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DEBATTE

DEBATTE 1

Ulrich Knaudt
Die unscharfe Relation Marx/‚Marxismus’ -
Reflexionen über Revolution und Konterrevolution in Deutschland

Leicht veränderte und durch Anmerkungen ergänzte Fassung des am 31.05.2008 im Gesellschaftswissenschaftlichen Institut in Bochum (GiB) gehaltenen Vortrags.



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1. ‚Partei Marx’ und ‚Marxismus’

Wer von sich behauptet, kein ‚Marxist’ zu sein, sondern Parteigänger der ‚Partei Marx’, wird nicht ausschließen können (es sei denn, er wäre Marx selbst, was aus verschiedenen Gründen unmöglich ist – aber selbst Marx wollte ja bekanntlich kein ‚Marxist’ sein), ob der auf der Web Site unter dem gleichlautenden Namen Partei Marx geforderte Schritt zurück zu Marx, back to the roots, nicht erneut zu einer von jenen wohl bekannten Arten, Unterarten, oder sogar Abarten, des ‚Marxismus’ führen wird. Denn es könnte ihm dabei erneut passieren, daß der geforderte Rückzug hin zur reinen Marxschen Theorie gerade von dem wegführt, wofür diese Theorie ursprünglich gedacht war. Auf jenem Pfade erweist sich das Vorhaben, dieses Projekt zwischen der Scylla der politischen Unverbindlichkeit von Theorie und der Charybdis des buchgelehrten Terrorismus gegen den schlichten Alltagsverstand hindurchzusteuern, als eine äußerst schlüpfrige Angelegenheit. Hier hilft vor dem vergeblichen Hilferuf nach mehr Dialektik nur: den Stier bei den Hörnern packen und ‚einen Spatzen sezieren’.

Der französische Philosoph Jacques Derrida, schlägt in seinem Buch Spectres de Marx (1993), einer Hauptinspirationsquelle der verblichenen Anti-Globalisierungsbewegung, vor, eine »Allianz« von Geistersehern zu bilden und, indem wir den Geist des Proletariats und der Internationale beschwören, uns »von wenigstens einem der Geister Marx’ oder des Marxismus inspirieren lassen (sie wissen, daß es mehr als einen davon gibt)..., um sich in einer neuartigen, konkreten, realen Weise zu verbünden, auch wenn diese Allianz nicht mehr die Gestalt der Partei oder die der Arbeiterinternationale annimmt, sondern die einer Art Gegenverschwörung...«.[1] Um die möglicherweise hier anwesenden Geister zu beruhigen: ich habe nicht vor, wie die Namensgebung der Web Site Partei Marx nahelegen könnte, diese Veranstaltung in eine Séance zur Beschwörung des reinen Geistes der ‚Partei Marx’ zu verwandeln.[2] Und im Gegensatz zu Jacques Derridas Träumen eines linken Geistersehers gehe ich davon aus, daß der Sozialismus, von dem durchaus geträumt werden kann, eine Wissenschaft ist, über deren Inhalte, Auffassung und Methode mit guten, häufig aber schlechten, Argumenten gestritten wird.

In diesem Sinn schließe ich mich dem verbreiteten Wunsch nach einer ‚neuen Marx-Lektüre’ an – halte es aber für sinnvoll, dabei nicht beim Ersten Abschnitt des Ersten Bandes des Marxschen Kapital stehen zu bleiben, sondern darüber hinaus den gewaltigen theoretischen und politischen (Erfahrungs-)Schatz, der in den über 40 blauen Bänden der Marx Engels Werke (MEW) und den von ihren heutigen Editoren in dankenswerter Weise neu erschlossenen Bänden der Marx Engels Gesamtausgabe (MEGA) vergraben ist, für den politischen Klassenkampf der Arbeiterklassen zu reaktivieren.

Dieser politische Klassenkampf wird, folgt man den Vorstellungen von Marx und Engels, weder mit der Politik einer bürgerlichen Arbeiterpartei, wie sie die heutige SPD noch zu sein vorgibt, noch mit der Politik einer ‚anti-kapitalistischen’ Armutspartei, wie sie mit Unterstützung der autonomen Restlinken von der Partei Die Linke (PDL), zu der sich die SPD zunehmend hingezogen fühlt, übereinstimmen. Wie diese Politik und deren Arbeiterpartei dann auszusehen haben, müssen die deutschen Arbeiter, die heute aus Frust lieber, wie ihre Klassengenossen in Italien, christliche und rechte Bourgeoisparteien denn Kandidaten der Linken wählen, eines Tages selbst entscheiden; dann aber wird sich diese Politik mit ziemlicher Sicherheit nicht von derjenigen der ‚Partei Marx’ unterscheiden.

In dem Text, den ich in der Samstagsdebatte des GIB vom 06.03. hatte zur Diskussion stellen wollen, ist davon die Rede, daß der erste Schritt bei den als notwendig erachteten zwei Schritten zurück zu Marx darin bestehen sollte, »die entscheidenden politischen Kontroversen, die an den Wendepunkten der Klassenkämpfe seit dem Manifest der Kommunistischen Partei aufgetreten sind, näher zu bestimmen und zu analysieren«.[3]

Eine solche Analyse möchte ich durch die Konfrontation zweier Texte miteinander versuchen, bei der sich konkret zeigen läßt, wie der ‚Marxismus’ in den konterrevolutionären Kommunismus umgeschlagen ist und danach allenfalls noch rein verbal etwas mit dem Kommunismus zu tun hatte, der von Marx und Engels im Manifest der Kommunistischen Partei vorgestellt und durch die Politik der ‚Partei Marx’ in die gesellschaftliche Praxis umgesetzt worden ist.

2. ‚Partei Marx’, ‚Marxismus’ und ‚nationale Frage’

Dieser qualitative Umschlag, der an dieser Stelle theoretisch und weniger historisch untersucht werden soll, hat eine lange Vorgeschichte, die mit den unterschiedlichen Stellungnahmen der russischen ‚Marxisten’ zu dem vom russischen Zarentum ‚zusammengesammelten’ sog. Vielvölkerstaat zusammenhängt. Das Zarentum hatte vor dem Problem gestanden, wie aus diesem Vielvölkerstaat ein moderner unitarischer Einheitsstaat werden sollte, obgleich das Zarenreich nicht über die dafür geeignete ökonomische Basis verfügte – die kapitalistische Produktionsweise wurde der russischen Gesellschaft von Staatswegen einfach übergestülpt –, von den politischen und ethnischen Besonderheiten der ‚eingesammelten’ Völkertrümmer und unterdrückten Nationen, die dabei politisch auf einen Nenner zu bringen waren, einmal ganz abgesehen.

Die russischen Parteigänger der ‚Partei Marx’ – die erste Übersetzung des Kapital erfolgte nicht etwa ins Englische, sondern ins Russische (1872) – waren mit dem Problem konfrontiert, daß sich durch den Sturz des Zarentums die sog. ‚nationale Frage’ nicht von selbst in Luft auflösen würde, zumal sich hinter der ‚nationalen Frage’ die ‚soziale Frage’ verbergen, ebenso wie umgekehrt die ‚soziale Frage’ eigentlich eine ‚nationale Frage’ sein konnte, weil den historischen Nationen des Zarenreichs das Selbstbestimmungsrecht verweigert und der Kapitalismus in seiner Entwicklung enorm gehemmt wurde, was zur Folge hatte, daß das Proletariat nicht nur für seine eigenen Interessen, sondern zugleich für diejenigen der national unterdrückten Bourgeoisie eintrat oder meinte eintreten zu müssen.

Lenin, der sich mit der an seinen damaligen Hegelstudien geschärften Dialektik am intensivsten damit auseinandergesetzt hat,[4] studierte u.a., wie Marx und Engels mit der ‚nationalen Frage’ umgegangen waren. Aber Deutschland war kein Vielvölkerstaat, sondern eine seit den Bauernkriegen in feudale Kleinst- und Territorialstaaten auseinandergerissene Nation, an deren Zerrissenheit die europäischen Mächte im 19. Jahrhundert, an der Spitze das russische Zarentum und das liberale England, ein unterschiedlich motiviertes, aber politisch gemeinsames Interesse hatten. Außerdem waren Marx und Engels keine kleinbürgerlich- revolutionären Patrioten aus der Zeit der antinapoleonischen Befreiungskriege; sie verbanden die ‚nationale Frage’ (den Ausdruck gab es noch gar nicht) von vornherein mit der Politik der europäischen Arbeiterklassen zur (Wieder-) Herstellung der historischen Nationen Europas, ohne die an einen wirklichen proletarischen Internationalismus – keinen Internationalismus der Phrase – nicht zu denken war;[5] damit wurde aber auch die Singularität der ‚deutschen Frage’ bei Herder, Fichte und der deutschen Romantik in der »Foreign Policy« der europäischen Arbeiterklassen aufgehoben.

Diesen Anspruch, »daß die Working Class its own Foreign Policy habe«,[6] verband Marx mit der »politischen Ökonomie der Arbeiterklasse«, die sie sich gegen die »politische Ökonomie der Mittelklasse« erkämpft habe;[7] Engels ging sogar so weit festzustellen, daß der Generalrat während der Pariser Kommune wie eine europäische Großmacht operiert habe.[8] Das waren nicht nur Metaphern, sondern diese Aussagen hatten einen realen Kern, dessen Konsistenz in erster Linie vom politischen Klassenkampf abhing. Und eben darin bestand für Marx und Engels auch der Unterschied zum kleinbürgerlichen demokratischen Internationalismus, der von dem nach 1848 in London versammelten europäischen Exil mehrheitlich vertreten wurde.

Lenins theoretische Überlegungen zur Lösung der ‚nationalen Frage’ in Rußland befinden sich daher im Widerstreit zwischen einerseits der von Marx und Engels an den proletarischen Internationalismus gekoppelten ‚nationalen Frage’ und andererseits dem demokratischen Internationalismus der Revolution von 1848, wobei letzterer für die russischen Verhältnisse eine sehr viel näherliegenden Lösung zu sein schien.[9]

In der Debatte, die während des Ersten Weltkriegs innerhalb der Partei der Bolschewiki und im Rahmen der Zimmerwalder Konferenz, also innerhalb der europäischen Linken, über die ‚nationale Frage’ geführt wurde, gibt es zwei Hauptströmungen: die eine, die streng ‚marxistisch’ den kleinbürgerlich-demokratischen Internationalismus ablehnt und die ‚nationale Frage’ in Rußland auf dieselbe Weise gelöst sehen will, wie die Partei der Bolschewiki organisiert war, nämlich demokratisch-zentralistisch. In dieser Konzeption war aber der von der zaristischen Bourgeoisie, den Konstitutionellen Demokraten (‚Kadetten’), vertretene unitarische Zentralismus in Bezug auf die politische Verfassung des großrussischen Staatsgebildes vorausgesetzt. Die extreme Gegenposition dazu wurde von den Anhängern der ‚national-kulturellen Autonomie’ vertreten; diese beriefen sich auf die Vorschläge Otto Bauers für die sozialistische Organisation des österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaats,[10] die über mehrere Ecken mit den Auffassungen Bakunins zur ‚nationalen Frage’ verwandt sind; Bakunin: »Jede Nation, ob schwach oder stark, klein oder groß, jede Provinz, jede Gemeinde hat das absolute Recht, frei, autonom zu sein, ihren Interessen und ihren Privatbedürfnissen gemäß zu leben und sich zu verwalten, und in diesem Recht sind alle Gemeinden, alle Nationen in dem Grade solidarisch, daß man dieses Prinzip in Bezug auf eine einzige nicht verletzen kann, ohne gleichzeitig alle übrigen in Gefahr zu bringen. Solange die jetzigen zentralisierten Staaten existieren, ist der allgemeine Frieden unmöglich. Wir müssen also ihre Zersetzung wünschen, damit auf den Trümmern dieser gewaltsamen Einheiten, die von oben herab durch Despotismus und Eroberung organisiert werden, freie Einheiten von unten herauf organisiert, sich als freie Föderation von Gemeinden zu Provinzen, von Provinzen zu Nationen und von Nationen zu vereinigten Staaten Europas entwickeln können.«[11]

Gegen beide Extreme gerichtet lehnt Lenin die ‚national-kulturelle Autonomie’ ebenso wie den ‚demokratisch’ verbrämten unitarischen Zentralismus ab. Dagegen vertritt er einen ethisch begründeten proletarischen Internationalismus in Verbindung mit einem proletarisch begründeten demokratischen Internationalismus, die für ihn untrennbar miteinander verbunden sind. So heißt es in einem Brief aus dem Jahre 1913 an S.G. Schaumian, dessen Vorschläge, wie u.a. den, Russisch als Staatssprache einzuführen, Lenin als (deutsch) »königlich-preußischen Sozialismus« denunziert: »Sie sind gegen die Autonomie. Sie sind nur für die Selbstverwaltung der Gebiete. ... Wir sind unbedingt für den demokratischen Zentralismus, unbedingt. Wir sind gegen die Föderation. Wir sind für die Jakobiner und gegen die Girondisten. Aber die Autonomie zu fürchten – in Rußland ... ich bitte Sie, das ist lächerlich! Das ist reaktionär. ... Wir sind im Prinzip gegen die Föderation; sie schwächt die ökonomische Bindung, sie ist ein untauglicher Typus für einen Staat. ... „Recht auf Autonomie“?? Wiederum falsch. Wir sind für die Autonomie für alle Teile, wir sind für das Recht auf Lostrennung (nicht aber für die Lostrennung aller!) Die Autonomie ist unser Plan für den Aufbau eines demokratischen Staats. Die Lostrennung wird keineswegs von uns propagiert. Im allgemeinen sind wir gegen die Lostrennung. Aber wir sind für das Recht auf Lostrennung angesichts des erzreaktionären großrussischen Nationalismus, der die Sache des nationalen Zusammenlebens so sehr entstellt hat, daß manchmal die Bindung nach freier Lostrennung stärker wird!! Das Recht auf Selbstbestimmung ist eine Ausnahme von unserer allgemeinen Prämisse des Zentralismus. Diese Ausnahme ist in Anbetracht des erzreaktionären großrussischen Nationalismus absolut notwendig, und der geringste Verzicht auf diese Ausnahme ist Opportunismus (wie bei Rosa Luxemburg), ist ein einfältiges Spiel zu Nutz und Frommen des großrussischen erzreaktionären Nationalismus. Doch die Ausnahme darf nicht in erweitertem Sinn gedeutet werden. Um nichts, um absolut nichts anderes als um das Recht auf Lostrennung handelt es sich hier und soll es sich hier handeln.«[12]

In demselben Jahr 1913 wird Stalin damit beauftragt, eine populäre Broschüre gegen die in der Partei sich ausbreitende Auffassung von der ‚national-kulturellen Autonomie’ als Lösung der ‚nationalen Frage’ zu verfassen. Ohne auf Marxismus und nationale Frage im einzelnen eingehen zu können,[13] bleibt festzuhalten, daß Stalin trotz seiner erklärten Zugehörigkeit zur Fraktion Lenins, eigentlich zum unitarischen Zentralismus Schaumians neigt, was ihn aber nicht daran hindert, sich das von Lenin geforderte Selbstbestimmungsrecht der Nationen formell zu eigen zu machen: »Daraus folgt aber, daß die russischen Marxisten ohne das Selbstbestimmungsrecht der Nationen nicht auskommen werden. Also Selbstbestimmungsrecht als unumgänglicher Punkt bei der Lösung der nationalen Frage« (328). Aber während Lenins Konzept zur Lösung der ‚nationalen Frage’, bildlich gesprochen, das Recht auf Ehescheidung einschließt, stellt sich für Stalin diese Frage überhaupt nicht; er möchte nur wissen, wann die Hochzeit stattfinden soll: »Weiter. Was soll mit den Nationen werden, die aus diesen oder jenen Gründen vorziehen werden, im Rahmen des Ganzen zu verbleiben?« (328). Was aber war dieses »Ganze« und wie sollte es zusammengehalten werden? Stalins Vorschlag: »Die einzig richtige Lösung ist die Gebietsautonomie,[14] die Autonomie solcher ausgeprägten Einheiten, wie es Polen, Litauen, die Ukraine, der Kaukasus usw. sind« (329)... Man kann Stalin eines nicht vorwerfen, daß er sich in den nächsten Jahrzehnten nicht konsequent an diesen sehr eigenwilligen Vorschlag zur Lösung der ‚nationalen Frage’ gehalten hätte!

3. Vom linken Sozialimperialismus zum neuen Zarismus

Wir machen einen Sprung aus dem Jahr 1913 über das Jahr 1917 hinweg in das Jahr 1934, aus dem der Stalins Brief an das Politbüro stammt, der aber erst 1941 unter der Überschrift Über Engels Artikel ‚Die auswärtige Politik des russischen Zarentums’ in der theoretischen Zeitschrift der Partei, Bolschewik, in der Engels’ Aufsatz nicht abgedruckt werden durfte, veröffentlicht werden wird.[15] Dieser Brief an das Politbüro steht für ein herausragendes Moment in der Entwicklung sowohl Stalins als auch der Sowjetunion zwischen dem sog. ‚Parteitag der Sieger’ im Januar und dem Attentat auf Kirow im Dezember 1934 – letzten Endes für den Bruch der ‚Partei Stalin’ mit der ‚Partei Marx’.

Auf jenem XVI. Parteitag war unter dem Jubel der Delegierten für ihren neuen Führer der erfolgreiche Abschluß des ersten 5-Jahrplans in der Industrie und die seit der Vernichtung der Bauern als Klasse wieder ertragreichen Getreideernten frenetisch gefeiert worden; und auch, daß es dem gefeierten Lenin-Nachfolger endgültig gelungen war, die linke Opposition in die Wüste zu schicken und die rechte – die Bucharin-Leute – in seine Schoßhündchen zu verwandeln. Damit waren der ‚Marxismus’ und der ‚Leninismus’ – insbesondere letzterer (nach der bekannten Stalinschen Definition von 1924: »Der Leninismus ist Marxismus in der Epoche des untergehenden Imperialismus und der proletarischen Revolution«) − erfolgreich von der Theorie in die Praxis des Sozialismus umgesetzt und der Sozialismus zu einer historischen Tatsache geworden, die für alle Zeiten mit dem Namen Stalin verbunden bleiben würde.

In diese für Stalin als positiv zu verzeichnende Entwicklung war der Vorschlag der Redaktion des Bolschewik hereingeplatzt, Engels’ Aufsatz Die auswärtige Politik des russischen Zarentums zur 20. Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs abzudrucken; dies zu einem Zeitpunkt, da die ganze Sowjetunion zwischen dem ‚Parteitag der Sieger’ und der mit Hilfe der Geheimdienste mit ziemlicher Gewißheit inszenierten Ermordung des Leningrader Parteichefs Kirow, der vor dem XVI. Parteitag innerhalb des Zentralkomitees als ‚Kronprinz’ und möglicher ‚Thronfolger’ Stalins gehandelt worden war und dessen Ermordung nun den Vorwand liefern sollte, die noch verbliebenen Vollstrecker des ‚Leninschen Testaments’[16] mit Hilfe von fingierten Hochverratsanklagen einen nach dem anderen zu liquidieren, sprichwörtlich den Atem anhielt. Und so ist es sicherlich nicht übertrieben, die danach einsetzende endgültige Vernichtung dieser Bolschewiki als innerparteilichen Putsch in die Tradition der dynastischen Nachfolgeregelungen der alten Zaren zu stellen, was an dieser Stelle nicht im einzelnen dargestellt werden kann.

Fakt ist jedoch, daß Stalins Weigerung, Friedrich Engels’ Aufsatz Die auswärtige Politik des russischen Zarentums in dem theoretischen Kampforgan der Partei abzudrucken, einen Vorgriff auf den Wendepunkt vom Sozialismus hin zu einem sozialistisch verbrämten neuen Zarismus darstellt. Dazu paßt, daß Stalins Brief an das Politbüro erst zu einem Zeitpunkt, d.h. im Mai 1941, in Bolschewik veröffentlicht werden wird, als während der Geltung des Stalin-Hitler-Paktes der Beweis geführt werden sollte, daß der mit dem Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen eingeleitete Zweite Weltkrieg kein hegemonistischer, sondern angeblich ein „imperialistischer Krieg“ war (nicht ganz zufällig waren Trotzki und Stalin in dieser Frage einer Meinung). Hegemonistischer oder imperialistischer Krieg, diese Unterscheidung steht auch im Mittelpunkt der Stalinschen Kritik an dem Text von Friedrich Engels aus dem Jahre 1889.

Darin warnt Engels die deutsche Arbeiterpartei vor einem drohenden Überfall der beiden Großmächte Rußland und Frankreich auf Deutschland, die sich mit ihrem Widerstand gegen das Sozialistengesetz und ihren wachsenden Wahlerfolgen eine führende Stellung unter den Arbeiterparteien Europas und Nordamerikas erworben habe und mit allen Mitteln gegen einen gemeinsamen Angriff Rußlands und Frankreichs auf Deutschland verteidigt werden müsse.

In Rußland gibt es nach Engels drei Strömungen, die an einem Krieg gegen Deutschland interessiert sind: die Diplomatie, die Armee und die Bourgeoisie. Da die Diplomatie aber jeden Ausbruch eines Krieges als ihr eigenes Versagen betrachte, die Armee zur Führung eines Angriffskrieges regulär nicht in der Lage sei, die zaristische Bourgeoisie jedoch keine Gelegenheit auslasse, um den Radius Rußlands zur Eroberung neuer Märkte, u.a. mit Hilfe des Panslawismus, zu erweitern, blockieren sich diese drei Strömungen zwar gegenseitig, was aber mögliche Verzweiflungsakte als Flucht nach vorn und bei günstiger Gelegenheit nicht ausschließe.[17] Diese Möglichkeit habe sich Ende der 80er Jahre zugespitzt. Aus diesem Grund spiele in der russischen Politik die Diplomatie die Hauptrolle, deren Geschichte zeige, auf welche Weise das Zarentum es bisher verstanden hat, die europäische Reaktion einschließlich der europäischen Linken (Herr Vogt) zu kaufen,[18] um gemeinsam mit den englischen Liberalen die Bildung der historischen Nationen auf dem Kontinent zu verhindern, deren pure Existenz das Industriemonopol des englischen Kapitals bedroht und für das russische Imperium eine Gefahr darstellt, weil die unter der Zarenkrone »gesammelten« Völker einschließlich des russischen den Wunsch verspüren könnten, die Selbstherrschaft zu stürzen. Daher war Marx bereits 1848 der Ansicht gewesen, daß das russische Zarentum innerhalb der Heiligen Allianz jede Gelegenheit benutzen werde, um die Nationenbildung in Europa (als Bedingung der proletarischen Revolution) mit allen verfügbaren Mitteln zu hintertreiben, was letztlich nur durch einen Krieg der revolutionären Demokratie gegen das russische Zarentum zu verhindern war. Der entscheidenden Gegenspieler der europäischen Arbeiterklassen blieb auch nach 1848 nicht die russische Armee, sondern die russische Diplomatie, deren Herkunft, Methoden und Ziele Engels in dem hier zur Debatte stehenden Text historisch analysiert.[19]

Übrigens sollte sich schon bald nach 1889 herausstellen, wie die Briefe von Engels an August Bebel zeigen (auf die Stalin hinweist, allerdings nur, um einen für ihn verdächtig antirussisch klingenden Halbsatz daraus zu zitieren[20]), daß die von Engels befürchtete Bedrohung Deutschlands und der deutschen Arbeiterpartei durch die wegen des Ausverkaufs des russischen Getreides ausbrechende große Hungersnot in Rußland und eine sich daraus entwickelnde Finanzkrise (die französischen Banken hatten die vom Staat garantierten russischen Anleihen nicht an den Mann bringen können) schon recht bald in sich zusammengebrochen war. Daran änderte auch der 1892 geschlossene französisch-russische Zweibund (eine unter den Großmächten übliche Absprache über ihr zukünftiges Verhalten in einem Krieg, in diesem Fall, gegen den Dreibund bestehend aus Deutschland, Österreich und Italien) nichts mehr.[21] Was aber sollte sich dadurch an der von Engels beschriebenen Wirkungsweise der russischen Diplomatie geändert haben?

Zu der in seinem Brief an das Politbüro an Engels’ Aufsatz geäußerten Kritik Stalins stellen sich folgende Fragen:

1.    Es ist nicht klar, welcher Krieg von Stalin eigentlich gemeint ist: der nach der Leninschen (und auch Stalins bisheriger) Definition bestimmte „imperialistische Krieg“ zwischen imperialistischen Großmächten wie der Krieg 1914-1918 oder ein nach der Auffassung von Friedrich Engels in der Zeit um 1890 drohender hegemonistischer Krieg Rußlands und Frankreichs gegen Deutschland?

2.    Um einen „imperialistischen Krieg“ konnte es sich aber 1890/91 nach der Leninschen (und bisher auch von Stalin vertretenen) Definition nicht handeln, da nach Lenin der Übergang vom »Konkurrenz-Kapitalismus« zum »Imperialismus« erst um die Jahrhundertwende stattgefunden hat[22] – ob sich die Leninsche Epocheneinteilung des Kapitalismus heute in dieser Form aufrechterhalten läßt, ist eine Frage, die hier nicht zur Debatte steht.

3.    Wenn es sich bei dem 1890/91 drohenden Krieg aber um keinen „imperialistischen Krieg“ gehandelt hätte, dann konnte es sich, jedenfalls ausgehend vom Selbstverständnis und der Politik der ‚Partei Marx’, nur um einen Krieg zur Verteidigung der Existenz des »preußisch-deutschen Reiches«[23] und der revolutionären Perspektiven der Arbeiterpartei in Deutschland handeln; andernfalls hätte Stalin zu Recht behaupten können, daß die deutsche Sozialdemokratie nicht erst im August 1914, sondern bereits um 1890, und zwar gemeinsam mit Friedrich Engels, zum Sozialimperialismus übergegangen sei; diese Behauptung stünde allerdings in eklatantem Widerspruch zu der von der ‚Partei Marx’ gegen den Proudhonismus, Lassalleanismus und Bakunismus gerichteten Politik, unabhängig davon, daß diese Politik in der deutschen Arbeiterpartei so gut wie keinen Widerhall gefunden hatte. Dann aber hätte Stalin behaupten müssen, daß es am Ende Engels war, der als Verfasser dieses Aufsatzes bereits die ‚Partei Marx’ verraten habe.

4.    Darüber hinaus geriete aber nicht nur Engels, sondern auch Lenin mit sich selbst in Widerspruch, wenn er im November 1916 an Inès Armand schreibt: »Engels erkannte 1891 angesichts des damals drohenden und heranrückenden Krieges Frankreichs (Boulanger) + Alexander III. gegen Deutschland ausdrücklich die „Vaterlandsverteidigung“ an. Waren Marx und Engels Wirrköpfe, die heute dieses und morgen etwas anderes sagten?[24] ... Im Jahre 1891 hätten die deutschen Sozialdemokraten in einem Krieg gegen Boulanger + Alexander III. das Vaterland tatsächlich verteidigen müssen. Das wäre eine besondere Variante des nationalen Krieges gewesen.«[25] Stalin hätte demnach auch Lenin nachträglich als sozialimperialistischen „Vaterlandsverteidiger“ denunzieren müssen, in dessen »Gedankengang« dann nach Stalin »kein Raum ... für den revolutionären Defätismus, für die Leninsche Politik der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg« mehr vorhanden gewesen wäre.[26] War Lenin aus der Sicht des Jahres 1934 und bezogen auf das 1890/91 zum zweiten Kautsky geworden?

5.    Abgesehen davon besteht Stalins Hauptkritik aber darin, daß Engels Deutschlands »imperialistische(n) Kampf um Kolonien und Einflußsphären außer acht gelassen habe«, wodurch in seiner Analyse »die Annexion Elsaß-Lothringens an Deutschland als Kriegsfaktor in den Hintergrund« trete, während »der Drang des russischen Zarismus nach Konstantinopel als der wichtigste und bestimmende Kriegsfaktor ... in den Vordergrund geschoben worden« sei (6). Das ist eine offensichtliche Verdrehung der Tatsachen, denn wenn, wie Stalin − in dem auf deutsch nicht veröffentlichten Teil des Textes − Engels feststellen läßt, daß »der Drang des russischen Zarismus nach Konstantinopel« das ganze 19. Jahrhundert hindurch im »Vordergrund« der russischen Außenpolitik gestanden habe (2), stellt sich die Frage, was sich bis Ende der 80er Jahre an dieser Strategie geändert haben soll? An dem halb ironischen Stil, in dem Stalin Engels Analyse der russischen Geheimdiplomatie referiert, zeigt sich die gleiche demagogische Vorgehensweise, für die Stalin bereits in dem 1922/23 offen ausbrechenden Kampf gegen Lenin[27] und danach gegen die linke und rechte Opposition genügend Erfahrung gesammelt hatte, um auf diese Weise nun auch gegen Engels zu argumentieren; denn:

a) hat die deutsche Kolonialpolitik bis zum Ende der Bismarck-Ära, also etwa bis 1890 nur eine untergeordnete Rolle gespielt, weil sich Bismarck, und entgegen den Wünschen der deutschen Handels-Bourgeoisie, in erster Linie um die Konsolidierung des »preußisch-deutsche(n) Reich(es)« von 1871 gekümmert hatte, so daß der Kampf um die Aufteilung der letzten Kolonien erst in den 90er Jahren einsetzt, als sich Deutschland ebenfalls zu einer imperialistischen Großmacht hochzurüsten beginnt;

b) haben Marx und Engels bereits seit Beginn des Deutsch-Französischen Krieges, zumal im Generalrat der Internationale vor der geplanten Annexion Elsaß-Lothringens durch Preußen und vor der Gefahr eines dadurch ausgelösten slawisch-romanischen »Racenkrieg(es)« gegen Deutschland gewarnt und erklärt, daß ein Frankreich aufgezwungenes Friedensdiktat eine Katastrophe vom Umfang des 30-jährigen Krieges für Westeuropa heraufbeschwören würde, aus der das russische Zarentum als lachender Dritter den entscheidenden Vorteil gezogen hätte.[28] Und schon aus diesem Grund ist die Anfang der 90er Jahre in den Briefen von Engels an Bebel geforderte „Vaterlandsverteidigung“ von vornherein mit der Forderung nach Wiederherstellung Polens und der Rückgabe von Elsaß-Lothringen verknüpft.[29]

c) spricht also nichts gegen Engels’ wie auch Lenins Einschätzung des Dranges »des russischen Zarismus nach Konstantinopel als« den »wichtigste(n) und bestimmende(n) Kriegsfaktor« (6); diese steht in eindeutigem Gegensatz zu Stalins Verharmlosung der hegemonistischen Ambitionen Rußlands zumindest für die Zeit vor 1890 (übrigens dieselbe Verharmlosung, die sich in den Einschätzungen Rosa Luxemburgs gezeigt hat[30]).

d) vergißt Stalin schließlich vor lauter Sympathie für das Zarentum und bei seinen geschickt verborgenen antideutschen Spitzen die andere Seite der von Engels analysierten Bedrohungslage Deutschlands: die Bedrohung durch Frankreich, das in Engels’ Augen, obwohl auf klassische Weise eine (ursprünglich revolutionäre) historische Nation, wegen seines Bündnisses mit Rußland gegen Deutschland davor gewarnt werden muß, nicht eines Tages von den Deutschen ebenso empfangen zu werden wie 1793 die reaktionären Feudalmächte vom französischen Volk empfangen wurden, mit der Zeile aus der Marseillaise: Quoi, ses cohortes étrangères feraient la loi dans nos foyers?[31]

e) übersieht Stalin im Jahre 1934, mit all jenen Konsequenzen, die dieser Fehler dann nach dem Stalin-Hitler-Pakt im Jahr 1941 nach sich ziehen sollte (nicht zu sprechen von den katastrophalen Auswirkungen der Komplizenschaft Stalins mit den Achsenmächten im Spanischen Bürgerkrieg), daß Engels die Notwendigkeit der Verteidigung Deutschlands nicht nur an eine levée en masse (Volkskrieg) in der Tradition von 1793 bindet,[32] sondern damit den Gedanken verbindet, daß je radikaler die erforderliche Verteidigung Deutschlands hätte ausgefallen müssen, das »preußisch-deutsche Reich« desto sicherer untergegangen und an dessen Stelle die 1848 zunächst gescheiterte proletarische Republik, (verbunden mit der von Marx 1850 geforderten »Permanenz der Revolution«) daraus hervorgegangen wäre.[33]

Fazit: Stalin liefert mit seiner Kritik an Lenin, Engels und Marx ein Musterbeispiel für den bereits von Rosa Luxemburg vertretenen linken Sozialimperialismus.[34] Denn ebenso wie die rechten deutschen Sozialimperialisten 1914 keinen Unterschied machen wollten zwischen der 1890 theoretisch gerechtfertigten „Vaterlandsverteidigung“ und einem durch Kolonialismus, Flottenrüstung und aggressive Forderungen nach Neuaufteilung der Welt 1914 durch nichts mehr zu rechtfertigenden „imperialistischen Krieg“, auf die selbe Weise sieht Stalin ebenfalls keinen prinzipiellen Unterschied – nur ‚links’ herum gewendet – zwischen diesen beiden Kriegen: denn da 1914 jede „Vaterlandsverteidigung“ automatisch – Lenin bezweifelt selbst diesen Automatismus! – eine „imperialistische“ sein mußte, hätte sie dies nach seiner Ansicht und derjenigen der linken Sozialimperialisten auch schon 1890 sein müssen. Mit diesem Sophisma schafft es Stalin, den Zarismus als Hauptgefahr für Deutschland und die deutsche Arbeiterpartei (allerdings nur dann, wenn sich dieser aus diplomatischen, militärischen und ökonomischen Gründen tatsächlich zu einem Angriff auf Deutschland entschlossen hätte!) für das Jahr 1890 aus der Schußlinie zu nehmen, nicht viel anders als dies die rechten Sozialimperialisten in bezug auf den deutschen Imperialismus 1914 versucht haben.

Oder wie soll der Leser sein mit scheinheiliger Naivität bezeugtes Vertrauen für die auswärtige Politik des russischen Zarentums verstehen, wenn es am Schluß von Stalins Brief an das Politbüro heißt: »Offenbar war Engels von dem damals (1890/91) sich anbahnenden französisch-russischen Bündnis, das seine Spitze gegen die österreichisch-deutsche Koalition richtete, beunruhigt und steckt sich das Ziel, in seinem Artikel die Außenpolitik des russischen Zarentums zu attackieren und der öffentlichen Meinung Europas und vor allem Englands jedes Vertrauen zu ihr [der russischen Außenpolitik!!!] zu nehmen«? (8)

Dem wäre eigentlich nichts hinzuzufügen.

Nur eine abschließende Bemerkung: der durch Stalins institutionelle Konterrevolution vollzogene Sprung vom linken, so wie Lenin diesen bezeichnet hätte, Sozialimperialismus zum linken Großmachtchauvinismus, einem neuen russischen Zarentum, bedeutete nach diesem qualitativen Sprung in der bisherigen politischen Entwicklung der Bolschewiki nicht nur einen Rückschlag für den Sozialismus der jungen Sowjetunion und für die von Stalin schließlich auch physisch vernichtete ‚Partei Marx’, sondern war auch nach der Niederschlagung der Pariser Kommune eine völlig neue Erfahrung für die internationalen Arbeiterklassen. So wichtig es weiterhin ist, diese »Wendepunkte der Klassenkämpfe seit dem Manifest der Kommunistischen Partei«[35] im einzelnen – und was an dieser Stelle nicht geschehen konnte: auch historisch − zu analysieren, um so dringlicher und notwendiger erweist sich das Studium der verschiedenen Formen der modernen Konterrevolutionen des 20. und 21. Jahrhunderts, je unaufhaltsamer die kapitalistische Produktionsweise sich dem Stadium ihrer notwendigen Aufhebung nähert.

Für die deutsche Linke bleibt festzuhalten, daß die aus dem Partei- und Staatsapparat heraus erfolgte, d.h. institutionelle Konterrevolution Stalinschen Typs und die damit verbundene auswärtige Politik eines neuen russischen Zarentums sich kaum von den von Marx und Engels politisch bekämpften Machenschaften der Einflußagenturen der alten Zaren in bezug auf die revolutionären Bewegungen Europas und die von ihr gekauften europäischen Reaktion unterscheidet und in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts als diplomatisch, militärisch und geheimdienstlich koordinierte ‚weltrevolutionäre Friedenspolitik’ einen großen Einfluß auf die revolutionären Bewegungen in der ‚westlichen Welt’ ausgeübt hat. Der neuen Linken ist es (erst recht nicht nach ihrem ‚langen Marsch in die Institutionen’ der Bourgeoisie) bis heute nicht gelungen, sich von dieser sozialimperialistischen ‚Weltrevolution’ abzukoppeln, »an deren Kontinuität« sie »wegen der von ihr einseitig betrachteten positiven Rolle Stalins im Kampf gegen den deutschen Nationalsozialismus politisch und strategisch gekettet ist« und es daher »vermeidet, zu dieser Konterrevolution, obwohl längst Geschichte, eine eindeutige Stellung zu beziehen und daraus die notwendigen politischen Konsequenzen zu ziehen«.[36] Die Politik der heutigen Linken, mag an allem möglichen orientiert sein, aber nicht an der »politischen Ökonomie« und der »Foreign Policy« der »Working Class«.

Zwar hat die Treue der deutschen Linken zur auswärtigen Politik des neuen Zarentums in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts gewaltige Rückschlägen erleiden müssen, was sie aber nicht daran hindert, diese auf eine Vielzahl kleiner Zaren, die sich abhängig von der Höhe des Ölpreises innerhalb der anti-‚westlichen’ Heiligen Allianz als kleine Ölprinzen replizieren, zu übertragen, Hauptsache, ihre linken Ölprinzen verströmen noch einen Hauch von ‚Antiimperialismus’ und ‚Antikapitalismus’ – und Hauptsache, die Katze fängt us-imperialistische Mäuse!

Hier enden zunächst einmal meine Überlegungen zur »unscharfen Relation zwischen Marx/’Marxismus’«; gerne wäre ich dabei noch auf die Adressen des Generalrats der Internationale zur Pariser Kommune und die Randglossen zum Gothaer Programm eingegangen, um die Beziehung zwischen dem proletarischen Internationalismus und der ‚nationalen Frage’ einerseits, der Diktatur des Proletariats als Diktatur der Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums andererseits, soweit diese bei Marx (und Stalin), Lenin (und Kautsky) eine recht unterschiedliche Behandlung erfahren hat, zu analysieren – eine Differenz die vielleicht bei nächster Gelegenheit zur DEBATTE steht.

4. Revolution und Konterrevolution in Deutschland

Statt dessen möchte ich wie angekündigt einige »Reflexionen über Revolution und Konterrevolution in Deutschland« anstellen: dabei geht es um die tatsächliche oder scheinbare Differenz zwischen der »politischen Ökonomie der Arbeiterklasse«,[37] deren praktischen Prinzipienkampf Marx im Achten Kapitel des Ersten Bandes des Kapital in all seinen Verwicklungen und seinem Ablauf in homerischer Breite schildert[38] und einem gegen Ende desselben Achten Kapitels zitierten Aufsatz von Friedrich Engels Die englische Zehnstundenbill aus dem Jahr 1850, worin Engels zu einer dem ersten Anschein nach völlig entgegengesetzten Einschätzung dieses Kampfes gelangt, zumindest soweit dies ein zur Philanthropie neigender Leser bei oberflächlicher Lektüre des Achten Kapitels aus der Marxschen Darstellung entnehmen könnte.[39]

Marx kommt gegen Ende des Achten Kapitels in seinem Resümee über die historische Bedeutung des »Kampf(es) um den Normalarbeitstag« zu folgendem Ergebnis: »Die Geschichte der Regelung des Arbeitstags in einigen Produktionsweisen, in anderen der noch fortdauernde Kampf um diese Regelung, beweisen handgreiflich, daß der vereinzelte Arbeiter, der Arbeiter als „freier“ Verkäufer seiner Arbeitskraft, auf gewisser Reifestufe der kapitalistischen Produktion, widerstandslos unterliegt. Die Schöpfung eines Normalarbeitstags ist daher das Produkt eines langwierigen, mehr oder minder versteckten Bürgerkriegs zwischen der Kapitalistenklasse und der Arbeiterklasse. Wie der Kampf eröffnet wird im Umkreis der modernen Industrie, so spielt er zuerst in ihrem Heimatland England. Die englischen Fabrikarbeiter waren die Preisfechter nicht nur der englischen, sondern der modernen Arbeiterklasse überhaupt, wie auch ihre Theoretiker der Theorie des Kapitals zuerst den Fehdehandschuh hinwarfen« (316).

Nach einem abschließenden Überblick über den Kampf um den Normalarbeitstag, wozu auch die Forderung des Generalrats der Internationale vom September 1866 nach Einführung des 8-Stundentags »als legale Schranke des Arbeitstags « aufgeführt wird (319), heißt es abschließend: »Man muß gestehn, daß unser Arbeiter anders aus dem Produktionsprozeß herauskommt als er in ihn eintrat. Auf dem Markt trat er als Besitzer der Ware „Arbeitskraft“ andren Warenbesitzern gegenüber, [als] Warenbesitzer dem Warenbesitzer. Der Kontrakt, wodurch er dem Kapitalisten seine Arbeitskraft verkaufte, bewies sozusagen schwarz auf weiß, daß er frei über sich selbst verfügt. Nach geschlossenem Handel wird entdeckt, daß er „kein freier Agent“ war, daß die Zeit, wofür es ihm freisteht, seine Arbeitskraft zu verkaufen, die Zeit ist, wofür er gezwungen ist, sie zu verkaufen, daß in der Tat sein Sauger nicht losläßt, „solange noch ein Muskel, eine Sehne, ein Tropfen Blut auszubeuten“ [ist]« (319/320).

Warum bringt Marx dieses Zitat, das aus einem Aufsatz stammt, worin dem ersten Anschein nach Engels eine völlig entgegengesetzte Einschätzung des Kampfes um den Zehnstundentag vornimmt? − Selbstverständlich trügt am Ende der Schein; aber das ist es nicht, worauf es hier ankommt.

Unmittelbarer Anlaß für den Aufsatz von Friedrich Engels ist ein im Frühjahr 1850 vom Obersten Gerichtshofs (Court of Exchequer) gefälltes Urteil über die Ausführungsbestimmungen der seit 1847 per Parlamentsbeschluß gültige Beschränkung des Arbeitstags auf 10 Stunden, wodurch diese praktisch wieder aufgehoben wurde. Engels erspart sich das bei derartigen Anlässen übliche Lamento über den reaktionären Charakter dieses Gerichtsbeschlusses und analysiert statt dessen die Motive und Ziele jener sozialen Bewegung, der es gelungen war, das Gesetz zur Beschränkung der Arbeitszeit, »die Zehnstundenbill«, 1847 im Parlament gegen die Interessen der Bourgeoisie durchzusetzen. Aber anstatt eine Nabelschau zugunsten der unterlegenen sozialen Bewegung anzustellen, stellt sie Engels in den historischen Zusammenhang der Klassenkämpfe, die in England seit Beginn der 30er Jahre, d.h. seit der Durchsetzung der ersten Wahlrechtsreform durch die Reformbill, aus der die Chartisten-Bewegung hervorging, stattgefunden haben.

Diese Kämpfe sind in Engels’ Analyse von folgenden Konfrontationslinien durchzogen: auf der einen Seite die industrielle Bourgeoisie, die durch die industrielle Revolution dabei war, »die entscheidende Klasse in der englischen Gesellschaft« zu werden (236), auf der anderen Seite die Finanzaristokratie, die, weil der Adel bei ihr tief verschuldet war, bis Anfang der 30er Jahre die englische Wirtschaft beherrscht hatte und nur durch eine »Allianz sämtlicher übrigen Fraktionen der Bourgeoisie mit dem englischen Proletariat und mit den irischen Bauern« und durch die Androhung einer Revolution zum Rückzug von den Kommandohöhen der englischen Wirtschaft und Gesellschaft zu bewegen war. Daraufhin, so Engels, begab sich die »...industrielle Bourgeoisie ... ans Werk. Die Geschichte Englands von 1830 bis jetzt ist die Geschichte der Siege, die sie nacheinander über ihre vereinigten reaktionären Gegner errungen hat« (237). Die in dieser Zeit aufkommende Chartisten-Bewegung bestehend aus revolutionären Arbeitern, Intellektuellen und Handwerkern verlangte eine Erweiterung des auf die besitzenden Klassen beschränkten Wahlrechts (Volkscharte), um, wie sie annahm, im Parlament für ihre sozialen und politischen Rechte kämpfen zu können. Die industrielle Bourgeoisie wiederum verlangte die Abschaffung der Schutzzölle (corn laws) und weiterer Beschränkungen des Freihandels, durch deren Beseitigung der Preis der Arbeitkraft hätte gesenkt werden können und von denen die reaktionären Klassen der Gesellschaft bisher im Übermaß profitiert hatten. Diese Forderung war die Grundlage des Bündnisses der Chartisten mit der industriellen Bourgeoisie.

Mit diesen Klassenkämpfen hatte die zur selben Zeit entstehende soziale Bewegung zur Einführung des 10-Stunden-Tages relativ wenig zu tun. Die Chartisten verschafften ihr zwar im Bedarfsfall die erforderliche Massenbasis, hielten sich aber aus ihr heraus, weil diese aus dem Bündnis einer rückwärtsgewandten Fraktion der Arbeiterklasse mit den besitzenden reaktionären Klassen der Gesellschaft bestand, die ihr Haß auf die industrielle Bourgeoisie zusammengeführt hatte: d.h. auf der einen Seite aus »Arbeitern und Fabrikaufsehern«, wobei die Arbeiter »vollständig gebrochene, mattgearbeitete Charaktere, stille, gottselige und ehrbare Leute (waren), (die) vor dem Chartismus und Sozialismus heiligen Abscheu hatten, Thron und Altar in gebührendem Respekt hielten und die, zu matt, um die industrielle Bourgeoisie zu hassen, nur noch fähig waren, zur demütigen Verehrung der Aristokratie, die wenigstens für ihr Elend sich zu interessieren geruhte« (234) und auf der anderen Seite aus einer Koalition aus Bankern, Börsenspekulanten, Reedern, Kaufleuten, der Grundaristokratie, westindischen Grundbesitzern und Kleinbürgern: »Diese weichherzigen Ideologen unterließen nicht, vom Standpunkt der Moral, der Humanität und des Mitleids aus gegen die unbarmherzige Härte und Rücksichtslosigkeit zu Felde zu ziehen, womit dieser gesellschaftliche Umwälzungsprozeß sich durchsetzte, und gegenüber diesem Umwälzungsprozeß die Stabilität, die stille Behaglichkeit und Sittsamkeit des verendenden Patriarchalismus als Gesellschaftsideal aufzustellen« (235).

Eben diesem Bündnis war es 1847, zu einem Zeitpunkt, als das politische Kräftemessen zwischen der Reaktion und der industriellen Bourgeoisie für einen Moment zum Stillstand gekommen war, gelungen, die Einführung eines Gesetzes über den 10-Stunden-Tag gegen die Interessen der industriellen Bourgeoisie durchzusetzen und dieser damit einen fetten Stolperstein in den Weg zu legen, der aber, als die ökonomische Krise endete und der konjunkturelle Aufschwung wieder in Fahrt kam, vom Obersten Gericht 1850 zugunsten der industriellen Bourgeoisie aus dem Weg geräumt wurde. Dieser Urteilsspruch bedeutete, so Engels, für die einzelnen Arbeiter zwar einen gewaltigen Rückschritt, führte aber in der weiteren Entwicklung für die Arbeiterklasse dazu, daß die Bourgeoisie am Ende nur noch mit zwei Problemen konfrontiert sein würde, der ökonomischen Krise und der proletarischen Revolution.

Diesen Widerspruch zwischen den Interessen des einzelnen Arbeiters und der Arbeiter als Klasse faßt Engels wie folgt zusammen: »War die Zehnstundenbill hauptsächlich von Reaktionären und ausschließlich von reaktionären Klassen durchgesetzt worden, so sehen wir hier, daß sie in der Weise, wie sie durchgesetzt wurde, eine durchaus reaktionäre Maßregel war.«[40] Weiter heißt es bei Engels: »Die ganze gesellschaftliche Entwicklung Englands ist gebunden an die Entwicklung, an den Fortschritt der Industrie. Alle Institutionen, die diesen Fortschritt hemmen, die ihn beschränken oder nach außer ihm liegenden Maßstäben regeln und beherrschen wollen, sind reaktionär, sind unhaltbar und müssen ihm erliegen. Die revolutionäre Kraft, die so spielend mit der ganzen patriarchalischen Gesellschaft des alten Englands, mit der Aristokratie und der Finanzbourgeoisie fertig geworden ist, wird sich wahrlich nicht in das gemäßigte Bett der Zehnstundenbill eindämmen lassen. Und dennoch ist für die Arbeiter die Zehnstundenbill unentbehrlich. Sie ist eine physische Notwendigkeit für sie. Ohne die Zehnstundenbill geht die ganze englische Arbeitergeneration zugrunde« (240,241).

Es ist überaus bemerkenswert – und das wird ein Grund gewesen sein, warum Marx diesen Aufsatz im Achten Kapitel des Kapital zitiert –, daß Engels den Widerspruch zwischen der »physische(n) Notwendigkeit« der »Zehnstundenbill ...für die Arbeiter« einerseits und ihrem politischen Charakter als »eine durchaus reaktionäre Maßregel« andererseits offen beim Namen nennt und diesen Widerspruch mit den Interessen der englischen Arbeiter als Klasse mit denjenigen der Klasse der Bourgeoisie konfrontiert und dabei feststellt: »Sie« (die Arbeiter) »haben erfahren, daß die industriellen Bourgeois zunächst noch die Klasse sind, die allein imstande sind, im gegenwärtigen Augenblick an die Spitze der Bewegung zu treten, daß es vergeblich wäre, ihnen in dieser progressiven Mission entgegenzuarbeiten. Trotz ihrer direkten und nicht im mindesten eingeschlafenen Feindschaft gegen die Industriellen sind die Arbeiter daher jetzt viel geneigter, sie in ihrer Agitation für vollständige Durchführung des Freihandels, Finanzreform und Ausdehnung des Wahlrechts zu unterstützen, als sich abermals durch philanthropische Vorspiegelungen unter die Fahne der vereinigten Reaktionäre locken zu lassen. Sie fühlen, daß ihre Zeit erst kommen kann, wenn die Industriellen sich abgenutzt haben, und deshalb haben sie den richtigen Instinkt, den Entwicklungsprozeß, der diesen die Herrschaft geben und damit ihren Sturz vorbereiten muß, zu beschleunigen. Aber darum vergessen sie nicht, daß sie in den Industriellen ihre eigensten, direktesten Feinde zur Herrschaft bringen und daß sie nur durch den Sturz der Industriellen, durch die Eroberung der politischen Macht für sich selbst zu ihrer eignen Befreiung gelangen können« (241).

Zwischen den von Engels analysierten Klassenverhältnissen und den unsrigen liegen mehr als 150 Jahre, in denen die Herrschaft der Bourgeoisie durch einige proletarische Revolutionen ‚geläutert’ wurde und das Proletariat durch die Konterrevolutionen, die es dabei erfahren hat, zumindest in den westlichen Kernländern, in denen die kapitalistische Produktionsweise herrscht, wenig Neigung verspürt, den status quo, in dem der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital erstarrt ist, zu verlassen. Und obwohl mein Vertrauen in historische Parallelen nicht sehr groß ist, ließe sich, zumindest für den Widerstreit, der sich aus Engels’ Analyse der »Zehnstundenbill« herauskristallisiert hat, ein Vergleich mit den deutschen durch die ‚Wiedervereinigung’ geschaffenen Verhältnissen, die von einem nicht geringen Teil der heutigen deutschen Linken als ‚Konterrevolution’ bezeichnet wird, herstellen. Dabei wäre an jene die Frage zu richten, welche proletarische Revolution durch diese angebliche ‚Konterrevolution’ denn hat rückgängig gemacht werden sollen, nachdem eine solche bereits in den 30 Jahren in der Sowjetunion stattgefunden und die internationale Arbeiterbewegung zu einer ähnlichen Liaison mit dem reaktionär gewordenen Sozialismus genötigt hat wie vor 150 Jahren die englische Arbeiterklasse mit der »Zehnstundenbill«-Bewegung? Denn reaktionär war dieser Sozialismus nicht nur politisch, was seine Rückkehr zur auswärtigen Politik des alten Zarentums angeht, sondern auch ökonomisch, indem er auf vorkapitalistische Produktionsweisen zurückgegriffen hat, deren Wurzeln ebenso wie diejenigen der von Engels analysierten russischen Diplomatie bis auf das vor-petrinische Zarentum zurückzuführen sind. So gesehen hätte die Wiedereinführung des Kapitalismus in der DDR im Jahre 1989, zumal in einem bereits zuvor hochindustrialisierten Teil Deutschlands, eine ähnliche – nicht die gleiche! − Bedeutung wie die von der industriellen Bourgeoisie gegen den Widerstand der englischen Reaktion vorangetriebene industrielle Revolution gehabt.

Ich würde diese historische Parallele sogar noch weiter treiben und auf die Gemeinsamkeiten zwischen dem reaktionären Charakter der »Zehnstundenbill«-Bewegung im England der 30er und 40er Jahre des 19. Jahrhunderts und den von der deutschen Linken im neuen Jahrtausend hochstilisierten ‚sozialen Bewegungen’ gegen den ‚Neoliberalismus’ ausdehnen (nicht zufällig wurden deren Demonstrationen in Anspielung an das Jahr 1989, in dem die alte Nomenklatura gegenüber der Bevölkerung der DDR ihren Staatsbankrott erklären mußte, ebenfalls als ‚Montagsdemonstrationen’ bezeichnet). Dabei würde sich zeigen, daß von der Linken an der ‚westlichen’ Bourgeoisie gerade das kritisiert wird, was nach Engels die Bourgeoisie als eine die industrielle Revolution vorantreibende Klasse nun einmal ausmacht: daß sie sich auch in diesem Fall über den durch und durch reaktionären Sozialismus hinweggesetzt und es dabei ‚fertiggebracht’ hat, den Preis der Ware Arbeitskraft wieder bezogen auf ihren durchschnittlichen Wert und nicht mehr entsprechend der angeblich sozialistischen Gesinnung und Gesittung ihrer Träger zu bezahlen. Und ähnlich wie die reaktionären Klassen Englands gegen die industrielle Bourgeoisie gesellschaftlich rückständige Produktionsweisen verteidigt haben, scheint der Linken ein Sozialismus vorzuschweben, der wie in der Sowjetunion die Bauern an die Scholle fesseln und die Träger der Ware Arbeitskraft an die Staatsgrenzen des realen Sozialismus fixieren würde, anstatt an den neu heraufbeschworenen Widersprüchen, in die sich das Kapital gerade durch die Beseitigung vorkapitalistischer Produktionsweisen begibt, anzuknüpfen.[41]

Anstatt also dem Kapital die historische Chance zu geben, seinen Karren gegen die Wand zu fahren und dabei die Arbeiterklassen auf den politischen Klassenkampf vorzubereiten, wirft sich die Linke mit bewunderungswürdigem Elan, und sozialdemokratischer als die rechteste Sozialdemokratie, vor den Karren des ‚Neoliberalismus’, um die kapitalistische Produktionsweise im Namen des von ihr hofierten ‚Prekariats’ an ihrer Entfaltung zu hindern. Der kühle Betrachter von soviel Selbstlosigkeit muß sich allerdings fragen, was sie im Unterschied zu den Sozialdemokraten, die in der Regel von derlei Schutz der Bourgeoisie vor sich selbst institutionell und persönlich profitieren, davon hat...?

Anstatt schließlich von den unter der Herrschaft des Kapitals sich entfaltenden Widersprüchen und den darin enthaltenden Potenzen auszugehen, durch die diese Produktionsweise in ihr Gegenteil umschlagen und aufgehoben werden, orientiert sich die Linke in Konkurrenz zu den rechtsradikalen sozialen Demagogen an den reaktionärsten ‚anti-kapitalistischen’ Geistesströmungen in der Bevölkerung und an linken sozialen Demagogien aller möglichen autoritären ‚sozialistischen’ Regimes der unterschiedlichsten orientalischen Despoten.

Bei Engels heißt es dagegen abschließend: »Die faktische Aufhebung der Zehnstundenbill, zunächst durch die Fabrikanten auf eigene Faust, dann durch den Court of Exchequer, hat vor allem dazu beigetragen, die Zeit der Prosperität zu verkürzen und die Krisis zu beschleunigen. Was aber die Krisen beschleunigt, das beschleunigt zugleich den Gang der englischen Entwicklung und ihr nächstes Ziel, den Sturz der industriellen Bourgeoisie durch das industrielle Proletariat.« Denn mögen die Maßnahmen, die die industrielle Bourgeoisie gegen die reaktionären Klassen Englands durchführt, auch noch so revolutionär sein » − soweit die englischen Industriellen revolutionär sein können − «, wie aber »soll der nächsten Krise begegnet werden? Es ist evident, die englischen Industriellen, deren Produktionsmittel eine ungleich höhere Expansivkraft besitzen als ihre Debouchés [Expansionsmöglichkeiten umfassen], gehen mit raschen Schritten dem Punkt entgegen, wo ihre Hülfsmittel erschöpft sind, wo die Periode der Prosperität, die jetzt noch jede Krise von der folgenden trennt, unter dem Gewicht der nachdrückenden, übermäßig angewachsenen Produktivkräfte gänzlich verschwindet, wo die Krisen nur noch durch kurze Perioden einer matten, halb schlummernden industriellen Lebenstätigkeit getrennt sind und wo die Industrie, der Handel, die ganze moderne Gesellschaft an der Überfülle unverwendbarer Lebenskraft auf der einen Seite und an gänzlicher Abzehrung auf der andern zugrunde gehn müßte, trüge nicht dieser abnorme Zustand sein eignes Heilmittel in sich und hätte nicht die industrielle Entwicklung zugleich die Klasse erzeugt, die dann allein die Leitung der Gesellschaft übernehmen kann: das Proletariat. Die proletarische Revolution ist dann unvermeidlich, und ihr Sieg gewiß. Das ist der regelmäßige Lauf der Ereignisse, wie er mit unabwendbarer Notwendigkeit aus den ganzen gegenwärtigen Gesellschaftszuständen Englands hervorgeht. ... Und die Zehnstundenbill? Von dem Augenblick an, wo die Grenzen des Weltmarkts selbst für die volle Entfaltung aller Ressourcen der modernen Industrie zu eng werden, wo sie eine gesellschaftliche Revolution nötig hat, um für ihre Kräfte wieder Spielraum zu gewinnen – von diesem Augenblick an ist die Beschränkung der Arbeitszeit nicht mehr reaktionär, ist kein Hemmnis der Industrie mehr. Sie stellt sich im Gegenteil ganz von selbst ein. Die erste Folge der proletarischen Revolution in England wird die Zentralisation der großen Industrie, in den Hände des Staats, d.h. des herrschenden Proletariats sein, und mit der Zentralisation der Industrie fallen all jene Konkurrenzverhältnisse weg, die heutzutage die Regulierung der Arbeitszeit mit dem Fortschritt der Industrie in Konflikt bringen. Und so liegt die einzige Lösung der Zehnstundenfrage wie aller Fragen, die auf dem Gegensatz von Kapital und Lohnarbeit beruhen, in der proletarischen Revolution« (242,243).

Mit diesen theoretisch folgerichtigen Überlegungen hätten meine Ausführungen eigentlich einen runden Abschluß gefunden, aber eine Bemerkung sei mir noch gestattet: Engels konnte es sich in seinem großen revolutionären Optimismus und zu Recht erlauben, die »Zentralisation der großen Industrie in den Händen des Staats, d.h. des herrschenden Proletariats«, durch eine aus dem Kampf um das Wahlrecht hervorgehende künftige Arbeiterregierung als Erfolg versprechende Maßnahme der »proletarischen Revolution« zu betrachten. Wir könnten das nur unter großen Einschränkungen tun. Denn heutzutage befinden sich ja durchaus große Teile »der großen Industrie in den Händen des Staats«, allerdings nicht in den Händen des »herrschenden Proletariats«, sondern denen der Bourgeoisie, die die Verwaltung des Staates bürgerlichen Arbeiterregierungen überläßt, weil sie gelernt hat, solange die Aufhebung des »Gegensatz(es) von Kapital und Lohnarbeit« nicht zur Debatte steht, Zentralisation wie auch ‚Arbeiterregierungen’ in gewissen Grenzen hinzunehmen und mit ihren Klasseninteressen zu vereinbaren. Das Neue daran ist, daß durch diese Form der bürgerlichen Klassenherrschaft die ganze Gesellschaft zunehmend in ein nach modernsten Gesichtspunkten organisiertes und verwaltetes großes Arbeitshaus verwandelt wird, vor dem Vermögensbesitzer, Akademiker und technische Intelligenz in wachsendem Maße Reißaus nehmen. Diese Kehrseite wird von der heutigen Linken mit den in ihrem Schlepptau befindlichen ‚sozialen Bewegungen’ nicht nur ignoriert, sondern durch ihre Forderung nach Umwandlung des ‚neoliberalen’ Kapitalismus in ein staatsmonopolistisches Arbeitshaus mit sozialistischem Anstrich in ihrer reaktionären Tendenz aufs äußerste bestärkt und, um es freundlich zu auszudrücken, als erster Schritt in den Sozialismus zutiefst mißverstanden.

Dieses Mißverständnis ist zu vermeiden, wenn wir abschließend zu Marx und besagtem Achten Kapitel des Kapital zurückkehren, worin es heißt, daß das »Kapital durch sein eignes Interesse auf einen Normalarbeitstag hingewiesen« zu sein »scheint«, weil »die naturwidrige Verlängrung des Arbeitstags, die das Kapital in seinem maßlosen Trieb nach Selbstverwertung notwendig anstrebt, die Lebensperiode der einzelnen Arbeiter und damit die Dauer ihrer Arbeitskraft verkürzt« und daher »rascherer Ersatz der verschlissenen [Arbeitskraft] nötig [wird], also das Eingehen größerer Verschleißkosten in die Reproduktion der Arbeitskraft, ganz so wie der täglich zu reproduzierende Wertteil einer Maschine um so größer ist, je rascher sie verschleißt« (281). Diesem Schein, als ob die Bourgeoisie mit ihrer Fürsorge um die Arbeitskraft etwas anderes im Auge hätte als das Wohlergehen des Kapitals, ist die deutsche Linke in all jenen »Fragen, die auf dem Gegensatz von Kapital und Lohnarbeit beruhen«, unterlegen.

Noch kann sie ähnlich wie die von Engels analysierte »Zehnstundenbill«-Bewegung von der Dialektik des unfreiwilliger Bewegers des Sozialen gegen das Kapital zehren; diese wird aber zwangsläufig in eine Negation der Negation umschlagen, wenn sie vom Kapital den Ritterschlag zum Oberaufseher in seinem staatsmonopolistischen Arbeitshaus, dessen Grundmauern angesichts der anhaltenden großen Weltwirtschaftskrise bereits errichtet werden, offiziell empfängt. Spätestens dann wird sie sich endgültig zwischen Reaktion oder Revolution, Revolution und Konterrevolution entscheiden müssen.



Anmerkungen

[1] Jacques Derrida: Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale, Frankfurt/M 1995 (Paris 1993), 142.

[2] DEBATTE 1 Anhang 2. Einladung.

[3] DEBATTE 1 Anhang 1 Partei Marx an GIB (Zur Diskussion:).

[4] Vgl. Kevin B. Anderson: Lenin und die Dialektik. Wiederentdeckung und Beharrungskraft in Philosophie und Weltpolitik, in: Sozialistische Hefte 15 (Dezember 2007), 22-28. Dieser Aufsatz beruht auf dem Buch desselben Autors: Lenin, Hegel and Western Marxism, 1995.

So verdienstvoll sein Versuch ist, auf das Verhältnis Lenin-Hegel-‚nationale Frage’ aufmerksam gemacht und dabei Lenins Studium der Hegelsche Dialektik in den Mittelpunkt gestellt zu haben, so muß auch festgestellt werden, daß der Kern der theoretischen Kämpfe Lenins mit den ‚linken Sozialimperialisten’ (Luxemburg, Trotzki, Bucharin, Radek usw. usf.) über die Frage der Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts gerade der kapitalistisch entwickelten Nationen (Lenins Paradebeispiel: Norwegens Recht auf Lostrennung von Schweden) von dem Autor so gut wie unberührt bleibt. Damit leistet er letzten Endes dem in der Anti-Globalisierungsbewegung verbreiteten Ethnizismus Vorschub (21), »um nicht nur, wie es Lenin getan hatte, nationale und ethnische [sic?] Befreiungsbewegungen einzubeziehen, sondern auch Frauen, Umweltschützer, Jugendliche, Schwule, Lesben...«, d.h. er dichtet dem ganzen ethnizistischen, genderistischen und linken sozialimperialistischen Sumpf und dessen Verhältnis zum Staat bzw. zur bürgerlichen Gesellschaft eine ‚nationale Frage’ an, wo sie politisch nicht existiert oder aber, wo sie politisch existiert, am Ende nicht mehr vorhanden zu sein scheint.

[5] STREITPUNKT 2, 23: Die Permanenz der Revolution und die Einheit des Gegensatzes zwischen politischer und sozialer Revolution.

[6] STREITPUNKT 2, Anm. 70: Karl Marx an Friedrich Engels am 25.02.1865 MEW 31 (83-86), 86: in diesem Brief berichtet Marx von einer Sitzung des Generalrats der Internationale und darüber, daß sein Vorschlag, wegen des Polnischen Aufstands gegen Rußland eine Polen-Veranstaltung durchzuführen, von liberaler Seite mit dem Argument zurückgewiesen worden sei, »daß jetzt die time für ein Polnisch Meeting nicht opportune sei«, und daß er, Marx, darauf geantwortet habe, »daß die Working Class its own Foreign Policy habe, die sich durchaus nicht danach kehre, was die Middle Class für opportune halte. Sie hielten es immer für opportune to goad on the Poles at the beginning of a new outbreak, to betray them during its progress by their diplomacy, and to desert them when Russia had thrown them down«.

[Sie hätten es immer für opportun gehalten, die Polen beim Beginn eines neuen Aufstands (zum Kampf) aufzustacheln, sie in dessen weiterem Verlauf durch ihre Diplomatie zu verraten und sie dann sitzen zu lassen, wenn Rußland sie niedergeworfen hat.]

[7] Karl Marx: Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation, MEW 16 (5-13), 11: »Der Kampf über die gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit wütete um so heftiger, je mehr er, abgesehen von aufgeschreckter Habsucht, in der Tat die große Streitfrage traf, die Streitfrage zwischen der blinden Herrschaft der Gesetze von Nachfrage und Zufuhr, welche die politische Ökonomie der Mittelklasse bildet, und der Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Ein- und Vorsicht, welche die politische Ökonomie der Arbeiterklasse bildet. Die Zehnstundenbill war daher nicht bloß eine große praktische Errungenschaft, sie war der Sieg eines Prinzips. Zum ersten Mal erlag die politische Ökonomie der Mittelklasse in hellem Tageslicht vor der politischen Ökonomie der Arbeiterklasse. Ein noch größerer Sieg der politischen Ökonomie der Arbeit über die politische Ökonomie des Kapitals stand bevor.«

[8] Wolfgang Schieder: Karl Marx als Politiker, München 1991, 91: »Der Pressekrieg«, den die europäische Presse gegen Karl Marx als „Grand Chef de L’Internationale“ nach der Niederschlagung der Pariser Kommune inszeniert hatte, »war jedoch, wie Engels es ausdrückte, auch eine Bestätigung dafür „daß die Internationale eine europäische Großmacht“ geworden sei«.

Friedrich Engels: „The Civil War in France und die englische Presse, MEGA I/22, 241: »Die ganze Presse hat einstimmig bekennen müssen, daß die Internationale eine europäische Großmacht ist, mit der man rechnen muß, die man nicht beseitigt, indem man nicht von ihr spricht.«

[9] STREITPUNKT 2, 62: Lenins ‚Luxemburgismus’ und das „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“.

[10] Otto Bauer: Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie [1907], Werkausgabe Bd. 1, Wien 1975, 556: »Die nationale Autonomie auf Grund der autonomen Lokalverwaltung ist für die Arbeiterklasse das Gesetz des Zusammenlebens auf diesem Boden – gleichgültig, in welchen staatlichen Rahmen diese Nationen gepreßt werden ... So kann das politisch-nationale Programm der österreichischen Arbeiter nichts anderes sein als die nationale Autonomie.«

[11] Michail Bakunin: Sozialpolitischer Briefwechsel mit A.I. Herzen und Ogarjow, Berlin 1977, 312.

[12] W.I. Lenin: An S.G. Schaumian, LW 19,494-497.

Übrigens wendet Lenin die gleiche Dialektik an wie Marx 1851 in der Auseinandersetzung mit der Gruppe Willich/Schapper im Bund der Kommunisten: da die ‚Partei Marx’ aus politischen Gründen nicht mehr mit der Fraktion Willich/Schapper in einer gemeinsamen Organisation zusammenarbeiten konnte, wollte sie die Zusammenarbeit unter einer neu geschaffenen Dachorganisation, die nach Köln verlegt wurde, in getrennten Gruppen in London fortsetzen.

[13] J.W. Stalin: Marxismus und nationale Frage, SW 2, 266-333. [Die folgenden Nachweise in Klammern im Text]

[14] Die politischen und verwaltungsrechtlichen Kompetenzen eines »Gebiets« (oblast) lagen verglichen mit heutigen deutschen Verhältnissen zwischen denjenigen eines Landkreises und eines Bundesstaats!

[15] Stalins Brief an das Politbüro ist in der 13-bändigen Stalin-Ausgabe, Berlin 1950-1955 (SW) nicht enthalten. Auf deutsch existiert dieser Brief unter der Überschrift J.W. Stalin: Über Engels’ Artikel ’Die auswärtige Politik des russischen Zarentums’ in dem Sammelband Marx Engels Lenin Stalin: Zur deutschen Geschichte Bd.II.1, Das 19. Jahrhundert, Stuttgart 1954, 1210-1213 und Anm. 423, allerdings in gekürzter Fassung. Siehe auch die CD-Rom: J.W. Stalin – Werke, Verlag Olga Benario und Herbert Baum. Der vollständige Text ist in einer 3-bändigen Ausgabe von unveröffentlichten Stalin-Texten erschienen, herausgegeben von der Hoover Institution on War, Revolution and Peace, Robert H. McNeal (Hg.): I.V. Stalin: Works Vol. 1 (1934-1940) [russ.] Stanford Cal. 1967.

Der vollständige deutsche Text mit den in der bisherigen Fassung nicht enthaltenen Passagen in eigener Übersetzung, siehe : DEBATTE 1 Anhang 3.

[16] STREITPUNKT 2, 8: Lenin: »Wie ist der Internationalismus zu verstehen?«.

[17] Hieran wird noch einmal deutlich, wie einseitig und eindimensional Rosa Luxemburgs Einschätzung des russischen Zarentums für die 90er Jahre des 19. Jahrhunderts war, wenn sie angeblich auf Engels gestützt behauptet hat, dieses stelle wegen der Schwäche der russischen Armee für die europäischen Arbeiterparteien keine Gefahr mehr dar. Hier zeigt Engels ja gerade, daß Rußland trotz seiner notorischen Schwäche auf militärischem Gebiet eine potentielle Bedrohung Deutschlands und der deutschen Arbeiterpartei war. Siehe: STREITPUNKT 2, 46; Anm. 68.

Diese Einseitigkeit wird auch von August Bebel, nur anders herum vertreten, von der sich Engels in einem Brief vom 29.09.1891 deutlich distanziert: (MEW 38, 159-165), 159: »Über den Punkt, daß Kriegsgefahr droht, und zwar speziell von Rußland her, und daß, wenn sie sich verwirklicht, mit aller Macht auf Niederwerfung Rußlands grade von uns und in unserm eignen Interesse hinzuwirken ist, darüber sind wir einig. Der Differenzpunkt ist, daß Du glaubst, die Russen wollen Krieg, und ich, sie wollen nur drohen, ohne die positive Absicht des Losschlagens, aber in gleichzeitiger Erkenntnis, daß es doch auch zum Losschlagen kommen kann.«

[18] Karl Marx: Herr Vogt, MEW 14 (381-702). In dieser umfangreichen Verteidigungsschrift aus dem Jahr 1860, in der sich Marx, obwohl er nach der heute allgemein verbreiteten Ansicht eigentlich Dringlicheres zu tun gehabt hätte – nämlich am Kapital weiterzuschreiben – gegen eine Verleumdungskampagne von seiten des europäischen linken Exils zur Wehr setzt, belegt Marx in allen Einzelzeiten, wie eine ursprünglich revolutionäre Bewegung, die sich an die Mächte der europäischen Reaktion, in erster Linie an Louis Napoleon und das Zarentum ‚anlehnt’ bzw. verkauft hat, zu Feinden der europäischen Arbeiterparteien wird.

[19] Hier sei noch einmal betont, wie auch die Briefe aus jener Zeit an August Bebel zeigen, daß es Engels in erster Linie darum geht, die Möglichkeit des innerhalb des nächsten Jahrzehnts erwarteten revolutionären Umschwungs in Deutschland für die deutsche Arbeiterpartei am Leben zu erhalten, die durch einen Angriffskrieg Rußlands und Frankreichs auf Deutschland zunichte gemacht worden wäre, wie es in einem Brief vom 29.09./01.10.1891 (MEW 38, 159-165), 162, heißt: »Soviel scheint mir sicher: Werden wir geschlagen, so ist dem Chauvinismus und Revanchekrieg in Europa Tür und Tor geöffnet auf Jahre hinaus. Siegen wir, so kommt unsere Partei ans Ruder. Der Sieg Deutschlands ist also der Sieg der Revolution, und wir müssen ihn, kommt’s zum Krieg, nicht nur wünschen, sondern mit allen Mitteln befördern. ... | Daß die Zeit herannaht, wo wir die Majorität in Deutschland sind, oder doch die einzige Partei, die stark genug, das Ruder zu führen – falls der Friede bleibt –, das ist doch handgreiflich, und deswegen wünsche ich nicht, daß dieser stetige Entwicklungsprozeß unterbrochen werde, die ihn allerdings um 2-3 Jahre abkürzen, aber ebensogut um 10-20 Jahre verlängern kann.«. Engels ging also in erster Linie davon aus, daß das »preußisch-deutsche Reich« (siehe Anm. 23) abgewirtschaftet hatte. So heißt es am 01./02.05.1891 (MEW 38, 89-97), 95: »Wir können diese Herstellung der allgemeinen Unordnung in der Staatsmaschine brauchen [Korruptionsfälle, in die Bismarck verwickelt war]. Wenn nur Friede bleibt, dank der allgemeinen Angst vor dem Ausgang eines Krieges! ... Und je weniger ich neue Sedans wünsche, ebensowenig lechze ich nach Siegen der Russen und ihrer Bundesgenossen, selbst wenn sie Republikaner sind und sonst Ursache haben, sich über den Frankfurter Frieden [Preußens mit Frankreich 1871] zu beschweren.« Und an anderer Stelle, am 13.10.1891 (MEW 38, 174-176) heißt es, 176: »Wird Deutschland von Ost und West angegriffen, so ist jedes Mittel der Verteidigung gut. Es geht um die nationale Existenz und auch für uns um die Behauptung der Position und der Zukunftschancen, die wir uns erkämpft [haben]. Je revolutionärer der Krieg geführt wird, desto mehr in unserm Sinn wird er geführt. Und es kann kommen, daß gegenüber der Feigheit der Bourgeoisie und Junker, die ihr Eigentum retten wollen, wir die einzige energische Kriegspartei sind. Natürlich kann auch kommen, daß wir ans Ruder treten müssen und 1794 spielen müssen, um die Russen und ihre Alliierten herauszuwerfen.«

[20] DEBATTE 1 Anhang 3, 8.

Der von Stalin zitierte Halbsatz (»wenn Rußland Krieg anfängt, druf auf die Russen und ihre Bundesgenossen, wer sie auch seien«) stammt aus dem Brief von Engels an Bebel vom 24.-26.10.1891 (MEW 38, 185-189) ist aus dem Zusammenhang, in dem er bei Engels steht, herausgerissen, gleichgültig, wie realistisch seine revolutionären Erwartungen tatsächlich waren, 188: » Dagegen haben wir deutschen Sozialisten, die wir, bei bewahrtem Frieden, in 10 Jahren zur Herrschaft kommen, die Pflicht, diese von uns eroberte Position in der Avantgarde der Arbeiterbewegung zu behaupten, nicht nur gegen den innern, auch gegen den äußern Feind. Siegt Rußland, so werden wir erdrückt. Also druf, wenn Rußland Krieg anfängt, druf auf die Russen, wer sie auch seien. Dann werden wir dafür sorgen, daß der Krieg mit allen revolutionären Mitteln geführt und jede Regierung unmöglich gemacht wird, die sich weigert, diese Mittel anzuwenden; respektive im gegebnen Moment selbst an die Spitze zu treten.«

[21] Friedrich Engels an August Bebel 29.09./01.10.1891 (MEW 38, 159-165), 161: »Die Kriegsgefahr sehn wir beide, und trotz der Hungersnot in Rußland, die Du entschieden unterschätzest, kann den Regierenden der Zügel entgleiten, und auf diesen Fall müssen wir vorbereitet sein.« Diese Hungersnot wird der Grund gewesen sein, daß das russische Zarentum trotz des Zweibunds mit Frankreich nicht mehr in der Lage war, seine hegemonistischen Ambitionen zu verwirklichen.

[22] W.I. Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriß, LW 22 (189-309), 206: »Die wichtigsten Ergebnisse der Geschichte der Monopole sind demnach: ... 3. Aufschwung am Ende des 19. Jahrhunderts und Krise von 1900-1903: Die Kartelle werden zu einer der Grundlagen des ganzen Wirtschaftslebens. Der Kapitalismus ist zum Imperialismus geworden.«

[23] Karl Marx: Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei, MEW 19 (15-32), 28.

[24] Karl Marx; Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4 (459-493), 478: »Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben. Indem das Proletariat sich die politische Herrschaft erobern, sich zur nationalen Klasse erheben, sich selbst als Nation [!] konstituieren muß, ist es selbst noch national, wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie.«

[25] W.I. Lenin: An Inès Armand, LW 35 (227-233), 228.

[26] DEBATTE 1 Anhang 3, 8. [Die weiteren Nachweise in Klammern im Text]

[27] STREITPUNKT 2, 8: Lenin: »Wie ist der Internationalismus zu verstehen?«

[28] Worin Marx und Engels leider Recht behalten sollten! Siehe Karl Marx: Zweite Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg, MEW (271-279), 275: »Ganz wie das zweite Kaiserreich [Louis Napoleons] den Norddeutschen Bund unvereinbar mit seiner Existenz hielt, ganz so muß das autokratische Rußland sich gefährdet glauben durch ein deutsches Reich mit preußischer Führerschaft. Das ist das Gesetz des alten politischen Systems. Innerhalb seines Bereichs ist der Gewinn des einen der Verlust des anderen. Des Zaren überwiegender Einfluß auf Europa wurzelt in seiner traditionellen Oberherrlichkeit über Deutschland. Im Augenblick, wo vulkanische soziale Kräfte in Rußland selbst die tiefsten Grundlagen der Selbstherrschaft zu erschüttern drohn, kann sich da der Zar eine Schwächung seiner Stellung gegenüber dem Ausland gefallen lassen? ... Glauben die Deutschtümler wirklich, daß Freiheit und Frieden Deutschlands gesichert sei, wenn sie Frankreich in die Arme Rußlands hineinzwingen? Wenn das Glück der Waffen, der Übermut des Erfolgs und dynastische Intrigen Deutschland zu einem Raub an französischem Gebiet verleiten, bleiben ihm nur zwei Wege offen. Entweder muß es, was auch immer daraus folgt, der offenkundige | Knecht russischer Vergrößrung werden, oder aber es muß sich nach kurzer Rast für einen neuen „defensiven“ Krieg rüsten, nicht für einen jener neugebackenen „lokalisierten“ Kriege, sondern zu einem Racenkrieg gegen die verbündeten Racen der Slawen und Romanen.«

[29] Friedrich Engels an August Bebel 29.09./01.10.1891 (MEW 38, 159-165), 161: . »Jedenfalls müssen wir erklären, daß wir seit 1871 stets bereit waren zu friedlicher Verständigung mit Frankreich, daß, sobald unsere Partei zur Herrschaft kommt, sie diese Herrschaft nicht ausüben kann, ohne daß Elsaß-Lothringen frei über seine Zukunft entscheidet; daß wir aber, wenn uns Krieg aufgezwungen wird, und zwar Krieg im Bund mit Rußland, darin einen Angriff auf unsre Existenz sehn und uns mit allen Mitteln verteidigen müssen, alle Positionen benutzen, die uns zu Gebot stehn, also auch Metz und Straßburg.« In seinem Brief an Bebel vom 24.-26.10.1891 (MEW 38, 185-189) referiert Engels aus seinem Aufsatz Der Sozialismus in Deutschland (MEW 22, 245-260), der an die französischen Sozialisten adressiert ist, 187: »Ich sage den Leuten: wir hätten die fast absolute Sicherheit, innerhalb 10 Jahren ans Ruder zu kommen; wir könnten nicht das Ruder ergreifen noch dran bleiben, ohne die Sünden unsrer Vorgänger gegen andre Nationalitäten wiedergutzumachen, also 1. die Wiederherstellung Polens offen anzubahnen, 2. die Nordschleswiger und Elsaß-Lothringer in die Lage zu versetzen, frei über ihre Zugehörigkeit zu entscheiden. Eine elsaß-lothringische Frage existiere überhaupt nicht | zwischen einem sozialistischen Frankreich und einem ditto Deutschland. Also liege überhaupt kein Grund vor zu einem Krieg wegen Elsaß-Lothringen. Wenn aber dennoch die französischen Bourgeois einen solchen anfangen und sich zu diesem Zweck in den Dienst des russischen Zaren stellen, der der Feind auch der Bourgeois von ganz Europa ist, so ist das die Verleugnung der revolutionären Mission Frankreichs.«

[30] Siehe Anm. 17.

[31] [Wie, ihre fremden Horden würden bei uns zu Hause zu bestimmen haben?] Diese Zeile zitiert Engels zu wechselnden Gelegenheiten, u.a. in einem Brief an August Bebel vom 29.09./01.10.1891 MEW 38 (159-165), 161.

[32] Friedrich Engels an August Bebel 24.-26.10.1891 (MEW 38, 185-189), 188: »...Dann werden wir dafür sorgen, daß der Krieg mit allen revolutionären Mitteln geführt und jede Regierung unmöglich gemacht wird, die sich weigert, diese Mittel anzuwenden; respektive im gegebnen Moment selbst an die Spitze zu treten. Wir haben das glorreiche Beispiel der Franzosen von 1793 noch nicht vergessen, und wenn man uns dazu zwingt, kann es kommen, daß wir das hundertjährige Jubiläum von 1793 feiern, indem wir zeigen, daß die deutschen Arbeiter von 1893 der Sansculotten von damals nicht unwürdig sind...«

[33] STREITPUNKT 2, 23: Die Permanenz der Revolution und die Einheit des Gegensatzes von politischer und sozialer Revolution.

Dies übrigens als zusätzliches Argument gegen die dort in Anm. 83 von Theodor Schieder vorgetragene These, daß für die ‚Partei Marx’ die »Revolution in Permanenz« als revolutionäre Taktik keine weitere über die Revolution von 1848 hinausgehende Verwendung gefunden habe.

[34] STREITPUNKT 2, 43: ‚Sozialpatriotismus’ oder linker Sozialimperialismus.

[35] DEBATTE 1 Anhang 1 Partei Marx an GIB (Zur Diskussion:), 3.

[36] DEBATTE 1 Anhang 2: Einladung.

[37] Siehe Anm. 7.

[38] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals MEW 23 (245-320) [Nachweise in Klammern im Text].

[39] Friedrich Engels: Die englische Zehnstundenbill, MEW 7 (233-243), erschienen 1850 in der Neuen Rheinischen Zeitung, Politisch-ökonomische Revue [Nachweise in Klammern im Text].

[40] Die MEW-Herausgeber kommentieren in einer Anmerkung (162) ziemlich peinlich berührt die Engelssche Kritik am politischen Ökonomismus der englischen Reaktion: »In den späteren Arbeiten gaben Marx und Engels eine genauere Charakterisierung des Gesetzes über den Zehnstundentag«. Sie konnten ja schlecht schreiben, daß Marx diesen Aufsatz auch in der wichtigsten seiner »späteren Arbeiten« kommentarlos zitiert.

[41] KRITIK 1 An Django Schins: Zur Kritik am Projekt Partei Marx, 29: Wenn die ungarische Linke beweisen will, daß alle Kreter (Politiker) lügen, begibt sie nicht nur in die Gefahr einer ‚schlechten Unendlichkeit’ (Hegel), sondern auch in die schlechte Nachbarschaft der ungarischen Rechtsradikalen.