Reaktionen (Teil 1)

Reaktionen: Teil1, Teil2, Teil3, Teil4

Die an dieser Stelle wiedergegebenen feedbacks zum Projekt Partei Marx haben im Augenblick nur archivalischen Wert, da die eingangs geäußerte Faszination an demselben, bis auf die nachstehend dokumentierten Ausnahmen, fast auf Null gesunken ist.


Daher verweisen wir auf die REFLEXIONEN, KRITIK und DEBATTE, worin wir uns mit unseren Kritikern und Autoren kritisch auseinandersetzen, die zu der Thematik, mit der wir uns zu beschäftigen haben, in, wie wir meinen, besonderer Weise hervorgetreten sind.


Zu Dokumentationszwecken wurden einige Briefe aus der Zeit vor 2001 aufgenommen.
In der letzten Zeit (seit dem Frühjahr 2007) haben die REAKTIONEN den einseitigen Charakter einer Art ‚Flaschenpost’ angenommen, die, so ist zu hoffen, wieder einem regeren Meinungsaustausch Platz machen wird.

[Korrekturen sinnentstellender Fehler sowie Kürzungen werden in eckige Klammern gesetzt und folgen der klassischen Deutschen Rechtschreibung.]

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An Django (25.04.2000):

Herzlichen Dank für die ausführliche Literaturliste mit den dazugehörigen Bezugsquellen. Das Buch, über das wir neulich sprachen, habe ich noch antiquarisch für einen entsprechenden Preis erwerben können.[1] [...] Außerdem ist in der aktuellen Nummer von Lettre International (Heft 48) 1/2000 ein Aufsatz zum selben Thema erschienen. Slavoy Žižek: Selbstmord der Partei. Stalinismus – Zur Logik einer pervertierten Revolution. Der Aufsatz ist politisch nicht ergiebig, weil darin sehr stark tiefenpsychologisch argumentiert wird; er enthält aber die neueste historische Literatur zu diesem Thema.

Die Eigenarten der menschewistischen bis sozialdemokratischen Stalinismuskritik (incl. Claussens Einleitung) einmal beiseite gelassen, fasziniert mich an dem Brief eines alten Bolschewiken, daß der Kirow-Mord nicht nur als gezielter Auslöser für die nachfolgenden „Säuberungen“ sichtbar wird (dies die durchgängige Darstellung), sondern daß das ZK durch die Lancierung Kirows ins Politbüro Stalin so weit in die Enge getrieben hatte, daß er seine weitere politische Karriere nur noch durch die Inszenierung eines Staatsstreichs retten konnte.

Nach der Liquidierung der linken (Sinowjew, Trotzki) und Kaltstellung der rechten ‚Leninisten’ (Bucharin) mußte sich Stalin 1934 offensichtlich mit den stalinistischen ‚Leninisten’ auseinandersetzen, die ihn bis dahin als Speerspitze gegen die rechten und linken ‚Leninisten’ glaubten verwenden und kontrollieren zu können (womit ich nicht sagen will, daß sie die besseren ‚Leninisten’ gewesen wären). Ihre Galionsfigur Kirow – das wird aus dem Dokument ziemlich klar – scheint ja immerhin versucht zu haben, die Partei an einigen längst über Bord geworfenen Prinzipien Leninscher Politik neu zu orientieren. Seinem Eintritt ins Politbüro wären weitere Schritte des ZK gegen Stalin gefolgt. Daher durfte Kirow seinen neuen Posten erst gar nicht antreten. Der Rest der Geschichte geht bekanntlich nach der Melodie Zehn kleine Negerlein

Wenn dieses Dokument echt ist, bzw. die darin dargestellten Zusammenhänge nicht reine Erfindung sind, dann handelt es sich bei Stalins Machtergreifung um einen konterrevolutionären Staatsstreich, durch den er sich zum national-bolschewistischen Zaren aller Reußen an die Spitze der SU katapultieren wollte und sollte. Diese Schlußfolgerung klingt zwar nicht besonders originell, sie ist aber nie, nicht einmal von den Trotzkisten, geschweige denn den Maoisten, bis zu der Konsequenz gezogen worden, daß dieser durch Stalins Staatsstreich etablierte neue Zarismus nicht nur das Ende der Leninschen Weltrevolution, sondern auch des internationalen Proletariats, als zu jener Zeit [noch] revolutionären Klasse, bedeuten mußte und jede revolutionäre Bewegung automatisch für großrussische Weltmachtinteressen instrumentalisiert wurde. Die aktuelle Bedeutung dieser Einschätzung für das gegenwärtige roll-back, das die verschiedenen kommunistischen bis sozialistischen Gruppen [gegenwärtig] versuchen, liegt auf der Hand… Dazu näheres ein andermal.

Dabei möchte ich vermuten, daß Du hinsichtlich meiner zuletzt angestellten Schlußfolgerungen ganz anderer Ansicht bist. Übrigens, in der UZ vom 24.03. wird ein Kongreß in Berlin Jahrhundertbilanz des Kommunismus für Ende Mai angekündigt. Vielleicht ganz interessant… Das war’s erst einmal.

Mit freundlichen Grüßen

Ernst-Ulrich

1) Boris Nikolajewski: Brief eines alten Bolschewiken. Mit einem Essay von Detlef Claussen, Frankfurt 1992.


An Django (06.11.2000):

[...]
Meine Antwort erfolgt per Dampfpost, weil ich einige UZ-Artikel kopiert habe, die meiner Meinung nach Deine Unterschätzung der DKP widerlegen.

[...]
Zu den UZ-Artikeln:

Ohne daß ich die Entwicklung in der Hamburger PDS weiterverfolgen konnte (Linke und Wahlpolitik 2001 [1]), scheint die DKP – was aus ähnlichen Artikeln hervorgeht – vorzuhaben, die PDS in eine von ihr dominierte „breite Bündnispolitik“ integrieren zu wollen, sodaß diese als politische Partei schließlich darin verschwindet und mit wachsender politischer Konturlosigkeit zum Spaltungsobjekt wird. Die Kaderpartei seid nicht Ihr!

Daß die Distanzierung von der Hochschulgruppe LINKS nur taktischer Natur war, zeigt die Glosse vom 1. September Sozialismus in Hamburg [2]), die in dem Satz gipfelt: „Die PDS hat im Osten Verdienste, sonst fände sie dort nicht so viele Wähler. Aber für den Westwähler ist sie erst attraktiv, wenn sie sich nicht nur sozialistisch nennt, sondern auch ein sozialistisches Profil hat.“ …Und dafür werden wir sorgen, könnte man ergänzen: Sozialismus in den Farben der DKP, sprich DDR!

Damit sind wir beim letzten Artikel (Braune Gefahr aus dem Osten [3]), der die anderen um einiges an Offenheit überbietet. Das DDR-Bild des Herrn Czichon ausführlich zu diskutieren, würde den Rahmen dieser knappen Bemerkung sprengen. Unter der Überschrift „Radikaler Antikommunismus“ geht es zur Sache:

„Schon vor 1933, weiß er („der PDS-Mann Brie“) zu berichten, habe die kommunistische Bewegung spätestens (!) mit ihrer Stalinisierung »Demokratie und Emanzipation abgelegt«. Und es kommt noch dramatischer: Sie – die KPD – hat ebenfalls vor 1933 »Konzepte verfolgt, der gleiche oder ähnliche Symbole wie der NS-Bewegung zugrunde lagen. Hier gibt es«, so der dieser neue Wahrheitsmonopolinhaber weiter – eine »fatale Kontinuität«. Warum erzählt der PDS-Abgeordnete einen solchen Schwachsinn?“

Natürlich hat Brie recht! Leider beschränkt er sich bei den Gemeinsamkeiten KPD-NSDAP auf die Oberfläche (»Symbole«), wie sie auf dem ausgetretenen Pfad sozialdemokratischer NS-Aufarbeitung seit langem ausgebreitet werden. Abgesehen davon verwechselt er die Kopie mit dem ohne Schwierigkeiten übernommenen national-bolschewistischen Original: die Nazis haben ursprünglich bei der viel einflußreicheren KPD abgekupfert. Der umgekehrte Fall trat erst Ende der 20er Jahre ein. Dabei sind die politischen Gemeinsamkeiten das Entscheidende: Stalins Schwenk um hundertachtzig Grad von Lenins proletarischem Internationalismus zum National-Bolschewismus mit seinem Sieg über die ‚Opposition’ (vgl. meinen Brief vom 25.04. d. J.) bedeutete, daß die sowjetische Außenpolitik sich nicht mehr an der Ausbreitung der proletarischen Weltrevolution mit der SU als Gravitationszentrum orientieren sollte, sondern die ‚Weltrevolution’ an der Ausbreitung der SU, wobei diese ‚Weltrevolution’ zu einer propagandistischen Begleitmusik der großrussischen Außenpolitik herabsank. Also entweder: Fort- (und Eigen-)entwicklung der Weltrevolution als condition sine qua non für die Fortentwicklung ihres Gravitationszentrums UdSSR. Oder: Eigenentwicklung der UdSSR (‚Sozialismus in einem Land’) als Voraussetzung der ‚Weltrevolution’ [Stalinscher Prägung], das waren die Alternativen. An letzterer können die Nähe und die Berührungspunkte zwischen NS und KP historisch demonstriert werden. Und davon gab es genug – wie schon Anfang der 30er Jahre nicht wenige Kommunisten feststellen mußten. (In Stalins eigener Entwicklung ist dieser National-Bolschewismus kontinuierlich zu verzeichnen; man nehme nur seinen Aufsatz über die Nationale Frage (1913) oder seine Festrede vom 06.11.1920 vor dem Bakuer Sowjet Drei Jahre proletarische Diktatur (SW 4, 336), wo es unter anderem heißt, daß die Ententemächte Rußland 1918 hindern wollten, „sich wirtschaftlich zu festigen und zur stärksten Weltmacht zu werden“. Das könnte heute von Putin stammen… Nicht zu vergessen Stalins Auseinandersetzung mit Lenin über die SU-Verfassung, wo Stalin einen strammen sozialpatriotischen Kurs vertritt, den Lenin gerade noch bremsen kann, usw.).

M.a.W. der von der ‚Linken’ beschworene ‚Antifaschismus’ der SU ist ein Mythos zur Verschleierung ihres seit Mitte der 20er Jahre zunehmenden großrussischen Expansionismus. Warum wollte Stalin keine antifaschistische Einheitsfront, als der Faschismus in Deutschland politisch noch zu verhindern war? Dazu ein Zitat aus einem Buch, das ich gerade gelesen habe (R.C. Tucker: Stalin in Power, N.Y., London 1990):

“An SPD leader, Friedrich Stampfer, obtained an interview with the Soviet Envoy in Berlin, Lev Kinchuk, himself a former Russian Menshevik, »Would it be possible to expect the cooperation of Communism in the struggle against National Socialism?«” Nach mehreren Gesprächen [Stampfers] mit dem sowjetischen Botschafter Winogradow beendete dieser jene mit den Worten: »Moscow is convinced that the road to Soviet Germany leads through Hitler« (Seite 230). Das heißt, für Stalin war Hitler ein Geschenk des Himmels!

Weiter unten lesen wir bei Tucker: “A former German Communist writes that a saying was current in antifascist German circles at that time, »Without Stalin, no Hitler«, and that Zinoviev said to him in early 1933: »Apart from German Social Democrats, Stalin bears the main responsibility for Hitler’s victory.«” (Seite 232) Der “former German Communist“ war der ehemalige Redakteur R[oten]. F[ahne]. Wollenberg.

Es ist eben ein Unterschied, ob man, wie Lenin dies tat, die Widersprüche zwischen den Imperialisten für die Revolution auszunutzen versuchte (z.B. Frieden von Brest-Litowsk), oder ob man sich mit einer Fraktion derselben verbündete und (unter dem Aushängeschild des ‚Sozialismus in einem Land’) eine eigene imperialistische Großmachtpolitik zur Expansion Groß-Rußlands betrieb. Diesen Großmachtinteressen hätte ein, zwangsläufig westlich orientiertes, antifa Deutschland zu jener Zeit (interessante Parallele zum Kosovo-Krieg!) einfach im Wege gestanden. (Ob auf der anderen Seite dem Westen ein solches Deutschland in den Kram gepaßt hätte, steht auf einem anderen Blatt und interessiert hier nicht).

Aber der tiefere Grund, warum Stalin vor 1933 keinen antifa Kampf in Deutschland haben wollte, war die Krise, in die er die SU mit der Zwangskollektivierung und der überforcierten Industrialisierung gesteuert hatte. Die Erdrosselung der russischen Arbeiterklasse und die Verjagung der Mittelbauern von ihrem Stück Land (‚Dekulakisierung’) benötigten gleichzeitig eine friedliche imperialistische Umgebung, aber keine antifaschistische Einheitsfront; als diese dann schließlich 1935 proklamiert wurde, was das Ding schon gelaufen, wobei sich nun in Spanien zeigen sollte, was Stalin und die GPU inzwischen darunter verstanden…: daß der Weg nach Sowjetdeutschland tatsächlich nur »through Hitler« führen würde. Der Sieg der ‚antifa Einheitsfront’ über Hitler wurde folglich zum Sieg des national-bolschewistischen Sozialismus über den völkischen Sozialismus, im Bündnis mit dem Westen, dem – an der Spitze die USA – die Völker der von Hitler besetzen Länder Europas eine konkurrierende Weltmacht vom Halse schafften.

Genau das ist es, was die DKP uns heute als ‚Antifaschismus’ verkaufen will. Diesen beschwört Czichon auf eine, man muß schon sagen, unappetitliche Weise im Stil altgeübter DDR-Propagandablasen, unfähig, auch nur einen [einzigen] nicht-schablonenhaften Gedanken hervorzubringen. Vor lauter Anti-Anti-Kommunismus ist ihm letzterer [d.h. der Kommunismus] schon längst abhanden gekommen.

„Denn Brie weiß“, heißt es pathetisch zum Schluß, „daß die Kommunisten im Kampf gegen den Faschismus den größten Blutzoll zahlen mußten.“ (Er meint natürlich nicht die von Stalin umgebrachten…) Ein „Blutzoll“, der in jeder Beziehung ohne die institutionelle Konterrevolution Stalins in dieser gewaltigen Dimension zu vermeiden gewesen wäre!

Alles andere sind abgeleitete Phänomene, auch die [von Czichon] erneut beschworene angebliche „braune Gefahr“, die, verglichen mit 1933 nur ein Popanz sein kann, durch dessen Beschwörung die abgehalfterte ‚Linke’ wieder Boden unter den Füßen bekommen will, während die SPD hofft, daß den ‚bürgerlichen Parteien’ das rechte Wählerpotential dadurch abhanden kommen wird. Wer, wie Brie, diesen Popanz relativiert und historisiert und diesen auf seine politische Unbedeutendheit zurechtzustutzen versucht, ist unseren ‚Antifaschisten’ zutiefst verhaßt. Denn was vertreten sie sonst außer Beton!?

Der UZ entnahm ich nun, daß der DKP-Vorsitzende [auf dem 7. Parteitag der PDS] in Cottbus nicht habe reden dürfen und seine Partei dort offiziell nicht erwähnt worden ist. [4] So weit so gut. Wenn der von Dir zitierte Bisky [5] mit seiner Charakterisierung bestimmter sozialistischer Gedanken als realitätsfern den ‚Antifaschismus’ der DKP gemeint haben sollte, würde ich dem zustimmen. Nur werden sich die dahinter steckenden politischen Absichten mit der Beschwörung frühmarxistischer Sinnlichkeit wohl kaum durchschauen, geschweige denn vereiteln lassen. Oder, um die von Bisky gewünschte Sinnlichkeit zu entwickeln, müßte man sich die Subtilitäten der Konterrevolution in all ihren Varianten, einschließlich jene der DKP, erst einmal angeeignet haben. Um wütend zu sein, muß man geliebt haben und umgekehrt. Hier schließe ich mich ganz Biermann in seinem Deutsche Welle- Interview an.

Es grüßt Dich

[Ernst-Ulrich Knaudt]

P.S. Die PDS hat eine Doku zur NPD rausgebracht. Falls es Dir möglich ist, teile mir bitte mit, wo ich die herbekommen kann.

1) Unsere Zeit 21.07.2000.

2) Unsere Zeit 01.09.2000.

3) Unsere Zeit 15.09.2000.

4) Unsere Zeit 20.10.2000: „Für die DKP nahm Heins Stehr, Vorsitzender der DKP, am Parteitag teil. In einem kurzen Gespräch mit Gabi Zimmer wurde eine »faire, offene Zusammenarbeit« (Gabi Zimmer) verabredet. So soll jetzt eine schon lange geplante Diskussion im Rahmen der Programmkommissionen beider Parteien stattfinden. … Während der Oberbürgermeister von Cottbus eine Begrüßung vortragen konnte, wurde dem DKP-Vorsitzenden eine solche Bitte verwehrt; es blieb während des Parteitages unerwähnt, daß die DKP eingeladen war und teilnahm.“

5) Lothar Bisky in: DISPUT 9/2000, 24: „Denn dem sozialistischen Gedanken in Deutschland hat es immer gefehlt, daß wir nicht sinnlich waren. Daß er immer theoretisch gekommen ist. Immer über den Wolken von deutschen Philosophen ausgedacht. Und diesen Sozialismus sinnlich darzustellen wird eine große Aufgabe sein, aber wird auch eine große Chance sein, weil ihm dann Menschen folgen werden.“


An Partei Marx (01.2001):

Hallo genosse MARX-parteigänger, vielen dank für den text „parteiMARX“,

[...]

was unsereins bei Deinem text und projektvorschlag fasziniert, ist das wohlüberlegte aktuelle „zurück zu MARX!“ (wie der späte LUKÁCS wohl nannte, was Du back-to-the-roots nennst) in der konzeption des parteibildungsprozesses des proletariats und zwar als LENIN-aufhebung auf der höhe der zeit. ich finde diese initiative mutig und angemessen, ja dringlichst in der gegenwärtigen situation, in der zumal äusserst wenige „interessierte laien“ ausserhalb der politpartei- und sekten-bindungen sich an diesen gordischen knoten heranwagen: Deine formulierung, zwischen diesen eine art wissenschaftlichem brainstorming herzustellen, trifft denke ich die gegenwärtige aufgabenstellung für eine assoziation wissenschaftlich-communistischer gesellschaftsindividuen ziemlich genau. den abstand – bei aller naturwüchsig-notwendigen nähe – zur akademie sehe ich in deinen überlegungen ebenso hinreichend gewahrt bzw. eingeklagt wie die distanz zur überkommenen problem-eliminierung der historisch-konkret prozessierenden dialektik von klasse-an-sich / klasse-an-und-für-sich, der sowohl die spontaneistisch/attentistische wie spiegelverkehrt dazu die voluntaristisch-pseudo-avantgardistische linke bisher je länger je mehr vorschub geleistet hat. das dialektische tertium datur (um hier wieder mit dem alten LUKÁCS zu sprechen), das wir aus dem bestehenden dualismus der organisationslage zu entwickeln haben, kann in der tat nur von einer neubestimmung/konkretisierung des heutigen, globalen aggregatzustands des „proletariats als prozess der negation“ ausgehen, einer theoretischen praxis eines transnationalen „kollektiven organisators“, den die wissenschaftlichen communistInnen erst erneut bilden müssen auf diesem neuartigen terrain, um das ferment im sinne der historischen aufgabenstellung MEW 4:474f, 492f zu werden und damit die leider nun einmal entscheidende ideelle bedingung zu produzieren für die communistische negation-der-negation als wirklich-praktischem werk-der-arbeiterklasse-selbst. erst die offene debatte der organisationsfrage – die doch längst wieder allen ernsthaften revolutionären individuen, gerade den notgedrungen „unorganisierten“ wie meinesgleichen, jeden monat schmerzlicher auf den nägeln brennt, gerade weil wir uns bürokratischen und sektiererischen apparaten und strömungen kompromisslos zu verweigern, haben ohne uns der kontemplation und ohnmacht anheimgeben zu können! -, erst die organisierung des streits um strategie, organisation und mögliche praxisformen des historisch gegebenen subjekt/objekt, wie das kapital es jetzt weiter herausglobalisiert und -individuiert, kann unsereins heute an den archimedischen punkt „der in diesem jahrhundert zu erwartenden klassenkämpfe“ heranbringen. sich vor dieser offenen debatte um „revolutionäre realpolitik“ (LUKÁCS) länger zu drücken wäre zumindest für unsereins verspielte lebenszeit. es wäre vor allem verantwortungslos-unhistorisch und attentistisch-abstrakt, angesichts dessen dass, wie Du sehr gut in den mittelpunkt stellst: „die modernste form des rassismus“ (und weitere fetischgestalten, die wie ich es sehe die kapitalistische hydra für jeden einmal abgeschlagenen kopf der bürgergesellschaft vielfach hervortreibt – wir sind hier in den nebelregionen der subjektivität und des vormodernen bis postmodernen usw.usf. überbaus) als letzte reserve und „volkssturm“ gegen den parteibildungsprozess (in) der klasse „naturwüchsig“ mobilisiert wird. deshalb duldet die aufhebung unserer theorie/praxis-paralyse keinen weiteren aufschub mehr; und wie Du dieses problembewusstsein zum ausdruck bringst, scheint mir auf den ersten blick kein panischer voluntarismus sondern durchaus ein funken historischer materialismus hinsichtlich unserer situation zu sein.

soviel auf den ersten eindruck Deines textes; kritische einwände erstmal zurückgestellt. [...]

peter christoph zwi.


An Django (10.01.2002):

An der Art Deiner Einwände ist mir aufgefallen, daß Du sehr abstrakt argumentierst oder, wie es mal früher hieß, ‘formalistisch’ (ein Ausdruck, den ich nicht gerne benutze, weil derjenige, der ihn als Waffe gegen seine Feinde verwendet hatte, selbst der größte Formalist war – Du weißt, wen ich meine: unsern guten Jossip…). All diese Kosten-Nutzen-Kalküle zeichnen sich doch dadurch aus, daß sie mit dem Menschen und der menschlichen Gesellschaft sehr oberflächlich umgehen oder besser: beides dichotomisch zu einander in Beziehung setzen.

Bei meiner Beschäftigung mit K[arl]. M[arx].s Kapital ist mir an mir selbst aufgefallen, daß ich bestimmte Überlegungen einfach deshalb zunächst nicht verstanden hatte, weil ich von dem Marxschen Argumentationsstil abweichend die Sache mit Hilfe eines erlernten Schematismus zu verstehen hoffte. (Wir sind ja damit aufgewachsen, mit gegebenen Begriffen und Schemata zu argumentieren, deren Ursprünge und Voraussetzungen nicht hinterfragt wurden oder werden sollten) Was diesen Argumentationsstil auszeichnet ist, daß K.M. seine Darstellung Schritt für Schritt so entwickelt als bewege er sich durch ein Minenfeld, also nicht stur geradeaus auf sein ins Auge gefaßtes Ziel zugehend, sondern immer wieder zurückblickend und die ganze Sache noch einmal bedenkend nach allen Seiten Ausschau haltend. Dadurch dient auch jeder Rückgriff auf schon Gesagtes als Ausgangspunkt des nächsten Argumentationsschrittes. Der Formalist, der ohne Zögern nach Mitteln und Wegen sucht, die Sache ökonomisch, also zeit- und kraftsparend hinter sich zu bringen, marschiert ohne nach links, rechts oder hinten zu schauen, auf sein Ziel zu.

Der Kommunismus, um auf den Kern Deines Einwandes zu kommen, als „Problemlösungskonzept“ wäre in der Tat ein ziemlich abstraktes Ding nach einem dualistischen Schema: hier haben wir also das Problem und da, schaut her, das „Problemlösungskonzept“, und zwar das von K.M., der den Anspruch hatte, „die neue Welt aus der Analyse der alten zu entwickeln“. (Hat er wirklich positivistisch die „alte Welt“ zuerst „analysiert“, um sie dann zu verändern oder impliziert die – dialektische – Methode seiner Kritik und die damit verbundene politischen Absicht seines theoretischen Hauptwerks nicht bereits die Möglichkeit der Veränderung der Welt? Vielleicht erinnerst Du Dich aus ganz alter Zeit an die „Hauptseite Theorie“: im Widerspruch zwischen Theorie und Praxis stellt die Theorie (oder je nach Fraktion die Praxis) die „Hauptseite“ dar… Das war ein totes Rennen, weil beide Fraktionen in der Frage des „Parteiaufbaus“ nach einem formalistischen Schema vorgehen wollten, egal ob zuerst die Theorie oder die Praxis angesetzt werden sollte) Hier stellt sich nun die Gretchenfrage nach dem „Realität“sgehalt dieser Analyse und dem „Realität“shaltigkeit der Welt, mit der der Theoretiker konfrontiert ist. [...] (Die Philosophie nach Nietzsche und Wittgenstein würde derartige Realitäts-Ansprüche schlichtweg leugnen).

Der Kommunismus ist, seinen theoretischen Realitäts-Anspruch vorausgesetzt, keine Wunschprojektion, keine Erlösungsphantasie („Paradies auf Erden!?“), sondern zu begreifen als eine unbedingt notwendige Konsequenz, die aus den Widersprüchen, den antagonistisch werdenden Konflikten, die die bürgerliche Gesellschaft in sich selber entwickelt und aus sich selbst hervorbringt, zwangsläufig folgt. Diese Widersprüche, die innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft so wenig aufzuheben sind, wie die Gravitationskraft auf der Erde, hat K.M. „analysiert“ – nicht „die Welt“ – und dabei zu fast hundert Prozent offengelassen, welche Schlußfolgerungen jeweils ‘die Betroffenen’ daraus zu ziehen haben. In diesem Sinne ist „für Marx die Geschichte offen“ und, so würde ich fortfahren, auf welchem Weg die Menschen zum Kommunismus gelangen werden. Alles andere wäre Utopismus, sozialistisches ‘Opium für das Volk’; und davon hat es verständlicherweise heute einen Kater, weil in den letzten Jahrzehnten allzu penetrant mit den sozialistischen Weihrauchfässern herumgewedelt worden ist.

Das meine vorläufige Antwort auf Deine Frage, ob es sich bei dem, „was wir ‘Marxisten’ denken … um Hoffen, Träumerei … Religion, wenn auch hier säkularisiert…“ handelt. Religion wurde daraus entweder durch diejenigen, die aus K.M. einen Utopisten machen wollten oder die den Realitätsgehalt seiner Analyse nur sehr schematisch nachvollzogen und, auf unmittelbar umsetzbare Effekte zielend, den ‘Marxismus’ als Dogma gepredigt haben. Wissenschaft unterscheidet sich bekanntlich von Religion dadurch, daß ihre Ergebnisse vielfältig interpretierbar und fortzuentwickeln sind; nur, daß es sich bei dieser Wissenschaft von der Gesellschaft (oder wie gesagt, von den immanent unüberwindlichen Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft, es sei denn durch eine soziale Revolution) um eine besondere Wissenschaft handelt, die sich in einem Punkt von allen anderen Wissenschaften dadurch unterscheidet, daß der Experimentator selbst Teil des „Experiments“ ist und daß sich dieses nicht wiederholen läßt, weil die Menschen ihre eigene Geschichte… aber nicht aus freien Stücken (machen), d.h. Geschichte sich nicht wiederholt.

Worin ich demnach nicht mit Deinen Schlußfolgerungen (die Punkte 1 und 2) übereinstimmen würde, wäre, daß Du die „Analyse der Realität“ und die „Befragung … von Marx“ getrennt von einander durchführen willst, während meiner Ansicht nach die „Befragung“ von Marx und „die Analyse der Realität“, wenn der wissenschaftliche Charakter und der Realitätsgehalt seiner „Analysen“ nicht in Frage steht, ein und dasselbe Ding sind. Die marxsche Befragung der Realität ist die Analyse der bürgerlichen Gesellschaft „ohne Flausen“. Und alle Individuen, die über den Guerillakampf gegen ihre Lohnsklaverei hinausgehend, sich fragen, wohin diese Auseinandersetzung eigentlich führen soll, werden früher oder später auf diese Wissenschaft zurückgreifen müssen wie der künftige Physiker auf die Newtonschen Gesetze, weil darin sein Konflikt als Wesenselement des Kapitalismus in seiner Gesetzmäßigkeit analysiert ist und damit die Möglichkeit, ihn im Sinne der „Emanzipation des Individuums“ aufzuheben. Wie er dagegen die gewonnene Erkenntnis in die gesellschaftliche Praxis umsetzen wird, ist eine ‘Parteifrage’, d.h. wie es ihm gelingt, das Wesen von der Erscheinung, die echten von den falschen Kommunisten zu unterscheiden und zugleich eine Klassenfrage. Denn jeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf und die Organisation der Proletarier zur Klasse eine zur politischen Partei… (MEW 4, 471).

Daß Du, wie auch ich, ein „Nicht-Proletarier“ bist, will, zumindest in unseren Breiten, nur noch wenig besagen, oder wer ist hier noch einer? Wenn der Kapitalismus für den Weltmarkt produziert und sich über den Weltmarkt reproduziert, dann läßt sich dessen Bestimmung auch nur über den Weltmarkt herstellen (MEW 6, 539). Gemessen an der Ausbeutung der chinesischen Zwangsarbeiter und mexikanischen Fließbandarbeiterinnen in den Freien Produktionszonen, sind hier fast alle produktiven Arbeiter an der „Veredelung“ vorproduzierter Halbwaren beteiligt. Der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts beruht also nach wie vor auf „frühkapitalistischen“ Zuständen – nur, daß sich diese von England aus woanders hin verzogen haben… (Was auf der andern Seite natürlich nicht heißt, daß hier überhaupt kein Mehrwert mehr produziert wird).

[...] Es grüßt herzlich

Ernst-Ulrich


An Partei Marx (31.07.2002):

Ich habe soeben über die Sozialistische Studienvereinigung Deine Website erfahren! Sieht gut aus! Der Zeilenabstand müßte ein bißchen größer sein, denn so ist der Text sehr ermüdend zu lesen. Ich wünsche Dir für den morgigen Tag eine interessante Diskussion.

Ebenso etwas weniger Voreingenommenheit gegenüber dem globalisierten Kapitalismus und seinen von ihm selbst erzeugten Kritikern – es sind übrigens keine Globalisierungsgegner, sondern –kritiker.

Sie sind auch – ich übertreibe – das Einzige, was wir haben und vielleicht seine zukünftigen Totengräber. Mit diesen sollte man pfleglich umgehen und d.h. kritisch, aber nicht verachtend. Das können wir uns nicht leisten und ist auch von der Sache her falsch, denn es ist höchst albern, davon auszugehen, daß die Menschen bereits als Kommunisten geboren werden. Wenn das „linke Krisenmanagement“ die kapitalistische Krise so managt, daß es am Ende vielen Menschen besser geht als heute, dann war es Schweißes der edlen Verräter wert. Und der Kapitalismus hätte wieder einmal seinen Fundamentalkritikern und Katastrophenpropheten den Spiegel ihres Dogmatismus vorgehalten.

Hast Du einmal über die einfache Wahrheit nachgedacht, daß ein System nur verwerflich und aufgrund seiner Widersprüche verwerfbar ist, wenn es den Menschen ein Leben in Menschenwürde verwehrt – dies aber eine ganz konkrete Frage ist! Philosophen neigen von Berufs wegen dazu, von den konkreten Lebensumständen der Menschen zu abstrahieren und sich an ausgedachten Idealen, Überzeugungen und Prinzipien zu berauschen. Für den Slumbewohner in Rio de Janeiro aber ist es schon ein Fortschritt, wenn er fließend Wasser bekommt. Er wird die revisionistische Hilfsorganisation loben und preisen dafür. Demgegenüber wird er von den literarischen Handreichungen der partei Marx nicht satt: Er wäre verhungert, bevor er überhaupt zum Buch greifen könnte. An Revolution gar nicht zu denken.

Vor diesem Hintergrund ist eine Verächtlichmachung des „Überredens zur vernünftigen Regulierung des Elends auf dieser Welt“ eine politische Dummheit und blanker Zynismus zudem; abgesehen davon, daß es sich hierbei um ganz handfeste Kämpfe und mitnichten um Überredungsillusionen handelt, wie jeder sehen kann, der sehen will. Es ist aber auch in der Sache schlicht falsch. Denn das Elend wird ja nicht reguliert, sondern, wenn – so lehrt die historische Erfahrung – der Druck groß genug ist, reduziert.

Und möglicherweise schafft sich der Kapitalismus damit wieder – indem z.B. die konsumtive Nachfrage entgegen der eigentlichen Kapitallogik der Überproduktion (aufgrund des im kurzsichtigen einzelkapitalistischen Profitstrebens liegenden Widerspruchs zwischen Interesse an erweitertem Absatz einerseits und Interesse an Lohndrückerei, also Schwächung der Nachfrage andererseits) gestärkt würde – eine erweiterte Reproduktionsbasis, wie es bereits die englische Arbeiterklasse im 19. Jahrhundert mit ihrem Kampf um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen – im Resultat die Fabrikgesetzgebung – in ihrer völligen Theorieferne und Geschichtsblindheit und ohne irgend einen Philosophen zu fragen, getan hat.

Auf Grund solcher Äußerungen ist es für mich ganz offensichtlich, daß es Dir gar nicht um die konkreten Menschen in ihren elenden Verhältnissen geht, sondern um diese „Spukgesellschaft“, die für den philosophierenden kritischen Kritiker an und für sich des Teufels ist. Jedwede Reform erscheint in diesem Licht zwangsläufig als der hinterhältige Versuch des Systems, sich durch Scheinzugeständnisse zu retten. Interessant und entlarvend dabei ist, daß das tatsächliche Zugeständnis, das konkreten Menschen das Leben etwas erleichtert, nur als Täuschung wahrgenommen werden kann – eben weil der Maßstab nur die Totalität des in der abstrakten Analyse alles für sich, selbst die Menschlichkeit für seine Zwecke letztlich instrumentalisierenden verhaßten Systems ist, nicht das Individuum!

Im Grunde handelt es sich dabei um die negative Anbetung des Systems als dem Subjekt der Geschichte.

Machen die Menschen nicht mehr ihre Geschichte selber?

Wenn sich unter dem Druck einer mächtigen weltweiten Reformbewegung die Dinge zum Besseren wenden lassen, sollten wir das ablehnen? Mit welchem Recht? Welche Gesetzmäßigkeit ist es, die uns dazu ermächtigt? Die, daß der Kommunismus mit Notwendigkeit kommen wird? Also wir in Kenntnis des objektiven Geschichtsverlaufs das arme Arschloch belehren und sagen müssen, daß es gefälligst noch ein paar Jährchen die Zähne zusammenbeißen muß, bevor er nach dem völligen Zusammenbruch der alten (also um den Preis unendlichen Leidens) und dem Aufstieg der Neuen Gesellschaft wie der Phoenix aus deren Trümmern schließlich in das kommunistische Paradies eintreten darf. Welche Beweise gibt es denn für einen solchen Geschichtsdeterminismus?

Historische Tatsache ist, daß der Kapitalismus z.B. der BRD sozialstaatlich reguliert ist, d.h. das Kapital ist nicht völlig frei, seiner ihm inhärenten Logik entsprechend zu agieren. Dies ist u.a. ein Ergebnis reformistischer Kämpfe. Seine Reformfähigkeit ist damit prinzipiell bewiesen. Nicht aber, wie weit er für Reformen in einem emanzipatorischen Sinne ist.

Wenn es im reinen Kapitalismus nur um die Kapitalverwertung geht – also dieser jede Menschlichkeit zum Opfer fällt bzw. untergeordnet ist, dann haben wir es realiter mit einer schmutzigen Version zu tun, in der in einem gewissen Maße Ressourcen via Staat und den Klassenkompromiß zwischen Kapital und Arbeit (Sozialpartnerschaft, Tarifautonomie) zum Zwecke eines gewissen Wohlstands und einer gewissen sozialen Sicherheit, also der Stabilität des Systems, aber eben auch zum Nutzen vieler Menschen umgelenkt werden. Von den politischen Freiheitsrechten will ich hier nicht reden.

Im Grunde ist die Sache ganz einfach. Wenn die von Dir wegen ihres fehlenden Einblicks in den wahren Geschichtsverlauf verachteten Reformisten Erfolg haben über diese historische Tatsache hinaus (Ich sehe einmal davon ab, daß die Linke sich ja derzeit in der Defensive befindet), dann hat sich der Kapitalismus als weiterhin reformfähig erwiesen – und das solange und soweit, solange und soweit er sich reformieren läßt. Vielleicht schlägt er ja auch erst auf diesem Weg ab einem gewissen Punkt in eine neue Qualität um? Dann wäre er erst ab einem gewissen Punkt antagonistisch, d.h. innerhalb seiner Grenze ein ganz schönes Stück reformierbar, darüber hinaus aber nicht.

Wie dem auch sei: Wir werden es erst wissen, wenn wir es probieren.

Letztlich entschieden wird die Frage von der politisch-gesellschaftlichen Praxis.

„…man sieht, wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch die praktische Energie des Menschen möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur theoretische Aufgabe faßte.“ (Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW, EB Erster Teil, Seite 542).

Und ebenso albern ist es – und völlig unmarxistisch – zu glauben, daß man durch das Studium des Kommunistischen Manifestes allein zum marxistischen Kommunisten wird. Das kann man bekanntlich aus den unterschiedlichsten Interessen und Motiven lesen! Der kommunistische Erfolg auf der Grundlage des Kommunistischen Manifestes – was immer man darunter versteht – tritt aber erst dann ein, wenn sich die Ausgebeuteten und Unterdrückten darin wieder finden, es als Orientierung zu begreifen, danach handeln und diese Orientierung auch noch eine richtige, d.h. realistische ist, d.h. Marx, Engels und ihre Gefolgsleute sich nicht irren in ihrer Analyse. Denn die Elenden auf dieser Welt sind schon oft falschen Propheten auf den Leim gegangen, weil sie in ihrer Verzweiflung für heroische Illusionen anfällig sind.

Übrigens: Wie sieht der Kommunismus eigentlich aus? Das müßtest Du beschreiben können, wenn Du doch davon sprichst, daß er eine unbedingt notwendige Konsequenz ist.

Sei weiterhin herzlich gegrüßt

Django


An Django (03.09.2002):

Leider mußtest Du Dich mit meiner Antwort auf Deine ausführliche Kritik an dem Projekt Partei Marx etwas gedulden. Da Du in Deinem Brief dieses grundsätzlich infrage stellst, war ich meinerseits herausgefordert, eine entsprechende Antwort zu finden, was einige Zeit in Anspruch genommen hat. Daher fange ich auch gleich mit den prinzipiellen Überlegungen an:

Die in Deiner Kritik vertretene Position erinnert stark an den in den 80er Jahren in ganz Westeuropa aufgekommenen Euro-Kommunismus. Die Euro-Kommunisten standen links von der S[ozialistischen] I[nternationale] und verstanden sich als Sozialisten bei gleichzeitiger Kritik an den pro-sowjetischen Beton-Kommunisten. Daß der Euro-Kommunismus in der damaligen Bundesrepublik nicht heimisch werden konnte, hatte unter anderen darin seinen Grund, daß an der Schnittstelle des Kalten Krieges der westdeutsche Kommunismus nur unter der direkten militärischen und geheimdienstlichen Direktive der Sowjetunion agieren sollte. Die in Reaktion darauf in den 70-er Jahren wie Pilze aus dem Boden schießenden ML-Parteien stellten dagegen keine wirkliche Alternative dar, schon weil deren Führungspositionen in den meisten Fällen ebenfalls von ehemaligen Beton-Kommunisten besetzt worden waren (einen neolithischen Rest aus dieser Zeit findest Du heute noch in der MLPD vor).

Der moderne Euro-Kommunismus, den Du in Deiner Kritik an der Partei Marx vertrittst, hat sich nach 1989 aus der Umklammerung der Beton-Kommunisten befreit, allerdings unter Duldung der unter diesem Banner in dieser Strömung überwinternden beton-kommunistischen ‘Einzelpersönlichkeiten’ und Fraktiönchen, deren Bedeutung mit den Jahren, so rechnet man, naturbedingt abnehmen wird.

Als modernen Euro-Kommunismus würde ich Deine Position aber vor allem deshalb bezeichnen, weil sie mit der modernen Strömung der europäischen radikalen Linken korrespondiert, die zu charakterisieren auf Anhieb nicht so einfach ist. Daraus resultieren meine Schwierigkeiten bei meiner Antwort auf Deine Kritik.

Die europäische radikale Linke setzt sich zusammen aus einerseits den modernen Euro-Kommunisten, die eine Reformpolitik links von den Sozialdemokraten gegen die Auswirkungen des „neoliberalen“ Kapitalismus betreiben, d.h. diesem seine asozialen Allüren austreiben, dessen gewaltiges Modernitätspotential aber (woran es dem Beton-Kommunismus sowjetischer Provenienz immer grundlegend gemangelt hatte) im Interesse der werktätigen Bevölkerung, der künstlerischen und technischen Intelligenz „sozialistisch“ umfunktionieren wollen. Dieser moderne Reformismus, wovon der Tenor Deiner Kritik an dem Projekt Partei Marx bestimmt ist, wird von den übriggebliebenen Vertretern eines scheinbar kompromißlosen Beton-Kommunismus (DKP und Konsorten) verbal in Abrede gestellt, aber als Mittel zum Stimmen- und Dummenfang durchaus in Anspruch genommen. Insofern hattest Du mit Deiner gelegentlich geäußerten Einschätzung recht, daß die politischen Wirkungsmöglichkeiten dieser Fraktion des Kommunismus (zunächst) begrenzt sind. Nun scheinen sich bei ihnen die orthodoxe beton-kommunistische Fraktion mit einer anderen, die sich an den europäischen radikalen Linken orientiert und damit eine moderne Variante des Beton-Kommunismus darstellt, im Clinch zu liegen („Programmdebatte“).

Die Denkweise dieses modernen Beton-Kommunismus basiert (im Gegensatz zu derjenigen der orthodoxen Kommunisten, die als traditionelle Breshnewisten formal am XX. PT der KPdSU als Trennlinie festhalten) unmittelbar auf Stalins institutioneller Konterrevolution von 1934 (die Kinder von Stalin und Milosevic) und könnte (vielleicht gerade deshalb), wenn es ihm gelingt, sich (mit den wachsenden Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise) zu konsolidieren, zunehmenden Einfluß auf die europäische radikale Linke einschließlich der modernen Euro-Kommunisten nehmen, wodurch dieses historische „Erbe“ entgegen Deiner in dieser Beziehung reduzierten Wahrnehmung durchaus noch nicht zu den Akten zu legen ist.

Das entscheidende Kennzeichen dieses Pseudo-Kommunismus ist, daß seine ‘Revolution von oben’ (nicht wie zu Lenins Zeiten revolutionär, sondern) konterrevolutionär durchgesetzt wird. Oder anders gesagt: war Stalins Putsch von 1934 eine Konterrevolution in der Revolution, so hätten wir von dem modernen Pseudo-Kommunismus eine Revolution in der Konterrevolution zu erwarten nach dem bekannten Muster, wonach mit dem Export der Revolution die Konterrevolution gleich mitgeliefert wird. (Einiges dazu könntest Du, wenn Dein Interesse für solche historischen Klamotten nicht so gering wäre, der home-page entnehmen).

Ich habe nun bei meinen Versuchen, mich mit Deiner Kritik auseinanderzusetzen, feststellen müssen, daß ich, entgegen meinen ursprünglichen politischen Überlegungen, wonach der moderne Euro-Kommunismus weit weniger konterrevolutionär (weil nur im üblichen bürgerlichen Sinn anti-kommunistisch) ist als der Pseudokommunismus, nicht darüber hinaus kam, die von Dir vertretene Reformpolitik (die nichts desto trotz bürgerliche caritas bleibt) anders als mit pseudokommunistischen Argumenten (seien sie auch mit Lenin und Mao unterfüttert) zu kritisieren.

In dem gleichen Dilemma, das nach Engels nur aufzulösen ist, wenn man es verläßt, verharrt in ständig bewegtem Stillstand die europäische Linke, ohne dieses allerdings als Manko zu empfinden: die modernen Euro-Kommunisten nicht, die nichts dagegen haben, daß sich ihre pseudokommunistischen Reformismus-Kritiker in ihren Selbstwidersprüchen totlaufen; die Pseudo-Kommunisten ebensowenig, die den Reformismus, den sie bei den Euro-Kommunisten kritisieren selbst als Taktik anwenden, um die Akzeptanz ihrer mit revolutionären Mitteln betriebenen Konterrevolution in der widerstrebenden Bevölkerung nach dem Muster der DDR zu erhöhen. Nur die Globalisierungsgegner verleihen diesem bewegten Stillstand mit einer aus den 60er Jahren entlehnten revolutionären Folklore scheinrevolutionäre Bewegtheit (wobei der bei jungen Leuten noch als authentisch, weil spontan in Erscheinung tretende Philanthropismus von den Altlinken für ihre Zwecke instrumentalisiert wird; vgl. die peinliche Unterhaltung des Trotzkisten Alex Callinicos mit Funktionären von Tute Bianchi auf einer der von Dir empfohlenen Websites). So bleibt nur noch die Frage spannend, wann die modernen Beton-Kommunisten, das beschriebene Reformismus-Dilemma verlassen werden, nachdem die Richtung durch ihre offene Sympathie für das anti-amerikanische Polit-Gangstertum von Leuten wie Milosevic, Kutschma, Lukaschenka, Mugabe, Chavez, etc seit langem entschieden ist.

Einen ersten Schritt auf dem langen Marsch, das besagte Dilemma auf revolutionäre Weise zu verlassen, findest Du [in folgendem]: Wenn, wie Lenin vielleicht heute sagen müßte, der Opportunismus in der revolutionären Arbeiterbewegung so tief in ihrer eigenen unbewältigten Historie verankert ist, dann hat jeder ernsthafte Versuch zu ihrer Reorganisation zu allererst darin zu bestehen, sich darüber Klarheit zu verschaffen, wie es zu dieser in ihrer Abgefeimtheit historisch unüberbotenen und damit auch neuen Form des ‘Opportunismus’ in Gestalt der von Stalin zuerst verwirklichten revolutionären Konterrevolution kommen konnte, die sich gegenwärtig der europäischen Linken als Taktik zum Ausstieg aus ihrem eigenen Dilemma perspektivisch anbietet. Den alten dereinst von Lenin kritisierten Opportunismus zu durchschauen, ist inzwischen zur Volksweisheit abgesunken, die die Pseudokommunisten wortradikal wiederkäuen, ohne dem einen neuen Gedanken hinzufügen zu können. Den neuen Opportunismus durchschaubar zu machen, scheint nur den Allerwenigsten zu gelingen. Und zwar nur dann, wenn sie nach der Empfehlung von Friedrich Engels das besagte Dilemma und mit diesem die Linke, die es hegt und pflegt, verlassen.

Da Du Dich zu dem Projekt Partei Marx ‘in der Hauptsache’ nicht geäußert, sondern Dich an einem Epiphänomen, der Kritik an den Anti-Globalisierern, hochgezogen hast, weiß ich leider nicht, in welcher Richtung Du das Dilemma, in dem Dein Euro-Kommunismus steckt, verlassen wirst.

Denn zu erwarten ist, daß mit der Verschärfung der globalen Krise des Kapitalismus und der akut drohenden Verwandlung des anti-islamistischen Verteidigungskriegs der ‘westlichen Welt’ in einen Rassenkrieg der moderne Euro-Kommunismus zwischen Pseudokommunismus und Welt-Kapitalismus zerrieben wird, weil er nicht in der Lage ist, das Dilemma, zwischen Reformillusionen und Polit-Gangstertum hin- und hergerissen zu werden, zu beseitigen. Vielleicht wirst Du Dich dann an das Projekt Partei Marx erinnern.

Sei ebenfalls weiterhin gegrüßt [...]!

Ulrich


Anmerkung zum kommentierten Veranstaltungs-Protokoll

[„Bericht 'Partei Marx'...“ [1]] (10.11.2002):

Lieber Peter Christoph,

vielen Dank für die heutige E-Mail und das Protokoll!

Zunächst zum Protokoll: ich finde es sehr gut und bemerke, daß es auf eine Seite der Partei Marx eingeht, die Du als „Parteibildungsprozeß“ (wie bereits auf der Veranstaltung) bezeichnest. Diese Frage stand in der später zurückgestellten Urfassung dieses Projekts stärker im Vordergrund. Aber inzwischen, bin ich selbst darauf gekommen, sie nicht völlig außen vor lassen zu können. Andererseits liegt es nun einmal in der Natur der Sache, daß dazu noch vieles unentschieden bleiben muß, zumal der „Parteibildungsprozeß“ nicht an meinem oder Deinem Schreibtisch entschieden wird.

[So] … zielt die Neuschreibung der Geschichte der Partei Marx auf eine sich durch die Weltwirtschaftskrise mit einer gewissen Zwangsläufigkeit ergebende neue Formierung der Arbeiterbewegung jenseits der tradierten Formationen. Dabei würde sich die deutsche Arbeiterbewegung mit gutem Gewissen so nur nennen dürfen, wenn sie sich positiv auf das über den Weltmarkt erzeugte (Welt-) Proletariat bezieht, genauer: wenn sie sich als der privilegierter Teil der im Weltmaßstab von der Welt-Bourgeoisie erzeugten Klasse begreift und nur dann! Das setzt eine Menge proletarischer Bewußtseinsbildung (eine Menge „Kritik am Gothaer Programm“) voraus, und wie wir sehen, agieren die in der Tradition der Dritten (und Vierten) Internationale ‘real existierenden’ Arbeiterparteien genau entgegengesetzt dazu.

Bei aller Borniertheit, in der die deutsche/(n) Arbeiter/(klasse) von den ‘Arbeiterparteien’ gehätschelt werden/(wird), muß der erste Schritt zu einer solchen Bewußtseinsbildung bei der Beantwortung der einen Frage ansetzen: was machen die Kommunisten anders als was in der DDR (SU o. ä.) gemacht worden ist und zum Beispiel am 17. Juni (der von der Bourgeoisie weidlich ausgeschlachtet worden ist) zur Entscheidung gestanden hat? Dazu müssen die Parteigänger der Partei Marx notgedrungen tief in die historische Kiste greifen, weil durch die üblichen linken Erklärungen die Fragenden entweder mit klassischer DDR-Propaganda („Konterrevolution“) oder mit sozialdemokratischen Trauergesängen abgespeist werden. Wenn Du so etwas als „theoriepraxis“ bezeichnest, o.k.! Darüber hinaus bleibt dieser Begriff mir noch reichlich unklar.

Der Abstieg der (klein-)bürgerlichen Intelligenz in das ‘Proletariat’ war ohne Zweifel politisch eine Katastrophe: wie dereinst die russischen Bauern haben sich die deutschen Arbeiter an die Birne gepackt und die Absteiger gefragt, wie man so blöd sein kann und darauf verzichtet, seine Qualifikation als bürgerlicher Intellektueller nicht entsprechend zu versilbern. Während der Ausstieg aus dem Proletariat wiederum besonders zielstrebige (Polit-)manager hervorgebracht hat, die, weil sie mit allen Wassern in der Parteiintrige und der Propaganda gewaschen sind, die üblichen Aufsteiger um Längen überragen. Sonst ist dabei nichts herausgekommen. Den Universalgelehrten, der für die selbst denkenden Arbeiter eine wissenschaftliche Erklärung des Kapitalismus in radikaler Abgrenzung zu den gängigen Gebrauchsanweisungen der Profitmaximierung liefert und als solcher von der Arbeiterbewegung kooptiert wird, gibt es nicht mehr, kann es wahrscheinlich nicht mehr geben. Wenn solche Seitenwechsel vorkommen, landen diese Intellektuellen bei einer der traditionellen Arbeiterparteien, schon um ‘links’ und bürgerlicher Intellektueller bleiben zu können.

Wir können die „Parteibildung“ nur mit dem ‘Kadermaterial’ (ein wunderschöner Ausdruck!) bestreiten, das historisch/biographisch aus dem Umschmelzungsprozeß des „kurzen Jahrhunderts“ von Revolution und Konterrevolution als widerständiger Bodensatz übrig geblieben ist…

Wenn vom „Parteibildungsprozeß“ zu reden ist, dann in diesem konkreten Sinn, wobei er sich wohl komplizierter gestalten wird als diejenigen sich das vorstellen, die sich vor die Tore des Opelwerks stellen und der Arbeiterklasse den ‘Sozialismus’ durch das Auslegen von ökonomistischen Leimruten schmackhaft machen wollen. Mit all unseren kleinbürgerlichen Krämpfen und Traumata sind wir schon mitten drin in diesem „Parteibildungsprozeß“, wenn wir aufhören, uns über uns selbst wie über diese äußerst ’schwierige Abteilung’ des Welt-Proletariats irgendwelchen Illusionen hinzugeben…

Abgesehen von diesen näher zu bestimmenden Begriffen habe ich keine Probleme mit Deinem Protokoll; im Gegenteil: es ergänzt ein wichtiges von mir mehr oder weniger absichtlich beiseite gelassenes Problem.

[...]
Herzliche Grüße

Ernst-Ulrich

1)Text des Vortrags siehe: KRITIK 1, ANHANG 2


An Django (09.12.2002):

Vielen Dank für die freundliche Einladung [nach Porto Alegre]. Abgesehen von den finanziellen (Weihnachtsurlaub) sind Dir meine politischen Erwägungen hinlänglich bekannt, sodaß ich meine Absage nicht näher begründen muß.

Die gelegentlichen E-Mails habe ich erhalten und mir die j[unge] W[elt] einige Male gekauft. Abgesehen davon, daß sie als Sprachrohr der PDS-Minderheit ganz informativ ist, hat mich das Niveau ein wenig enttäuscht. So lese ich am Wochenende abwechseln ND und jW.

Vielleicht noch ein Hinweis: ein Brief von K[arl]. M[arx]. aus dem Jahre 1881 an Nieuwenhuis, auf den ich gerade gestoßen bin und [der] mir, was Deinen Vorschlag betrifft, sehr aus der Seele spricht (MEW 35, 160f.) [1]

Herzliche Grüße

Ulrich

1) »Die Frage des bevorstehenden Züricher Kongresses [Sozialistischer Weltkongreß vom 02.-04.10.1881 in Chur], die Sie mir mitteilen, scheint mir – ein Fehlgriff. Was in einem bestimmten gegebnen Zeitmoment der Zukunft zu tun ist, unmittelbar zu tun ist, hängt natürlich ganz von den gegebnen historischen Umständen ab, worin zu handeln ist. Jene Frage aber stellt sich im Nebelland, stellt also in der Tat ein Phantomproblem, worauf die einzige Antwort – die Kritik der Frage selbst sein muß. [...] Nach meiner Überzeugung ist die kritische Konjunktur einer neuen internationalen Arbeiterassoziation noch nicht da; ich halte daher alle Arbeiterkongresse, resp. Sozialistenkongresse, soweit sie nicht auf unmittelbare, gegebne Verhältnisse in dieser oder jener bestimmten Nation beziehn, nicht nur für nutzlos, sondern für schädlich. Sie werden stets verpuffen in unzählig wiedergekäuten allgemeinen Banalitäten.«


An Partei Marx (01.04.2003):

Das Weltsozialforum 3 und Porto Alegre waren eine faszinierende Erfahrung. Überall nur bürgerliche Idioten, die glauben, ohne ein Vorabstudium marxistischer Dogmatik die Welt grundlegend verändern zu können. Du fehltest eigentlich an allen Ecken und Enden! Als Orientierer! Schade, daß das aber mit Dir gar nicht geht, weil Deine „politischen“ Erwägungen Dich zuerst über die jahrzehntelange theoretische Analyse zur kommunistischen Zielbestimmung führen und dann zum praktischen Start. Unter strenger Beachtung der persönlichen Anonymität, versteht sich.

Das wird die Proletarier bestimmt zu revolutionären Begeisterungsstürmen hinreißen, wenn sie das subjektlose Konzept dann nachlesen können bzw. gesagt bekommen, wo es langgeht.

Wie man die Dinge doch auf den Kopf stellen kann, wenn man mißachtet, daß jeder praktische Schritt der Veränderung wichtiger ist als 10 Programme. Auch das eine marxsche Erkenntnis, daß der Treibstoff wirklicher revolutionärer Veränderung primär nicht die geistige Trockennahrung ist, sondern das Erleben elender Verhältnisse. Gesellschaftskritische Theoretiker sollten dann Erklärungshilfe leisten.

Im Anhang sende ich Dir einen Text über die Entwicklung der kriminellen Vereinigung Partido dos Trabalhadores. [1]

Übrigens: Ich vermisse immer noch Deine Begründung dafür, daß der Sozialismus/Kommunismus das gesetzmäßige Ergebnis der Geschichte sein wird.

Mit freundlichem Gruß

Django

1) Brasilien 2002: Wie der Sieg der Arbeiterpartei PT erreicht wurde (Paper).


An Django (14.04.2003):

Ich habe mich gefreut, wieder von Dir zu hören. … Ich werde Deinen Reisebericht studieren und so bald wie möglich darauf antworten. Dazu ist mir eine programmatischen Broschüre von ‚attac’ in die Hände gefallen, die ich in meine Antwort einbeziehen werde. [1] … Wieso sollen wir so anmaßend sein und künftigen Generationen zu empfehlen haben, wie eine Gesellschaft mit gemeinschaftlicher Produktion konkret auszusehen hat? Sollte man ihnen nicht selber überlassen, wie sie die Widersprüche in ihrer Gesellschaft konkret lösen? Was ihnen vielleicht dabei helfen wird, ist die schonungslose Kritik der Fehler, die u.a. auch wir uns ‚geleistet’ haben. Deinen aktionistischen Elan in allen Ehren! Aber so handeln halt Leute, die aus der Geschichte nichts gelernt haben, weil sie nichts haben lernen wollen. Das Nicht-Gelernte wird ihnen dann fehlen, wenn es wirklich mal hart auf hart kommt. Dann wird die alte Sch. wieder aufgewärmt – ohne mich…Also bis bald!

Es grüßt herzlich Ulrich

1) SoZ (Hg.): 2. Forum von Porto Alegre. Dokumente, Berichte, Materialien, Köln 2002.


An Django (03.06.2003):

Es ist jedes Mal dasselbe: immer, wenn ich meinen Antwort-Brief an Dich fast beendet habe, befallen mich Zweifel, ob ich ihn so abschicken kann, und dann fange ich wieder von vorne an. Denn ich bemerke dann an meinem Entwurf die häufig an mir beobachtete Unsitte, nach politischen Gemeinsamkeiten zu suchen, ohne daß wir uns zuvor über deren Inhalte gefetzt haben. Also beginne ich mit Deiner Mail vom 01.04. Du stellst meine Haltung so dar, als sei ich mir zu schade, um mich in den politischen Nahkampf zu begeben. Das ist natürlich Unsinn. Es hat Zeiten gegeben, da habe ich mich an jedem sich bietenden politischen Nahkampf und jeder von irgendwelchen Leuten herausposaunten Kampagne beteiligt. Daß ich das nicht mehr so unbefangen betreibe, hat einfach seinen Grund darin, daß mir die Diskussionsgrundlage abhanden gekommen ist, von der ich früher naiverweise angenehmen konnte, daß sie elementar existiert: Wir sind doch alle Linke… Wenn das nicht jedem, zumal auch Dir nicht, einzuleuchten scheint: der tiefere Sinn des pM-Projekts besteht u.a. darin, das politische Minimum zu erarbeiten, auf dessen Grundlage es sich überhaupt noch lohnt, mit einander zu reden, wenn man sich nicht hinter irgendeinen selbst gebastelten Dogmatismus zurückziehen will.

Woraus, frage ich Dich, sollen denn die „bürgerlichen Idioten“ ihre theoretischen Kenntnisse beziehen (die Einsicht in die Notwendigkeit einmal vorausgesetzt)? Ein „Vorabstudium marxistischer Dogmatik“ wird weder ihnen noch irgendwelchen zukünftigen sich revolutionär orientierenden Proletariern weiterhelfen, wenn deren Erwerb nicht verbunden ist mit einer nun mal bei den ‘Klassikern’ natürlicherweise nicht mehr zu findenden Analyse der Geschichte der Klassenkämpfe des vorigen Jahrhunderts (warum all die vielen bereits existierenden, und in der Mehrzahl akademischen, Bemühungen nichts taugen, liegt erstens daran, daß es sich um sozialwissenschaftliche Untersuchungen oder traditionelle Geschichtsschreibung handelt, deren Fragestellung einfach nicht über den eigenen bürgerlichen Schatten springt und zweitens an der Jahrzehntelang von angeblich sozialistischer Seite betriebenen Dogmatisierung der Geschichte, durch die die darauf beruhenden Untersuchungen zu Makulatur geworden sind, weil sie einfach niemandem den Eindruck vermitteln können: tua fabula narratur).

Ich habe in der letzten Zeit viel Stalin gelesen. Und ich finde, daß wir ihm alle sehr viel ‘verdanken’, so auch die von Dir gemachte Trennung von erst mal ‘rin in de Praxis’ und dann „Erklärungshilfe leisten“. Eine echte Stalinscher Dichotomie mit zwei kontrapositionierten Seiten, die sich polar gegenüberstehen, aber ohne „das geistige Band“ (Goethe). Wenn es gelänge, diese schon fast über mehrere Generationen hinweg eingeübte Denkweise abzulegen, dann wäre das bedeutsamer als 10 antikapitalistische Kampagnen auf einmal. Dann wäre auch Deine Frage (zum ‚Klein-Papier’) beantwortet: „Kann der Kapitalismus evolutionär transformiert werden?“ [1] Vielleicht kann er (siehe Marxens IAA-Rede in Den Haag, MEW 18,160), aber nicht auf der Grundlage der aktuellen Denkweise seiner vorgeblichen Veränderer! Ich würde sogar noch weiter gehen: je subtiler ein solcher Reformismus agiert, desto notwendiger wird die Verbreitung revolutionärer Dialektik und proletarischer Bewußtheit über die Resultate der vergangenen Klassenkämpfe. Die Dialektik bewährt sich immer nur am konkreten (historischen oder politischen) corpus delicti und nicht in theoretischen Trockenübungen, welche Du vorschlägst.

Zu dem Klein fällt mir nicht viel ein… Bei Licht betrachtet habe ich ein gespaltenes Verhältnis zur PDS. Politisch sind mir die Reformisten lieber als die Beton-Kommunisten in ihren Reihen. Auf der anderen Seite weiß ich mit dem von der Partei-Mehrheit praktizierten Antikapitalismus rein gar nichts anzufangen, weil diesem, wie gesagt, jede revolutionäre Dialektik ausgetrieben wurde und ein Antikapitalismus ohne dieselbe mich einfach anödet. Ihre Historiker schreiben ganz brauchbares bürgerliches Zeug zu meinen Lieblingsthemen; die Konsequenzen, die sie daraus ziehen, sind, wenn es geschieht, allerdings fade, weil ohne revolutionäre Perspektive. So schreibt, um ein Beispiel zu zitieren, Helmut Bock, in: Die Russische Revolution im Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung (3) 2002, 22: „Mit dem Zerfall der Sowjetunion jedoch rückte zuletzt eine Bourgeoisie an die Macht, die ausgerechnet [?] aus den staatsmonopolistischen Strukturen des vermeintlichen Sozialismus hervorkam – … Durch ursprüngliche Akkumulation des Kapitals, rigide Industrialisierung und Agrarrevolution hat der von Lenin inaugurierte, von Stalin durchgepeitschte, vorzeitige [?] ‘Sozialismus’ soziale, technologische, infrastrukturelle Voraussetzungen geschaffen, worüber die neue Bourgeoisie in Rußland und weiteren Ländern heute verfügt. Für jeden, der den ‘Roten Oktober’ als seine politische Geburtsurkunde begriff [!], muß ein solches Ergebnis enttäuschend sein. Und doch scheint jetzt die Einsicht veranlaßt, trotz aller Mühen und Kämpfe gegen kapitalistische Ausbeutung und Krieg, setzt man den Terminus ‘Revolution’ nicht für temporäre Versuche, sondern universell, d.h. streng welthistorisch, so bezeichnet er in der ganzen Geschichte der Neuzeit bislang ausschließlich bürgerliche, den Kapitalismus begünstigende Endresultate.“

Für solcherart durch ein zweckentfremdetes Engels-Zitat erzeugten ‘Realismus’ werden die zukünftigen Lokomotivführer der Geschichte wenig Verständnis haben, vor allem nicht dafür, daß die »demokratischen Kleinbürger, weit entfernt, für die revolutionären Proletarier die ganze Gesellschaft umwälzen zu wollen, …eine Änderung der gesellschaftlichen Zustände (erstreben), wodurch ihnen die bestehende Gesellschaft möglichst erträglich und bequem wird« (MEW 7, 244 f.). Es ist nicht die Frage, daß die Reformen, die ein revolutionäres Proletariat zu fordern hätte, „zugleich“, wie es bei Klein heißt, „über den Kapitalismus hinausweis(en)“ (Seite 3), sondern wie das geschieht: in dem Sinne, daß die revolutionäre Klasse für die demokratischen Kleinbürger Änderungen im von Marx und Engels kritisierten Sinn erkämpfen und dann leer ausgeht oder so, daß sich die an den Kämpfen Beteiligten in den Gesetzen des Klassenkampfes schulen, indem sie von vornherein »als Klasse den herrschenden Klassen gegenüber(treten)« und allein darin ihre eigene zukünftige Klassenherrschaft antizipieren lernen. (Die Bourgeoisie konnte auch unter der Hegemonie ihres politischen Gegners, der Feudalklasse, kapitalistisch produzieren, das Proletariat kann die ihm entsprechende Produktionsweise nur unter der eigenen Hegemonie praktizieren) Es geht also nicht darum, wie die Parteilinke das tut, den Reformismus der PDS als solchen zu bekämpfen und ihr statt dessen den ‘Kampf für den Sozialismus’ nahezulegen, sondern zu kritisieren ist, wie sie mit diesem umgeht.

Schon vor längerer Zeit schrieb ich Dir, daß sich die Partei wahrscheinlich in am bundesdeutschen Standard orientierte Reformisten und in Beton-Kommunisten spalten wird, und daß die DKP hocherfreut auf eine solche Spaltung wartet. Dazu erinnere ich an meine Email vom 06.03.2001, wo es am Schluß heißt: „Dazu wird dann eine Wähler-Partei links von der Sozialdemokratie als geeignetes Gefäß benötigt … Wovor mir graust, ist, daß da möglicherweise ‘zusammenkommt’, was (aus DKP-Sicht) zusammengehört.“ Nach dem Studium einiger Papers, in denen die aktuellen Querelen in der PDS ausgetragen werden, drängt sich dieser Schluß unverändert auf, und in der Perspektive von 2001 (sicherlich ein wenig überspitzt, aber darum nicht falsch: denn natürlich wurden in der Zwischenzeit einige harte Kanten abgewetzt) ist mir, wie gesagt, politisch der Reformer-Flügel dreimal sympathischer als seine (real-) sozialistischen Kontrahenten, obgleich dessen politische Hilflosigkeit nicht erwarten läßt, daß er mit diesen anders fertig werden wird denn durch die übliche bürokratische Lösung: Ausschluß, Spaltung oder so was in der Art. Eine solche Entwicklung wäre ebenso unerfreulich wie ärgerlich, wo dabei nur die Stärkung eines Typus von Kommunisten herauskäme (die mit der Faust, die den alten Stalin umklammert hält, in der Tasche…), von der wenig Gutes zu erwarten ist.

Nun zu Deinem überaus interessanten Brasilien-Bericht: Ich habe mich nicht systematisch mit Brasilien befaßt, und daher werde ich vielleicht mit dem Folgenden teilweise daneben liegen, aber dann kannst Du mich auf Grund Deiner nun dort gemachten Erfahrung korrigieren… Das Grundproblem scheint mir darin zu liegen, daß Brasilien von einer grundbesitzenden Oligarchie mit weitestgehender Rückendeckung durch die USA beherrscht wird. Damit sage ich über ein lateinamerikanisches Land nichts umwerfend Neues. Dadurch haben wir aber eine seit Generationen ungelöste Bauernfrage. Darüber erhebt sich ein industrieller Überbau, durch den aber Brasilien nicht schon zu einem Industrieland nach europäischem Muster wird. Der Grund ist auch bekannt: die industrielle Entwicklung ist eine weitgehend durch europäische Multis importierte, die aber – und das ist jetzt entscheidend – eine moderne Arbeiterklasse hervorgebracht hat. Aus Deinem Bericht über den PT folgere ich, daß die Existenz der Lula-Regierung Ausdruck eines Waffenstillstands der brasilianischen Arbeiterklasse und Teilen des Kleinbürgertums mit der Oligarchie ist, die, gezwungen durch die Weltwirtschaftskrise, die ja auch eine Finanzkrise (250 Mrd. $ Schulden; Le Monde Diplomatique, Mai 03, 17) und eine Exportkrise ist, vorsichtiger taktieren muß, um soziale Unruhen größeren Umfangs vorerst zu vermeiden.

Lula scheint also einen politischen und ökonomischen Klassenkampf nach echt Marxschen Vorstellungen geführt zu haben. (Vgl. den Brief von Karl Marx an Friedrich Bolte vom 23. November 1871 [MEW 33, 332]: »Notabene ad Political Movement: Das political movement der Arbeiterklasse hat natürlich zum Endzweck die Eroberung der political power für sie, und dazu ist natürlich eine bis zu einem gewissen Punkt entwickelte previous organisation der working class nötig, die aus ihren ökonomischen Kämpfen selbst erwächst. Andrerseits ist aber jede Bewegung, worin die Arbeiterklasse als Klasse den herrschenden Klassen gegenübertritt und sie durch pressure from without zu zwingen sucht, ein political movement. Z.B. der Versuch, in einer einzelnen Fabrik oder in einem einzelnen Gewerk durch strikes etc von den einzelnen Kapitalisten eine Beschränkung der Arbeitszeit zu erzwingen, ist eine rein ökonomische Bewegung; dagegen die Bewegung, ein Achtstunden- etc. Gesetz zu erzwingen, ist eine politische Bewegung. Und in dieser Weise wächst überall aus den vereinzelten ökonomischen Bewegungen der Arbeiter eine politische Bewegung hervor, d.h. eine Bewegung der Klasse, um ihre Interessen durchzusetzen in allgemeiner Form, in einer Form, die allgemeine gesellschaftlich zwingende Kraft besitzt. Wenn diese Bewegungen eine gewisse previous Organisation unterstellen, sind sie ihrerseits ebensosehr Mittel der Entwicklung dieser Organisation«). Von daher macht die Tatsache, daß der PT den politischen Klassenkampf im von Marx verstandenen Sinn nun auch vom Amt des Regierungschefs aus führt, keinen Unterschied zu seinen bisher angewendeten Formen des Klassenkampfes. Die spannende Frage wird sein, ob die brasilianische Arbeiterklasse das »political movement … zum Endzweck der Eroberung der political power« keinen Tag aus den Augen verliert, d.h. den Sturz der Oligarchie mit ihrem Bourgeois-Anhang. Sonst hätten wir es schlicht mit einer neuen Variante des Menschewismus zu tun, mit Lula als Kerenski.

Wie überhaupt in dem Papier das Vorbild der Bolschewiki in den Erörterungen über die Parteigeschichte leider eine untergeordnete Rolle spielt. Das ist bedauerlich. (Das Zarenreich war zwar im Gegensatz zu Brasilien eine – europäische – Großmacht, aber auch in Rußland war der Sturz der grundbesitzenden Oligarchie mit ihrem bürgerlichen Anhang und die Lösung der Bauernfrage Voraussetzung für jede weitere revolutionäre Veränderung, worin der Arbeiterklasse eine Schlüsselfunktion zukam). Aber entweder, so entnehme ich dem Bericht, haben wir es in Brasilien mit Beton-Kommunisten zu tun, die das Manna der Kontinuität ihres ML aus ihren ‘bolschewistischen’ oder ‘maoistischen’ Dogmen saugen oder da, wo in dem Papier einige mutige Ansätze zur Kritik am ‘Realen Sozialismus’ (Polen, Cuba) referiert werden, bleiben diese letztlich prinzipienlos und taktisch zurückhaltend (um nicht zu sagen, opportunistisch). Voraussetzung für einen tatsächlichen Fortschritt in der in dem Bericht übervorsichtig angedeuteten Richtung wäre eine brasilianische pM, die auf revolutionäre Weise (Reformisten gibt es wie Sand am Meer!) radikale Konsequenzen aus unserer gemeinsamen historischen Tragödie zieht und sich auf dieser Grundlage ein revolutionäres Programm gibt:

■ Enteignung der Oligarchie.

■ Lösung der Bauernfrage. Aber anders als in Rußland in einer Kombination von selbst verwalteten landwirtschaftlichen Großbetrieben (auf der Basis der Latifundien) und Verteilung von Bauern-Land auf der Grundlage der Reaktivierung des kleinbäuerlichen Kollektivismus (Genossenschaften), um die Versklavung der Bauernschaft durch eine neue Monokultur betreibende rot geschminkte (cubanische, nicaraguensische usw.) Oligarchie oder – als entgegengesetztes – einen kleinbäuerlichen Ethnizismus (Subcomandante Marcos) zu verhindern.

■ Verstaatlichung der Industrie und Angliederung der Staatsbetriebe an die kleinbäuerlichen und industriellen landwirtschaftlichen Kollektivwirtschaften, (und zwar so, daß ‘Große Sprünge nach vorn’ vermieden werden!): Brasilien ist kein europäisches Industrieland, weil seine industrielle Entwicklung eine im Interesse des ausländischen Kapitals aufoktroyierte ist. Dadurch Vermeidung des Peronismus (Autarkie) oder einer von Dependencia-Theoretikern ausgeklügelten ‘autozentrierten Entwicklung’ der Bourgeoisie, die beide direkt oder indirekt zu einer neuen oligarchischen Herrschaft führen müßten.

Fazit: das nach Brasilien importierte ausländische Kapital hat eine Arbeiterklasse hervorgebracht, die gelernt hat, den ökonomischen und politischen Klassenkampf zu führen und sich darin als Klasse gegenüber der Bourgeoisie zu konstituieren, die aber den Klassenkampf noch nicht politisch führt bezogen auf den »Endzweck« ihres »political movement«, die »Eroberung der political power« zum Sturz der Oligarchie und ihres bürgerlichen Anhangs, der Kompradoren-Bourgeoisie. Dein mir übermittelter Bericht enthält einige ermutigende Ansätze im Sinne der pM, die sich notwendigerweise im Kampf gegen diejenigen herausbilden müßte, die aus der Tragödie der Oktoberrevolution nichts lernen wollen: die MLer, Beton-Kommunisten, Trotzkisten, Castristen, Pol-Potisten usw. Die weitere Entwicklung des Klassenkampfes in Brasilien wird davon abhängen, wie weit dies gelingen wird.

Ich hatte ja noch was zu einer attac-Broschüre angekündigt, verschiebe das aber auf das nächste Mal.

Es grüßt herzlich

Ulrich

1) http://www.pds-online.de/politik/themen/vorstandsdebatte2003/view_html?zid=33&bs1&n=11

Dieter Klein: Streit um Grundrichtung und Verantwortung (03.05.2003)


An Django (06.08.2003):

Ich hatte auf eine persönliche Antwort auf meinen letzten Brief gehofft und daher Deine Rundschreiben zunächst nur zur Kenntnis genommen; trotzdem hatte ich eine Antwort auf die „Kritik des Neides“ überlegt. [1] Auch zu Thalheimers Bonapartismus[-Theorie] hätte ich einiges zu sagen, habe aber nicht den Eindruck, daß Dir das Thema sehr auf den Nägeln brennt. [2] Was für Dich – und vermutlich alle Keynesianer gilt, ist, daß sich ihre Überlegungen hauptsächlich in der Sphäre der Warenzirkulation bewegen, wozu auch die Produzenten als Konsumenten gehören. Der Kern des Problems ist aber die Akkumulationskrise; diese kann zwar innerhalb der Zirkulationssphäre bis zu einem gewissen Grad reguliert werden, aber an ihrer prinzipiellen Nichtüberwindbarkeit, außer durch Kapitalvernichtung (beliebte Methode: Krieg), ändert das nichts. Das ist der Grund, warum ich es sinnvoll finde, auf einen ‚Punkt’ perspektivisch ‚zuzusteuern’ (was den Kampf um Reformen nicht ausschließt). Dazu sind die bisher gemachten Erfahrungen elementar, und um deren Ausarbeitung kümmere ich mich (hauptsächlich am Schreibtisch!) … Unsere Reformdebatte bewegt sich also weiterhin im Kreis.

Gruß Ulrich

1) Von: django.schins@comlink.org

Gesendet: Sonntag, 29. Juni 2003.

Betreff: Im Glashaus – Das Philosophische Quartett: Die Kritik des Neides als Apologetik des Sozialraubs.
2) Peter Ruben: Anfänge der Faschismustheorie. Eine Erinnerung an August Thalheimer (Teil I), in: junge Welt 13.07.2003.


An Partei Marx (07.08.2003):

Lieber Ulrich

Ich danke Dir für Deine prompte Antwort. Deinen Text vom 3. 6. 2003 habe ich am 11. 6. 2003 erhalten.

Deine Enttäuschung kann ich gut verstehen! Und Du hast auch völlig recht. Ich hätte schon längst antworten sollen. […]

Damit komme ich vielleicht zum Kern unserer Auseinandersetzung:

Während Du glaubst, daß die kapitalistische Akkumulationskrise unter kapitalistischen Bedingungen prinzipiell unüberwindbar ist, will ich wissen, ob das stimmt.

Dazu sind umfängliche Studien und Untersuchungen erforderlich.

Solches bloß zu denken, ist abwegig. Und ich habe den Eindruck, daß Du genau das tust!

Ich bin also weder ein Keynesianer noch ein Marxist, sondern bloß ein Lernender, aber kein Gläubiger.

Übrigens: ich vermisse immer noch Deine Begründung dafür, daß der Kommunismus das gesetzmäßige Ergebnis der Geschichte sein wird.

Ich halte es nicht für zweckmäßig, mit Behauptungen um sich zu werfen, die man nicht beweisen kann. (Jetzt antworte nicht – spitzfindig – daß Behauptungen eben nur Behauptungen sind!)

Und der Satz „Der Kommunismus ist … keine Wunschprojektion …, sondern zu begreifen als eine unbedingt notwendige Konsequenz, die aus den Widersprüchen …, die die bürgerliche Gesellschaft … hervorbringt“ (Dein Schreiben vom 10.01.2002, Seite 1), ist eine solche Behauptung, die allerdings im Gewand eines Naturgesetzes daherkommt.

Angesichts der Komplexität von Gesellschaft und Geschichte ist es unmöglich solches vorherzusagen, richtiger: Vorhersagen kann man es, wie Du ja beweist, aber eine wissenschaftliche, d.h. beweisbare, Prognose, ist es nicht.

Da Du Dich schon Jahrzehnte mit dem Thema beschäftigst und mir dennoch keine Antwort gibst, obwohl Du zu anderen Fragen antwortest, sehe ich mich in diesem Urteil ein weiteres Mal bestätigt.

Warum gibst Du die Unbeweisbarkeit nicht einfach zu? Ich bin grausam, ich weiß… aber die Dekonstruktion alter Glaubenssätze muß sein. Billiger ist die neue Welt nicht zu haben!

[Django]


An Django (06.10.2003):

[...]
In unserer Diskussion kommen wir [...] wie es scheint, auch deshalb nicht weiter, gerade weil dieser das historische und politische Salz in der Suppe fehlt. Außerdem kann ich Dir die Unüberwindbarkeit der Akkumulationskrise nicht „beweisen“ (das versuchen gegenwärtig ohne Erfolg viel kompetentere Leute), weil sie rein theoretisch gar nicht zu „beweisen“ ist. Und es geht auch nicht um irgendwelche Wettervorhersagen, sondern schlicht um Theorie einerseits (d.h. im Prinzip ist die bürgerliche Gesellschaft nicht überlebensfähig, was im [Marxschen] Kapital „bewiesen“ wird) und um Politik andererseits (also darum, wie sich dieses Prinzip in den Tatsachen widerspiegelt, die den Klassenkampf – auf der Welt! – ausmachen, wobei Deutschland aus bestimmten Gründen das Schlußlicht bildet). Sowohl bei Marx wie bei Lenin findet sich das Weltprinzip des Klassenkampfes, insofern ist die Imperialismustheorie bei all ihren sonstigen Mängeln in dieser Beziehung korrekt. Globalisierung ist bei beiden [Theoretikern] Voraussetzung der Klassenkämpfe und muß nicht erst politisch erfunden werden…

Setz Dich mit den entsprechenden Texten auseinander, und wenn die „Beweise“ Dich darin nicht überzeugen, dann überzeuge die Welt vom Gegenteil, oder zunächst nur mich! Auf meinen schmalen Schultern werde ich die Beweislast nur für das tragen, was ich selbst verzapft habe; das findest Du in meinen Texten.

[...]
Mit herzlichen Grüßen Ulrich


An Django (28.10.2003):

Ich finde es wirklich sehr aufmerksam von Dir, daß Du bei dieser Veranstaltung an mich gedacht hast. Als ich zunächst nur den Aufmacher [1] zu lesen bekommen hatte, mutmaßte ich zuerst, daß sich einige Anti-Globalisierer spontan über das revolutionäre Subjekt Gedanken machen wollen mit dem Ziel, von der kleinbürgerlich-romantischen ‚multitude’ wegzukommen… Aber dann las ich das Programm und finde nun, daß die Richtung, auf die sich die Veranstaltung festgelegt hat, alles andere als „indeterminate“ ist. Vielmehr handelt es sich um das Konzentrat einer nicht bewältigten Vergangenheit der real-existierenden europäischen Linken vorgetragen durch ihre akademischen Autoritäten in ‚Marxismus’. [...] Im Gegensatz zur klar erkennbaren Richtung des Programms ist der Aufmacher ausgesprochen „indeterminate“ formuliert: Welcher ernst zu nehmende Parteigänger von Marx und Engels würde sich auf eine „nicht-terroristische Revolution“ festlegen und wieso wird der Begriff ‚Terrorismus’ „kategorial“ überhaupt akzeptiert? Heißt das nicht, daß einerseits der menschenfeindliche Charakter des Islamismus relativiert und andererseits der Kommunismus zur Freude der Weltbourgeoisie auf die Polarität Terrorismus – Nicht-Terrorismus reduziert wird? Und wo bitte paßt in diesen kategorial falsch gesetzten Gegensatz die „Mehrheit … innerhalb der werktätigen Massen“ hinein? Will sich da nicht wieder eine bestimmte Minderheit, die Situation ausnutzend, auf deren Rücken setzen und sich von diesen „Massen“ zur nächsten Weltrevolution tragen lassen? Oder was bedeutet: „The revolutionary subject you are calling is temporarily not available (wörtlich: „verfügbar“!!!)? Verfügbar im Sinne der abgedankten Nomenklatura? Weiter: was habe ich mir unter einem “theoretisch zu konstituierenden … politischen Subjekt” vorzustellen? Horst Mahler und den Kalifen von Köln würde ich auch als „politisches Subjekt“ bezeichnen, die Frage ist nur, Subjekt welcher Politik? Oder meinte man statt dessen das revolutionäre Subjekt? Ein solches quid pro quo hätte ich der ursprünglich von mir als Autoren angenommenen Anti-Globalisierer-Gruppe zugetraut, aber nicht der dort auftreten werdenden ‚Marxisten’-Schar… Trotzdem vielen Dank für die Information.
[...]
Herzliche Grüße Ulrich

1) Internetrepräsentation des internationalen Kulturkongresses “Indeterminate!

Kommunismus”, 7. – 9. 11.2003 in Frankfurt am Main. „The revolutionary subject you are calling is temporarily not available“.

Darin war u.a. zu lesen:

Multitudes und Proletariat

Proletariat und Multitudes

Die Erkenntnis, daß eine nicht-terroristische Revolution nicht zu machen ist ohne die Unterstützung mindestens einer Mehrheit innerhalb der werktätigen Massen – Resümee, Klage oder Forderung – wirft die Frage auf, wie der kategoriale Rahmen beschaffen sein müßte, der ein politisches Subjekt theoretisch konstituieren könnte. Erstens die Isolierung von den Menschen, die so oft das Schlechte wollen, zweitens der Versuch ihrer Bildung und Organisierung und drittens die Ablehnung jeglicher definitorischer Soziologie über die Praxis der Menge, die in Experiment und Erfahrung zu sich schon kommen wird, sind die in der radikalen Linken zur Zeit verbreitesten drei Optionen des Umgangs mit den lohnabhängigen Beschäftigten. Um diese Frage soll es hier gehen, inwiefern die Kategorie des Proletariats als Katalysator gesellschaftlicher Veränderung für eine emanzipatorische Praxis unverzichtbar ist und ob diese Kategorie in einem postoperaistischen Sinn erweitert werden kann.


An Django (12.01.2004):

Hab vielen Dank für Deine Neujahrs-Mail, die ich mit einiger Verzögerung, die Du entschuldigen mögest, beantworte.

[...]
Du siehst die Dinge zu schwer (oder wie man hier sagt, nicht locker genug). Das betrifft auch die Sache mit dem „Proletariat“: Ich gehe zwar davon aus, daß es damit genauso steht, wie zu Marxens Zeiten, nur daß sich das ganze Phänomen global auseinandergezogen hat und zwar gerade so, daß die deutsche Arbeiterklasse auseinanderdividiert werden müßte in eine, gemessen am Weltmaßstab, hoch qualifizierte und entsprechend bezahlte ‘Arbeiteraristokratie’ und eine wachsende Schicht von prekären Arbeitern und Nicht-Mehr-Arbeitern, die aber alle irgendwie ’sozial abgesichert’ sind. Die deutsche Arbeiterklasse produziert zweifellos weiterhin ‘ihren’ Mehrwert für das Kapital (oder ist an dessen Realisierung beteiligt), aber verglichen mit dem übrigen Proletariat, das im Weltmaßstab über die sog. Niedrig- und Niedrigstlohnländer verteilt ist, fällt es schwer, hier noch von einem Proletariat im ursprünglichen Sinn zu sprechen (obwohl die deutsche Arbeiterklasse Teil der weltweit sich herausbildenden Klasse an sich ist). Die Sache ist also höchst verwickelt, und, bevor diese Klasse an sich nicht einmal ansatzweise existiert, scheint es geradezu utopisch zu sein, heute einfach so von „dem Proletariat“ zu sprechen. Wenn ich dieser Ansicht wäre, müßte das zu Recht kritisiert werden.

Wenn in Zukunft überhaupt von „dem Proletariat“ die Rede sein wird, müßten wir heute von vornherein von dem Weltproletariat ausgehen, allein schon, weil sich die Weltbourgeoisie, um zu überleben, am Weltmarkt orientieren muß und ihr Kapital (mit oder ohne linke Moralpredigten) dort entsprechend profitabel ‘disloziert’ hat, und daher sollten wir die ‘nationale’ Arbeiterklasse in Relation zu dem sich real herausbildenden Welt-Proletariat in China, Indien oder Brasilien (?) bestimmen. Was dann noch an der deutschen Arbeiterklasse als revolutionär übrigbleibt, wird wahrscheinlich ‘nicht die Welt sein’, auch wenn diese bittere Wahrheit den politisch auf Dummenfang ausgehenden ‘Arbeiter’parteien links von SPD und PDS vermutlich nicht in den Kram paßt, weil der Glaube an die Existenz eines ‘revolutionären deutschen Proletariats’ nun einmal zu ihrer raison d’être gehört, während auf der anderen (mehr oder weniger sozialdemokratischen) Seite der „Abschied vom Proletariat“ schon lange eine vollendete Tatsache ist, an dessen Stelle das neue kosmopolitische Kleinbürgertum (im Gegensatz zum untergehenden alten bildungsbürgerlich-handwerklich-großbäuerlichen, das keinen Anschluß an den Weltmarkt findet) getreten ist (die bürgerliche Linke jenseits der Arbeiter-Partei-’Kommunisten’: PDS, Grüne, Jusos, Julis und wie sie alle heißen), die sich und ihren globalisierungskritischen Anhang zum neuesten Antipoden der Weltbourgeoisie erklären… Die Frage nach dem „Proletariat“ sollte niemandem einen schweren Kopf machen, weil einfach niemand die Antwort wissen kann, es sei denn, er hält sich für einen Propheten. Sie wird ganz konkret beantwortet werden, wenn es soweit ist.

Aber vielleicht reden wir schon wieder aneinander vorbei; denn für den Fall, daß Deine Probleme mit dem „Proletariat“ eher prinzipieller Natur sind, müßte ich mich für nicht zuständig erklären und wie ich in einem meiner letzten Briefe erwidert habe, Dich auffordern, Deine prinzipiellen Bedenken an die Gründungsväter der „Partei Marx“ zu richten und Dich in die lange Reihe der (zumeist akademischen) Marx-Kritiker einzuordnen in der Hoffnung vor der dort versammelten Öffentlichkeit Deine Kritik plazieren zu dürfen. Aber das lassen wir einmal dahingestellt…

Nächster Punkt: ich halte Deine ironische Schreibweise nicht für einen Nachteil. Unsere „Mißverständnisse“ sind eher politischer Natur, genauer, sie beruhen darauf, daß wir unsere sehr unterschiedlichen politischen Sichtweisen aus unserem Diskurs vorerst ausgeklammert haben. Und daher treten wir auch auf der Stelle. Um in unserer Diskussion weiter zu kommen, müßten wir versuchen, unsere politischen Differenzen konkret zu bestimmen. Ich erinnere mich, daß Du anläßlich meiner Überlegungen zum Kirow-Attentat sinngemäß schriebst: das wäre eine Angelegenheit für die Historiker, zu der Du Dich nicht konkret äußern wolltest. Das finde ich ganz und gar nicht: wo es um die Rekonstruktion des Verlaufs einer weltrevolutionären Bewegung geht (und nicht nur um die „Stalinfrage“ als solche), besteht für jeden daran direkt oder indirekt Beteiligten die unbedingte Notwendigkeit, sich darüber seine eigenen Gedanken zu machen und diese zu diskutieren, weil das nicht nur für die Einschätzung der damaligen Entwicklung der UdSSR und der zukünftigen Entwicklung des Weltproletariats von entscheidender Bedeutung ist. Den bürgerlichen Historikern ist dieser Gesichtspunkt natürlich ‘Schnuppe’, die Arbeiter-’Kommunisten’ reden häufig salopp von gewissen „Fehlentwicklungen“, während sie aus demselben „fehlentwickelten“ Irgendwie-Sozialismus in der SU (DDR) die Existenzberechtigung ihrer eigenen Partei ableiten. Eine Frau ist bekanntlich nicht irgendwie schwanger… Um unsere Differenzen konkret zu bestimmen, müßten wir uns von all diesen Irgendwie’s verabschieden.

Davon abgesehen habe ich generell den Eindruck, daß ich mit meinem Anspruch an eine konkret bestimmte Redeweise in meinem Umfeld, das ich auf meine Texte aufmerksam gemacht habe, eher lähmendes Entsetzen auslöse. Es ist als ob in einem großen Kreis von Gesprächsteilnehmern jemand eine Peinlichkeit von sich gegeben hat, zu der sich niemand konkret äußert, um nicht in das Schwarze Loch, das durch die angebliche Peinlichkeit aufgerissen worden ist, selbst mit hineingezogen zu werden. Oder es ist wie mit des Kaisers neuen Kleidern, wo nur die Nichteingeweihten noch ihren Realitätssinn bewahrt haben! Die deutsche Linke geht nackt (oder in Bourgeois-Klamotten!) und alle Welt hat sich über die Jahre an den Gedanken gewöhnt: es muß doch noch irgendwas Kommunistisches an ihr dran sein. – Die Wahrheit ist konkret, also laß uns konkret werden und unsere politischen Einschätzungen zusammenrasseln lassen. Entweder bricht dann unsere Diskussion zusammen oder wir schaffen uns eine Grundlage für eine zukunftsgerichtete Fortsetzung derselben.

[...]
Hier beende ich erst mal meinen Monolog und hoffe für uns auf baldige „Konkretisierungen“…

Ulrich


An Partei Marx (21.08.2005):

Hallo Ernst Ulrich Knaudt,

habe deine schöne Parteikritik erst gerade zur Kenntnis genommen (Referat in Frankfurt) [1] und muß mir in den nächsten Tagen deine Ausführungen auf der Webseite genauer zu Gemüte führen.

Ich bin ja immer wieder neu überrascht, wenn bei allen möglichen sogenannten RevolutionärInnen – die sich untereinander bekanntlich überhaupt nicht grün sind – der positive Bezug auf das Gespenst aus dem K[ommunistischen] M[anifest] als einzigartiger, gemeinsamer Nenner sichtbar wird. Es ist ja geradezu ein Manko in ihrem Selbstbewußtsein, dieses Gespenst nicht selbst darstellen zu können. Ein kritischer Bezug auf die Bewegungsgeschichte, die die Umkehrung der wirklichen Gespenstbedeutung ermöglicht, ist aus meiner Sicht kaum vorhanden. Mich interessiert daher, ob Du beim Vorstellen deines Referates in Frankfurt damit bei diesen anecktest.

Es ist ja in der Tat so – wenn man die marxschen Veränderungsbestimmungen von ihrem Ende her begreift (Aufhebung der Wertvergesellschaftung mit Aufhebung des Geldes bei gleichzeitiger Vergesellschaftung ohne äußeren Zwang), daß der Leninsche Revolutionsweg gar nicht funktionieren kann – oder?

so weit erstmal und beste Grüße

Hubert

1)KRITIK 1, ANHANG 2


An Hubert (01.09.2005):

[...]
Ein positiver Bezug auf das K[ommunistische] M[anifest] ist recht einfach herzustellen und zugleich sehr kompliziert. Es ist immer relativ einfach gewesen, den darin entwickelten Anspruch deklamatorisch in die Welt hinaus zu posaunen, wie etwa aus Anlaß des 150. Jahrestages in Paris. Da es sich um die Programmatik einer ganzen Menschheitsepoche handelt, wird der Zitatensucher kaum das nötige Kleingeld für seine Tagespolitik darin finden. Ihre Vermittlung durch den politischen Klassenkampf hat Marx in Form der ‘Partei Marx’ exemplarisch vorgeführt. Dies wird in den STREITPUNKTEN auf der Homepage gleichen Namens an bestimmten Beispielen vorgeführt. Dort geht es vor allem um die Beziehung Lenin-Marx, die für die Bewältigung unserer ‘Bewegungsgeschichte’ von entscheidender Bedeutung ist. Was von dem ‘Leninschen Revolutionsweg’ dann übrig bleiben wird, und zwar ohne der Sozialdemokratie und dem linken Sozialimperialismus Konzessionen zu machen, wird sich dabei herausstellen. Das Verhältnis zwischen Werttheorie und politischem Klassenkampf ist dabei neu zu bestimmen, weil weitgehend unterbestimmt.

Falls Du Dich mit den STREITPUNKTEN auseinandersetzen willst, wäre Deine Kritik sehr willkommen.

[...]
Was Deine Frage zu der Frankfurter Veranstaltung betrifft, so kann ich mich an keine ernstzunehmenden Einwände erinnern. Dazu waren die wenigen Zuhörer politisch zu heterogen, bzw. das Thema scheinbar zu theoretisch. (Siehe auch: Wozu die Auseinandersetzung über die elementaren Streitpunkte?)

Es grüßt herzlich Ernst-Ulrich Knaudt


An Partei Marx (07.09.2005):

 

Hallo und vielen Dank Ernst Ullrich,

für deine Antwort und die Einladung zur Kritik, ich werde gerne darauf zurückkommen. Wie angekündigt habe ich mir ja inzwischen die Webseite näher angesehen und finde die Betonung der Marxschen Position zu Rußland in Diskrepanz zu Lenin aber auch zu Engels sehr interessant. Ich kannte die Briefe zwar, aber bis zu dieser grundsätzlichen Bedeutung habe ich die Sache nicht zu Ende gedacht. Unabhängig von der Richtigkeit der Position im engen Sinn, etwa bezogen auf die Jahre 1917 ff, kommt hier m. E. aber auch ein Problemzugang zum Ausdruck, der quer zu den Ambitionen der Bolschewiki steht, die mit ihrem Minderheitenkonzept über gar keinen wirklichen Problemlösungsansatz verfügten, weil die Gesellschaft als Akteur, d.h. die vielen Individuen die die Gesellschaft im Zusammenhang bilden, gar nicht handlungsrelevant war. Marx dagegen versuchte die von ihm gesehene Gesellschaftlichkeit des russischen Dorfes sozusagen als Keimform der sozialistischen Gesellschaftlichkeit zu nutzen, die damit definitiv in der Handlungshoheit der direkt betroffenen Menschen gelegen hätte. Vielmehr mußte ja alles durch das Revolutionaritätsfilter der Partei: was hier nicht in den Kram paßte wurde ausgeschlossen. M. E. ist deine positive Affinität zu Lenin (meine eigene Abkehr hier ist noch nicht sehr alt) überholt. Die Beurteilung der Realitäten gelingt schwerlich vor dem isolierten Hintergrund der Leninwerke und fängt man erstmal an, die Realitäten in den Blick zu nehmen, wird man von den Diskrepanzen erschlagen.

M. E. ist hier aber auch immer der Widerspruch in der Parteikonzeption zwischen Marx und Lenin übersehen oder als Weiterentwicklung verstanden worden, was sie m. E. sicherlich genau nicht ist. Die marxsche Warnung vor der Modelung ist vielmehr im Leninschen Konzept das eigentliche Programm (insbesondere real, die Formulierungen sind dagegen zweitrangig). Für Marx ist die Partei der Kommunisten (in deinem Sinn die Partei Marx) in der Gesellschaft für die Gesellschaft als eine unter vielen tätig, als militärische Kampforganisation aus meiner heutigen ! Sicht völlig untauglich. Die andere Bestimmung der Gesellschaft durch die Partei ist hinreichend bekannt. Denkt man diese Zusammenhänge von ihrem Ziel her an (Vergesellschaftung ohne Geld und ohne Zwang) so erledigt sich das Minderheitskonzept aus meiner Sicht per se, weil der Zwang nur durch die Eigenmotivation der vielen, vielen Individuen zu umgehen ist. Steht die Frage erst mal auf dem Tablett, wie die “ungeheure Mehrzahl” (K[ommunistisches] M[anifest]) sich die dazu notwendige Gesellschaftlichkeit aneignen soll, so bleibt i. A. offensichtlich nur die Feststellung übrig, daß die bisherige revolutionäre Bewegung nicht das war, was sie bis heute vorgibt zu sein. Ein Lösungszugang ist hier weit und breit nicht mal im Ansatz zu sehen.

So weit erst mal auf die Schnelle.

[...]
Hubert

PS selbstverständlich beinhaltet diese Sicht “Konzessionen” an die Sozialdemokratie: Sie waren und sind nicht das konterrevolutionäre Element, wozu der Leninismus sie gemacht hat. Unter dem Stichwort “trial and error” muß der gesamten Gesellschaft materialistisch die Entwicklungsmöglichkeit offen gehalten werden, anstatt eine scheinbare Wahrheit zu monopolisieren. Nur unter dem Vorbehalt der Nichtberücksichtigung des voluntaristischen Revolutionarismus dieser Bewegung kann dieser Vorwurf bis heute einen ‘Sinn’ machen. Sobald der Voluntarismus hier ins Blickfeld und in die Kritik gerät, müssen diese Vorwürfe fallen.

Als Grundlage oder Medium einer weiteren Diskussion über diese historischen Zusammenhänge könnte vielleicht die Schrift von Gerd Koenen “Utopie der Säuberungen” dienen?!


An Hubert (14.09.2005):

Lieber Hubert,

Du assoziierst Bolschewiki (‘Mehrheitler’) mit “Minderheitskonzept”. Das ist nicht unbedingt zwingend. Im Oktober 1917 besaßen sie auf dem Sowjetkongreß durchaus eine Mehrheit. Das änderte sich erst Anfang Januar 1918, als die ‘Minderheitler’ und die rechten Sozialrevolutionäre die Konstituierende Versammlung einberufen und die Bolschewiki diese auseinander gejagt hatten. Aber auch das hätte kein Fehler sein müssen, wenn Lenin sich am Marxschen ‘Programm’ zur Bauernfrage orientiert hätte, was die Masse der russischen Bauern zuvor handgreiflich vollzogen hatten: Verjagung der Profiteure von 1861 und den Stolypinschen Reformen, die nach der Bauernrevolution von 1905 in Rußland ein westeuropäisches Einzelbauerntum hervorbringen sollten, worauf sich nur die Allerwenigsten einlassen wollten, und Rückkehr zur Wirtschaft der alten Bauerngemeinde.

[...]
Was die Bolschewiki auf dem Land zustande gebracht haben, war durchweg Stückwerk. Die Nationalisierung des Bodens war für die Bauern kein Problem, da sie Privatbesitz gar nicht kannten. Diese hätte also ergänzt werden müssen durch Investitionen in den archaischen Bauernkommunismus. Dazu war die Mehrheit der Sozialrevolutionäre und schon gar nicht der ‘Minderheitler’ bereit. Damit aber hätten sie in die Enge getrieben und an ihrem Fall klar gemacht werden können, daß die K[onstituierende] V[ersammlung] nur diese Tatsache verschleiern sollte.

Gleichzeitig wären die Sowjets aufgewertet worden und durch Neuwahlen die aktivsten Bauernelemente hätten kooptiert werden müssen. Stalins (und nicht nur Stalins) Kollektivierung ist eine demagogisch aufgezogene Veranstaltung ganz im Sinne der Menschewiki und Sozialrevolutionäre vom Januar 1918, nur, anstelle des Parlamentarismus eine neue Autokratie. In dieses Bild paßt die von Dir benutzte Gegenüberstellung von “Individuum” und “Gesellschaft” nicht so recht. Das wäre nur der Fall, wenn die Stolypinschen Reformen nicht gescheitert wären. “Handlungshoheit der direkt betroffenen Menschen” stimmt bis zu einem gewissen Grad, aber gerade in dem angesprochenen Konflikt standen sich eindeutig Klassen gegenüber (einmal beiseite gelassen, woraus sich die russische Arbeiterklasse zu jenem Zeitpunkt konstituiert haben konnte). Meine “positive Affinität zu Lenin” halte ich insofern aufrecht, weil Lenin glaubte, den Lassalleanismus seiner Zeit und den linken Sozialimperialismus im Sinne der ‘Partei Marx’ zu bekämpfen, mit der er auf der anderen Seite wegen der Bauernfrage und, wie ich gezeigt habe, der nationalen Frage seine eigenen Probleme hatte. (Die Menschewiki hatten dagegen keine Probleme mit derselben, weil die Bauernfrage für sie gar nicht existierte) Insofern ist meine “Affinität zu Lenin” durchwachsen und nicht endgültig geklärt. (Das wird sich mit der Fortsetzung des STREITPUNKTs zur ‘Nationalen Frage’ vielleicht ändern). Grundsätzlich abzulehnen ist der Lenin-Kult, den die DDR-Wurmfortsatz-Parteien und Publikationsorgane veranstalten. Aber auch diese haben ihre Probleme mit Lenins Imperialismus-Theorie, die sich weder mit den sonnigen Vorstellungen der anti-globals noch dem Sozialdemokratismus der PDS vereinbaren läßt. Du schreibst, Konzessionen an denselben seien notwendig. Es mag Situationen geben, wo Konzessionen an die Bourgeoisie notwendig sind, aber dazu ist eine Vermittlungsinstanz wie die Sozialdemokratie überflüssig, weil die, wie ein Rechtsanwalt von seinen Klienten, von ihren eigenen Konzessionen lebt. Deinen Literaturhinweis nehme ich dankend zur Kenntnis. Das Buch habe ich noch nicht in meiner Sammlung. Beim Durchblättern von “Das rote Jahrzehnt” fiel mit spontan ein: ach wenn doch dieser geistreiche Autor seinen Sarkasmus und seine Ironie schon zu Zeiten des KBW so entwickelt hätte, wie er das jetzt tut. Was für interessante Diskussionen hätten wir schon damals führen können anstatt uns ständig bei der Lektüre des Sozialistischen Einheitsbreis der “Kommunistischen Volkszeitung” den Magen zu verderben…

In diesem Sinne grüßt herzlich

Ernst-Ulrich Knaudt


Von: “Django Schins” django.schins@comlink.org

Datum: 4. Juni 2006 16:55:28 MESZ

An: …”Ernst-Ulrich KNAUDT” …

Betreff: DIE DEUTSCHE LINKE und FUSSBALLWELTMEISTERSCHAFT

Guten Tag

Ich bitte um Weiterverbreitung folgenden Zitats (Autor: Eduardo Galeano):

„Wenn große Meisterschaften beginnen, erschrecke ich über mich: Bis gestern harter und wohl auch unbestechlicher Kritiker des kapitalistischen Spielsystems, dem wir alle ausgesetzt sind, werde ich über Nacht zum Apologeten des Balls. Und denke: Arme Tröpfe, die noch immer mit Profitsummen und Wirtschaftsstrukturen um sich werfen, um mir den klaren Kopf zu retten. Aber ich will jetzt keinen klaren Kopf mehr, ich will mich jetzt hemmungslos diesen Millionären hingeben, die ja eigentlich ein Hohn auf den sozialen Zustand der Welt sind.“

Zitiert nach: Hans-Dieter Schütt, Der lange Weg – zum Scheitern?

Neues Deutschland vom 3./4.06.2006


An Django (11.06.2006):

Hallo Django,

vielen Dank für die nachdenklichen selbstkritischen Überlegungen Eduardo Galeanos. Mehr gefreut habe ich mich aber darüber, von Dir wieder einmal zu hören, nachdem meine letzte E-Mail vor ich weiß nicht wie langer Zeit bei Dir nicht angekommen war.

Es ist auf jeden Fall ein Fortschritt in der Geschichte der Menschheit, daß sich seit der Antike und dann wieder seit Beginn des letzten Jahrhunderts die verschiedenen Völker nicht nur blutig bekriegen, sondern zeitweise die Konkurrenz ihrer herrschenden Klassen im sportlichen Wettstreit austragen. Daß der Sport gleichzeitig unter der vorherrschenden Produktionsweise ein riesiges Geschäft ist, verwundert nicht. Die größten Millionen kassieren dabei allerdings nicht die Sportler, sondern diejenigen, die das ganze Spektakel vermarkten. Am Beispiel Italiens kann man studieren, wie schnell sich dieser ganze Spaß in offene Kriminalität verwandelt, so daß allen Beteiligten der Spaß vergeht.

Ich wurde gefragt, ob ich nicht auch für die Mannschaft, die ich favorisiere, ein Fähnchen aus dem Fenster hängen wollte. Ich habe geantwortet, daß ich das nicht tun werde. Wenn ich in meinem Leben Flagge gezeigt habe, dann war das immer eine andere als diese. Natürlich wird der Impuls meiner Landsleute, gemeinsam mit den anderen Nationen Flagge zu zeigen, politisch weidlich ausgenutzt; aber ich kann ihn durchaus verstehen. Nirgendwo wird das Bekenntnis zur eigenen Nation so sehr in ein anti-faschistisches = antideutsches Schema gepreßt wie bei uns… Ich lasse das erst mal so stehen und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Ulrich


An Partei Marx (13.06.2006):

Lieber Ulrich

Lebst Du doch noch?

Diese Frage – mit dem frechen Unterton, als hättest Du Dich unkorrekt verhalten – darf ich eigentlich gar nicht stellen, weil ich der Sünder bin.

Ich habe meine ausstehende Antwort auf Deine diversen Texte nicht vergessen, sie vielmehr im März 2004 beim Stand von 8.378 Wörtern unterbrochen wegen anderer Arbeiten.

[...]
Zur Zeit ordne ich meine diversen Ergüsse und werde dabei den Antworttext nochmals überlesen und vielleicht so wie er unfertig ist an Dich senden.

Jedenfalls freue ich mich sehr, von Dir zu lesen.

[...]
Herzliche Grüße

[Django]


An Django (18.06.2006):

Lieber Django,

die Freude ist, wie gesagt ganz meinerseits.

[...]
ad 2) Deine Antwort auf meine diversen Texte: schade, daß Du diese für Dich behalten hast. Sie hätte auf jeden Fall das Projekt pM sehr belebt, das momentan etwas vor sich hin dümpelt. Mein Vorschlag wäre: eine Zusammenfassung für die Rubrik REAKTIONEN mit einem Link zu dem umfassenden Text oder so was in der Art.

[...]
Die WM-Debatte lasse ich vorerst auf sich beruhen; ich habe inzwischen den Eindruck gewonnen, daß die ‘Linke’ wieder mal dabei ist, sich wie gewohnt gegenüber den ‘Massen’ fürchterlich zu blamieren. Darüber vielleicht das nächste Mal.

Es grüßt herzlich

Ulrich


An Partei Marx (19.06.2006):

Lieber Ulrich

[...]
Zu ad 2:

Ich habe meine Antwort auf Deine Texte nicht für mich behalten, wenn Du darunter verstehst, daß ich sie exklusivieren will. Ich habe sie nur nicht geschickt, weil sie noch unfertig sind. Ich werde mich aber bemühen, daß in der nächsten oder übernächsten Woche zu erledigen.

[...]
Herzlich
Django


An Django (21.06.2006):

Ich habe Deine Texte [1] gelesen, eine Nacht darüber geschlafen und bin zu folgendem vorläufigen Ergebnis gekommen. Die von Dir bevorzugte Taktik beruht, für sich genommen, auf einer durchaus klugen Dialektik (vielleicht eine Frucht der 8.378 Wörter?) in ihrer Verbindung von Parteibildung und Massenbewegung. Nur leider versuchst Du voller revolutionären Enthusiasmus einen Leichnam wiederzubeleben, der dieses höchst wertvolle Engagement nicht verdient. Da die Linke, um es sehr grob zu bestimmen, ihre ‘Hausarbeiten’ nur widerwillig und ohne das erforderliche Engagement nur ungenügend erledigt hat, bewegt sie sich wie ein toter Stern, der von verschiedener Seite her künstlich mit Leben erfüllt werden soll, durch den Orbit. Die Trotzkisten gleichen schon seit ihrem Verrat am sterbenskranken Lenin 1924 einem toten Stern, und daß der Sozialimperialismus von Stalin bis Breshnew nicht durch einen ‘von oben’ befohlenen Rückmarsch zum Lenin von vor 1924 zu neuem Leben zu erwecken war, haben Gorbis vergebliche Wiederbelebungsversuche eindringlich gezeigt… Letzten Endes werden der bürgerliche Sozialdemokratismus und ein durch neue Massenbewegungen aufgeplusterter Sozialimperialismus übrig bleiben. (Die DKP hat es immerhin zu einem Partei-Programm gebracht, worin naturgemäß die Beantwortung der spannendsten Fragen auf den St. Nimmerleinstag verschoben wurde).

Unser Hauptdissens besteht in der von Dir vollzogenen dichotomischen Trennung zwischen A[lten] S[ozialen] B[ewegungen] und N[euen] S[ozialen] B[ewegungen], worin sich die bereits von Stalin aufgestellte These als Abklatsch wiederfindet: der Leninismus ist der Marxismus in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution usw. (Ich muß gestehen, daß ich diese These am Anfang meiner ‘Karriere’ als sehr bestrickend empfunden habe; aber man lernt ja dazu, fragt sich nur in welche Richtung…). Heute bin ich der Ansicht, daß es weder einen ‘Marxismus’ gibt noch eine Epoche des ‘Imperialismus’ außer in der sozialimperialistischen Ideologie revolutionärer Kleinbürger (wobei ich unter Sozialimperialismus eine rote Abart des Bonapartismus à la ‘18. Brumaire des Louis Bonaparte’ verstehe). Dagegen ist der politische Klassenkampf, wie ihn Marx in der 1. Internationale organisiert und zur selben Zeit dafür die theoretischen Grundlagen gelegt hat – übrigens in einem nicht endenden Kampf gegen Theorien Lassalles und Proudhons, deren Pendants sich heute bei den Führern der NSB wiederfinden – neu zu definieren. Wir scheinen uns also, auch wenn wir uns zeitweise anzunähern scheinen, in verschiedenen Orbits zu bewegen, wobei Du einem toten Stern künstlich Leben einhauchen willst.

Es grüßt herzlich

Ulrich

1) Django Schins: Links ist, was Gegenmacht schafft. Einheit macht uns stark. Vielfalt macht uns stärker. Einheit in der Vielfalt macht uns am stärksten (Thesen zum Projekt einer NEUEN LINKEN in Deutschland) – work in progress – [django.schins@comlink.org]


An Partei Marx (21.06.2006):

Lieber Ulrich

[...]
Zur Vorbereitung auf unsere Diskussion bitte ich Dich, mir folgenden Satz ins Konkrete zu übersetzen:

„Unser Hauptdissens besteht in der von Dir vollzogenen dichotomischen Trennung zwischen A[lte] S[oziale] B[ewegungen] und N[eue] S[oziale] B[ewegungen], worin sich die bereits von Stalin aufgestellte These als Abklatsch wiederfindet: der Leninismus ist der Marxismus in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution usw.“

Ich verstehe überhaupt nicht, was meine Überlegungen zur notwendigen Herstellung einer G[roßen] L[inken] K[oalition] und dann weitergehend einer G[roßen] S[ozialen] K[oalition] (notwendig deshalb, weil nur mit einem solchen Bündnis ein grundlegender Politikwechsel in Deutschland bzw. schließlich EU erreichbar sein wird) mit meiner tatsächlichen oder vermeintlichen dichotomischen Trennung zwischen ASB und NSB zu tun haben. Im übrigen ist dieser Aspekt leider nur notdürftig skizziert, noch gar nicht ausgearbeitet.

Es bedarf selbstverständlich einer organischen, produktiv-widersprüchlich-konstruktiven Verbindung zwischen beiden.

Gewiß brauchen wir eine geistige, theoretische Orientierung, noch mehr brauchen wir aber ganz konkrete politische Konzepte und eben diese strategische Orientierung (es handelt sich nicht um Taktik, da ich diese Kräfte nicht nutzen und dann auf dem Scheiterhaufen der Revolution zu verbrennen beabsichtige).

Wir sollten uns aber nicht über die richtige Weltanschauung streiten, obwohl ich mich ständig über Idealismus etc. ärgere, sondern darüber, was wir wollen!

Wollen wir z.B. eine Welt ohne Waffen, Kriege. Das ist für mich ein vorrangiges Ziel! Und dann wird sich u. a. anhand dieses Kriteriums zeigen bzw. es zeigt sich ja schon längst, welche Menschengruppen daran interessiert, befähigt und bereit sind, dafür mit zu kämpfen. Und es wird sich auch in der Praxis zeigen, ob „der“ Kapitalismus friedensfähig ist oder nicht (was ja Dogmatiker behaupten und was ich für längst widerlegt halte, siehe Schweden 200 Jahre ohne Krieg) oder nur bestimmte Kapitalismen.

Das revolutionäre Subjekt läßt sich ohnehin nicht am Schreibtisch entwerfen, sondern wird sich in den realen Kämpfen herausbilden oder nicht. In Südamerika ist dieses Subjekt vielfältig und es wird immer stärker – auch ohne echten Leninismus.

Es wird Dich entsetzen, aber ich sage mit aller Entschiedenheit: Wenn es zutrifft, daß Steinmeier wirklich die Atommächte an ihre Verpflichtung aus dem Atomwaffensperrvertrag, abzurüsten, nachhaltig erinnert, d.h. diese Bundesregierung eine authentische Politik atomarer Abrüstung betreiben wird, dann finde ich das höchst unterstützenswert. Die L.PDS wird dies gewiß tun.

In der Hoffnung dich mit meinem Reformismus hinreichend geschockt zu haben, verbleibe ich

mit herzlichem Gruß

Django


An Partei Marx (21.07.2006):

Lieber Ulrich

[...]
Was ich übrigens nicht recht verstanden habe, ist, warum Du nicht auf meine Kritik antworten willst. [1] Wenigstens diesseits des Internets.

Abschließend: Ich bestehe darauf, daß Du auf meine Kritik detailliert und konkret antwortest, ansonsten ich keine fruchtbare Zusammenarbeit erkennen kann.

Herzliche Grüße

Django

PS: In der Anlage findest Du…

[...]
REALISMUS MEETS DOGMATISMUS

Wenn ich [unsere bisherige Diskussion] auf den Punkt bringen müßte, würde ich folgendes sagen:

Du bist ein Dogmatiker reinsten Wassers. Dich treibt die fixe Idee eines reinen revolutionären Subjektes [2], das Du in den Schriften von Marx entdeckt hast [3], aber, da es realiter außerhalb dieser, objektiv-real, nicht zu finden ist und nie zu finden sein wird, weil in der Gesellschaft nichts rein ist, hast Du Dich – konsequent – fast völlig aus dieser zurückgezogen. Die reale revolutionäre Arbeiterklasse operiert, so sie denn überhaupt revolutionär operiert, genauso so unrein wie Menschen grundsätzlich und allgemein nun einmal handeln, weil sie höchst defizitäre Wesen sind. Die Solidarnosc ist dafür ein Paradebeispiel: Mit ihrem luziden historischen Weitblick, der ja der reinen Arbeiterklasse in der reinen Lehre qua ihrem historischen Beruf wesentlich ist, hat sie sich schließlich, von Walesa und dem Papst verarscht, statt der Ein-Parteien-Diktatur am Gängelband Moskaus die reaktionäre Herrschaft der eineiigen Kaczyński-Zwillinge eingehandelt.

Da sitzt Du nun in Deinem Elfenbeinturm, Deinen Kopf tief in die Heiligen Schriften versenkt und arbeitest für den (halluzinierten) Augenblick, da die Arbeiterklasse, wieder auf den abstrakten Geschichtsplan tretend, „eines Tages gezwungen sein wird“ [...], revolutionär zu sein und auf Deine Arbeiten zurückzugreifen. Worte eines Schriftgelehrten!

Aachen, den 21.07.2006

1) Django Schins: Determinismus zum ersten. Kapitalismus & Kapitalismus. [Siehe: KRITIK 1 ANHANG 1]

2) „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ Thesen-Papier parteiMarx, Anhang zu Deinem Brief vom 30.11.2001. [Siehe: KRITK 1 ANHANG 3]

3) Dein Brief vom 12.01.2004, Seite 1: „Ich gehe zwar davon aus, daß es damit genauso steht, wie zu Marxens Zeiten…“ siehe bspw. [Karl Marx]: »Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkündet, so spricht es nur das Geheimnis seines eignen Daseins aus, denn es ist die faktische Auflösung dieser Weltordnung.« Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, MEW 1, 391. Unverschämterweise wirfst ausgerechnet Du mir in diesem Brief vor, daß ich die Sache „nicht locker genug“ sehe.


An Django (27.07.2006):

Ich komme ich erst jetzt dazu, auf die Zusendung Deines umfangreichen Materials zu antworten und mich speziell für die Berücksichtigung meines alten Freundes Uwe-Jens Heuer zu bedanken [1] (Ich hoffe, Du hast die REFLEXIONEN zu diesem Autor wenigstens mal angelesen!).

[...]
Ansonsten lassen sich meine von Dir inkriminierten Äußerungen zu Kommunismus etc. nicht von dem Projekt pM trennen, auf das en detail einzugehen, Du Dich allerdings bislang gesträubt hast.

Soweit erst mal,

mit herzlichen Grüßen Ulrich

1) Uwe-Jens Heuer: Worum geht es? Krieg und Imperialismus oder der Sozialismus auf Kuba. Eine Antwort auf Michael Brie, in: junge Welt (05.04.2006).


An Django (12.08.2006):

Lieber Django,

der Anhang Deiner letzten E-Mail läßt sich leider nicht öffnen. Der Anhang zu Cuba war interessant; ich frage mich nur, wieso Du diese dichotomische (Marx: in polarischen Gegensätzen sich bewegende, die Franzosen sagen: manichäische) Denkweise, die in diesem Blatt gepflegt wird, bei der WSAG-Opposition (eigentlich zu recht) kritisierst und auf der anderen Seite kritiklos (trotz Ironie?) zu akzeptieren scheinst. Die Ironie ist ja wohl eher gegen mich gerichtet…

[...]
Es grüßt herzlich

Ulrich


An Partei Marx (13.08.2006):

Guten Tag lieber Ulrich

[...]
Meine vorletzte Mail war die vom Mo 07.08.2006 11:30. Darin befand sich ein Anhang u.a. über Cuba. [1] Es wäre nützlich für mich, wenn Du konkreter erläutern könntest, wo Du darin eine dichotomische Denkweise sich manifestieren siehst. So jedenfalls verstehe ich Deinen Einwand nicht, da die gute Isabel eine Einschätzung gibt, die hinsichtlich der zwei „Formen“ mir durchaus plausibel zu sein scheint (wenngleich ich hinsichtlich der „Änderung durch die Bevölkerung bzw. Katastrophe“ ganz anderer Meinung bin, denn jedenfalls eine – allmähliche – Demokratisierung Kubas würde die „Revolution“ dort nicht gefährden, sondern retten, d.h. den Sozialismus wie er sein sollte überhaupt erst herstellen. Dazu ist Castro aber schlicht zu altersstarrsinnig, bzw. die Nomenklatura desinteressiert), da ein „Ende durch die Bevölkerung“ und eine Invasion hier nicht in Wechselwirkung (Dialektik) stattfinden werden, da die Bevölkerung m. E. eben dazu nicht bereit ist.

„Ich will damit sagen, daß es rein theoretisch zwei Formen vom Ende des Systems in Kuba geben kann. Eine durch die Bevölkerung, die ich nicht für wahrscheinlich halte, und eine durch eine militärische Invasion. Wenn die Bevölkerung selbst eine Änderung wollte, wäre das für Lateinamerika eine Katastrophe. Viele Menschen könnten das nicht verstehen und würden ihre Hoffnung verlieren. Kuba ist heute mehr als ein Beispiel für die Region, es ist die lebende Hoffnung. Wenn Kuba aber angegriffen würde, hätte das keinen negativen Effekt in bezug auf das Bewußtsein in Lateinamerika.“ [2]

Herzliche Grüße

Django

1)Die Menschen in Kuba wollen keinen Wechsel“. Diskussion über Machtverhältnisse in Lateinamerika bei der ATTAC-Sommerakademie. Ein Gespräch mit Isabel Rauber, in: junge Welt 07.08.2006.
2) Ebenda.


An Django (22.08.2006):

Lieber Django,

[...]
Nun zu Kuba:

Ich frage mich, worin sich Isabel Raubers Unterteilung von Regierungen „in links und nicht-links“ von der manichäischen Unterteilung in „gut und böse“ unterscheidet? Ich kann zwischen ihrem politischen und moralischen Manichäismus keinen Unterschied erkennen, obwohl Isabel Rauber behauptet, es bestünde einer („keine Unterteilung in gut und böse, sondern{!?}eine in links und nicht links“).

Das Denken in solchen Schwarz-Weiß-Schemata ist typisch für eine Denkweise von Leuten, die die gesellschaftliche Wirklichkeit Lateinamerikas erstens in Kategorien fassen, die sie aus einer bestimmten Tradition unkritisch (-historisch, -materialistisch) weiter hinter sich herschleifen („antiimperialistische Politik“) und die zweitens die Möglichkeit zur Beseitigung dieser Verhältnisse ausschließlich auf den gesellschaftlichen ‚Überbau’ projizieren („linke Regierungen“). Die Erwartung Isabel Raubers, daß der linke caudillismo in Lateinamerika etwas besseres zustandebringen wird, als der notorisch rechte in der Vergangenheit, ist eine auf „linke Regierungen“, d.h. auf linke caudillos projizierte Wunschvorstellung. Daß solche bonapartistischen Demagogen von den Volksmassen gewählt werden, spricht zwar für den von diesen gehegten Wunsch nach radikalen sozialen Veränderungen, die sich jedoch in für eine bestimmte Wähler-Klientel gestifteten singulären Vorzeigeprojekten erschöpfen.

In ihrer Rolle und Funktion als Wählermassen werden „indigenas“ oder „soziale Bewegungen“, ob sie (oder wir hier) es wollen oder nicht, zu einem Teil des Überbau-Phänomens „linke Regierungen“, dessen linker Bonapartismus letztlich nur durch einen „antiimperialistischen“ Polizeistaat oder Schlimmeres am Leben zu erhalten ist. Davon haben die meisten Kubaner jedenfalls genug, obwohl es wohl kaum jemanden unter ihnen gibt, der/die sich die Wiedereröffnung Kubas als nord-amerikanisches Hurenhaus ernsthaft wünschen kann, während Kuba längst zu einem offiziell geduldeten europäischen Straßenstrich durch den Tourismus geworden ist.

Aber solange die Linke mit der nach Kuba emigrierten Philosophin solchen Überbau-Phänomenen verhaftet bleibt, werden für die absehbare Entwicklung in Kuba nur Schein-Alternativen übrigbleiben, in denen auch Deine Überlegungen befangen zu sein scheinen. Ich bleibe dabei, daß zur Veränderung der wirklichen Verhältnisse es nicht nur einer radikalen Kritik dieser Verhältnisse, sondern vor allem ihrer Kritiker bedarf.

Übrigens lese ich gerade in der FAZ, daß der schlaue Fidel schon im Juli den PCC zu seinem Nachfolger auserkoren und das Sekretariat des PC als Machtzentrale wieder aus der Versenkung hervorgeholt hat. Ein schlauer Schachzug, den er Stalin abgeschaut zu haben scheint; mal sehn, wer sich aus den zu erwartenden Diadochenkämpfen der Parteisekretäre als kubanischer Stalin profilieren wird. Aber bekanntlich wiederholt sich Geschichte nur als Farce.

[...]
Damit hoffe ich die in Deiner E-Mail vom 13.08. aufgeworfene Frage fürs erste beantwortet zu haben.

Herzliche Grüße

Ulrich

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