Reaktionen (Teil 4)

Reaktionen: Teil1Teil2Teil3Teil4

Die an dieser Stelle wiedergegebenen feedbacks zum Projekt Partei Marx haben im Augenblick nur archivalischen Wert, da die eingangs geäußerte Faszination an demselben, bis auf die nachstehend dokumentierten Ausnahmen, fast auf Null gesunken ist.

Daher verweisen wir auf die REFLEXIONEN, KRITIK und DEBATTE, worin wir uns mit unseren Kritikern und Autoren kritisch auseinandersetzen, die zu der Thematik, mit der wir uns zu beschäftigen haben, in, wie wir meinen, besonderer Weise hervorgetreten sind.

[Korrekturen sinnentstellender Fehler, Ergänzungen, sowie Kürzungen werden in eckige Klammern gesetzt. Die Texte folgen der klassischen Deutschen Rechtschreibung.]


An Mohssen Massarat (06.08.2009)

 

Sehr geehrter Herr Mohssen-Massarrat, in der Literaturliste am Ende Ihres Offenen Briefes an die “Linke” [1] erwähnen Sie einen Aufsatz über Irans wirtschaftliche Misere in der Zeitschrift INAMO. Ich habe vergeblich versucht, im Internet eine Verbindung herzustellen, aber der Link läßt sich nicht öffnen. Bitte teilen Sie mir freundlicher Weise mit, auf welchem Weg ich mir den Aufsatz und ggf. die Zeitschriftennummer beschaffen kann. Außerdem wäre ich speziell an Informationen über die Landwirtschaft im Iran interessiert.

Schließlich: Ich bin mit Ihrer Diagnose der Linken und ihres Verhältnisses zum iranischen Volk einverstanden, allerdings nicht ganz mit der Anamnese und der vorzuschlagenden Therapie.

Mit freundlichen Grüßen

Ernst-Ulrich Knaudt


1) Mohssen Massarrat: Offener Brief an „die Linke“ anläßlich ihrer mangelnden Solidarität mit der Volksbewegung im Iran (19.07.2009).


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An H.B.
(10.08.2009)

 

Lieber H.B.,

jetzt habe ich einfach alles andere beiseite gelegt, um Dir … zu antworten. Die Diskussion über Paradoxien, Antinomien, Widerspruch war sehr erhellend. Noch eine Bemerkung dazu: mir scheint, daß die Paradoxie das dialektische Gegenstück zur Antinomie ist. Hier stehen einander zwei gleich gültige Aussagen gegenüber, die beide wahr sein können, aber sich wechselseitig widersprechen. Dort hast Du dasselbe Problem, nur das ganze in seiner Selbstbewegung (eine Bastardform der dialektischen Selbstbewegung). Hinter beidem verbirgt sich ein dem ersten Anschein nach unlösbarer Widerspruch. Weiter ist die Kantische Dialektik nicht gekommen. Dennoch vergibt Hegel an Kant ein paar Pluspunkte, weil Kant die ganze Problematik überhaupt zur Sprache gebracht hat. Die „Revolution der Denkart“ ist aber noch keine Revolution des Denkens, die Hegel mit der Auflösung der Kantischen Dualismen in gang gesetzt hat. Revolutionär ist Hegels Entdeckung der Einheit des Gegensatzes (habe ich zuerst bei Mao gelesen, erst später bei Plato und Hegel); diese beinhaltet die Möglichkeit der Aufhebung des Gegensatzes anstelle des Verharrens und Umherirrens in der reinen Negation. Denken wir nur an die Religionskriege, die Hexenverbrennungen und all den anderen dogmatischen religiös besetzten Plunder. Gemessen daran ist die Hegelsche Denkweise als Aufhebung der dogmatisch fixierten Antagonismen revolutionär. Genauer, die Denkform! Diese ist strikt zu unterscheiden von den Denkinhalten: inhaltlich schwebt Hegel zwischen dem Ständestaat (historische Rechtsschule) und der konstitutionellen Monarchie. Die Einleitung in die Rechtsphilosophie in Berlin ist historisch gesehen ein Abschied von der Revolution in Paris und den gescheiterten Versuchen, sie in Deutschland fortzusetzen – ein politischer Rückfall, der Hölderlin in den Wahnsinn flüchten ließ. Plato war Mitglied der athenischen Oligarchie, die gegen die Republik geputscht hatte. Er hat u.a. den guten Demokrit auf dem Gewissen durch die systematische Vernichtung von allem, was an diesen erinnerte. Hegel wurde preußischer Professor. Sei’s drum; auf ihrem Gebiet waren sie in bestimmter Hinsicht revolutionär, indem sie konventionelle Denkweisen umgestürzt haben… (Ob sich das auch auf Nietzsche übertragen läßt, bin ich mir nicht so sicher! Wahrscheinlich ist da der Umsturz konventioneller Denkweisen bereits Selbstzweck, daher reaktionär.)

Zurück zur Einheit des Gegensatzes: Reichelt zitiert zwar oft und gerne Hegel, ist aber eigentlich Kantianer, nicht viel anders als in ihrer Mehrheit die Linke, deren Denkweise häufig noch nicht mal vorkantisch ist: also u.a. in der Lage wäre, Antinomien auszuhalten. Sie treibt sich theoretisch und nicht minder politisch in vorkantischen Dualismen herum, indem sie z.B. einen ‚antifaschistischen’ Religionskrieg nach dem anderen startet – darin den Völkischen gar nicht so unähnlich! Ebensowenig gelangt auch der mechanische Materialismus (Lange) im Grunde nicht über Kant hinaus. Da[her] [...] wird Dir vielleicht [...] aufgefallen sein: Sie [die Linken] haben ganz einfach Angst vor Widersprüchen. Und deshalb braucht es so Irre wie uns, die ihnen ständig den dialektischen Marsch blasen…

 

Fazit: Hegel hat gezeigt, daß die kantischen Antinomien ‚lösbar’ sind, indem man, wie Du sagst, den ihnen zugrunde liegenden Widerspruch aufdeckt und … diesen zur Entfaltung bringt. (Evolution hieß vor Darwin eigentlich genau das: die Ausfaltung dessen, was in einer Sache unentfaltet bereits vorhanden ist!). Politisch: Die Bourgeois-Marxisten versuchen mit allen Mitteln Revolutionen evolutionär zu bändigen; die Kommunisten müßten genau umgekehrt die gesellschaftlichen Widersprüche durch ihre Aus-faltung (E-volution) zur Entfaltung bringen. Das meinte ich … mit der immanent-revolutionären Methode bei Marx, was Du auch in der Einleitung von Zur Kritik der politischen Ökonomie findest. Wenn die bestehenden Widersprüche noch nicht ihren Reifegrad erreicht haben, der sie zur Entfaltung bringt, kannst Du einen Klassenkampf nach dem anderen lostreten und eine Generation von willigen Revolutionären nach der anderen ins Feuer der Klassenkämpfe schicken: es wird sich rein gar nichts vorwärts bewegen. Damit waren schon Marx und Engels in Gestalt der Handwerker-Kommunisten und danach der linken preußischen Offiziere [in der Zeit um 1848] konfrontiert. So habe ich das, was Du über Klassenkampf gesagt hast, verstanden, und so hast Du auch recht. Aber: wenn wir solche äquivoken Begriffe wie ‚Klassenkampf’ verwenden (und ich weigere mich, darauf zu verzichten!), bedarf es einer Kritik der Terminologie, und das durchaus auf der Grundlage „autoritative(n) Zitieren(s)“ (Praktischer Sozialismus = PS, 9). [1] Denn die Rettung dieser Begriffe wird nur gelingen, wenn sie ins Feuer der Kritik geschickt werden…

Damit bin ich beim eigentlichen Thema: „Gewerkschaften sind Angebotskartelle von Arbeitskraftbesitzern“ (PS, 9). Wenn ich nicht zufällig gerade den guten Keynes beim Wickel hätte, wäre das bei mir als eine unbedeutende Einleitungsfloskel durchgegangen. Aber in dieser Definition steckt bei genauerem Hinschauen bereits das ganze Dilemma der in dieser Broschüre versuchten Grundlegung einer marxistisch begründeten Gewerkschaftsopposition (GO). Wer sie unterschreibt, hat bereits die ganze links-keynesianische Gewerkschaftstheorie wie gesehen gekauft. Bekanntlich konfrontiert Keynes die Behauptung der Klassiker, daß jedes Angebot auf dem Markt seine Nachfrage finden wird, mit der Erfahrung der damaligen Weltwirtschaftskrise und stellt fest, daß diese Behauptung, zumindest, was den Arbeitsmarkt betrifft, empirisch nicht mehr zu halten sei. Um diese Behauptung aber unter den neu eingetretenen Verhältnissen erneut zu bestätigen, muß der Staat in die Wirtschaft eingreifen, um die Angebotskurve (unbeschäftigte Arbeitskraft) mit der Nachfragekurve (Nachfrage des Kapitalisten nach zusätzlichen Beschäftigten) zwangsweise zur Deckung zu bringen…

Zurück zu PS: dort heißt es weiter: „Aus dieser Wesensbestimmung der Gewerkschaften läßt sich eine allgemeine Logik der gewerkschaftlichen Entwicklung [?] ableiten.“ (PS, 10) Sind mit „Entwicklung“ die Gewerkschaften als Institutionen in ihrer Entfaltung (Entwicklung) gemeint oder die Entfaltung der Gewerkschaftspolitik? (Bevor Du weiterliest, solltest Du einen Blick in den Briefwechsel mit der Gruppe Gegen die Strömung werfen [REAKTIONEN 3]).[2] Die Bestimmungen, die ich dort versucht habe, decken das Minimum dessen ab, was ich unter einer ausreichenden, wenn auch noch nicht befriedigenden „Wesensbestimmung der Gewerkschaften“ verstehen würde.) Als geeigneter Maßstab zu ihrer Charakterisierung empfehlen sich die amerikanischen Gewerkschaften, die am klarsten und eindeutigsten als ein kapitalistisches Versicherungsunternehmen definiert werden könnten (siehe meine Mail vom 28.07. [3]): eine Versicherung für die Lohnarbeiter gegen die absolute Verelendung, für die Kapitalisten gegen den Klassenkampf.

Für die „Wesensbestimmung der Gewerkschaften“ liegen folglich zwei einander entgegengesetzte Konzepte vor: das Konzept von der Arbeitsmarkttheorie à la Keynes und den daraus abgeleiteten „Angebotskartelle(n) von Arbeitskraftbesitzern“, worin unterstellt wird, daß allein durch das pure Vorhandensein der Gewerkschaften die Versöhnung des Widerspruchs Lohnarbeit – Kapital (und die Verhinderung des Absturzes des Arbeiters in die absolute Verelendung) ermöglicht wird und auf der anderen Seite das Konzept, das von der Ausfaltung dieses Widerspruchs und Entfaltung desselben zum politischen Klassenkampf ‚Klasse gegen Klasse’ ausgeht (Definition findest Du u.a. im Manifest).[4] Es stellt sich also bei dem Versuch einer „Wesensbestimmung der Gewerkschaften“ von vornherein die Frage: sind die Gewerkschaften als Versicherungsunternehmen zur Befriedung des Widerspruchs Lohnarbeit/Kapital oder als eine Schule des Klassenkampfes in der Marxschen Definition anzusehen?

Die Autoren der Broschüre wollen beides, indem sie die auf den politischen Klassenkampf hinauslaufende Marxsche Definition mit der Arbeitsmarkt-Theorie keynesianischer Provenienz zu vereinbaren oder gar zu versöhnen versuchen. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Dieser Versöhnungsversuch führt zwangsläufig zu einer revolutionär gemeinten StamoKap-Theorie: „Selbstredend steht der Staat aller antikapitalistischen Bewegung“ (auch der von ganz rechts außen: völkischer oder islamistischer Herkunft?) „auf ein reales Gemeinwesen hin“ (das Gegenteil wäre ein irreales Gemeinwesen? Und was beinhaltet dieser Gegensatz) „als fundamentale Bedrohung seiner Besonderung und ‚relativen Autonomie’ (Poulantzas) prinzipiell feindlich gegenüber und ist daher auch ein denkbar ungeeignetes Mittel zur revolutionären Umwälzung der Produktionsweise.“ (PS, 13) Das wäre in der Tat eine ziemlich irreale Annahme! Ich frage mich nur, warum die Autoren überhaupt damit operieren? Schon in seinen Frühschriften, die Dir ja auch sehr am Herzen liegen, verweist Marx auf den elementaren Unterschied zwischen dem „politischen Gemeinwesen“ der revolutionären Bourgeoisie und der Getrenntheit des Arbeiters qua Proletarier vom „menschlichen Gemeinwesen“, von dem dieser durch seine soziale Stellung getrennt sei. (parteimarx.org REFLEXIONEN 1, 5. Dort findest Du auch in Anm. 11 eine erste Definition des politischen Klassenkampfes). Der Staat eignet sich [seiner Bestimmung nach] weder als „Mittel zur revolutionären Umwälzung der Produktionsweise“ noch sollte der politische Klassenkampf mit der politischen Revolution, die die Bourgeoisie zur Herrschaft bringt, verwechselt oder vermischt werden. (Siehe parteimarx.org REFLEXIONEN 1 und die Kritik an Uwe-Jens Heuer, der dieser Verwechslung erliegt.) Der Staat hat, – lassen wir Herrn Keynes mal außer acht – in der Beziehung zwischen Kapitalist und Arbeiter, die doch im Sinne des bürgerlichen Rechts eine privatrechtliche ist, worin zwei Warenbesitzer über den Austausch zweier Waren (Arbeitskraft) gegen Geld (Kapital) verhandeln und sich einigen – sonst kommt der Kontrakt nicht zustande und der Arbeiter wird arbeitslos – auch überhaupt nichts zu suchen. Er hält sich da fein raus. (Daß diese Ware besondere Potenzen hat, zeigt sich doch erst, wenn der Käufer sich ihren Gebrauchswert zunutze macht.)

Der Abschnitt über den „’Gewerkschaftsstaat’“ (PS, 13) enthält einige Statements zur Alimentierung der Arbeitslosen, die ich auf den ersten Blick fast unterschrieben hätte, bevor ich das ‚Kleingedruckte zur Kenntnis nahm: „Erst die selbstkonstituierte organisatorische Einheit von Arbeitslosen und Lohnabhängigen und damit die vollständige Aufhebung der Konkurrenz unter den atomisierten Proletarisierten (?) machte aus ihnen eine Klasse an und für sich.“ (PS, 13) Nur, warum muß sich das Proletariat zunächst erst einmal proletarisieren, um überhaupt als Klasse zu existieren? Entweder befinden sich die Lohnabhängigen individuell (durch ihre Unterschrift unter den Arbeitsvertrag) und historisch auf dieser Seite des Widerspruchs Lohnarbeit – Kapital oder wir zergliedern das Proletariat als Klasse soziologisch; dann verschwindet zwar (vordergründig) diese Seite des Widerspruchs, ohne daß aber der Widerspruch wirklich verschwände.

Seit Jahr und Tag krankt das Verhältnis der Linken zum Proletariat daran, daß sie sich diesen Widerspruch in ihrem provinziellen Kopf nicht vermittelt über den Weltmarkt zu eigen macht. (Das hat auch politische Gründe, auf die ich jetzt nicht eingehen werde.) Aus der Weltmarkt-Perspektive [betrachtet] sind die deutsche Arbeiterklasse und die Situation, in der sie sich befindet, wohl kaum als revolutionär zu bezeichnen. Dennoch ist und bleibt sie Bestandteil des Weltproletariats, dessen konkrete Bestimmung wiederum empirisch nicht ganz einfach ist.

Unter dieser Annahme ist auch die dem oben zitierten Satz folgende einfache Negation absurd: „Auch aus diesem Grund können Gewerkschaften, wie zu zeigen sein wird, keine revolutionären Organisationen des Proletariats sein.“ (ebd.) Das wollten sie auch nie sein! Die Gewerkschaften sind oder werden zu dem, was der Klassenkampf aus ihnen macht: entweder eine Schule des Konkurrenzkampfes omnium contra omnes (ihr gegenwärtiger Ist-Zustand) oder eine Schule des Klassenkampfes! Beides schließt einander durch die Klassensolidarität aus. (Auch so ein verstaubter Begriff, der in das Feuer der Kritik zu werfen ist!) Wenn ich aber die Gewerkschaften als Schule des Klassenkampfes ansehe, ist der folgende Satz einfach falsch (oder enthält eine richtige Ausschließung an der falschen Stelle): „Da die Gewerkschaften nur Mindestbedingungen für die individuellen Arbeitsverträge“ (kollektiv!) „durchsetzen können, ist die gewerkschaftliche Organisierung prinzipiell unfähig, die Einheit der proletarisierten Klasse herzustellen…“ (ebd.) Genau das Gegenteil ist der Fall: nämlich, daß „die Einheit der … Klasse“ [die elementare] Voraussetzung ist zur kollektiven Durchsetzung von „Mindestbedingungen für die individuellen Arbeitsverträge“!

Diese Einheit wird von den Verhandlungspartnern auf Gewerkschaftsseite zwar als Drohinstrument verborgen gehalten (ein gewerkschaftlicher ‚big stick’!); aber ohne die Möglichkeit seines realen Vorhandenseins würden die Gewerkschaften von der Gegenseite als irrelevant wahrgenommen. Ebenso wie die Einheit der Arbeiterklasse ein von der Gewerkschaftsseite instrumentalisiertes, aber (auch erst dadurch) durchaus reales Drohmittel ist, verhält es sich mit der Klasse des Proletariats, die nur soweit gesellschaftliche Realität ist, wie sich das Proletariat für den politischen Klassenkampf organisiert, was die real existierenden Gewerkschaften unter allen Umständen vermieden sehen wollen. Aber nur unter dieser Voraussetzung ließe sich von der „Einheit der … Klasse“ sprechen. Ohne diese Voraussetzung wird es nicht mal ansatzweise zu einer solchen „Einheit“ kommen; ganz im Gegenteil würde die „Einheit“ des Proletariats als „Klasse“ durch die „proletarisierte Klasse“ der Präkarisierten eher torpediert, weil, je länger die Arbeitslosigkeit anhält, diese zu einer Kaste von prekarisierten Arbeitskraftunternehmern degenerieren muß, die, um sich wiederum am politischen Klassenkampf zu beteiligen, ihrerseits überhaupt erst mal „proletarisiert“ werden müßte.

In diesem Sinn ist die These vom zur „proletarisierte(n) Klasse“ zu proletarisierenden Proletariat falsch. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Ohne das Proletariat keine industrielle Reservearmee. Ohne Leugnung der Marxschen These von der industriellen Reservearmee [gäbe es] kein[en] Keynesianismus. Keynes versucht zwar eine Erklärung der Arbeitslosigkeit, aber nur, um die klassische These, daß es für jedes Angebot eine Nachfrage geben muß, unter bewußtem Verzicht auf die Marxsche Reservearmee erneut zu bestätigen. Die industrielle Reservearmee ist aber nicht akzidentiell, sondern wesentlich mit der Existenz des Proletariats verknüpft. Ohne Proletariat keine Reservearmee, nicht jedoch, wie es oben umgekehrt heißt: nur durch eine „proletarisierte Klasse“ das Proletariat.

Außerdem ist es nicht der Staat, der die Arbeitslosen alimentiert, sondern die Arbeitslosen selbst, die, als sie Teil der beschäftigten Arbeiterklasse waren, den Reservefonds gebildet haben, den der Staat an sich reißt und dessen Verteilung er organisiert. (Bismarck war schon ein schlauer Kopf! Was wird sein, wenn die Krise im Winter erst richtig losgeht, und die Wahlkampfzusagen aus dem Arbeitslosentopf aufgebraucht sein werden?) Die industrielle Reservearmee leitet sich nicht aus der Alimentierung der Armen ab, sondern deren Existenz ist Ausdruck der begrenzten Möglichkeiten der Klasse, sich als Klasse zu organisieren und ihre Notfall-Fonds selbst zu verwalten und zu verteilen…

An dieser Stelle breche ich meine Text-Analyse erst mal ab. Ich nehme an, daß daran zumindest soviel klargeworden ist, daß es obigen Wesenbestimmungen der Gewerkschaften an der erforderlichen radikalen begrifflichen Differenzierung mangelt. Daran ändert auch meine subjektive Sympathie für diesen zweifellos das Übliche überragenden Versuch einer Wesensbestimmung der Gewerkschaften nichts. Dieser läuft auf eine marxistische G[ewerkschafts]O[pposition] auf links-keynesianischer Grundlage hinaus mit der Zukunftsperspektive einer sozialistischen Marktwirtschaft. Diese Perspektive ist nicht neu, wie Du aus meinem Beitrag zum letzten Frühjahrskolloquium (parteimarx.org DEBATTE 3) entnehmen kannst. Sozialistische Marktwirtschaft heißt hier, daß es sich entgegen dem sozialistischen Anspruch um keine „gesellschaftliche Produktion“ im Marxschen Sinn handelt, bei der die Arbeitskraft aufhört, Ware zu sein. Denn bevor wir überhaupt dazu kämen, stellte sich die Frage nach der eigenständigen Existenz dieses kapitalistischen Versicherungskonzerns, nach seinem Zusammenwachsen mit dem und seiner Radikalisierung im politischen Klassenkampf oder [die Frage] nach seiner Zerschlagung als Teil des Staatsapparats und seiner Ersetzung durch die Sowjets… Er wurde aber 1917 nicht zerschlagen, sondern mit Sowjetöl gesalbt; dafür wurden in Kronstadt die Sowjets zerschlagen, an deren Stelle traten wieder ganz ordinäre Gewerkschaften mit allem, was im Kapitalismus dazugehört… Andererseits bezeugt der Charakter der real existierenden Gewerkschaften als moderner kapitalistischer Versicherungskonzern die Überreife des Widerspruchs zwischen Lohnarbeit und Kapital.

Die Strategie der proletarischen Revolution und des Sozialismus bedarf eines Paradigmenwechsels: Die Akkumulation des Reichtums ausgehend von [und auf Grundlage] der gesellschaftlichen Armut (eine Strategie, die überall zur Herausbildung einer neuen Bourgeoisie geführt hat) kannst Du begraben. Wir befinden uns statt dessen in der paradoxen Situation, daß das Anwachsen der Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums individuelle Armut in infinitum erzeugt. Erst wenn dieser Paradigmenwechsel verdaut ist, wird auch eine zeitgemäße Bestimmung des Wesens der Gewerkschaften möglich sein.

Anstatt den hinter der Paradoxie: Wachsender gesellschaftlicher Reichtum = Zunahme individueller Armut, verborgenen Widerspruch aufzuspüren, verwandelt die Linke diese Paradoxie in den schlichten Dualismus: Zunahme des subjektiven Reichtums = Zunahme der subjektiven Armut; ergo Beseitigung dieser Ungleichheit durch Verringerung des subjektiven Reichtums und Umverteilung desselben an die Armut. Durch diesen schlichten Arm-Reich-Gegensatz wird dieser Widerspruch auf kleinbürgerliche Weise seines gesellschaftlichen Charakters entkleidet. Denn wer verteilt die Verteiler? Oskar Lafontaine? Eine darauf gegründete ‚revolutionäre Strategie’ landet mit ziemlicher Sicherheit bei der erneuten Verstaatlichung der Arbeiterklasse durch die Verstaatlichung ihrer Gewerkschaften und der Verwandlung des bürgerlichen Staates, diesmal nicht von rechts, sondern von links, nicht in einen nationalen, sondern in einen sozialen Gewerkschaftsstaat…

Du wirst wahrscheinlich auch in meinen Überlegungen eine Menge Widersprüche entdecken. Das ist auch gut so; denn ohne die Klärung von Widersprüchen ist an keinen Fortschritt zu denken.

Herzliche Grüße

Ulrich

1) Praktischer Sozialismus. Antwort auf die Krise der Gewerkschaften (Schriften des Hans-Jürgen-Krahl-Instituts), 2007.

2) parteimarx.org REAKTIONEN 3: An den Buchladen Georgi Dimitroff in Frankfurt. 21.03.2008; 12.07.2008.

3) Darin hieß es u.a.: „Die Leute, aus denen die heutige GO-Zeitung ‚Express’ hervorgegangen ist, haben dieses Intellektuellen-Problem dadurch gelöst, daß sie sich als Intellektuelle auf Gewerkschaftsarbeit (früher: ‚Betriebsarbeit’) konzentrieren. Damit haben sie für sich persönlich vielleicht das Intellektuellen-Problem gelöst, aber nicht das eigentliche Problem, das dahintersteckt: wozu diese Betriebesarbeit eigentlich gut sein soll? Die eigentliche von ihnen zu treffende Entscheidung wäre dagegen: Entweder sind die Gewerkschaften ein Versicherungsunternehmen: für die einen gegen die absolute Verelendung (Lohnarbeit), [für] die anderen gegen den Klassenkampf (Kapital) oder sie sind eine Schule des Klassenkampfes. Hier beginnt meine Kritik am ‚Praktischen Sozialismus’: daß sie diese Frage nicht entschieden haben, sondern sich auf linkskeynesianische Weise um diese herummogeln wollen. aber dazu im einzelnen später. Jedenfalls sind diese Leute theoretisch ein wenig ernster zu nehmen als die üblichen (theoretisch sehr beschlagenen, aber politisch naiven) Linkskeynesianer, von denen sie sich aber nicht wirklich unterscheiden. Vielleicht wird das ein Thema für die REFLEXIONEN 2 (?).“

4) Karl Marx; Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei MEW (461-493), 471: „Von Zeit zu Zeit [!] siegen die Arbeiter, aber nur vorübergehend. Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter. Sie wird befördert durch die wachsenden Kommunikationsmittel, [!] die von der großen Industrie erzeugt werden und die Arbeiter der verschiedenen Lokalitäten miteinander in Verbindung setzen. Es bedarf aber bloß der Verbindung, um die vielen Lokalkämpfe von überall gleichem Charakter zu einem nationalen, zu einem Klassenkampfe zu zentralisieren. Jeder Klassenkampf aber ist ein politischer Kampf.“

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An H.B.
(24.08.2009)

Lieber H.B., im Anhang, [1] ein Beispiel dessen, was ich als Dualismus bezeichnet habe. In diesem Fall aus der Hirnforschung. Die Gegenposition gegen den metaphysisch-materialistischen Reduktionismus scheint aber auch daran zu kranken, daß sie zwar zur Gesellschaft gelangt, aber nicht bis zur gesellschaftlichen ‘work-lichkeit’ durchdringt.


1)
Rezension FAZ zu Thomas Fuchs: Das Gehirn – Ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologische-ökologische Konzeption, Stuttgart 2008.

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An Mohssen Massarat (24.08.2009)

Sehr geehrter Herr Professor Massarrat, vielen Dank für den Hinweis zur Beschaffung von INAMO. Ich erlaube mir meinerseits den Hinweis auf meine Kritik an Ihrem  “Offenen Brief an die ‘Linke’…”, zu finden unter: parteimarx.org, BLogbuch, August (1): Was die deutsche Linke mit dem Iran zu tun hat?

Mit freundlichen Grüßen

Ernst-Ulrich Knaudt

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An Ernst-Ulrich Knaudt (25.08.2009)

Lieber Herr Knaudt,

mit großem Interesse habe ich Ihren Text gelesen und dabei wesentlich mehr Übereinstimmungen zwischen Ihnen und mir festgestellt als Sie annehmen. Bei dem einzigen Punkt, in dem Sie in Bezug auf westliche Feministinnen einen substantiellen Dissenz entdecken, scheint ein Mißverständnis Ihrerseits vorzuliegen.

Im Zentrum meiner Kritik an westlichen Feministinnen in ihrem Verhältnis zu Kopftuch tragenden Musliminnen steht die Respektlosigkeit gegenüber dem Willen von Menschen, sich so zu kleiden wie sie selbst es wollen und nicht wie der mainstream es von ihnen verlangt. Insofern stehen westliche Feministinnen auf derselben Stufe wie Islamisten im Iran und anderswo, die ebenso respektlos ihren Willen gegenüber Frauen, die sich für westliche Kleider entschieden haben, durchsetzen wollen. Die Ereignisse verlaufen spiegelverkehrt, dahinter steht aber dasselbe antidemokratische Prinzip. So gesehen, reden wir über dieselbe Massenbewegung im Iran, bei der diese Respektlosigkeit mit Gewalt zum Ausdruck gekommen ist, und das ist vielleicht der Unterschied im Verhalten der westlichen Feministinnen hier gegenüber Kopftuch tragenden Musliminnen. Allerdings sind Berufsverbote, die damit einhergehen, auch eine Art Gewalt, strukturelle Gewalt. Ich hoffe, daß sie mir in diesem Sinne auch zustimmen können.

Im übrigen würde ich wünschen, daß die Debatte über eindimensionale Antikapitalisten einen größeren Kreis der Linken erreicht. Vielleicht können Sie auch dazu beitragen. Ich beabsichtige, demnächst einen Text zu Mißverständnissen über den Kapitalismus zu verfassen.

Mit den besten Grüßen

Mohssen Massarrat

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An Mohssen Massarat (26.08.2009)

Sehr geehrter Herr Prof. Massarrat,

die Ursachen für das von Ihnen genannte Mißverständnis lassen sich relativ einfach erklären: vermutlich trugen viele Frauen während der iranischen Revolution 1979 das Kopftuch aus Protest gegen den amerikanischen Modernismus, den sie mit der Schah-Diktatur gleichsetzten. (Noch unter dem Vater von Reza Pahlevi war bekanntlich in Anlehnung an die Kemalisten „der Tschador“ verboten). Wenn die iranische Revolution nicht in einer, wie Sie es nennen, Theokratie geendet wäre, [1] hätten die Trägerinnen des Kopftuchs dieses wahrscheinlich in wachsender Zahl abgenommen. So wurde der Tschador, in Umkehrung zu seinem staatlich verordneten Verbot aus den 30er Jahren zur Zwangsbekleidung. Der westliche Feminismus hat übrigens Ende der 70er Jahre die iranische Revolution in Bausch und Bogen abgelehnt. Der “Willen von Menschen, sich so zu kleiden, wie sie wollen”, ist etwas grundsätzlich anderes als das Diktat der ‘Theokratie’, durch das allen weiblichen Bewohnern des Iran von einem bestimmten Alter an die Form ihrer Bekleidung vorgeschrieben wird. Dann verwandelt sich der “Willen” in staatliche Willkür. Dagegen – und darauf sind Sie leider nicht eingegangen – wendet sich die kulturrevolutionäre Massenbewegung im Iran, die dem äußeren Anschein nach den amerikanischen Modernismus wiederzubeleben scheint. Nur hat sich dessen Bedeutung umgekehrt: war der Tschador vor 1979 Protestsymbol gegen den american way of life + Schah-Dikatur, so ist das Verlangen nach der ‘westlichen’ Lebensart durch die iranische Jugend Protestsymbol gegen die orientalische Erdöl-Despotie Ahmadineschads und die mit ihm verbündeten Erdöl-Despoten in Asien, Afrika und Lateinamerika. Der Unterschied zwischen dem american way of life der 50er und 60er Jahre und der heutigen ‘westlichen’ Zivilisation besteht aber darin, daß sich diese mit den zivilisatorischen Errungenschaften der kulturrevolutionären und antiimperialistischen Massenbewegungen der 60er Jahre, die auch gegen den american way of life gerichtet waren, aufgetankt hat. Die im Iran heute stattfindende Kulturrevolution wird sich nicht auf diesen beschränken, sondern früher oder später die ganze verknöcherte Zivilisation der islamischen Welt heimsuchen.

Da der westliche Feminismus kaum anders gestrickt ist als die westliche Linke, nämlich anti-’westlich’, kann jener für den Protest seiner Geschlechtsgenossinnen im Iran ebenso wenig Solidarität entwickeln. Anstatt den Frauen im Iran seinen “Willen” aufzuzwingen, nimmt der westliche Feminismus die dort stattfindende Kulturrevolution erst gar nicht zur Kenntnis… Unser “Mißverständnis” entpuppt sich bei allen sonst möglicherweise feststellbaren Gemeinsamkeiten als Problem einer entgegengesetzten Perspektive hinsichtlich der Einschätzung der iranischen kulturrevolutionären Massenbewegung.

Kaum anders verhält es sich mit den “eindimensionalen Antikapitalisten”. Diese verteidigen im Grunde einen durch und durch zum Staatsterrorismus gegen das eigene Volk verkommenen ‘Antiimperialismus’, was sogar schon, wenn auch sehr oberflächlich, der jW aufgefallen ist. [2] Die theoretischen Wurzeln des – wie ich es nenne – abstrakten Antikapitalismus finden Sie z.B. in Preobrashenskijs abstrakter Werttheorie (siehe mein Vortrag vor der Marx-Gesellschaft auf der gleichnamigen home page). [3] Vielen Dank für den Hinweis auf Ihr Buch; auch lasse ich mich gerne in Ihre Mailing Liste aufnehmen.

 

Zu guter Letzt würde ich es gut finden, wenn unsere Diskussion mit Ihrem Einverständnis auf den Seiten der ‘partei Marx’ dokumentiert würde.

Mit freundliche Grüßen

Ernst-Ulrich Knaudt

1) Mohssen Massarat: Offener Brief an „die Linke“ anläßlich ihrer mangelnden Solidarität mit der Volksbewegung im Iran (19.07.2009): „…Die islamische Theokratie wuchs nach der Revolution zunächst auf dem Trümmerhaufen eines erbittert geführten Kampfes zwischen Khomeini-Anhängern, den links-islamischen Volksmudschaheddin und linken Volksfedayin – allesamt mit ihrem jeweils unerschütterlichen Alleinvertretungsanspruch darauf, was die Wahrheit ist. Für die Festigung der Theokratie und die Säuberung aller Gegner sorgte dann der acht Jahre andauernde Irak-Iran-Krieg. In seiner bisherigen Geschichte erlebte die iranische Gesellschaft also lediglich nur während der goldenen Demokratie-Jahre der Mossadegh-Ära (1951-1953) freie Presse, freie Parteien, freie Wahlen und unabhängige Gewerkschaften. … Im kapitalistischen Westen sind alle diese Vorbedingungen gegeben, die im Iran erst hergestellt werden müßten. Die Linke sollte sich zuerst mit den Zielen der iranischen Volksbewegung gegen die Theokratie – die historisch zweifelsohne auf der Tagesordnung steht – uneingeschränkt solidarisieren. Dann aber sollte sie sich auch gelegentlich fragen, warum sie zur Erreichung weitergehender Emanzipationsziele in den eigenen Ländern nicht weiterkommt und auf der Stelle tritt.“

2) junge Welt 15/16.08.2009: Helft der Revolte vom Sofa! Offenkundig profitiert die Linke nicht von der Krise. Warum ist das so? Versuche, eine Debatte anzustoßen.
3) marx-gesellschaft.de Texte. Ulrich Knaudt: Das Wertgesetz und der Sozialismus im 20. Jahrhundert – Seine Auswirkungen auf die gesellschaftliche Praxis in der UdSSR und deren Rückwirkung auf die heutigen Debatten.

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An Ernst-Ulrich Knaudt (27.08.2009)

Lieber Herr Knaudt,

ich glaube, Sie haben mich mißverstanden. Ich stimme Ihren Ausführungen jedenfalls zu und meine, in meiner letzten mail an Sie inhaltlich das gleiche geschrieben zu haben. Die Machthaber schossen auf die demonstrierenden modern aussehenden Frauen, weil diese endlich von ihrem Recht Gebrauch machen wollten, so leben zu können, wie sie es selber wünschen. Ich habe diese Gewalt mit der strukturellen Gewalt des faktischen Berufsverbots für Kopftuchträgerinnen in Deutschland verglichen, ohne sie gleichsetzen zu wollen.

Meines Erachtens sagen Sie mit Ihren historischen Beispielen etwas ähnliches, oder? Gern können Sie unsere Diskussion auf ‚Partei Marx’ (was ist das eigentlich?) veröffentlichen.
Beste Grüße

Mohssen Massarrat

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An Mohssen Massarat (31.08.2009)

Sehr geehrter Herr Prof. Massarrat,

zunächst zu Ihrer Frage: “‘Partei Marx’ (was ist das eigentlich?)”. Das ist der Name einer Web Site, auf der ich erfolglos versucht habe, die Gründe für den politischen Verfall der Linken zu analysieren und solidarisch zu diskutieren. Diese Diskussion betrachte ich heute als weitestgehend abgeschlossen. Die Linke ist in einen ‘Aggregatzustand’ übergegangen, der eine solche Diskussion als überflüssig erscheinen läßt. Verglichen mit diesem Trend bildete Ihr ‘Offener Brief’ auf den ersten Blick für mich eine Ausnahme, obwohl beim näheren Hinschauen Gemeinsamkeiten mit jener von Ihnen kritisierten Linken zutage traten, die ich in meinem BLogbuch-Eintrag vom August (1) näher charakterisiert habe. [1] (Insofern hat es mich verwundert, daß Sie den Text kannten, ohne die Web Site zu kennen, auf dem er zu finden ist.) Auf diese von mir kritisch vermerkten Gemeinsamkeiten mit der hiesigen Linken gehen Sie in Ihrer Mail vom 25.08. aber nicht ein, sondern beschränken sich auf die zweierlei Respektlosigkeiten (der Frauenbewegung hier, des iranischen Regimes dort), die Sie laut Mail vom 27.08. “vergleichen, ohne sie gleichsetzen zu wollen” und die sich auf der Grundlage “desselbe(n) antidemokratische(n) Prinzip(s) … spiegelverkehrt” aufeinander beziehen sollen. Ich habe den starken Verdacht, daß durch derartige Spiegelverkehrtheiten unsere Debatte in einen unendlichen Regreß geraten ist, die wir, hätten wir unendlich viel Zeit endlos fortsetzen könnten…, jedenfalls, solange die Frage nicht geklärt ist, ob besagte Respektlosigkeiten in einer komplementären Beziehung zueinander stehen oder nicht. Ein derartiger Regreß läßt sich bekanntlich nur vermeiden, indem man ihn verläßt – aber wohin?

 

Um unsere Diskussion auf ein konstruktives Gleis zu lenken, schlage ich zum Thema “eindimensionaler Antikapitalismus” meinen Vortrag “Das Wertgesetz und der Sozialismus im 20. Jahrhundert” vor. Er findet sich auch meiner Web Site unter DEBATTE 3. [2] Ich werde mir meinerseits Ihr Buch beschaffen [3] und mich darüber hinaus mit der heutigen Wirtschaft des Iran vertraut zu machen versuchen.

Mit freundlichen Grüßen

Ernst-Ulrich Knaudt

1) parteimarx.org BLogbuch August (1): Was die deutsche Linke mit dem Iran zu tun hat?

2) parteimarx.org DEBATTE 3: Wertgesetz und Sozialismus.

3) Mohssen Massarrat: Kapitalismus, Machtungleichheit, Nachhaltigkeit. Perspektiven revolutionärer Reformen, Hamburg 2006.

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An den Buchladen Georgi Dimitroff in Frankfurt
(14.09.2009)

Hallo Buchladenkollektiv, vielen Dank für GdS 6-7 2009, die Ihr mir, wie ich annehme, wohl auch in der Erwartung geschickt habt, dazu von mir was zu hören. [1] Da Ihr Euch darin mit einer äußerst wichtigen politischen Frage beschäftigt (bisher bewegten wir uns ja hauptsächlich auf theoretischem Terrain), komme ich diesmal um eine politische Stellungnahme nicht herum. Darin wird sich vor allem die Feststellung nicht mehr umgehen lassen, daß wir trotz vieler Gemeinsamkeiten und Sympathien (zumindest, was mich betrifft) von vollkommen entgegengesetzten Prämissen ausgehen.

Eines vorweg: wenn ich in meinem politischen Leben nicht ähnlichen politischen Irrtümern angehangen hätte, wie ich sie jetzt bei Euch, was die Politik Stalins und der KPdSU(B) betrifft, vorfinde, würde ich vielleicht die ganze Angelegenheit einfach ignorieren und Euren Aufsatz wie vieles andere im Archiv ablegen. Hier also meine Antwort:

Auf meiner home page finden sich einige Hinweise, wie ich diese Politik inzwischen einschätze. Im Mittelpunkt dieser Einschätzung steht Stalins Putsch im Jahre 1934 gegen die eigene Partei (genauer: gegen das ZK), die mehrheitlich nicht mehr bereit waren, seiner Linie vor allem in der Bauernfrage zu folgen (ein Indiz dafür wäre, daß große Teile des ZK die ‚Säuberungen’ der 30er Jahre nicht überlebt haben). Nach meinen theoretischen Überlegungen bin ich, gestützt auf Marx, zu der Feststellung gelangt, daß das Herzstück der Revolution in Rußland die Lösung der Bauernfrage hätte sein müssen. Und je näher ich mich damit befasse, desto deutlicher werden die fatalen Konsequenzen, die aus deren falscher Gewichtung erwachsen sind. Stalin, das müßte man zur seiner politischen Ehrenrettung (wenn es da noch was zu retten gäbe) sagen, hat eigentlich nur nach den Halbherzigkeiten, mit denen Lenin zwischen der Marxschen und der Kautskyschen Position in der Agrarfrage hin- und hergerissen war (was ansonsten gar nicht zu ihm paßt), die unaufschiebbar gewordenen Entscheidungen in seiner Partei bezüglich der Bauernfrage auf seine brutale Weise exekutiert. Zu der Marxschen Position habe ich mich verschiedentlich geäußert. Meine Interpretation derselben mag falsch sein. Wenn Ihr meint, das sei der Fall, dann bitte, widerlegt sie.

Von der reaktionären Lösung der Bauernfrage (die im Endeffekt auch der Stalinschen Konterrevolution zugrunde liegt) leitet sich die sozialimperialistische Lösung der Nationalen Frage ab (die Wurzel der Nationalen Frage liegt meiner heutigen Einschätzung nach ebenfalls in der Bauernfrage und nicht [allein] in der mangelhaften Verwirklichung des von Lenin geforderten und analog zu Woodrow Wilson vertretenen Selbstbestimmungsrechts der Nationen, wie auch ich lange Zeit angenommen habe). Und damit bin ich schon bei Eurer Einschätzung der Potsdamer Konferenz:

Diese ist im wesentlichen unzutreffend: es gibt kein Potsdamer Abkommen zwischen den drei Alliierten, sondern es existiert nur ein Protokoll, das festhält, worin diese über einen begrenzten Fragenkreis Übereinstimmung erzielt haben, d.h. worin sie bei der künftigen Verwaltung Deutschlands zusammenarbeiten werden und wo sie getrennte Wege gehen müssen. Anstatt dieses Protokoll als Abkommen zu bezeichnen, wäre es sinnvoll gewesen festzuhalten, was dieses auf jeden Fall nicht ist: ein Friedensabkommen oder gar ein Friedensvertrag über den Status Deutschlands (oder auch nur ein erster Entwurf zu einem solchen). Die drei Alliierten haben sich lediglich über ihre getrennte Herrschaft über das von ihnen eroberte Niemandsland verständigt, das bis zum Kriegsende eine wirtschaftliche Einheit gebildet hatte, die, soweit es ihre Gegensätze zuließen, aufrechterhalten werden mußte. Denn einer der Hauptstreitpunkte waren (und darüber verliert Ihr kein Wort) die aus diesem Niemandsland zukünftig zu beziehenden Reparationsleistungen, für deren Erhebung Deutschland allerdings weiterhin eine wirtschaftliche Einheit hätte bilden müssen. Über diese Paradoxie (denn die Reproduktion des Kapitals setzt ja nun mal nach Marx das Bestehen einer einheitlichen „Douanegrenze“ und einen freien Fluß der Waren innerhalb derselben voraus) wurde ergebnislos gestritten, was schon bald zur Folge hatte, daß die westlichen Alliierten schließlich eine separate „Douanegrenze“ zogen, während Stalin wegen der Unlösbarkeit dieses Problems (so gut kannte er seinen Marx) den ihm zufallenden territorialen Anteil von vornherein bis auf den Grund ausplünderte und alles, was nicht niet- und nagelfest war, die Wissenschaftler eingeschlossen, die er u.a. zum Bau der Atombombe gleich mit einpackte, in die SU abtransportieren ließ. Ein weiteres Problem, das die westlichen Alliierten in starke Verlegenheit und in Schwierigkeiten versetzte, waren die aus Osteuropa in die Westzonen vertriebenen Millionen Flüchtlinge (nach Eurer Einschätzung durch die Bank Einflußagenten und Fünfte Kolonnen Nazi-Deutschlands). Damit diese Austreibung nicht mit einem Schlag die Westsektoren Deutschlands überflutete, wurde eine ‚humane Lösung’ dieser Völkerverschiebung angemahnt, eine Klausel, von der allen Beteiligten klar war, daß sich in der Praxis niemand daran halten werde. Die Sowjetunion schon gar nicht, da sie erwidern konnte, ihr Einfluß auf die osteuropäischen Regierungen sei begrenzt (was eine glatte Lüge war).

Die Potsdamer Konferenz war ihrer völkerrechtlichen Bedeutung nach also nicht mal ein zweites Versailles, da selbst dessen Voraussetzungen nicht mehr bestanden, denn:

  • Die Alliierten behandelten Deutschland nicht mehr als Kriegsgegner (Versailles), sondern [ausschließlich] als Kriegsschuldigen (wobei die Kriegsschuld Hitler-Deutschlands unbestritten ist).
  • Die Alliierten verhandelten statt dessen nur miteinander über ein möglichst gemeinsam zu verwaltendes Niemandsland und die aus diesem Niemandsland herauszupumpenden Reparationen, was eine Paradoxie darstellt, weil alle Beteiligten auf der einen Seite behaupteten, sie wollten Deutschland weder spalten noch kolonisieren, sie auf der anderen Seite aber nicht in der Lage waren, die wirtschaftliche Einheit Deutschlands wieder herzustellen. (Jede Seite sollte die Reparationsleistungen in ihrer eigenen Besatzungszone einziehen und als Entschädigung für sich verwenden.)
  • Während über die Reparationen und die Flüchtlingsfrage aber schließlich eine formelle Einigung erzielt wurde (ohne jedoch in der Praxis zu einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik zu gelangen und die Austreibungen der Deutschen aus Osteuropa bremsen zu können), sollten die territorialen Grenzen Deutschlands auf einer irgendwann einzuberufenden Friedenskonferenz bestimmt werden. (Das ermöglichte Stalin, die ‚Westverschiebung’ Polens in die Tat umzusetzen, was nicht nur die Vertreibung von mehr als 10 Millionen Deutschen, sondern von mehreren Millionen Polen aus den bisherigen polnischen Grenzgebieten zur Ukraine [und Bjelorußland] zur Folge hatte – auch darüber verliert Ihr kein Wort.) Dadurch wurden im östlichen Teil Mitteleuropas politische und territoriale Fakten geschaffen.
  • Die einzige Einigung über territoriale Fragen wurde mit der Abtrennung Ostpreußens erreicht, dessen südlicher Teil (als Entschädigung für die ‚Westverschiebung’ seines Territorium zugunsten des großrussischen Imperiums) an Polen ging.
  • Schon gar nicht handelte es sich bei diesem „Abkommen“ um einen ‚Frieden ohne Kontributionen und Annexionen’, wie ihn Lenin 1917 von den Kriegsparteien gefordert hatte, sondern um eine imperialistische Aufteilung Deutschlands. Dabei entstand in einer Verkehrung der Fronten die absurde Situation, daß die westliche Seite eher zu einem gerechten Frieden im Leninischen Sinne bereit gewesen wäre, während die östliche die Rolle der Imperialisten aus dem Jahr 1917 gegenüber der Leninschen Sowjetmacht einnahm. (Der Vollständigkeit halber wäre hinzuzufügen, daß die USA im Gegensatz zu Stalin auch kein Interesse an deutschen Eisenbahnschienen zeigten und sich statt dessen auf das Einsammeln deutscher Patente konzentrierten − wie zukunftsträchtig dieses Vorgehen war, zeigen die gegenwärtigen Verhandlungen über die Opel-Pleite.)
  • Im übrigen wurden die auf der Konferenz von Jalta bereits getroffenen Verabredungen über die gemeinsame Ausübung der alliierten Hoheitsrechte im deutschen Niemandsland erneuert und konkretisiert. Wenn die Bezeichnung ‚Abkommen’ überhaupt angebracht war, dann auf dieser rein administrativen ‚Ebene’. Durch diese Absprachen sollte trotz der politischen Differenzen im Interesse aller Beteiligten verhindert werden, daß das Niemandsland außer Kontrolle geriet.

Im Ergebnis ist demnach festzuhalten, daß es den westlichen Alliierten nicht gelang, die östliche Seite auf verbindliche Absprachen über den status quo auch in Ost-Deutschland und Ost-Europa festzulegen, der bis zu jenem Zeitpunkt gegolten hätte, da auf einer Friedenskonferenz eine abschließende Lösung der sog. Deutschen Frage (einschließlich der Nachkriegsgrenzen Deutschlands) mit einer deutschen Regierung vereinbart worden wäre. Da Stalin nicht bereit war, die von ihm eigenmächtig gezogenen Grenzlinien rückgängig zu machen (Westverschiebung Polens), [2] und hinsichtlich der unter dem Schutz der  Bajonette der Roten Armee installierten Regierungen in Osteuropa zu keinerlei Konzessionen oder Absprachen bereit war, war z.B. auch die gesamte Friedens- und Wiedervereinigungspolitik der KPD/SED heiße Luft und diente in Wirklichkeit nur dazu, Stalins osteuropäische Eroberungen zu legitimieren und diese zu einem späteren Zeitpunkt in Richtung Westen auszuweiten. Die Konferenz von Potsdam war auf der einen Seite kaum mehr als eine Fortsetzung der Kriegskonferenzen der Alliierten aus den vergangenen Jahren und auf der anderen Seite keine Friedenskonferenz, auf der ein ‚Frieden ohne Annexionen und Kontributionen’ auch nur zur Diskussion gestanden hätte, um einmal den Leninschen Mindeststandard zu nennen. Sie war ein durch und durch imperialistisches Unternehmen, bei dem sich Stalin als der raubgierigste Imperialist herausstellte.

Unbestreitbar war der Krieg, den die deutsche Bourgeoisie unter der Direktion Hitlers gegen die Völker der Sowjetunion und Osteuropas geführt hat, einer jener „Racenkriege“, den Marx schon 1871 für den Fall vorausgesagt hatte, daß Bismarck den Verteidigungskrieg gegen Louis Napoleon dazu zu benutzen sollte, Teile von Frankreich zu annektieren, was dann auch eintrat. („Racen-“ hat bei Marx die Bedeutung von „Völker-“; die biologistische Aufladung dieses Begriffs durch die Nazis war noch unbekannt. „Völkerkriege“ konnten revolutionär oder konterrevolutionär sein, wie vor allem Engels in der Zeit um 1848 immer wieder herausgearbeitet hat). Nach dem 1. Weltkrieg hatte sich die deutsche Bourgeoisie in einer durch die Weltwirtschaftskrise hervorgerufenen Paniksituation mit den Nationalsozialisten und den Resten des preußischen Junkertums verbunden (nicht nur verbündet), um die Schlappe von Versailles auszubügeln: Elsaß, Oberschlesien, Danzig. Stalins Ausspruch: ‚Die Hitler kommen und gehen − das deutsche Volk bleibt’, hatte leider nur Bestand, bis die Rote Armee in Berlin war. Dennoch erschien es auch danach so, als würde sich die Sowjetunion damit zum Anwalt der Interessen der deutschen Arbeiterklasse und des deutschen Volkes machen. Diese Rolle konnte aber schon deshalb nicht der Wirklichkeit standhalten, weil Stalin den legitimen Verteidigungskrieg der Völker der SU und der Völker Ost- und Südosteuropas seinerseits in einen Rassenkrieg zur Unterwerfung dieser Völker durch die Großrussen und zur Verwirklichung seiner sozialimperialistischen Ziele verwandelt hatte. Letztlich also hätte Stalin nur dann als Anwalt der Interessen auch der deutschen Arbeiterklasse fungieren können, wenn durch seine Konterrevolution in der Revolution die Sowjetunion nicht [bereits zuvor] in ein neues Zarentum übergegangen wäre.

Statt dessen wurden die Westmächte zu Verteidigern des Status quo in Deutschland, was den [West-]Deutschen das Überleben als Konsumenten der auf Pump (Marshall-Plan) anzuschaffenden us-amerikanischen Waren und den Kapitalisten und Lohnarbeitern den Wiederaufbau und dessen Bezahlung auf Pump (von amerikanischen Investoren) ermöglichte. Gemessen an den neofeudalen Verhältnissen unter der sowjetischen Besatzungsmacht war der westliche Teil Deutschlands im Marxschen Sinne zweifellos der fortschrittlichere von beiden (Davon zehrte lange Jahre der Nimbus der SPD als ‚Arbeiterpartei’, dem die KPD ernsthaft nichts entgegenzusetzen hatte, sodaß ihr Verbot eigentlich völlig überflüssig war. Aber Justitias Mühlen mahlen eben langsam). Dessen kapitalistische Entwicklung wurde nur durch die Uneinigkeit zwischen den westlichen Alliierten gebremst, bis zu welchem Grade die deutsche Bourgeoisie wieder auf dem Weltmarkt in Erscheinung treten durfte. Nachdem das von Stalin in der späteren DDR installierte Regime sich zunächst nur darauf zu beschränken hatte, die Durchführung der Demontagen zu garantieren (was die Sympathien für die KPD/SED nicht gerade steigerte), wodurch seine Nachkriegspolitik eher der französischen nach Versailles nahekam, konnte die SU den östlichen Teil des geteilten Deutschland nicht einfach weiterhin [nur] als Niemandsland verwalten. Daher sahen sich Stalin und dessen Nachfolger gezwungen, ihren ursprünglichen Raubzug in Deutschland schrittweise in eine Enteignung der Bourgeoisie und einen Aufbau des Sozialismus umzuwidmen (wovon die heutige Partei Die Linke immer noch zehrt), zumal Stalins Hauptinteresse an Ostdeutschland weiterhin darin bestand, als Sprungbrett für die Verwirklichung der hegemonialen Ziele Alexanders I. in Westeuropa zu dienen.

Darin steckt auch der tiefere Sinn der zwischen 1945 und 1953 in der KPD/SED zu beobachtenden Diskussionen über die ‚Nationale Frage’, die sich verglichen mit der Linie in der Neuen Rheinischen Zeitung von 1848 leider als Farce wiederholten: denn in Wirklichkeit  war in Deutschland 1945 genau das in Erfüllung gegangen, was Marx und Engels schon 1848 unbedingt verhindern wollten: zunächst eine feudale Revolution à la Bismarck, dann die Annexion von Elsaß-Lothringen 1871 und schließlich in Fortsetzung des Ersten Weltkriegs der Rassenkrieg gegen die Völker Europas. All dies führte schließlich zur Rückkehr jenes dritten Alexander., dessen Hegemonie über ganz Europa aber erneut an den fehlenden ökonomischen und zivilisatorischen Voraussetzungen Rußlands für diese Aufgabe scheiterte, sodaß das post-Stalinsche Imperium sich in den 90er Jahren aus Deutschland und Osteuropa wieder zurückziehen mußte. Momentan befindet sich die russische Staats-Bourgeoisie erneut in einem Lernprozeß, wie sie es anstellen muß, um als Weltmacht an diesen ‚Imponderabilien’ nicht wiederum zu scheitern, wobei ihr Deutschland (wie die Opel-Verhandlungen zeigen) wie zur Zeit der Heiligen Allianz erneut die Hand reichen könnte, wofür die Linkspartei intensiv wirbt (siehe den um Sympathie werbenden Artikel im ND vom 12.09. über Roy Medwedjew, [3] dem trotzkistischen ‚Putinisten aus Vernunft’…)

Ihr seid übrigens die einzigen in Deutschland, soweit ich es überblicke, die den Stalinschen Sozialimperialismus in seiner ursprünglichen Gestalt weiterhin vertreten. Alle anderen haben davon Abstriche gemacht, ohne allerdings auf ihre Sympathie für das heutige Großrussentum zu verzichten. Ihr erhofft Euch von einer konsequenten Durchführung des antifaschistischen Auftrags der Völker der SU und Osteuropas an die damalige ‚Sowjetmacht’ einen Impuls für den Klassenkampf und den Sozialismus und seid weiterhin der Ansicht, daß dieser Auftrag auch heute noch durchzuführen sei. Aber der Versuch der Völker und der Arbeiterklassen, im Bündnis mit der Sowjetunion und gestützt auf den von ihr propagierten ‚Antifaschismus’, auf diese Weise den Faschismus auszurotten, hat an dessen Stelle nur ein weiteres Monster ähnlicher Art erzeugt; dessen Schreckensregiment von der Verwechslung von Wunsch (Propaganda) und Wirklichkeit (in Gestalt der politischen und ökonomischen Tatsachen) zeugt. Der Antifaschismus war für Stalin kein Selbstzweck; er sollte ihm hauptsächlich dazu verhelfen, um als neuer Zar aller Reußen die Vorherrschaft über die slawischen und übrigen ost- und südosteuropäischen Völker und das deutsche Volk zu errichten. Diese große historische Lüge wirkt in den Köpfen vieler Europäer und in den[en der] Arbeiterklassen der Welt bis heute nach. Anstatt ihr entgegenzuarbeiten, verstärkt Ihr ihre unterschwellige Wirkung und begünstigt faktisch eine Politik (Stichwort: DKP, PDS etc., d.h. den Enkeln von Stalin und Sowjetarmee), die Ihr zu bekämpfen vorgebt.

Vielleicht ist meine grobe Analyse für Euch nur Schall und Rauch, vielleicht werden Euch aber auch die kommenden Ereignisse eines Besseren belehren – hoffentlich noch früh genug, um daraus entscheidende Rückschlüsse zu ziehen und im Interesse der Arbeiterklassen auf der Welt den Klassenkampf im Sinne der ‚Partei Marx’ fortzusetzen.

Es grüßt herzlich

Ulrich Knaudt

1) Gegen die Strömung 6-7/09: 60 Jahre Grundgesetz: Den Heiligenschein des Grundgesetzes zerschlagen!

2) Im Endeffekt ließ sich Stalin die bereits im Hitler-Stalin-Pakt im Jahre 1939 vollzogene Aufteilung Osteuropas von den westlichen Alliierten gegenzeichnen: die endgültige Anerkennung der Curzon-Linie, die die Sowjetunion nach der gescheiterten Eroberung Warschaus im Vertrag von Riga 1920 nicht hatte durchsetzen können, die Annexion von Bessarabien (etwa = dem heutigen Moldawien) und der drei baltischen Republiken Estland, Lettland, Litauen (einschließlich des Gebiets um Wilna).

3) Neues Deutschland 12.09.2009. Ich bin aber kein Putinist“. Der einstige Dissident Roy Medwedjew über das heutige Rußland.

 

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