. ... und
dann entspricht praktisch bei den Russen dieser Gleichgültigkeit
gegen die Bestimmtheit der Arbeit das traditionelle Festgerittensein
in eine ganz bestimmte Arbeit, wovon sie nur durch Einflüsse von
außen herausgeschleudert werden.“ (Eigene Unterstr.)
In ihrem Kampf gegen den 'Neoliberalismus' verteidigt die europäische
Linke gemeinsam mit den 'Antiglobalisierern' dieses „traditionelle
Festgerittensein in eine ganz bestimmte Arbeit“ als soziale Errungenschaft
des ‚alten Europa’, dessen Bourgeoisie sich längst auf dem Weg
in die USA befindet, aber der europäischen Linken vorgaukelt, über
diese Zwei Wege des Kapitalismus gäbe es real noch irgend
etwas zu verhandeln.
11 Nach der Gefangennahme Louis
Napoleons hatte Karl Marx in der Zweite[n] Adresse über den Deutsch-Französischen Krieg, MEW 17 (271- 279) im September 1870 die „Wortführer
des deutschtümlichen Patriotismus“ (274) vor annexionistischen
Gedankenspielen gegenüber Frankreich gewarnt, die Frankreich automatisch „in die Arme Rußlands hineinzwingen“ (275) würden
und daraus perspektivisch abgeleitet: „Wenn das Glück der Waffen,
der Übermut des Erfolgs und dynastischen Intrigen Deutschland zu
einem Raub an französischem Gebiet verleiten, bleiben ihm nur zwei
Wege offen. Entweder muß es, was auch immer daraus folgt, der offenkundige Knecht russischer Vergrößerung werden,
<eine Politik, die der Tradition der Hohenzollern entspricht>
oder es muß sich nach kurzer Rast für einen neuen 'defensiven'
Krieg rüsten, nicht für einen jener neugebackenen 'lokalisierten'
Kriege, sondern zu einem Racenkrieg gegen die verbündeten
Racen der Slawen und Romanen <das ist die Friedensperspektive, welche
die hirnkranken Patrioten der Mittelklasse Deutschland 'garantieren'>.“ (275) [In spitzen Klammern Ergänzungen der ursprünglichen
Version, die in der deutschen
aus Zensurgründen weggelassen wurden].
Auf ganz ähnliche Weise läuft die Regierung der USA Gefahr,
den ihr und der 'Westlichen Welt' von Seiten des Islamismus erklärten
Rassenkrieg ihrerseits in einen Rassenkrieg gegen den islamistischen
„Terrorismus“ zu verwandeln, in der durchsichtigen Absicht, diesen Krieg
dahingehend zu instrumentalisieren, von der number one unter
den mit einander konkurrierenden Großmächten zur unumstrittenen
Welthegemonialmacht aufzusteigen, die den Weltmarkt auf einen amerikanischen
Binnenmarkt reduziert. -
Der von Marx verwendete Begriff des „Racenkrieges“ bedeutet nicht
Rassen-, sondern Völkerkrieg (z.B. der slawischen und romanischen
gegen die germanischen Völker). Aber schon in der 'Feindpropaganda'
des Ersten Weltkrieges und endgültig Hitler-Deutschlands
wird dieser Begriff in seiner ausschließlich biologistischen Bedeutung
verwendet, die er seitdem besitzt.
12 K. Marx/F. Engels, Zur
Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1
(378-391), 378: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten
Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser
Zustände ist. [!] Sie ist das Opium des Volks.“
13 K.
Marx/F. Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4 (461-493).
[Die nachfolgenden Nachweise im Text in Klammern].
14 Wenn das von Marx gefundene Gesetz vom Tendenziellen Fall der Profitrate zutrifft, dann stellt
die Verbilligung der Rohstoffe und die Errichtung sog. Freier Produktionszonen
zwar nicht das einzige, aber eines der wirksamsten Kompensationsmittel
dagegen dar, das allerdings durch die Steigerung der Produktivkraft
der Arbeit immer wieder neutralisiert wird, so daß diese Tendenz
erneut zu wirken beginnt. Diese Tendenz setzt sich nur historisch durch
und kommt nie (oder durch eine revolutionäre Krise) zum Abschluß.
Beseitigt wird sie nur durch die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise
selbst.
15 Die „Wortführer“ des us-amerikanischen „Patriotismus“ stehen heute vor einer
ähnlichen Alternative wie in Karl Marx' Zweite(r) Adresse über den Deutsch-Französischen Krieg (Anm. 11) die preußische Regierung und die nach Annexionen rufende
liberale deutsche Mittelklasse „mit ihren Professoren, ihren Kapitalisten,
ihren Stadtverordneten, ihren Zeitungsmännern“ (272). Darin
nimmt Marx dem preußischen König zwar ab, daß dieser
sich, wie in seiner Thronrede verkündet, zu einem „rein defensiven
Krieg“ verpflichtet habe, der sich nicht gegen die französische
Nation richtet, sondern nur gegen Louis Napoleon. Aber nachdem
sich die „preußische Militärkamarilla“ schon lange
vor dem Zusammenbruch des Bonapartismus zur Eroberung entschlossen hatte (271), standen die „Bühnenregisseure“ vor dem Problem,
wie sie ihn „von diesem feierlichen Versprechen ...
befreien“ konnten. Sie „mußten ihn darstellen, als gebe
er widerwillig einem unwiderstehlichen Gebot der deutschen Nation nach
...“ (272).
Ganz ähnlich mag man der US-Regierung durchaus abnehmen, daß
ihr Krieg gegen die afghanischen Taliban und gegen Saddam Hussein sich
nicht gegen die Bevölkerung Afghanistans und des Irak richtet;
aber entscheidend wird sein, ob sie dabei wieder in die alte Gewohnheit
zurückverfällt, die zukünftige staatliche Perspektive
Afghanistans und des Irak durch einen Rückfall in den Ethnizismus
zu blockieren oder ob sie dem globalen Rassenkrieg, den der panislamistische
Fundamentalismus dem ‚Westen’ und den USA erklärt hat, ihrerseits
durch die Bekämpfung des Ethnizismus und die Einhaltung des Völkerrechts
und der amerikanischen Verfassung den Boden entziehen wird.
In einem Brief an den Ausschuß der Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei von Ende August 1870 hatte Karl Marx geschrieben
(MEW 17, 268-270), 269: „Nehmen sie (d.h. Preußen) Elsaß
und Lothringen, so wird Frankreich und Rußland Deutschland bekriegen.
Es ist überflüssig, die unheilvollen Folgen zu deuten. Schließen
sie einen ehrenvollen Frieden mit Frankreich, so wird jener Krieg Europa
von der moskowitischen Diktatur emanzipieren, Preußen in Deutschland
aufgehen machen, dem westlichen Kontinent friedliche Entwicklung erlauben,
endlich der russischen sozialen Revolution, deren Elemente nur eines
Stoßes von außen zur Entwicklung bedürfen, zum Durchbruch
helfen, also auch dem russischen Volk zugute kommen. Aber ich fürchte,
die Sch...<urken> und N...<arren> werden ihr tolles Spiel
ungehindert treiben, wenn die deutsche Arbeiterklasse nicht en masse
ihre Stimme erhebt.“ (Eigene Unterstr.)
Die Stimmen, die sich momentan mit dem Anspruch erheben, 'emanzipatorische
Interessen' (womit wahrscheinlich auch die der „deutsche(n) Arbeiterklasse“ gemeint sein sollen) zu repräsentieren, identifizieren
sich eher mit den ‚heiligen’ Rassenkriegern als mit dem 'neoliberalen'
Patriotismus der US-Regierung. Etwas, was mit der Partei Marx Ähnlichkeit haben könnte und die Interessen der deutschen
Arbeiterklasse oder gar des Internationalen Proletariats vertritt, ist
darunter noch nicht in Erscheinung getreten.
16 W. I. Lenin, Der Imperialismus
als höchstes Stadium des Kapitalismus, LW 22 (191-309).
17 W. I. Lenin grenzt
sich in Der Imperialismus... (Anm. 16) zwar
von den kleinbürgerlichen Antiimperialisten, so etwa von Hobson,
ab, über die er feststellt:
„Sie alle, die durchaus nicht den Anspruch erheben, Marxisten zu
sein, stellen dem Imperialismus die freie Konkurrenz und die Demokratie
entgegen. ... Bei bürgerlichen Ökonomen ist eine derartige
Naivität nicht verwunderlich; für sie ist es überdies
auch vorteilhaft, so naiv zu tun, und 'im Ernst' von Frieden
unter dem Imperialismus zu reden. Was ist aber bei Kautsky vom Sozialismus
übriggeblieben...?“ (293). Problematisch ist nur, daß
W .I. Lenin bei aller Distanzierung von den Träumen der „kleinbürgerlich-reaktionären
Kritik des kapitalistischen Imperialismus von einer Rückkehr zur 'freien', 'friedlichen', 'ehrlichen' Konkurrenz“ (211) den
dualistischen Charakter der formalen Entgegensetzung des „alten Kapitalismus,
mit der vollen Herrschaft der freien Konkurrenz“ und des „neuesten
Kapitalismus, mit der Herrschaft der Monopole“ (244) im Stil Hilferdings
beibehält, wodurch die kapitalistische in zwei in der Tendenz eigenständige
Produktionsweisen auseinanderfällt und unklar bleibt, wie beide
mit den Grundelementen der kapitalistischen Produktionsweise
in Übereinstimmung gebracht werden können.
18 Für einen solchen Verdacht
spricht so manches, nimmt man die Erklärungen, die die deutsche
Rest-Linke seit dem 11.09.2001 abgegeben hat. Dieser wird an anderer
Stelle eingehend zu untersuchen sein.
19 Für das ökonomisch
dem Untergang geweihte französische Parzellenbauerntum hatte der
Putsch Louis Napoleons wie eine verspätete Einlösung ihrer
unerfüllt gebliebenen Forderungen an die Revolution von 1789 ausgesehen,
die dieser mit der entsprechenden anti-kapitalistischen Demagogie gegen
das in den Banken und Börsen konzentrierte große Kapital
zu vertreten vorgab Siehe: K. Marx, Der achtzehnte Brumaire des
Louis Bonaparte, MEW 8 (115-207), 204: „Bonaparte als die
verselbständigte Macht der Exekutivgewalt fühlt seinen Beruf,
die 'bürgerliche Ordnung' sicherzustellen. ... Bonaparte weiß
sich zugleich gegen die Bourgeoisie als Vertreter der Bauern und des
Volkes überhaupt, der innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft
die untern Volksklassen beglücken will ... Aber Bonaparte weiß
sich vor allem als Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember, als Repräsentanten
des Lumpenproletariats, dem er selbst , seine entourage, seine Regierung
und seine Armee angehören ... Bonaparte möchte als der patriarchalische
Wohltäter aller Klassen erscheinen.“
Nicht anders übrigens Bismarck als Vollstrecker der Interessen
der politisch impotenten deutschen Bürgertums von 1848, der Urheber
der Sozialistengesetze und der Sozialversicherung, womit er das
Überleben des Junkertums als einer politisch dem Untergang geweihten
Feudalkaste, hinauszuzögern hoffte.
20 Trotzkis bekannte historische
(Bonapartismus-) Parallele bezieht sich nicht etwa auf den zweiten Napoleon,
sondern auf den dem Sturz der Jakobiner am 9. Thermidor [27.07]
1794 folgenden Bonapartismus des I. Napoleon; so heißt es z.B.
in: L. Trotzki, Stalins Verbrechen, [1937] Berlin 1973,
369: „Stalin stützte sich bei seinem Aufstieg vorwiegend auf
die Bürokratie gegen das Volk, auf die Thermidorianer gegen
die Revolutionäre. Aber in gewissen kritischen Augenblicken
war er gezwungen, Unterstützung bei den revolutionären Elementen
zu suchen
und mit deren Hilfe beim Volk gegen den zu ungeduldigen Angriff der
Privilegierten. Es ist aber nicht möglich, sich auf einen sozialen
Gegensatz zu stützen, der sich in einen Abgrund verwandelt. Daher
der erzwungene Übergang zur thermidorianischen Totalität
durch Ausrottung der letzten Reste revolutionären Geistes und des
geringsten Ausdrucks politischer Selbständigkeit der Massen. Während
sie vorübergehend die Macht Stalins rettet, lockert die blutige
Säuberung endgültig die sozialen und politischen Fundamente
des Bonapartismus.“ (Eigene Unterstr.) Trotzkis
historische Parallele paßt auch insofern nicht, weil durch den 9. Thermidor und den nachfolgenden Putsch Napoleons die revolutionäre Klassenherrschaft der Bourgeoisie von deren reaktionärer Klassenherrschaft abgelöst wurde; wenn in der Sowjetunion per analogiam
durch Stalins Machtergreifung ein revolutionärer durch einen reaktionären Sozialismus abgelöst worden sein
soll, so paßt ein solcher Sozialismus zwar durchaus, folgt man
dem Kommunistischen Manifest, zu einer der dort
aufgeführten reaktionären Varianten des Sozialismus,
nur nicht mehr zu dem Kommunismus von Marx und Engels: also enthält
Trotzkis historische Parallele einen Widerspruch in sich (an dem der
Trotzkismus in der Tat bis zum heutigen Tag krankt), vor allem aber
ein weiteres Beispiel seines notorischen Zentrismus, durch den der reaktionäre Charakter der Stalinschen Konterrevolution verharmlost wird.
21 Der Fehler von Plechanow,
Kautsky und anderen Kritikern des Bolschewismus bestand darin, daß
sie die Verhältnisse des mehr oder weniger kapitalistisch entwickelten
'Westens' schematisch auf Rußland übertragen und entsprechende
Revolutionskonzepte und Parteistrukturen daraus abgeleitet haben. Mit
der oben von uns geäußerten Behauptung, die Leninsche Konzeption
sei historisch bedingt und entspreche nicht mehr unseren heutigen
Verhältnissen, wird nun keineswegs diesen Lenin-Kritikern recht
gegeben. Denn im Gegensatz zur Leninschen Revolution 'von oben', die historisch bedingt und gerechtfertigt ist, liegen seine Kritiker politisch daneben. Rußland war nicht an der Elle des westlichen
Kapitalismus zu messen, wie Kautsky das in seinen Polemiken gegen die
Bolschewiki tut, und folglich konnte auch der Klassenkampf in Rußland
nicht von entsprechenden politischen Zuständen und sozialen Verhältnissen
(siehe z.B. die Bauernfrage) ausgehen. Dabei ist es eine Ironie der
Geschichte, daß Lenin bezüglich der russischen Verhältnisse
ursprünglich Kautsky näher stand als Marx, an dessen positiver
Einschätzung der Narodniki er sich in seinem Erstlingswerk Die
Entwicklung des Kapitalismus in Rußland abzuarbeiten hatte.
Verkürzt ausgedrückt reduziert sich die politische Entwicklung
W. I. Lenins auf eine Auseinandersetzung in Permanenz mit der Marxschen
Einschätzung der Wechselwirkung zwischen der russischen Bauernrevolution
und der sozialistischen Revolution im Westen, ausgehend von Lenins Einschätzung,
daß die Narodniki ihre revolutionäre Rolle ausgespielt hätten,
weil sie die kapitalistische Entwicklung Rußlands und damit die
Entstehung des Proletariats als neuer revolutionärer Klasse ignorierten,
womit sich Rußland in die allgemeine Bewegung im 'Westen' auf
der Grundlage des 'Marxismus' einreihen konnte. (Näheres dazu [Streitpunkt
1: Über die folgenschwere Folgelosigkeit der Einschätzung
der russischen Bauerngemeinde und ihres Verhältnisses zur Revolution
in Westeuropa durch Karl Marx]
Lenin mußte sich aber mit der Entfaltung seiner politischen
Praxis zunehmend eingestehen, daß nicht nur die Bauernrevolution,
sondern auch die proletarische Revolution in Rußland an den von
Marx definierten Wechselwirkungs-Zusammenhang mit dem 'Westen' gebunden
blieb. Ohne die Überwindung des „traditionellen Festgerittenseins (in die) Gleichgültigkeit gegen die Bestimmtheit der Arbeit,
wovon sie (die Russen) nur durch Einflüsse von außen
herausgeschleudert werden“ konnten (siehe Anm. 10), mußte
in Rußland zwangsläufig eine neue, diesmal 'sozialistische',
Autokratie entstehen, die die Isolierung der russischen Revolution vom
'Westen' (was spätestens nach der Niederlage der Roten Armee bei Warschau im August 1920 klar war) allein noch durch den 'Export
der Revolution' auf den Bajonetten der Roten Armee beseitigen
konnte. Hieraus erklärt sich Lenins in seinen letzten Lebensjahren
geführter Verzweiflungskampf gegen die von Stalin und von der Mehrzahl
der 'linken' Bolschewiki betriebene 'Nationalitätenpolitik', als
symptomatische Vorwegnahme für das, was sich danach als Folgen
des 'Stalinismus' ereignen sollte... [Streitpunkt
2: Warum Lenins „letzter Kampf“ gegen den linken Sozialimperialismus
nicht zu gewinnen war. A. Die Eröffnung]
22 Vielleicht sollten sich
die pazifistischen Demagogen, zumindest, soweit sie sich 'Kommunisten'
nennen, in Marx' Erste Adresse über den Deutsch-Französischen
Krieg, MEW 17 (3-7), darüber informieren, daß die
europäischen Arbeiterklassen durchaus bereit waren, Verteidigungskriege,
wie den Preußen-Deutschlands gegen Louis Napoleon unter bestimmten
Voraussetzungen zu akzeptieren, allerdings ohne dabei blind in die Falle
der bedingungslosen ‚Vaterlandsverteidigung’ zu rennen: „Von deutscher
Seite ist der Krieg ein Verteidigungskrieg. Aber wer brachte Deutschland
in den Zwang, sich verteidigen zu müssen? Wer ermöglichte
Louis Bonaparte, den Krieg gegen Deutschland zu führen? Preußen !“ (5). Daher lautet die Einschränkung der ‚Partei Marx’: „Erlaubt die deutsche Arbeiterklasse dem gegenwärtigen Krieg,
seinen streng defensiven Charakter aufzugeben und in einen Krieg gegen
das französische Volk auszuarten, so wird Sieg oder Niederlage
gleich unheilvoll. Alles Unglück, das auf Deutschland fiel nach
den sogenannten Befreiungskriegen, wird wieder aufleben mit verstärkter
Heftigkeit.“ (6)
Man sieht ganz nebenbei, wie unsinnig auf der anderen Seite die Versuche
der 'Anti-Deutschen' sind, Marx zu ihrem Schutzpatron zu erheben. Die
Pazifisten aber können nicht erwarten, daß ihr als ‚Frieden’spropaganda
getarnter antiamerikanischer Defätismus noch eine Spur von Glaubwürdigkeit
beanspruchen wird, sollte dieser Verteidigungskrieg tatsächlich
in einen von beiden Seiten geführten Rassenkrieg umschlagen.
|