Marx und ‚Marxismus’ in Deutschland – An die Marx-Gesellschaft

Überarbeitete Fassung eines Appells an die Marx-Gesellschaft, gegen die ‚Übernahme’ der west-deutschen Rest-Linken durch die PDS, genannt Die LINKE, Widerstand zu leisten. (Die dazugehörigen Anmerkungen nur in der PDF-Version!)

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An die Marx-Gesellschaft

Anfang dieses Monats [Oktober 2008] schlug ich in einem Brief [siehe DEBATTE 2 ANHANG 1] [...] eine neue Lesart des Kapital vor, die nach meiner Einschätzung sowohl den politischen Intentionen der Marxschen Partei als auch der durch die aktuellen Weltereignisse (Georgien-Krieg, Welt-Banken-Krise) entstandenen Welt-Lage entspricht. Auf diesen Brief bekam ich leider keine Antwort [...].

Durch das Aufeinandertreffen der genannten Weltereignisse, die in ihrer Folgewirkung wahrscheinlich auf eine Welt-Wirtschaftskrise und einen Welt-Krieg, dessen Vorboten wir bereits erleben, hinauslaufen, sind die welt-politischen Analysen der Marxschen Partei auf der Grundlage der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie für unsere heutige Situation aufs neue bestätigt worden: Marx ist aktueller denn je – das befürchten nach dem Zusammenbruch einiger großer Investmentbanken auch die Kommentatoren der FAZ, denn:

Erstens scheint mit der Neuformulierung der russischen Außenpolitik, deren schädlichen Einfluß als Bollwerk der Reaktion auf die revolutionären Bewegungen und Arbeiterklassen Europas und Nordamerikas Marx und Engels immer wieder entlarvt haben, die Welt-Politik erneut in ein welt-hegemonistisches Fahrwasser zurückgekehrt zu sein. Nur heute mit dem Unterschied, daß Welt-Politik sich nicht mehr unbedingt nur in Europa abspielen muß, das nur noch als einer von mehreren Global Players daran beteiligt ist. Daß, und ansatzweise auch warum, aber diese politischen Analysen spätestens seit Stalins Kritik an Friedrich Engels’ Aufsatz Die auswärtige Politik des russischen Zarentums innerhalb des ‚Marxismus-Leninismus’ unter Quarantäne gestellt wurden, habe ich an anderer Stelle zu zeigen versucht. Diese Quarantäne in den Köpfen mag auch ein Grund dafür sein, daß die deutsche Linke auf die De-facto-Annexion von Teilen Georgiens durch die russische Armee im sog. Augustkrieg sehr zurückhaltend bis unglaublich verständnisvoll reagiert hat und den Kopf vor dem wachsenden Druck, der von der auswärtigen Politik des heutigen neuen Zarentums auf die öffentliche Meinung in Mittel- und West-Europa ausgeht, in den Sand steckt. Diese Haltung wird in der linken Presse häufig mit der Warnung vor anti-russischen Reflexen verknüpft, weil ‚wir Deutschen’, von dieser offensichtlich zum nationalen Kollektiv zusammengeschweißt, seit dem Hitlerschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion den allergeringsten Grund hätten, Rußland zu kritisieren. Die ‚Marxisten’ darunter müssen sich aber ihrerseits die Frage gefallen lassen, ob sie mit ihrer einseitigen Betrachtungsweise der heutigen Rolle Rußlands in der Welt nicht in einen ähnlichen Nationalismus verfallen, wie den, vor dem sie ‚die Deutschen’ ständig meinen eindringlich warnen zu müssen.

Zweitens beschränkt sich die Aktualität der Marxschen Analysen, was das Kapital betrifft, nicht nur auf seine Aussagen über »das Kapital im allgemeinen«, die für die verschiedenen Lesarten der ‚neuen Marx-Lektüre’ als das Non-plus-ultra gelten, sondern diese besteht vor allem darin, daß Marx die ‚Globalisierung’ der kapitalistischen Produktionsweise, die nach 1989 erst zu ihrer vollendeten (wenn auch nicht endgültigen) Gestalt gefunden hat, in dem noch relativ unentwickelten Zustand, in dem sie sich im England seiner Zeit befand, auf geniale Weise (unter Verarbeitung der Hegelsche Logik und des französischen, englischen und Feuerbachschen Materialismus) antizipiert hat. Wer sich heute vornehmen wollte, diesen wissenschaftlichen Torso nach den Marxschen Plänen zu vollenden, hätte, bezogen auf den heutigen kapitalistischen Weltmarkt und der sich gegenwärtig vor unseren Augen seit dem Frühjahr 2007 entfaltenden Weltwirtschaftskrise, ein ähnlich klassisches Anschauungsmaterial vorliegen, wie es Marx für die ersten Drei Bücher des Kapital im England der Jahre unmittelbar vor und nach 1848 für »das Kapital im allgemeinen« vorgefunden hat. Aber vielleicht konnte das darüber hinaus geplante Buch über den Weltmarkt auch deshalb von Marx nicht mehr geschrieben werden, weil das zur Verfügung stehende Anschauungsmaterial verglichen mit dem heutigen noch nicht so stark ausgeprägt war. Das mag auch einer der Gründe für die verengte Sichtweise in den verschiedenen Imperialismustheorien sein, die Anfang des 20. Jahrhunderts an den Phänomenen gescheitert sind…

Dies führt als letztem Punkt zu den Konsequenzen, die sich aus der Sichtweise der Marxschen Partei und der darin bereits angelegten Antizipation unserer heutigen Verhältnisse ergeben: da Marx die kapitalistische Produktionsweise von vornherein in ihrer ‚globalen’ Dimension analysiert hat – das entgegengesetzte Extrem bildet auf der anderen Seite die Wertform der kapitalistischen Ware, die nach Marx wie eine Körperzelle zu mikroskopieren sei -, hat er einerseits dem provinziellen ‚Arbeiterismus’, wie er nach den eigenen politischen Erfahrungen zuerst unter den sozialistischen Handwerkern und später in den englischen Gewerkschaften und der deutschen Sozialdemokratie gang und gäbe war, eine international organisierte Partei der Arbeiter gegenübergestellt, deren Kampf jedoch laut Manifest der Kommunistischen Partei, obgleich »nicht dem Inhalt«, aber »der Form nach zunächst ein nationaler …des Proletariats gegen die Bourgeoisie« zu sein habe, d.h. der politisch ausgedrückt in »der Form« der bestehenden historischen Nationen auszutragen, diese »Form« aber notfalls gegen ihre Zerstörung durch die hegemonistische ‚Nationalitäten’-Politik des russischen Zarentums oder Louis Bonapartes u.a.m. zu verteidigen sei. Es kann hier nicht ausgeführt werden, warum sich dieses Konzept sowohl in der deutschen Sozialdemokratie wie auch in der III. Internationale nicht hat durchsetzen können und sollen. Fakt ist, daß die Linke bis zum heutigen Tag nicht verstanden hat, daß sich die Arbeiterparteien nach der Marxschen Analyse analog zur Beschaffenheit des Weltmarktes von vornherein international zu organisieren haben, um zu vermeiden (und zwar genau entgegengesetzt zu den An- und Absichten der heutigen Linken), daß ihr Internationalismus dem nationalen Terrain des Klassenkampfes abstrakt entgegengestellt wird – und umgekehrt.

Der ‚Sozialismus in einem Land’ war und ist daran gemessen ein ebenso hirnrissiges Konzept wie die in der ‚Anti-Globalisierungsbewegung’ gepredigte utopische ‚Landlosigkeit’ ihrer (autonomen) angeblich revolutionären Subjekte. Die Arbeiterklassen, soweit sie sich an der Marxschen Partei orientiert haben, waren schon immer mit einer Welt-Bourgeoise konfrontiert, die auf den Höhepunkten der Klassenkämpfe (1848, 1871, 1917-1920, 1967) als eine solche gemeinsam in Aktion trat, und auch heute trotz erbitterter Konkurrenz unter einander, in bestimmten Situationen nach gemeinsam getroffener Abstimmung agiert, während sich das heutige Welt-Proletariat dagegen in einem Zustand befindet, in dem es wahrscheinlich nicht einmal als eine Klasse an sich oder bestenfalls noch als ein rein theoretisches Proletariat anzusehen ist. Das aber könnte sich relativ schnell ändern. Auch hier würden weitere Überlegungen zu weit führen, bis auf die abschließende Bemerkung, daß die Analyse des Marxschen Kapital, wenn sie der hier angedeuteten politischen Intention dieses Werks in Zukunft Rechnung tragen will, nicht wie die ‚neue Marx-Lektüre’ bei den 65 Lesarten des Ersten Abschnitts des Kapital stehenbleiben darf.

Denn, wie schon in meinem Brief [...] erläutert, bin ich nicht der Ansicht, daß das Kapital ausschließlich für Philosophen oder Ökonomen geschrieben wurde (die mögen daran ihre spezielle Freude haben), sondern vor allem für diejenigen, die, nachdem sie sich aus den Fesseln der kapitalistischen Produktionsweise befreit haben, für ihre gesellschaftliche Produktion das Kapital als negative Blaupause benötigen, und sich daher schon heute darin üben müssen, die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie gegen den Strich zu lesen. (Eine Übung, die über die reine Teewasser-Opposition gegen die bürgerlichen Gewerkschaften hinauszugehen hätte!) Denn heute wissen wir vielleicht sehr viel konkreter als frühere Parteigänger der Marxschen Partei, daß die bürgerlichen Ökonomen zwar viel erzählen können, welche mathematischen Modelle am besten geeignet sind, die Verwertungsmöglichkeiten der Werte der Kapital- und Vermögensbesitzer zu antizipieren, daß aber ihre Theorien kaum einen Fingerzeig enthalten, wie dieser Verwertungsprozeß vom Standpunkt derjenigen, die diese Werte physisch schaffen und materiell der Natur entreißen, zu bewerten ist und wie dieser in Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht, im Prinzip funktioniert und sich historisch entwickelt hat. Das ganze Marxsche Kapital ist, so sehe ich das heute, auf einen solchen negativen Lernprozeß hin politisch konzipiert, ohne daß das darin allzu offen ausgesprochen wird. Daher steckt in der radikal zu Ende geführten Marxschen Kritik der Theorien der politischen Ökonomie bereits im Keim die ungeschriebene Legende, wie die kapitalistische in eine »gesellschaftlich(e) Produktion« umzusetzen sei. Und woran läßt sich das besser nachvollziehen als an den historisch gescheiterten revolutionären (und konterrevolutionären) Versuchen, die Marxsche Kritik praktisch werden zu lassen oder (durch ihre Verwandlung in ihr staatsmonopolistisch-kapitalistisches Gegenteil) dies von links und rechts zu verhindern?

Daran gemessen sind dagegen die jüngsten Forderungen der LINKEn unter dem Motto »Gebt uns euer „Kapital“! – Marx an die Hochschulen« – um es äußerst zurückhaltend zu formulieren – völlig kontraproduktiv! Nicht nur in Hinblick auf den Anspruch an eine den heutigen Verhältnissen angepaßte Marx-Lektüre schlagen diese Forderungen auch einer wissenschaftlichen Aneignung der Marxschen Texte, soweit ich diese in den bisherigen Bemühungen der Marx-Gesellschaft verfolgen konnte, direkt ins Gesicht.

Sollte sich auch die Marx-Gesellschaft, wie dies bereits einige Referenten der Marx-Kolloquien durch ihre Unterschrift unter obigen Aufruf kundgetan haben, diesem Projekt (das zudem auf höchst alberne Weise die revolutionären Traditionen der ‚Studentenbewegung’ von 1967 politisch ausbeutet), zur Verfügung stellen, könnte ich ihr auf diesem Weg nicht mehr folgen, so sehr ich das meinerseits zu bedauern hätte.

In der Erwartung einer intensiven Diskussion, die, so hoffe ich, zu einem anderen Ergebnis als dem zu befürchtenden führen wird, verbleibe ich

Ulrich Knaudt.

Bochum, den 22.10.2008.

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