[2] [Mit
Zusendung des Artikels von Engels ‚Die auswärtige Politik des russischen
Zarentums’ an die Mitglieder des Politbüros des ZK halte ich es für erforderlich,
diesem folgende Bemerkungen voranzuschicken.]
[Anm. 423] Genosse Adoratski schlägt
vor, in der nächsten, dem zwanzigsten Jahrestag des imperialistischen
Weltkriegs gewidmeten Nummer des
Bolschewik den
bekannten im Jahre 1890 zum ersten Mal im Ausland veröffentlichten Artikel von
Engels ‚Die auswärtige Politik des russischen Zarentums’ abzudrucken. Ich würde
es für durchaus normal halten, wenn man vorschlüge, diesen Aufsatz in einem Sammelband
der Schriften von Engels oder in einer der historischen Zeitschriften
abzudrucken. Man schlägt uns aber vor, ihn in unserer Kampfzeitschrift, im Bolschewik in einer Nummer abzudrucken,
die dem zwanzigsten Jahrestag des imperialistischen Weltkriegs gewidmet ist. Folglich ist man der Meinung, daß dieser Artikel als ein richtunggebender oder
jedenfalls als ein Aufsatz zu betrachten sei, der für unsere Parteiarbeiter vom
Standpunkt der Klärung der Probleme des Imperialismus und der imperialistischen
Kriege außerordentlich lehrreich sei. Ungeachtet seiner Vorzüge hat jedoch Engels’
Artikel, wie aus seinem Inhalt ersichtlich ist, diese Qualitäten leider nicht.
Mehr noch, er weist eine Reihe von Mängeln auf, die den Leser, wenn der
Artikel ohne kritische Bemerkungen veröffentlicht wird, verwirren können.
Darum halte ich es für unzweckmäßig, den Artikel von Engels in der nächsten
Nummer des Bolschewik zu
veröffentlichen.
[3] [Aber um welche Mängel
handelt sich?
1. Nachdem Engels die expansionistische Politik des
russischen Zarentums kritisiert und das Verabscheuenswürdige dieser Politik
gebührend gewürdigt hat, erklärt er diese nicht nur mit dem ‚Drang’ einer
kriegerisch-feudalistisch-kaufmännischen Elite Rußlands nach Zugängen zum Meer,
nach Seehäfen, nach der Erweiterung des Außenhandels und der Einnahme
strategischer Stützpunkte, sondern vor allem damit, daß angeblich an der Spitze
der russischen Außenpolitik eine äußerst einflußreiche und talentierte Clique
ausländischer Abenteurer stehe, die aus unerfindlichen Gründen immer und
überall mit Erfolg operiert, der es auf wundersame Weise gelingt, jedes beliebige
Hindernis auf dem Weg zu ihren abenteuerlichen Zielen zu beseitigen und alle
europäischen Regierungen geschickt an der Nase
herumzuführen und die es schließlich erreicht hat, daß Rußland in militärischer
Hinsicht zum mächtigsten Staat geworden ist.
Eine solche Behandlung dieser Frage mag aus dem Mund von Engels mehr als
unwahrscheinlich erscheinen, aber sie ist leider eine Tatsache.
Hier die entsprechenden Zitate aus dem Aufsatz von Engels:
(14) »Die
auswärtige Politik ist unbedingt die Seite, wo das Zarentum stark, sehr stark
ist. Die russische Diplomatie bildet gewissermaßen einen modernen
Jesuitenorden, mächtig genug, im Notfall selbst zarische Launen zu überwinden
und der Korruption in seinem eignen Innern Herr zu werden, um sie desto
reichlicher nach außen auszustreuen; einen Jesuitenorden, rekrutiert
ursprünglich und vorzugsweise aus Fremden, Korsen wie Pozzo di Borgo, Deutschen
wie Nesselrode, Ostseedeutschen wie Lieven, wie seine Stifterin Katharina II.
eine Fremde war.
(15) Bis jetzt hat
nur ein Vollrusse, Gortschakow, die höchste Stelle in diesem Orden bekleidet,
und sein Nachfolger, von Giers, trägt wieder fremden Namen. Es ist diese ursprünglich aus fremden Abenteurern
rekrutierte geheime Gesellschaft, die das Russische Reich auf seine gegenwärtige
Machtfülle gehoben hat. Mit eiserner Ausdauer, unverrückt den Blick auf das
Ziel geheftet, vor keinem Treubruch, keinem Verrat, keinem Meuchelmord, keiner
Kriecherei zurückschreckend, Bestechungsgelder mit vollen Händen austeilend,
durch keinen Sieg übermütig, durch keine Niederlage verzagt gemacht, über die
Leichen von Millionen Soldaten und wenigstens eines Zaren hinweg, hat diese
talentvolle Bande mehr als alle russischen Armeen dazu beigetragen, die Grenzen
Rußlands vom Dnepr und der Dwina bis über die Weichsel, bis an den Pruth, die
Donau und das Schwarze Meer, vom Don und der Wolga bis über den Kaukasus und zu
den Quellgebieten des Oxus und Jaxartes vorzuschieben, Rußland groß, gewaltig,
gefürchtet zu machen und ihm den Weg zur Weltherrschaft zu eröffnen.«
(Siehe den oben genannten Aufsatz von Engels).
[5] Man könnte meinen, daß in
der Geschichte Rußlands – in seiner [wörtlich!] Außen-Geschichte – die Diplomatie alles, die Zaren, Feudalherren,
Kaufleute und all die anderen sozialen Gruppen dagegen – nichts oder so gut wie
gar nichts bedeutet haben.
Man könnte meinen, daß, wenn an der Spitze der russischen Außenpolitik keine
ausländischen Abenteurer wie Nesselrode oder Giers gestanden hätten, sondern
russische Abenteurer wie Gortschakow und andere, daß dann auch die russische
Außenpolitik einen anderen Weg eingeschlagen hätte.
Ich spreche schon gar nicht davon, daß diese expansionistische Politik mit all ihrer
Verabscheuenswürdigkeit und all ihrem Schmutz keineswegs ein Monopol der
russischen Zaren darstellte. Jeder weiß, daß diese expansionistische Politik -
in geringerem, wenn nicht größerem Umfang – Königen und Diplomaten aller europäischen Staaten zu eigen war, einschließlich
der bürgerlichen Ausgabe eines Kaisers wie Napoleon, der, ungeachtet seiner
nicht-kaiserlichen Abstammung in seiner Außenpolitik Intrigen, Betrug, Verrat,
Schmeichelei, Greueltaten, Bestechung, Mord, Brandstiftung problemlos
praktiziert hat.
Nun ja, es konnte auch nicht anders sein.
Offenbar hat sich Engels in seinem Pamphlet gegen das russische Zarentum (und
der Artikel von Engels - ist ein gutes polemisches Pamphlet) ein wenig
hinreißen lassen und für einen winzigen Augenblick einige grundlegende, ihm
aber wohlbekannte Dinge vergessen.]
[1210] 2. Engels charakterisiert
die Lage in Europa und legt die Ursachen und Perspektiven des herannahenden
Weltkriegs dar; er schreibt:
(45) »Die heutige europäische
Lage wird beherrscht von drei Tatsachen: 1. der Annexion von Elsaß-Lothringen
an Deutschland, 2. dem Drang des zaristischen Rußlands nach Konstantinopel, 3.
dem in allen Ländern immer heißer entbrennenden Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie, dessen Thermometer die überall im
Aufschwung begriffene sozialistische Bewegung ist.
Die ersten beiden bedingen die heutige Gruppierung Europas in zwei große
Heerlager. Die deutsche Annexion macht Frankreich zum Bundesgenossen von
Rußland gegen Deutschland, die zarische Bedrohung Konstantinopels macht
Österreich, selbst Italien zu Bundesgenossen Deutschlands. Beide Lager rüsten
für einen Entscheidungskampf, für einen Krieg, wie ihn die Welt noch keinen
gesehn, wo zehn bis fünfzehn Millionen Kämpfer einander in Waffen
gegenüberstehen werden. Nur zwei Umstände haben bis heute den Ausbruch dieses
furchtbaren Krieges verhindert: erstens der unerhört rasche Fortschritt der
Waffentechnik, der jedes neuerfundene Gewehrmodell durch neue Erfindungen
überflügelt, ehe es nur bei einer Armee eingeführt werden kann, und zweitens die absolute Unberechenbarkeit der
Chancen, die totale Ungewißheit, wer aus diesem Riesenkampf schließlich als
Sieger hervorgehen wird.
Diese ganze Gefahr eines Weltkriegs verschwindet an dem Tag, wo eine Wendung
der Dinge in Rußland dem russischen Volk erlaubt, durch die traditionelle
Eroberungspolitik seiner Zaren einen dicken Strich zu machen und sich mit
seinen eignen, aufs äußerste gefährdeten innern Lebensinteressen zu
beschäftigen, statt mit Weltherrschaftsphantasien.
(44) ...daß eine russische Nationalversammlung, um nur die dringendsten
inneren Schwierigkeiten zu überwinden, sehr bald allem Drängen nach neuen
Eroberungen einen entscheidenden Riegel vorschieben muß.
(48) Europa gleitet
wie auf einer schiefen Ebene mit wachsender Geschwindigkeit abwärts, dem
Abgrund des Weltkriegs von bisher unerhörter Ausdehnung und Heftigkeit
entgegen. Nur eins kann hier Halt gebieten: ein Systemwechsel in Rußland. Daß
er binnen wenig Jahren kommen muß, daran kann kein Zweifel sein.«
[1211] Man kann nicht umhin zu
bemerken, daß in dieser Charakteristik der Lage Europas und in der Aufzählung
der Ursachen, die zum Weltkrieg führen, ein wichtiges Moment außer acht
gelassen wurde, das dann eine entscheidende Rolle gespielt hat, und zwar das
Moment des imperialistischen Kampfes um Kolonien, um Absatzmärkte, um
Rohstoffquellen, das schon damals von sehr ernster Bedeutung war; es wurde
außer acht gelassen die Rolle Englands als eines Faktors des kommenden
Weltkriegs, das Moment der Widersprüche zwischen Deutschland und England, der
Widersprüche, die schon damals von ernster Bedeutung waren und dann eine fast
bestimmende Rolle in der Entstehung und Entwicklung des Weltkriegs spielten.
Ich glaube, daß dieses
Versäumnis den Hauptmangel des Engelsschen Artikels darstellt.
Aus diesem Mangel entspringen die übrigen Mängel, unter denen die folgenden
hervorzuheben nötig wäre:
a) Die Überschätzung der Rolle des Dranges des zaristischen Rußlands nach
Konstantinopel im Heranreifen des Weltkriegs. Wohl hat Engels als Kriegsfaktor
anfangs die Annexion von Elsaß-Lothringen an Deutschland an die erste Stelle
gesetzt, aber dann schiebt er dieses Moment in den Hintergrund und die
Eroberungsbestrebungen des russischen Zarismus in den Vordergrund, wobei er
behauptet, daß die »ganze Gefahr eines Weltkriegs an dem Tag verschwindet, wo
eine Wendung der Dinge in Rußland dem russischen Volk erlaubt, durch die traditionelle
Eroberungspolitik seiner Zaren einen dicken Strich zu machen«.
Das ist natürlich eine Übertreibung.
[1212] b)
Die Überschätzung der Rolle der bürgerlichen Revolution in Rußland, die Rolle
der »russischen Nationalversammlung« (bürgerliches Parlament) bei der Verhütung
des herannahenden Weltkrieges. Engels behauptet, der Sturz des Zarismus sei das
einzige Mittel zur Verhütung des Weltkriegs. Das ist eine offensichtliche
Übertreibung. Eine neue, | bürgerliche Ordnung
in Rußland mit ihrer »Nationalversammlung«
hätte den Krieg schon deswegen nicht verhüten können, weil die Haupttriebfedern
des Krieges in der Ebene des imperialistischen Kampfes zwischen den
entscheidenden imperialistischen Mächten lagen. Es handelt sich darum, daß seit
der Niederlage Rußlands in der Krim (in den fünfziger Jahren des vergangenen
Jahrhunderts) die selbständige Rolle des Zarismus auf dem Gebiet der
Außenpolitik Europas bedeutend zu sinken begann, und kurz vor dem
imperialistischen Weltkrieg spielte das zaristische Rußland im wesentlichen die
Rolle einer Hilfsreserve für die Hauptmächte Europas.
c) Die Überschätzung der Rolle der zaristischen Macht als der »letzten starken
Festung der gesamteuropäischen Reaktion« (Engels’ Worte). Daß die zaristische
Macht in Rußland eine starke Festung der gesamteuropäischen (und auch der
asiatischen) Reaktion war - darüber kann es keinen Zweifel geben. Aber daß sie
die letzte Festung dieser Reaktion
war - das ist mit Verlaub zu bezweifeln.
Es ist notwendig festzustellen, daß diese Mängel des Engelsschen Artikels nicht
nur „historischen Wert“ haben. Sie haben auch eine sehr wichtige praktische
Bedeutung oder mußten sie haben. In der Tat: Wenn der imperialistische Kampf um
Kolonien und Einflußsphären als Faktor des herannahenden Weltkriegs außer acht
gelassen wird, wenn die imperialistischen Widersprüche zwischen England und
Deutschland ebenfalls außer acht gelassen werden, wenn die Annexion
Elsaß-Lothringens an Deutschland als Kriegsfaktor in den Hintergrund, der Drang
des russischen Zarismus nach Konstantinopel als der wichtigste und sogar
bestimmendste Kriegsfaktor aber in den Vordergrund geschoben wird, wenn
schließlich der russische Zarismus die letzte Stütze der gesamteuropäischen
Reaktion ist - ist es dann nicht klar, daß ein Krieg - sagen wir - des
bürgerlichen Deutschlands gegen das zaristische Rußland kein imperialistischer,
kein räuberischer, kein volksfeindlicher Krieg, sondern ein Befreiungskrieg
oder fast ein Befreiungskrieg ist?
Es ist kaum zu bezweifeln, daß ein analoger Gedankengang den Sündenfall der
deutschen Sozialdemokratie am 4. August erleichtern mußte, als sie beschloß,
für die Kriegskredite zu stimmen und die Losung der Verteidigung des
bürgerlichen Vaterlandes gegen das zaristische Rußland, gegen die „russische
Barbarei“ usw. verkündete.
[1213] Es
ist charakteristisch, daß Engels in seinen 1891 geschriebenen Briefen an Bebel (ein
Jahr nach der Veröffentlichung seines Artikels), in | denen er die Perspektiven
des herannahenden Krieges behandelt, direkt sagt, daß »der Sieg Deutschlands also
der Sieg der Revolution ist«, daß er schreibt, »wenn Rußland Krieg anfängt,
druf auf die Russen und ihre Bundesgenossen, wer sie auch seien«.
Es ist verständlich, daß bei einem solchen Gedankengang kein Raum ist für den
revolutionären Defätismus, für die Leninsche Politik der Umwandlung des
imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg.
So steht es mit den Mängeln des Engelsschen Artikels.
Offenbar war Engels von dem damals (1890/91) sich anbahnenden
französisch-russischen Bündnis, das seine Spitze gegen die österreichisch-deutsche
Koalition richtete, beunruhigt und steckte sich das Ziel, in seinem Artikel die
Außenpolitik des russischen Zarismus zu attackieren und der öffentlichen
Meinung Europas und vor allem Englands jedes Vertrauen zu ihr zu nehmen. Aber bei
der Verfolgung dieses Ziels ließ er eine Reihe anderer wichtiger und sogar
bestimmender Momente außer acht, was eine Einseitigkeit des Artikels zur Folge
hatte. Lohnt es sich nach all dem Gesagten, Engels’ Artikel in unserem
Kampforgan, dem Bolschewik, als einen
richtunggebenden oder jedenfalls höchst lehrreichen Artikel abzudrucken? Denn
es ist doch klar, daß eine Veröffentlichung im Bolschewik bedeuten würde, ihn stillschweigend gerade als solchen
zu empfehlen.
Ich denke, es lohnt sich nicht.
19. Juli 1934