Keinen Schritt vorwärts ohne zwei Schritte zurück!
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1. Was ist das: partei Marx?
partei Marx ist der Name[1] für ein theoretisches Projekt, worin vorausgesetzt wird, daß die Marxsche Theorie auf ihre politische Wirksamkeit hin ausgearbeitet wurde.
Den rein theoretischen von Akademikern bevorzugten Karl Marx als Vollender der Hegelschen Metaphysik hat es unter dieser Voraussetzung nie gegeben; andererseits waren die Hegelianisierenden Wiederbelebungsversuche des ‚Marxismus’, an erster Stelle die der Frankfurter Schule und ihrer Nachfolger, ein durchaus legitimer Reflex auf die undialektische, sprich mechanistische Bestimmung des Verhältnisses von Theorie und Praxis aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Allerdings war dabei von den Frankfurtern vermieden worden, sich mit den Gründen für die theoretische Versumpfung des „Sowjetmarxismus“ näher politisch auseinanderzusetzen, d.h. vor allem mit der Frage, ob es sich dabei nur um die Folgen einer noch korrigierbaren ‘Fehlentwicklung’ oder das Ergebnis einer veritablen Konterrevolution, wodurch auch für sie am ‚Marxismus’ (-‚Leninismus’) nichts mehr zu retten gewesen war, gehandelt haben mußte.
Im Verhältnis von Theorie und Praxis liegt seither entweder die Praxis jenseits der Theorie (Ökonomismus) oder die Theorie jenseits der Praxis (Akademismus); die Dialektik wird durch die dualistische Behandlung dieses Verhältnisses von der Sache selbst getrennt; zurück bleibt entweder die akademische Übung im reinen ‚Marxismus’ oder der armselige Pragmatismus, mit dem Stalin 1924 (kurz nach Lenins Tod) die Dialektik aus dem Widerspruch von Theorie und Praxis ausgetrieben hat.[2]
Die Bedeutung der Theorie wurde dabei von der gerade entstehenden neuen Klasse der Sowjetbourgeoisie darauf reduziert, ihre Herrschaft über das Proletariat und die Bauern ‚marxistisch-leninistisch’ zu legitimieren und als Beitrag zum revolutionären Klassenkampf ausgegeben. Aber, um zu vermeiden, daß diese „zwei Schritte zurück“ zu Marx als einer jener theoretischen Rekonstruktionsversuche mißverstanden werden, die einen praxisgereinigten Marx gegen die allein dem Pragmatismus verpflichteten Vulgarisierer seiner Theorie (Engels, Lenin usw.) ausspielen wollen[3] – um letztlich bei Kautsky zu landen – muß der erste Schritt darin bestehen, die entscheidenden politischen Kontroversen, die an den Wendepunkten der Klassenkämpfe seit dem Kommunistischen Manifest aufgetreten sind, näher zu bestimmen und zu analysieren. Dazu gehören zumindest folgende elementare Streitpunkte.
Die elementaren Streitpunkte:
1. Streitpunkt:
die, wenn auch mit entgegengesetzten Schlußfolgerungen, von W. I. Lenin und J. W. Stalin vertretene Auffassung von der revolutionären Mission Rußlands und die Einschätzung dieser Mission durch K. Marx (Herr Vogt) und F. Engels (Die auswärtige Politik des russischen Zarentums).
[Streitpunkt 1: Über die folgenschwere Folgelosigkeit der Einschätzung der russischen Bauerngemeinde und ihres Verhältnisses zur Revolution in Westeuropa durch Karl Marx]
2. Streitpunkt:
die einander entgegengesetzten Bestimmungen der ‚Nationalen Frage’ und ihrer Lösungsvorschläge durch J. W. Stalin (als metaphysische) und W .I. Lenin (als dialektische), die, nach Durchsetzung der Stalinschen Auffassung, zur Umwandlung des Proletarischen Internationalismus in den großrussischen National-Chauvinismus geführt haben.
[Streitpunkt 2: Warum Lenins „letzter Kampf“ gegen den linken Sozialimperialismus nicht zu gewinnen war.]
3. Streitpunkt:
die Bestimmung des deutschen Faschismus als nationale Erbkrankheit des ‘ewigen Deutschen’ oder als ‘von oben’ angezettelte ‘proletarische’ Gegen-Revolution, durch die sich der Großteil der deutschen Bourgeoisie vor einer von ihr befürchteten proletarischen Revolution um den Preis einer Menschheitskatastrophe zu retten versucht hat.
4. Streitpunkt:
die Bestimmung des ‘Stalinismus’ als unvermeidliches Resultat der Oktoberrevolution oder als Gegen-Revolution in der Revolution mit Hilfe eines klassischen Putsches (provoziert durch den ‘von oben’ inszenierten Kirow-Mord) in der Tradition der Thronfolgekämpfe der russischen Zaren.
5. Streitpunkt:
Bestimmung des Kampfes gegen den deutschen Nationalsozialismus im Sinne der Taktik der Stalinschen UdSSR zur Beseitigung eines konkurrierenden Weltherrschaftsaspiranten („Antifaschismus“) oder als Verteidigungskampf der vom nationalsozialistischen Deutschland (und dessen Verbündeten) bedrohten und unterworfenen Völkern und Nationen (einschließlich des deutschen Volkes und der deutschen Nation) verbunden mit der Alternative: Führung dieses Kampfes im Korsett preußisch-zaristischer Traditionen, die diesem von J. W. Stalin aufgezwungen wurden oder als demokratisch-revolutionären Widerstand in der Tradition der Jakobiner und der europäischen Revolutionen von 1848 im Sinne von Karl Marx und Friedrich Engels („Revolution in Permanenz“).
6. Streitpunkt:
Bestimmung des Aufstandes der am Kampf gegen den deutschen Nationalsozialismus beteiligten Kolonialvölker und Nationen der sog. ‚Dritten Welt’ gegen ihre ‚Mutterländer’ und die neue Weltmacht USA als Stellvertreterkrieg zwischen der UdSSR und den USA („Antiimperialismus“) und Führung des „antiimperialistischen Kampfes“ reduziert auf die Weltmachtkonkurrenz der beiden ‚Supermächte’ und im Korsett groß-russischer Weltmachtinteressen und der Interessen der Nationalen Bourgeoisien der ‘Dritten Welt’ oder, in der Kontinuität der Oktober-Revolution und der Chinesischen Revolution, als Ausgangspunkt für eine weltrevolutionäre Bewegung, in der sich im (nicht stattgefundenen) Kampf gegen den dahinter versteckten Sozialimperialismus das neue Weltproletariat zu konstituieren gehabt und das Scheitern dieses Kampfes verhindert hätte.
7. Streitpunkt:
Dieser dreht sich um die heute von ‘linken’ und rechten Ethnizisten von entgegengesetzt erscheinenden Positionen aus vertretene Auffassung, daß es sich bei den Konflikten zwischen den verschiedenen ‘Rassen’, Religionen, Nationen um antagonistische Gegensätze handele, die nur durch den Untergang der fremden ‘Rasse’, Religion, Nation zu beseitigen seien oder um die entgegengesetzte Auffassung, daß diese Konflikte diesen antagonistischen Charakter durch interessierte Weltherrschaftsaspiranten erhalten, der mit der Entfaltung der Klassenkämpfe im Kapitalismus ihre dialektische Aufhebung im Sinne von Karl Marx (Zur Judenfrage) erfahren wird. Von Ethnizismus ist z.B. dann zu sprechen, wenn vorgegeben wird, den US-Imperialismus vom Standpunkt des (großrussischen) Panslawismus oder den Antisemitismus vom Standpunkt des (großisraelischen) Zionismus oder den angeblich erneut die Welt bedrohenden (großdeutschen) Nationalsozialismus von Positionen aus zu bekämpfen, die häufig eine Mischung aus Antiamerikanismus, Panslawismus und Zionismus darstellen, wobei, als bakunistische Pointe des ganzen, die einfache Negation der deutschen Staatlichkeit, und nur dieser, bei den („anti-deutschen“) Bakunisten auf einen Ethnizismus gegenüber dem eigenen Volk hinausläuft, der, wiederum als einfache Negation, ein gefundenes Fressen für die Neo-Nazis darstellt und ihnen die Legitimation frei Haus liefert, ‘ihr’ Toitschland von den „Zecken“ ‘befreien’ zu sollen, also in logischer Konsequenz Deutschland den Nazis ausliefert – eine politisch anheimelnde Bürgerkriegsperspektive, deren Beobachter nicht weiß, wessen Rassismus und wessen (Anti-) Deutschtümelei ihn mehr anöden soll, oder ob er das ganze nur für eine üble Farce halten muß.
Kurzum: je nachdem, wie sie sich zu den oben im groben Umriß angedeuteten Streitfragen verhält, wird die deutsche Arbeiterbewegung als Teil des Weltproletariats wieder auferstehen oder im Bannkreis pseudo-revolutionärer Phrasen und ihr fremder Interessen verkümmern.
2. Was soll die partei Marx ?
partei Marx wird als Verständigungsmittel des politischen Exils im eigenen Land fungieren müssen und dabei auf wenig Verständnis hoffen können; weder bei dem Teil der einstigen BRD-Linken, der die Vereinigung der beiden deutschen Staaten als Signal für ihre Resozialisierung zu politischen Geschäftsführern der Bourgeoisie mißversteht noch bei jenem integrationsunwilligen restdeutschen ‘linken’ Bodensatz, der, sozusagen auf der Gegenfahrbahn der Geschichte Aufstellung nehmend, seine Trauer über das Entschwinden seines (doch so wenig) „realen Sozialismus“ unter lärmender, aber leerer Geschäftigkeit abarbeitet.
Und dabei erzeugen die Abkömmlinge der politisch bankrott gegangenen Nomenklatura gemeinsam mit ihrem ‘westdeutschen’ Anhang bei nicht geringem propagandistischen Geschick den Eindruck, als seien die Ziele ihres (bis dato noch ungeschriebenen) revisionistischen Programms (Wiederherstellung der Sowjetunion und DDR incl.) identisch mit der Zukunft der Menschheit, selbst wenn sie dafür Bündnisse mit nationalistischen Völkermördern im Namen des Anti-Amerikanismus in Kauf zu nehmen bereit sind.
partei Marx ist kein Aufruf zu einer der üblichen Parteigründungen, sondern zur Parteinahme; auch nicht zur Sammlung einer Herde von Gläubigen um ihren Propheten, sondern die Schaffung eines Netzwerks von Parteigängern der kommunistischen Sache.
Marx hat als erster revolutionärer Theoretiker dem Kommunismus eine solide wissenschaftliche Begründung verschafft, die sich bis dato allen philanthropischen Begründungsversuchen als überlegen erweist. Allerdings haben Biographen wie z.B. Konrad Löw mit jener in der deutschen Sozialdemokratie sehr bald nach Marx’ Tod einsetzenden Heiligenverehrung bis hin zum Marx-Kult, wie er in der DDR betrieben worden ist, ausreichend Material geliefert bekommen, um die Pervertierung des Kommunismus zum Stalinschen und ‘realen’ Kasernen-Sozialismus bereits in den angeblichen oder tatsächlichen Charakterschwächen des Karl Marx vorgeformt zu finden.[4] Oder was hat der 1989 in sich zusammengebrochene staatsterroristische Spießersozialismus Marke DDR (die gelungene Mischung aus einem Sozialismus à la Kautsky und Stalin) mit der Person Karl Marx oder gar dem zu tun, was dieser unter Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft durch den Kommunismus verstanden hat?
Der hier vorgeschlagene Versuch einer Parteinahme ist daher gegen die von allen Seiten betriebene Vermischung der Person mit der Sache und auf eine Versachlichung, Entpersonalisierung, Vergemeinschaftung der Inhalte gerichtet, die sich seit dem Kommunistischen Manifest mit dem Namen Marx verbinden. Theorie ohne eine solche Parteinahme bleibt bestenfalls politisch wirkungslos, schlimmstenfalls politisch instrumentalisierbar durch ‚Marxisten’ aller Art. Eine solche Parteinahme muß einhergehen mit der Rückkehr zu einem Parteiverständnis, worin auf den ganzen partei-bürokratischen Mummenschanz, der die revolutionäre Klasse nur formell unter einen Hut bringt, zugunsten eines „einfachen sich von selbst verstehenden Zusammenhangs gleichgesinnter Klassengenossen“ verzichtet wird.[5]
Exklusiv verhalten sollte sich die neu zu konstituierende revolutionäre Klasse einzig und allein zu den Inhalten der Politik des Bürgertums.[6] Eine geheime Organisation war demnach nur erforderlich, wenn der Ausnahmezustand diese gebot[7]; aber solche Einschränkungen der bürgerlichen Legalität mußte die Bourgeoisie im Interesse eines ungehinderten Waren- und Kapitalverkehrs und der ‘Logik des Kapitals’ folgend immer wieder aufheben.
Diese Regel war allerdings nicht anwendbar auf das autokratisch beherrschte Rußland vor 1917 mit seiner ‘von oben’ lizensierten und eingeschränkten kapitalistischen Entwicklung und seiner minimalen bürgerlichen Legalität, das sich im Ausnahmezustand in Permanenz befand und einen proletarischer Geheimbund in der Tradition der Volkstümler (Bolschewiki) durchaus erforderlich gemacht hatte.[8] Aber gerade weil die historische Notwendigkeit dieser Organisationsform nicht zu bestreiten ist, kann der Bolschewismus „als Vorbild der Taktik für alle“ keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit für sich erheben. Denn nur bezogen auf die konkrete historische Situation in Rußland war „die Taktik der Bolschewiki richtig“; in dem Maße jedoch, wie W. I. Lenin losgelöst davon für diese Taktik, die „durch den gewaltigen Erfolg gerechtfertigt … zum Weltbolschewismus geworden“ war, beanspruchte, „die ideologischen und taktischen Grundlagen für die wirklich proletarische und kommunistische Internationale geschaffen“[9] zu haben, verlor diese ihre Allgemeingültigkeit. Und daher ist heute jede (z.B. ‚marxistisch-leninistische’) Fortschreibung dieser Taktik, ohne deren historische Notwendigkeit konkret zu begründen, entweder ächerlichkeit oder ein schlichtes Betrugsmanöver.
Sowohl der (auf Rußland beschränkt durchaus erforderliche, aber nicht verallgemeinerbare) proletarisch-revolutionäre Staats-Terrorismus (Lenin) als auch die (a-) soziale Beamten-Demokratie (Kautsky), bleiben einem exklusiven Parteiverständnis verpflichtet: einer Partei von Berufsrevolutionären oder Partei-Berufsbeamten; beides entspricht einem Kapitalismus, in dem die Lohnarbeit noch nicht wie heute in den USA als Arbeit schlechthin zur praktischen Realität geworden ist.[10]
3. Warum: Zwei Schritte zurück?
Es gibt keine wissenschaftliche Analyse der Bürgerlichen Gesellschaft, die den heutigen Kapitalismus so weitgehend antizipiert, wie Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie von Karl Marx.
Kennzeichen dieses modernen Kapitalismus ist, daß das Individuum in den hochkapitalistischen Industrieländern zu seiner entscheidenden Produktivkraft geworden ist. Der Unterschied zwischen dem Massen-Arbeiter, der in den ‘Niedriglohnländern’ gerade in Erscheinung tritt und dem individualisierten und hoch qualifizierten Produzenten in den alten kapitalistischen Industrieländern, besteht darin, daß das diesem abverlangte Arbeitsergebnis auf eine Weise ‘internalisiert’ werden muß, als ob es das Ergebnis seiner Arbeit unter eigenen und nicht fremden Arbeitsbedingungen wäre. Diese Einstellung zur Arbeit wird von den Kapitalisten zur Voraussetzung für Einstellung der Arbeiter gemacht, eine doppelte Entfremdung, in die die vollständig unter das Kapital subsumierte Subjektivität des Lohnarbeiters desto tiefer versinkt, je bereitwilliger sie sich im Konsumismus der Freizeit-Industrie davon zu befreien glaubt.
Die Frage ist nun, ob es sich bei diesem ‘Autonomie’-Gewinn des modernen Mehrwertproduzenten um den Preis der doppelten Entfremdung, d.h. seiner in diesem Schein vernichteten, weil unter das Kapital subsumierten Subjektivität, um einen dem Klassenwiderspruch entsprechenden und vergleichbaren Antagonismus handelt; bzw. ob die Konflikte, in denen seine doppelte Entfremdung in der Konsumsphäre, sozusagen an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft, zum Vorschein kommt, d.h. zwischen Konsumwelt und seinen „realen Bedürfnissen“, den eigentlichen Antagonismus im heutigen Kapitalismus ausmachen? Letzeres die Antwort der Frankfurter Schule und der Studentenbewegung; wo hingegen in den minimalistisch geführten Tarifauseinandersetzungen der Gewerkschaftsbehörden mit den Unternehmern, worin sich Kapital und Arbeit wechselseitig gegen die Drohung der absoluten Verelendung und des Klassenkampfes (für beide Seiten mehr oder weniger vorteilhaft) rückversichern, so gut wie keine Antwort darauf zu finden ist. Die Diskrepanz zwischen der von der Arbeiterklasse vordergründig erfahrenen Selbstverwirklichung durch die Individualisierung ihrer produktiven Tätigkeit und der Subsumierung ihrer individualisierten Arbeit unter das Kapital, erfährt sie, wiederum individuell, erst bei der Entlassung mit der zwangsläufig eintretenden Wirtschaftskrise, nun aber als individuelles Versagen, worin ihr ‘Autonomie’-Gewinn als Illusion zerplatzt. Die post-modern (oder nietzeanisch) als subjektiver Autonomiegewinn begriffene Negation der doppelten Entfremdung ist wieder auf dem Boden des einfachen Gegensatzes von Lohnarbeit und Kapital gelandet!
Heute kann das Kapital und der Weltmarkt, für den es produziert wird und über den es sich reproduziert, nicht mehr als eine nach irgendwelchen geopolitischen Kriterien (Sozialismus in einem Land versus Weltimperialismus oder Dritte und Zweite Welt gegen die Supermächte o.ä.) sich separierende, sondern muß als eine einzige Welt,als ein sich kapitalistisch integrierender Weltmarkt angesehen werden, dessen regionalen Märkten und Produktionszonen arbeitsteilige Funktionen für das im Mittelpunkt stehenden Kapitalverwertungsinteresse diktiert werden. Das ganze funktioniert durch eine von der führenden Militär- und Wirtschaftsmacht USA dominierte ‘internationale Arbeitsteilung’ zwischen weltweit organisierten und operierenden Kapital-Zentren, die miteineander um den von der Börse geforderten Maximalprofit als Überlebens-benchmark kämpfen.
Die herrschende Klasse der USA, die sichere Siegerin über ihre bisherigen welthegemonialen Konkurrenten (Hitlers Nazi-Deutschland und Stalins Sowjetunion), lebte bis zum 11. September 2001 mit der restlichen kapitalistischen Welt im Zustand der ‘friedlichen Koexistenz’ und des ‘friedlichen Wettbewerbs’. Die Individualisierung der Arbeit als Produktivkraft war bisher auch Resultat der friedlichen Verhältnisse in der westlich-östlichen ‘Waffenstillstandszone’ gewesen, während jenseits derselben der Kapitalismus abgelebte Produktionsweisen – von der Sklaverei bis zum Frühkapitalismus – in die internationale Arbeits-Teilung (auch dies im wörtlichen Sinn!) integriert hat, deren unbedingt notwendige Konservierung die andere Seite seiner Überlebensbedingungen darstellt. Im Stil des 19. Jahrhunderts werden von Staaten- und Wirtschaftsgruppen im Kampf um Einflußzonen in der Dritten Welt, für die Kants von den bürgerlichen Nationen inzwischen aktzeptierter Ewiger Frieden nicht gilt, sondern der Bürgerkrieg, ethnische Bürgerkriegsarmeen aufeinander gehetzt, die (zur Freude ‘westlicher’ Waffenexporteure und Rohstoffimporteure) einander in lokalen Rassenkriegen aufreiben und wie eine (teilweise in Kinderarmeen organisierte) Heuschreckenplage über das Land ziehen – Eine fürwahr archaische ‘Moderne’!
Die herrschende Klasse der USA hat über Jahrzehnte hinweg daran gearbeitet, die revolutionäre antiimperialistische Welle, von der die Dritte Welt in der Nachkriegszeit nach 1945 aufgewühlt worden war, an dieser Politik des Ethnizismus sich brechen und die frisch gegründeten antiimperialistischen Staaten durch die Förderung interner Stammeskriege wieder auseinanderfallen zu lassen; dies auch, um zu verhindern, daß diese Staaten unter die Vorherrschaft ihrer Weltmachtkonkurrentin Sowjetunion gerieten (die selbst wiederum pseudo-antiimperialistische ‘revolutionäre’ Parteien oder Bewegungen, deren ‘Nomenklatura’ gleichfalls ethnisch dominiert war, nur zu dem Zweck gefördert hatte, um diese politisch und ökonomisch an sich zu binden und besser ausbeuten zu können). Nach der Kapitulation der Sowjetunion als Welthegemonialmacht hat der Ethnizismus seine selbstzerstörerische Kraft in der von den ehemaligen Kolonialmächten verlassenen Dritten Welt noch potenziert.
Diese Politik ist den USA am 11. September 2001 auf die Füße gefallen. Die vielen einzelnen ethnischen Stammeskriege, nach denen im ‘Westen’ häufig kein Hahn mehr gekräht hatte, haben sich in einen globalen Rassenkrieg[11] gegen den langjährigen Sponsor solcher Kriege verwandelt, dessen neue Dimension nun darin besteht, daß dieser Krieg von den ‘gefallenen Engeln’ der amerikanischen Geheimdienste (jener Noriega, Milosevic und wie sie alle heißen) „in die Metropole getragen“ und zu einem Fanal der Elenden und Beleidigten aus jenen Weltteilen gemacht wird, die aus der arbeitsteiligen Weltausbeutungsordnung herausfallen und in ihrem sozialen Elend nur noch im „Opium des Volks“ ihre Rettung suchen.[12]
Zwar hat, wie es im Kommunistischen Manifest[13] heißt, die „Bourgeoisie … in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt“ (464) und spielt diese noch, was die Revolutionierung der „Produktionsinstrumente, also … Produktionsverhältnisse, also sämtliche(r) gesellschaftlichen Verhältnisse…“ (456) in den Ländern angeht, „wo sie zur Herrschaft gekommen“ ist. Dort hat sie „alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört.“ (464) Aber eben dieselben Verhältnisse erhält sie in großen Teilen der Dritten Welt, die als Rohstoff (bzw. die Ware Arbeitskraft) billig produzierende Länder in die internationale Arbeitsteilung integriert sind, künstlich am Leben, weil dadurch die inneren Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise kompensiert und dieselbe aufrechterhalten werden kann.[14]
Das heißt also: was ihr politisches Selbstverständnis als bürgerliche Klasse betrifft, steht die herrschende Klasse der USA zu sich selbst im Widerspruch, wenn sie als ‘Führungsmacht’ der Weltbourgeoisie die Nationen der Dritten Welt heute daran hindert, wie es im Kommunistischen Manifest heißt, „die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen… die sogenannte Zivilisation bei sich einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden“ (466). Was sie dort, in den Ländern des Nahen Ostens, Süd- und Ostasiens oder Lateinamerikas, am Leben erhält, ist Korruption, Prostitution, Bürgerkrieg und Karikaturen ihrer eigenen bürgerlichen Institutionen zum höheren Ruhme niedriger Rohstoff- und Halbfertigwarenpreise. Seit dem 11. September 2001 steht die herrschende Klasse der USA daher vor der Frage, ob sie den Rassenkrieg, der ihr und der ‘westlichen’ Lebensweise erklärt worden ist, als Krieg zur Verteidigung ihrer ureigenen, d.h. der kapitalistischen Produktionsweise, d.h. mit den Mitteln des bürgerlichen Rechts führen oder aber selbst als Rassenkrieg beantworten soll. (Die Antwort, die sie mit dem militärischen Angriff auf den Irak im Frühjahr 2003 gegeben hat, läuft bis jetzt eher auf einen Rassenkrieg denn auf die Befreiung einer Nation der Dritten Welt von ihrem orientalischen Despoten hinaus. In diesem Fall weiß sie aber, daß sie sich die Völker der Welt oder zumindest der Dritten Welt zu ihren strategischen Feinden machen wird). Denn es geht für die us-amerikanische Bourgeoisie vor allem auch darum, wie die Mitte des Jahres 2001 offen ausgebrochene Akkumulationskrise durch die bewährten Kompensationsmittel (billige Rohstoffe, billige einfache Arbeit aus und in der Dritten Welt) im Kampf gegen ihre kapitalistischen Konkurrenten zu bewältigen sein wird, und welche Auswirkungen im Zweifelsfall davon für den ’sozialen Frieden’ in den Zentren der kapitalistischen Welt zu erwarten sind.[15]
Bisher hat die Welt-Bourgeoisie die Spaltung der ‘westlichen Gesellschaft’ in, wie es im Kommunistischen Manifest heißt, „zwei große, feindliche Lager, in zwei große einander direkt gegenüberstehende Klassen…“ (463) durch die arbeiteraristokratische Entproletarisierung eines Teils der Mehrwert-Produzenten und die Verwandlung eines anderen Teils zu (im alten römischen Stil) Kostgängern der eigenen Klasse und der übrigen Gesellschaft zu neutralisieren verstanden. Sie hat sich „eine Welt nach ihrem Bilde“ (466) geschaffen, aber so, daß der Rest der Menschheit für Risiken und Nebenwirkungen dieses großen Schöpfungsprozesses aufzukommen hat. Und den hatte sie bisher voll im Griff. Diese Politik ist durch die Ereignisse des 11. September 2001 von Grund auf infrage gestellt.
In Anbetracht dieser ‘Weltlage’ muß W. I. Lenins Imperialismustheorie zwar nicht revidiert, wohl aber modifiziert werden, da sie sich ebenso wie seine Parteitheorie vielleicht als historisch, nicht aber als allgemein gültig erweist; gültig vielleicht nur für ein ‘Entwicklungsstadium’ des Kapitalismus, aus dessen feudaler Verstrickung sich die, im Vergleich zu heute, relativ schwach entwickelte Bourgeoisie Rußlands und großer Teile Asiens nicht zu befreien in der Lage war, wohl aber das Proletariat und dessen Kommunistische Partei. Allerdings um den Preis, daß dieses die Rolle der Bourgeoisie bei der Entwicklung Rußlands übernehmen mußte, um die von jener nicht zustande gebrachte Politische Revolution durchzuführen.
W. I. Lenins Imperialismustheorie wurde durch die Reaktion der kapitalistischen Interventionsstaaten auf die Oktoberrevolution zugleich politisch bestätigt und historisch relativiert. Auf den europäischen Faschismus als politische Konter-Revolution gegen das an der Partei Lenins orientierte europäische Proletariat und die antifaschistische Fraktion seiner Bourgeoisie ließ sie sich schon nicht mehr anwenden. Diese Diskrepanz hatte sich der offizielle Antifaschismus als sowjetische Staatsdoktrin und verschleierte Welteroberungstaktik zunutze gemacht, indem er eine entscheidende Schwäche der Imperialismustheorie systematisch kultivierte: die abstrakte Entgegensetzung des „…alten Kapitalismus mit der Herrschaft der freien Konkurrenz“ und des „neuen Kapitalismus mit der Herrschaft des Monopols“[16], wodurch die Antifaschistische Demokratie von Stalin und seinen Theoretikern zu einer eigenständigen, vom Kapitalismus losgelösten Gesellschaftsformation hochstilisiert werden konnte. War der Faschismus demnach ein Krisenphänomen des ‘imperialistisch entarteten‘ Kapitalismus oder ist seine ‘imperialistische Entartung’ nur ein Krisenphänomen der mit Zunahme der Produktivkraft der Arbeit zwangsläufig ‘exotischer’ werdenden Ausbrüche derartiger Krisen als Zivilisationskrisen?[17]
Die deutsche Rest-Linke erweckt in ihrem heutigen Zustand nicht den Eindruck, diese Frage beantworten zu können; statt dessen reduziert sich ihre Politik zunehmend darauf (nachdem Usama bin Ladin dem ‚Westen’ den ‚Heiligen Krieg’ erklärt hat), ihrerseits nach einer erneuten Aufspaltung der Welt in ‚Zwei Lager’ schielend, den Untergang ihrer verlorengegangenen Nomenklatura-Reiche rückgängig machen zu wollen, um sich perspektivisch anstelle der Sozialdemokratie als ‘kommunistische’ Befreier auf dem Rücken der arbeitenden Bevölkerung aufspielen zu können.[18]
4. …zurück zur Permanenz der Revolution – von unten!
Das Zeitalter, da Revolutionen ‘von oben’ eine geschichtlich vorwärtstreibende Rolle spielen konnten, das mit dem 07. November (26. Oktober) 1917 begann, ist spätestens am 11. September 2001 endgültig zu Ende gegangen. Bei dem heute bestehenden Verallgemeinerungsgrad des Kapitalismus sind Voraussetzungen für die Selbstbewegungskräfte der revolutionären Klasse entstanden, wie sie in den halbagrarischen Industriegesellschaften des 19. und bis weit in das 20. Jahrhundert hinein undenkbar waren und als syndikalistische Utopien gelten mußten.
Die revolutionäre Theorie, die diesem Entwicklungsgrad der kapitalistischen Produktionsweise entsprechen will, muß eine Analyse der Katastrophen, in denen all jene Revolutionen ‘von oben’ letztlich zugrunde gegangen sind, vornehmen und die vermeidbaren und unvermeidlichen Fehler beim Namen nennen.
Ursprünglich gehören Revolutionen ‘von oben’ zu den subtilsten Taktiken der Bourgeoisie, wenn die Situation eingetreten ist, daß keine der antagonistischen Klassen mehr in der Lage ist, die elementaren Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise zu ihren Gunsten zu lösen und wie K. Marx am Beispiel Louis Napoleons zeigt, Vertreter der von ihrem Untergang bedrohten Zwischenschichten die Interessen der zwischenzeitlich politisch ohnmächtigen Bourgeoisie gegen das Proletariat wahrnehmen und bei dieser Gelegenheit die eigene soziale Zwischenexistenz (gemeinsam mit einem, wie es Marx nennt, ihm dienstbaren und zu allem bereitem „Lumpenproletariat“) als neue Klasse zu etablieren versuchen.[19]
Die Oktoberrevolution war nun nichts anderes als eine solche Revolution ‘von oben’ – nur mit umgekehrtem, d.h. proletarisch-revolutionärem Vorzeichen. Die russische Bourgeoisie war weder in der Lage, sich in einer antifeudalen Revolution an die Spitze der revolutionären Bauernmassen zu setzen noch hatte sich der Kapitalismus auch nur ansatzweise gesellschaftlich so stark verallgemeinert, daß das russische Proletariat, das mit einem Bein noch in der Dorfgemeinde stand, bereits zur Klasse an sich geworden wäre. Jene führte eine von der Autokratie des Zaren, als dem staatlich organisierten (‘patrimonialen‘) Gesamtunternehmer, lizensierte Existenz, die nur durch eine politische Revolution gegen die Selbstherrschaft des Zaren hätte aufgehoben werden können. Die Bolschewiki, die die von der Bourgeoisie, weil auf engste mit dem Zarismus verflochten, nicht mehr wahrgenommene antifeudale Führungsrolle übernehmen mußten, schwebten daher ständig in der Gefahr, sich in Louis Bonapartes und die Kommunistische Partei in eine – proletarische – Oligarchie zu verwandeln. Während Lenin sich nicht gescheut hatte, diese der russischen Revolution drohende Gefahr beim Namen zu nennen und daher seine Absichtserklärungen durchaus ernst zu nehmen waren, dieser Gefahr, gestützt auf die spezifisch russische Diktatur des Proletariats, entgegenzuarbeiten, war Stalins Putsch von 1934 dieser Politik genau entgegengesetzt: eine Flucht nach vorn auf den ‘festen’ Boden einer konterrevolutionären ‘kommunistischen’ Autokratie, gestützt auf jenes Lumpenproletariat, das sich während des Bürgerkriegs in der Geheimpolizei und den Gewalt-Ministerien angesammelt hatte. Stalins Napoleonische Farce wurde zur Tragödie der Russischen Revolution und des sich mit Sowjetrußland identifizierenden Weltproletariats.[20]
Lenins Revolution ‘von oben’ war die Vollendung des revolutionären Terrors der Volkstümler mit proletarischen Mitteln, Stalins Putsch dagegen eine Konterrevolution ‘von innen’ (d.h. aus dem Parteiapparat heraus) gegen die Leninsche, aus der Intelligenz und der Arbeiterklasse gebildete, (Avant-) Garde. Hitlers ‘Revolution’ von unten war, als eine vorweggenommene Reaktion der Bourgeoisie auf den von ihr befürchteten welt-revolutionären Bürgerkrieg, die Mobilisierung der revolutionären Massen gegen sich selbst. In Stalin und Hitler haben sich also zwei aufmerksame Schüler Louis Bonapartes (zusammen-)gefunden, die einander bis zum Untergang bekämpften.
Lenins Revolution ‘von oben’ unterscheidet sich also von allen ihren reaktionären Vorläufern und Nachfolgern darin, daß die Leninschen Bolschewiki jeden ihrer Schritte an dem Menetekel des Bonapartismus des zweiten Napoleon messen und entsprechend reflektieren mußten, während seine Nachfolger auf diese Selbstreflexion und -kontrolle aus verständlichen Gründen verzichtet haben, so daß aus historischer Sicht zwangsläufig der proletarische in einen national-bolschewistischen Staatsterrorismus umschlagen mußte, von dessen selbstvernichtenden Wirkungen sich keine der nachfolgenden revolutionären Bewegungen bis heute hat befreien können. Uns heutigen Kommunisten bleibt, um aus diesem tödlichen Zirkel auszusteigen – und alles andere wäre ein Rückschritt – nichts anderes übrig als „zwei Schritte zurück“ zu machen und wieder bei Marx und Engels anzufangen, allerdings in Abgrenzung zu dem gerne gepflegten linken Selbstmitleid nach der Melodie „wir hätten niemals zu den Waffen greifen sollen“ (Plechanow). Bei diesem Schritt „back to the roots“ hängen Revolutionskonzept und Parteistruktur eng mit einander zusammen.[21]
Der 11. September ist auch der deutschen Rest-Linken politisch auf die Füße gefallen. Das bislang friedlich miteinander koexistierende Konglomerat aus konträren ethnizistischen Halbwahrheiten läßt sich nicht mehr auf einen gemeinsamen ‚antikapitalistischen’ Nenner bringen, da der Hauptwiderspruch wieder einmal gewechselt hat, ohne daß sie es, wie schon des öfteren, gemerkt hätte. Denn es geht nicht darum, ‚keinen Krieg!’ gegen diejenigen zuzulassen, die den kriegerischen Angriff auf die USA militärisch ermöglicht und durchgeführt haben, sondern darum zu verhindern, daß der (völkerrechtlich legitime) Verteidigungskrieg der USA zum Rassenkrieg entartet.[22]
In ihrer, auch bewußtseinsmäßigen, Gespaltenheit begreift die deutsche Rest-Linke vor allem nicht, daß die amerikanische Bourgeoisie selbst gespalten ist zwischen dem Wunsch, ihre ureigenen Weltmacht-Ziele zu verfolgen und dem Zwang, den Weltmarkt als ‘Weltzivilisation’ aufrechtzuerhalten und verteidigen zu lassen, weil ohne dessen Beherrschung sich die us-amerikanische Bourgeoisie zu dem drohenden Rassenkrieg auch noch einen Klassenkrieg im eigenen Land einhandeln würde. Dieser heilsame Zwang ist die einzige Garantie für die ‘zivilisierte Welt’, daß diese ‘Weltzivilisation’ – eine bessere steht momentan nicht zur Verfügung, um von da aus zum Kommunismus zu gelangen – nicht in dem Chaos untergeht, das die antiamerikanischen, antiwestlichen, antihäretischen falschen Freunde, d.h. Feinde der Menschheit, dieser zu bereiten wünschen. Über eine solche Entwicklung, die die proletarische Revolution ad infinitum vertagen würde, können gegenwärtig nur Bakunisten frohlocken (zumindest diejenigen, unter ihnen, die das alte Konzept der ‘Revolution von oben’ zur ‘Revolution’ von außen am konsequentesten weiterentwickelt haben, an vorderster Front ihre ‘anti-deutsche’ Avantgarde). Wenn der Weg zum Kommunismus über das von den ‚heiligen Kriegern’ aller couleur geschaffene Chaos verlaufen sollte, würden darin sowohl die Bourgeoisie als auch das Proletariat untergehen und die Menschheit in einer neuen Sklavenhaltergesellschaft wieder aufwachen, die alle bisherigen ‘zivilisierten’ Formen der Sklaverei an raffinierter Brutalität bei weitem übertrifft, die kapitalistische Lohnsklaverei inklusive.
Daher sei abschließend in Erinnerung gerufen, was Karl Marx über den Zusammenhang von Klassenkampf und internationaler Politik in der Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation[23] 1864 formuliert hat, woran sichtbar wird, wie meilenweit entfernt die in ihren Ethnizismus verstrickte deutsche Rest-Linke von derartigen Überlegungen ist :
„Wenn die Emanzipation der Arbeiterklassen das Zusammenwirken verschiedener Nationen erheischt, wie jenes große Ziel erreichen mit einer auswärtigen Politik, die frevelhafte Zwecke verfolgt, mit Nationalvorurteilen ihr Spiel treibt und in piratischen Kriegen des Volkes Blut und Gut vergeudet? Nicht die Weisheit der herrschenden Klassen, sondern der heroische Widerstand der englischen Arbeiterklasse gegen ihre verbrecherische Torheit bewahrte den Westen Europas vor einer transatlantischen Kreuzfahrt für die Verewigung und Propaganda der Sklaverei. Der schamlose Beifall, die Scheinsympathie oder idiotische Gleichgültigkeit, womit die höheren Klassen Europas dem Meuchelmord des heroischen Polen und der Erbeutung der Bergveste des Kaukasus durch Rußland zusahen; die ungeheueren und ohne Widerstand erlaubten Übergriffe dieser barbarischen Macht, deren Kopf zu St. Petersburg und deren Hand in jedem Kabinett von Europa, haben den Arbeiterklassen die Pflicht gelehrt, in die Geheimnisse der internationalen Politik einzudringen, die diplomatischen Akte ihrer respektiven Regierungen zu überwachen, ihnen wenn nötig entgegenzuwirken; wenn unfähig zuvorzukommen, sich zu vereinen in gleichzeitigen Denunziationen und die einfachen Gesetze der Moral und des Rechts, welche die Beziehungen von Privatpersonen regeln sollten, als die obersten Gesetze des Verkehrs von Nationen geltend zu machen.
Der Kampf für solch eine auswärtige Politik ist eingeschlossen im allgemeinen Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse.
Proletarier aller Länder vereinigt euch!“
[1] Vgl. u.a die berühmte Passage aus Marxens Brief vom 12.04.1871 an Kugelmann (MEW 33) 206: „… diese jetzige Erhebung von Paris – wenn auch unterliegend vor den Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden der alten Gesellschaft – ist die glorreichste Tat unserer Partei seit der Pariser Juni-Insurrektion. Man vergleiche mit diesen Himmelstürmern von Paris die Himmelsklaven des deutsch-preußischen heiligen römischen Reichs mit seinen posthumen Maskeraden duftend nach Kaserne, Kirche, Krautjunkertum und vor allem Philistertum.“ (Eigene Unterstr.)
Nach W. Schieder, Karl Marx als Politiker, München 1991, habe sich diese Partei „durch den anmaßenden Anspruch“ konstituiert, „die wenigen zu umfassen, die über die höhere Einsicht in die historische Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung verfügten“ (135). Der Autor mißt die Partei Marx unhistorisch an der sozialdemokratischen Wählermassen-Partei des 20. Jahrhunderts und reduziert diese letztlich auf Karl Marx und Friedrich Engels (139). Weiter unten registriert er aber durchaus noch weitere getreue Paladine, die sich der Person [!] Marx unterworfen hätten: „Daran ist bemerkenswert, daß die Zugehörigkeit zur ‘Partei Marx’ offensichtlich die Unterwerfung unter die politischen Direktiven von Marx voraussetzte“ (140). Ein solches Parteiverständnis ist, wie noch zu erläutern sein wird, mit der partei Marx nicht gemeint, sondern vielmehr die Parteinahme für die Inhalte des Kommunistischen Manifests.
[2] J. W. Stalin, Fragen des Leninismus. [Repr.] Berlin 1970, 100.:
„Die amerikanische Sachlichkeit ist jene unbezwingliche Kraft , die keinerlei Schranken kennt oder anerkennt, die mit ihrer sachlichen Beharrlichkeit alle wie immer gearteten Hindernisse hinwegfegt, die jede einmal begonnene Sache unbedingt bis zu Ende durchführt, selbst wenn es eine kleine Sache ist und ohne die eine ernste aufbauende Arbeit unmöglich ist.“
[3] Vgl. Nadja Rakowitz, Einfache Warenproduktion. Ideal und Ideologie; Freiburg 2000, 14, die Friedrich Engels vorwirft, abweichend von Karl Marx eine eigenständige Produktionsweise erfunden zu haben, wodurch „die Proudhonsche Vorstellung der einfachen Warenproduktion in den Traditionsbestand der meisten sozialistischen Theorien transportiert worden“ sei. Die Autorin will dagegen zeigen, daß es hier eine entscheidende Differenz zwischen Marx und Engels gibt.
Ohne hier im einzelnen auf die Begründetheit dieser Herabstufung von Friedrich Engels auf einen Proudhonisten eingehen zu wollen, kann man Engels gewiß nicht unterstellen, daß er versucht hätte, eine mit dem Kapital konkurrierende eigenständige und von diesem abweichende Politische Ökonomie zu entwerfen. Das nicht bemerkt zu haben, würde Marx selbst zu einem politischen Naivling stempeln, dem entgangen wäre, was sein Freund Engels mit seiner Theorie treibt – woran ja auch der Autorin nicht gelegen sein kann.
Viel eher ist zu vermuten – und das wird von der großen Schar der Anti-Engelsianer übersehen -, daß bei der in der Partei Marx zwischen Marx und Engels eingespielten ‘Arbeitsteilung’ letzterer als Popularisator der marxschen Theorie an Vorstellungen vorkapitalistischer Produktionsformen in den Köpfen der arbeitenden Bevölkerung anknüpfen sollte, die mit dem Umbruch von der Agrar- zur Industriegesellschaft in Deutschland zusammenhingen. Dabei mag Engels in seinen populärwissenschaftlichen Bemühungen gelegentlich über das Ziel hinausgeschossen sein. Die oben genannte Differenz läßt sich auch schon deshalb nicht konstruieren, weil es ja völlig müßig wäre, eine wissenschaftliche Theorie vom Niveau der Populärwissenschaft her bestätigen oder widerlegen zu wollen – eine Unterstellung, die auf die Anti-Engelsianer selbst zurückfällt. Aber auch, wo Engels als Marx-Herausgeber direkt in den Text der zu Marxens Lebzeiten nicht veröffentlichten Bände (II und III) des Kapital kommentierend eingegriffen hat, handelt es sich entweder um historische Illustrationen oder Bezugnahmen auf aktuelle Kontroversen, in der Absicht, die Aktualität dieses wissenschaftlichen Werks in der internationalen Arbeiterbewegung und gegen die Vulgärökonomie, einschließlich der Katheder-Sozialisten zu demonstrieren. Engels konnte mit gutem Gewissen und im Sinne der partei Marx annehmen, daß die ‘Robustheit’ der Marxschen Argumente dadurch kaum in Mitleidenschaft zu ziehen war.
In diesem Zusammenhang wäre auf die Herausgeber der Beiträge zur Marx-Engels-Forschung einzugehen, die ihre lobenswerten Bemühungen um eine kritische Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2) seit den 90er Jahren damit verbinden, den Marx-Popularisator Engels zu einem Marx-Populisten abzustempeln – vielleicht die verspätete Reaktion auf den Marx-Engels-Kult in der verblichenen DDR, aber die Rache am falschen Objekt.
[4] So heißt es bei K. Löw, Der Mythos Marx und seine Macher. Wie aus Geschichten Geschichte wird, München 1996, über den jungen Marx:
„Schon der Studiosus Marx hatte keine Bedenken, ungeachtet mangelnder Bonität wie Krösus Aufträge zu erteilen … Nicht ihre Unbildung, wie manche vermuten, sondern ihre Weigerung, für alle finanziellen Exzesse ihres Sohnes zu Lasten der sechs unversorgten Geschwister einzustehen, hat den Haß auf seine verwitwete Mutter ausgelöst“ (125). Und diese Maßlosigkeit habe sich bei dem Familienvater Marx fortgesetzt: „Er hat weder seine kostspieligen Leidenschaften, wie Rauchen und Trinken, gezügelt, noch einen ernsthaften Versuch unternommen, zumindest aus Liebe zu Frau und Kindern einen Brotberuf zu finden. Pilgrim fällt das vernichtende Urteil: ‘Keimblatthaft lebt Marx vor, was alle seine Nachfolgebonzen fortsetzten: kommunistisch reden und kapitalistisch handeln’“ (126). Und zu Marx’ Briefwechsel: „Nirgendwo ist affirmativ und expressis verbis von mitmenschlicher Liebe, von Mitleid die Rede… Und das, was als solche Liebe gedeutet werden könnte, versinkt im Meer beleidigender Rundumschläge“ (138) usw., usf.
[5] So F. Engels 1885 in seiner Rückschau auf die Geschichte des Bundes der Kommunisten, MEW 21 (206-224), 223: „Damals (d.h. um 1848) mußten sich die wenigen Leute, die zur Erkenntnis der geschichtlichen Rolle des Proletariats durchgedrungen, im geheimen zusammentun, in kleinen Gemeinden von drei bis zwanzig Mann verstohlen sich versammeln. Heute braucht das deutsche Proletariat keine offizielle Organisation mehr, weder öffentliche noch geheime; der einfache, sich von selbst verstehende Zusammenhang gleichgesinnter Klassengenossen reicht hin, um ohne alle Statuten und Behörden, Beschlüsse und sonstige greifbare Formen das gesamte Deutsche Reich zu erschüttern. … Die internationale Bewegung des europäischen und amerikanischen Proletariats ist jetzt so erstarkt, daß nicht nur ihre erste Form – der geheime Bund -, sondern selbst ihre zweite – die öffentliche Internationale Arbeiterassoziation – eine Fessel für sie geworden, und daß das einfache, auf der Einsicht in die Diesselbigkeit der Klassenlage beruhende Gefühl der Solidarität hinreicht, unter den Arbeitern aller Länder und Zungen eine und dieselbe große Partei des Proletariats zu schaffen und zusammenzuhalten.“
Ein solcher Idealfall im Selbstverständnis der revolutionären Klasse ist entgegen Engels’ Optimismus, dem man in Bezug auf die deutsche Sozialdemokratie fast ‘liquidatorische’ Absichten unterstellen müßte, nicht eingetreten. Doch ganz offensichtlich beruht dieser Optimismus auf der von Engels angenommenen Verschmelzung von Kommunismus und Arbeiterbewegung, wie sie ihm bereits Mitte der 40er des 19. Jahrhunderts vorgeschwebt war.
In seiner 1845 veröffentlichten Untersuchung Die Lage der arbeitenden Klasse in England, MEW 2 (229-506), geht Friedrich Engels von der Unvermeidlichkeit „eines Kriegs der Armen gegen die Reichen“ (504) aus und ist davon überzeugt, daß die Bourgeoisie kaum mehr in der Lage sei, dessen Ausbruch zu verhindern, sondern nur der Kommunismus: „In dem selben Verhältnis nämlich, in welchem das Proletariat sozialistische und kommunistische Elemente in sich aufnimmt, genau in dem selben Verhältnis wird die Revolution an Blutvergießen, Rache und Wut abnehmen. Der Kommunismus steht seinem Prinzipe nach über dem Zwiespalt zwischen Bourgeoisie und Proletariat, er erkennt ihn nur in seiner historischen Bedeutung für die Gegenwart, nicht aber als für die Zukunft berechtigt an; er will gerade diesen Zwiespalt aufheben“ (505). Diesen Zustand hielt Engels 1885 offensichtlich für erreicht und zwar in dem Maße, wie „sich wenigstens so viel Klarheit über die soziale Frage im Proletariat“ verbreitet hatte, daß „die kommunistische Partei imstande“ war, „das brutale Element der Revolution auf die Dauer zu überwinden und einem neunten Thermidor vorzubeugen“ (506), (d.h. dem konterrevolutionären Sturz der französischen Jakobiner am 27. Juni 1797 durch die neue Bourgeoisie).
Im Gegensatz zu Engels geht Karl Kautsky in Terrorismus und Kommunismus, [1920] Berlin 1990 (Soziales Denken des 19. und 20 Jahrhunderts Bd. 1), 288, worin diese Passage eine entscheidende Rolle spielt, von den „humanisierenden Tendenzen des 19. Jahrhunderts“ (d.h. der Bürgerlichen Gesellschaft) „aus“, von der er die Zivilisierung des ungeschlachten Pöbels der Ungelernten erhofft und nicht wie Engels vom Kommunismus.
[6] So erklären Karl Marx und Friedrich Engels als Resultat ihrer Erfahrungen mit der Revolution von 1848 in der Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850, MEW 7 (244-254), 253: „Wenn die deutschen Arbeiter nicht zur Herrschaft und Durchführung ihrer Klasseninteressen kommen können, … müssen (sie) das meiste zu ihrem endlichen Sieg dadurch tun, daß sie sich über ihre Klasseninteressen aufklären, ihre selbständige Parteistellung so bald wie möglich einnehmen, sich durch die heuchlerischen Phrasen der demokratischen Kleinbürger keinen Augenblick an der unabhängigen Partei des Proletariats irremachen lassen. Ihr Schlachtruf muß sein: Die Revolution in Permanenz.“
[7] Das war z.B. unmittelbar nach 1848 der Fall, als die Revolutionen in ganz Europa von der Heiligen Allianz niedergeworfen worden waren. Siehe F. Engels, Geschichte des Bundes… (Anm. 5), 219: „Eine Neuorganisation der zersprengten revolutionären Kräfte war geboten und damit auch die des Bundes (der Kommunisten). Die Verhältnisses verboten wieder, wie vor 1848, jede öffentliche Organisation des Proletariats; man mußte sich also von neuem geheim organisieren.“
[8] K. Kautsky begreift diese Notwendigkeit nur teilweise und die historische Dialektik überhaupt nicht. In Terrorismus und Kommunismus (Anm. 5), 286 „durfte (zwar) kein Einsichtiger daran zweifeln, daß eine Militärmonarchie, wie die deutsche, österreichische, russische [?!], nur mit Gewaltmitteln zu stürzen sei, aber immer weniger dachte man dabei an die blutige Gewalttätigkeit der Waffen, immer mehr an das dem Proletariat eigentümliche Machtmittel der Arbeitsverweigerung, den Massenstreik“. Die elementaren Unterschiede zwischen diesen „Militärmonarchien“ werden einfach ignoriert.
[9] W. I. Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, LW 28 (227-327), 293: „Diese Taktik ist durch den gewaltigen Erfolg gerechtfertigt worden, denn der Bolschewismus ist (durchaus nicht wegen der Verdienste der Bolschewiki, sondern kraft der außerordentlich tiefen Sympathie, die die Massen allerorts einer wirklich revolutionären Taktik entgegenbringen) zum Weltbolschewismus geworden, er hat die Idee, die Theorie, das Programm und die Taktik geliefert, die sich konkret und praktisch vom Sozialchauvinismus und Sozialpazifismus unterscheiden. … Der Bolschewismus hat die ideologischen und taktischen Grundlagen für die III. Internationale, die wirklich proletarische und kommunistische Internationale, geschaffen, die sowohl die Errungenschaften der friedlichen Epoche berücksichtigt als auch die Erfahrungen der bereits angebrochenen Epoche der Revolutionen.“
[10] K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Frankfurt; Wien o.J. [Reprint], 25; bzw. MEW 42, 38: „Die Arbeit ist hier nicht nur in der Kategorie, sondern in der Wirklichkeit als Mittel zum Schaffen des Reichtums überhaupt geworden, und hat aufgehört, als Bestimmung mit den Individuen in einer Besonderheit verwachsen zu sein. Ein solcher Zustand ist am entwickeltsten in den modernsten Daseinsformen der bürgerlichen Gesellschaften – den Vereinigten Staaten. Hier also wird die Abstraktion der Kategorie ‘Arbeit’, ‘Arbeit überhaupt’, Arbeit sans phrase, der Ausgangspunkt der modernen Ökonomie erst praktisch wahr. … Man könnte sagen, was in den Vereinigten Staaten als historisches Produkt, erscheine bei den Russen z.B. – die Gleichgültigkeit gegen bestimmte Arbeit – als naturwüchsige Anlage. … und dann entspricht praktisch bei den Russen dieser Gleichgültigkeit gegen die Bestimmtheit der Arbeit das traditionelle Festgerittensein in eine ganz bestimmte Arbeit, wovon sie nur durch Einflüsse von außen herausgeschleudert werden.“ (Eigene Unterstr.)
In ihrem Kampf gegen den ‘Neoliberalismus’ verteidigt die europäische Linke gemeinsam mit den ‘Antiglobalisierern’ dieses „traditionelle Festgerittensein in eine ganz bestimmte Arbeit“ als soziale Errungenschaft des ‚alten Europa’, dessen Bourgeoisie sich längst auf dem Weg in die USA befindet, aber der europäischen Linken vorgaukelt, über diese Zwei Wege des Kapitalismus gäbe es real noch irgend etwas zu verhandeln.
[11] Nach der Gefangennahme Louis Napoleons hatte Karl Marx in der Zweite[n] Adresse über den Deutsch-Französischen Krieg, MEW 17 (271- 279) im September 1870 die „Wortführer des deutschtümlichen Patriotismus“ (274) vor annexionistischen Gedankenspielen gegenüber Frankreich gewarnt, die Frankreich automatisch „in die Arme Rußlands hineinzwingen“ (275) würden und daraus perspektivisch abgeleitet: „Wenn das Glück der Waffen, der Übermut des Erfolgs und dynastischen Intrigen Deutschland zu einem Raub an französischem Gebiet verleiten, bleiben ihm nur zwei Wege offen. Entweder muß es, was auch immer daraus folgt, der offenkundige Knecht russischer Vergrößerung werden, oder es muß sich nach kurzer Rast für einen neuen ‘defensiven’ Krieg rüsten, nicht für einen jener neugebackenen ‘lokalisierten’ Kriege, sondern zu einem Racenkrieg gegen die verbündeten Racen der Slawen und Romanen .“ (275) [In spitzen Klammern Ergänzungen der ursprünglichen Version, die in der deutschen aus Zensurgründen weggelassen wurden].
Auf ganz ähnliche Weise läuft die Regierung der USA Gefahr, den ihr und der ‘Westlichen Welt’ von Seiten des Islamismus erklärten Rassenkrieg ihrerseits in einen Rassenkrieg gegen den islamistischen „Terrorismus“ zu verwandeln, in der durchsichtigen Absicht, diesen Krieg dahingehend zu instrumentalisieren, von der number one unter den mit einander konkurrierenden Großmächten zur unumstrittenen Welthegemonialmacht aufzusteigen, die den Weltmarkt auf einen amerikanischen Binnenmarkt reduziert. –
Der von Marx verwendete Begriff des „Racenkrieges“ bedeutet nicht Rassen-, sondern Völkerkrieg (z.B. der slawischen und romanischen gegen die germanischen Völker). Aber schon in der ‘Feindpropaganda’ des Ersten Weltkrieges und endgültig Hitler-Deutschlands wird dieser Begriff in seiner ausschließlich biologistischen Bedeutung verwendet, die er seitdem besitzt.
[12] K. Marx/F. Engels, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1 (378-391), 378: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. [!] Sie ist das Opium des Volks.“
[13] K. Marx/F. Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4 (461-493).
[Die nachfolgenden Nachweise im Text in Klammern].
[14] Wenn das von Marx gefundene Gesetz vom Tendenziellen Fall der Profitrate zutrifft, dann stellt die Verbilligung der Rohstoffe und die Errichtung sog. Freier Produktionszonen zwar nicht das einzige, aber eines der wirksamsten Kompensationsmittel dagegen dar, das allerdings durch die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit immer wieder neutralisiert wird, so daß diese Tendenz erneut zu wirken beginnt. Diese Tendenz setzt sich nur historisch durch und kommt nie (oder durch eine revolutionäre Krise) zum Abschluß. Beseitigt wird sie nur durch die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise selbst.
[15] Die „Wortführer“ des us-amerikanischen „Patriotismus“ stehen heute vor einer ähnlichen Alternative wie in Karl Marx‘ Zweite(r) Adresse über den Deutsch-Französischen Krieg (Anm. 11) die preußische Regierung und die nach Annexionen rufende liberale deutsche Mittelklasse „mit ihren Professoren, ihren Kapitalisten, ihren Stadtverordneten, ihren Zeitungsmännern“ (272). Darin nimmt Marx dem preußischen König zwar ab, daß dieser sich, wie in seiner Thronrede verkündet, zu einem „rein defensiven Krieg“ verpflichtet habe, der sich nicht gegen die französische Nation richtet, sondern nur gegen Louis Napoleon. Aber nachdem sich die „preußische Militärkamarilla“ schon lange vor dem Zusammenbruch des Bonapartismus zur Eroberung entschlossen hatte (271), standen die „Bühnenregisseure“ vor dem Problem, wie sie ihn „von diesem feierlichen Versprechen … befreien“ konnten. Sie „mußten ihn darstellen, als gebe er widerwillig einem unwiderstehlichen Gebot der deutschen Nation nach …“ (272).
Ganz ähnlich mag man der US-Regierung durchaus abnehmen, daß ihr Krieg gegen die afghanischen Taliban und gegen Saddam Hussein sich nicht gegen die Bevölkerung Afghanistans und des Irak richtet; aber entscheidend wird sein, ob sie dabei wieder in die alte Gewohnheit zurückverfällt, die zukünftige staatliche Perspektive Afghanistans und des Irak durch einen Rückfall in den Ethnizismus zu blockieren oder ob sie dem globalen Rassenkrieg, den der panislamistische Fundamentalismus dem ‚Westen’ und den USA erklärt hat, ihrerseits durch die Bekämpfung des Ethnizismus und die Einhaltung des Völkerrechts und der amerikanischen Verfassung den Boden entziehen wird.
In einem Brief an den Ausschuß der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei von Ende August 1870 hatte Karl Marx geschrieben (MEW 17, 268-270), 269: „Nehmen sie (d.h. Preußen) Elsaß und Lothringen, so wird Frankreich und Rußland Deutschland bekriegen. Es ist überflüssig, die unheilvollen Folgen zu deuten. Schließen sie einen ehrenvollen Frieden mit Frankreich, so wird jener Krieg Europa von der moskowitischen Diktatur emanzipieren, Preußen in Deutschland aufgehen machen, dem westlichen Kontinent friedliche Entwicklung erlauben, endlich der russischen sozialen Revolution, deren Elemente nur eines Stoßes von außen zur Entwicklung bedürfen, zum Durchbruch helfen, also auch dem russischen Volk zugute kommen. Aber ich fürchte, die Sch… und N… werden ihr tolles Spiel ungehindert treiben, wenn die deutsche Arbeiterklasse nicht en masse ihre Stimme erhebt.“ (Eigene Unterstr.)
Die Stimmen, die sich momentan mit dem Anspruch erheben, ‘emanzipatorische Interessen’ (womit wahrscheinlich auch die der „deutsche(n) Arbeiterklasse“ gemeint sein sollen) zu repräsentieren, identifizieren sich eher mit den ‚heiligen’ Rassenkriegern als mit dem ‘neoliberalen’ Patriotismus der US-Regierung. Etwas, was mit der partei Marx Ähnlichkeit haben könnte und die Interessen der deutschen Arbeiterklasse oder gar des Internationalen Proletariats vertritt, ist darunter noch nicht in Erscheinung getreten.
[16] W. I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, LW 22 (191-309).
[17] W. I. Lenin grenzt sich in Der Imperialismus… (Anm. 16) zwar von den kleinbürgerlichen Antiimperialisten, so etwa von Hobson, ab, über die er feststellt:
„Sie alle, die durchaus nicht den Anspruch erheben, Marxisten zu sein, stellen dem Imperialismus die freie Konkurrenz und die Demokratie entgegen. … Bei bürgerlichen Ökonomen ist eine derartige Naivität nicht verwunderlich; für sie ist es überdies auch vorteilhaft, so naiv zu tun, und ‘im Ernst’ von Frieden unter dem Imperialismus zu reden. Was ist aber bei Kautsky vom Sozialismus übriggeblieben…?“ (293). Problematisch ist nur, daß W .I. Lenin bei aller Distanzierung von den Träumen der „kleinbürgerlich-reaktionären Kritik des kapitalistischen Imperialismus von einer Rückkehr zur ‘freien’, ‘friedlichen’, ‘ehrlichen’ Konkurrenz“ (211) den dualistischen Charakter der formalen Entgegensetzung des „alten Kapitalismus, mit der vollen Herrschaft der freien Konkurrenz“ und des „neuesten Kapitalismus, mit der Herrschaft der Monopole“ (244) im Stil Hilferdings beibehält, wodurch die kapitalistische in zwei in der Tendenz eigenständige Produktionsweisen auseinanderfällt und unklar bleibt, wie beide mit den Grundelementen der kapitalistischen Produktionsweise in Übereinstimmung gebracht werden können.
[18] Für einen solchen Verdacht spricht so manches, nimmt man die Erklärungen, die die deutsche Rest-Linke seit dem 11.09.2001 abgegeben hat. Dieser wird an anderer Stelle eingehend zu untersuchen sein.
[19] Für das ökonomisch dem Untergang geweihte französische Parzellenbauerntum hatte der Putsch Louis Napoleons wie eine verspätete Einlösung ihrer unerfüllt gebliebenen Forderungen an die Revolution von 1789 ausgesehen, die dieser mit der entsprechenden anti-kapitalistischen Demagogie gegen das in den Banken und Börsen konzentrierte große Kapital zu vertreten vorgab Siehe: K. Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8 (115-207), 204: „Bonaparte als die verselbständigte Macht der Exekutivgewalt fühlt seinen Beruf, die ‘bürgerliche Ordnung’ sicherzustellen. … Bonaparte weiß sich zugleich gegen die Bourgeoisie als Vertreter der Bauern und des Volkes überhaupt, der innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft die untern Volksklassen beglücken will … Aber Bonaparte weiß sich vor allem als Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember, als Repräsentanten des Lumpenproletariats, dem er selbst , seine entourage, seine Regierung und seine Armee angehören … Bonaparte möchte als der patriarchalische Wohltäter aller Klassen erscheinen.“
Nicht anders übrigens Bismarck als Vollstrecker der Interessen der politisch impotenten deutschen Bürgertums von 1848, der Urheber der Sozialistengesetze und der Sozialversicherung, womit er das Überleben des Junkertums als einer politisch dem Untergang geweihten Feudalkaste, hinauszuzögern hoffte.
[20] Trotzkis bekannte historische (Bonapartismus-) Parallele bezieht sich nicht etwa auf den zweiten Napoleon, sondern auf den dem Sturz der Jakobiner am 9. Thermidor [27.07] 1794 folgenden Bonapartismus des I. Napoleon; so heißt es z.B. in: L. Trotzki, Stalins Verbrechen, [1937] Berlin 1973, 369: „Stalin stützte sich bei seinem Aufstieg vorwiegend auf die Bürokratie gegen das Volk, auf die Thermidorianer gegen die Revolutionäre. Aber in gewissen kritischen Augenblicken war er gezwungen, Unterstützung bei den revolutionären Elementen zu suchen und mit deren Hilfe beim Volk gegen den zu ungeduldigen Angriff der Privilegierten. Es ist aber nicht möglich, sich auf einen sozialen Gegensatz zu stützen, der sich in einen Abgrund verwandelt. Daher der erzwungene Übergang zur thermidorianischen Totalität durch Ausrottung der letzten Reste revolutionären Geistes und des geringsten Ausdrucks politischer Selbständigkeit der Massen. Während sie vorübergehend die Macht Stalins rettet, lockert die blutige Säuberung endgültig die sozialen und politischen Fundamente des Bonapartismus.“ (Eigene Unterstr.) Trotzkis historische Parallele paßt auch insofern nicht, weil durch den 9. Thermidor und den nachfolgenden Putsch Napoleons die revolutionäre Klassenherrschaft der Bourgeoisie von deren reaktionärer Klassenherrschaft abgelöst wurde; wenn in der Sowjetunion per analogiam durch Stalins Machtergreifung ein revolutionärer durch einen reaktionären Sozialismus abgelöst worden sein soll, so paßt ein solcher Sozialismus zwar durchaus, folgt man dem Kommunistischen Manifest, zu einer der dort aufgeführten reaktionären Varianten des Sozialismus, nur nicht mehr zu dem Kommunismus von Marx und Engels: also enthält Trotzkis historische Parallele einen Widerspruch in sich (an dem der Trotzkismus in der Tat bis zum heutigen Tag krankt), vor allem aber ein weiteres Beispiel seines notorischen Zentrismus, durch den der reaktionäre Charakter der Stalinschen Konterrevolution verharmlost wird.
[21] Der Fehler von Plechanow, Kautsky und anderen Kritikern des Bolschewismus bestand darin, daß sie die Verhältnisse des mehr oder weniger kapitalistisch entwickelten ‘Westens’ schematisch auf Rußland übertragen und entsprechende Revolutionskonzepte und Parteistrukturen daraus abgeleitet haben. Mit der oben von uns geäußerten Behauptung, die Leninsche Konzeption sei historisch bedingt und entspreche nicht mehr unseren heutigen Verhältnissen, wird nun keineswegs diesen Lenin-Kritikern recht gegeben. Denn im Gegensatz zur Leninschen Revolution ‘von oben’, die historisch bedingt und gerechtfertigt ist, liegen seine Kritiker politisch daneben. Rußland war nicht an der Elle des westlichen Kapitalismus zu messen, wie Kautsky das in seinen Polemiken gegen die Bolschewiki tut, und folglich konnte auch der Klassenkampf in Rußland nicht von entsprechenden politischen Zuständen und sozialen Verhältnissen (siehe z.B. die Bauernfrage) ausgehen. Dabei ist es eine Ironie der Geschichte, daß Lenin bezüglich der russischen Verhältnisse ursprünglich Kautsky näher stand als Marx, an dessen positiver Einschätzung der Narodniki er sich in seinem Erstlingswerk Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland abzuarbeiten hatte.
Verkürzt ausgedrückt reduziert sich die politische Entwicklung W. I. Lenins auf eine Auseinandersetzung in Permanenz mit der Marxschen Einschätzung der Wechselwirkung zwischen der russischen Bauernrevolution und der sozialistischen Revolution im Westen, ausgehend von Lenins Einschätzung, daß die Narodniki ihre revolutionäre Rolle ausgespielt hätten, weil sie die kapitalistische Entwicklung Rußlands und damit die Entstehung des Proletariats als neuer revolutionärer Klasse ignorierten, womit sich Rußland in die allgemeine Bewegung im ‘Westen’ auf der Grundlage des ‘Marxismus’ einreihen konnte. (Näheres dazu in Streitpunkt 1)
Lenin mußte sich aber mit der Entfaltung seiner politischen Praxis zunehmend eingestehen, daß nicht nur die Bauernrevolution, sondern auch die proletarische Revolution in Rußland an den von Marx definierten Wechselwirkungs-Zusammenhang mit dem ‘Westen’ gebunden blieb. Ohne die Überwindung des „traditionellen Festgerittenseins (in die) Gleichgültigkeit gegen die Bestimmtheit der Arbeit, wovon sie (die Russen) nur durch Einflüsse von außen herausgeschleudert werden“ konnten (siehe Anm. 10), mußte in Rußland zwangsläufig eine neue, diesmal ’sozialistische’, Autokratie entstehen, die die Isolierung der russischen Revolution vom ‘Westen’ (was spätestens nach der Niederlage der Roten Armee bei Warschau im August 1920 klar war) allein noch durch den ‘Export der Revolution’ auf den Bajonetten der Roten Armee beseitigen konnte. Hieraus erklärt sich Lenins in seinen letzten Lebensjahren geführter Verzweiflungskampf gegen die von Stalin und von der Mehrzahl der ‘linken’ Bolschewiki betriebene ‘Nationalitätenpolitik’, als symptomatische Vorwegnahme für das, was sich danach als Folgen des ‘Stalinismus’ ereignen sollte… [Streitpunkt 2: Warum Lenins „letzter Kampf“ gegen den linken Sozialimperialismus nicht zu gewinnen war.]
[22] Vielleicht sollten sich die pazifistischen Demagogen, zumindest, soweit sie sich ‘Kommunisten’ nennen, in Marx’ Erste Adresse über den Deutsch-Französischen Krieg, MEW 17 (3-7), darüber informieren, daß die europäischen Arbeiterklassen durchaus bereit waren, Verteidigungskriege, wie den Preußen-Deutschlands gegen Louis Napoleon unter bestimmten Voraussetzungen zu akzeptieren, allerdings ohne dabei blind in die Falle der bedingungslosen ‚Vaterlandsverteidigung’ zu rennen: „Von deutscher Seite ist der Krieg ein Verteidigungskrieg. Aber wer brachte Deutschland in den Zwang, sich verteidigen zu müssen? Wer ermöglichte Louis Bonaparte, den Krieg gegen Deutschland zu führen? Preußen !“ (5). Daher lautet die Einschränkung der ‚partei Marx’: „Erlaubt die deutsche Arbeiterklasse dem gegenwärtigen Krieg, seinen streng defensiven Charakter aufzugeben und in einen Krieg gegen das französische Volk auszuarten, so wird Sieg oder Niederlage gleich unheilvoll. Alles Unglück, das auf Deutschland fiel nach den sogenannten Befreiungskriegen, wird wieder aufleben mit verstärkter Heftigkeit.“ (6)
Man sieht ganz nebenbei, wie unsinnig auf der anderen Seite die Versuche der ‘Anti-Deutschen’ sind, Marx zu ihrem Schutzpatron zu erheben. Die Pazifisten aber können nicht erwarten, daß ihr als ‚Frieden’spropaganda getarnter antiamerikanischer Defätismus noch eine Spur von Glaubwürdigkeit beanspruchen wird, sollte dieser Verteidigungskrieg tatsächlich in einen von beiden Seiten geführten Rassenkrieg umschlagen.
[23] MEW 16 (5-13), 13.
